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Full text of "Galilei und sein Kampf für die copernicanische Lehre"

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GALILEI 

UND SEIN KAMPF 
FÜR DIE COPERNICANISCHE LEHRE 



ZWEITER BAND 




Nach einetn Ölgemälde von G.Wr.blwill. 



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GALILEI 



UND SEIN KAMPF 
FÜR DIE C0PERNICANI8CHE LEHRE 



VON 



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EiAlIL WOHLWILL 



ZWEITER BAND 

NACH DER VERURTEILUNG DER COPERNFCANISCHEX LEHRE 
DURCH DAS DEKRET VON 1616 



AUS DEM NACHLASS HERAUSQK GEBEN 



MIT EINEM PORTRÄT UND EINER TAFEL 





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LEIPZIG /VERLAG VON LEOPOLD VOSS 



Copyright by Leopold Vobe, Leipzig, 1926. 



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Druck TOD Metzger & Willig in I^ipzig. 



GennanT 






Vorwort. 

Erst heute, 16 Jahre nach dorn Erscheinen des ersten, kann der 
zweite Band von Emil Wohlwills Galilei dem Druck übergeben 
werden, und dies keineswegs in der Form, die ihm der Verfasser selbst 
gegeben haben würde. Als im Jahre 1909 der erste Band des Werkes, 
zu dem die Vorarbeiten mehr als 40 Jahre zuvor begonnen waren, 
fertig vorlag, hat er, der damals 74 jälirige, selbst bezweifeln müssen, 
daß er das Erscheinen des zweiten Bandes erleben werde. GcNviß 
stand ihm das Tatsachenmaterial schon damals in einer Vollständig- 
keit zur Verfügung, die für manchen anderen zu einer Darstellung 
der ganzen Wissenschaftsgeschichte jenes Zeitalters genügt haben 
würde; davon zeugen zahllose Hefte, gefüllt mit Untersuchungen 
und Notizen über alles, was auch nur mittelbar in Beziehung zur 
Persönlichkeit, zu dem Lebensschicksal und zu dem Werk und der 
Wissenschaft Galileis steht. Gewiß stand der Gang der Darstellung, 
wie sie der zweite Band bringen sollte, bis in die Einzelheiten vor dem 
geistigen Auge des Verfassers. Aber seine Arbeitsweise mußte einen 
schnellen Fortgang der Vorbereitungen iür den zweiten Band ver- 
hindern: niemals konnte er sich auch bei scheinbar nebensächlichen 
und kleinen Dingen mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten 
zufrieden geben, wo eine entfernte Hoffnung bestand, durch weiteres 
Forschen zur Sicherheit zu kommen oder sich ihr wenigstens mehr 
zu nähern; immer wieder legte er selbst die kritische Sonde an die 
eigenen Behauptungen und war immer aufs neue bemüht, etwa, 
mögliche Einwendungen aus dem Wege zu räumen, ehe etwas als 
feststehend hingestellt wurde. 



VI 



Diese Arbeitsweise entsprang nur zum Teil einer fast auf die 
Spitze getriebenen historischen Gewissenhaftigkeit, zum anderen war 
sie der Ausfluß einer Versenkung in den Stoff, die ihre Quelle hatte 
in allerporsönlichstor Anteilnahme an dem zu bearbeitenden Gegen- 
st<ind. Denn nicht von ungefähr ist Emil Wohlwill dazu gekommen, 
eine Galiloi-Biographio zu seinem Lebenswerk zu machen. Der 
Kampf der Avissenschafthchen Überzeugung gegen Intoleranz und 
Geistesknechtung, der unwiderstehliche Drang, die gewonnenen Er- 
kenntnisse durch Lehre in Wort und Schrift zum Gemeingut der 
Älitlebcnden zu machen, das waren Dinge, die dem Verfasser alier- 
eigenste Herzenssache waren. „Ich habe mich für ihn begeistert", 
heißt es in einer für die Vorrede bestimmten, aber nicht zur Ver- 
wendung gekommenen Notiz, die wii' in einem jener Hefte vorfanden, 
„weil ich, seit ich ihn aus den Quellen kennen lernte, ihn immer an- 
sehen mußte als einen von denen, die ihr volles Herz dem Pöbel 
offenbarten, und kam dazu, über ihn schieiben zu wollen, weil ich 
fand, daß Leute, die nie ein volles Herz gehabt, nie mit den Herrschen- 
den in Widerspruch sich zu setzen vermocht hatten, wagten, von 
ihm gering zu denken." 

Und noch ein Anderes war es, was für ihn die Wahl gerade dieses 
Themas anziehend machte. Er konnte sich bei seinen Studien davon 
überzeugen, daß bis zum heutigen Tage Galileis Persönlichkeit und 
Leben kaum je ohne Parteinahme, ja kaum ohne Affekt dargestellt 
worden ist. Insbesondere hat die Tatsache, daß bei genauerer 
Kenntnis Galilei sich nicht durchweg und überall als der Held der 
Wahrheit und Geistesfreiheit erweist, als der er vielleicht dem weniger 
I^nterrichteten in ideahsiertem Bilde vorschwebt, die meisten Autoren 
zu abfälligen Werturteilen veranlaßt. Nichts konnte Emil Wohlwill 
ferner liegen als eine derartige Betrachtungsweise. Wohl hat er im 
mündlichen Gespräch gelegentlich einmal etwas wehmütig und nicht 
ganz ohne Neid das durch keinen Schatten befleckte Bild Keplers 
dem nicht entfernt so abgeklärten Charaktei seines Helden gegenüber- 
gestellt. Aber gerade hier schien ihm eine besonders reizvolle Aufgabe 



— vu — 

des Historikers zu liegen, auch solchen Schwächen des großen 
Mannes nachzugehen und sie aus seiner Lebensgeschichte und seiner 
Umgebung zu verstehen und so vor Augen zu führen, wie der Kon- 
flikt zwischen Gläubigkeit und wissenschaftlicher Überzeugung in 
Galileis Handlungsweise sich auswirkte. 

„Dieser Konflikt", heißt es in einer weiteren, ebenfalls nicht in 
die spätere Ausarbeitung aufgenommenen Notiz, „entsteht, indem der 
kirchlich Gesinnte oder als solcher GeltenwoUende, der also in Dingen 
der Keligion sich schlechthin unterwirft, der Wahrheit nachgehen 
will auf Gebieten, die er selbst der Kirche entzogen, die Kirche sich 
angehörig glaubt. Wer nur der Kirche unterworfen ist. erlebt diesen 
Konfhkt ebensowenig, wie derjenige, der ihn auch in anderer Be- 
ziehung feindUch oder fremd gegenübersteht. Der Erstere kennt 
keinen selbständigen Wahrheitstrieb, \vie er den echten Naturforscher 
mit oder wider Willen fortreißt, der Letztere schickt sein Buch nach 
Amsterdam und druckt ohne Zensur. Der Erstere hält, wie Grisar, 
für möglich, daß man auf bedenklichem Gebiet sich Befriedigung ver- 
sagt, oder, wie Marini, daß man Tycho Brahe akzeptiert, wenn man 
Copernicus glaubt; dem Letzteren kann die Differenz über die wissen- 
schaftliche Lehre zum Ausgangspunkt des völligen Abfalls werden." 

Ähnlich war bei der Darstellung der wissenschaftlichen Forscher- 
tätigkeit Galileis das, was den Verfasser reizte, die Analyse der Ent- 
wicklung seines Denkens mit allen ihren, zum Teil bis ans Ende 
festgehaltenen, Irrtümern, viel mehr als der Nachweis, was von dem 
heutigen Besitz der Wissenschaft sich auf Galilei zurückverfolgen 
läßt. Durchdrungen von der hohen Bedeutung, die der Lehre vom 
Werden der Erkenntnisse für das menschUche Erkennen selbst zu- 
kommt, hoffte er, in seinem Galilei Wesen und Wert einer solchen 
Geschichtsbetrachtung im lebendigen Beispiel in der Form vor Augen 
führen zu können, wie sie ilim als notwendig vorschwebte und wie er 
sie in einschlägigen Darstellungen so oft vermißte. 

Ln November 1911 schrieb er an den Unterzeichner dieses Vor- 
worts: „Abgesehen davon, daß ich über die Zukunft der Meinigen 



— VIII — 

beruhigt sein möchte, habe ich nichts, was ich dringender wünschte, 
als soviel Arbeit nicht umsonst getan zu haben; und das würde doch 
der Fall sein, wenn ich nicht mehr dazu käme, dies Lebensbild aus 
dem 17. Jahrhundert, so wie es mir vor Augen steht, lebendig hin- 
zustellen. So anmaßend es klingt, glaube ich doch auf Grund meiner 

langjährigen Erfahrungen , daß immerhin noch einmal 

50 Jahre vergehen können, bis weder einmal einer sich so weit in 
diese merkwürdigen Dinge vertieft." 

Wenige Wochen darauf, am 2. Februar 1912, starb Emil Wohl- 
will. Die Arbeit war — wenigstens zum Teil — umsonst getan, 
der zweite Band war nicht fertig geworden. Was wir Hinterbliebenen 
in seinem handschriftlichen Nachlaß fanden, war folgendes: 

Zunächst: Ausarbeitungen zu den sechs ersten Kapiteln des 
zweiten Bandes, aUe mit dem Vermerk „nicht fertig" versehen, aUe 
in einer Zeit vor der endgültigen Abfassung des ersten Bandes nieder- 
geschrieben. Eine genauere Angabe über die Entstehungszeit vermag 
ich nicht zu machen; einen Anhalt gibt nur die Tatsache, daß an 
den meisten Stellen — mit Ausnahme von Kap. V — die Edizione 
Nazionale noch nicht benutzt worden ist. 

Ferner: vollständig ausgearbeitet und mit der Notiz versehen: 
„kann so gedruckt werden" das Schlußkapitel: „Nach Galileis Tod". 
Es ist in der Zeit zwischen 1909 und 1912 entstanden. 

Alsdann: der Abschnitt „Sagenhafte Ergänzungen der Jugend- 
geschichte", der als Anhang für den ersten Band gedacht, aber von 
ihm aus Raumgründen zurückgestellt worden w'ar^, ebenfalls in einer 
Form vorliegend, die gestattet, ihn als abgeschlossen zu betrachten. 

Außerdem fanden wir noch Aufzeichnungen zu den Prozeß- 
akten, die Emil Wohlwill nach seinem Besuch in Rom und dem 
persönlichen Studium des Vatikanmanuskripts im Jahre 1891 nieder- 
geschrieben und mit dem Vermerk versehen hat: „Muß auf irgend- 
eine Weise veröffentlicht werden." 



1 Siehe Bd. I S. 642. 



— IX — 

Endlich: cino ausführliche Abhandlung aus dem Jahre 1911 
über den Betrug des Simon Marius aus Gunzenhausen, deren Inhalt 
der Verfasser schon kurz im Hamburger Naturwissenschaftlichen 
Verein vorgetragen hatte. 

Es war von vornherein klar, daß aus dem Vorhandenen sich ein 
abgerundeter, in seiner Gestaltung dem ersten an die Seite zu stellen- 
der zweiter Band nicht würde herstellen lassen. Andererseits schien 
es uns doch geboten — und in dieser Ansicht wurden wir durch die 
von uns befragten Sachverständigen bestärkt — , die voi liegenden 
Fragmente der Öffentlichkeit zugängUch zu machen, auch insoweit 
sie vom Verfasser als ,, nicht fertig" bezeichnet worden sind. Wir 
mußten dabei allerdings in den Kauf nehmen, daß auf diese Weise 
vielleicht manche Ansichten des Verfassers veröffentlich weiden, die 
er spätei aufgegeben oder modifiziert hat. Daß ein anderer — noch 
so sachverständiger — Forscher hier aushelfend hätte eingreifen 
können, war bei einem derartigen, auf persönlichen, durch ein ganzes 
Leben fortgesetzten Untersuchungen aufgebauten Werk ausgeschlossen. 
Dagegen wäre es wohl unser dringender Wunsch gewesen, etwa durch 
später bekannt gewordene Tatsachen als überholt oder umichtig 
erkannte Angaben ausgemerzt zu sehen. Als Quelle einer solchen 
Korrektur hätte im wesentlichen wohl nur die Edizione Nazionale 
mit ihrem reichen Inhalt in Betracht kommen können für diejenigen 
Abschnitte, in denen sie vom Verfasser noch nicht benutzt worden ist. 

So verhältnismäßig unkompliziert diese Aufgabe erscheinen mag, 
so erwies es sich zu unserem Leidwesen doch, daß sie zu groß ist, um 
von einem selbst wissenschaftHch tätigen Forscher neben seiner 
eigenen Arbeit erledigt zu werden. Herr Prof. Klug- Nürnberg, 
an den wir uns zuerst wandten, mußte sich nach einem Jahr davon 
überzeugen, daß er nicht die Zeit finden werde, diese Aufgabe zu 
erledigen. Herr Prof. Würschmidt-Erlangen, der sich ihr sodann 
auf unsere Bitte widmete, hat sich der äußerst dankenswerten Arbeit 
unterzogen, für das Inhaltsverzeichnis den Inhalt der einzelnen 
Kapitel kurz zu exzerpieren und überdies eine Reihe von Punkten 



— X — 

zu notieren, bei denen Zweifel zu beheben, Übersetzungen nachzusehen 
oder zu berichtigen, Literaturbelege zu ergänzen, kleinere Lücken 
auszufüllen waren und dergl. mehr. Der weiteren Ausführung wurde 
er zu unserem großen Bedauern durch den Kriegsdienst entzogen. 
Herr Prof. Bopp- Heidelberg, der darauf die Bearbeitung der Manu- 
skripte übernahm, hat die wichtige Arbeit auf sich genommen, die 
Litcraturzitate, da wo das nicht der Fall war, auf die Edizione 
Nazionale zu beziehen und zahheichc neue hinzuzufügen. Im übrigen 
gab er sein Gutachten dahin ab, daß die vorliegenden Manuskripte, 
so wie sie seien, publikationsreif seien. 

Es blieb jedoch noch übrig, die von Prof. Würschmidt an- 
gemerkten Fragen zu klären. Soweit wir hierzu nicht selbst imstande 
waren, hat dies auf Veranlassung von Herrn Prof. A. Warburg- 
Hamburg in dessen kulturwissenschaftlicher Bibliothek Herr cand. 
phil. Hans Meier übernommen und in kurzer Zeit zu Ende geführt. 
Er hat überdies durch Hinzufügung zahlreicher neuer Literaturzitate 
den wissenschaftlichen Wert des Buches erhöht. Allen den genannten 
Herren sei für ihre Mühewaltung an dieser Stelle unser allerherz- 
lichster Dank ausgesprochen, ebenso denjenigen, die uns bei den 
Vorbereitungen mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben, unter 
denen ich besonders Herrn Prof. Münzel-Hamburg f, Geh. Rat 
S. Günther-München ■}•, Geh, Rat Sudhoff-Leipzig, Prof. Poske- 
Berhn-Dahlem, Prof. Scholz-Berlin und Prof. A. Warburg-Ham- 
burg nennen möchte. 

Nachdem so 13 Jahre in der geschilderten Weise mit der redak- 
tionellen Bearbeitung der Handschriften vergangen waren, an der 
übrigens auch die Frau des Verfassers, die das Erscheinen dieses 
Bandes nicht mehr erleben sollte, in sehr wesentlicher Weise beteiligt 
gewesen ist, mußten wir uns davon überzeugen, daß unsere oben 
gekennzeichneten weitergehenden Wünsche in sachlicher Beziehung 
wohl kaum zu verwirklichen sein würden, zum mindesten nicht ohne 
nochmaliges Hinausschieben der Veröffentlichung auf unabsehbare 
Zeit. Da andererseits, wie erwähnt, nach Herrn Prof. Bopps Gut- 



— XI — 

achten auch in der vorliegenden Form eine Publikation gerechtfertigt 
erschien, so haben wir uns entschlossen, nunmehr mit dem Erreichten 
vorlieb zu nehmen und denjenigen, die, wie wir aus zahlreichen An- 
fragen wissen, auf das Erscheinen des zweiten Bandes warteten, ihn 
nicht länger vorzuenthalten. 

Eine gewisse Ausfüllung der gebliebenen Lücken, allerdings mehr, 
soweit sie sich auf die Lebensgeschichte als auf die wissenschaftliche 
Entwicklung Galileis beziehen, konnten wir noch dadurch erreichen, 
daß \m unter den nachgelassenen Handschriften Emil Wohlwills 
die Ausarbeitungen zu 4 Vorträgen über Galilei fanden, die er im 
Jahre 1870 in Hamburg gehalten hat. Diesen Vorträgen sind die 
Abschnitte Kapitel 4a: „Allgemeine Charakteristik der Dialoge", 
sowie Kapitel 7 und 8, die den Prozeß Galileis und seine Gefangen- 
schaft in Aix-etri behandeln, entnommen. Obwohl nach Stil und Art 
der Ausführung solche Vorträge natürlich ganz anders gehalten sind 
als die für die ausführliche Biographie bestimmten Niederschriften, 
so haben wir doch diesen Schönheitsfehler der Uneinheitlichkeit mit 
in den Kauf nehmen zu sollen geglaubt, um den dramatischen Höhe- 
punkt in Galileis Leben nicht in dieser Lebensbeschreibung ganz 
fehlen oder nur durch die historisch-kritische Studie über die 
Prozeßakten vertreten sein zu lassen, die ohne einen solchen 
zusammenhängenden Bericht für den mit dem ganzen Fragen- 
komplex nicht vertrauten Leser nicht in vollem Umfang verständ- 
lich sein kann. 

Diese Studien über die Prozeßakten waren übrigens, ebenso wie 
die Abhandlung über Simon Marius, in dieser Form natürhch nicht 
für den zweiten Band des Galilei bestinmit; sie sind dementsprechend 
ebenfalls nicht im Stil der Biographie, sondern in dem einer geschicht- 
lichen Untersuchung abgefaßt. Wir haben es aber trotzdem vor- 
gezogen, diese in engstem Zusammenhang mit Galileis Lebens- 
geschichte stehenden Schriftstücke dem zweiten Teil der Biographie 
als Anhang anzufügen, anstatt durch Abdruck an anderer Stelle das 
Vorhandene zu zersplittern. 



— XII — 

Möge, trotz der so gekennzeichneten Unebenheiten und Lücken, 
das, was w hier aus dem Nachlaß Emil Wohlwills zur Galilei- 
biographie zu bieten vermögen, der Geschichte der Naturwissen- 
schaften im Sinne des Verfassers neue Freunde gewinnen, möge es 
für den denkwürdigen Kampf um das copernicanische System und 
den heute noch durchaus aktuellen Konflikt zwischen Wissenschaft 
und Obrigkeit neues Interesse wecken, möge es dem selbst auf diesem 
Gebiet wissenschaftlich arbeitenden Forscher Anregung und Material 
gewähren, und sollte es selbst zum Widerspruch sein, dann wird die 
Arbeit Emil Wohlwills für diesen zweiten Band doch nicht ver- 
gebens gewesen sein. 

Die Drucklegung dieses Bandes wurde uns ermöglicht durch 
einen sehr namhaften von der Notgemeinschaft der Deutschen 
Wissenschaft geleisteten Zuschuß zu den Kosten, nachdem eine 
schon im Jahre 1921 auf Fürsprache von Herrn Geh. Rat Sudhoff 
gewährte Beihilfe von 1000 Mark durch die Gesellschaft Deutscher 
Naturforscher und Ärzte leider infolge der-immer aufs neue auf- 
tauchenden Schwierigkeiten in der Bearbeitung der Handschriften 
ein Opfer der Inflation geworden war. Beiden Korporationen sei 
hiermit unser aUerherzMchster Dank ausgesprochen. 

Hamburg, im Oktober 1925. 

Prof. Dr. med. Friedr. Wohlwill. 



Inlialtstibersicht. 



Seite 

Vorwort v 

Erstes Kapitel. Unter der Herrschaft des Dekrets von 
1616 1 

Wirkung äußerer Verhältnisse auf den Gang der wissenschaft- 
lichen Erkenntnis. — Im speziellen: Wirkung des Dekrets von 1616. 
— In katholischen Ländern Unterdrückung der neuen Lehre, in 
protestantischen gleichgültiges Geschehenlassen infolge der poli- 
tischen Lage. — Maestlins Kritik als Beispiel der Aufnahme 
des Dekrets in einem protestantischen Lande. — Wirkung in 
Österreich. — Suspension von Keplers 1618 erschienenem ersten 
Teil der copernicanischen Astronomie. — Besorgnisse Keplers und 
beruhigende Antwort. — Vorsichtsmaßregeln Keplers bei Ver- 
öffentlichxmg der „Harmonie der Welt" (1619). — Wirkung des 
Dekrets in rein kathoUschen Ländern, besonders in Italien. — 
Verhaftung des L. Scorrigio. — Willenloser Gehorsam gegen das 
Dekret bei Aristotelikern und Copernicanern. — AusschHeßung des 
Luca Valerie aus der Akademie der Lyncei unter Galileis schweigen- 
der Zustimmung. 

Zweites Kapitel. Der Streit mit Horatio Grassi 9 

Die 3 Kometen des Herbstes 1618. — Ansicht des Aristoteles 
über die Natur der Kometen, im Gegensatz zur Lehre der Pytha- 
goräer. — Beobachtungen Tycho Brahes am Kometen von 1577; 
seine Lehre: die Kometen keine feurigen Lufterscheinungen, sondern 
Himmelserscheinungen. — Keplers Beobachtung der geradlinigen 
Bahn am Kometen von 1607. — Beobachtungen des Kometen von 
1618. — Kometentheorien der Paduaner Gelehrten, der Peri- 



— XIV — 

patetiker Bovio und Liceti, des Mathematikers Gloriosi, des Nach- 
folgers von Galilei. — Vermittelnde Stellungnahme der Gelehrten 
des Collegium romanum; Umgehung der Schwierigkeiten durch 
Grassi. — Aufforderungen an Galilei, sich zu äußern. — Vortrag 
seines Schülers Guiducci, der seine Ansichten wiedergibt: Dis- 
kussion über Bahn und Natur der Kometen; Einfluß der Sonne 
und Erklärung der Schweif bildung. Widerlegung Grassis; im Gegen- 
satz zu dessen Sophistereien hier kritische Untersuchung. — 
Keplers Auffassung. — Unzuverlässigkeit aller Ergebnisse bis 1618.- 

— Erst durch Ne\\i:ons und Halleys Entdeckung vollständige Ab- 
lehnung der Galüei sehen Kometenlehren. — Urteil des Baliani; 
berechtigte Einwände. — Aufnahme von Galileis Kometenlehre, 
wie sie in Guiduccis bald gedruckter Rede dargestellt ist. — Gegen- 
schrift des Sarsi. — Oberflächlichkeit seiner Angriffe; rein pole- 
mischer Zweck der Schrift. — Angriffe auf Galileis bzw. Guiduccis 
Anschauungen vom Femrohr; ein Kampf der Scheinwissenschaft der 
Schule gegen GaUlei und seine Wissenschaft. Provokatorische 
Absicht der Schrift. — Feindschaft des ganzen Collegium romanum. 

— Hinweis auf das Dekret der Indexkongregation und die Ab- 
lehnung des Copemicus, die daraus folgen müsse. — Eindruck der 
Schrift auf Galilei und seine römischen und florentinischen Ge- 
sinnungsgenossen. Ungenügende Erwiderung Guiduccis unter 
Hinweis auf eine von Galilei selbst zu erwartende. — Wenig ein- 
drucksvolles Eintreten Stellutis für Guiducci. — Verzögerung der 
Antwort Galileis durch äußere Umstände. Erscheinen derselben 
im Jahre 1622 in der Form eines Briefes an V. Cesarini unter dem 
Titel „II Saggiatore". Absicht, das Manuskript in Rom drucken zu 
lassen. — Bemühungen Cesarinis, unterstützt durch N. Riccardi, 
den Zensor der Indexkongregation, den Druck zu beschleunigen. — 
Erteilung der Druckgenehmigung. — Persönliche Beziehungen 
zwischen Galilei und Riccardi. — Inhalt des „Saggiatore". Ein- 
leitung: Veranlassung, gegen seine ursprüngliche Absicht wieder zu 
schreiben, sei der Angriff Sarsis; Auftreten als Guiduccis Ver- 
teidiger. — Er erkennt, daß Sarsi nur der fingierte, nicht der wahre 
Autor ist, wendet sich aber doch nur an ersteren. — Wesentlich 
polemische Absicht der Schrift, Widerlegung der Disputierkünste 
Grassis, und zwar nach rein logischer Methode, indem er Satz für 
Satz des Gegners zergliedert. — Scharfe Zurückweisungen des 
Gegners. — Trotz aller Eintönigkeit der Polemik lebendige Dar- 
stellung des eigentlichen Themas. — Bedeutung des Buches für 
die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft und für die Zeit- 
genossen. — Aufgabe der Naturerforschung; Beispiel: das Märchen 
von der Entstehung des Schalles. — Anwendung dieser Betrach- 
tungen auf die Frage nach der Kometennatur. — Verwendung 
anderer physikalischer, besonders optischer Tatsachen zur Ver- 
deutlichung seiner Kometentheorie. — Erörterungen über das Wesen 



— XV — 

Seite 
der Wärme. — Sätze der neuen Mechanik im Gegensatz zu den 
verworrenen Meinungen der alten Philosophie. — Anbequemung 
an die kirchliche Auffassung des Dekrets von 1616. — Doppel- 
stellung Galileis: die copernicanische Lehre ist (kirchlich) falsch, 
erklärt aber gut, wie so viele andere Erscheinungen, so die an den 
Kometen beobachteten. — Ablehnung der Lehre Tychos. 



Drittes Kapitel. Vor den Dialogen, Gegen Ingoli 58 

Kardinal Barberini — Papst Urban VIII. — Seine früheren 
Beziehungen zu den LjTicei. — Wahl dreier Lyncei in die nächste 
Umgebung des Papstes. — Widmung des Saggiatore. — Frühere 
Beziehungen Galileis zu dem Kardinal Barberini. — Unverändertes 
Wohlwollen des Kardinals. — Hoffnungen Galileis bei der Papst- 
wahl Barberinis. — Interesse des Papstes für Galilei und den 
Saggiatore. — Eindruck des Saggiatore auf Kepler. — Keplers 
Verteidigung der Lehre Tycho Brahes, auch gegen Galilei. — Urteil 
Keplers über den Gehorsam Sarsis (und damit Galileis, den er aber 
nicht nennt) gegen das Dekret. — Geringschätziges UrteU Galileis 
über Keplers Bedenken, sowie über eine Gegenschrift Chiaramontis 
gegen den Saggiatore. — Beabsichtigte ausführliche Er-R-iderung 
an Kepler. — Eindruck des Saggiatore im Collegium romanum; 
anfängliche freimdliche Aufnahme; dann aber feindselige Stellung- 
nahme des Ordens. — Maske freundlichen Entgegenkommens 
Grassis gegen Guiducci; Unterredungen beider über das coperni- 
canische System. — Äußerungen Caccinis. 

Galilei in Rom im April 1624. — Tod Cesarinis, — Erster 
Empfang beim Papste; aber keine Gelegenheit zur Erörterung 
der wissenschaftlichen Frage. — Trotz sechsmaliger Unterredung 
mit dem Papste keine Aussicht auf Aufhebung des Dekrets. — 
Rückkehr nach Florenz mit besonderen Beweisen des persönlichen 
Wohlwollens des Papstes. — Päpstliches Breve an den Großherzog 
Ferdinand mit warmer Anerkennung Galileis. 

Absicht Galileis, seine längst angefangenen Werke zu voll- 
enden, zunächst seine Betrachtungen über Ebbe und Flut; zuvor 
jedoch Widerlegung des Ingoli, der ihn unter dem Schutze des 
Dekrets schon 1616 angegriffen hatte, dessen Schrift unterdessen 
auch in Rom als bedeutend erachtet wurde. Klare und geduldige 
Widerlegung der sinnlosen Einwände Ingolis und der aristotelischen 
Lehren über die Bewegung. Seine Ansichten über das Leichte und 
Schwere. Kritik der Ansichten Tycho Brahes über die jährliche 
Bewegung der Erde. — Ausführungen über die UnermeßUchkeit 
der Welt. — Einleitende Erörterung zu der Schrift, in der Galilei 
sich in allem der Autorität der Kirche unterwirft. — Widerspruch 
derselben zu dem sonstigen rein copernicanischen Inhalt der 
Schrift. 



— XVJ — 

Seite 

Viertes Kapitel. Die Dialoge 85 

A. Allgemeine Charakteristik der Dialoge 85 

Ursprünglicher Name der Dialoge: „Dialoge über Ebbe und 
Flut." Vorteil der Dialogform. Die 3 Dialogf ükrer : Salviati, der 
überzeugte aber abgeklärte Copernicaner, Sagredo, der heiter- 
geniale, der lernbegierige und schon für den Copernicus gewonnene 
Hörer und Simplicius, der in den Lehren der Schulweisheit be- 
fangene, aber doch gut begabte und edelgesinnte Aristoteliker. — 
Im wesentlichen historischer Wert der Dialoge. 

B. Tägliche Bewegung 87 

Vergleich der Dialoge mit Keplers „Abriß der copernicanischen 
Astronomie." — Im Gegensatz zu Kepler bei GaUlei noch die kreis- 
förmigen Planetenbahnen. — Für den Zweck Galileis jedoch nicht 
wesentlich. — Hauptverdienst der Dialoge: Veranschaulichung 
der neuen Lehre. — Vernichtung der aristotelischen Physik. — 
Galileis Beweise für die Erdbewegung gelten auch heute noch. — 
Widerlegung des Aristoteles durch logische Zergliederung. — Not- 
wendigkeit dieser Methode. 

Inhalt des ersten ,, Tages": Unvergleichbarkeit irdischer und 
himmlischer Dinge bei Aristoteles, d. h. Gegensatz der geradlinigen 
und kreisförmigen Bewegung. — Nachweis von Veränderungen auch 
an Himmelskörpern, nämlich am Mond. — Relativität der Be- 
wegung. — Einwände gegen die Erdbewegung: Nachweis der Un- 
richtigkeit der Einwände aus dem freien Fall oder schiefen Wurf, 
die auch Kepler noch nicht widerlegen konnte: Begründung einer 
neuen Bewegungslehre durch Galüei: Unzerstörbarkeit der über- 
tragenen Bewegung. — Beweis durch Beispiele. — Wurfbahn. — 
Widerlegung des Einwands aus dem Flug der Vögel. — Vergleich 
mit der Bewegung auf einem fahrenden Schiff. — Östliches Voraus- 
eilen nördlich bewegter und freifallender Körper, theoretisch er- 
schlossen. — Einwand der großen Zentrifugalkraft und ihrer 
Wirkungen. — Widerlegung dieses Einwand es. Fehler Galileis 
hierbei. — Widerlegung der logischen Deduktionen zugunsten der 
ruhenden Erde. 

C. Jährliche Bewegung 106 

Gegenstand des dritten Dialogs: Die Beweise für die jähr- 
liche Bewegung der Erde um die Sonne und die Widerlegung der 
Gegengründe, nicht die Ausführung des (z. Tl. noch inkonsequenten) 
copernicanischen Systemes. — Nachweis der Bewegimg der fünf 
Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne 
und nicht um die Erde. — Stellung des Mondes und der Jupiter- 
monde. — Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Erdbewegung. — Die 



— XVII — 

Seite 
Erdbewegung erklärt alle scheinbaren Ungleichheiten der Planeten- 
bewegungen. — Klare Darstellung dieses Kerns der copernicanischen 
Lehre. — Neigung der Sonnenachse gegen die Ekliptik, erschlossen 
aus der krummlinigen Bahn der Sonnenflecken; gleichzeitig ein 
Beweis für die Erdbewegung. — Widerlegung eines Einwandes von 
Scheiner, nach dem man eine vierfache Bewegung der Sonne an- 
nehmen müßte. — Ungeheuer große Entfernung der Fixsterne im 
Vergleich zum Durchmesser der Erdbahn als Konsequenz des 
copernicanischen Systemes. — Übertriebene Zahlen Tycho Brahes 
für die Größe der Fixsterne. — Relativität der Größenbegriffe nach 
Galilei. — Die alte Arxsicht zum Zweck der Planeten und Fixsterne, 
Bescheidenheit der neuen Weltanschauung. — Mögüchkeit des 
Nachweises einer Parallaxe der Fixsterne; Schwierigkeit der Messung. 
Darstellung der copernicanischen Lehre von den Jahreszeiten. 

— Erhaltung der Richtung der Erdachse. — Hinweis auf Gilberts 
Ansicht von der magnetischen Natur der Erde. 

D. Ebbe und Flut 119 

Ebbe und Flut als Beweis für die Erdbewegung. — Deutung 
Gilberts und Keplers und de Dominis. — • Galileis Ablehnung der 
Annahme einer Wirkung des Mondes. — Nach Galilei ist die Ur- 
sache der monatlichen Flutperiode eine Ungleichförmigkeit der 
Erdbewegung, hervorgerufen durch eine Veränderung der Jähr- 
lichen Bewegung durch die tägliche. — Vergleich der Dauer der 
Planetenumläufe mit der Schwingungsdauer von Pendeln. — An- 
wendung auf den Mond. — Zweite Ursache einer Geschwindigkeits- 
änderung ist die parallel zu sich selbst bleibende Erdachse. — 
Widersprüche der Galilei sehen Theorie mit der Beobachtung. — 
Würdigung der Leistung Galileis; Armut an Erfahrungstatsachen. 

— Ein Verhalten wie das Galileis häufig in der Entwicklungs- 
geschichte der Naturwissenschaft. — Erörterung Galileis über die 
Passatwinde. — Erklärung der Passatwinde durch die Peripatetiker. 

— Die Tatsache der Kalmen im Widerspruch mit beiden Lehren, 
von Galilei ignoriert. — Kürzere Dauer einer westwärts gerichteten 
Seefahrt. — Zusammenfassung der Beweise für die Erdbewegung. 

Fünftes Kapitel. Zum vierten Mal in Rom 133 

Zweck der Reise. Ankunft in Rom und angenehmer Aufent- 
halt im Palast des Gesandten Niccolini. — Verdächtigungen Gaüleis 
wegen angeblicher Beziehungen zu Astrologen. — Michelangelo und 
Kardinal Barberini als Galileis Freunde. — Notwendigkeit der 
günstigen Stimmung des Papstes für die Handhabung der Zensur. 

— Befriedigung Galüeis über die erste Audienz. — Wünsche des 
Papstes bezüglich der Vorrede und der Schlußbemerkungen, vor 
allem die Führung des Nachweises, daß man in Rom alle Gründe für 

Wohl will, Galilei. II. ij 



— XVIII — 

Seite 
die copemicanische Lehre kenne, und Hinweis auf die hypothetische 
Natur der copemicanischen Lehre. — Aufgabe des Zensors. — Die 
Revision von Riccardi seinem Ordensgenossen Visconti übertragen. 
— Bedingtes Imprimatur (bis auf Titel, Vorrede und Schluß). — 
Rückkehr GaUleis nach Florenz. — Tod des Fürsten Cesi; Größe dieses 
Verlustes für Galilei. — Castellis Vorschlag, das Werk in Florenz 
drucken zu lassen. — Neue Bedenken in Rom. Gründe für diese. 
Gereizte Stimmung der Jesuiten, besonders Scheiners. — Im- 
primatur der Florentiner Zensoren. — Widerstreben Galileis gegen 
eine nochmahge Vorlage vor Riccardi. Stefani Revisor in Florenz. 
Milde Korrektur. — Riccardis Zögern, Vorrede und Schlußwort zu 
revidieren und zurückzusenden. — Intervention des Großherzogs 
durch den Gesandten Niccolini. — Trotzdem noch Schwierigkeiten 
Riccardis. — Vorschlag Galileis einer Zusammenkunft in Florenz 
zur Prüfung des Werkes. — Neue Bemühungen Niccolinis; Nachgeben 
Riccardis. — Erteilung des Imprimatur. — Riccardi übersendet 
nach abermaligem Zögern endlich auch die Einleitung. — Was das 
„Imprimatur" für Galilei bedeutete. 



Sechstes Kapitel. Aufnahme der Dialoge 158 

Begeisterte Aufnahme der Dialoge bei den Gelehrten. — 
Urteü des Castelii und des Campanella über das Werk im ganzen. 

— Aufnahme der Galilei sehen Flutlehre durch Gassendi. — Be- 
denken Balianis wegen der beobachteten täglichen Flutverzögerung. 

— Die alten Einwände der Gegner. — SteUimgnahme des Collegium 
romanum. Überreichung von Exemplaren des Werkes an die 
römischen Theologen. — Verdächtigungen. 



Siebentes Kapitel. Der Prozeß vom Jahre 1633 165 

Verbot des Verkaufs weiterer Exemplare der Dialoge. Im 
Wesentlichen ergebnisloser Einspruch der Florentiner Regierung. — 
Eröffnung des Inquisitionsverfahrens. Galilei wendet sich um Hilfe 
an den Kardinal Barberini, erreicht aber nur einen kurzen Auf- 
schub. Er wird ermahnt, sich zu unterwerfen. ■ — Die Intriguen, die 
dem Verfahren gegen Gahlei zugrunde liegen: Die gelo'änkten Ur- 
bilder des Simplicius machen den Papst glauben, daß er selbst in der 
Person des Simplicius verhöhnt sei. Der Papst macht daraufhin 
aus der Verfolgung Galileis seine eigene Sache. Der Form nach 
jedoch erschien Galilei durch das ,,Imprimatxir" des Zensors 
gedeckt. Nach der gewöhnlichen Darstellung ergibt sich seine 
Schuld aus der Verletzung eines speziellen ihm im Februar 1616 
erteilten Befehls, die Meinung des Copemicus fernerhin in keiner 
Weise in Worten und Schriften zu lehren. Diese Darstellung ent- 



— XIX — 

Seite 
springt unvollständigen, willkürlich zusammengestellten Aus- 
zügen aus den Akten. — Die Geschichte der Akten des Inquisi- 
tionsprozesses von 1633. Die Veröffentlichungen Marinis und 
del'Epinois'. Das Protokoll vom 25. Februar 1616. Das Akten- 
stück vom 26. Februar 1616. Die Widersprüche zwischen beiden. 
Das letzgenannte gefälscht. Dies gefälschte Aktenstück Grund- 
lage der Anklage und des UrteUs gegen Galilei. — Das erste Ver- 
hör. Galilei erinnert sich des besonderen Befehls nicht, traut aber 
der Sicherheit des Inquirenten gegenüber seinem Gedächtnis nicht. 
Er weiß nur von einem Befehl, den ihm der Kardinal Bellarmin 
gegeben hat, nichts von einem solchen des Pater Commissarius. 
Die schriftliche Erklärung des Kardinal Bellarmin als gewichtiges 
Zeugnis dafür, daß Galilei von einem über die allgemeine Ver- 
urteilung copernikanischer Schriften hinausgehenden, persön- 
lichen, nur ihn betreffenden Befehl nichts bissen kann. Galileis 
hierauf gegründete schriftliche Verteidigung findet keinerlei Berück- 
sichtigung. — Galilei zeigt sich nach 3 wöchiger Gefangenschaft 
im Inquisitionspalast bei einem zweiten Verhör vollkommen gebro- 
chenen Muts. Er erklärt sich bereit, die Ansicht des Copernicus 
zu widerlegen. Die sittliche Schuld auf beiden Seiten. — Kleine 
Vergünstigungen für Galüei. — Letztes Verhör. Drohung mit 
der Tortur. Ist GaHlei gefoltert worden ? — Galüei schwört ab. 
Er wird zum Gefängnis in den Kerkern der Inquisition ver- 
urteilt. Sein Ausspruch: ,,Und sie bewegt sich doch" sagenhaft 
und der Situation nach unmöglich; der Inhalt entspricht aber 
seiner Gesinnung. — Bedexitung und Würdigung des Urteils gegen 
Galilei. 

Achtes Kapitel. Galilei der Gefangene der Inquisition . 184 

Milderung des Urteils. Galilei darf in seine Villa in Arcetri 
zurückkehren. Die ihm auferlegten Freiheitsbeschränkungen. Bei 
Besuchen darf nicht die Rede von der Bewegung der Erde sein. 
Galileis treue Freunde: Pater Castelli und Pater Fulganzio Mican- 
zio. Die Dialoge ins Ausland gerettet und in Holland durch Ver- 
mittlung Berneggers lateinisch gedruckt. Die ,, Unterredungen 
über zwei neue Wissenschaften.'" Ihre grundlegende Bedeutung. Das 
Verbot der Inquisition gegen alles, was von Galilei bereits gedruckt 
war oder noch gedruckt werden sollte. Daher müssen auch diese Dis- 
corsi in Holland erscheinen. Galileis ungeschwächte Gedanken- 
fülle. Abnehmende Körperkräfte. Erblindung. Wiederholte Bitten, 
nach Florenz zurückkehren zu dürfen, werden endlich 1638 nach 
ärztlicher Begutachtung bewilligt, aber nur für kurze Zeit und 
unter der Bedingung, mit niemandem über die verurteilte Lehre von 
der Erdbewegung zu reden. Das darin liegende Ohnmachtsbekennt- 
nis der GrewaJt. Galileis Rückkehr nach Arcetri. Sein Tod. 

b* 



— XX — 

Seite 

»iiiites Kapitel. Nach Galileis Tode 190 

Verhinderung der definitiven Beisetzung des „Häretikers" in 
Sa. Croce. — Sammlung für ein Grabdenkmal. — Widerstand des 
Papstes. — Audienz des großherzoglichen Gesandten NiccoUni. — 
"\>reitelung der Denkmalserrichtung. — Vernachlässigung von 
Galüeis Andenken bei den folgenden Generationen als Folge des 
kirchlichen Machtspruchs. — Erscheinen des Almagestum novum 
von Riccioli 1651. Kritik der copernicanischen Lehre. — ]\Iethode 
RiccioUs. — Prüfvmg der Beweisgründe auf ihre formallogische 
Berechtigung. — Kritik der Flutlehre der „Dialoge". — Seine Be- 
weise gegen die Erdbewegung, beruhend auf falschen Auffassungen 
über die Zusammensetzung von Bewegungen. — Sophistische De- 
duktionen. — Persönliche Angriffe gegen Galilei. — Theologischer 
Teil des Werkes, der die Dekrete, den Text des Urteils und der 
Abschwörungsformel enthält. — 

Wirkimg auf Großherzog Ferdinand, sowie auf Galileis Schüler 
Viviani und auf Montanari. — 

Ricciolis ,,Astronomia reformata", eine kürzere Besprechung 
der copemicardschen Lelire. — Einspruch von BoreUi und Stefano. 

— BoreUis Schrift ,,Über die Kraft des Stoßes". — Stefanos Schrift 
gegen Riccioli. — Beide sind überzeugte, aber doch zur Unter- 
werfung entschlossene Copernicaner. — Gegenschrift Manfredis, 
weitere Schriften. — Streit Boreliis und Stefanos über die Form 
der krummlinigen Bahn eines mit der Erde rotierenden und zu- 
gleich freifallenden Körpers. — Brief BoreUis an Ricci; eine weitere 
Schrift BoreUis. — 

Gründe, warum sich die Academia dei Cimenti nicht mit 
der Entscheidung für oder wider die Erdbewegung befaßt. — Verbot 
der Inquisition jeder ehrenden Erwähnung des ,, Häretikers" Galilei. 

Gesamtausgabe von Galileis Werken durch Manolessi 1655 — 56 
mit Erlaubnis der Inquisition. — Abdruck des „Nuntius sidereus", 
sowie der sonstigen Schriften nach manchen Schwierigkeiten der 
Inquisitoren. 

Der Briefwechsel Vivianis als Quelle für die SteUungnahme 
des 17. Jahrhunderts gegenüber Galilei. — Tätigkeit Vivianis für 
Galileis Familie, für die Erhaltung seiner Schriften, für eine Lebens- 
beschreibung. — Unterstützung durch Leopold von Medici. — 
Vivianis Darstellung des Lebens Galileis, besonders seines Ver- 
haltens gegen die Kirche. — Grund, warum das Werk Vivianis 
nicht gedruckt wurde. — Plan einer neuen Gesamtausgabe von 
GaUleis Schriften. — Verzögerung trotz Diodatis Aufforderungen. 

— Gründe dafür, das Verbot der Indexkongregation. — Vergebliche 
Bemühungen des Kardinals Leopold. — Beziehungen Vivianis zu 
Ludwig XIV. — Beabsichtigte, aber nicht gedruckte Lebens- 
beschreibung Gaüleis für Ludwig XIV. — Cosimo III., Groß- 



— XXI — 

Seite 
herzog von Toskana. — Übergewicht der kirchlichen Bestrebungen. 

— Plan des Druckes der nachgelassenen Briefe und Schriften. — 
Versuch, durch Baldigiani eine Aufhebung des Verbots der Dialoge 
erwirken zu lassen. — Ablehnende Haltung Baldigianis und Roms. 

— Viviani ehrt Galilei durch eine an seinem Hause angebrachte 
Bronzebüste und Inschrift, später durch Druck dieser Inschrift, 
deren Druck die Florentiner Inquisition gestattet. - — Verleugnung 
des Glaubens an die Erdbewegung in dieser Lobrede. — Wider- 
spruch zur wahren Denkweise Vivianis. — Tod Vivianis 1703. — 
Testamentsbestinimungen über sein und Galileis Grab. — Druck von 
Galileis Lebensbeschreibung diirch Salvini. — Anfang einer Periode 
der Wiederbelebung für GaHleis Andenken, — Vervollständigte Aus- 
gabe seiner Werke in Florenz. — Vergebliche Bemühungen von 
Leibniz in Rom um die Aufhebung des Verbotes der „Dialoge". 

— Mildere Stimmung gegen Galileis Person in Rom. — Übertragung 
der Überreste GaUleis nach dem neuen Mausoleum in Sa. Croce am 
12. III. 1737. — Insclurift am Grabe. — Plan einer neuen Gesamt- 
ausgabe der Werke in Padua. — Bedingtes Imprimatur durch die 
römischen Konsultoren unter Benedikt XIV. — ]VIitdruck des Urteils 
sowie der Schrift des P. Calmet über die Naturlehre der Bibel. — 
Veränderung gegenüber der früheren Ausgabe. — Beschluß der 
Indexkongregation vom Jahre 1757: Aufhebung des Verbotes aller 
das copemicanische System lehrenden Bücher bLs auf einige aus- 
drücklich genannte, darunter immer noch die „Dialoge". Lalandes 
Bemühungen um Aufhebung des Verbotes auch für diese. — Mai- 
länder Ausgabe vom Jahre 1808. 

Vereinzelte Äußerungen italienischer Gelehrter für die neue 
Lehre. — Die Dialoge auch 1819 noch verboten, ebenso ein Lehi- 
buch der Optik von Settele, in dem die neue Lehre als wissen- 
schaftliche Wahrheit auftritt. — Promemoria Setteles. — Endlicher 
Erfolg: Druckgenehmigung für alle das copemicanische System 
vertretenden Schriften. — Nachträgliche Rechtfertigungsversuche 
der früheren Verbote. 

Anhang I. SagenhafteErgänzungender Jugendgeschichte 260 

Anhang II. Untersuchungen über das Vatikanmanuskript 

der beiden Inquisitionsprozesse Galileis 298 

A. Ergebnisse meiner Untersuchungen über das Protokoll 
vom 28. Februar 1616 298 

B. Ergebnisse meiner Untersuchungen über moderne Fäl- 

schungen, speziell die des Examen de intentione im 
Vatikanmanuskript des Galileisehen Prozesses .... 321 

C. Die Inhaltsübersicht an der Spitz© des Vatikanmanu- 
akripts 337 



XXII — 

Seite 

Aiiliaug III. Der Betrug des Simon Marius von Gunzen- 
hausen 343 

A. Simon Marius und die Entdeckung der Jupiteratrabanten 343 

B. Johannes Kepler über den Anspruch des Simon Marius 
auf die Entdeckung der Jupiterstrabanten 377 

C. Johannes Kepler über Marius' Erforschung der Perioden 
der Jupiterstrabanten 407 

D. Simon Marius' Anteil an dem Plagiat des Balthasar Capra 
von 1607 416 

Register zum I. und II. Band 427 



I 



Erstes Kapitel. 

Unter der Herrschaft des Dekrets von 1616. 



Man hat oftmals ausgesprochen, daß die Eingriffe der kirch- 
lichen Gewalt in die Kechte wissenschaftlicher Forschung für den 
Entwicklungsgang der Wissenschaft bedeutungslos geblieben sind. 
Diese Behauptung ist in dem Sinne, in dem ihr unbestreitbare Wahr- 
heit zukommt, wenig mehr als eine Trivialität; in dem Werden der 
Wissenschaft bricht jeder frühere Gedanke jedem folgenden die Bahn, 
und diese Folge der Gedanken ist unwiderstehlich wie das Gesetz 
der Natur; aber für ihren Ablauf zählen die Jahrhunderte nicht, 
die Grenzen von Staaten und Nationen sind ihr nicht vorhanden, 
die einzelnen Menschen nicht mehr als zufällige Werkzeuge; es be- 
darf kaum der Erwähnung, daß der willkürliche Machtspruch des 
gewaltigsten Herrschers wirkungslos verhallen muß, wo jede Wirkimg 
^lenschücher Verhältnisse ausgeschlossen bleibt. 

Sieht man aber in der Geschichte der Erkenntnis zugleich einen 
wesentlichen Teil der Lebensgeschichte der Menschheit im großen 
ganzen wie in ihren mannigfaltigen Gliederungen, so wird man sich 
schwer der Betrachtung entziehen können, daß gerade jene äußeren 
Verhältnisse, die dem Wesen der wissenschaftlichen Tätigkeit fremd 
sind, dennoch tausendfältig hemmend und fördernd ihren Gang be- 
stimmen; und in diesem Sinne ist das Machtwort der Kirche wider 
die copernicanische Lehre ein zweifellos bedeutungsvolles gewesen. 
Allerdings waren, als die Kirche ihr Verdikt gegen Copernicus erhob, 
die Verhältnisse einem ernsten Versuch, die neue Lehre zu unter- 
drücken, w^nig günstig. 

Mit der raschen Fortentwicklung einer neuen Naturwissenschaft 
hatte in gleichem Maße die Gemeinsamkeit der Arbeit und des An- 

W oh 1 will, Galilei. II. 1 



teils zugenommen, in dem für die Gelehrten des zivilisierten Europas 
nationale und politische Sonderungen zu verschwinden schienen. 
Die kirchliche Spaltung änderte nichts an diesem Verhältnis; viel- 
mehr gewann durch sie die Erhaltung und Ausbildung einer unzerstör- 
baren Gemeinschaft im Bereich der Wissenschaft erhöhte Bedeutung; 
sie bewährte sich, als mit dem Dekret von 1616 der Versuch unter- 
nommen -«-urde, den Anhängern der Kirche ein großes Gebiet der 
wissenschaftlichen Forschung zu verschließen; die wissenschaftliche 
Astronomie mußte in die Länder flüchten, die der kirchlichen Gewalt 
den Gehorsam versagten, aber aus der Forschung der Ketzer ging 
darum nicht weniger eine Wissenschaft für alle hervor. Und doch 
kann der Geschichte der Wissenschaft ein Beschluß nicht bedeutungs- 
los heißen, der das Ungeheuere vollbracht hat, die Forscher der 
katholischen Länder auf ein Jahrhundert hinaus von der gemein- 
samen Arbeit an den großen Problemen der Wissenschaft auszu- 
schließen, der vor allem in seinen Nach\virkungen mit dabei beteiligt 
ist, nach raschem, hoffnungsvollen Aufschwung die italienische 
Wissenschaft niederzuhalten. 

In den eigentlich protestantischen Ländern hätte damals die 
römische Herkunft des Dekrets genügt, um jede Anerkennung seines 
Inhalts auszuschließen. Gab doch diese römische Herkunft noch 
immer den ausreichenden Grund, um der Einführung des neuen 
Kalenders zu widerstreben. Im übrigen wird sich schwer behaupten 
lassen, daß es bei den protestantischen Fürsten und GeistHchen be- 
wußte Duldsamkeit war, die Verfolgungen der neuen Lehre unmöglich ^ 
gemacht hat. WahrscheinKcher ist, daß gleichgültiges Geschehen- 
lassen der Grund war; die politischen Verhältnisse, die dem Ausbruch 
des großen Krieges vorhergingen, waren der Beachtung solcher Dinge 
wenig förderlich. Wie aber aufgeklärte Denker in protestantischen 
Ländern über die Entscheidung der römischen Kirche urteilten, geht 
aus der Kritik hervor, die der hochbetagte Tübinger Mästlin an dem 
Dekret übt.^ 

„Sollte man nicht erwarten", ruft er aus, ,,daß diese Kardinäle, 
die vom heiligen Stuhl für den Index der Bücher und deren Erlaubnis, 
Verbot, Keinigung und Druck in der gesamten Christenheit specialiter 
eingesetzt sind, die nicht nur in allen Teilen der Theologie, Juris- 



^ Jo. Kepler! Opera ed. Frisch, Vol. I p. 56 f. 



prudenz usw., sondern auch in allem Wissen höchst unterrichtete 
und geehrte Männer sind, denen nichts verborgen ist, ^Yas irgendwie 
Bedeutsames gelehrt, geschrieben und öffentlich verbreitet \A'ird, daß 
wenigstens einige unter ihnen in der Mathematik und Astronomie 
wohlbewandert seien ? ' ' 

Statt dessen gibt das Dekret zum ernstesten Zweifel Anlaß, ob 
die Kardinäle der Kongregation die Bücher des Copernicus je mit 
Augen gesehen, ja, nur wissen, daß und wann dieser Copernicus gelebt 
hat. In dem Brief eines braven Karmelitermönchs entdecken sie, 
daß die Meinung des Copernicus sich zu verbreiten beginnt, und dann 
verdammen sie ein Werk von wahrhaft übermenschlicher Arbeit, 
das zwar in der Stille von manchen verhöhnt und angebellt ist und 
mit Argumenten, die der Sache fern liegen, — kaum kann man sagen 
— angegriffen, aber von niemand mit zutreffenden, aus der Astro- 
nomie und Mathematik entnommenen, das Wesen berührenden 
Gründen bekämpft ist. 

Mästlin will von Foscarini und Didacus a Stunica nicht reden — 
er kennt sie nicht — aber den Copernicus verbessern! 

Wer soll es tun? Etwa Copernicus selbst, der seit mehr als 
70 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt? Oder ein anderer 
in seinem ]N'amen? Wer's immer sei, der ihm sich zu widersetzen 
unternähme, seine Mühe wird vergeblich sein, so stark sind die 
Grundlagen, auf denen seine Astronomie beruht, ja, fester und stärker 
geschützt, als Copernicus selbst gewußt hat, sind alle Schutzwehren 
dieser Feste — das beweist uns Keplers Werk. So kann man nicht 
mit Unrecht sagen, daß die Verdammung jener Zensoren und das 
Urteil Blinder über die Farben von gleicher Bedeutung sind. 

In ähnhcher Weise dachten und äußerten sich vermuthch die 
protestantischen Copernicaner allerorten, aber es ist doch schwerlich 
als Zufall zu betrachten, daß wir scharfe Worte, wie diese, eher in 
Handschi'iften als in gedruckten Werken finden. Auch die Vorrede 
zum Copernicus, in der Mästlin seinem Ingi'imm Luft macht, ist 
in einem Stuttgarter Manuskript gefunden. Wer so schrieb, mußte 
berechnen, daß er der Verbreitung seines Werkes außerhalb der rein 
protestantischen Länder schwere Hindernisse bereitete; in einer Zeit, 
die den Erfolgen gelehrter Arbeit so wenig günstig war, wie die 
Epoche des großen deutschen Krieges, konnte diese Überlegung auch 
Männer von entschiedenster Gesinnung beeinflussen. 



_ 4 — 

In höherem Maße beunruhigend mußte die Kunde von dem 
römischen Dekret in Gegenden \drken, wo in unsicherem, durch 
Verfolgungen unterbrochenem Waffenstillstand die Konfessionen 
nebeneinander lebten, wie dies in Österreich der Fall war. Wie 
weit hier die Regierenden in der Erklärung der Kongregation ein 
bindendes Gesetz erkennen würden, hing von unberechenbaren 
Verhältnissen ab. Diese Entscheidung aber war für einen Kepler 
gleichbedeutend mit einer Entscheidung über seine bürgerliche 
Existenz. 

Kepler hatte ohne Kenntnis von den römischen Vorgängen im 
Jahre 1618 den ersten Teil eines Abrisses der copernicanischen 
Astronomie veröffentlicht. Das Werk wurde in Rom unmittelbar 
nach dem Erscheinen suspendiert; Kepler erfuhr davon erst, als 
Galilei durch Vermittlung seines Gönners, des Erzherzogs Leopold 
von Österreich, von ihm ein Exemplar der suspendierten Schrift 
erbat. ^ Ängstlich schrieb er an Johann Remus^, den Leibarzt und 
Mathematiker des Erzherzogs: „Aufs diingendste bitte ich Dich, 
mir eine Abschrift vom Wortlaut jener Verurteilung zukommen zu 
lassen und mich wissen zu lassen, ob diese Verurteilung dem Ver- 
fasser, wenn er in Itahen angetroffen würde, zur Gefahr gereichen, 
und ob man in solchem Fall von ihm einen Widerruf verlangen würde. 
Auch liegt mir am Herzen, zu erfahren, ob diese Verurteilung in 
Österreich Geltung haben wird. Denn wäre das der Fall, so würde 
ich nicht allein in Österreich keinen Drucker mehr finden, sondern 
auch die Exemplare, die der Verleger auf meinen Wunsch in Österreich 
gelassen hat, würden gefährdet sein und endlich der Verlust auf mich 
selbst fallen. Ja, man wird mir zu verstehen geben, daß ich auf den 
Unterricht in der Astronomie verzichten muß, jetzt, nachdem ich in 
dem Vortrag dieser Lehre beinahe alt geworden bin, ohne irgend- 
welchen Widerspruch zu finden; ich werde endKch dem Aufenthalt 
in Österreich entsagen müssen, wenn auch hier kein Raum für die 
Freiheit der Wissenschaft übrig ist." 

Die Antwort^ lautete beruhigend: das Werk sei nur insofern 
verboten, als es gegen das Dekret vom Jahre 1616 verstoße, es könne 



^ Jo. Kepler! Opera ed. Frisch, Vol. I p. 195. 

2 a. a. O. p. 195. 

3 Ed. Naz. XII p. 481. 



— 5 — 

jedoch vermutlich wie die Bücher des Copernicus mit besonderer 
Erlaubnis von Gelehrten und Sachverständigen in Rom und ganz 
Italien gelesen werden. Es sei daher kein Grund zur Besorgnis weder 
in Italien noch in Österreich, wenn nur Kepler sich in seinen Grenzen 
halte und seinen Leidenschaften gebiete. 

Die Erlaubnis, Werke dieser Art zu lesen, wurde, wie Kepler 
später erfuhr, nur in Rom erteilt, und man knüpfte sie auch für seinen 
Abriß der copernicanischen Astronomie an die Bedingung einer vor- 
gängigen Korrektur, durch die der Annahme der Erdbewegung der 
hypothetische Charakter gewahrt wurde. 

Kepler hielt es für geraten, durch besondere Vorsichtsmaßregeln 
ernsteren Gefahren vorzubeugen. Diese Vorsichtsmaßregeln verraten 
allerdings die mangelnde Übung, Als Kepler im Jahre 1619 seine 
„Harmonie der Welt" veröffentlichte, schickte er eine Warnung an 
die auswärtigen, namentlich italienischen Buchhändler voraus.^ Er 
geht darin so weit, sich, den eifrigen Protestanten, für einen Sohn 
der Kirche auszugeben, aber er fügte hinzu, was ausreichte, um der 
Inquisition diesen Sohn verdächtig zu machen: der katholischen 
Lehre, soviel ich bis jetzt von ihr habe begreifen können, bin ich 
nicht nur durch Gesinnung ergeben, ich billige sie auch mit dem Ver- 
stände, und ich habe dies an mehr als einer Stelle dieses Werkes 
bewiesen. 

Dann spricht er von dem Dekret, das, wie man ihm gesagt hat, 
durch das Ungestüm von solchen hervorgerufen ist, die ihre astro- 
nomische Lehre am ungeeigneten Platze und in unangemessener 
Weise vorgetragen haben. Hochangesehene Männer sagen freilich, 
daß das Urteil der Kirche die Freiheit der Erörterung, soweit sie sich 
auf natürliche Dinge beschränkt, nicht hindern wolle. Aber wie dem 
sei — Kepler bekennt sich schuldig, daß er durch allzulange Ver- 
zögerung seiner Werke die Wissenschaft ohne Verteidigung gelassen 
habe. „Denn w^ahrlich, täuscht mich nicht alles, so müssen, wenn sie 
dies Werk der Weltharmonie lesen, die gelehrtesten Italiener und 
Philosophen und die frömmsten Theologen anerkennen, daß die 
Majestät und Erhabenheit dieser harmonischen Anordnung der gött- 
lichen Werke so groß sei, daß Copernicus vor der Veröffentlichung 
dieses Buches nicht hinreichend gehört werden konnte. Es erbittet 



Jo. Kepler! Opera ed. Frisch, Vol. V p. 8. 



— 6 — 

daher die Philosophie, es erbittet Copernicus die Wohltat einer 
restitutio in integrum von dem Fürsten, unbeschadet der Ehre der 
Richter; denn sie werden ein neues Urteil auf Grund neuer Zeugnisse 
zu fällen haben, die bis zum heutigen Tage durch die Nachlässigkeit 
seiner Sachwalter unbekannt geblieben waren." 

An die Buchhändler richtet Kepler die Aufforderung, dem Urteil 
gehorchend, sein Buch nicht für jedermann feil zu halten, sondern 
die Exemplare nur den höchsten Theologen, den angesehensten Philo- 
sophen, den geübtesten Mathematikern, den tiefsten Metaphysiken! 
zu verkaufen, zu denen ihm als dem Sachwalter des Copernicus auf 
keinem anderen Wege der Zugang freistehe, um ihnen die Mttel 
der Entscheidung zur Verfügung zu stellen. 

Die eigentliche Bedeutung hatte das Dekret für die Katholiken 
und in den rein katholischen Ländern. Bis dahin hatte die copemi- 
canische Lehre Verteidiger wie Gegner gleichermaßen unter den 
Angehörigen der Kirche, \\ie unter den Bekennern des neuen Glaubens 
gefunden. Dies Verhältnis änderte sich rasch, nachdem die Kirche 
gesprochen hatte. Von einem Widerspruch im Kamen der Wissen- 
schaft hat die Geschichte nicht berichtet. Die Copernicaner ver- 
stummten, die Gegner traten um so lärmender auf; unter ihren 
Gründen hatte immer der Widerspruch der heiligen Schrift in be- 
sonderem Ansehen gestanden; durch die Erklärung der Kii-che 
wurde diesem religiösen Argument ausdi'ücklich der Rang über 
aller Wissenschaft zuerkannt; den ferneren Gegnern des Copernicus 
blieb nur die Aufgabe, mit mathematischen und philosophischen 
Beweisen darzutun, daß die niedere Weise des menschlichen Er- 
kennens zu keinem anderen Ergebnis führe als die heilige Einsicht 
der römischen Theologen. So erschienen Schriften gegen Copernicus, 
die iliren Inhalt schon auf dem Titel als Verteidigungen des römischen 
Dekrets verkündeten. 

Aber auch die rein peripatetischen Kämpfer traten unter dem 
Schutze des Dekrets zahlreicher und zuversichtlicher auf; in Frank- 
reich und Belgien, wie in Italien mehrte sich von Jahr zu Jahr 
diese eintönig, geistlos disputierende Literatur, unter deren er- 
müdend breiten Erörterungen hier und dort ein kräftiges Schmäh- 
wort, wie der Wunsch, die Peitsche statt der Argumente gegen 
die Copernicaner handhaben zu dürfen, den Leser eine Erholung 
dünkt. 



Von dem protestantischen Holland aus empfingen die Froidmont 
und Morin^ die Antwort und Abfertigung, die ihnen ihre coperai- 
canisch gesinnten Landsleute nicht zu erteilen wagten. 

Daß es nach wie vor aufrichtig copernicanisch Gesinnte auch 
unter den katholischen Denkern gab, wird des Beweises nicht bedürfen, 
weniger leicht als die laute Äußerung war die ernst begründete Über- 
zeugung zu unterdrücken. Der gelehrte Briefwechsel jenes Zeitalters 
läßt keinen Zweifel darüber, daß man im vertraulichen Verkehr die 
Grenzen, die das Dekret gezogen, nicht allzu ängstlich achtete. Aber 
nach außen war Vorsicht geboten. Es war dabei im Ergebnis gleich, 
ob der ernste Wunsch, der Kirche zu gehorchen, ob nur die Abneigung 
gegen den Konflikt zur Unterwerfung führte — wer nicht in offener 
Auflehnung gegen die Kirche streiten wollte, mußte der Verteidigung 
des Copernicus entsagen. 

Es blieb dann nicht aus, daß manche im Gehorsam weiter gingen, 
als die Not erforderte; da man sich gewöhnen mußte, zu scheinen, 
so kam es bald nicht mehr darauf an, wie weit der Schein sich von der 
Wirklichkeit entfernte ; man begann damit, von Copernicus zu schweigen 
und fand es nach einiger Zeit nicht unangemessen, die Lehre, zu der 
man sich im Herzen nach wie vor bekannte, ausdrücklich zu ver- 
leugnen. 

Derartige Folgen des gewalttätigen Eingreifens in ein Gebiet, 
das sich der Gewalt entzieht, mußten in gesteigertem Maße, in reichster 
Mannigfaltigkeit sich in Italien ver^\irklichen, besonders in den 
Staaten, die unmittelbar der Kirche gehorchten oder doch, wie Toskana 
und Neapel, fast ohne Widerstreben eine geistliche Nebenregierung 
duldeten. Hier war es nicht eine mögliche, fernher drohende Gefahr, 
die den unabhängigen Denker in Schranken hielt: überall gegen- 
wärtig, überall tätig und zum Handeln bereit, umlauerte ihn die 
Liquisition. Unter den Eindrücken ihres geheinmisvoUen und doch 
allerorten fühlbaren Wirkens gestaltete sich die Weise seiner Empfin- 
dungen, seiner Vorstellungen, und es war dafür gesorgt, daß immer 
von neuem die Erfahrungen der jüngsten Tage die verblassenden 



^ Vergl. Ed. Naz. unter Morin XX p. 262 und XVII p. 341. Seine 
Schrift Famosi et antiqui problematis de telluris motu vel quiete hactenus 
optata solutio, Ed. Xaz. VII p. 547—561. Die Gegenschrift Landsbergs 
s. Bibl. Galüeiana 119 u. 289. Über Liberto Froidmont Nr. 77, 124, 
140, 247. 



Erinnerungen belebten, um dieser Herrschaft über die Gemüter 
Dauer zu verleihen. 

Kaum war im März 1616 das Dekret gegen den Copernicus ver- 
öffentHcht, als in Neapel Lazzaro Scorrigio, der Drucker der ver- 
botenen Schrift des Foscarini, ins Gefängnis geworfen wurde, weil 
er dem Kardinal Caraffa auf seine Forderung die Erlaubnis zum 
Druck nicht aufzuweisen vermochte. „Es wird ihm der Prozeß ge- 
macht", berichtete der Kardinal dem Kardinalinquisitor in Kom. 
„Das heißt wohlgetan", lautete die Antwort aus dem Palast des 
heiligen Offiziums.^ 

Vorgänge wie diese, Erinnerungen an zahlreiche ähnliche Akte 
einer uneingeschränkten Gewalt gaben dem Dekret der Index- 
kongregation in ihrem Machtbereich eine ergänzende Deutung. Was 
sein Wortlaut unbestimmt und zweifelhaft gelassen hatte, war einfach 
genug durch die Erkenntnis erläutert, daß eine unberechenbare 
Gewalt die Ausführung überwachte. 

So begegnete das Dekret in Italien bei Laien wie Priestern, 
bei den frohlockenden Jüngern des Aristoteles \\ie bei den tief ge- 
demütigten Anhängern der neuen Lehre dem gleichen, willenlosen 
Gehorsam. 






1 Ed. Naz. XIX p. 279. 



Zweites Kapitel. 

Der Streit mit Horatio Grassi. 



Im Herbst des Jahres 1618 erschienen in kurzen Zwischenräumen 
nacheinander drei Kometen, die beiden ersten von geringer Licht- 
stärke und kurzer Dauer, von wenigen und nur von Sternenkundigen 
beobachtet, der dritte eines jener großartigen Phänomene, die für 
eine Zeit lang aller Augen zum nächthchen Himmel emporziehen, die 
Gemüter der Menge mit bangen Ahnungen und Sorgen erfüllend, die 
Denkenden zur Betrachtung anregend, allen ein unwiderstehlich 
fesselnder Anblick. 

Es war derselbe Komet, der in Deutschland wenige Monate nach 
dem Ausbruch des Krieges in Böhmen namenlose Verwirrung dem 
ganzen Reiche vorzudeuten schien, der zugleich mehr als je zuvor 
die Astronomen allerorten zu messender Beobachtung, zu besserer 
Ergründung der Bahn und der verborgenen Natur der fremdartigen 
Himmelswandercr aufrief; es war derselbe Komet, dessen gewaltige 
Erscheinung auch für GaUlei zum Ausgangspunkt für neuen Kampf 
und damit für neue verhängnisvolle Feindschaft wurde. 

Wer in jenen Tagen als Phüosoph im allgemeinen oder als Himmels- 
kimdiger im besonderen im Ruf stand, dem Grund und Wesen der 
rätselhaften Erscheinung näher zu stehen, konnte sicherlich dem 
Andringen der Wißbegierigen nicht entgehen, er mußte schreiben 
oder reden, um der Schar der Fragenden zu genügen. Eine überaus 
reichliche Literatur über den Kometen von 1618 gibt von der leb- 
haften Teilnahme in den Kreisen der Laien nicht minder, als von der 
erhöhten Tätigkeit unter den Fachgelehrten Kunde. Daß bei diesen 
gelehrten Erörterungen der Gegensatz der neuen Wissenschaft und 
der herrschenden Gelehrsamkeit der Schule sich in vollem Maße 
geltend machte, lag in der Natur der Sache. 



— 10 — 

Nach der Ansicht des Ai-istoteles gehörte jder Komet als Meteor 
der irdischen Atmosphäre an. Dichtere Dünste der Erde sollten zu- 
weilen bis zu jener Sphäre des Feuers aufsteigen, die nach Aristoteles 
den Kreis der Luft umschließt, und sollten dort, wo die ruhende ele- 
mentare Region von dem Umlauf der himmlischen berührt wird, 
von dieser Bewegung ,,der Welt um die Erde" ergriffen — und so, 
nach der alten Vorstellung über die Entstehung der Wärme, zur Ent- 
zündung gebracht werden. Die Erklärung entsprach der strengen 
Scheidung, durch die der griechische Philosoph das Reich des Hinmiels 
dem Wechsel und der Veränderlichkeit entzog; was, wie der Komet, 
urplötzlich erschien, in der Kürze zu erstaunlicher Helle und Größe 
anwuchs, um dann, wie es gekommen, zu versch-s^inden, gehörte 
seinem Wesen nach dem Kreis der Elemente, d. h. dem L'dischen an. 

Mit der Lehre von der Unwandelbarkeit der himmlischen Region 
war Aristoteles' Kometenlehre für den Gedankenkreis seiner Anhänger 
eine unantastbare Wahrheit geblieben, nach seinem Vorgang und 
mit seinen Worten widerlegte man leicht genug die tieferblickenden 
Pythagoräer, denen die Kometen den Planeten vergleichbar schienen. 

Der Erste, der in neuerer Zeit mit Sicherheit die Kometen über 
den Kreis des Mondes hinaus in den Himmel erhob, war Ty cho Brahe. 
Durch die Vergleichung seiner Beobachtungen mit denen der be- 
deutendsten deutschen Forscher hatte er zunächst für den Kometen 
von 1577 die Unmöglichkeit erkannt, ihm einen Ort unter dem 
Monde anzuweisen. Die gleichzeitig an getrennten Orten verzeichneten 
Angaben über die scheinbare Stellung des Kometen unter den Fix- 
sternen zeigten ihm geringere Unterschiede und demnach einen 
geringeren Einfluß der irdischen Abstände, astronomisch geredet: 
eine kleinere Parallaxe, als sie dem Monde zukam; da aber der 
Einfluß des Beobachtungsstandpunktes für den entfernteren Körper 
in geringerem Maße merklich wird, so war erwiesen, daß der Komet 
die obere Grenze der elementaren Region beträchtlich überschritten 
hatte. Hatte man es dabei, wie wenige bezweifelten, mit einem jüngst 
entstandenen und bald wieder in Dunst zerflossenen Lichtkörper zu 
tun, so war zugleich gezeigt, daß auch der Himmel über dem Mond 
der Wandelbarkeit der Erdenwelt unterworfen sei, und ebensowenig 
ließen sich fortan die kristallenen Sphären als Träger der Himmels- 
körper verteidigen; denn der Komet hatte ihi'e Regionen dem An- 
scheine nach ohne Widerstand durchbrochen. Tycho Brahes Ent- 



— 11 — 

deckung ^^al• somit bt'deutungsvoll für die Erschütterung wichtiger 
aristotelischer Sätze, sie war zugleich epochemachend als ein erster 
Schritt zur wissenschaftlichen Kometenlehre: aus feurigen Luft- 
erscheinungen waren die Kometen zu Himmelserscheinungen ge- 
worden; auch jetzt noch nicht zu Himmelskörpern im eigentlichen 
Sinne, Allerdings hatte Tycho Brahe im Sinne der Alten folgerichtig 
den Kometen auch die Bahn der Himmelskörper, eine Ki-eislinie, 
zugeteilt, aber die Astronomen fanden es schwer, ihm auch darin 
zu folgen. So hatte im Jahre 1607 Kepler einen Versuch unter- 
nommen, der Beobachtung des damaligen Kometen weitere Auf- 
schlüsse abzugewinnen. Abweichend von Tycho schloß er aus seinen 
Beobachtungen, daß die Bahn eine gerade Linie sei. Kepler ver- 
leugnete darum die hinmilische Abkunft des Kometen nicht, aber 
die gerade Linie, in der er ihn kommen und verschwinden sah, be- 
zeichnete ihm zugleich seine vergängliche IN'atur. Kepler dachte sich 
die Kometen durch zeitweilige Verdichtungen des himmlischen Äthers 
entstanden, und er meinte, daß der weite Himmelsraum so voll von 
diesen Bildungen sei, wie der Ozean von Fischen. 

So lag ein reiches Material an alten und neuen Vorstellungen der 
Erörterung der Gelehrten vor, als der Komet vom Jahre 1618 erschien. 
Vor allem galt es, für oder ^^ider Tycho Brahe Partei zu ergreifen, 
die Lehre von dem himmlischen Ort der Kometen durch neue Beob- 
achtungen oder neue logische Deduktionen zu widerlegen oder zu 
bestätigen. Als ein neues Hilfsmittel im Streit bot sich das Fernrohr 
dar. Der Komet von 1618 war der erste, der seit der Erfindung des 
Fernrohrs erschien. Zu lebhafteren Diskussionen kam es namentlich 
in Italien. Öffentlich traten sich die feindlichen Parteien in Padua 
gegenüber. Der Komet stand noch am Himmel, als der Dominikaner 
Pater Bovio^ als Professor der Metaphysik vor einem großen Zu- 
hörerla-eis eine Reihe von Vorlesungen hielt, in denen die Ansichten 
des Aristoteles nach alter Weise vertreten wurden. Gleich darauf 
versammelte sich die gesamte Universität im Kollegiensaal der Philo- 
sophen und Mediziner um Camillo Gloriosi^, dem ]S'achf olger Galileis 
in der mathematischen Professur. Gloriosi vertrat die Ansichten der 
neueren Astronomen, er las, wie man Galilei berichtete, zur allgemeinen 



1 Vergl. Ed. Naz. XIII p. 16. 

2 Yergl. Ed. Naz. III p. 16 u. 170/71. 



— 12 — 

Zufriedenheit aller Kundigen, wenngleich zu einigem Abscheu jener 
Gelehrten und Studierenden, die nicht die Beobachtungen der neueren 
Astronomen als Wahrheit anerkannten. Als Dritter ließ sich For- 
tunio Liceti vernehmen. Auch Liceti war dem Aristoteles ergeben, 
aber abweichend von seinem Kollegen fand er in den Schriften des 
Meisters die Entdeckungen der jüngeren Forscher wieder, so hatte 
nach seiner gelehrten Auslegung schon Aristoteles die sublunaren 
von den himmlischen Kometen geschieden und die letzteren für die 
zahlreicheren erklärt. Diese Ansicht setzte er in einer umfangreichen 
Schrift auseinander. Zur Erwiderung veröffentlichte Gloriosi^ seine 
Vorlesungen. Es lag nicht in der Art der Peripatetiker, eine Antwort 
schuldig zu bleiben, und es pflegte in solchen Fällen die Unhöflichkeit 
mit der Zahl der Erwiderungen zu wachsen. So erfahren wir nach- 
träglich in Licetis Antwort schon auf dem Titelblatt'^ daß der 
Mathematiker von Padua bei Gelegenheit jener Vorträge von seinen 
Zuhörern ausgezischt sei und daß dabei die studierende Jugend die 
Steine nicht gespart hätte. 

Auch die Gelehrten des Collegium Romanum hielten es für der 
Mühe wert, ihre Ansicht über den Kometen öffentlich zur Sprache 
zu bringen. Die gelehrten Jesuiten nahmen in dem Streit eine ver- 
mittelnde Stellung ein; es war zwar von dem Ordensgeneral seit 
längerer Zeit die Weisung erteilt, den Aristoteles zu vertreten, wo es 
irgend tunlich sei; aber wenn irgendwo, lag hier für den mathematisch 
Gebildeten der Fall vor, der Verteidigung unhaltbarer Sätze zu ent- 
sagen. In der Tat machte der Redner des Collegium Romanum -keinen 
Versuch, sich Tycho Brahes Folgerungen zu entziehen. Es war der 
P. Horatio Grassi^, der vor den versammelten Vätern im wesent- 
lichen nach Tychos Lehre über den Ort, die Bahn und das Wesen 
des Kometen disputierte. 

Grassi sprach gegen die irdische Abkunft der Kometen, aber 
dieser Verstoß gegen die Überlieferung der Schule wurde reichlich 
durch die scholastische Form und Methode, durch die schulgerechte 
Denkweise in allen Einzelheiten seiner Beweisführung ausgeglichen. 
Schon die Frage nach dem Ort, wie er sie faßt, setzt den aristotelischen 
Gegensatz von Himmel und Erde in seiner ganzen Ausdehnung als 

^ Vergl. Bibliogr. Galileiana Nr. 117. 
- Bibl. Galileiana Nr. 179. 
=5 Ed. Naz. VI p. 21-35. 



— 13 — 

festgestellt voraus; wer in dem Sinne dieser Sonderling den Kometen 
als Himmelsangehörigen betrachtete, hatte auch seine hinmilische 
Natur in der Weise seiner Erscheinung, in seiner Bewegung, als völlig 
verschieden von allem Irdischen nachzuweisen. Dieser Aufgabe war 
Grassi sich durchaus bewußt; Schwierigkeiten, wie sie einen Kepler 
zur Annahm.e einer geradlinigen Kometenbewegung geführt hatten, 
waren für ihn nicht vorhanden. Es genügte ihm, daß der Komet 
sich in einem größten Kreise zu bewegen schien, um seine Bahn 
als Kreisbahn anzusehen. 

Daß auch der Komet von 1618 „über den Mond" zu setzen sei, 
wurde wiederum aus der Kleinheit seiner Parallaxe, der geringen Ab- 
weichung der Stellung, in der ihn Beobachter verschiedener Orte 
unter den Fixsternen sahen, geschlossen. An den verschiedensten 
Orten hatten Jesuiten beobachtet; in der Verbreitung der Ordens- 
brüder war ein wesentliches Hilfsmittel für derartige vergleichende 
Beobachtungen gegeben; aber freilich konnte die Organisation nicht 
gegen die Unzuverlässigkeit der Instrumente schützen. In der Tat 
ergab die Vergleichung der Ortsbestimmungen in Rom und Antwerpen 
mit voUer Sicherheit, daß der Komet nicht der Luft angehören könne, 
„und wenn man ihre Höhe selbst auf hundert Meilen annähme"^; 
aber der Ort über dem Mond war durch diese Bestimmungen nicht 
zu erweisen; waren sie richtig, so hätte der Komet bald über, bald 
unter dem Mond gestanden. Grassi übersah die Schwierigkeit nicht, 
aber in solchen Fällen half die gewohnte Kunst des Argumentierens. 
Hätte der Komet unter dem Mond gestanden, so müßte man jedenfalls 
um der Kleinheit der Parallaxe ^^^llen annehmen, daß er von der 
Sphäre des Mondes nur wenig entfernt gewesen wäre. Geht man 
von dieser Voraussetzung aus, so läßt sich aus der scheinbaren Größe 
des Kometen die wirkliche berechnen ; man fände nach der damaligen 
Berechnung des Abstandes zwischen Mond und Erde und einer will- 
kürlichen Annahme über die Gestalt des Kometen den ungeheuren 
Kubikinhalt von über 490 i^Iillionen ital. Kubikmeilen, „Stand aber 
der Komet unter dem Monde, so mußte er durch Verbrennung irdischer 
Dünste entstehen. Aber woher hätte die Erde für diesen unermeß- 
lichen Feuerbrand die nötige Nahrung nehmen sollen? Es wird also 
der Komet nicht unter den Mond zu stellen sein,"^ 

1 Ed. Naz. VI p. 29. 

2 Ed. Naz. VI p. 32. 



— 14 — 

Das Beispiel charakterisiert das Ganze, Es war die übliche 
Methode, zum vorausbestimmteii Schlüsse zu gelangen, die Horatio 
Grassi — zufälligerweise — zur Begründung einer richtigen Behauptung 
verwandte. 

In Rom hielt man es für angemessen, den Ansichten und Be- 
weisen des Paters weitere Verbreitung zu geben — die Rede wurde 
gedruckt. Der Name des Collegium Romanum auf dem Titelblatt 
genügte, ihr eine Bedeutung zu verleihen, die man dem Inhalt nicht 
beimessen konnte. Eine Schrift, die mit der Autorität einer der an- 
gesehensten gelehrten Körperschaften ausgestattet, in die Schranken 
trat, durfte auch da nicht unbeachtet bleiben, wo ein Blick genügte, 
über den geringen Wert ihrer Deduktionen Aufschluß zu geben; um 
dieser Autorität willen erschien sie auch Galilei einer eingehenden 
Widerlegung wert.^ Vielleicht lag eine besondere Veranlassung für 
ihn in der eigentümlichen Stellung, die unter Grassis Beweisen die 
verständnislose Anwendung des Fernrohrs einnahm. Übereinstimmend 
hatten die Ordensbrüder berichtet, daß das Fernrohr den Kometen 
imr schwach vergrößert erscheinen lasse. Grassi erkennt mit Nach- 
druck den Unkundigen gegenüber, die noch jetzt von täuschenden 
Gläsern reden möchten, den Wert der großen Erfindung an, aber 
er verwertet sie nach seinem Sinn: die geringe Vergrößerung beweist 
ihm den himmlischen Ort des Kometen, denn der Mond wird stark, 
die Fixsterne werden kaum_ vergrößert; kühn spricht er es aus: je 
ferner der Himmelskörper, um so geringer die Vergrößerung. Eii:e 
solche Verwirrung war ganz geeignet, Galilei in die Schranken zu 
rufen. 

Es fehlte ihm auch sonst nicht an diingenden Aufforderungen, 
sich an dem Streit über die Kometen zu beteiligen. Von allen Seiten, 
Freunden und Fremden, waren ihm die Zuschriften gekommen, die 
sein Urteil über die außerordentliche Erscheinung erbaten. Auch 
außerhalb Italiens rechnete man auf ihn. So verlautete aus Frankreich, 
es sei die Meinung der französischen Mathematiker, kein anderer als 
Galilei könne über die Kometen schreiben. Galilei sah sich zu jener 
Zeit außerstande, den Fragenden zu antworten^, ein ungewöhnlich 
heftiger AnfaU seines alten Leidens hielt ihn ans Lager gefesselt; er 



1 Ed. Naz. VI p. 37 „Discorso delle comete". 

- Vergl. Ed. Naz. XII p. 421, 422, 435, 438, 439, 443, 461, 471. 



— 15 — 

mußte selbst darauf verzichteu, zu sehen und beobachtend zu ver- 
folgen, was die langen Winternächte hindurch alle AVelt in Bewegung 
hielt; aber im kleineren Kreis der Florentiner Freunde teilte er seine 
Anschauungen mit; um sie auch weiterhin zur Geltung zu bringen, 
veranlaßte er seinen Schüler, Mario Guidu cci , als Konsul der Floren- 
tiner Akademie, den Inhalt ihrer Unterredungen in einem akademischen 
Vortrag wiederzugeben. Galilei erhebt nicht den Anspruch, das Wesen 
und den Ursprung der Kometen ergründet zu haben ; er will Gedanken 
und Betrachtungsweisen zur Sprache bringen, die ihm nicht Wahrheit, 
aber der Prüfung wert erscheinen, die man widerlegt haben muß, wenn 
irgendeine andere Ansicht als erwiesen gelten soll. Der Beweis Tycho 
Brahes, der aus der Kleinheit der Parallaxe auf die Entfernung 
schheßt, scheint ihm an einer Voraussetzung zu leiden, die man mit 
Unrecht als selbstverständlich betrachtet. Der Beweis besteht in 
voller Kraft, wenn der Komet, so wie er scheint, reale Existenz hat; 
er ist entscheidend gegen den, der ihn als brennenden Körper betrachtet, 
also gegen die Ansicht des Aristoteles; aber der Schluß auf die Ent- 
fernung ist unberechtigt und unanwendbar, wenn der Komet nur eine 
Erscheinung wäre, die, wie der Regenbogen und die Höfe um Sonne 
und Mond für jeden Beobachter andere sind und doch von allen in 
gleichen oder annähernd gleichen Abständen von Sonne und Mond 
gesehen werden, also keine oder nur eine geringe Parallaxe haben. 
Daß der Komet zur Klasse dieser Erscheinungen zähle, soll nicht als 
gewiß behauptet werden, aber die Annahme würde nicht weniger 
glaublich sein als alles, was man von anderer Seite vorgebracht. 
Eine geschlossene Bahn der Kometen anzunehmen, scheint ihm absurd, 
aus der scheinbaren Bewegung im größten Kreis ist nichts der Art 
zu entnehmen, auch der geradlinig aufsteigende Körper würde solchen 
Schein gewähren, der Versuch, eine solche geschlossene Bahn zu 
konstruieren, würde zu Ungeheuerlichkeiten der Exzentrizität und 
der Größe der Bahnlinie, wie der wechselnden Geschwindigkeit führen, 
die außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegen. Gegen die Zusammen- 
stellung mit den Planeten hat schon Aristoteles auf die außerordent- 
lichen Abweichungen der Kometen vom Tierkreisgürtel hingewiesen, 
wichtiger scheint für Galilei und Guiducci die seit den ältesten Zeiten 
beobachtete Tatsache, daß von den Kometen die einen wie die Planeten 
von Westen nach Osten, die anderen in der Richtung der täghchen 
Bewegung von Osten nach Westen vorschreiten; diesen Wechsel 



— 16 — 

der Rcchtläufigkeit und Riickläufigkeit auf tatsächlich verschieden 
gerichtete Be^Yegungen zurückzuführen, scheint ihnen überaus gewagt. 
Galilei findet "weniger Schwierigkeit in einer Vorstellung, nach der 
eine dunstartige Materie (die wässerigen Dünste sind ihm nur eine 
Art unter zahlreichen anderen) von der Erde aufsteige, über den 
Schattenkegel der Erde hinausgelange, das SonnenHcht reflektiere — 
und so die Erscheinung des Kometen hervorrufe. Selbstverständlich 
wäre dann die erleuchtete Stelle nur ein kleiner Teil der ausgedehnten 
reflektierenden Dunstmasse, und den Beobachtern getrennter Orte 
würde nur scheinbar von gleicher, in Wirklichkeit von stets ver- 
schiedenen Stellen das Licht zurückgestrahlt. Daß reflektierende 
Materie sich zu beträchtlichen Höhen über der Erde erhebt, beweist 
ihm die Erscheinung der Dämmerung und mehr noch das Nordlicht 
(aurora borealis), das zur Nachtzeit ei scheint und an Helle zeitweise 
dem Kometen nicht nachsteht. Daß übrigens die Erscheinung des 
Kometen, wenn sie dieser Gattung zuzurechnen ist, doch innerhalb 
der Gattung von allen übrigen verschieden sein muß, gilt als selbst- 
verständlich. Das Bild der Sonne, wie es zum Lichtstreifen gezogen 
vom Meeresspiegel zahllosen getrennten Beobachtern gleichzeitig zu- 
gestrahlt wd, die Lichtstrahlen, die, wo Sonnenlicht durch Wolken- 
lücken scheint, aller Orten vom gleichen Zentrum herabzuschießen 
scheinen, können verdeutlichen, wie bei solchen Erscheinungen die 
Beobachtung der Parallaxe ihre Bedeutung verliert — aber Galilei 
denkt nicht daran, durch solche Vergleichung seiner Anschauung eine 
bestimmte Gestalt geben zu wollen. 

Die wirkliche Bahn des Kometen muß nach dieser Ansicht mit 
der jener Dunstmaterie gleichgerichtet, also eine senkrecht gegen 
die Erdoberfläche aufsteigende gerade Linie sein; in einfacher Weise 
löste sich unter dieser Voraussetzung das Rätsel der Rückläufigkeit, 
der Komet scheint ^^^e die Planeten von Westen nach Osten zu 
gehen, wenn er westhch vom Beobachter aufsteigt; seine Bewegung 
scheint dagegen rückläufig nach Westen gerichtet, wenn sein Ur- 
sprung im Osten war. 

jMit größerer Sicherheit ist der Schweif des Kometen als ein 
Schein zu betrachten. Daß seine Ausdehnung, wie immer der Komet 
sich bewege, in die Verlängerung der Linie von der Sonne zum Kopfe 
fällt, deutet unabweishch auf den Anteil des Sonnenhchtes an seiner 
Bildung; nach Kepler ist es ein zerstörender, zerstäubender Einfluß, 



— 17 — 

den die Sonne übt: „der Schweif ist der Untergang des Kometen"; 
nach Galilei sind es Sonnenstrahlen, die den kometarischen Dunst 
teilweise durchcüingend und in ihm gebrochen den schwächeren 
Lichtschein des langen Schweifs erzeugen. Was endlich die Krüm- 
mung des Schweifs betrifft, so ist sie ein Schein des Scheinenden, 
der nach den Regeln der Perspektive sich ändert, wie der "Winkel, 
den der Schweif mit dem Horizont bildet. 

So gibt es keine Seite des Kometenwunders, die nicht in Galileis 
Hypothese ihre Deutung findet, an innerer Folgerichtigkeit zum 
wenigsten fehlt es der neuen Lehre nicht, dennoch war auch in 
Galileis Sinne die wiederholte Bemerkung, daß es sich nur um Ver- 
mutungen handle, mehr als Redeweise; er mußte sich be^s^ßt sein, 
daß bei der unbestimmten Fassung seiner Annahme ein Versuch, 
aus ihr die Erscheinungen des Kometen von 1618 im einzelnen her- 
zuleiten, sich nicht ausführen Heß, Um so zuversichtlicher spricht 
er den Beweisen für die gegenüberstehende Meinung die Entscheidungs- 
kraft ab; diese kritische Untersuchung, die Polemik gegen die Ver- 
treter einer himmlischen Natur der Kometen füllt den größeren Teil 
von Guiduccis Rede, sie richtet sich insbesondere gegen die Schrift 
des Pater Grassi. Mit unerbitthcher Schärfe zergliedert sie von Seite 
zu Seite die geometrischen Ungenauigkeiten, die Trugschlüsse und 
Sophistereien. Die überlegene Methode des Meisters ist in diesen 
polemischen Teilen ebensowenig zu verkennen wie in den belehrenden 
Ausführungen, die er stets hinzufügt, wo er ^^^derlegt. Unter letzteren 
finden wir als Erwiderung auf Grassis neue Lehre von der Fernrohr- 
vergrößerung bei Guiducci Galileis Theorie der teleskopischen Wahr- 
nehmung vollständiger erläutert als in irgendeiner seiner früheren 
Schriften. Grassi gegenüber bedurfte es nur der Verweisung auf 
die „Sternenbotschaft". Schon dort war gezeigt, daß die Vergrößerung 
der Kometen wie der Fixsterne nur darum geringer scheine, weil 
das unbewaffnete Auge die stark leuchtenden Körper vermöge einer 
eigentümlichen Wirkung des Auges von einem „Strahlenhaar" um- 
geben und darum vergrößert sehe. Das Fernrohr beseitigt die Zutat 
des Auges und vergrößert nur, was ohne sie erscheint. 

Man braucht nicht diese lichtvolle Darlegung des wahren Sach- 
verhalts der verfehlten Deduktion des Pater Grassi gegenüberzuhalten, 
um zu erkennen, auf welcher von beiden Seiten die ernste Wissen- 
schaft, auf welcher die leeren Worte stehen, derselbe Wesensgegensatz 

Wohlwill, Galilei. II. 2 



— 18 — 

findet sich wieder, wo immer man zu vergleichen versuchen würde; 
man erkennt ihn nicht minder, wo Galilei für eine unhaltbare Theorie 
in die Schranken tritt, um wider die bessere Einsicht der Schul- 
gelehrten zu streiten. Selbst im Irrtum denkt Galilei wissenschaft- 
licher als seine Gegner. Ein Wort über diesen Irrtum ist in der Haupt- 
sache nur darum hinzuzufügen, weil es üblich ist, ihn in gering- 
schätziger Weise zu erwähnen. Der Irrtum des großen Mannes ver- 
gegenwärtigt mehr noch als seine epochemachenden Entdeckungen 
den Standpunkt der Zeit, 

Wenn Galilei der bessern Einsicht eines Tycho gegenübertrat, 
so ist dadurch unzweifelhaft dargetan, daß Tychos Lehre in jenen 
Tagen noch keineswegs als die bessere erwiesen, daß ein Widerspruch 
gegen ihre Folgerungen innerhalb der Wissenschaft noch möglich w^ar; 
es ist dadurch zur Gewißheit erhoben, daß jener Entdeckung, die 
man heute als wichtigsten Fortschritt anerkennen muß, eine solche 
Bedeutung für den Anfang des 17. Jahrhunderts keineswegs zukam. 

Was die Tatsache dieses Widerspruchs bezeugt, muß die Geschichte 
erläutern, es heißt auf ein Verständnis des geschichtlichen Zusammen- 
hangs verzichten, wenn man die Tatsache in Ausdrücken des Be- 
dauerns oder im vorwurfsvollen Sinne deutet. 

Wie w^enig Tycho Brahes Entdeckung des „himmlischen Orts" 
zu jener Zeit zu befriedigenden Vorstellungen führte, erhellt aus 
Keplers Ansichten, die ganz auf Tychonischer Grundlage ruhen. Der 
Begründer der neuen Planetenlehre findet es mit dieser Erhebung 
der Kometen in den Himmel völlig vereinbar, in ihnen vergängliche, 
wolkenartige Bildungen zu sehen; er verwirft mit der geschlossenen 
Bahn jede Beziehung ihrer Bewegung auf die Sonne, jede Zusammen- 
stellung mit planetarischen Körpern. Ihm, der zuerst gewagt, die 
Ungleichmäßigkeiten in der Geschwindigkeit der Planeten nicht nur 
durch den Schein zu erklären, den die ungleichen Entfernungen her- 
vorrufen, sondern wirUiche Ungleichheit in verschiedenen Sonnen- 
abständen anzunehmen, ihm lag es doch fern, nach ähnhcher An- 
nahme die ungeheuerliche Bahn zu konstruieren, auf der Kometen 
^^ iederkehren konnten. 

Wohl hatte T3'cho Brahe für zweifellos erklärt, daß der himmlische 
Körper nur eine Kreisbahn haben kann. Auch scheint ihm die Planeten- 
ähnlichkeit keinem Zweifel zu unterliegen, aber Kepler unternimmt nicht den 
Versuch, den Gedanken auszuführen, die Kreisbahn für den Kometen von 1618 
zu bestimmen. 



— 19 — 

In der Tat war Keplers Vorstellung von zufällig verdichteten, 
zufällig zergangenen, bald westlieh, bald östlich in gerader Linie 
dahinschießenden Wolkenbildungen die einzige, in der man die Be- 
obachtungen mit Tychos Parallaxenlehre in Einklang zu bringen 
wußte — kühn genug dehnte sie das Reich des Wandelbaren weit 
über seine alten Grenzen aus; aber um so sicherer ließ sie dem Be- 
denken, dem Zweifel Raum, sie hat nur wenige Anhänger gefunden. 
Daß Kepler sie aufstellen konnte, beweist, wie fern selbst ihm noch 
der Gedanke einer allgemeinen Massenanziehung lag, aber auch ohne 
den Besitz dieser großen Erkenntnis, vor dem die geradlinige Bewegung 
durch die Himmelsräume keinen Bestand hat, konnte man etwas 
Unglaubliches in seiner Vorstellung empfinden. Es war wohl nicht 
nur der Schüler des Aristoteles, dem ,,es hart fiel, diese Meinung zu 
verstehen", der den himmlischen Körpern „keine solche unvoll- 
kommene Bewegung in einer geraden Linie zueignen konnte und 
mochte". 

So hatte Tycho Brahes Entdeckung nicht dazu beigetragen, die 
seltsame Erscheinung begreiflicher zu machen, sie mit irgendwelcher 
bekannten Erfahrung in Einklang zu bringen; was heute aller wissen- 
schaftlichen Kometenforschung zugrunde liegt, bildete damals kaum 
mehr als die Grundlage einer unwahrscheinlichen Theorie und un- 
möglicher Versuche zu andern Deutungen. Diese Sachlage veranlaßte 
Galilei zur erneuten Prüfung der Beweise Tychos. Sie gab seinem 
Einwurf eine Bedeutung, die den späteren Erfolgen der Tychonischen 
Lehre gegenüber kaum noch Anerkennung finden kann; die Berech- 
tigung seines Widerspruchs liegt in der völhgen t^nzuverlässigkeit 
aller bis dahin gewonnenen Ergebnisse; man wird ihm zugestehen 
müssen, daß im Jahre 1618 keine Kometentheorie vorhanden war, 
die zugleich den Erscheinungen genügt und den Verstand befriedigt 
hätte. Tsoch konnten Kepler und Galilei, so sehr sie anderweitig 
in ihren Ansichten voneinander abwichen, darin übereinstimmen, daß 
sie die Vorstellung von wiederkehrenden Kometen als Absurdität 
zurückwiesen, noch lag der Gedanke an eine Parabelform der Bahn 
außerhalb der denkbaren Möglichkeiten; erst mit Newtons Lehre 
sind die Voraussetzungen gegeben, unter denen Tycho Brahes wichtige 
Entdeckung fruchtbar werden konnte; es war der Freund Isaac 
Newtons, der am Ende des 17. Jahrhunderts zum erstenmal einen 
Kometen wiederkehren sah, und dieser Komet war derselbe, dessen 



— 20 — 

sorgfältige Beobachtung Kepler zur Annahme der geradlinigen Be- 
wegung geführt hatte. Erst mit IS'ewtons und Halleys Entdeckimgen 
wird die Ansicht Galileis so vollständig ausgeschlossen, daß die 
spätere Generation sie unbegreiflich findet. 

Damit ist in der Tat nicht unvereinbar, daß sie auch bei den 
Zeitgenossen nur wenig xVnklang fand; sie befriedigte so wenig wie 
die andern Theorien, aber man A\ird nicht finden, daß die Ergebnisse, 
bei denen Galileis Kiitiker sich beruhigt, den Vorzug durch größere 
Zuverlässigkeit der Beweise verdienen. Eine Beurteilung, die uns 
dies Verhältnis veranschaulicht, ist uns in einem Brief des Genuesen 
Baliani^ erhalten, Gian Batista Baliani gehörte zu den entschiedenen 
Gegnern der aristotelischen Schule, aber seine Briefe bekunden, daß 
er sich auch den Führern der neuen Wissenschaft gegenüber völlige 
Unabhängigkeit des Urteils bewahrt; so spricht er auch in diesem 
Falle offen seine ernsten Bedenken gegen Galileis Lehre aus; er findet 
die Erörterung über die Bedeutung der Parallaxe vortrefflich, aber 
er hebt mit isachdruck hervor, daß demnach der Hauptpunkt sei, 
zu erkennen, ob der Komet eins jener bewegten Bilder sei, bei denen 
keine Parallaxe gefunden wird. Was zugunsten dieser Auffassung 
angeführt wird, scheint ihm ebensowenig zu genügen wie die Zurück- 
führung der wahrgenommenen Bewegung auf das senki-echte Auf- 
steigen des kometarischen Dunstes. Seine Einwendungen sind größten- 
teils berechtigt, aber die unzweifelhaft bessere Ansicht, die er Galileis 
Vermutungen gegenüberstellt, ist jedenfalls durch seine Argumente 
nicht besser begründet. 

,,Ich kann nicht sehen", schreibt Baliani^, ,, welche Schmerig- 
keit darin liegt, zu sagen, daß der Komet ein Körper ist, aus der- 
selben Materie erzeugt wie die Planeten, nur nicht so gut zusammen- 
geleimt und deshalb leicht zu zerteilen; ich kann nicht sehen, daß 
nicht Er, der jene beim Anfang der Welt geschaffen, weil es ihm so 
gefiel, auch weiter andere erzeugen könne, bald von größerer Dauer, 
wie den Stern im Schwan, bald von kürzerer, wie die Kometen, die 
sich wieder zerteilen, weil ihre Materie der geringeren Festigkeit 
wegen von dem Medium größeren Widerstand erfährt. Und ebenso- 
wenig kann ich sehen, worin die Schwierigkeit besteht, zu sagen. 



1 Ed. Naz. XII p. 474—478. 
- Ed. Naz. XII p. 477 f. 



— 21 — 

daß, der den Planeten die regelmäßige Bewegung gab, sie auch dem 
Kometen gegeben, und daß die Verzögerung in seiner Bewegung 
davon herrühren könne, daß entweder sein Kreis für uns exzentrisch 
ist oder daß der Widerstand, den ihm das Medium entgegensetzt, 
um so größer wird, je mehr er sich auflöst und verdünnt." 

Diese Äußerungen bekunden in ihrer wenig wissenschafthchen 
Form die instinktive Neigung, die sich trotz unzulänglicher Beweise 
der Vorstellung von planetarisch geschlossenen Bahnen zuwendet; 
im übrigen wird man der Erwiderung Galileis wenig hinzuzufügen 
haben. 

„Für alle diese Behauptungen", schrieb Galilei an den Rand 
des Briefs^, „ist keinerlei Schwierigkeit vorhanden, ja, wenn, was 
ich gesagt habe, dem widerspräche, müßte man es nicht nur als 
falsch, sondern als ketzerisch betrachten. Ich behaupte jedoch nicht 
allein, daß alle diese Dinge gesagt werden können, sondern auch, 
daß dies die leichteste, einfachste und bequemste Weise ist, diese 
und alle anderen schwierigeren Probleme zu lösen." — 

Wie alles, was von Galilei ausging, erregte auch seine Kometen- 
lehre in weiten Kreisen Aufsehen und Teilnahme. Guiduccis Rede 
wurde gedruckt und rasch verbreitet; sie wurde dem Erzherzog 
Leopold gewidmet, der unter vielen andern Galileis Ansicht erfragt 
hatte.2 Auch in der weiteren Öffentlichkeit schien es Galilei an- 
gemessen, den Freund statt seiner reden zu lassen. AVenn ihn dabei 
die Abneigung bestimmt hat, von neuem persönlich in Streitigkeiten 
mit den peripatetischen Gelehrten verwickelt zu werden, so war 
dafür das Mittel schlecht gewählt. Bei Freund und Feind galt bald 
genug nur Galilei als Verfasser des Discorso delle comete. Mario 
Guiducci selbst erhebt, soweit er die neue Lehre vorträgt, keinen 
andern Anspruch als den, für des Meisters Ansichten ein guter Kopist 
zu sein. Er sucht seine Ehre darin im Gegensatz zu jenen Leuten, 
die sich für den Apelles ausgeben, wo sie sich Galileis Lehren an- 
eignen.3 Die Sprache, die Art der Darstellung und der Deduktion 
ist unverkennbar die Galileis; aber mehr noch: in dem noch vor- 
handenen Manuskript des Discorso ist der ganze Abschnitt, der von 

1 Ed. Naz. XII p. 478. 

2 Ed. Naz. XII p. 435, 468. 

^ Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Guiducci nicht einmal so viel 
seieistet hat. 



— 22 — 

Galileis Kometenlehre handelt, von dessen eigener Hand geschrieben. 
Genug des Beweises, daß für diesen Teil zum mindesten Galilei allein 
als Verfasser zu betrachten ist. Schon aus Rücksicht auf den Freund 
hat Galilei dies Verhältnis niemals offen zugestanden, aber ebenso- 
wenig verwandte er besondere Vorsicht darauf, es zu verheimlichen; 
er übersandte die Schrift seinem Fürsten, Gönnern und Freunden, 
wie ein eigenes Werk und nahm ihre anerkennenden Äußerungen 
in gleicher Weise entgegen. 

So konnte es kaum überraschen, daß man in Rom und ins- 
besondere im Collegium Romanum auch die strenge Beurteilung des 
Ordensgenossen ausschließhch Gahlei zuschrieb, war doch in den 
gelehrten Kreisen kaum irgendjemand im Zweifel darüber, daß in 
der Tat Gahlei „gegen die Jesuiten" geschrieben hatte; zwar hatte 
Guiducci vorsichtig vor der Veröffentlichung den Rat von Männern 
erbeten, die dem Jesuitenorden nahestanden, um alle verletzenden 
Äußerungen zu tilgen — aber verletzend war an dieser Stelle schon 
die Tatsache, daß dem Mathematiker des Collegium Romanum öffent- 
lich widersprochen, daß ihm logische und mathematische Schnitzer 
nachgewiesen waren; sollte aber Fehde sein, so hatten's auch die 
Jesuiten lieber mit einem Galilei als mit einem Guiducci zu tun. 
Gleich nach dem Erscheinen der Schrift sprach Ciampoli^ sein leb- 
haftes Bedauern über diese Polemik aus; dem wachsamen Freund 
mißfiel es, daß Galilei zum Streit herausforderte, wo man ihm bis 
dahin besonderes Wohlwollen und in öffenthchen Äußerungen ehrende 
Anerkennung be\Niesen hatte; er wußte, was der Verlust dieser Ge- 
sinnungen zu bedeuten hatte. Mit besorgtem Sinn schrieb er nach 
Florenz: ,,die Jesuiten sehen sich als schwer beleidigt an, sie rüsten 
sich zur Antwort. "^ 

Noch im selben Jahr, 1619, erschien die Antwort unter dem 
Titel: Astronomische und philosophische Wage, durch welche 
die Meinungen des GalUeo Galilei über die Kometen, wie sie von 
Mario Guiducci in der Florentiner Akademie vorgetragen und kürzlich 
veröffentlicht sind, geprüft werden von Lothario Sarsi, dem 
Sigensaner.3 In der Schrift gibt sich Sarsi für den Schüler des 
P. Grassi aus; in Wirklichkeit war hinter dem Pseudonymen Ver- 

1 Ed. Naz. XII p. 466. 

2 Ed. Naz. XII p. 466. 
' Ed. Naz. VI p. 9. 



— 23 — 

fasser niemand anders als der Pater selbst verborgen; daß er nicht 
allzu ängstlich seine Mitwirkung zu verheimlichen wünschte, bew^eist 
die Wahl des Xamens, der aus den Buchstaben seines eigenen (Horatio 
Grassi aus Salona) zusammengestellt ist. 

Die „Wage" geht über Guiducci mit wenigen Worten hinweg; 
aus Galileis Briefen an seine römischen Freunde will Sarsi erfahren 
haben, daß die Rede das Werk des Lehrers, nicht des Schülers sei; 
in geschmacklosem Wortspiel glaubt er sich überdies durch Guiduccis 
eigene Worte gerechtfertigt, wenn er sich ,, gegen den Diktator, nicht 
gegen den Consul" wendet. Daß Guiducci doch nur insofern Kopist 
sein wollte, als er über Galileis Lehre berichtete, keineswegs auch 
in dem historischen und kritischen Teil seiner Schrift, schien keiner 
weiteren Beachtung wert. So schreibt er ohne weiteres Galilei nicht 
nur die Ideen, sondern auch die Äußerungen des Discorso delle comete 
zu und richtet gegen ihn ausschließlich seine Streitschrift. 

Die Wage verteidigt die Rede Grassis, die überall Beifall, nur 
bei Galilei Tadel gefunden habe; sie bekämpft in weitläufigen Aus- 
führungen Galileis neue Tlieorie und beleuchtet in ihrem letzten 
Teil die übriggebliebenen Einzelheiten, in denen Guiduccis Vortrag 
althergebrachten Ansichten widerspricht. Auch diese Schrift würde 
nur sehr ungenügend gekennzeichnet sein, wenn man hervorhebt, 
daß sie die bessere Lehre Tychos vertritt. Es fehlt allerdings in der 
Polemik gegen Galileis Kometentheorie nicht an treffenden Be- 
merkungen. Es ist ein Einwurf, der sich hören läßt, wenn Sarsi die 
Zusammenstellung der Kometen mit den Erscheinungen atmo- 
sphärischen Ursprungs durch einen Vergleich mit den Wolken verwirft. 
„Alle Wolken", sagt er, — ,,wenn sie irgendwelche Verwandtschaft 
mit dem Stoff der Kometen haben — lassen, wenn sie so dicht und 
dunkel sind, daß sie die Sonnenstrahlen nicht frei durchlassen, wenig- 
stens an der Seite, wo sie auf die Sonne zurückblicken, diese mit 
gegenseitiger Freigebigkeit zu uns reflektieren. Wenn sie aber zart 
sind und das Licht ungehindert an jeder Stelle sie durchdringen kann, 
so zeigen sie sich an keiner Stelle dem Blick des Betrachters dunkel, 
sondern überall von hellem Licht Übergossen. Wenn also der Komet 
aus keinem anderen Stoff besteht als aus derartigen rauchenden 
Dünsten, die nicht zu einem Haufen zusammengedrängt sind, sondern, 
wie er selbst sagt, einen sehr weiten Himmelsraum einnehmen und 
an jeder Seite vom Sonnenhcht erglänzen, ^^'ie ist es möglich, daß er 



— 24 — 

den Betrachtern immer mir in einem engen und kleinen Ki'eise er- 
scheint und die übrigen Teile desselben Dunstes, die ja vom gleichen 
Sonnenlichte bestrahlt werden, niemals sich zeigen. "^ 

So trifft Sarsi auch ohne Zweifel das Richtige, wenn er von 
Galilei verlangt, daß er die Abhängigkeit der vermeintlichen Er- 
scheinung von dem Stand der Sonne an den Beobachtungen nach- 
weise; was den Kometen von 1618 betreffe, so habe seine Bewegung 
mit der Sonne nicht mehr und nicht weniger zu tun als Leute, die 
im Sonnenschein Spazierengehen. 

"Wo dagegen die Kritik über das Allgememste hinausgeht, wo 
sie im einzelnen tadelt, widerlegt und verbessert — da tritt fast ohne 
Ausnahme eine beschränkte oder mißverständliche Auffassung, Un- 
wissenheit und vor allem ein völliger Mangel an Achtung vor dem 
überlegenen Gegner zutage. So verdirbt er die eben hervorgehobene 
richtige Betrachtung durch den falschen Beweis: triumphierend 
zeigt er, daß der Komet sich nach ^N'orden wandte, als die Sonne 
südwärts ging — und gibt damit Galilei allzu leichtes Spiel auch 
in der Hauptsache; denn genau dies mußte geschehen, wenn der 
Komet nur ein Reflex war: stets geht das Bild in entgegengesetzter 
Richtung wie der Spiegel. !Xirgends denkt sich Sarsi seine Gegner 
auch nur gegen den oberflächlichsten Einwurf gesichert, nirgends 
scheut er sich, was Galilei in allgemeinen Umrissen entworfen, nach 
Willkür in bestimmte Form zu bringen, und dann durch die elemen- 
tarste mathematische Betrachtung als unmöglich zu ei-weisen, was 
niemand, und am allerwenigsten GaHlei, für möglich halten konnte. 
So glaubt er beweisen zu können, daß der Komet, wenn er nach 
Galileis Ansicht senki-echt aufstiege, nicht allein niemals das Zenith 
des Beobachters erreichen, sondern nicht einmal um mehr als 172° 
über den Horizont sich erheben könnte; allerdings mußte er dafür 
den Fall so wählen, daß der Komet 60° vom Ort des Beobachters 
entfernt aufstiege und erst in einem Abstand der Mondfeme sichtbar 
würde, und so besteht in Wirklichkeit kein Beweis darin, Bedingungen 
auszuwählen, unter denen der Komet unmöglich eine größere Höhe 
über dem Horizont erreichen konnte, also Bedingungen, die für 
Galilei im voraus ausgeschlossen waren. So suchte er Galileis Ansicht 
durch die Behauptung zu widerlegen, daß alle optischen Phänomene 



1 Ed. Naz. VI p. 137-138. 



— 25 — 

ähnlicher Art in Kreisform erschienen und erscheinen müßten, so 
der Regenbogen, so die Höfe um Sonne und Mond, aber es kam ihm 
nicht in den Sinn, daß diese Betrachtung nur gewisse Bildungsweisen 
unter vielen möglichen beseitigte, und daß wohl auch Galilei seine 
Vorstellung nicht gerade auf Umstände beschränken würde, die 
nach einfacher geometrischer Überlegung für seine Zwecke nicht 
genügten. 

Zeigt sich bei solchen Gelegenheiten nur, wie wenig Horatio 
Grassi nach dem Umfang seiner Kenntnisse der Mann war, einem 
Galilei, selbst WTun er irrte, gegenüberzutreten, so läßt der größere 
Teil der Schrift auch darüber keinen Zweifel, daß ein Verlangen 
nach wahrer Erkenntnis, ein ernstes wissenschaftliches Forschen auf 
dieser Seite überhaupt nicht vorhanden war. Grassi gibt zwar vor, 
Galilei seiner Talente wegen hoch zu achten, aber nirgends findet 
sich in seiner ,,Wage" eine Andeutung, daß er Galileis Lehren im 
einzelnen oder ganzen prüfe, um sich anzueignen, was wertvoll, zu 
verwerfen, was unhaltbar scheint — seine Absicht ist offenbar darauf 
beschränkt, zu bekämpfen und zu verwerfen, mit einem Wort: gegen 
Galilei zu schreiben. 

Für diese polemischen Zwecke eignete sich vortrefflich die 
Methode der Schule, Behauptungen an den Regeln der formalen 
Logik zu messen, aber diese Form der Beweisführung ruft nur um 
so mehr den Eindruck hervor, daß den Beweisen der Hintergrund 
einer ernsten Überzeugung fehlt. Auch der redlichste Wille konnte 
nicht verhindern, daß auf diesem Wege der Streit um wissenschaft- 
liche Wahrheit sich in einen Streit um Sätze und Ausdilicke ver- 
wandelte; trat dann noch, me bei Grassi, die streitsüchtige Absicht 
hinzu, so war es zwar leicht, ein Buch mit Widerlegungen zu füllen, 
aber dieses Buch mußte um so deutlicher den Gegensatz zur ernsten 
Wissenschaft an der Stirn tragen. Man kann sich eine Vorstellung 
von der Breite dieser unfruchtbaren Disputationen machen, wenn 
man hört, wie Grassi einzelne, für den Zusammenhang bedeutungslose 
Äußerungen Galileis aufs gründlichste abtut. 

Der Behauptung Grassis gegenüber, daß durch das Fernrohr 
die Fixsterne unmerklich oder gar nicht vergrößert werden, hatte 
Guiducci darauf verwiesen, daß durchs Fernrohr Sterne sichtbar 
werden, die für das unbewaffnete Auge nicht vorhanden sind und 
— selbstverständlich, ohne mathematisch reden zu wollen — hatte 



— 26 — 

er hinzugefügt: der Übergang vom Nichtsichtbarsein zum Sichtbar- 
sein entspricht doch eher einer unendlichen Vergrößerung als keiner. 
In dieser Äußerung findet nun Sarsi die willkommene Gelegenheit, 
den Vorwurf ungenügender Logik zurückzugeben, den Guiducci 
gegen seinen Lehrer Grassi gerichtet hat. Sarsi findet Guiduccis 
Äußerung \ierfach unlogisch.^ 

1. Guiducci selbst hat behauptet, daß alles durchs Fernrohr 
in gleichem Verhältnis vergrößert wird, wenn das Fernrohr also die 
Sterne, die mit bloßem Auge sichtbar sind, im bestimmten Ver- 
hältnis, vielleicht hundertfach vergrößert, so muß es auch das Un- 
sichtbare im selben Verhältnis vergrößern — die Zunahme kann 
also keine unendliche sein. 

2. Wenn jemand so argumentiert: Was aus dem Unsichtbarsein 
in das Sichtbarsein übergeht, nimmt unendlich zu, aber die Sterne 
gehen von der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit über: also nehmen 
sie unendlich zu — so wird der Vordersatz näher zu bestimmen sein. 
Sie werden unendlich vergrößert in bezug auf Sichtbarkeit — zu- 
gegeben; sie werden unendlich vergrößert in bezug auf Quantität — 
das leugne ich, und so wird auch den Schluß dieselbe Unterschei- 
dung bestimmen: sie nehmen zu an Sichtbarkeit, aber nicht an 
Quantität. So ist klar, daß die Zunahme im Vordersatz und im 
Schluß auf verschiedenes bezogen wird, dort auf Sichtbarkeit, hier 
auf Quantität. 

3. ist ein Gesetz der Logik, daß, so oft eine Wirkung von meh- 
reren Ursachen herrühren kann, mit Unrecht aus der Wirkung nur 
auf eine geschlossen werde ; so kann es von vielen Ursachen abhängen, 
daß sichtbar wird, was nicht gesehen wurde; es kann, wenn das 
Objekt unverändert bleibt, entweder die Sehkraft für sich zunehmen 
oder ein Hindernis beseitigt werden oder durch ein Instrument die 
Sehkraft stärker werden; oder bei unveränderter Sehkraft kann das 
Objekt heller beleuchtet werden oder näherrücken oder seine Masse 
kann zunehmen — eins davon genügt, die Wirkung hervorzubringen, 
so widerspricht es den Eegeln der Logik, daraus, daß früher unsicht- 
bare Sterne sichtbar werden, zu schließen, daß sie eine unendliche 
Vergrößerung erfahren haben; und diese Zunahme ist dem Fernrohr 
nicht zuzuschreiben, denn wenn Galilei seine Augen schließt und 



1 Ed. Naz. VI p. 122-124. 



— 27 — 

wieder öffnet, so kann er mit demselben Recht sagen, daß nun alles 
unendlich vergrößert sei usw. 

Es folgt noch ein vierter Beleg, die drei werden genügen, eine 
Vorstellung von den Gegnern zu geben. 

Ein Mann, dem solche Künste zugebote standen, brauchte 
auch den klar zutage liegenden Fehlgriff nicht einzugestehen. Grassis 
Erfindung, aus dem Grad der Vergrößerung durch das Fernrohr 
auf die Entfernung des Himmelskörpers zu schließen, war von 
Guiducci als völlig absurd bezeichnet. Grassi selbst konnte nicht 
daran denken, sie zu verteidigen, aber er wußte seinen Rückzug zu 
decken. Guiducci hätte geäußert: eine Täuschung über die Un- 
abhängigkeit der Vergiößerung von der Entfernung könne davon 
herrühren, daß man bei der Betrachtung näherliegender Gegenstände 
das Fernrohr durch Ausziehen mehr verlängere und auf diese Weise 
stärker vergrößerte Bilder erhalte, aber das verlängerte Instrument 
sei nicht mehr dasselbe. Diese Belehrung griff nun Grassi mit Eifer 
auf; er hatte von der veränderten Länge des Fernrohrs auch nicht 
andeutungsweise geredet, jetzt argumentiert er, als hätte gerade 
diese Betrachtung ihn bei seiner Untersuchung über die Entfernung 
der Kometen geleitet und als sei es Galilei, der hier der Unterweisung 
bedürftig sei: ^ 

„Denn ich frage ihn, wenn er sein bestes Ferm'ohr in die Hand 
nimmt, um einen Gegenstand innerhalb des Zimmers oder Hofes 
zu betrachten, ob es dann nicht weit ausgezogen werden muß. Ganz 
recht, wird er antworten. Wenn er aber mit demselben Instrument 
einen Gegenstand betrachten will, der vom Fenster weit entfernt ist, 
dann muß es — das wird er zugeben — zusammengezogen und wegen 
der weiten Entfernung des Betrachtungsobjektes verkürzt werden. 
Wenn ich aber nach dem Grund des Ausziehens und Zusammen- 
ziehens frage, so wird man auf jeden Fall zur Erklärung auf die Art 
des Instrumentes zurückgreifen müssen. Denn das Fernrohr muß 
nach den Gesetzen der Optik zur Betrachtung in der Nähe befind- 
licher Gegenstände ausgezogen, zur Betrachtung entfernter Objekte 
jedoch zusammengezogen werden. Da also durch das Ausziehen 
und Zusammenziehen des Fernrohrs, vde er ja selbst sagt, eine Ver- 
größerung bzw. Verkleinerung der Betrachtungsobjekte entsteht. 



1 Ed. Naz. VI p. 128/129. 



— 28 — 

\vird er mir schon gestatten müssen, auf Grund dessen folgenden 
Satz aufzustellen : 

Alles, was nur mit einem ausgezogenen Ferm'ohr betrachtet 
werden kann, wd notwendigerweise vergrößert; alles, was nur mit 
einem zusammengezogenen Fernrohr betrachtet werden kann, wii*d 
verkleinert. Alle in der Nähe befindlichen Gegenstände können nur 
mit einem ausgezogenen, alle weiter entfernten nur mit einem zu- 
sammengezogenen Fernrohr betrachtet werden; also alle in der Nähe 
befindlichen Gegenstände werden vergrößert, alle weiter entfernten 
verkleinert. Wenn in dieser Beweiskette der Hauptsatz als richtig 
erwiesen ist, so werden, wie ich annehme, die nötigen Folgerungen 
nicht geleugnet werden." 

Den ersten Satz, meint Grassi, werde Galilei ohne weiteres zu- 
geben, den zweiten wenigstens für Gegenstände, die weniger als eine 
halbe Meüe entfernt seien; aber von solchen ist nicht die Rede, es 
handelt sich um die verschiedene Vergrößerung des Mondes und 
der Sterne, und in der Tat, was weiter als eine halbe Meile entfernt 
ist, pflegt man mit einem Rohr von gleicher Länge zu betrachten — 
also — sollte man glauben, ist die ganze Deduktion in nichts zerfallen; 
aber Grassi fährt fort: daß man so verfährt, hegt nicht etwa daran, 
daß man nicht strenggenommen auch jetzt noch für größere Ent- 
fernungen eine weitere Verlängerung anwenden müßte, sondern 
daran, daß diese Verlängerung eine so geringe wird, daß kein großer 
Unterschied ist, wenn man sie ganz vernachlässigt — streng mathe- 
matisch geredet, müsse jedoch die Verlängerung immer weiter ge- 
trieben werden und so auch die Fixsterne mit einem kürzeren Fern- 
rohr betrachtet werden als der Mond. 

Daß mit diesem „strenggenommen" die Nichtigkeit der ganzen 
Beweisführung eingeräumt ist, weiß Grassi geschickt zu verdecken. 
Nach all den leeren Worten hat er den Mut, den Schein einer klein- 
lichen Spitzfindigkeit auf Gahlei zu werfen. Er läßt ihn — wie über- 
rascht durch die scharfe Logik des Gegners — einwenden: daß die 
verschieden verlängerten Instrumente verschiedene Instrumente seien. 
Die klein hche Bemerkung gibt Grassi Gelegenheit, zu zeigen, daß 
er nicht streitsüchtig sei; großmütig geht er auf die Betrachtung 
ein: nichts ist am Sinn seiner Schlußfolgerung geändert, wenn er, 
nachgiebig in Worten, sie so gestaltet: was mit verschiedenen In- 
strumenten betrachtet werden muß, wird verschieden vergrößert; 



1 



— 29 — 

aber Nahes und Fernes muß mit verschiedenen Instrumenten be- 
trachtet werden: also \Yird Nahes und Fernes durch das Instrument 
verschieden vergrößert. 

Jetzt, wo ein neuer Wortschwall den Leser betäubt hat, läßt 
er in der Tat den Gegner auf den Kern der Sache kommen, ,, streng 
mathematisch genommen", sagt Galilei, ist das völlig wahr, aber 
das kommt hier nicht in Betracht, denn da für Mond und Sterne 
ein Rohr von gleicher Länge verwandt vdrd, so kann die ungleiche 
Entfernung nicht die Ursache der ungleichen Vergrößerung sein, 
und nun, nach allem seitenlangen Gerede, gibt Grassi zu: es möge 
so sein, es möge vielleicht in Wirklichkeit die Vergrößerung von 
Mond und Sternen die gleiche sein, aber sie scheine verschieden, 
und wenn Galilei das durch die Eigentümlichkeit des Fernrohrs 
deute, daß es die leuchtenden Himmelskörper ihres Strahlenhaars 
beraube — so sei gerade dadurch als völlig w^ahr erwiesen, daß, sofern 
nur alles erwogen wird, was sich aus der Optik ergibt, die Sterne 
durch das Fernrohr, wenigstens in der Erscheinung, weniger ver- 
größert w^erden als der Mond. Zeige doch Galilei selbst, daß die 
Planeten, je näher der Sonne, um so mehr an dem fremdartigen Licht- 
schein der selbstleuchtenden Körper teilnehmen, und darum um so 
weniger vergrößert erscheinen. 

So wird denn schließlich als unbestreitbar erkannt, daß der 
Komet von 1618, da er nur sehr wenig vergrößert erschien, um vieles 
weiter als der Mond von uns entfernt zu nennen war. Galilei selbst, 
so schließt der Gegner triumphierend, sieht nun ein, wie er mit Un- 
recht unsere Ansicht über das Fernrohr bekämpft hat, denn er er- 
kennt, daß sie der Wahrheit, wie seinen eigenen Ansichten nirgends 
widerspricht, er hätte es früher einsehen können, wenn er mit ruhigerem 
Sinn geprüft hätte." 

So wird die Fiktion, der Verfasser sei im Eecht, in Worten bis 
zum Schlüsse durchgeführt, während dem Inhalte nach alles zurück- 
genommen ist, was Guiducci bestritten hatte. 

Es bedarf keines weiteren Beispiels, um Sarsis „Wage" zu kenn- 
zeichnen. Trotz Galileis Irrtum bedeutete im Grunde auch Sarsis 
Schrift nur einen weiteren Waffengang in dem Kampf auf Tod und 
Leben, den gegen ihn und seine Wissenschaft die Scheinwissenschaft 
der Schule zu führen hatte. 

Aber für Galileis persönliches Schicksal wird eine neue, ernste 



— 30 — 

Wendung dieses Streits dadurch bezeichnet, daß die mächtigsten 
unter den Gegnern, die Jesuiten, sieh mit offenen Worten die Be- 
leidigten nennen und keinen Zweifel darüber lassen, daß sie ent- 
schlossen sind, als Feinde zu erwidern, wo sie persönlicher Anfeindung 
zu begegnen glaubten. Als Feindseligkeit gegen das Collegium Roma- 
num wird die Bekämpfung seines Vertreters betrachtet, man zeiht 
Galilei des Undanks, da ihm die gelehrten Väter stets mit Achtung 
begegnet seien, ja, ihn ihrer Freundschaft gewürdigt hätten. Man 
hält ihm vor, daß in demselben Collegium Romanum, in seiner Gegen- 
wart und in ehrenvollster Weise für ihn, öffentlich über die Medicei- 
schen Gestirne und das Fernrohr disputiert sei, und ebenso sei an 
derselben Stelle mit vollem Beifall seine Lehre von den schwimmenden 
Körpern zur Sprache gebracht, ja, als später Grassi erfahren habe, 
daß Galilei durch eine Stelle seiner Rede sich gekränkt gefühlt, 
habe er sich beeilt, die bestimmteste Versicherung zu erteilen, 
daß ihm nichts ferner gelegen habe, als Galilei zu verletzen. 
Galilei habe sich für befriedigt erklärt, nun aber zeige er, daß 
er lieber, soviel an ihm sei, auf den Freund verzichten wolle, als 
auf ein Wort. 

So geht ein bitterer, feindseliger Ton durch die Polemik der 
„Wage"; es war nur ein leichter Ausbruch des Übelwollens, wenn 
Sarsi wie im Vorübergehn das Fernrohr ,,zwar nicht sein Kind, doch 
seinen Zögling" nennt. ^ Sarsi wußte, daß er mit diesem Wort Galileis 
verwundbare Stelle traf. Ernsterer Art waren seine wiederholten 
Hindeutungen auf das Dekret der Index-Kongregation gegen die 
copernicanische Lehre; die Absicht, zu provozieren, tritt hier zweifellos 
zutage. Diese Äußerungen gewähren uns zugleich eigentümlichen 
Aufschluß über die Bedeutung, die dem Dekret von den treuen An- 
hängern der Kirche beigemessen wurde. Man betrachtete nicht etwa 
die Erörterungen über alle Gegenstände, die mit der Bewegung der 
Erde zusammenhängen, als ein unzugängliches Gebiet, die kirchhche 
Entscheidung wird vielmehr als ein Bew^eis wie jeder andere in die 
Erörterung eingeführt; was ohne die Bewegung der Erde nicht zu 
erklären ist, gilt bei Sarsi schon dadurch für widerlegt, für unmöghch 
in demselben Sinne, wie eine Behauptung, die mit Grundlehren der 
Logik und der Mathematik im Widerspruch steht. 



1 Ed. Naz. VI p. 127. 



— al- 
so rechtfertigt er seinen Lehrer gegen Giiiduccis Vorwurf, daß 
er die Möglichkeit einer geradlinigen Bewegung der Kometen gar 
nicht in Betracht gezogen; niemand habe bisher eine solche Annahme 
zur Sprache gebracht außer Kepler. Der aber müsse, um durch seine 
Theorie alle Erscheinungen zu erklären, die Bewegung der Erde zu Hilfe 
nehmen. Dies sei den Katholiken in keiner Weise gestattet, und deshalb 
habe er geglaubt, eine Meinung als unrichtig betrachten zu müssen, 
die man mit frommem und heiligem Sinne nicht vertreten könne, ^ 
Daß Sarsi die Gelegenheit sucht, die Rede auf Copernicus zu 
bringen, sieht man gleich anfangs. Guiducci hat bemerkt, der Redner 
des CoUegium Romanum sei in allen Dingen mit Tycho einverstanden. 
Er denkt dabei an nichts weniger als an Tycho Brahes Weltsystem, 
aber Sarsi paßt es, die Worte so zu wenden. Er leugnet zwar, daß 
irgendetwas außer der Ortsbestimmung der Kometen in jener Rede 
tychonisch sei, aber es sei, ruft er, angenommen, er hätte dem Tycho 
zugestimmt. ,,Was für ein Verbrechen wäre das? Wem sonst soUte 
er sich anschließen? Dem Ptolemäus? Dessen Anhängern der Mars, 
seit er uns so viel näher gerückt ist, das Messer an die Kehle setzt? 
Dem Copernicus? Aber wer religiös ist, ^vi^d vielmehr von ihm sich 
abzuwenden suchen und wird die kürzlich verdammte Hypothese 
gleichermaßen verdammen und verwerfen. So bliebe von allen Tycho 
übrig, den man zum Führer durch die unbekannten Bahnen der 
Gestirne wählen könnte. Warum also ereifert sich Galilei ^^•ider 
meinen Lehrer, daß er ihn nicht verschmäht?" - 

Fand Sarsi es für seine Zwecke nützlich, in so willkürlicher IVIiß- 
deutung Vorv^iirf und Zorn zu verdichten, so konnte er sich um so 
weniger die Verdächtigung entgehen lassen, die ihm der Gegner in 
einer Art von Selbstanklage arglos dargeboten hatte. 

Bei der Erörterung der geradlinigen Bewegung, die Galilei dem 
Kometen zuschreibt, hatte Guiducci hinzugefügt, daß auf diese Weise 
eine stete Annäherung an das Zenith erfolgen müsse; um die tat- 
sächlich beobachtete Abweichung des Kometen nach Xorden zu 
erklären, sei entweder eine weitere Ursache hinzuzunehmen oder 
eine ganz andere Erklärung aufzustellen. ,,Das letztere zu tun, ver- 
mag er nicht, das erstere wagt er nicht." ^ 

1 Ed. Naz. VI p. 119f. 
- Ed. Naz. VI p. 116. 
3 Ed. Naz. VI p. 146. 



— 32 — 

Deutlich genug weisen die Worte auf eine Mitwirkung der Erd- 
bewegung, aber Guiducci beseitigt jeden Zweifel über die Absicht, 
wenn er fortfährt:^ „Schon Seneca hat erkannt, und geschrieben, 
wie wichtig für die sichere Bestimraung dieser Dinge es wäre, eine 
zuverlässige und zweifellose Kenntnis der Anordnung und Folge 
der Zustände und Bewegungen der Weltkörper zu besitzen; eine 
solche ist unserem Zeitalter vorenthalten, deshalb müssen wir uns 
mit dem wenigen begnügen, was wir so im Dunkeln mutmaßen 
können, bis uns die wahre Konstitution der Teile der Welt kund- 
getan wird, denn die uns Tycho versprochen, ist unausgeführt ge- 
bheben." 

Ivlar genug sagen die Worte: w könnten copernicanisch er- 
klären, wenn wir dürften, aber wii* erkennen an, daß war nicht dürfen — 
das war die Sprache, in der die Copernicaner ihre Unterwerfung 
unter das Dekret bekundeten. Aber die Kirche forderte den Verzicht 
nicht nur auf Äußerungen, sondern auf die Überzeugung selbst, die 
sie verdammt hatte. Es konnte Sarsi nicht schwer sein, den ver- 
botenen Glauben hinter den gehorsamen Worten zu entdecken. „Es 
ist doch zu ver\\^mdern", schreibt er, „daß ein offener und durchaus 
nicht ängstlicher Mensch plötzlich von solcher Furcht befallen wird, 
daß er nicht wagt, das Wort, das er im Sinne hat, vorzubringen. 
Ich aber habe nicht das Talent, zu raten — ich frage also, ob diese 
weitere Bewegung — Guiducci hat freilich nur von weiterer Ursache 
geredet — durch die er trefflich alles erklären könnte und die er 
nicht vorzubringen wagt, seinem kometarischen Dunst zukommen 
soll oder einem andern Etwas, dessen Bewegung nachher den Schein 
einer Bewegung des Kometen hervorruft."^ 

Sarsi kann diesen andern Körper nicht finden, „denn da es für 
Galilei keine ptolemäischen Himmelskreise gibt, da nach seinem 
System im Himmel nichts Festes sich findet, so wird er nicht glauben, 
daß der Komet durch die Bewegung jener Kreise Bewegungen an- 
nehme, die nach seiner Meinung nirgends zu finden sind. Aber da 
höre ich eine Stimme leise und schüchtern mir ins Ohr flüstern — 
die Bewegung der Erde. Hebe dich von mir, du Wort, der Wahrheit 
fremd, und frommen Ohren hart. Wahrlich, Vorsicht war's, es mit 



1 Ed. Naz. VI p. 98f. 
- Ed. Naz. VI p. 145. 



— 33 — 

verhaltener Stimme zu flüstern; aber stände die Sache so, so wäre 
es um Galileis Meinung geschehen, die auf keinem andern Grunde 
ruhte, als auf diesem falschen. Denn wenn die Erde sich nicht be- 
wegt, so stimmt diese geradlinige Bewegung mit den Beobachtungen 
des Kometen nicht, aber daß die Erde sich nicht bewegt, ist bei den 
Katholiken gewiß; es wird also ebenso gewiß sein, daß diese gerad- 
linige BevN'egung mit den Kometenbeobachtungen durchaus nicht im 
Einklang und deshalb nicht tauglich ist, unsere Sache zu entscheiden; 
auch glaube ich, schließt er mit heuchlerischer IVIiene, daß solches 
nie Galilei in den Sinn gekommen, denn ich habe ihn immer als fromm 
und religiös gekannt."^ 

Kaum vier Jahre waren seit der Denunziation der Dominikaner 
verflossen, und schon hören wir von neuem Lorinis treuherzige Weise : 
fern sei es von mir, daß ich sie nicht für gute Christen hielte. An- 
deuten wollte Grassi wenigstens, über welche Waffen man für den 
weiteren Streit zu gebieten hatte. Vorläufig genügte der literarische 
Triumph; daß Galilei durch seinen Gegner „vernichtet" sei, galt 
unter den Jesuiten für ausgemacht; sie verkündeten es laut, niemand 
bemühte sich, zu verheimlichen, daß die ,,Wage" aus dem Collegium 
Romanum konmie, daß Sarsi und Grassi dieselbe Person sei. Un- 
mittelbar nach dem Erscheinen (Oktober 1619) überbrachte Grassi 
selbst seine Schrift dem Giovanni CiampoH"^, den er als Galileis Ver- 
ehrer kannte, er sagte ihm, er habe seine Gründe vorgetragen, so 
gut er gekonnt, habe jedoch stets ehrenvoll von Galilei geredet. 
Von solcher persönlichen Rücksicht konnten allerdings die Leser 
der jjWage" nicht viel gewahren, vielmehr erregten der anmaßende 
Ton, die boshaften Spaße der Schrift den lebhaftesten Unwillen bei 
allen, die auf Galileis Seite standen. Galilei selbst war überrascht, 
die Unwissenheit und Unwahrheit des Gegners befremdete ihn in 
gleichem Maße wie die feindselige Haltung, er konnte sich kaum 
entschließen, Ciampolis Versicherungen zu glauben, daß wirklich 
Grassi der Verfasser sei. 

Daß eine Erwiderung auf die „Wage" unerläßlich war, begriff 
ein jeder. Es handelte sich nicht nur um einen wissenschaftlichen 
Streit, um eine Abwehr sophistischer Angriffe — es war durch Grassis 



1 Ed. Naz. VI p. 145f. 
- Ed. Naz. XII p. 494f. 

Wohlwill, Galilei. II. 



— 34 — 

Schrift vor allem Guiducci enipfindlich beleidigt, mit ihm die Floren- 
tiner Akademie, in deren Namen er gesprochen hatte, nnd die Aka- 
demie der Lyncei. der er gleichfalls angehörte, die letztere überdies 
durch ein mutwilliges Spielen mit ihrem Namen, das um der Ehre 
willen nicht ungeahndet bleiben durfte. Diese Schrift unbeantwortet 
lassen wäre für Freund und Feind mit einem Zugeständnis der Nieder- 
lage gleichbedeutend gewesen, und als unterliegenden Teil hätte man 
nach allen vorausgegangenen Kämpfen nicht mehr Galilei allein, 
sondern „die neue Wissenschaft", als Sieger im Streit nicht Grassi, 
sondern die Schulwissenschaft und das Collegium Romanum be- 
trachten müssen. So wurde auch die Erwiderung als gemeinsame 
Angelegenheit von den Gesinnungsgenossen in Rom und Florenz 
nach allen Richtungen erwogen und erörtert, mit lebhaftestem Eifer 
insbesondere im Ki'eis der Lyncei in Rom; wieder waren es hier die 
drei: Fürst Cesi, Ciampoli und Virginio Cesarini, die durch 
die Liebe zu Galilei zusammengeführt, als treue Verbündete für ihn 
und mit ihm ratschlagten, was im Namen der Wissenschaft und der 
persönhchen Ehre geschehen müsse und ohne Gefahr geschehen 
könne. Denn darüber war man einig, daß den Jesuiten gegenüber 
Vorsicht angebracht sei; „sie könnten einer Welt zu schaffen machen", 
schrieb Francesco Stelluti^ in der gleichen Sache an Galilei; es 
galt, den ungebührhchen Angriff zurückzuweisen, ohne den reiz- 
baren Gegner zum unversöhnlichen Feind zu machen. 

Anfangs schien es den Freunden am richtigsten, wenn Gahlei 
in Person dem ganzen Streite fremd bhebe, habe Grassi, der Meister, 
statt seiner den Schüler reden lassen, so sei es nun seiner Würde 
gemäß, wenn auch er dem Schüler die Entgegnung übertrage. Wolle 
aber Gahlei persönhch in die Schranken treten, so sei es richtig, 
nicht einer Maske zu antworten, sondern diese Antwort an einen 
Dritten, wenn auch nur der Form nach, zu richten. Galilei war mit 
dem letzteren einverstanden, dagegen fand er es unerläßlich, die 
Zurückweisung des Jesuiten selbst zu übernehmen. Als bald nach 
dem Erscheinen der Wage Guiducci der Ehre wegen eine kürzere 
Erwiderung veröffenthchte, durfte er bereits auf „einen von höherem 
Wert" verweisen, der demnächst vollständig sagen werde, was er 
nur andeute. Diese Erwiderung Guiduccis zeigt zur Genüge, daß 



1 Ed. Naz. XIII p. 20—21, 30—31. 



— 35 — 

er nicht der Mann war, statt Galilei einen Gegner von Grassis Schlappe 
abzutun. Schon daß er es angemessen fand, seine Auslassungen in 
die Form eines Schreibens an den P. Tarquinio Galluzzi^ den 
Ordensgenossen des P. Grassi zu bringen, läßt eine kräftige Abwehr 
nicht erwarten. Der Inhalt entspricht dieser Form im vollsten Maße. 
Guiducci war selbst Schüler des Jesuitenkollegiunis, er bekennt, daß 
es ihn aufs tiefste schmerzen würde, wenn er einsehen müßte, daß 
er durch allzu freie Äußerungen den Verdacht habe hervorrufen 
können, daß ihm nicht das Ansehen und die Würde des Collegium 
liomanum am Herzen liege, in dem er mit unglaublicher und wahr- 
haft väterlicher Liebe viele Jahre lang von Kindheit an erzogen und 
in den erhabensten Wissenschaften unterrichtet sei. Sein Brief will 
vor allem diesen Vorwurf zurückweisen; er beruft sich zu seiner Ver- 
teidigung darauf, daß er die Kede, die er als Konsul der Florentiner 
Akademie gehalten, zuvor verschiedenen einsichtigen Männern und 
insbesondere auch solchen, die mit den Vätern der Gesellschaft Jesu 
in naher Beziehung stehen, zur Prüfung vorgelegt und ihnen volle 
Freiheit gegeben habe, nach Belieben zu beseitigen, was vielleicht 
Verletzendes darin enthalten sei; doch habe man nichts der Art darin 
gefunden. Er finde noch jetzt nichts, was die Vorwürfe Sarsis recht- 
fertige, wenn man nicht etwa schon das als Beleidigung betrachten 
wolle, daß er wage, von den Ansichten des P. Grassi abzuweichen. 
Darüber aber habe ihn schon vor längerer Zeit der ehrwürdige Pater, 
an den er schreibt, belehrt; er habe ihm erklärt: es stehe in bezug 
auf solche Gegenstände einem jeden frei, dieser oder jener Meinung 
zu sein, und kein vernünftiger Mensch könne es deshalb übel auf- 
nehmen, wenn er von der Lehre des P. Grassi abweiche, sofern nur 
nicht die Grenzen des Disputierens überschritten würden; dieser 
letzteren Warnung sei er eingedenk gewesen. 

Er scheint sie auch weiter, im zweiten Teil seine? Schreibens, 
der sich gegen Sarsi wendet, gewissenhaft vor Augen zu halten. In 
ziemlich breiter Ausführung erklärt er, vde wenig Sarsis gering- 
schätzige Deutung der Absicht entspreche, in der er selbst das Ver- 
hältnis des guten Kopisten Galilei gegenüber in Anspruch genommen 
habe, wie Sarsi willkürHch auf die ganze Schrift beziehe, was nur 
auf Galileis eigentümliche Theorie Bezug habe; daß Galilei selbst 



1 Ed. Naz. VI p. 6, 8, 183—196. 



— se- 
in seinen Briefen sich als Autor der Rede über die Kometen bekannt 
habe, darf er in Abrede stellen, denn Galilei leugnet, was Sarsi be- 
hauptet. Von dem eigentlichen Inhalt der „Wage" hebt Guiducci 
nur wenige Punkte hervor, in denen Sarsi Äußerungen seiner Rede 
willkürUch entstellt, und in dieser entstellten Form mit Eifer be- 
kämpft, und einige andere, in denen ihm die Widerlegung seiner 
Behauptungen durch Versuche und Beweise keineswegs genügend 
erscheint. Er will nur in diesen Einzelheiten den Irrtum andeuten, 
für das Übrige verweist er auf die gründlichere Prüfung, die man von 
Galilei zu erwarten habe. 

Guiduccis Urteil ist in diesen letzten Abschnitten bei aller 
Mäßigung in der Form entschieden und scharf gefaßt, aber weder 
diese Schärfe, noch die zarte Ironie, die über dem ganzen Schreiben 
liegt, kommen dem stärkeren Eindruck gegenüber in Betracht, daß 
der Respekt vor den Jesuiten den Vertreter der freien Wissen- 
schaft beherrscht. Guiducci selbst scheint das Bedürfnis empfunden 
zu haben, sich durch vertrauliche Bosheit von den öffentlichen Re- 
verenzen zu erholen. In dem Brief, mit dem er seine Erwiderung 
dem Fürsten Cesi übersendet\ meint er, er habe dem Herrn Grassi 
einen wahren Dienst er^^^esen, daß er mit Sarsi angebunden, statt 
sein Anagramm zu lösen (aus Lotario Sarsi Sigensano den Horatio 
Grassi Salonensi zu enthüllen), da sich aus dieser Lösung klar genug 
das Urteil über den Geist seiner Schrift entnehmen lasse, wenn man 
sage: der Herr Grassi sei wie von Salons Blut, so auch von salonen- 
sischer Gelehrsamkeit und Wissenschaft; von Salon erzähle näTuüch 
Strabo in seiner Geographie: es sei ein Bezirk Bithyniens, wohl- 
geeignet zur Ochsenzucht. 

Guiduccis Brief an den P. Galluzzi fand, wie es scheint, nur 
wenig Beachtung, nicht größeren Eindruck machte vermutlich eine 
andere Entgegnung, in der G. B. Stelluti, ^ie berichtet wird, in 
breiter scholastischer Form für Guiducci einzutreten versuchte.^ 
Auch hier mrd auf Galilei verwiesen. Der Herausgeber spricht im 
Vorwort die Hoffnung aus: Die kurzen Andeutungen dieser Schrift 
werden für Galilei eine Mahnung und ein Sporn zur Vollendung des 
umfassenden Werks über denselben Gegenstand sein, dem der Ver- 

1 Ed. Naz. XIII p. 41. 

2 Gedruckt 1622 unter dem Titel „Scandaglio sopra la Libra astro- 
nomicae filosofica di Lotario Sarsi". 



- 37 — 

fasser mit dem lebhaftesten Verlangen entgegensehe, mit ihm alle 
diejenigen, die ohne Leidenschaft die AVahrheit zu erkennen streben. 

Galilei hatte sich mittlerweile dafür entschieden \ seine Antwort 
an den Freund Virginio Cesarini zu richten. Cesarini nahm das 
Anerbieten als unschätzbare Ehre an. Einen Augenblick hatte Cesi 
für denselben Zweck P. Grienberger ins Auge gefaßt; es schien ein 
vortreffliches Mittel, den Zorn des Collegium Romanum zu be- 
schwören, wenn man von dem schlechten an den besseren Gelehrten 
des Ordens appellierte, aber Ciampoli meinte, man dürfe dem armen 
Pater nicht die Unannehmlichkeiten bereiten, die ihm daraus hervor- 
gehen müßten. Die Wahl Cesarinis empfahl sich durch das nahe 
Verhältnis, in dem Virginio und sein Haus zu den römischen Jesuiten 
standen; vor seinen Augen hatte P. Grassi die Versuche angestellt^, 
durch die er den Aristoteles gegen Galilei zu rechtfertigen glaubte; 
die „Wage" nennt seinen Xamen mit den schmeichelhaftesten Bei- 
wörtern; niemand schien besser geeignet, eine Art Vermittlerrolle 
zu übernehmen.^ 

Die Freunde wünschten jedoch den Schutz, den dieser befreun- 
dete Mann verhieß, durch vorsichtig abwehrende Bemerkungen zu 
verstärken. Sie hielten es für unmöglich, wie Galilei gedacht hatte, 
kurzweg nicht wissen oder nicht glauben zu wollen, daß die ,,Wage" 
von einem der Gesellschaft Jesu geschrieben sei, die Jesuiten hätten 
kein Geheimnis daraus gemacht, sondern sich öffentlich dessen ge- 
rühmt und Viktoria gesungen; so sei es gar zu unwahrscheinlich, 
daß allein von allen Galilei, den es am meisten anging, nichts davon 
erfahren haben sollte. Dagegen entwarf Ciampoli als gewandter 
Hofmann den Plan eines Vorworts, das Galilei nach seiner Weise 
bearbeiten könne.* Galilei — sollte es darin heißen — habe vor 
einigen Monaten gehört, daß von den Jesuitenvätern ein Buch gegen 
ihn geschrieben werde. Auf diese Weise, meinte Ciampoli, könne 
man den Vätern seine Ehrfurcht beweisen, ohne auf die Verteidigung 
zu verzichten. 

Galileis Antwort auf diesen Vorschlag ist nicht bekannt, aber 
aus der Schrift gegen Sarsi entnehmen wir, daß Ciampolis Vorwort 

1 Ed. Naz. XIII p. 98. 

■ Ed. Naz. VI p. 157, 474. 

■■ Ed. Naz. VI p. 199, 213. 

* Ed. Naz. III p. 809—860. 



— 3S — 

nicht seinen Beifall gefunden hat, — seiner ursprünglichen Absicht 
getreu, ließ er unerwähnt, daß ihm von dem Verfasser und seinen 
Beziehungen das geringste bekannt sei. 

Manches wirkte zusammen, um die Veröffentlichung der längst 
angekündigten Schrift zu verzögern; ernstere Krankheitsanfälle 
unterbrachen in jenen Jahren zu wiederholten Malen Galileis Tätig- 
keit; diese immer wiederkehrenden Leiden hatten ihn schon im 
jN'ovember 1619 genötigt, die Fortsetzung seiner Lieblingsarbeit, 
die Beobachtung der Jupiterstrabanten aufzugeben; sie erschwerten 
ihm doppelt die undankbare Polemik gegen Grassi^; dazu kam, daß 
ihm der Stoff unter den Händen \mchs, die Fülle der Gegen- 
stände, die er teils kritisch zu zergliedern, teils lehrend vorzutragen 
nötig fand, erweiterte ihm gegen seine Absicht den Brief zu einem 
umfangreichen Buch. 

In Rom vernuitete man, vielleicht nicht ohne Grund, daß der 
Überdruß am Streit mit dem untergeordneten Gegner Galilei zeit- 
weilig veranlaßte, die Vollendung hinauszuschieben; auf der anderen 
Seite deuteten die Gegner sein Schweigen in ihrem Sinn und sprachen 
um so zuversichtlicher von ihrem Siege. So wiederholten sich immer 
von neuem die dringenden Bitten, die Mahnungen der Freunde und 
Akademiegenossen, Galilei möge, was um seines Namens willen über- 
flüssig sei, lun ihretwillen nicht aufgeben und nicht länger verzögern, 
wenn ihm der erw^orbene Ruhm genüge, so möge er doch der Welt 
nicht seines Geistes Schätze vorenthalten. Erst im Oktober 1622, 
drei Jahre nach dem Erscheinen der „Wage", sandte Galilei- sein 
Manuskript nach Rom. „Entschuldigt meine Langsamkeit", schrieb 
er dabei, „ich habe nicht anders gekonnt". Der Abrede gemäß war 
die Schrift in die Form eines Briefes an Virg. Cesarini gekleidet.^ 
Überdies hatte Galilei ihr den Titel „II Saggiatore", Probier- oder 
Goldwage, gegeben; er w^ollte in der Metapher des Gegners bleiben, 
aber dabei ausdrücken, daß Sarsi, als er die Behauptungen Guiduccis 
auf ihr Gewicht geprüft, „sich einer etwas zu groben Wage bedient 
habe", er woUe sich zum gleichen Zweck ,, einer Wage der Probierer 
bedienen, die genau genug ist, um weniger als den sechzigsten Teil 
eines Gramms anzuzeiffen". Nach Galileis Wunsch sollte die Hand- 



1 Ed. Naz. XVIII p. 423—425; XII p. 421, 422, 435, 438, 439, 443, 
461, 471. 

2 Ed. Naz. XIII p. 80, 90, 98. 



— 39 — 

Schrift zunächst von säiiitliclieii Mitgliedern der Akademie geprüft 
und es sollte von jedem bezeichnet ^Yerden, \Yas er gemäßigt, geändert 
oder verschwiegen wünsche.^ Sie fanden nur Treffliches zu rühmen; 
nur die näheren Freunde gestatteten sich in aller Bescheidenheit, 
auf geringfügige Einzelheiten hinzudeuten, die ihnen zu scharf gefaßt 
oder sonst bedenklich schienen. Man beschloß, das Werk auf Kosten 
der Akademie zu veröffentlichen, und zwar in Rom, „der Macht 
der Gegner zum Trotz". Man wollte, daß im Angesicht der Kirche, 
vor den Augen der Kongregation, die den Copernicus verurteilt hatte, 
Galileis Lehre approbiert und damit den neuen wissenschaftlichen 
Ansichten Beifall gezollt werde, gerade jenem Collegium Romanum 
gegenüber, in dem noch im Anfang des letzten Studienjahres öffent- 
lich gegen die Neuerer gedonnert und in langer Rede dargelegt war, 
daß außer im Aristoteles keine Wahrheit zu finden sei, 

„Wir werden uns", schreibt Cesarini^, „gegen diese Gegner 
mit dem Schüd der Wahrheit bewaffnen und überdies mit der Gunst 
der Oberen." In der letzteren lag ohne Zweifel der wirksamere Schutz 
gegen die Intriguen, durch die man von gegnerischer Seite die Ver- 
öffentlichung zu hintertreiben suchte. Kaum war von Florenz aus 
die Nachlicht gekommen, daß eine Schrift gegen Sarsi vollendet und 
nach Rom gesandt sei, als vom Collegium Romanum aus der Versuch 
gemacht wurde, in den Besitz des Manuskripts zu gelangen; man trug 
kein Bedenken, es Cesarini abzufordern. Cesarini \\'iderstand dem 
Andringen der Jesuiten; er wußte, daß, wenn sie das Buch einmal 
in Händen hatten, sie die Wirkung auf die Leser voraussehen und den 
Druck unmögKch machen würden; hatte doch schon die Kunde, daß 
seine Antwort da sei, bei der Schar der Durchschnittsgelehrten, die 
bis dahin Grassis Triumph gesungen hatten, eine Umstimmung zur 
Folge gehabt. 

Cesarini fand die höchste Vorsicht um so mehr geraten, als 
gerade damals von neuem Äußerungen des alten Übelwollens gegen 
Galilei laut geworden waren. In jenen Tagen war Campanellas 
in Deutschland gedruckte Apologie^ nach Rom gekommen; alsbald 
wurde dem Dekret der Indexkongregation gemäß der Verkauf ver- 
hindert. Man fand die Gelegenheit günstig, von neuem Verdäch- 

1 Ed. Naz. XIII p. 80, 90, 98. 

2 Ed. Naz. XIII p. 103, 105. 

3 Ed. Naz. XIII p. 106. 



— 40 — 

tigungen gegen den Mann zu verbreiten, zu dessen Gunsten diese 
Apologie geschrieben war. Cesarini durfte Galilei durch die Ver- 
sicherung beruliigen, es fehle ihm nicht an Freunden und Beschützern 
gegen die Verleumdungen, die seine Unterwerfung unter das Dekret 
der Index-Kongregation in Frage zu stellen suchten. 

Demnach fand er es angemessen, den Druck des Werks, das 
schon vor dem Erscheinen die Gemüter so lebhaft in Anspruch nahm, 
aufs möglichste zu beschleunigen. — Seine Bemühungen \vurden 
wesentlich durch die wohlwollenden Gesinnungen des Zensors der 
Inquisition erleichtert. Als solcher fungierte der Pater Kiccolo 
Riccardi vom Dominikanerorden, vom König von Spanien mit 
dem Beinamen Padre Moströ (^Vunder der Gelehrsamkeit) beehrt. 
Mag dieser Name seinen Leistungen und Kenntnissen auf anderm 
Gebiet gegolten haben — Galilei gegenüber bewährte sich Riccardi 
als ein edelgesinnter Beschützer der freien Wissenschaft. Die Schrift 
gegen Sarsi erfüllte ihn mit Bewunderung; als er sie zu Ende gelesen, 
soll er mit den Worten des Julianus Apostata „vicisti Galilaee" Galilei 
den Sieg über seinen Gegner zuerkannt haben. Die Erlaubnis zum 
Dnick erteilte er in Ausdiiicken, die bei solcher Gelegenheit nicht oft 
gehört wurden^: ,,Ich habe", schreibt er, „auf Befehl des hoch- 
zuverehrenden P. Maestro del sacro Palazzo dieses Werk ,n Saggia- 
tore' gelesen: nicht nur, daß ich nichts darin bemerke, was gegen 
die guten Sitten wäre oder sich von der übernatürhchen Wahrheit 
unseres Glaubens entfernte, habe ich vielmehr darin so viele schöne 
Betrachtungen über die Naturphilosophie gefunden, daß ich glaube, 
daß unser Jahrhundert sich dereinst nicht nur A^ird rühmen dürfen, 
der Erbe der mühevollen Arbeit dahingegangener Philosophen zu sein, 
sondern daß es der Entdecker vieler Geheimnisse der Natur sei, die 
jene nicht enträtseln konnten, und das dank der feinsinnigen und 
gediegenen Spekulation des Autors, in dessen Zeit geboren zu sein 
ich mich glücklich schätze, da man das Gold der Wahrheit nicht 
mehr gröbhch mit der Marktwage wog, sondern mit der feinsten 
Goldwage zu wiegen begann." 

Riccardi knüpfte mit diesen schmeichelhaften Worten frühere Be- 
ziehungen zu Galilei von neuem an ; unmittelbar darauf gab ihm eine 
Reise nach Florenz Gelegenheit, dem Manne, zu dessen Verehrern 



1 Ed. Naz. VI p. 200. 



— 41 — 

er sich seit längerer Zeit zählte, persönlich nahezutreten. Auf seinen 
Wunsch führte ihn Cesarini als seinen Freund und einen Mann, der 
wohl verdiene, von Galilei gekannt zu werden, bei dem Freunde ein.^ 
So gestaltete sich ein Verhältnis, das für beide Männer bald genug 
eine verhängnisvolle Bedeutung gewinnen sollte. 

Neben der Gunst des Zensors war es in jenen Tagen für Galilei 
von nicht geringem Werte, daß seine nächsten Freunde durch ihre 
Stellung am päpstlichen Hofe in hohem Ansehen standen 2; seit 
mehreren Jahren war Ciampoli zum Segretario de' Brevi befördert, 
jetzt ernannte Gregor XV. auch Virginio Cesarini zu seinem geheimen 
Kammerherrn. 

In welcher Weise diese Persönlichkeiten beim Papste für Galilei 
eintraten, darüber belehrt uns ein Brief Ciampolis vom 27. Mai 1623,^ 
Er berichtet, daß er die beiden ersten Bogen des Saggiatore gelesen. 
,, Heute Abend habe ich in einer sehr langen Audienz bei unserem 
Herrn vielleicht mehr als eine halbe Stunde Ihre ausgezeichneten 
Eigenschaften geschildert, was er sehr gern gehört hat. Wenn Sie 
zu jenen Zeiten (gemeint sind die Jahre 1616—17) hier die Freunde 
gehabt hätten, die jetzt da sind, so wäre es vielleicht nicht nötig, 
allerlei Mittel zu ersinnen, um jene bewunderungswürdigen Gedanken, 
durch welche Sie unsere Zeit erleuchtet haben, wenigstens als philo- 
sophische Poesien der Vergessenheit zu entreißen." 

Es bedurfte dieser Vorteile, um den gewandten und mächtigen 
Feinden gegenüber selbst nur zum Worte zu gelangen. Auch jetzt 
noch verschmähte man das alte IVIittel nicht, als wahr auszugeben, 
was man hoffnungslos wünschte, es mußten die ersten Druckbogen 
nach Florenz gesandt werden, damit Galilei den dortigen Gegnern 
beweisen könne: die Inquisition habe \\irklich den Druck gestattet. 
Nachdem diese Erlaubnis erlangt war, trat kein anderes Hindernis der 
Veröffentlichung entgegen. Indessen verfloß noch ein viertes Jahr nach 
dem Erscheinen der „Wage", bis Horatio Grassi die vielbesprochene 
Antwort Galileis aus dem römischen Buchhändlerladen empfing.* 

Mit der ,, Goldwage" schließt Galilei eine längere Pause in seiner 
schriftstellerischen Tätigkeit ab. Einleitend erzählt er, ^^^e das 

1 Ed. Naz. XIII p. 109. 
- Ed. Naz. XIII p. 69. 
3 Ed. Naz. XIII p. 117f. 
♦ Ed. Naz. XIII p. 145. 



— 42 — 

vielfache Übelwollen, dem seine Schriften von der ersten bis zur 
letzten ausgesetzt gewesen seien, die Anfeindungen, Verdächtigungen 
und Beraubungen, die er erfahren, wo er Verdienstliches zu leisten, 
oder doch wenigstens verdienstlichen Absichten zu folgen glaubte, in 
ihm den Entschluß zur Reife gebracht hätten, fernerhin durch 
Schweigen den Übelgesinnten die Gelegenheit zu nehmen, ihre bösen 
Talente an ihm zu üben; so wenig es ihm an Stoff gefehlt habe, andere 
Werke zu veröffentlichen, die vielleicht nicht weniger als die früheren 
unerwartete und für die Xaturlehre folgenreiche Ergebnisse zutage 
gefördert hätten, so habe er doch jener schlimmen Erfahrungen wegen 
vorgezogen, seine Gedanken in einem Kreise von Männern, die ihm 
als wahre und aufrichtige Freunde ergeben seien, mitzuteilen und zu 
besprechen. Wie sehr die Freunde bemüht gewesen, durch gute 
Gründe ihn in seinem Entschlüsse schwankend zu machen, so habe 
doch das Verlangen, in Ruhe und ohne Streit zu leben, für ihn den 
Ausschlag gegeben. Aber er sehe jetzt, wie er auch durch Schweigen 
seinem Geschicke nicht entgehen könne; denn da er geschwiegen, 
sei man, da man ihm durchaus etwas anhaben wollte, darauf ver- 
fallen, die Schriften anderer als die seinen auszugeben. So habe 
Lotario Sarsi, eine völlig unbekannte Person, in der Rede des Mario 
Guiducci die Veranlassung gefunden, sich gegen ihn zu wenden und 
ohne Achtung gegen einen Mann von Guiduccis Ansehen ihn zum 
Verfasser dieser Rede zu machen, an der ihm nichts gehöre, als die 
Anerkemiung und Ehre, die ihm Guiducci dadurch erwiesen habe, 
daß er seiner Meinung, die er in jenen freundschaftlichen Unter- 
redungen kennen gelernt, seine Zustimmung gebe. Selbst wenn die 
ganze Schrift über die Kometen von seiner Hand wäre — was niemand 
in den Sinn kommen könnte, dem der Herr Mario bekannt ist — , 
wie sollte man das Benehmen dieses Sarsi bezeichnen, der so ver- 
wegen sein Gesicht enthüllt und die Maske abzieht? Dies unerwartete 
und völlig ungewöhnliche Verfahren nötige ihn, dem gefaßten Ent- 
schlüsse, sich mit seinen Schriften nicht mehr öffentlich sehen zu 
lassen, ungetreu zu werden, er wolle das Seine tun, daß wenigstens 
das Ungebührliche einer solchen Handlungsweise nicht unerkannt 
bleibe, und er hoffe, dadurch andern Leuten die Lust zu nehmen — 
wie man zu sagen pflegt — „den schlafenden Hund zu stören." 

So tritt denn Galilei als Guiduccis Verteidiger Sarsi gegenüber. 
Wer dieser Lotario Sarsi sei, soll unerörtert bleiben, allerdings betrachtet 



— 43 — 

Galilei ihn als Maske, aber er hält es für kein nachahmenswertes Ver- 
fahren, den Leuten die Maske abzureißen; er nehme an, sagt er, daß 
bei seinem Gegner die xVbsicht der Verhülhmg nur die sei, ihn zu 
freimütiger Erwiderung zu veranlassen, denn außer denen, die durch 
die Maske ihren niederen Stand verdecken wollen, pflegen auch 
Leute von Stand sich ihrer zu bedienen, wenn sie unter Verzicht auf 
die besondere Achtung, die ihrem Range gebührt, sich der Freiheit 
erfreuen wollen, mit jedermann auf gleichem Fuße zu verkehren; 
zu diesen glaube er auch denjenigen rechnen zu müssen, der sich 
unter der Maske eines Lotario Sarsi verberge, und wie er unerkannt 
sich Äußerungen gegen ihn gestattet habe, deren er sich vielleicht 
bei offenem Antlitz enthalten hätte, so, meint Galilei, dürfe es ihm 
nicht unbequem sein, wenn auch er sich gegen ihn der Freiheit bediene, 
die im Verkehr mit Masken üblich sei, und er besorge nicht, daß 
Sarsi oder Andere Worte auf die Wage legen würden, in denen er sich 
vielleicht freier, als ihnen lieb ist, äußere.^ 

So schreibt Galilei mit Maskenfreiheit gegen die Maske; auch 
die Scheidung zwischen Grassi, dem Lehrer, und Sarsi, dem Schüler, 
erkennt er vollständig an und verwertet sie nach seiner Weise; oft 
genug findet er den Schüler eines ehrwürdigen Lehrers gänzlich un- 
würdig, dann und wann kann er die Ähnlichkeit in den großen Ab- 
surditäten Beider nicht verkennen. 



„Die Goldwage", die Galilei mit diesen Vorbemerkungen ein- 
leitet, gehört zu seinen umfangreichsten Schiiften; an dauerndem 
Ge\vinn für die Wissenschaft ist sie vielleicht die ärmste; aber ihr 
Wert ist nicht auf den Gehalt an neuen Wahrheiten beschränkt. 
Die neue Kometenlehre war in Guiduccis Discorso erschöpfend dar- 
gelegt, sie weiter zu begründen und gegen ernste Widersprüche zu 
verteidigen, hätte ein ungleich geringerer Aufwand an schriftstelle- 
rischen Mtteln genügt; man findet in der Tat diese Ausführungen 
im Saggiatore, aber sie stehen als Gegenstand des Buches erst in 
zweiter Linie, seine wesentliche Absicht war eine polemische: der 
Streit wider den Peripatetiker Horatio Grassi. Daß um eines solchen 
Gegners willen ein solches Buch geschrieben wurde, daß Galilei drei 
Jahre seines schriftstellerischen AVirkens auf diese Aufgabe ver- 



1 Ed. Naz. VI p. 219f. 



— 44 — 

wenden konnte, vergegenwärtigt uns den eigentümlichen Übergangs- 
zustand der Wissenschaft in jenen Tagen: Für gelehrte Leser war 
die Grenzlinie nicht vorhanden, die die Dispntierübungen eines Grassi 
von der ernsten Wissenschaft trennt. Aber unter Galileis Händen 
mußte die Widerlegung des Gegners, je gründlicher sie war, um so 
sicherer auf die Darlegung dieser Grenze hinauskommen; er konnte 
Sarsis Beweise nicht zergliedern, ohne zugleich in ihrem innersten 
Wesen die scholastische Methode zu treffen. Wuchs auf diese Weise 
das Buch weit über die unmittelbare Veranlassung hinaus, so liegt 
doch lastend über seinen Blättern das Gefühl, die Geisteskraft an einen 
unwürdigen Gegenstand verschwendet zu haben. Überdies ent- 
ledigte sich Galilei seiner Aufgabe in einer Form, die immer wieder- 
kehrende Äußerungen dieser peinlichen Empfindung unvermeidlich 
machte. Satz für Satz und Wort für Wort unterwarf er seiner strengen 
Wägung, und Trugschluß auf Trugschluß war, was sie auswies; immer 
von neuem galt es, zu widerlegen, was ohne Ernst behauptet war, 
IVIißdeutungen, Vorwürfe von sich zu weisen, die der Gegner nur 
zum Schein vertrat und doch so vertrat, daß er den Unkundigen 
täuschte und darum wider Willen zur Abwehr nötigte. 

Galilei verfolgte den Gegner bis in die letzten Schlupfwinkel 
seiner trügerischen Kunst. Er beschränkte sich nicht darauf, in ihrer 
]S^ichtigkeit die Methode zu enthüllen, die ein Gebäude von Schlüssen 
auf nie erwiesenen allgemeinen Sätzen aufführt und im logischen 
Ergebnis wissenschaftliche Wahrheiten zu erringen vorgibt; er konnte 
sich nicht versagen, den selbstgefälligen Kiitiker, der mit „Verstößen 
gegen die Logik" um sich warf, seine Überlegenheit auch in der 
eigenen Kunst empfinden zu lassen. Geduldig läßt er sich Sarsis 
Vordersatz gefallen und zeigt, was strenge Logik aus ihm folgern 
könnte, wie dagegen Sarsi falsch oder \\illkürlich schließt, dann erst 
beleuchtet er auch den Vordersatz, und in neun Fällen von zehn 
ist es eine unhaltbare Vorstellung, eine völlig unsichere Behauptung 
oder gar die Schlußfolgerung selbst in anderen Worten, auf der das 
ganze Truggebäude ruht. Galilei selbst hat diese undankbare Arbeit 
halb im Scherz und halb in Demut treffhch gezeichnet, wenn er nach 
gründlichem Disputieren über die Ursache der Kometenentzündung 
mit den Worten abschließt: „so haben denn Sarsi und ich mit einem 
großen Aufwand von Worten untersucht, ob die feste Höhlung der 
Mondsphäre, die nicht in der Welt ist, durch ihre rotierende Bewegung, 



— 45 — 

die sie niemals gehabt hat, das Element des Feuers, von dem wir 
nicht wissen, ob es existiert, mit sich fortreißt und dadurch auch die 
Dünste, die infolgedessen sich entzünden und das Feuer für die 
Materie des Kometen geben, von dem wir nicht wissen, ob er sich 
an jener Stelle befindet, und von dem wir gewiß sind, daß er kein 
brennender Gegenstand ist. Und so erinnert mich Sarsi an das Wort 
des sinnreichen Dichters: 

Mit dem Schwert Orlandos, das sie nicht besitzen 
Und vielleicht niemals besitzen werden. 
Werden Hiebe blindlings ausgeteilt."^ 

Galilei begnügte sich nicht damit, in dem einen Fall die Gattung 
abzutun, mit der gleichen gründlichen Strenge folgte er dem Gegner 
von Beweis zu Beweis; nicht ein einziger blieb ohne Erwiderung 
stehen, je schärfer sein Tadel, je empfindlicher seine Enthüllungen, 
um so weniger durfte er an anderer Stelle den Schein hervorrufen, 
als sei er genötigt, auf Entgegnung zu verzichten. Man begreift, 
daß ihn bei dieser Arbeit oft genug der Unmut überwältigt. „Wehe 
mir!" ruft er bei solcher Gelegenheit aus, „und merke ich denn nicht, 
daß die Stunden fliehen, und verderbe meine Zeit mit diesen 
Kindereien?" 

So ist auch sein Tadel meist in bittere Worte gefaßt, und wo es 
darauf ankommt, der Ursache des Fehlgriffs nachzugehen, sieht man 
Galilei meist der härteren Deutung den Vorzug geben. iSlcht selten 
mag dabei unter den wohlverdienten Vorwürfen ein ungerechter 
stehen, es war in den Irrgängen der Sophistik nicht immer leicht, 
zu scheiden, was aus ungenügender geometrischer Einsicht, was aus 
heuchlerischer Berechnung und Verhüllung des bessern Wissens ent- 
sprang. Galilei läßt zwar keinen mathematischen Schnitzer ungerügt ; 
er räumt dem Gegner großmütig Kenntnis des ersten Buches der 
Euklidischen Geometrie ein, um bald darauf auch diesen Rest ernst- 
lich in Frage zu stellen, aber in zweifelhaften Fällen betrachtet er 
die Erklärung durch mangelndes Verständnis in elementaren Dingen 
als die größere Unhöflichkeit und belastet dafür um so empfindlicher 
das Gewissen seines Gegners. Bei solchen Gelegenheiten geht er auch 
mit den Ausdrücken nicht allzu haushälterisch um; hat er auch in 



Ed. Naz. VI p. 329f. 



— 46 — 

den Saggiatore keine von den stärkeren Zärtlichkeiten aufgenommen, 
mit denen er Grassi in einem ersten Entwurf seiner Arbeit^, den 
Randglossen zur Wage, bedenkt-, so verläßt er sich doch nirgends so 
weit auf den Eindruck seiner Kritik, daß er nicht das Ergebnis noch 
in einer Charakteristik auch für den weniger Zartfühlenden zu- 
sammenfaßte. Fast jede Seite Aviederholt in unverhüllten Worten, 
daß Sarsi ,, erdichtet", ,,lügt", ,, trügerischer Weise vorgibt". Galilei 
ist unerschöpflich in AVendungen, die diesen Vorwurf wiederholen. 
So heißt es einmal: Sarsi stelle sich häufig, als sehe er die Dinge 
nicht, die er vor Augen habe, und hege dabei vielleicht die Hoffnung, 
daß sein Vorgeben bei den andern nicht eine vorgebliche, sondern 
eine wirkliche Blindheit zustande bringe. Dasselbe Urteil drückt er 
ein anderes Mal mit den Worten aus: um Euch den Weg zu Wider- 
legungen zu bahnen, tut Ihr neun Mal von zehnen, als verständet 
Ihr nicht, was der Herr Guiducci geschrieben, schiebt seinen Worten 
Bedeutungen unter, die weitab von seiner Absicht liegen, fügt hinzu 
oder nehmt davon und präpariert Euch so die Sache nach Eurer 
Willkür, so daß der Leser, der Euren Entgegnungen Glauben schenkt, 
sich der Meinung hingibt, wir- hätten etwas sehr Einfältiges geschrieben, 
und Ihr hättet es scharfsinnig enthüllt und widerlegt. 

So glaubt sich Galilei berechtigt, die Beobachtungen, durch die 
Sarsi ihn widerlegen will, gleichfalls als Erfindung zu verdächtigen. 
Er sagt ihm geradezu: ,,sie können verändert und frei seinem Be- 
dürfnis angepaßt sein," Dann bittet er ihn um Verzeihung, wenn er 
den Verdacht freimütig äußert, aber nur, um durch die Erläuterung 
den Vorwurf zu verstärken. „Er selbst", sagt er, „gibt uns die Ver- 
anlassung, seinen Angaben keinen Glauben zu schenken. Welches 
Zutrauen soll man zu den Berichten eines Menschen in bezug auf 
vergangene Dinge haben, von denen nichts mehr zu finden und zu 
sehen ist, wenn derselbe, wo es sich um fortbestehende, gegenwärtige, 
öffentliche und gedruckte Dinge handelt, kein Bedenken trägt, von 
zehnen neun verändert, umgestaltet, kurz, ins Gegenteil verkehrt 
uns vorzutragen? 

Die gleiche Bitterkeit färbt die Polemik des ganzen Buchs, und 
in dieser Beziehung wird vielleicht der heutige Leser sich eines Ein- 



1 Ed. Naz. VI p. 6, 109—179. 

2 solennissimo bue. Galileis Lieblingsausdruck. 



I 



— 47 — 

drucks der Eintönigkeit nicht ganz erwehren können. Auch wird 
man den Tadel zuweik>n weniger ärgerlich und mehr vom Stolz des 
überlegenen Meisters durchdrungen wünschen; wer Kepler kennt, 
vermißt vielleicht den Hauch jenes belebenden Humors, der den 
Aufenthalt auch in der "Wüste der Scholastik erträglicher macht. 
Aber heute noch überrascht uns im Saggiatorc die Mannigfaltigkeit, 
in der Galilei bei aller Ausführlichkeit, aller Wiederholung sein Grund- 
thema zur Darstellung zu bringen weiß; nur einem so reichen Geiste, 
dem zugleich die Sprache in vollstem Maße zugebote stand, konnte 
die Lösung einer Aufgabe nach so breit angelegtem Plane gelingen, 
ohne dabei ermüdend zu wirken. In der Zergliederung einzelner 
Abschnitte der Wage bewährt sich die volle Meisterschaft seiner 
Darstellung, so vor allem in der Entwirrung jenes Knäuels von lügen- 
hafter Sophistik, in dem Sarsi seinen Irrtum über die ungleiche Ver- 
größerung ferner und naher Gegenstände durch das Fernrohr in 
versteckter Weise zugesteht. Die Lösung dieser undankbaren Auf- 
gabe ist ein Kunstwerk der Ki'itik. 

Auch sonst ist der Saggiatore an anziehenden Einzelheiten über- 
reich; die hingeworfenen Gedanken und gelegentlichen Äußerungen, 
die Beispiele und Bilder offenbaren auf jeder Seite den seltenen Geist. 

Ist es in erster Linie ein ästhetisches Interesse, das die „Gold- 
wage" bei dem heutigen Leser in Anspruch nimmt, so gesellt sich 
dazu ein nicht geringeres für jeden, der es der Mühe wert erachtet, 
der geschichtlichen Entwicklung der wissenschaftlichen Grund- 
gedanken auf ihren vielverzweigten Wegen nachzugehen; es bedarf 
nur der Bemerkung, daß Galilei kaum in einer zweiten Schrift so 
mannigfaltige Probleme der iSaturforschung, bald eingehend, bald 
im Vorübergehen zur Sprache bringt, um die Bedeutung des Buchs 
in dieser Hinsicht zu kennzeichnen. 

In ungleich höherem Maße und in vielfältigeren Beziehungen 
war es den Zeitgenossen ein bedeutendes Werk, vor allem den 
italienischen Zeitgenossen, denn wie es in Bildern und Zitaten auf 
Leser rechnet, denen die Gestalten der italienischen Dichter ver- 
traut sind, wie die Anmut seines Vortrags nicht gut von dem Wohl- 
laut der florentiner Sprache zu trennen ist, wie die Feinheiten seiner 
Polemik einen Geschmack voraussetzen, den Meisterwerke der italie- 
nischen Literatur gebildet haben, so gewann auch der Anteil an dem 
zweifellosen Triumpf der neuen Wissenschaft, den diese Blätter ver- 



— 48 — 

kündeten, für ihre italienischen Vertreter eine besondere Färbung 
dadurch, daß dieser Siec: der Beredsamkeit, der logischen Kunst und 
der wissenschaftlichen Methode errungen wurde über die Wissenschaft 
des CoUegium Ronianum. 

Auch die Fernerstellenden fanden in dem Zeitalter der dis- 
putierenden Wissenschaft an der Gewandtheit in der Handhabung 
der logischen Formen, an der rein rednerischen Überlegenheit im 
wissenschaftlichen Streit einen Genuß, der den späteren Generationen, 
wenigstens wo es sich um die Erforschung der Naturerscheinungen 
handelt, fremd geworden ist. 

Die \Nissensdurstigen Leser des 17. Jahrhunderts fanden über- 
dies im Saggiatore einen Reichtum an Belehnmg, eine Fülle von 
anregenden Betrachtungen, wie sie nicht leicht ein ähnliches Werk 
geboten hatte. Belehrende Winke waren überall eingestreut, selten 
waren Guiduccis Behauptungen verteidigt, Grassi widerlegt, ohne 
daß für die eigene Anschauung neue Gesichtspunkte zur Geltung 
gebracht wären. Oft genug findet Galilei dabei Veranlassung, das 
bisher Errungene der Naturerkenntnis als ein Geringfügiges erscheinen 
zu lassen. Als Versuche und Anfänge charakterisiert er auch die 
eigenen Bemühungen. In diesem Sinne tritt er für die Möglichkeit 
seiner Kometenlehre ein — mehr als Möglichkeit hat er nie für sie 
in Anspruch genommen; auch jetzt noch verwahrt er sich gegen die 
Zumutung, seiner Annahme eine bestimmte Form zu geben; er hat 
mehr ein Erklärungsgebiet als eine bestimmte Erklärung bezeichnen 
wollen; um so sicherer kann er den Gegner zurückweisen, der ihm 
entgegenhält, wie wenig der Komet dem Regenbogen und den Höfen 
um Sonne und Mond ähnlich zu nennen sei. In unzähligen Weisen 
kann die Natur Ähnliches und Gleiches erzeugen, so viele dieser Weisen 
uns bekannt sind — sie geben uns keinen Aufschluß über die un- 
bekannten, sie lassen uns nicht erraten, wie viele uns zu erforschen 
übrig bleiben. Seine Ansicht zu verdeuthchen, erzählt Galilei das 
Märchen von der Entstehung des Schalls i^ 

,,An einem sehr einsamen Ort wurde ein Mensch geboren, der 
von der Natur mit einem ungewöhnüchen Scharfblick des Geistes 
und mit einer außerordentlichen Wißbegierde begabt war, der hielt 
sich zum Zeitvertreib mancherlei Vögel und hatte große Freude an 



1 Ed. Naz. VI p. 271—281. 



— 49 — 

ihroni Gosaiis. und mit der höcliston Bowiindprmif,' hotriiflitcte er 
d'iv kunstvolle iMmichtunti-. dni-cli die sie mit derselben Luft, durch 
die sie atmeten, niich iliiem P>eli(>l)t'ii verschiedene Melodien hervor- 
bnachten, eine anmutij^er als die andere. 

Xun orosehah es einmal zur Nachtzeit, daß er in der Xähe seiner 
Wohnunn; einen zarten Ton vernahm; er konnte sich nichts aiuleres 
denken, al.s daß es ein Vöpjlein wäre und machte sich auf, es zu fnnfi:en; 
als er aher hinauskam, fand er einen Hirten, der auf einer Art p:eli(ihltefi 
Holzes blies. Indem er die b'inj^er über das Holz bewegte und 
(Öffnungen, die sicli daran befanden, bald schloß, bald öffnete, brachte 
er jene verschiedenen Stimmen hervor, die denen eines Vogels ähnlich 
waren, aber die Art und Weise war eine völlig andere. Erstaunt, 
und von seiner angeborenen Wißbegierde getrieben, schenkte er dem 
Hirten ein Kalb, um die Flöte zu erhalten; als er dann zurückkehrte, 
wurde es ihm klar, daß, w'enn nicht zufällig dieser Mann vorüber- 
gekommcn wäre, er nie gelernt hätte, daß es in der Natur zwei AVeisen 
gibt, anmutige Stimmen und Melodien hervorzubringen; so beschloß 
IT, sein Haus zu verlassen, er dachte: es werde ihm etwas Anderes, 
Merkwürdiges begegnen. Und es traf sich am folgenden Tage, als 
er an einer kleinen Hütte vorüberging, daß er drinnen eine ähnliche 
Stimme erklingen hörte; um sich zu versichern, ob es eine Flöte oder 
eine Amsel sei, ging er hinein und fand einen Knaben, der mit einem 
Bogen, den er in der rechten Hand hielt, Sehnen strich, die über eine 
Art hohlen Holzes ausgespannt waren, mit der Linken hielt er das 
Instrument und bewegte die Finger darüber hin, und ohne jedes 
Blasen entlockte er ihm mannigfaltige und höchst anmutige Melodien. 
Wie groß sein Staunen war, mag der ermessen, der ähnlicher Begabung 
und Wißbegierde teilhaftig ist; überrascht, zwei neue, so unerwartete 
Weisen kennen zu lernen, durch die man die Stimme und den Gesang 
hervorbringt, kam er auf den Gedanken: es möchten deren in der 
Natur noch andere sein. Aber wie groß war seine Verwunderung, 
als er beim Eintritt in eine Kirche hinter der Tür zu suchen anfing, 
um zu sehen, wer den Ton von sich gegeben hätte — und nun gewahr 
wurde, daß der Ton von den Angeln und den Bändern beim Öffnen 
der Tür hervorgebracht war! VAn anderes Mal trat er, von seiner 
Wißbegierde getrieben, in ein Wirtshaus; er erwartete, jemand zu 
sehen, der mit dem Bogen sanft die Saiten einer Violine striche, aber 
er fand einen Mann, der mit der Fingerkuppe den I^and eines Glases 

Wuhlwlll, »Galilei. II. 4 



— 50 — 

rieb und ihm den schönsten Woliiklang enthickte. Als er dann weiter 
beobachtete, daß die Wespen, die Mücken und die Flieoen nicht, 
wie seine Vögel, (hirchs Atmen unterbrochene Laute heivorbracliten, 
sondern durch ein überaus rasches Flügelschlagen einen anhaltenden 
Ton gaben, da wurde sein Staunen größer, sein Zutrauen immer 
geringer, daß er wisse, wie der Ton entsteht. Alles, was er bis dahin 
erfahren, hätte nicht genügt, ihm begreiflich oder glaublich zu machen, 
daß die Heimchen, da sie nicht flogen, nicht durch eine Art zu blasen, 
sondern durch Erschütterung der Flügel ein so anmutiges und wohl- 
klingendes Zischen von sich geben könnten. Aber als er der Meinung 
war, es könne kaum noch möglich sein, daß es andere Weisen, Töne 
zu bilden, gebe, nachdem er außer den aufgezählten Weisen noch so 
viel Orgeln, Trompeten, Pfeifen, Saiteninstrumente von so vielerlei 
Art beobachtet hatte, bis auf das Züngelchen von Eisen, das, zwischen 
den Zähnen gehalten, in merlrwürdiger Weise die Mundhöhle als 
Resonanzköi-per und den Atem als Tonerzeuger braucht — als er, 
sage ich, der Meinung war, er habe alles gesehen, fand er sich mehr 
denn je in Unwissenheit und Staunen versenkt, als ihm eine Zikade 
in die Hände fiel und er weder, wenn er ihr den Mund verschloß, 
noch wenn er ihr die Flügel festhielt, imstande war, den überaus 
hellen Ton, den sie von sich gab, abzuschwächen; auch sah er an 
ihr weder Schuppen noch andere Teile sich bewegen. Als er endlich 
die Brusthöhle aufhob und darunter harte, aber dünne Knorpel sah 
und glaubte, das Geräusch entstehe durch die Erschütterung der 
Knorpel, kam er dazu, sie herauszubrechen, um die Zikade zum 
Schweigen zu bringen. Alles war vergebens, bis er, die Nadel mehr 
nach innen stoßend, die Knorpel durchbohrte und der Zikade mit 
der Stimme das Leben nahm. So konnte er sich nicht einmal ver- 
sichern, ob der Gesang von den Knorpeln herrührte. Da ergriff ihn 
ein solches Mißtrauen gegen sein Wissen, daß, als man ihn fragte, 
wie die Töne entstehen, er freimütig antwortete: er kenne einige 
Weisen, aber er halte für gewiß, daß es noch hundert andere un- 
bekannte und unerwartete geben könne." 

Schwerlich läßt sich anschaulicher und annmtiger zugleich die 
P>fahrung des gewissenhaften Forschers darstellen, der in natür- 
lichem Trieb aller Orten nach Analogien sucht und immer von neuem 
erkennt, daß die Analogie ihn, dem Reichtum der Natur gegenüber, 
im Stich läßt. Als eine Warnung, die auch der heutige Forscher nicht 



— 51 — 

überhören darf, ruft Galileis pjzählunf]f jedem, der es unternimmt. 
bei<annte Erstheinimsen zur Doutunn; unbekannter zu verwerten, 
wo die Entsteh un,i(sbedinounc;en sich nicht ])riifen hissen, das Be- 
(hMii^liche, l'nsicherc seines Versuchs ins Gedächtnis.' 

Kann man in diesem Sinn seiner Erzähluni^ dauernde Bedeutung 
beimessen, so wird man ilim nicht mit dem gleichen Einverständnis 
folgen können, wenn man die besondere Absieht beachtet, in der 
er seinen Einsiedler wandern läßt: ..Ich habe die Zikade in der Hand 
und weiß nicht, wie sie singt'" — mit diesen Worten weist er die 
Verpflichtung von sich ab, bestimmte, in ihrem Wirken wohlbekannte 
Bedingungen nachzuweisen, unter denen der Komet nach seiner 
Erklärungsweise erscheinen kann. Aber er geht weiter: Wenn die 
bekannten Erscheinungen, die in ähnlicher Weise entstehen, rasch 
vorübergehende sind, so ist die Vergänglichkeit der Materie, durch 
die sie hervorgerufen sind, die Ursache ~ warum sollte es nicht ähn- 
lich bei den Kometen sein?- 

So beruft sich Galilei, wo es darauf ankommt, eine neue Er- 
klärung zunächst nur als zulässig zu erweisen, auf Bedingungen, die 
zwar tatsächlich uiil)ekannt und unnachweisbar sind, aber als möglich 
in der unermeßlichen Mannigfaltigkeit der Xatur nicht geleugnet 
werden können. Wer sieht nicht, daß er aus einer Quelle schöpft, 
die für Freund und Feind mit gleicher Ergiebigkeit fließt! Es sind 
nur andere Ausdrücke, aber es ist der gleiche Gedanke, durch den 
Daliani^ die Planetennatur der Kometen rettet, wiewohl er weiß, 
wie sehr sie von den Planeten des Tierlvreisgürtels abweichen. 

Galilei fügt diesen allgemeinen Betrachtungen nur weniges hinzu, 
um in den Einzelheiten seine Kometenlehre zu verdeutlichen. Seine 
Beispiele suchen insbesondere den Einwürfen gegenüber zu erläutern, 
wie auch bei anderen Naturerscheinungen die Ausdehnung der Licht- 
erscheinung keinen Aufschluß über die Ausdehnung der erleuchteten 
Materie nach den verschiedensten Richtungen gebe, wie die Form 
und Lichtstärke bei den bekannten Beispielen dieser Gattung keines- 
wegs der Gattung wesentlich, sondern durch die bestimmten Ent- 
stehungsbedingungen einfach zu erklären ist Auch im Saggiatore 

^ Im übrigen hat diese Geringschätzung der Analogie eine sehr wesent- 
liche Rolle bei seinem Mißerfolg gespielt. 
- Ed. Naz. VI p. 281. 
■' Ed. Naz. XII p. 474—478. 

4* 



- 52 - 

zieht er zur Verglokhunp; nanientlicli das Soiiiionbild auf bewegtCM- 
MopiTsfläch»' und dio Strahlon lioraii. dir am bowölkton Horizont 
von der Sonne als Zentrum aus<i-elien; aueh hier träp,t er kein Be- 
denken, das Xordlieiil als einen Wiederschein der untergegangenen 
Sonne und desliall) als einen Beweis dafür anzusehen, daß wirklicli 
Dünste von der Ivrde aus zu solelien Höhen steigen, wie sie für die 
Krklärung des Kometen notwendig wären. 

Wie wenig zur Entstehung des Kometen nach seinem Sinne 
die Bedingungen unerläßlich sind, die Sarsi fordert: eine spiegel- 
artige (Hätte der retlcktierenden Oberfläche und wäßrige Dünste. 
zeigt er durch einen scherzhaften Vorschlag zur Nachbildung des 
Kometen.' 

„Es nehme Euer Gnaden eine gut gereinigte gläserne Karaffe, 
und indem Ihr eine angezündete Kerze nicht weit von dem Gefäß 
haltet, werdet Ihr auf dessen Oberfläche ein kleines, sehr klares und 
präzises Bild des Lichtes der Kerze sehen; nehmet nun mit der Finger- 
spitze ein ganz wenig von irgendeinem Stoff, der etwas salbig ist. 
so daß er am Glas haftet, und reibt so leicht, wie Ihr nur könnt, auf 
den Fleck, wo das Bild des Lichtes zu sehen ist, so daß die Fläche 
getrübt wird, und Ihr werdet sofort sehen, daß das genannte Bild 
sich trübt; darauf dreht das Gefäß, so daß das Bild aus der trüben 
Stelle hervorkommt und sie nur am Rand berührt, und fahret mit 
dem Finger gerade über die trübe Stelle; dann werdet Ihr plötzlich 
einen geraden Strahl daraus hervorkommen sehen, der dem Schweif 
eines Kometen ähnelt, und dieser Strahl wird querdurch und in rechten 
Winkeln durch das gehen, was Ihr mit dem Finger auf das Glas 
gerieben habt, so daß, wenn Ihr in einer anderen Richtung reibt, 
besagter Strahl sich auf einen anderen Teil richten wird. Und das 
kommt daher, daß die Haut unserer Fingerkuppen nicht eben ist, 
sondern die Zeichnung von einigen gewundenen Linien trägt, damit 
wir die geringsten Unterschiede beim Betasten der tastbaren Dinge 
fühlen. Indem Ihr nun den Finger über die mit Salbe eingeriebene 
Oberfläche führtet, bleiben einige ganz leichte Furchen zurück, auf 
deren Rücken sich Reflexe des Lichtes befinden, die, wenn sie zahl- 
reich und in richtiger Ordnung verteilt sind, einen hellen Strich 
bilden, an dessen Kopf man, wenn man durch Bewegen des Gefäßes 



1 Ed. Naz. VI p. 290/91, 



— 53 — 

das erste, im nidit beschmierten Teil ffeniachtr BM wiederherstellt, 
man den Anfani,' des Schweifes heller, und den Seil weil" selbst etwas 
weniger leuchtend erblicken wird. Und derselbe h^lfekt wird ent- 
stehen, wenn Dir das Glas, anstatt es einzureiben, durch Anhauchen 
verdunkelt." 

Galilei tüf^t dem Scherz die Bitte hinzu, es möge Cesarini. weim 
jemals Sarsi darauf zu sprechen käme, in seinem JN'amen feierlich und 
ausdrücklich beteuern, daß er darum nicht daran denke, anzunehmen, 
es befinde sich am Himmel eine große Flasche und jemand, der sie 
mit Fett bestreicht, und daß so der Komet entstehe,^ 

In ähnlicher Weise sehen wir Galilei erzählend und deutend um 
der Kometen willen die verschiedensten Erscheinungen der Spiegelung 
und der Brechung des Lichts heranziehen, und keinen der überaus 
mannigfaltigen Gegenstände verläßt er, ohne daß dem wißbegierigen 
Leser neue Tatsachen enthüllt oder bekannte in neuem Licht er- 
schienen wären. So knüpft er an die Kritik der aristotelischen Lehre 
von der Kometenentzündung einen ganzen Abschnitt über die eigene 
Wärmelehre an. 

„Ich fürchte", sagt er, ,,daß man sich im allgemeinen von dem, 
was wir Wärme nennen, eine Vorstellung gemacht hat, die von der 
Wahrheit weit entfernt ist, wenn man nämlich die Wärme als ein 
Accidens, Zustand und Qualität betrachtet, die in Wirklichkeit in 
der Materie ihren Sitz hat, deren Warmwerden wir empfinden. Ich 
bemerke deshalb, daß ich allerdings die ^Notwendigkeit nicht ab- 
weisen kann, sobald ich mir eine Materie oder körperliche Substanz 
vorstelle, mir zugleich vorzustellen, daß sie begrenzt ist und diese 
oder jene Gestalt hat, daß sie mit andern verglichen, groß oder klein 
ist, daß sie an diesem oder jenem Ort, in dieser oder jener Zeit ist, 
daß sie sich bewegt oder nicht, daß sie einen andern Körper berührt 
oder nicht berührt, daß sie eins, wenig oder viel ist, und mit keiner 
Phantasie kann ich sie von diesen Bedingungen trennen; aber was 
ihr Weiß- oder Kotsein, Bitterkeit oder Süße, ihr Tönen oder Licht- 
tönen, ihren angenehmen oder unangenehmen Geruch betrifft — so 
empfinde ich keinerlei Nötigung für den Geist, sie von dergleichen 
Bedingungen notwendig begleitet zu denken, ja, wenn die Sinne 
uns nicht begleiteten, so würde vielleicht der Verstand oder die Ein- 



' Ed. Naz. VI p. 2'Jl. 



— 54 — 

bilduiigskraft aus sich selbst niemals auf dergleichen kommen. So 
denke ich, daß Geschmack, Geruch, Farben usw. für das Objekt, 
in dem sie uns ihren Sitz zu haben scheinen, nichts als bloße jN'amen 
sind, während sie ihren Ort in dem empfindenden Körper einnehmen, 
so daß, wenn das Leben dahin ist, alle diese QuaMtäten aufgehoben 
und vernichtet sind, wenn gleich wir, wie wir ihnen besondere 
r\amen gegeben haben, die verschieden sind von jenen realen Acci- 
dentien, gern glauben wollen, daß sie in Wh-klichkeit und realiter 
von jenen verschieden seien. ^ 

Können hier den heutigen Leser Andeutungen über das Wesen 
der Wärme fesseln, die, wenn auch nur ahnungsweise, Anschauungen 
der Gegenwart verwandt sind, so war dem Zeitgenossen sicherlich 
vor allem übrigen der Aufschluß überraschend, daß die Bleikugeln, 
die nach Dichtung und Geschichtserzählung der rasche Flug 
geschmolzen, nur Geschosse der Phantasie waren. 

Der gleiche Streit gibt Galilei die Veranlassung, verworrenen 
Meinungen der alten Philosophie zum ersten Mal klare Sätze seiner 
neuen Mechanik über die Mitteilung der Bewegung gegenüberzustellen, 
die den Hörern jener Tage eine neue Welt erschlossen. Unerklärt, 
und darum nicht minder anregend, fügt er die Versuche hinzu, durch 
die er die Luft im rasch geschwungenen Behälter von dem Umschwung 
unberührt in ihrer Ruhe beharren sieht. Hier führt ihn der Zusammen- 
hang zur ]\Iitteilung über jenes eigentümliche Experiment, durch 
das er in Rom die dritte Bewegung des Copernicus zugleich -zu er- 
klären und zu widerlegen versucht hatte. Er Aviederholt seine Er- 
klärung nicht, um den Copernicus zu verteidigen; er hat nur aufzu- 
klären, was Sarsi mißverstanden, wenn er von ähnlichen Versuche]! 
gehört haben will. In der Tat ist Galilei auch jetzt noch weit davon 
entfernt, die erste Gelegenheit zu neuen Äußerungen im copernica- 
nischen Sinne und damit zum Widerspruch gegen das Dekret von 
1616 benutzen zu wollen. Vielmehr erklärt er all jenen provozierenden 
Worten Sarsis gegenüber kalt und ruhig, daß er sich unterworfen hat. 
War Grassis Absicht, ihn entweder zum Geständnis zu verleiten, daß 
er der ketzerischen Lehre anhänge, oder zur öffentlichen Erklärung, 
daß er seine Wissenschaft den Anordnungen der Kirche unterwerfe, 
so war Galileis Gesinnungen gemäß die Antwort von selbst gegeben. 



1 Ed. Naz. VI p. 347f. 



— 55 — 

Er erklärt in bestimmton Worten, daß er als Katholik die copernica- 
nische Lehre als falsch erkannt hat; aber seine Erläuterungen lassen 
niemand in Zweifel darüber, daß er sie nicht als durch wissenschaft- 
liche Gründe widerlegt ansieht. Unverkennbar sucht er bei dieser 
Doppelstellung sich der Auffassung des Dekrets anzubequemen, die 
in den letzten Jahren durch „die Verbesserungen zum Copernicus" 
als die kirchliche anerkannt war. So erwidert er matt genug auf jene 
boshafte, flüsternde Stimme, die dem Gegner copernicanische An- 
sichten hinter der neuen Kometenlehre verraten will: „weder ich noch 
Guiducci haben ein Wort davon gesagt oder auch nur daran 
gedacht, — wie Sarsi selbst bekennt, wenn er sagt, er glaube nicht, 
daß es mir jemals in den Sinn gekommen sei, die Bewegung der Erde 
bei dieser Gelegenheit einzuführen, da er mich als fromm und kirch- 
lich gekannt hat ; aber wenn dem so ist, zu welchem Zweck erwähnt 
Ihr sie und in welcher Absicht sucht Ihr zu zeigen, daß sie zu meinem 
Bedarf nicht ausreicht P"^ 

Indem Galilei die Frage zurückweist, wagt er so wenig wie 
Guiducci die w^eitere Ursache namhaft zu machen, die Guiducci als 
notwendig bezeichnet hat, damit die neue Kometenlehre der Deutung 
der Erscheinungen genüge. Er konnte nicht offen einräumen, daß 
seine Theorie ohne die Bewegung der Erde unvollständig bleibe, 
wenn er nicht auch diese Lehre in demselben Buche zum Traum und 
Hirngespinst herabwürdigen wollte, dem er die Aufgabe stellte, sie 
aufs beste zu verteidigen. Aber ebensowenig sagt er, daß an jener 
Stelle von Guiducci an die Bewegung der Erde nicht gedacht sei, 
für den aufmerksamen Leser ist viehnehr das Gegenteil deutlich genug 
zwischen den Zeilen der weiteren Auseinandersetzung zu lesen. Er 
beleuchtet zunächst den hilflosen Versuch des Gegners, jeden Einfluß 
der Erdbewegung, selbst wenn man an sie denken dürfte, als un- 
genügend für die Zwecke jener Theorie zu erweisen, er zeigt, daß 
Sarsi wieder über die Bewegungen der Erde nach der Lehre des 
Copernicus, noch über die mannigfaltigen Erscheinungen hinreichend 
unterrichtet ist, die infolge dieser Bewegungen an anderen Welt- 
körpern w^ahrgenommen werden müssen; Galilei denkt auch hier 
nicht daran, die unverständige Anwendung der copernicanischen 
Lehre durch eine verständigere zu ersetzen; dagegen schließt er die 



» Ed. Naz. VI p. 305. 



— 56 — 

Erörterung mit den Worten ab: wenn die der Erde zugeschriebene 
Bewegung, die ich als fromme und katholische Person für gänzlich 
falsch und nichtig halte, von so vielen und mannigfaltigen Erschei- 
nungen Rechenschaft zu geben geeignet ist, die man an den Himmels- 
körpern wahrnimmt, so kann ich mich nicht überzeugen, daß sie 
nicht auch, falsch wie sie ist, täuschenderweise den Erscheinungen 
der Kometen entsprechen könne, sofern nicht Sarsi sich zu deut- 
licheren Ausführungen bereit finden läßt, als er sie bis jetzt vor- 
gebracht hat.^ 

An anderer Stelle äußert Galilei sein Bedenken gegen die Weise 
des Gegners, die Pflicht des Gläubigen wie ein wissenschaftliches 
Argument zum Beweis zu verwenden; die kirchliche Entscheidung, 
meint er, hätte ihm vielmehr ein Sporn sein müssen, diese Annahme 
zu vernichten und als unmöglich darzulegen; es sei vielleicht nicht 
übel getan, auch mit natürlichen Gründen, wenn es geschehen könne, 
die Falschheit solcher Behauptungen zu erweisen, die als schrift- 
widrig erklärt seien. 

Es entspricht dem gleichen Standpunkt, wenn er hier nur zweifelt 
und vermutet und dann doch mit größter Entschiedenheit die An- 
sicht zurückweist, daß den Gläubigen nichts übrig bleibt, als sich 
zu Tycho Brahe zu bekennen. Selbst wenn er mit Sarsi annehmen 
wollte, daß der menschliche Verstand sich notwendig dem Verstand 
eines andern Menschen leibeigen machen müßte, daß man bei Be- 
trachtung der Himmelsbewegungen irgendeines Mannes Anhänger 
sein müsse, sieht er nicht ein, aus welchem Grunde er Tycho wählt 
und ihn Ptolomäus und Nicolaus Copernicus vorzieht, von denen 
beiden wir vollständige und mit größter Kunst entworfene Welt- 
systeme haben; er kann nicht sehen, daß Tycho dasselbe getan hat, 
wenn es nicht etwa Sarsi genügt, daß er die beiden andern verneint 
und ein anderes versprochen, wenngleich nicht ausgeführt hat. Ebenso- 
wenig sei es Tycho, der die beiden andern als falsch erwiesen hätte, 
denn was den Ptolomäus betrifft, so sei die einzige Widerlegung 
desselben in den teleskopischen Beobachtungen enthalten, durch den 
er, Galilei, den Wechsel der scheinbaren Größe bei den Planeten der 
copernicanischen Annahme entsprechend gefunden hätte. „Was dann 
die copernicanische Hypothese betrifft", fährt er fort, „so glaube ich 



1 Ed. Naz. VI p. 311. 



— 57 — 

nicht, daß, wenn nicht, uns Katholiken zum Heil, eine erhabenere 
Weisheit uns aus dem Irrtum gerissen und unsre Blindheit erleuchtet 
hätte, eine solche Gnade und Wohltat uns durch die Gründe und 
Beobachtungen Tychos zuteil geworden wäre. Da also die beiden 
Systeme sicher falsch sind und keins von Tycho vorhanden ist, sollte 
Sarsi mich nicht tadeln, wenn ich mit Seneca nach dem wahren Bau 
der Welt Verlangen habe.^ 

Sieht man in allen diesen Äußerungen von der Form ab, die der 
Glaube auferlegt, so bleibt als Kern der Ausdruck unerschütterter 
Überzeugung. Der Saggiatore brachte seinen Lesern keine neuen 
Beweise für den Copernicus, aber unter den Schätzen neuer Wissen- 
schaft, die er verbreiten sollte, ließ Galilei auch die Hinweisung auf 
die größeren nicht fehlen, die der kirchliche Beschluß den Gläubigen 
vorenthielt. 

Dem Zeitalter und der Heimat Jenes eisernen Zwanges fern, 
bedünkt es uns nach dem Maßstab der eigenen Empfindungsweise 
würdiger — wenn doch der unnatürliche Gehorsam walten soll — 
zu verschweigen, was nur unter feierlichster Verwahrung, unter ver- 
hüllenden Worten Duldung finden kann, aber weim es Galilei darauf 
ankam, in der ersten Schrift, die er seit dem Unglücksjahr veröffent- 
lichte, aller Welt zu sagen, da(j kein Dekret aus schlechten Gründen 
gute machen könne, daß auch jetzt noch keine Deutung der Himmels- 
erscheinungen neben der copernicanischen Bestand habe, so hätte 
er diese Überzeugung nicht vernehmlicher verkünden können, als es 
in den Formen der Demut im Saggiatore geschieht. 



1 Ed. Naz. VI p. 232f. 



Drittes Kapitel. 

Vor den Dialogen. — Gegen Ingoli. 



Der Saggiatore war noch nicht erschienen, als ein vielverheißendes 
Ereignis die Freunde der ernsteren Wissenschaft in freudige Auf- 
regung versetzte. Im August 1623 war Papst Gregor XV. gestorben. 
Aus der Wahl der Kardinäle im kurzen, durch die Fieberschwüle 
des römischen Sommers geängstigten Konklave ging als sein Nach- 
folger der Kardinal Maffeo Barberini hervor, der unter dem Namen 
ürbans VIII. den päpstlichen Stuhl bestieg. ^ Maffeo Barberini 
hatte für einen der gelehrtesten Kardinäle gegolten; er hatte mit 
vielen Gelehrten der Zeit, unter ihnen mit den angesehensten aus 
dem Kreise der römischen Freunde Galileis in nahen Beziehungen 
gestanden — so knüpften sich an seine AVahl die überschwänglichsten 
Hoffnungen; „man erwartet eine vortreffliche Regierung", so wieder- 
holte einer nach dem andern im jubelvolloi Bericht an Galilei; „wir 
werden einen höchsten Mäcenas haben", ,,es wird ein Regiment der 
schönen Wissenschaften sein" — so hieß es zuversichtlich in 
den Kreisen der Lyncei.^ Stand docli vor allen übrigen Fürst Cesi 
in Barberinis Gunst, nun wurden überdies durch die ersten Wahlen, 
die der neue Papst zu treffen hatte, zwei der angesehensten Älitglieder 
der Akademie in seine nächste Umgebung gezogen; Virginio Cesarini 
wurde zum maestro di Camera ernannt, Monsignor Ciampoli wurde 
als segretario de Brevi bestätigt und erhielt zugleich den Rang 
eines Kainmerherrn, ein dritter aus dem akademischen Kreise, der 
Cavaliere del Pozzo^, wurde für den Dienst des päpstlichen Neffen, 



1 Ed. Naz. XIII p. 120. 

2 Ed. Naz. XIII p. 121, 124, 125, 126. 

3 Ed. Naz. XIX p. 560. 



— 59 — 

Francesco Barberini, bestimmt, dessen Erhebung zum Kardinal^ 
nicht ausbleiben konnte. Man säumte nicht, diese seltene Gunst 
der Verhältnisse zur Sicherung dauernder Beziehungen zu verwerten. 
Im Namen der Akademie wurde dem Papst die Widmung des Sag- 
giatorc angetragen.- Urban nahm sie in gnädiger Weise an. Unter 
den Verwandten des Papstes war der neu erwählte Kardinal, Fran- 
cesco Barberini, dem alle AVeit gewichtigen l-^influß unter dem neuen 
Regiment voraussagte, zugleich als Gönner gelehrter Bestrebungen 
bekannt — ihm trug man in bescheidenster Höflichkeit die Mitglied- 
schaft der Akademie an; der Kardinal wußte die Ehre, die ihm ge- 
boten wurde, zu schätzen, und die Akademiker dankten ihm in feier- 
licher Deputation, daß er ihre Genossenschaft nicht verschmähte.^ 
Wir werden also, schrieb man an Galilei, einen Protektor im Purpur 
haben. Auch Galilei mußte der Genugtuung darüber Ausdi^uck 
geben. Fürst Cesi fand es wünschenswert, daß er den Kardinal über 
seinen aufrichtigen Anteil nicht in Zweifel lasse.* Galilei erwiderte, 
daß seine Freude in der Tat aufrichtig sei. Mehr noch als für irgend- 
einen der Freunde war die Wandlung der Dinge in Rom für ihn eine 
verheißungsvolle. Seit längeren Jahren hatten freundschaftliche Be- 
ziehungen zwischen ihm und dem Kardinal Maffeo Barberini be- 
standen. Eine Reihe von Briefen des Kardinals gibt davon Zeugnis. 
Mag der Wunsch, selbst für einen Gelehrten und besonderen Gönner 
der Gelehrsamkeit zu gelten, ihm mehr als wahres Verständnis den 
Verkehr mit dem großen Manne schätzenswert gemacht haben, die 
Folge dieser schriftlichen Äußerungen läßt jedenfalls darauf schließen, 
daß das Verhältnis auf beiden Seiten als ein näheres empfunden 
wurde. Galilei übersandte dem Kardinal regelmäßig seine neu er- 
schienenen Werke, und der Kardinal bekundete ihm in seinen p]n\ide- 
rungen lebhaften Anteil^; er fand, daß seine Ansicht über die scln\im- 
menden Körper der Galileis nahestehe'', Galilei schrieb ihm, noch 
bevor er seine Auffassung veröffentlichte, über die Sonnenflccken 
und die Ursache ihrer Ortsveränderung ^. Es schien dem Kardinal, 

1 Ed. Naz. XIII p. 133, 137. 

2 Ed. Naz. VI p. 201; XIII p. 129, 142, 146. 

3 Ed. Naz. XIII p. 133, 134, 137. 
* Ed. Naz. XIII p. 135. 

5 Ed. Naz. XI p. 216. 

« Ed. Naz. XI p. 317f. 

■ Ed. Naz. XI p. 304—311. 



— 60 - 

daß Galilei die Deutung der Sonnenf lecken in Apelles Briefen mit 
gutem Grund verwerfe^; freilich verwechselt er dann im folgenden 
Brief die Meinung der beiden Gegner, wenn er versuchen will, „die 
Planeten", die Galilei angekündigt hat, durchs Fernrohr zu ver- 
folgen. Als bald darauf Barberini von Bologna nach Rom über- 
siedelte, fand er Gelegenheit, Galilei sein AVohlwollen durch die Tat 
zu beweisen. Bei ihm suchte in den Jahren der Drohungen und 
Denunziationen Ciampoli Rat und Auskunft; er war es, der Galilei 
ermahnen ließ, sich auf physikalische und mathematische Erörterungen 
zu beschränken, die Theologie den Theologen zu überlassen; er zählte 
im Jahre 1616 zu seinen entschiedensten Gönnern und Verteidigern, 
und aus mancherlei Andeutungen läßt sich entnehmen, daß er dem 
Urteil gegen die copernicanische Lehre wenigstens nicht in dem 
Umfange zugestimmt habe, wie es im März 1616 zum Beschluß er- 
hoben wurde. 

So bekunden auch die späteren Briefe des Kardinals sein un- 
verändertes Wohlwollen, seine Achtung vor Galileis Talenten. Galilei 
sandte ihm, wie die früheren Schriften, auch Guiduccis Kometenrede 
zu, und als sie durch einen Unfall nicht in die Hände des Kardinals 
gelangt war, äußerte dieser den dringenden Wunsch, deshalb nicht auf 
das Werk verzichten zu müssen. ^ Als Beweis seiner wahren Ergeben- 
heit widmete er bald darauf dem Entdecker der Jupiterstrabanten 
ein lateinisches Gedicht^; bei der Übersendung bittet er Galilei, die 
Verse als ein kleines Zeichen der großen Verehrung, die er für ihn 
hege, zu betrachten.^ Der gleiche Ton der Zuneigung findet sich 
in den Zeilen wieder, mit denen Barberini wenige Monate vor seiner 
Erhebung zur höchsten kirchlichen Würde Galilei für eine erwiesene 
Aufmerksamkeit seinen Dank sagt. Den Worten seines Sekretärs 
fügt er mit eigener Hand die wiederholte Versicherung hinzu, daß 
Galilei bei ihm zu allen Zeiten das lebhafte Verlangen und volle 
Bereitwilligkeit finden werde, ihm die Anhänglichkeit, die er ihm 
und den Seinen bewahre, zu erwidern.^ 

Als Maffeo Barberini Papst Urban geworden war, sandte Galilei 



1 Ed. Naz. XI p. 322/23. 

2 Ed. Naz. XII p. 461—462. 463. 

3 Ed. Naz. XIII p. 48—49, 50. 
* Ed. Naz. XIII p. 48 f. 

^ Ed. Naz. XIII p. 119. 



— 61 — 

dip Briefe des Kardinals seiner Lieblingstochter ins Nonnenkloster 
zu Aicelri.^ ^lit inj^ondlieheni Entzücken las die Tochter, in welchem 
Ansehen der h(»chverehrte Vater hei dem Manne gestanden, der nun 
der höchste Herr der Christenheit geworden war. Kindlich denkt 
sie sich aus, wie nun der Vater zur Thronbesteigung einen wunder- 
schönen Brief an den Papst geschrieben habe, und ihr Verlangen ist, 
wenn's möglich wäre, auch diesen zu lesen. Auch Galilei war in vollem 
Maße empfänglich für den Abglanz der Herrlichkeit, der in den Augen 
der Welt auf den Freund und Schützling des Auserwählten der Kirche 
fiel. Auch ihm schwoll das Herz von stolzen Hoffnungen. Es ent- 
sprach seinen Gewohnheiten, die Formen gesellschaftlicher Höflich- 
keit mit der Gewissenhaftigkeit des Hofmanns zu wahren; dieses 
Mal war es mehr als Form, wTun er außer den Freunden, die zum 
päpstlichen Dienst berufen waren, auch den näheren Verwandten 
des Papstes seine Glückwünsche in Ausdrücken darbrachte, die von 
Genugtuung überströmten. 

Für Galilei bedeutete diese Papstwahl nichts geringeres als die 
l^röffnung neuer Aussichten für die Befreiung der Wissenschaft. 
„Angelegenheiten von der größten Bedeutung für die Republik der 
Wissenschaften bewegen mein Gemüt'", so schrieb er wenige Tage 
nach der Ernennung Urbans an den Fürsten Cesi.- Wenn unsere 
Wünsche bei solcher Gunst der Verhältnisse sich nicht verwirklichen 
lassen, — so wird kaum zu hoffen sein, daß dies jemals geschehe. 
Jetzt oder niemals, glaubte er, müsse es gelingen, eine Abänderung 
oder Aufhebung des Dekrets gegen den Copernicus zu erwirken. 

Niemand in der Republik der Wissenschaften hatte an einer 
solchen Entscheidung größeren Anteil als Galilei. Er stand im sechzig- 
sten Lebensjahr, und das Werk, das seit Jugendjahren als hohe 
Lebensaufgabe ihm vorschwebte, das dem Geiste reif und vollendet 
dastand, war unter dem Bann des kirchlichen Verbots noch immer 
unausgeführter Entwurf geblieben. 

Die sieben Jahre, die seit jener Entscheidung verflossen waren, 
hatten genügt, ihn den Druck der Fessel in vollem Maße empfinden 
zu lassen, aber die Äußerungen des Saggiatore beweisen, daß sie 
ihn in seiner Gesinnung gegen die Kirche nicht wankend gemacht 



i Ed. Naz. XIII p. 120, 122, 127. 
■' Ed. Naz. XTTT p. 135. 140—141. 



— 62 — 

hatten. Unter solchen Umständen gab es keine Erlösung vom un- 
ei-trägliehen Bann, als durch den freien Verzicht derselben Gewalt, 
die Fessel und Bann über die (iläubigen verhängt hatte, und darum 
mußte auch Galilei die VerN\irklichung seiner Hoffnungen — wenn 
er jemals Erfüllung hoffen durfte — von dem neuen Träger der 
päpstlichen Gewalt erwarten. Schon unter Gregor hatte ihm Ciam- 
poli in der Zuversicht auf den eigenen Einfluß am päpstlichen Hofe 
Andeutungen in dieser Hinsicht gemacht.^ 

Galilei war entschlossen, dem Papst persönlich seine Huldigung 
darzubringen und bei dieser Gelegenheit für die Sache der freien 
Wissenschaft einzutreten. Er ließ zunächst durch die Freunde am 
päpstlichen Hof Erkundigungen einziehen, ob er auf gnädige Auf- 
nalinie zu rechnen habe. Die Antworten lauteten überaus ermutigend.- 

In Galileis Namen hatte Cesarini schon in den ersten Tagen 
des neuen Regiments Sr. Heiligkeit den Fuß geküßt, und der Papst 
hatte über das Zeichen der Ergebenheit seine Freude ausgesprochen. 
.Jeder der Freunde suchte nun, bei passender Gelegenheit von Galilei 
zu reden. „Ich schwöre Euch", schreibt ihm Thomas Einuccini^, 
..daß nichts von allem, was ich sagte, unsern Herrn so sehr erfreut 
hat, wie die Erwähnung Eures Namens; als ich dann Eures Wunsches 
gedachte, erwiderte der Papst, es w^ürde ihn sehr freuen, Euch zu 
empfangen, wenn es sich mit Eurer Gesundheit vereinen ließe, denn 
die großen Männer, wie Ihr, müssen in jeder Weise darauf bedacht 
sein, so lange als möglich zu leben." Als bald darauf* Fürst Cesi 
zur Audienz erschien, empfing ihn der Papst mit den Worten: „kommt 
Galilei? Wann kommt er?" „Die Stunde währt ihm tausend Jahre 
bis dahin", erwiderte der Fürst. Alle wiederholten, daß der Papst 
mit Liebe und Achtung von ihm rede. Einstimmig waren die Freunde 
der Meinung, daß Galileis baldiges persönliches Erscheinen in Rom 
nicht nur geraten, sondern um seiner Pläne willen unerläßlich sei. 
Körperliche Leiden und ein ungewöhnlich rauher Winter nötigten 
ihn gegen seine Neigung zu längerem Aufschub. Indessen war 
dafür gesorgt, daß die Gesinnung des Papstes nicht erkaltete. Nur 

1 S. d. Brief aampolis an Galüei vom 27. Mai 1623, der Kap. II, S. 41 
ausführlich behandelt ist. 

- Ed. Naz. XIII p. 124. 135. 
3 Ed. Naz. XIII p. 139—140. 
* Ed. Naz. XIII p. 140—141. 



— 68 — 

kurze Zoit nach Urbans Wahl im Herbst 1623 war der Saggiatore 
erschienen. Die Widmung an den Papst^ im Namen der Akademie 
der Lyncei von Virg. f'esarini verfaßt, gab nochmals dem Jubel und 
den Hoffnungen, in denen die Freunde der Wissenschaft schwelgten, 
wortreichen Ausdruck. Die Vorstellungen, in denen man den Papst 
als den Mäzen aller edleren Bestrebungen gefeiert hatte, fanden 
neue Nahrung in dem Interesse, das ürban alsbald dem Saggiatore 
zuwandte; er ließ sich das Buch bei Tische vorlesen und folgte mit 
großem Wohlgefallen bis zum Ende.- 

Über den Eindruck des Saggiatoie in den weiteren Kreisen der 
gelehrten und der gebildeten Zeitgenossen ist uns außer den be- 
geisterten Kundgebungen der Freunde wenig erhalten. Unter den 
Urteilen der Zeitgenossen nehmen die kurzen Bemerkungen Keplers 
unser Interesse in Anspruch, Es ist das letzte Mal, daß wir den 
großen Mann Galilei nahetreten sehen, das erste Mal, daß die beiden 
nicht auf gleicher Seite kämpfen, aber um so schöner tritt Keplers 
edle Denkweise aus seinem Urteil hervor. Seine Bemerkungen zum 
Saggiatore^ finden sich im Anhang einer größeren Schrift, durch 
die er die Lehre Tycho Brahes gegen Scipio Chiaramonti von 
Cesena'* verteidigt, Kepler betrachtete sich nach Tychos Tode bei 
aller Verschiedenheit der Ansichten und der Gesinnung als den natür- 
lichen Vertreter des Mannes, dem er so viel verdankte. Er trat über- 
dies in der Lehre vom himmlischen Ort der Kometen und der 
Methode Tychos, ihn nachzuweisen, für die eigene Sache ein, für 
einen Besitz, dessen er sich seit dreißig Jahren sorglos und ungestört 
gefreut und den er, wie er war, den Nachkommen zu überliefern ge- 
dachte. Seine Schrift, die sich als Schildhalter Tychos dem „Anti- 
tycho" gegenüberstellt, will zugleich mit aller Sorgfalt untersuchen, 
ob er selbst, „was er als Jüngling gelernt, als Mann gelehrt hat, nun 
im abwärtsgehenden Lebensalter wieder verlernen und andern, 
lehrend, nehmen muß."^ 



1 Ed. Naz. VI p. 201, 

2 Ed, Naz. XITI p. 141, 146, 154. 

^ Appendix Hyperaspistis seu spicilegiura ex trutinatore Galilaei. 
Jo. Kepler! Opera ed. Frisch. Vol. VII p. 270—279. 

* Tychonis Braliei Hyperaspistes. Jo. Kepieri Opera ed. Frisch. 
Vol. VII p. 161—269. 

* Jo. Kepler! opera ed. Frisch. Vol. VII p. 166. 



— 64 — 

Sein Urteil über Galileis Kometenlehre ist unausgesprochen in 
dieser Verteidigung Tyehos gegen Chiaramonti enthalten. Die „Ähren- 
lese aus Galileis Goldwage" läßt diese Hauptsache unberührt. Nicht 
in den Streit zwischen Sar.si und Galilei will er sich einmischen, aber 
seine Pflicht als Verteidiger nötigt ihn, so gut er kann, die Angriffe 
zurückzuweisen, in denen auch der Saggiatore den Verdiensten, ja 
der wissenschaftlichen Ehre Tycho Brahes zunahe tritt. ^ Keine Stelle 
des Buches bleibt unberühi't, die von ihm redet (im Vorübergehen 
finden dann auch die Bemerkungen ihre Erledigung, in denen Kepler 
selbst genannt wird). Galilei hatte Tyehos Namen in ziemlich gering- 
schätziger Weise erwähnt. So hatte er gelegentlich den Vorwurf 
der Unwissenheit in einfachen geometrischen Dingen gegen ihn er- 
hoben; bei der Entscheidung über die Kleinheit der Kometenparallaxe 
sieht er ihn völlig willkürlich Beobachtungen auswählen, die seiner 
Absicht entsprechen, andere verwerfen, die widersprechen. Kepler 
weist wenigstens in einzelnen Fällen diese Vorwürfe mit voller Über- 
zeugung zurück. Jene Fehler und Irrtümer sind, wenn man sich 
an die Worte hält, unbestreitbar vorhanden; aber wer Tyehos große 
Leistungen kennt und bei den Worten an den Mann denkt, kann 
den Grund nicht in einer Unwissenheit suchen, die bei Schülern zu 
tadeln wäre; Sorglosigkeit im Ausdruck, ein unglücklicher Zufall 
beim Druck, selbst eine augenbUcMiche Gedankenschwäche könnte 
passender zur Erklärung dienen, um so mehr, als diese scheinbaren 
Fehlgriffe für Tyehos Hauptbeweis ohne jede Bedeutung sind. - 

In dem anderen Falle mag Kepler so wenig glauben, daß' Galilei 
ernstlich den ersten aller astronomischen Beobachter der Gewissen- 
losigkeit zeiht, daß er vernnitet, er sei vor allem darauf bedacht 
gewesen, Guiducci Wort für Wort gegen den Angriff zu verteidigen; 
er kann nicht zweifeln, daß Galilei, wenn irgend jemand, weiß, wie 
weit „Minzen von Lupinen verschieden sind" 3, und welcher Unter- 
schied zwischen Tyehos unglaublicher Sorgfalt in Beobachtungen 
und der gewöhnlichen OberflächHchkeit der meisten Beobachter be- 
steht. In der Schrift gegen Chiaramonti hat er den gleichen Vorwurf 

1 Jo. Kepler! opera ed. Frisch. Vol. VII p. 270. 

^ Vergl. Keplers merkwürdige Verteidigung der geometrisch sinnlosen 
Stelle Astron. inst. II 125 im Tychonis Hyperaspistes (Jo. Kepleri opera 
Vol. VII p. 194, ergänzt p. 270). 

^ Jo. Kepleri opera ed. Frisch. Vol. VII p. 277. 



— 65 — 

in aller Gründlichkpit widerlegt, hier weist er nur darauf hin, daß 
Tychos eigene Beobachtungen vollkommen ausreichen und von ihm 
ausschließlich benutzt werden, um zu erweisen, worauf es ankommt; 
dann aber habe er die Beobachtungen anderer verglichen und unter 
ihnen keineswegs ausgewählt, was die seinigen bestätigte, sondern 
nach denselben Grundsätzen die besseren gesondert, nach denen er 
die eigenen den übrigen vorgezogen hatte. Niemand war in dieser 
Beziehung ein besserer Kenner und ein besser berechtigter Kichter 
als der Forscher, der seine größten Entdeckungen nicht unabhängig 
von Tychos neuer Kunst der astronomischen Beobachtung und ihren 
großen Ergebnissen zu denken vermochte. Aus vollster Sachkenntnis 
konnte Kepler gleichfalls erwidern, wo es sich um Tychos Weltsystem 
handelte. Auch hier mußte er, so zweifellos für ihn die Überlegenheit 
der copernicanischen Lehre begründet war, den wegwerfenden Äuße- 
rungen Galileis widersprechen, nach denen von einem tychonischen 
System nicht zu reden sei. In der Tat hatte Tycho eine völlige Dar- 
stellung der Himmelserscheinungen nach seiner Hypothese „ver- 
sprochen", und dies Versprechen war unausgeführt geblieben, aber 
sein System konnte nicht als ein nicht vorhandenes bezeichnet werden; 
ohne die eigene Ansicht im Dunkeln zu lassen, muß Kepler doch 
behaupten, daß Tychos Lehre viele sch^^ierige Probleme der Planeten- 
kunde zu lösen wohlgeeignet ist, daß sich die meisten copernicanischen 
Deutungen leicht in ihre Sprache übertragen lassen. Galilei hatte 
geäußert, daß erst durch seine Entdeckungen über die Veränderung 
in der scheinbaren Größe des Mars die Stellung der Erde inmitten 
der Marsbahn beseitigt sei. Kepler hat für diese Entdeckung freudige 
Anerkennung, aber eine solche Bedeutung kann er ihr nicht zu- 
gestehn; es waren Tychos Beobachtungen, aus denen er selbst, noch 
vor der Erfindung des Fernrohrs, Erdabstände berechnet hat, die 
der Annahme des Copernicus über die Stellung des Mars im Planeten- 
system entsprechen. Nicht ohne Verwunderung kann Kepler bei 
dieser Gelegenheit wahrgenommen haben, daß Galilei dem ganzen 
Bereich dieser Forschungen über den Mars wie völKg fremd gegen- 
übersteht. Er wußte das Buch über die Bewegung des Mars in seinen 
Händen, er selbst hatte es ihm vor fünfzehn Jahren übersandt; 
die gleiche Lehre hatte er vor drei Jahren in der systematischen 
Darstellung seiner „copernicanischen Astronomie" wiederholt; aber 
kein Wort in Keplers Bemerkungen deutet Überraschung oder Be- 

Wohlwill, Galilei. II. 5 



— 66 — 

fremden an; er wiederholt in aller Kürze die Annahmen, die er dort 
der Berechnnng zugrunde legt; er füi'chtet nicht, äußert er, daß 
Galilei diese Annahmen leugnen will und deshalb Tychos Beobach- 
tungen jene Bedeutung streitig macht; er meint, daß nur der Eifer 
des Streits ihn fortreiße; „als der unerbittliche Orkus dem Orpheus 
seine Euridice versagte und Thrazien andere Mädchen ihm entgegen- 
führte — da soll er, vom Haß gegen das ganze übrige Geschlecht 
ergriffen, seine Worte nicht zwar mit Überlegung, aber vom bitteren 
Schmerz überwältigt, auch gegen Euridice selbst gerichtet haben. "^ 

In höherem Grade noch befremdend klingen für Kepler die 
Äußerungen, in denen die beiden Gegner übereinstimmend von 
Copernicus reden. Kepler begreift weder das Verbot, noch die Unter- 
werfung. Aber auch hier vermeidet er Galilei gegenüber jedes strengere 
Wort. Mit dem ganzen Unwillen einer edlen Gesinnung wendet er 
sich gegen Sarsis heuchlerisch eingekleidete Verdächtigungen; nur 
als Sarsis Äußerungen führt er die Verwahrungen des frommen Katho- 
liken an, nur ihn sieht er untersuchen, ob die falsche copernicanische 
Lehi'e, falsch me sie ist, den Erscheinungen genügen könne und 
findet, daß er dabei wie zwischen lauernden Hunden den Toren der 
Wahrheit zustrebe; so sehr verlangt er, die Tore zu erreichen, so 
vorsichtig fragt er, daß er nicht gebissen wird. Kepler versteht nicht 
oder \dll nicht verstehen, daß die römischen Herrscher in Wirklich- 
keit sich eine Entscheidung anmaßen, die ihrem Machtbereich ent- 
zogen ist; die stärkere Vermutung spricht in ihm dafür, daß nur 
die knechtische Gesinnung den Willen der Gebieter zu dem gestalte, 
was sie knechtisch befolgen. „Täuscht mich nicht alles", ruft er 
aus, „so füi-chtet Aegle die Stirn des Silen, die sie selbst mit 
Mennig angestrichen; mag denn Perillus in eigener Qual seinen 
Ochsen brüllen lehren." ^ 

All diese Worte wenden sich gegen Sarsi, aber im Kern der 
Sache treffen sie Galilei mit. Kepler nennt ihn nicht, keins seiner 
Worte könnte dem, der nur durch ihn vom Saggiatore weiß, ver- 
raten, daß auch Galilei dem Machtspruch gegenüber vollen Gehorsam 
zur Schau trägt. Zsur einen jener merkwürdigen Sätze findet man 
zitiert, aber auch hier deckt Keplers lateinische Übertragung mit 



1 Jo. Kepler! opera ed. Frisch. Vol. VII p. 271f. 
- Ibid. p. 276. 



— 67 — 

absichtlicher Ungciiauigkeit die demütigen Worte des Originals, er 
überhört ,,die Wohltat für die Katholiken"; statt der „erhabenen 
Weisheit", die von Rom kommt, setzt er „ein übernatürliches Licht", 
und so kann er selbst der Meinung seine Zustimmung nicht versagen, 
daß schwerlich Tycho die Forscher über den Irrtum des Copernicus 
aufgeklärt hätte, wenn nicht „ein übernatürliches Licht sie erleuchtet 
hätte"; „auch auf Tycho", fügt Kepler hinzu, „ist, wie mich dünkt, 
etwas von jenem übernatürlichen Licht durch eine enge Ritze herab- 
gestrahlt, und dieser Strahl hat seine Augen von dem hellglänzenden 
Gestirn des copernicanischen Systems auf sein eigenes gelenkt." 

„Aber denen", schließt er — um völlig klar zu sein — , „die 
etwas stärkere Augen haben, verschwinden nicht sofort beim Aufgang 
der Sonne die übrigen Gestirne, namentlich wenn sie gesondert bald 
jene, bald diese anschauen, ein jedes an seinem Ort und Bezirk. "^ 
Daß Galilei nicht anders dachte, \Mißte Kepler trotz der wider- 
sprechenden Worte, daß man so denken und die Worte den Gedanken 
verleugnen lassen konnte, das allerdings w^ar ihm seinem innersten 
Wesen nach fremd und unbegreiflich. Aber nur zwischen den Zeilen 
eines offenen Bekenntnisses läßt sich, wenn man deuten will, ein 
leiser Vorwurf für Galilei lesen, Mit voller Absicht sucht er, wie hier, 
so in allen Teilen der Beurteilung im Streit, wie in der Zustimmung 
die freundschaftliche Form zu wahren, in allem Freimut der Rede 
läßt er nirgends den Ausdruck der vollen Achtung vermissen, der 
dem ebenbürtigen Geist gebührt, und so versäumte er auch nicht, 
zum Schluß den übrigen Inhalt des Buchs als überaus reich an 
Gedanken und Versuchen zu kennzeichnen, in vollem Maße würdig, 
bei den Freunden der Philosophie Lob und Gunst zu finden. - 

Galilei scheint so wenig für die milde Form wie für den ernsten 
Gehalt in den Einwürfen seines Kritikers offenen Sinn gehabt zu 
haben; sein Urteil über Keplers Bedenken lautet überraschend gering- 
schätzig. Zum ersten Male tritt bei dieser Gelegenheit in bestimmten 
Äußerungen der tiefe Gegensatz der Naturen der beiden Männer 
zutage, die bis dahin trotz aller bewußten Verschiedenheit im Denken 
und Reden sich als Freunde nahegestanden hatten. Vor allem war 
Keplers Schreibweise Galilei in hohem Maße unsympathisch, und 



^ Jo. Kepler! opera ed. Frisch. Vol. VII p. 274. 
- Ibidem p. 279. 



— 68 — 

in der Tat läßt sich kaum ein größerer Gegensatz denken, als seine 
schwungvolle, schmuck- und bilderreiche, tausendfältig abschweifende 
Darstellung neben der durchsichtigen Klarheit, Einfachheit und 
Sauberkeit in Galileis Stil. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß diese 
starke äußerliche Abneigung Galileis ihn unfähig gemacht hat, in 
Keplers Werken unter den vielen Dingen, die ihn abstießen, bis zum 
Kern der größten Entdeckungen zu gelangen. Was sich aus ander- 
weitigen Andeutungen vermuten läßt, ^^'ird in seinen Äußerungen 
über die Randglossen zum Saggiatore ziemUch ununn^imden aus- 
gesprochen.^ 

Galilei empfing „die Ährenlese zum Saggiatore" zugleich mit 
einer neuen peripatetischen Schrift Chiaramontis gegen die Be- 
wegung der Erde; er trägt kein Bedenken, beide Schriften in raschem 
Urteil zusammenzufassen; die eine wie die andere erscheint ihm 
überaus schwach. „Alles in allem", schreibt er einem Freunde in 
Bologna, freilich in vertrautem Briefwechsel^, ,, bestärken mich die 
Schöpfungen dieser ersten Männer — er redet noch immer von Kepler 
und Chiaramonti zugleich — einigermaßen in der geringen, und ich 
kann sagen kleinmütigen Meinung, die ich immer von meiner Be- 
gabung gehegt habe." Seltsam genug gesteht er auf demselben Blatt, 
daß er von Keplers Anhang das allerwenigste verstehe, er wisse nicht, 
ob das an seiner geringen Fassungsgabe oder an dem ausschweifenden 
Stil des Verfassers Hege; er fürchtet, weil er seinen Tycho nicht gegen 
die Anschuldigungen des Saggiatore habe verteidigen können, habe 
Kepler für gut befunden, zu schreiben, was andere, und vielleicht 
auch er selbst, nicht verstehen können. Eine solche Auffassung ist, 
selbst wenn man vergessen könnte, gegen wen sie gerichtet ist, dem 
Inhalt jenes Anhangs gegenüber kaum verständlich, wenn man nicht 
an eine Art instinktiver Scheu vor der fremdartigen Weise Keplers 
denken will. 

Geben diese Worte nur den ersten Eindruck nach flüchtigem 
Durchblättern wieder, so fiel das Urteil, nachdem er nach ruhigem 
Lesen nochmals beide Schriften zusammenwirft, um nichts gerechter 
oder milder aus; Keplers Einwürfe scheinen ihm von der allerleichtesten 
Art. , Um seines, wie um Keplers Namens willen, dünkt ihm eine 



1 Ed. Naz. XIII p. 290, 292, 297. 299. 301. 305. 310, 315. 
- Ed. Naz. XIII p. 302. 326, 328, 331. 



— 69 — 

Erwiderung unerläßlich, wiewohl ein jeder, der nur mittelmäßig in 
Arbeiten dieser Art bewandert ist, selbst sehen wird, daß alles Un- 
recht auf Keplers Seite ist. Von der beabsichtigten Erwiderung ist 
in weiteren Briefen an Caesar Marsili noch wiederholt die Rede, 
und jedes Mal fügt Galilei hinzu: die Autwort sei eine Kleinigkeit; 
sie ist jedoch in zusammenhängender Form nicht erschienen, nur 
auf Einzelheiten geht er gelegentlich in den späteren Schriften ein. 

Daß er auch jetzt in Keplers Zitaten keine Veranlassung fand, 
sorgsamer als zuvor sich mit den ,, Kommentaren über die Bewegungen 
des Mars" zu beschäftigen, beweisen diese späteren Werke. 

Mit größerer Teilnahme folgte er dem Eindruck, den sein Buch 
im Collegium Romanum hervorrief. Die Freunde in Rom waren 
beauftragt, ihm von allem, was sich darüber erspüren ließ, Kunde 
zu geben. Sie berichteten getreulich, was irgend von Grassi und 
seinen Ordensgenossen laut wurde. ^ 

Grassi war einer der ersten, der den Saggiatore im Laden des 
Buchhändlers forderte; er wechselte die Farbe, als er das Titelblatt 
sah; „drei Jahre", sagt er, ,,hat mich Galilei auf diese Antwort warten 
lassen, ich aber", läßt ihn der Erzähler hinzufügen, .,^^11 ihn binnen 
drei Monaten aus der Ungewißheit l)efreien". 

Bald hieß es: ein Pater des Collegiums habe das Buch gelesen 
und finde es vortrefflich; Galilei — sollte er geäußert haben — habe 
sich allzu bescheiden benommen, Sarsi werde zu tun haben, wenn 
er antworten wolle. Alles in allem schien es, als ob die Väter sich 
gut behandelt fanden. Hatte der Pater flüchtig gelesen, oder wußte 
er nur so gut die wahre Empfindung zu verhüllen — der Verlauf 
entsprach diesen ersten freundlichen Äußerungen nicht. 

Auch Grassi sprach sich anfangs lobend aus, nur über Galileis 
ironische Ausfälle hatte er Klage zu führen; er werde ihm antworten, 
sagte er, aber ohne Gehässigkeit; wenn er nach Rom käme, wollte 
er sich mit ihm befreunden. Ernster wurden die Berichte, als mit 
der weiteren Verbreitung des Buchs die Jesuiten sich mehr und mehr 
in der öffentlichen Meinung spottendem Urteil ausgesetzt sahen. 
T^un fanden sich natürlich die Leute, die Sarsis Einwendungen nie 
der Rede wert gefunden hatten; in einem Brief aus Florenz^ mußte 



1 Ed. Naz. XIII p. 145. 

2 Ed. Naz. XIII p. 232, 236. 



— 70 — 

Grassi die aufreizenden Worte lesen: der Saggiatore müsse wohl 
sämtlichen Jesuiten den Mund geschlossen haben, sie würden nicht 
wissen, was noch zu antworten sei. Aufwallend ließ sich Grassi 
darüber vernehmen: wenn die Jesuiten im Laufe des Jahres so vielen 
Häretikern zu antworten wissen, so werden sie es auch wohl noch 
mit einem Katholiken aufnehmen. 

Unmittelbar darauf erging an die Jesuiten der strenge Befehl, 
die ganze Angelegenheit fernerhin mit keinem Wort zu berühren. 
Daß ein Jesuit, und einer der gelehrtesten, dem Florentiner Mathe- 
matiker gegenüber den kürzeren gezogen, war allen Lesern des 
Saggiatore offenbar geworden; so blieb von weiteren Diskussionen 
weder Ehre noch Nutzen zu hoffen; nach außen wenigstens suchte 
man den Orden von der Sache des Ordensbruders zu trennen; als 
Grassi seine Antwort zustande gebracht hatte, sah er sich für die 
Veröffentlichung auf die eigenen ^Vlittel angewiesen; er mußte sich 
nach Paris wenden, um niu* einen Verleger zu finden. 

Aber mit den Worten waren die Empfindungen nicht unter- 
drückt, der Eint' ruck der empfangenen Beleidigung bheb unver- 
gessen. Auch Grassi wußte unter der Maske der Liebe und Verehrung 
ungezähmten Groll im Herzen zu wahren. Er suchte mit Galilei 
und seinen Freunden freundschafthche Beziehungen anzuknüpfen, 
allem Anscheine nach, um im näheren Verkehr seine verwundbaren 
Seiten um so sicherer kennen zu lernen. 

Als Guiducci bald nach dem Erscheinen des Saggiatore nach 
Rom kam, bemühte sich Grassi um seine Bekanntschaft^; befreundete 
Jesuiten suchten eine Annäherung zu vermitteln; Guiducci weigerte 
sich zu wiederholten Malen, ihn zu sehen-, aber die Freunde ließen 
nicht nach; als Guiducci im folgenden Jahre erkrankt darniederlag, 
überhäuften sie ihn mit Aufmerksamkeiten, und als sie nun von 
neuem fragten, ob sie den Pater Grassi zu ihm führen dürften — da 
fürchtete Guiducci undankbar zu scheinen, wenn er sich weiter 
weigere. Schon am nächsten Tage fand Grassi sich ein; er trat dem 
Kranken so liebenswwdig und herzlich entgegen, „als wären sie alte 
Bekannte". Von „Wage" und „Goldwage" war nicht mehr die Rede, 
dagegen waren der Hauptgegenstand des Gesprächs Galilei und seine 
Werke. Der Pater erzählte, daß er sich genötigt gesehen habe, eine 

1 Ed. Naz. XIII p. 199. 

2 Ed. Naz. Xni p. 202. 



— 71 — 

Schrift des Erzbischofs von Spalatro über Ebbe und Fhit die Zensur 
passieren zu lassen; de Dominis war einer der ersten, der die An- 
ziehung des Mondes zur Erklärung der Fluterscheinung verwandte. 
Beide Männer lobten die Schrift. ,,AVir haben jedoch", warf Grassi 
hin, „über denselben Gegenstand die Schrift des Herrn Galilei, die 
äußerst scharfsinnig ist." Guiducci stimmte lebhaft zu. So war man 
— wie durch Zufall — nach wenigen Worten bei der Bewegung der 
Erde. Guiducci päumte nicht, zu versichern, daß Galilei sich dieser 
Lehre als Hypothese und nicht als Wahrheit bediene — , Grassi seiner- 
seits bekannte, daß, wenn sich ein Beweis für diese Bewegung fände, 
man die Heilige Schrift anders auslegen müsse, als es bisher an den 
betreffenden Stellen geschehen sei; so sei die Meinung des Kardinal 
Bellarmin gewesen. Natürlich erklärt Guiducci seine vollkommene 
Zustimmung.^ 

Auch bei späterem Zusammentreffen bildete die copernicanische 
Lelire regelmäßig den Hauptgegenstand der Unterredung. Als Gui- 
ducci bald nach jenem ersten Besuch ins Collegium Romanum kam, 
um einen befreundeten Pater predigen zu hören, eilte Grassi, sobald 
er seiner ansichtig wurde, auf ihn zu und wich nicht von seiner Seite, 
bis er das Haus verließ. Sofort befragte er ihn über eine Äußerung, 
die ein angesehener Jesuit schon in Padua von Galilei gehört haben 
wollte: Galilei sollte nämlich einem bekannten Bedenken gegen die 
Erdbewegung durch die Behauptung widersprochen haben, daß eine 
Kugel, die vom Mastkorb niederfällt, am Fuße ankommen und nicht 
zurückbleiben wird, gleichviel, ob das Schiff in Ruhe oder Bewegung 
ist. Guiducci erwiderte, die Sache verhalte sich so und sei durch 
viele Versuche erwiesen. Grassi gab seinem Zweifel unverhohlenen 
Ausdruck; nach aristotelischer Erklärungsweise meinte er, daß, wenn 
der Versuch zutreffe, wohl das Fahrzeug die Luft, und diese die Kugel 
bewegt habe. Guiducci führte andere Versuche an, in denen dieser 
Einwurf keinen Raum fand; aber der Pater fand die Sache schwierig. 
Indessen ging man zur Predigt. 

Ln Groll der Jesuiten lag eine Ermunterung auch für die alten 
Gegner; schwerlich war es ein Zufall, daß sich gerade in der Zeit der 
ersten Verbreitung des Saggiatore die Stimme des Pater Caccini von 
neuem vernehmen ließ.- Sicher — hörte man ihn äußern — wäre 

1 Ed. Naz. XIII p. 199, 202, 205, 209, 210. 

2 Ed. Naz. XIII p. 156. 



Galilei iin Jahre 1616 der Inquisition übergeben, wenn nicht manche 
hohe Herren ihm ihren Schutz gewährt hätten. Der Pater Castelli, 
der Galilei davon berichtete \ fügt in frommer Entrüstung hinzu — 
als ob die hohen Herren das Heilige Offizium hinderten und schlechte 
Menschen beschützten, und dann gar das Heilige Offizium auf hohe 
Personen Rücksicht nähme, wenn es sich darum handelte, Vergehen 
gegen die Religion zu züchtigen; mir scheint, der Pater selbst ver- 
diene, der Inquisition übergeben zu werden! 

Von solchem Eifer gegen die Übereifrigen war man in Rom auch 
in jenen Tagen weit genug entfernt, aber ebensowenig war die Lage 
der Dinge neuen Intriguen gegen Galilei günstig. Im April 1624 kam 
Galilei nach Rom-; er reiste über Acquasparta, um dort mit dem 
Fürsten Cesi vorzuberaten, wie am besten das große Unternelmien 
zum Ziel zu führen sei. Eine Trauerbotschaft wartete seiner in Rom. 
Unter der kleinen Zahl auserwählter Freunde, die mit schwärmerischem 
Verlangen seiner Ankunft entgegensahen, war der treuesten einer, 
Virginio Cesarini, nur wenige Tage zuvor der Lungenschwindsucht 
erlegen.^ Der schmerzhchen Enttäuschung, die ihm der Tod des 
Freundes bereitete, gesellte sich für Galüei bald eine noch herbere 
hinzu, als er nach kurzem Aufenthalt in Rom erkennen mußte, daß 
für eine Verwirkhchung seiner Hoffnungen die Aussicht gering war. 
Urban empfing ihn mit gnädigem Wohlwollen; die einflußreichsten 
Kardinäle bewiesen ihm ehrende Aufmerksamkeit^, aber ihnen allen 
lag der Gegenstand seiner Sorgen fern; hundert Angelegenheiten, 
die der Augenblick brachte, schienen unendhch wichtiger und 
nahmen das Interesse so vollständig in Anspruch, daß an eine ernst- 
liche Erörterung der wissenschaftlichen Frage nicht zu denken war. 
Gelang es, die Unterredung in gewünschte Richtung zu lenken, so 
war wohl hier und dort, wie Galilei dem Freunde schrieb, „Land zu 
entdecken", aber sicher sah er zimi Ungewissen Ziel nur lange, be- 
schwerliche Wege führen. 

Cesi mahnte zum Ausharren^; nur von langhingezogenen Ver- 
handlungen dürfe man sich in Rom Erfolg versprechen. „Euer Rat", 



1 Ed. Naz. XIII p. 388ff. 

- Ed. Naz. XIII p. 169, 175, 177. 

" Ed. Xaz. XIII p. 171, 174. 

* Ed. Xaz. XIII p. 177—183, 185. 

5 Ed. Xaz. XIII p. 180. 



— 73 — 

erwiderte Galilei^ wäre höchst vortret'llich, ^Yenn nur aucii die ^'atur 
sich darauf einlassen wollte, die wenigen Tage, die mir übrigbleiben, 
in Jahre oder Monate zu verwandeln; wohl finde ich täglich bewährt, 
wie manches sich erreichen ließe, wenn mir nur Zeit, Gelassenheit 
und Geduld nach Wunsch zu Gebote ständen; aber die Sorge, daß 
die Zeit mir versagt ist, und das Verlangen, den einen oder andern 
meiner Gedankengänge zum Abschluß zu bringen, macht es mir 
ratsam, mich sobald als möglich in meine Ruhe und oziosa libertä 
zurückzuziehen." 

Galilei blieb trotz aller Entmutigung noch einen vollen Monat 
in Rom. Sechs Mal hatte er längere Unterredungen mit dem Papst. 
Berichte über den Inhalt sind uns nicht erhalten und sind vielleicht 
niemals niedergeschrieben; wir wissen nur, daß Galilei bei dieser 
Gelegenheit vor dem Papst mit voller Wärme für die Walirheit der 
copernicanischen Lehre eingetreten ist, um eine Aufhebung des 
Dekrets zu erwirken. So hebt er insbesondere hervor, daß die neue 
Lehre in den Ländern der Ketzer zu immer allgemeinerer Anerkennung 
gelange, und daß ein Makel auf die wissenschaftliche Einsicht der 
Katholiken falle, ein Vorwurf gegen die Kirche selbst einen Schein 
von Berechtigung gewinne, wenn sie eine solche Lehre verdamme, 
zumal der Verdacht entstehen könnte, als sei dies Urteil auf die 
nichtigen Argumente gegen den Copernicus begründet, die seit der 
Zeit des Verbots - gewissermaßen als katholische Wissenschaft dar- 
geboten werden. 

Galilei veranlaßte den Kardinal Zollern. der als Deutscher über 
die Verbreitung der copernicanischen Lehre in seiner Heimat be- 
richten konnte, in diesem Sinne den Papst auf die Gefahren der 
kirchhchen Entscheidung hinzuweisen.^ Der Papst erwiderte dem 
Kardinal: die Kirche habe die copernicanische Lehre keineswegs als 
ketzerisch verdammt und werde sie auch nicht als ketzerisch ver- 
dammen, sie sei nur als verwegen erklärt, und übrigens, fügte Urban 
zuversichtlich hinzu, sei nicht zu besorgen, daß man jemals einen 
zwingenden Beweis für die Wahrheit dieser Lehre finden werde. 

Nach solchen Aufschlüssen konnte Galilei nicht länger darüber 
im Zweifel sein, daß ein Erfolg nach seinem Sinn in unberechenbarer 
Ferne liege; auch jetzt noch glaubte er, daß bei längerem Weilen 

1 Ed. Naz. XIII p. 182—183. 

2 Ed. Naz. XIII p. 179, 182; XIX p. 409. 



— 74 — 

mit jedem Tage mehr auf Fortschritte als auf Verlust zu zählen sei; 
aber die Aussicht auf Verhandlungen ohne Ende sehreckte ihn ab; 
der Gedanke, daß ihm vielleicht nur noch eine kurze Frist zu leben 
vergönnt sei, erlaubte kein Zögern. Alles trieb ihn zur Heimkehr. 
Er war mit dem Ritter von Este in langer Unterredung und in Heiter- 
keit zusammen gewesen; wenige Tage darauf war der Ritter gestorben; 
ein Sporn, schreibt er, eine Mahnung auch für mich, wie die Zeit 
dahinrafft (rapacita). Die Freunde mußten ihm Recht geben. So 
kehrte er im Juni nach mehr als zweimonatlichem Aufenthalt nach 
Florenz zurück. Der Papst entließ ihn huldvoll, wie er ihn auf- 
genommen hatte; mehrfach hatte er ihn auch während seines Aufent- 
halts durch äußerliche Gnadenbeweise ausgezeichnet; er beschenkte 
ihn mit einem Gemälde, mit einer goldenen und einer silbernen Denk- 
münze und mit vielen Gotteslämmchen; so verhieß er ihm auch beim 
Abschied ein Jahrgeld für seinen Sohn Vincenzo; Monsignor Ciampoli 
wurde beauftragt. Sr. Heiligkeit das Versprechen ins Gedächtnis zu 
rufen; damit aber auch am Florentiner Hof erkannt werde, vde nahe 
Galilei dem päpstlichen Herzen stehe, erließ Urban ein besonderes 
Breve an den Großherzog Ferdinand, in dem er seinen Gesinnungen 
lebhaften Ausdruck gab. ,, Schon lange", heißt es darin, „umfassen 
wir diesen großen Mann, dessen Ruhm am Himmel leuchtet und 
über die Erde schreitet, mit väterlicher Liebe. Denn wir kennen in 
ihm nicht nur den Glanz der Gelehrsamkeit, sondern auch den Eifer 
der Frömmigkeit, und er ist reich an solchem Wissen, durch das 
unser päpstliches Wohlwollen leicht envorben wd. Xun aher, da 
er nach Rom gekommen, uns zur päpstlichen Würde zu beglück- 
wünschen, haben wir ihn mit großer Liebe aufgenommen und haben 
ihn mit Freuden zu wiederholten Malen gehört, wie er den Glanz 
der Florentiner Beredsamkeit in gelehrten Disputationen mehrte. 
Nun aber wollen wir nicht, daß er ohne eine reiche Mitgabe päpst- 
licher Liebe in die Heimat zurückkehre. Alles Gute"', schließt das 
Sendschreiben, ..was Du, edler Fürst ihm erweisest, würde uns zur 
Genugtuung gereichen."^ 

Die Frucht der römischen Reise war für Galilei der Entschluß, 
ohne Verzug die längst begonnenen Werke zur Vollendung zu bringen; 
was dann, wenn sie vollendet waren, mit ihnen geschehen sollte. 



1 Ed. Naz. XIII p. 183 f. 



— 75 — 

wollte er den Umständen und dem Rat der Freunde überlassen. 
Als nächste, wichtigste Aufgabe betrachtete er die Erweiterung seiner 
kurzen Betrachtungen über Ebbe und Flut zu einem umfassenderen 
Werk, das unter dem gleichen Titel die Beweise für die eopernicanische 
Lehre zusammenstellen sollte. 

Ehe er jedoch diese größere Arbeit in Angriff nahm, hatte er 
einen jener zahlreichen Gegner des Copernicus abzutun, die unter 
dem Schutze des Dekrets zu unverdientem Ansehen gelangt waren. 

Schon im Jahre 1616, als Galilei in Rom den Copernicus ver- 
teidigte, hatte ihm Francesco Ingoli, ein Advokat in Ravenna, eine 
Widerlegung seiner Lehre zugesandt mit der Aufforderung, ihm zu 
antworten, wenn er Irrtümer oder Trugschlüsse in seinen Behaup- 
tungen entdeckte.^ Es war ein Machwerk von untergeordnetster Art; 
neben den gewöhnlichen Einwendungen gegen die Bewegung der 
Erde, die er dem Aristoteles, Ptolemäus und Tycho Brahe ent- 
nommen, hatte Ingoli Betrachtungen eigener Erfindung eingestreut, 
die eine absolute Unwissenheit in den elementaren Begriffen der 
Astronomie und Geometrie verraten. „Der Punkt im Zentrum", 
deduziert er unter anderem^, ,,muß eine größere Entfernung von der 
Kugeloberfläche haben, als jeder Punkt zwischen Zentrum und Ober- 
fläche, und demgemäß muß seine Parallaxe größer sein, als die eines 
Körpers außerhalb des Zentrums ; nun hat aber der Mond eine größere 
Parallaxe als die Sonne, also kann die Sonne nicht im Zentrum 
stehen." Galilei hätte es vielleicht nicht für überflüssig gehalten, 
auch den baren Unsinn dieser neuerfundenen Mathematik zu be- 
leuchten, wenn nicht die Entscheidung der Index-Kongregation ihm 
Schweigen auferlegt hätte. 

Als er nun, acht Jahre später, nach Rom zurückkehrte, fand er 
zu seiner Überraschung, daß man Ingolis Gründe als wissenschaftliche 
Argumente betrachtet und aus seinem Schweigen gefolgert hatte, 
er sei außerstande zu antworten. Galileis Andeutungen machen 
wahrscheinlich, daß im Jahre 1624 einflußreiche Kardinäle, vielleicht 
der Papst selbst, sich auf diese dürftigste aller Widerlegungen beriefen.^ 

1 Ed. Naz. V p. 397-412. 

2 Ed. Naz. V p. 404. 

3 Auch Personen von solcher Stellung, daß sie auf das Urteil der Index- 
Kongregation einen Einfluß üben konnten, haben Euren Beweisen nicht 
geringe Achtung zuteil werden lassen. Ed. Naz. VI p. 510/11. 



— 76 — 

So fand es Galiloi geraten, noch jetzt dem untergeordneten 
Gegner zu erwidern; die Antwort bot ihm zugleich die Gelegenheit, 
zu erproben, wie weit unter den veränderten Verhältnissen ein offenes 
Auftreten zugunsten der unterdrückten Lehre zu wagen sei. Die 
Antwort an Ingoli ist die erste Schrift, die er ausschließlich der vässen- 
schaftlichen Verteidigung des Copernicus gewidmet hat.^ 

Wie sehr Galilei sich bewußt war, daß es sich dabei um einen 
ernsten Schritt handelte, geht aus der ganzen Stimmung dieser 
Schrift hervor; in ruhiger Milde lehrend und aufklärend verbreitet 
er sich über die wichtigsten Scheingründe; wie oft der Stoff auch 
die Veranlassung dazu bietet, so hört man doch kaum einen Anklang 
an die Bitterkeiten des Saggiatore, zu denen ihn dort der Überdruß 
am ungleichen Kampfe fortriß. Allerdings läßt Galilei keinen Zweifel 
darüber aufkommen, wie er über seinen Gegner denkt. Er habe 
geschwiegen, sagt er einleitend, weil er geglaubt habe, so am besten 
Ingolis höfliches Benehmen erwidern zu können; denn nur so sei es 
möglich gewesen, ihm die Freude nicht zu verderben, die er ohne 
Zweifel an der Widerlegung eines großen Mannes gefunden habe; 
nur so, seinen Ruf so wenig als möglich zu schädigen. Auch habe er 
nicht glauben können, daß irgend jemand ihm weniger Einsicht 
zutrauen würde, als erforderlich wäre, um jene Gründe samt und 
sonders zu widerlegen. Nun, da er es als richtig erkannt habe, nicht 
länger zu schweigen, erbittet er Ingolis Verzeihung, wenn ihm die 
Antwort mißfalle — er selbst sei Schuld daran; denn wenn er die 
Hand aufs Herz gelegt und bedacht hätte, daß Copernicus auf diese 
überaus schwierigen Betrachtungen so viele Jahre verwandt, als er 
dazu Tage gebraucht habe — so hätte er sich eines Besseren besinnen 
und sich nicht leichtmütig einreden dürfen, daß er einen solchen 
Mann zugrunderichten könne, und namentlich mit solcher Art von 
Waffen, und wenn darunter etwas von seiner eigenen Erfindung, 
so sei das von noch geringerem Gewicht als das übrige. „So habt Ihr 
glauben können", ruft Galilei aus, „daß Nicolaus Copernicus nicht 
in die Geheimnisse des alleroberflächlichsten Sacrobosco eingedrungen 
sei? Daß er nichts von Parallaxe verstanden? Daß er den Ptole- 
mäus und Aristoteles nicht gelesen oder nicht verstanden ? Ich wundre 
mich nicht, daß Ihr Euch zugetraut habt, ihn widerlegen zu können, 
da Ihr ihn so wenig geachtet habt." 

1 Ed. Naz. VI p. 501—561. 



— 77 — 

Nicht minder entschieden redet Galilei, wo er im einzelnen prüft, 
a.ber in aller Klarheit und Schärfe des Widerspruchs behandelt er 
doch den Gegner wie einen guten Freund, den er üljer seine Ver- 
iiTungen aufzuklären hat. Mit liebenswürdiger Heiterkeit läßt er 
sich darauf ein, Ingoh die Grundbegriffe der Parallaxenlehre zu ver- 
deutlichen und den WirrwaiT seiner Berechnungen über die Parallaxe 
von Sonne und Mond zu lichten. 

Geduldig geht er auf den astrologischen Einwurf ein, daß die 
Fixsterne in der Entfernung, die ihnen Copernicus zuweist, nicht auf 
die Erde wirken könnten und scherzt über den Beweis, den Ingoh 
der verschiedenen Wirkung der Sonne im Winter und im Sommer 
entnimmt, der doch weit besser für die entgegengesetzte Meinung zu 
benutzen sei, daß das Fernere stärker wirke. 

Von einer Erörterung der eigentlich copernicanischen Lehre ist 
dabei nicht die Rede. Ingoli berührt sie nicht; er hat sie schwerlich 
verstanden. So hat auch Galilei in seiner Erwiderung weniger die 
Beweise des Copernicus zu vertreten und zu vervollständigen, als 
vielmehr die üblichen Betrachtungen abzuwehren, die eine Bewegung 
der Erde als unmöglich erscheinen lassen. Die Fragen, die darauf 
Bezug haben, sind für die Wissenschaft von geringerer Bedeutung; 
Copernicus hatte sie fast beiläufig in kurzen Worten erledigt; wenn 
seine Lehre Wahrheit verkündet, müßten sie früher oder später völlige 
Aufklärung finden; aber je mehr seine Lehre über die Grenzen der 
Fachwissenschaft hinaus die Denkenden in Anspruch nahm, um so 
gewichtiger erschien sie, um so dringender war auch für die Astronomen, 
die eine Anerkennung der wissenschaftlichen Wahi'heit verlangten, 
die Aufforderung, gerade diese Fragen, die in einer Art Volksphysik 
ihren Ursprung hatten, in klarer Weise zu beantworten; es war un- 
erläßlich zu erweisen, daß ein HauptÜTtum all jenen Erwartungen 
zugrunde lag, die darauf gerichtet waren, in den Erscheinungen des 
täglichen Lebens die Spuren der allgemeinen Bewegung ^^■iede^- 
zufinden. Andrerseits hatte die Schule auf die alte Anschauung 
der ruhenden Erde ein ganzes System von Vorstellungen über das 
eigentlich Naturgemäße in den Bewegimgen und der räumlichen Ver- 
teilung des Materiellen gebaut, die nun mit dem Anspruch, Wahr- 
heit zu sein, der neuen Lehre gegenübertraten. Galilei hatte, so 
lange er Copernicaner war, diesen beiden Arten von Einwürfen vor- 
zugsweise seine Aufmerksamkeit zugewandt. Schon in Pisa und 



— 78 — 

Padua hatten zalili-eiche Schüler aus seinem Munde die Griuidlehi-en 
einer neuen Mechanik vernommen, die beiderlei Gründe beseitigt, 
von Schülern ^^irden die einzelnen Argumente früh schon weithin 
verbreitet; es waren dieselben Beweise, die Galilei später, namentlich 
in den Jahren 1615 und 1616 in Rom den Peripatetikern gegenüber 
vertrat. Der Brief an Ingoli ist die erste Schrift, in der diese Lehren, 
wenn auch nur in vorläufiger Übersicht, zusammengestellt werden. 
Galilei zeigte mit Beispielen, daß in allen Erörterungen der Gegner 
zwei Quellen des IiTtums eine Rolle spielen: sie nehmen bei ihi*en 
Beweisen als bekannt an, was in Frage steht; fast alle diese Argumente 
aus Bewegungserscheinungen, wie sie eintreffen und nicht eintreffen, 
nehmen stillschweigend an, daß die Erde ruht, und sind hinfällig 
ohne diese Voraussetzung; und dann: wo es sich um leicht anzu- 
stellende Versuche handelt, deren Ausführung die Wahrheit an den 
Tag bringen würde, halten sie es für überflüssig, sie wklich anzu- 
stellen, geben sie für ausgeführt aus und bringen sie vor als ent- 
scheidend zugunsten ihrer Behauptung; dahin gehört insbesondere 
die Behauptung, daß die Bewegungen fallender Körper auf einem 
Schiff andere sein werden, wenn das Schiff ruht oder wenn es sich 
bewegt, und der darauf begründete Schluß, daß die Bewohner der 
Erde an ihrer Umgebung erkennen müßten, ob sie sich bewege. 

Galilei führt aus, ^ie vielmehr der wirkliche Versuch auf einem 
Schiff in überzeugendster Weise klar machen müßte, daß eine Be- 
wegung der Erde in der erwarteten Weise unmöglich wahrzunehmen 
sei. Die verschiedensten Bewegungen geworfener, schwimmender, 
fließender, fallender, fliegender Körper würden durch die Bewegung 
des Schiffs so wenig verändert erscheinen, daß es in einem ab- 
geschlossenen Raum, wo man die Versuche anstellte, unmöglich sein 
würde zu entscheiden, ob das Schiff ruht oder sich bewegt. ^ 

Die Erklärung weist nur in kurzer Andeutung darauf hin, daß 
eine Bewegung als eine erscheinen und doch vielfach zusanmien- 
gesetzt sein könne, und daß der Beobachter immer nur den Teil 
wahrnehmen könne, den nicht er selbst mit dem Gegenstand seiner 
Beobachtung gemein habe. 

Gleichfalls nur im Vorübergehen wirft Galüei seine schwer- 
wiegenden Zweifel gegen die willküiiichen Sätze der aristotelischen 



1 Ed. Naz. VI p. 547. 



— 79 — 

Mechanik in die Wage, die der Erde die Schwere, den Himmels- 
körpern ätherische Leichtigkeit, jener die geradlinige Bewegung, 
diesen den Kreislauf als Eigentümlichkeiten ihrer Natur zuweist und 
mit diesen Attributen die Möglichkeit der copernicanischen Lehre 
zu beseitigen vermeint. Unmöglich, behauptet Galilei diesen uralten 
Sätzen gegenüber, kann in einem geordneten Weltsystem irgend- 
einem Körper von Natur eine geradlinige Bewegung zukommen, 
da sie eine immerwährende Änderung des Orts ohne Wiederkehr 
bedingt; vielmehr muß, wenn überhaupt eine Bewegung als die 
natürliche zu betrachten ist, dies keine andere als die kreisförmige 
sein. Wenn Ingoli mit seinen Lehrern meint, daß der schwerere 
Körper weniger zur Bewegung geeignet sei, so wird dagegen Galileis 
Bewegungslehre dartun, daß, je schwerer der Körper, um so größer 
seine Fähigkeit, die übertragene Bewegung aufzunehmen und zu 
bewahren; und wie hier nur mißdeutete Wahrnehmungen dem alten 
Irrtum zugrunde liegen, so ist es auch mit der ganzen Lehre vom 
Schweren und Leichten, Schwere ist nach Gahleis Meinung die ein- 
geborene Neigung (Streben), durch die ein Körper der Bewegung vom 
seinem natürlichen Ort einen Widerstand entgegensetzt und durch 
die er, wenn er gewaltsam von ihm entfernt wird, freiwillig zurück- 
kehrt, und so kehrt ein Tropfen Wasser, den man in die Höhe hebt 
und dann in Freiheit läßt, ins Meer zurück. Aber wer wird sagen, 
daß das Wasser selbst im Meere schwer ist, da es, wiewohl in Freiheit, 
sich nicht mehr bewegt? 

Und so ist auch der Erdball weder schwer noch leicht, so wenig 
wie alle übrigen W^ltkörper. Treffen diese Erörterungen vorzugsweise 
Sätze des Aristoteles und seiner Anhänger, so werden, wo es sich 
um die Beweise gegen die jährliche Bewegung der Erde handelt, 
insbesondere die Ansichten Tycho Brahes, aus denen Ingoli schöpft, 
einer scharfen Kritik unterworfen. Auch in diesem Teil der Schrift 
findet Galilei nach mancher Eichtung eine erste Gelegenheit, sein 
Urteil auszusprechen, neue Auffassungen kund zu geben. Bewegt 
sich die Erde im Jahr um die Sonne und läßt sich an dem 
Abstand der Fixsterne — wie dies die Beobachtungen feststellen — 
trotzdem in Jahresfrist weder Vergrößerung noch Verringerung 
wahrnehmen, so muß die Entfernung der Fixsterne eine beinahe 
unermeßliche und demgemäß, da sie in diesem Abstand noch so 
starkes Licht entsenden, ihre Größe eine außerordenthche sein. 



— 80 — 

Tycho Brahe^ berechnet den Abstand zum 14000 fachen des Halb- 
messers der großen Erdbahn und schließt demnach nach seinen 
Annahmen über die scheinbare Größe der Fixsterne (der Durchmesser 
der größeren scheint ihm = 2—3 Minuten), daß viele derselben an 
Größe dem Inhalt des großen Kreises der Erdbahn gleichkommen 
würden, IngoK sieht mit ihm in diesen ungeheuren Größen und 
Abständen einen ausreichenden Beweis für die Unmöghchkeit einer 
jährlichen Bewegung nach Copernicus' Annahme. 

Galilei läßt auch bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt, daß 
seine Meinung von Tycho Brahes Wissenschaft nicht mit dem Urteil 
der Welt zusammenstimmt; man hört aus seinen Worten deutlich 
genug, daß er nicht gewillt ist, mit den Übrigen die Zahl und die 
Schärfe seiner Beobachtungen als ein bhnder Bewunderer anzu- 
staunen. Die Rechnung über die mutmaßliche Entfernung der Fix- 
sterne, die er der Schätzung Tychos gegenüberstellt, beruht auf 
teleskopischen Vergleichungen, dennoch ist ihr Ergebnis weiter hinter 
der WirkHchkeit zurückgeblieben, als das des Gegners. Galilei geht 
von der iVnnahme aus, daß viele Fixsterne — etwa die der dritten 
Größe — die Größe der Sonne haben; er findet es in hohem Grade 
berechtigt, die Sterne als Sonnen zu betrachten, „nichts fehlt ihnen, 
um so genannt zu werden", und ebensowenig findet sich bei der 
Sonne eine Eigentümhchkeit, um derentwillen wir sie von der Schar 
der übrigen Fixsterne scheiden könnten. jN'un aber ist der scheinbare 
Durchmesser der Sonne nach seinen Beobachtungen etwa fünfzigmal 
größer als der des Jupiter, den Durchmesser des Jupiter aber iiimmt 
er wohl zehnmal größer an, als den eines mittleren Fixsternes; man 
hätte also die Entfernung eines solchen zu 500 Sonnenfernen anzu- 
nehmen. Die Täuschung, die diesen Schätzungen zugrunde liegt, 
hat auf Galileis eigenthche Weltanschauung keinen Einfluß. Er 
glaubt sich wohl berechtigt, Tychos Zahlen anzuzweifeln, aber es 
würde ihm keine Verlegenheit bereiten, wenn selbst diese willkür- 
lichen Berechnungen der Wüklichkeit entsprächen und wir genötigt 
wären, so unfaßbare Abstände anzunehmen; er bezweifelt, daß die 
Beobachtungen über die völlig unveränderte Breite der Fixsterne, 
über die unveränderte Polhöhe wirklich so feststehen, wie man vor- 



^ Diese Angaben sind allem Anscheine nach dem Briefwechsel Tycho 
Brahes mit dem hessischen Astronomen Rothmann entnommen. 



— 81 — 

gibt; aber wenn dies der Fall wäre und wenn aus alledem hervor- 
ginge, daß wirklich „der große Ki'eis" von unmerklicher Größe im 
Vergleich zur Fixsternsphäre wäre — „v/as", ruft er, „wäre daran 
unmöglich und unzuträglich?" „Die ganze Schwierigkeit", fügt er 
hinzu, „scheint mir in der Einbildungskraft der Menschen und nicht 
in der Natur zu liegen. Bald darauf vervollständigt er diesen Gedanken- 
gang, ,,Wenn ich die Welt betrachte, soweit sie unsere Sinne um- 
fassen, so kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie groß oder 
klein sei; mein Verstand will sich weder bequemen, daß sie endlich, 
noch daß sie unendlich sei." 

Galilei weiß, daß seine Betrachtungen das Gebiet der Theologie 
berühren; so untermrft er sich der Entscheidung, die in dieser Be- 
ziehung die höheren Wissenschaften treffen werden. Menschlicher 
Wissenschaft, meint er, wird die Frage für immer unentschieden 
bleiben. 

Diese Ausführungen über die Unermeßlichkeit der Welt, über 
die Verteilung der Weltkörper im Räume, insbesondere über das 
Verhältnis der Sonne zu den Fixsternen würden für sich schon 
genügen, jeden Zweifel über die eigentliche Absicht des Briefs an 
Ingoli auszuschließen; Gaülei will nicht allein die Einwände der 
Gegner als nichtig erweisen; er tritt von neuem für die Wahrheit 
der copernicanischen Lehre in die Schranken. Nachdrücklicher noch 
spricht sich seine Überzeugung aus, wo er der sogenannten di'itten 
Bewegung des Copernicus gedenkt. Daß eine eigene Bewegung der 
Erdachse so voDständig der jährlichen Bewegung des Zentrums sich 
anpassen könne, daß sie in unveränderter Stellung zu verharren 
scheint — daß überhaupt Zentrum und Achse entgegengesetzte 
Bewegung haben können — , schien Tycho und seinem Anhänger 
undenkbar; Galileis Versuch beweist ihm, daß diese Erhaltung der 
Achsenstellung nicht allein möglicher-, sondern notwendigerweise mit 
dem jährlichen Umlauf verbunden ist. Zusammenfassend äußert er 
sich über die Erscheinungen, die nach der Meinung der Gegner aus 
der Erdbewegung folgen müßten und über die, die in Wirklichkeit 
sich ergeben, folgendermaßen: 

„Diese und andere Argumente sind von Copernicus sehr wohl 
gekannt und geprüft, und noch viel eingehender von mir, und ich 
erkenne, daß in ihnen allen entweder nichts enthalten ist, was für 
die eine oder andere Seite Beweiskraft hat, oder wenn doch der einen 

Wohlwill, Galilei. II. 6 



— 82 — 

von ihnen Gewicht beizulegen ist, dies zugunsten der copernicanisehen 
Meinung gelten muß; aber ich behaupte weiter, daß ich andere Er- 
fahrungstatsachen kenne, die bis jetzt von niemand beobachtet sind, 
aus denen — sofern wir in den Grenzen natürlicher und menschlicher 
Betrachtungen bleiben — mit Notwendigkeit die Kichtigkeit des 
copernicanisehen Systems hervorgeht." 

Dies alles weiter auszuführen, behält er einer späteren Gelegen- 
heit vor.i 

Eine Schrift von so unzweideutiger Gesinnung war auch unter 
Urbans Kegiment noch nicht zur Veröffentlichung geeignet; sie hätte 
in Italien nie die Erlaubnis der Zensur gefunden. Dafür genügte 
jetzt nicht mehr, daß Galilei ausdrücklich die theologischen Argu- 
mente des Gegners von seiner Erwiderung ausschloß. Es galt, eine 
Form zu erfinden, in der er die Wahrheit lehren konnte, ohne dadurch 
Anstoß zu erregen, daß er sie Wahrheit nannte. Er gab dem Brief 
eine Einleitung, in der er als selbstverständlich vorausschickt, daß 
ihm die Absicht fern liege, eine Behauptung als wahr zu vertreten, 
die nach der Erklärung der Kirche verdächtig sei und einer Lehre 
widerspreche, die durch Majestät und Autorität über den natürlichen 
und astronomischen Wissenschaften steht; er woUe nur — sofern er 
mit Astronomen und Philosophen zu tun habe — zeigen, daß er nicht 
so blind und ohne Verstand sei, die copernicanische Lehre für 
möglicher- oder notwendigerweise wahr nur darum zu halten, weil 
er Ingolis Beweise nicht gesehen oder begriffen habe. Es komme 
dazu, daß, wie er erfahren, Exemplare jener Schrift auch zu ver- 
schiedenen auswärtigen Nationen und vielleicht auch in die Hände 
von Ketzern gekommen seien. So scheine es ihm seinem Ruf und 
vielleicht auch dem anderer gemäß zu sein, wenn er ihnen die Ver- 
anlassung nehme, sich fälschlich vorzustellen, es sei unter den Katho- 
hken niemand gewesen, der begriffen hätte, wieviel diese Schriften 
zu wünschen übriglassen, oder daß man im Glauben an ihren Wert 
die Widerlegung der Meinung des Copernicus aufgegeben hätte, ohne 
Sorge darum, daß doch möghcherweise einmal einer von denen, die 
von uns getrennt sind, einen sicheren und überzeugenden Beweis 

^ Auch sonst verweist er vielfach auf eine vollständige Antwort und 
eingehendere Begründung an anderer Stelle, sein Brief wül nur ein Vorläufer 
des größeren Werks sein, das er zum Schlüsse unter dem Titel einer Unter- 
suchung über Ebbe und Flut des Meeres ankündigt. 



— 83 — 

oder eine offenkundige Erfahrung für ihre Wahrheit beibringen könnte. 
Ja, er gibt sich der Hoffnung hin, die Häretiker, unter denen, wie 
er hört, alle Angesehenen der Meinung des Copernicus sind, zu be- 
schämen, wenn er in einer ausführlicheren Darlegung ihnen zeigt, 
daß die Katholiken nicht aus Mangel an natürlicher Einsicht und weil 
sie etwa nicht so viel Gründe und Erfahrungen, Beobachtungen und 
Beweise gesehen haben, als sie selbst, in der alten Gewißheit be- 
harren, die von heiligen Schriftstellern gelehrt ist, sondern aus Ehi'- 
furcht vor den Schriften der Väter und aus Eifer für die Religion 
und den Glauben, „Würden sie dann sehen", fährt er fort, „daß 
alle ihre astronomischen und natürlichen Gründe aufs beste von uns 
verstanden sind, ja, daß wir außerdem noch andere, von wesentlich 
größerer Kraft als die bisher vorgebrachten kennen — so könnten 
sie uns nicht als blind oder unwissend in den menschlichen Wissen- 
schaften, sondern höchstens als Menschen tadeln, die in ihrer Meinung 
beharren, ein Urteil, das am Ende für einen wahren katholischen 
Christen nicht in Betracht kommen kann." 

Ja, schließlich verheißt Galilei, es werde seine Widerlegung, 
je gründlicher sie sei, um so sicherer die wohltätige Einsicht ver- 
breiten, wie wenig menschlichem Denken und menschlicher Weisheit 
zu vertrauen ist, und wie sehr wir den höheren Wissenschaften ver- 
pflichtet sind, die allein die Blindheit unseres Geistes zu erhellen und 
uns Erkenntnisse zu erschließen vermögen, zu denen w durch unsere 
Erfahrungen und Beweise nie gelangen würden. ^ 

Galilei trägt hier, wie bei allen ähnlichen Gelegenheiten, kein 
Bedenken, seiner Unterwerfung den demütigsten Ausdi'uck zu geben, 
war doch sein Zweck, vor allem die Männer der Kirche zu ge\\innen; 
nur von ihnen erwartete er Abhilfe, Sie waren es, die er nochmals 
auf die Ausbreitung der copernicanischen Lehre unter den Ketzern 
hinweisen wollte, aber ihnen auch wollte er die Anerkennung seiner 
guten Beweise dadurch erleichtern, daß er die Entscheidung über 
ihren Wert, ja über den Wert jeder wissenschaftlichen Erkenntnis 
in ihre Hände gab. Bei alledem steht diese einleitende Erläuterung 
und Verwahrung dem übrigen Inhalt der Schrift fremdartig und ohne 
jede innere Beziehung gegenüber; die Einschaltung ist eine rein 
mechanische, man braucht nur diese eine Seite zu beseitigen, um 



1 Ed. Naz. VI p. 511f. 



— 84 — 

im übrigen ein rein copernicanisches Bnch vor Augen zu haben. 
Dieselbe Schrift, die in den einleitenden Worten jede Fähigkeit des 
menschliehen Verstandes, zur Wahrheit zu gelangen, in Frage stellt, 
spricht auf einer anderen Seite in stolzester Zuversicht von der 
Nichtigkeit menschlicher Autorität der Katur und der wahren Wissen- 
schaft gegenüber. 

In üblicher Weise hatte Ingoli die Autorität des Aristoteles und 
aller Peripatetil{;er angeführt, um zu beweisen, daß die Erde schwerer 
als die Sonne sei und daß die Himmelskörper keine Schwere haben. 

„In natürlichen Dingen", entgegnet ihm Galüei, „gut die Autorität 
der Menschen nichts; Ihr zwar, als Rechtsgelehrter, scheint großes 
Gewicht darauf zu legen, aber die Natur, mein Herr, spottet der 
Anordnungen und Delo-ete der Fürsten, Kaiser und Monarchen 
imd würde auf ihr Geheiß nicht ein Jota von ihren Gesetzen und 
Anordnungen — ändern. Aristoteles war ein Mensch, sah mit den 
Augen, hörte mit den Ohren, dachte mit dem Gehirn. Ich bin ein 
Mensch, sehe mit den Augen, und weit mehr als er; was das Denken 
betrifft, so glaube ich, daß er über mehr Dinge gedacht hat, als ich; 
aber ob mehr oder besser als ich über die Dinge, die uns beiden Gegen- 
stand des Denkens gewesen sind — das werden unsere Gründe und 
nicht unsere Autoritäten zeigen." ^ 



1 Ed. Naz. VI p. 538. 



Viertes Kapitel. 
Die Dialoge. 



A. Allgemeine Charakteristik der Dialoge, ^ 

Ursprünglich hatte Galilei dem berühmten Werk, das wir heute 
unter dem Titel „Dialoge über die beiden größten Weltsysteme"^ 
kennen, den Namen: „Dialoge über Ebbe und Flut" geben wollen; 
damit sollten alle übrigen Beweise für die Bewegung der Erde diesem 
einen, den er für den entscheidenden hielt, gewissermaßen unter- 
geordnet werden. An dieser Rangordnung wurde durch den neuen 
Titel nichts wesentliches geändert. Geblieben ist aber vor allem 
auch die für das Werk so charakteristische Dialogform. Diese eignete 
sich vorzüglich dazu, in aller Ausführlichkeit Gründe und Gegen- 
gründe zur Sprache zu bringen; sie gab aber zugleich Galilei Ge- 
legenheit, seine Meisterschaft der Darstellung zu bewähren. 

Die drei Personen seiner Dialoge vertreten nicht nur die ver- 
schiedenen Ansichten; es sind vollständig, z. T. in dramatischer 
Lebendigkeit durchgeführte Charaktere. In den beiden Vertretern 
der neuen Wissenschaft, Salviati und Sagredo, hat Galilei zwei ver- 
storbenen Freunden ein Denlanal gesetzt^; unter ihnen ist Salviati 
der eigentliche Wortführer für die copernicanische Lehre. Galilei 
hat in ihm mit Vorliebe den ruhigen Weisen gezeichnet. Die rück- 
sichtsvolle Milde gegen den Gegner, das ernste Eingehen auf dessen 
Gründe, die zwingende Gewalt seiner Logik, durch die er ihn nötigt, 
sich selbst zu widerlegen — das alles war Galileis eigenste Weise 
der Belehrung, wie sie nicht nur seine römischen Zuhörer im Jahre 1616 



^ Dieser kurze Abschnitt ist Vorträgen des Verfassers entnommen 
(vergl. Vorrede). Der Herausgeber. 

2 Ed. Naz. VII p. 1—519. 

3 s. Bd. I S. 170f. 



— 86 — 

sclüldern, sondern alle seine Schriften und Briefe anschaulich machen, 
^'eben Salviati erscheint Sagredo als eine überaus liebenswürdige 
rsatur, genial, heiter bis zur Ausgelassenheit, reich an kleinen Ge- 
schichten, deren Spitzen meistens gegen den Anhänger des Aristoteles 
gerichtet sind, ^^^e an Vergleichen, die immer den Nagel auf den 
Kopf treffen. Allem Anschein nach hat Galilei in diesem Sagredo 
nicht nur eine äußerst anziehende, lebenswahre Gestalt gezeichnet, 
sondern auch ein vortreffhches Porträt, denn die Briefe des Vene- 
tianers Sagredo, die uns in nicht geringer Zahl erhalten sind, spiegeln 
ganz und gar die herzgewinnende, geniale Persönlichkeit wieder, flie 
uns in den Dialogen unter demselben Namen begegnet. Wir begreifen, 
daß Galilei diesen Freund noch lange nach seinem Tode sein Idol 
genannt hat. Sagredo steht als lernbegieriger Hörer den Streitenden 
gegenüber, freilich nicht als unparteiischer Hörer, wie er sich selbst 
zu geben versucht, denn mit Herz und Kopf gehört er längst der 
neuen, aufstrebenden Wissenschaft an, die sich von Aristoteles be- 
freit hat. Seine ganze Neigung scheint uns schon von vornherein 
dem Copernicus zugewandt. 

Als dritte Person der Dialoge tritt unter dem Namen des Sim- 
plicio der Gelehrte aus der Schule des Aristoteles auf. In dieser 
Gestalt hat Galüei die Schulwissenschaft, gegen die sein Kampf ge- 
richtet war, verewigt mit all ihrer Wortweisheit und alles beweisenden 
Logik, ihrer Geistesabhängigkeit, ihrem Schwören auf des Meisters 
Wort und ihrem Widerstreben gegen das neue Licht, gegen die neuen 
Wege, Kurz, ganz so, wie sie uns aus den Büchern jenes Zeitalters 
entgegentritt, ist sie in diesem meisterhaften Bilde wiedergegeben. 

So wie die Dinge lagen, w^ar es ein ziemlich kühnes Unterfangen, 
die Wahrheit in solcher Form zu sagen. Auch ohne den eigentümlichen 
Beigeschmack in den Sonderbarkeiten des Schulgelehrten war es 
nicht leicht, den Einch-uck der Lächerlichkeit fernzuhalten, wo der 
Zweck des Buches erforderte, daß Simplicio genau so viele Nieder- 
lagen erlitt, als er Disputationen anfing, ]\Iit feinem künstlerischen 
Sinn, wohl auch mit einiger Rücksicht auf so manchen, der ihm zum 
Bilde des Simplicio gesessen hatte, hat Galilei diese Charakteristik 
durch einen Kern von edlerer Gesinnung gemildert; auch ist Sim- 
plicio keineswegs, wie so viele von Galileis lebenden Gegnern, ein 
beschränkter Kopf; es wirkt vielmehr in seiner aristotelischen Denk- 
und Redeweise etwas wie vieljährige Gefangenschaft, die bis ins 



— 87 — 

reife Mannesalter den ursprünglich gut begabten Mann von aller 
wirklichen Welt abschloß, und man glaubt zuweilen, wenn man ihn 
hört, er müsse nur den alten Kerker ein für allemal losgeworden 
sein, um als ein l^benbürtiger neben den beiden scharfen Denkern, 
die ihn bekämpfen, zu stehen. Aber diejenigen, die später im Sim- 
plicio ihr Spiegelbild erkennen sollten, sahen naturgemäß vor allem 
die Ähnlichkeit, eine Ähnlichkeit, die sie nie verzeihen konnten und 
in der Tat niemals verziehen haben. 

Galilei schrieb sein Buch, wie die früheren, für jedermann; aber 
es war doch unerläßlich, wenn er die Wahrheit der copernicanischen 
Lehre für seine Zeitgenossen nachweisen und gegen alle Widersprüche 
schützen wollte, mit aller Gründlichkeit auf die Einwendungen der 
Gelehrten der alten Schule einzugehen. All die uns befremdend und 
abgeschmackt anmutenden Lehren, wie die von der Unveränderlich- 
keit der Dinge über dem Mond, von der Unvergleichbarkeit der 
irdischen und himmlischen Dinge, vor allem die Bewegungslehre, 
aus der man damals die Unmöglichkeit der Erdbewegung deduzierte, 
all das mußte gründlich erörtert und widerlegt werden. 

So hat ein großer Teil der Dialoge heute ausschließlich geschicht- 
liche Bedeutung, man kann ihm nur gerecht werden, nur seine 
mächtige Wirkung im 17, Jahrhundert sich vergegenwärtigen, wenn 
man sich der undankbaren Mühe unterzieht, vorher eine Zeitlang 
auf der Schulbank vor den gelehrten Nachbetern des Aristoteles 
zu sitzen. Wer diese Anstrengung nicht scheut, wird zur Belohnung, 
wenn er dann Galileis Buch liest, die Empfindungen des befreiten 
Gefangenen teilen, wie sie uns aus den Briefen der Mitlebenden in 
jenen Tagen entgegentreten. 

B. Tägliche Bewegung. 

Daß Galilei für seine Gedanken diese Form, für die Dialoge diese 
Personen wählte, läßt ohne weiteres erkennen, wie er die Aufgabe 
seines Buchs gedacht hat. Es liegt nahe genug, die Dialoge mit dem 
„Abriß der copernicanischen Astronomie" zusammenzustellen, in dem 
Kepler^ wenige Jahre zuvor die Summe seiner Forschungen nieder- 
gelegt hatte; in dieser großen Schöpfung des Kepler sehen Geistes 

^ Für Kepler war die Aufgabe die Astronomie der Planeten, die Be- 
weise für die Bewegung der Erde kurz und Nebensache, für Galilei umgekehrt 
die Planeten Nebensache. 



— 88 — 

finden sich neben den ^\^mderbaren Phantasien seiner Hinnnelsphysik, 
die bald genug ins Reich der Dichtung verwiesen wurden, die wahren 
Gesetze der Planetenbewegungen, die seinen Xanien unsterblich 
gemacht haben. Der Fortschritt über die ursprüngliche Lehre des 
Copernicus hinaus, den dies Buch vergegenwärtigt, ist so außerordent- 
lich groß, daß man — freilich wenig in Kepler schem Sinne — hat 
zweifeln können, ob das System in der neuen Gestalt noch ein coperni- 
canisches zu nennen sei. Von einer Fortbildung der Lehre in ähn- 
lichem Sinne kann bei den Dialogen nicht die Rede sein. Xur in 
wenigen, untergeordneten Beziehungen geht Galilei über die coper- 
nicanischen Grundlagen hinaus, ja, jene großen Entdeckimgen, die 
durch Tycho Brahes Beobachtungen ermöglicht und von Keplers 
Genius ausgefülu^t waren, sind für ihn noch nicht vorhanden; 
während Kepler die Geschwindigkeit der Planeten nach bestimmter 
Regel mit ihrem Abstand von der Sonne sich ändern sah, kennt 
Galilei eine Veränderung weder der Abstände noch der Geschwindig- 
keiten; die Grundanschauung des Copernicus, nach der die Sonne im 
Mittelpunkt der ki'eisförmigen Planetenbahnen steht, ist in den 
Dialogen unbedenklich festgehalten, und doch hatte Kepler die 
Unmöglichkeit dargetan, bei kreisförmigen Bahnen die beobachteten 
Ungleichheiten der Planeten zu erklären. Die Dialoge schweigen 
selbst von den Problemen und den Rätseln, die in Keplers Forschung 
ihre Lösung gefmiden hatten. Die Beseitigung dieser Schwierigkeiten 
war unerläßlich, wenn es sich darum handelte, die copernicanische 
Lehre zur wahren Astronomie des Sonnensystems zu erheben; sie 
war von untergeordneter Bedeutung, wo es darauf ankam, der über- 
lieferten AVeltanschauung gegenüber die unermeßliche Überlegenheit 
der Vorstellung, die von der zweifachen Bewegung der Erde ausging, 
für jeden Denkenden zur Klarheit zu bringen. Dies und nichts 
anderes wollen die Dialoge, um dieser Aufgabe ^^illen begreift man, 
was sie ausführen, wie was sie übergehen; sie reden nicht von 
unerledigten Schwierigkeiten; es ist mehr als wahrscheinlich, daß 
Galilei Keplers Lösung nicht als Erledigung anerkannte — aber um 
der mangelnden Vollendung willen dem Copernicus widersprechen, 
das hieß ihm das Haus niederreißen, weil der Ofen raucht. Dagegen 
behandeln die Dialoge in voller x\usführlichkeit alles, was mensch- 
licher Verstand und Unverstand zugunsten der alten Anschauung 
ersonnen hatte und ersinnen konnte, um dann in triumphierender 



— 89 — 

Beweisführung zunächst die Möglichkeit der andern Lehre, dann die 
überw^ältigenden Zeugnisse für ihre Wahrheit darzulegen. 

Für Mathematiker hatte Copernicus seine Lehre niedergeschrieben, 
als die wahre Weltanschauung für alle lehrt sie Galilei. Nicht daß 
sein Buch nur die Beweise des Copernicus verdeutlichte oder der 
strengen Form entkleidete — darin liegt ein nicht zu unterschätzen- 
des, aber das geringere Verdienst der Dialoge; ihre wahre Bedeutung 
liegt in der Begründung einer Vorstellungsweise, die dem coperni- 
canisch Denkenden den Zusammenhang der natüi-üchen Erscheinungen 
in ähnlicher Weise verdeutlicht, wie die Physik des Aristoteles die 
Welt erklärt hatte, in deren Mittelpunkt die Erde ruht. Selbst der 
Mathematiker bedurfte als denkender Mann dieser neuen Physik, 
wenn das Ergebnis seiner Rechnungen für ihn zur anschaulichen 
Wirklichkeit werden sollte. Die Fragen nach der jN^atur des Himmels 
und der Himmelskörper, nach den Ursachen der Bewegung, ihrer 
Dauer und ihrer Hemmungen, ihrer Form und ihrer Geschwindigkeit 
— sie aUe waren seit den Zeiten des Altertums erledigt und abgetan, 
wenn die Erde ruhte ; sie aUe bedurften von Grund aus neuer Prüfung, 
wenn die Erde sich bewegte. Man braucht nur zu hören, was ein 
Tycho Brahe als Beweise gegen den Copernicus anführt, um zu be- 
greifen, daß für die neue Lehre die Elemente der Physik neu zu 
begründen waren. Die allbekannten Tatsachen, auf die er sich beruft, 
der geradünige Weg der fallenden Körper, das Treffen der Kugeln, 
nach welcher Himmelsgegend man auch schieße, sind zwar für Tycho 
schwerlich der Ausgangspunkt des Widerspruchs gewesen; ^^1e andere, 
hätte vermutlich auch der dänische Astronom sich mit diesen Be- 
denken abgefunden, wenn nicht ge^^ichtigere Gründe ihn bestimmt 
hätten; aber diese abfindenden Deutungen der Verteidiger verraten 
nur noch mehr, daß eine klare Antwort noch nicht zu geben war. 
Schon Copernicus sieht sich um solcher Fragen willen genötigt, 
manche alte Definition, manche hergebrachte Vorstellung zu ver- 
werfen. 

William Gilbert und Kepler gingen auf demselben Wege weiter, 
weniger noch, als ihr großer Lehrer, erkannten sie in den überlieferten 
Lehren eine Fessel für die freie Forschung. Der Kampf für Copernicus 
forderte vor allem übrigen Lossagen vom Aristoteles; mehr oder 
minder konsequent unterzogen die Jünger des Copernicus sich dieser 
Forderung; aber wenn sie im Widerspruch einig waren, so war die 



— 90 — 

Mannigfaltigkeit der Lehren, die man an die Stelle der aristotelischen 
Physik zu setzen versuchte, kaum geringer, als die Zahl der Schrift- 
steller, die sich dieser Aufgabe be\mßt "«iirden. Nur wenige unter 
diesen Versuchen verleugnen die Veranlassung, der sie ihr Dasein 
verdanken; nur um des bestinunten Zweckes willen, die coperni- 
canische Anschauung durchzuführen, ersann man neue Beziehungen 
und Eigenschaften der Körper, deren sie nicht bedurften, wenn 
Ptolemäus Recht behielt. Galilei dagegen vernichtete die Physik 
des Aristoteles als in sich unhaltbar und unmöglich; die Wahrheit 
der neuen Lehre, die er ihr gegenüberstellte, war an die Wahrheit 
der copernicanischen Lehre nicht gebunden, und eben darum war 
sie geeignet, über die Berechtigung der Gegengründe, die man 
physikalische nannte, ein entscheidendes Wort zu sprechen. Was 
dieser Lehre gegenüber jene früheren Versuche bedeuten, läßt in 
unzweideutigem Urteil die Geschichte des copernicanischen Systems 
erkennen; kaum, daß die Geschichtsschreiber sie der Aufzeichnung 
wert gefunden haben; wer sie kennen lernen will, hat sie mit müh- 
samem Quellenstudium zu sammeln; dagegen erteilt man heute 
noch auf die Fragen, die aus physikalischen Bedenken hervorgehen, 
die x\iitworten der Dialoge. Alle jene älteren Bemühungen sind für 
die Entdeckung der Wahrheit unfruchtbar geblieben, dagegen -wurzelt 
fast alles, was der Gegenwart an augenscheinlichen Beweisen für die 
Tatsache der Erdbewegung bekannt ist, in der Physik oder doch in 
der Methode Galileis; nicht wenige dieser Beweise sind dem klaren 
Wortlaut der Dialoge ohne weiteres zu entnehmen. Daß der außer- 
ordentliche Fortschritt, der auf diese Weise für die Veranschaulichung 
der copernicanischen Lehre gewonnen war, wiewohl er die Lehre 
popularisiert, doch ein rein wissenschaftlicher war, bedarf nicht der 
Erläuterung. 

Liegt in dieser Schöpfung einer neuen Bewegungslehre und ihrer 
Anwendungen auf das copernicanische System die unvergängliche 
Bedeutung des Buchs, so hatten dem Zeitalter Galileis die sehr um- 
fassenden Untersuchungen, die der Methode und der Lehre des 
Aristoteles gelten, kaum geringere Bedeutung. Galilei schrieb für 
alle, die in jenen Tagen dem großen Gegenstande ihr Interesse zu- 
wandten. Um dieser Absicht willen durfte er sich nicht damit 
begnügen, den logischen Argumenten seiner Gegner mit Erfahrungen 
zu erwidern, auch wo solche Erfahrungen unserer Auffassung gemäß 



— 91 — 

zur Widerlegung völlig ausreichten; denn keine Erfahrung war den 
Argumenten der Schulgelehrten gewachsen. Wie konnte Erfahrung 
über die Unwissenheit oder die Unmöglichkeit eines Wissens auf- 
klären, wo die Beweise des Aristoteles Wissen und Klarheit in vollem 
Maße gewährten, wo überdies die Autorität seines großen Namens 
jeden Zweifel beseitigte! 

So mußte Galilei den Gegner mit seinen eigenen Waffen be- 
kämpfen. Diese gründlichen Widerlegungen auf dem Wege logischer 
Zergliederung nehmen in seinem Buch einen breiten Raum ein, um 
ihretwillen zumeist hat man die Dialoge weitschweifig gefunden; 
aber sie entsprachen dem Raum, den noch immer die Denkweise der 
Schule in der Welt erfüllte, zu der Galilei reden wollte. 

So ist der erste „Tag" der Dialoge ausschließlich der Prüfung 
jener aristotelischen Lehre bestimmt, gegen die er seit mehr als 
zwanzig Jahren vergeblich den Himmel selbst zum Zeugen angerufen 
hatte, der Lehre von der völligen Unvergieichbarkeit irdischer und 
himmlischer Dinge. Lag doch der Kern des Buchs in dem Gedanken, 
die Erde unter die Sterne zu erheben, einer Vorstellung, die jener 
große Gegensatz an der Schwelle der Erörterung als völlig absurd 
zurückzuweisen scheint. 

Mit sicherer Hand zerreißt er das Gewebe von Schlüssen, in 
denen Aristoteles aus der Vorstellung einer vollkommenen Welt als 
notwendige Folgerung herzuleiten vermeint, was uns die oberfläch- 
lichste Wahrnehmung der Sinne darstellt. Um der Vollkommenheit 
willen teilt Aristoteles von den beiden einfachen Bewegungen die 
Kreisbahn dem Himmel, die gerade Linie der Erde zu; zwar sieht 
er nur an den Teilen das Aufsteigen und Absteigen in geraden Linien, 
aber der Satz: das Ganze verhält sich wie die Teile, reicht ihm aus, 
um auch der Mutter Erde als Ganzem die geradlinige Bewegung zu- 
zuweisen. GalUei zeigt, wie er nur durch Trugschlüsse und unklare 
Definitionen den Schein zur wahrhaft naturgemäßen Ordnung erhebt, 
wie das Geheimnis seiner Beweisführung darin liegt, daß er vorgibt, 
ein Gebäude nach den Regeln der Baukimst aufzuführen, aber in 
Wahrheit seine Baukimst nach dem Gebäude einrichtet. 

Will man mit Plato von dem Bilde einer vollkommenen Welt 
ausgehen, so findet Galilei in dieser für die geradlinige Bewegung 
keinen Raum, denn die Körper, denen sie zukommt, ändern unauf- 
hörlich ihren Ort und ihr Verhältnis zu den anderen, so dient sie zur 



— 92 — 

Änderung, nicht zm* Erhaltimg; in einer wohlgeordneten Welt ist 
alle Bewegung der einzelnen Weltkörper eine kreisförmige, nur sie 
ist zur Erhaltung geeignet, denn nur in ihr ist das Streben zum 
bestimmten Ziel und das Widerstreben gegen die Entfernung vom 
erreichten in stetem Gleichgewicht. Dagegen ist die gerade Linie 
die Bahn, die die Teile mit beschleunigter Bewegung zum ganzen 
führt, wenn sie von ihm getrennt sind, und in der sie mit verzögerter 
sich vom ganzen entfernen, wenn äußere Kräfte sie zu trennen suchen. 

Die Schwere, die das eine, wie das andere bewirkt, ist für Galilei, 
wie für Copernicus, nichts anderes, als das Streben der Teile zur Ver- 
einigung mit dem Ganzen, dem sie angehören. Ein ähnliches Streben 
der Teile zur Vereinigung verrät ihm die Kugelgestalt der Sonne 
und des Mondes, und so scheint ihm nichts im Wege zu sein, wenn 
man in der geordneten Welt, nicht nur auf der Erde, sondern überall, 
die geradlinige Bewegung den Teilen in ihrem Verhältnis zum Ganzen 
zuteilt. Die Weltkörper als ganze aber können nur entweder ruhen 
oder im Kreise bewegt sein. 

Aber der Gegensatz der Bewegungen, wie ihn Aristoteles lehrt, 
ist zugleich die feste und alleinige Grundlage seiner Lehre vom Gegen- 
satz des Irdischen und Hinmilischen; aus ihm geht insbesondere das 
Entstehen und Vergehen hier — die ewige, wandellose Gleichheit 
dort mit logischer jX^otwendigkeit hervor; so fällt denn auch mit der 
willkürlichen Verteilung der Bewegungen das ganze Gebäude. Aber 
Galilei findet darum nicht minder unerläßlich, die inneren Wider- 
sprüche und logischen Willkürlichkeiten zu enthüllen, durch' die es 
mögüch wurde, jene Verwandlungserscheinungen, die niemand be- 
greift, auf einen Gegensatz der Bewegungen im Reich der irdischen 
Elemente zurückzuführen. 

Erst nachdem sich die Beredsamkeit der Parteien an dieser 
Aufgabe erschöpft hat, ist von Erfahrungen die Rede. Der Gewiß- 
heit ü'discher Wandelbarkeit gegenüber vermißt der Peripatetiker jede 
Kunde vom Anderswerden im Hinmiel. — ,,Ihr wißt's von Italien, 
aber woher von China und Amerika?" fragt Salviati. „Sichere 
Berichte verkünden es", entgegnet Simplicio. „So bedarf's des Augen- 
scheins oder der glaubwürdigen Berichterstatter; da uns beides für 
den Mond nicht zu Gebote steht, — was beweist uns, daß auf ihm 
nicht ist oder geschieht, was wir nicht erfahren können?" „Die 
ältesten Überlieferungen besagen, daß einst festes Land, wo jetzt die 



— 93 ~ 

Straße von Gibraltar ist, die gegenüberliegenden Erdteile vereinigte, 
so daß erst später, als der Ozean das Festland durchbrach, das 
Mittelländische Meer entstand. Veränderungen so gewaltiger Art, wenn 
sie am Monde vorgekommen wären, könnten uns nicht unbemerkt 
geblieben sein." ,,Wohl! aber wo sind auf der Erde die wißbegierigen 
Selenographen gewesen, die uns das Bild des Mondes aus alter Zeit 
bewahrt hätten, daß wir heute vergleichen könnten, ob in der Ver- 
teilung heller und dunlder Stellen eine Änderung eingetreten sei? 
Was sagt man uns vom Mond? Der eine sieht darin ein mensch- 
liches Gesicht, der andre eine Löwenschnauze, der dritte Kain mit 
einem Reisigbündel auf der Schulter. Was also ist damit gesagt, 
wenn man den Himmel für unveränderlich erklärt, weil wir am Mond 
oder anderen Himmelskörpern nicht die Veränderungen sehen, die wir 
an der Erde kennen?" ^ 

Nun erst führt Salviati aus, was in Wahrheit das 17. Jahrhundert 
von Veränderungen im Reich der Himmelskörper weiß. 

Er redet von den neuen Sternen vom Jahre 1572 und 1604 und 
von den Flecken der Sonne. Für die Kometen, die andere gleichfalls 
in so ferne Regionen erheben, ist er noch jetzt nicht abgeneigt, einen 
irdischen Ursprung anzunehmen. Ein ausführlicher Bericht über 
den Mond, wie ihn das Fernrohr enthüllt hat, beschließt die erste 
Unterredung. Mannigfache Beobachtungen aus den zwischenliegenden 
Jahren vervollständigen die Schilderung der „Sternenbotschaft", 
Galilei hat inzwischen entdeckt, daß infolge der Achsendrehung des 
Mondes etwas mehr als die HäKte seiner Oberfläche von uns gesehen 
wird. Aber das wichtigste Ergebnis für die gesamte Himmelskimde, 
wie Galilei es 20 Jahre zuvor verkündet hatte, hat sich in aller späteren 
Forschung bewährt. 

In siebenfacher Beziehung weist der Bericht der Dialoge an dem 
einzigen Himmelskörper, der bisher eine Vergleichung gestattet hat, 
die Übereinstimmung mit der Erde nach. Daß in aller Ähnlichkeit 
wesentliche Verschiedenheiten stattfinden und stattfinden müssen, 
will Galilei nicht bezweifeln. Aber der Wahn, daß die Erde als un- 
vergleichlich außerhalb der Schar der Himmelskörper stehen muß, 
bleibt nichtsdestoweniger durch den Mond widerlegt. Ist auf diese 
Weise die Erde „aus der Finsternis ans Licht gezogen", so wird nun 



1 Ed. Naz. VII p. 74. 



— 94 — 

weiter zu prüfen sein, wie weit es Wahrscheinlichkeit hat, sie als 
ruhend, wie weit sie irgendwie bewegt zu denken ist. Soll dies erkannt 
werden, meint Galilei, so muß vor allem übrigen begriffen sein, daß, 
wenn die Erde sich bewegt, und wie immer sie sich bewegen möge, 
dies nun und nimmermehr auf der Erde selbst von ihren Bewohnern 
an irdischen Gegenständen wahrgenommen werden kann, sondern 
innner nur an dem, was die Bewegung nicht teilt, und zwar muß 
eine jede Bewegung der Erde sich daran erkennen lassen, daß nicht 
etwa ein einzelner Himmelskörper, etwa der Mond oder Venus, sich 
zu bewegen scheinen, sondern alles, was nicht an der Bewegung der 
Erde teilhat, muß uns diese Bewegung wiederspiegeln; wenn zunächst 
die Erde sich in 24 Stunden in der Richtung von Westen nach Osten 
um ihre Achse di'eht, so kann das für uns auf keine andere Weise 
erkennbar werden, als daran, daß wir den ganzen Sternenhimmel 
mit der Sonne und dem Mond in 24 Stunden in der Richtung von 
Osten nach Westen gehen sehen; es müßte also, wenn der Himmel 
ruht und die Erde sich bewegt, genau dasselbe wahrgenommen 
werden, wie wenn in Wirklichkeit Sonne, Mond und Sterne sich so 
bewegten, ^vie es uns erscheint. Soviel man denken mag, wird sich 
kein Unterschied erdenken lassen, an dem uns offenbar würde, ob 
das eine oder das andere Wirklichkeit ist; denn alle Bewegung, sagt 
Galilei, ist nur Bewegung und als Bewegung wirksam in bezug auf 
etwas, das sich nicht bewegt. Die Waren, mit denen ein Schiff be- 
laden ist, bewegen sich, insofern sie Venedig verlassen, Korfu, Kandia, 
Zypern passieren und nach Aleppo kommen, während Venedig, Korfu, 
Kandia usw. ruhen und sich nicht mit dem Schiff fortbewegen; aber 
für die Warenballen, Kisten usw., mit denen das Schiff befi'achtet 
ist in bezug aufeinander und in bezug auf das Schiff selbst, ist die 
Bewegung von Venedig nach Syrien wie nicht vorhanden, sie ändert 
nichts an ihrer wechselseitigen Beziehung, weil sie allen gemeinsam 
ist, und wenn ein Ballen während der Fahrt auch nur um einen 
Finger breit von der nächsten Kiste fortgerückt wird, so wird dies 
für beide in bezug auf sich selbst eine größere Bewegung sein, als der 
Weg von 2000 Meilen, den sie in unveränderter Lage miteinander 
zurücklegen. 1 

So ist auch alle Bewegung des Himmels nur Bewegung, insofern 
ein Ruhendes vorhanden ist oder gedacht wird. Nehmt die Erde 

1 Ed. Naz. VII p. Ulf. 



— 95 — 

aus der Welt, und all jener Wechsel der Erscheinungen, in dem wir 
die gewaltigsten Bewegungen zu erkennen meinen, ist nicht mehr; 
die Welt kennt dann weder iVufgang noch Untergang von Sonne, 
Mond und Sternen, weder Tage noch Xächte; all dieser Wechsel 
existiert nur in bezug auf die Erde. 

Wenn aber die Erscheinungen aufs Haar übereinstimmen müßten, 
ob die Erde oder alles außerhalb der Erde sich bewegt — was ist 
dann glaublicher: daß die kleine Erde in 24 Stunden ihre Umdrehung 
vollendet, oder die unermeßliche Sphäre der Sterne mit Sonne und 
Planeten mit einer Geschwindigkeit, die aUe Begriffe übersteigt? 
Und noch dazu nach der seltsamen Regel, daß, je ferner der Stern, 
desto größer, rasender seine Geschviindigkeit sein müßte, um den 
allgemeinen Wirbel mitzumachen, während sonst alle Himmelskörper 
ihre Kreisbahn um so langsamer durchlaufen, je größer ihre Bahn 
ist; daß andrerseits diese Geschwindigkeit bei den Fixsternen vom 
Himmelsäquator bis zu den Hinmielspolen abnimmt, an den Polen 
völliger Ruhe gleichkommt usw., und dabei auf ein Zentrum Rück- 
sicht nimmt, das in unermeßlicher Entfernung außerhalb des Zen- 
trums dieser Kreisbahnen ruht. 

Sagredo erwidert, daß ihm das auf den ersten Blick noch ungleich 
törichter vorkomme, als wenn man einen hohen Turm erstiege, um 
die Stadt und ihre Umgebung zu überschauen, und dann verlangte, 
daß das ganze Land den Rundgang machte, damit man nicht nötig 
hätte, den Kopf zu drehen. 

Aber nun kommen die Bedenken in Scharen. Wenn die Erde 
sich von Westen nach Osten bewegt, wie ist es möglich, daß die 
fallenden Körper in gerader Linie senkrecht gegen die Oberfläche 
fallen und nicht vielmehr weit westlich von dem Fußpunkt der Senk- 
rechten die Erde treffen, da doch der Fußpunkt längst nach Osten 
enteilt ist ? Sehen wir nicht, daß auf dem ruhenden Schiffe die Kugel, 
die von der Höhe des Mastkorbs in der Senkrechten herabfällt, am 
Fuße des Mastbaums ankommt, während dieselbe Kugel, wenn das 
Schiff sich bewegt, um so weiter hinter ihm zurückbleibt, je größer 
die Geschwindigkeit der Fahrt ist? 

Wenn man dieselbe Kugel aus demselben Kanonenlauf mit 
gleicher Kraft nach Westen abschießt, so müßte sie in beträchtlich 
größerer Entfernung treffen, als wenn man nach Osten schießt, denn, 
wenn nach Westen, kommt zum eigenen Weg der Kugel noch der 



— 96 — 

Weg, um den die Kanone sich mittlerweile ostwärts vom Ziel ent- 
fernt hat; schießt man dagegen nach Osten, so rennt die Kanone 
ge^^•issermaßen der Kugel nach; es müßte die Schußweite um das 
Stück verringert werden, das die Kanone gleichzeitig in derselben 
Richtung zurücklegt. Aber nichts der Art zeigt die Erfahrung; man 
schießt nach Osten genau so weit, wie nach Westen, also steht die 
Kanone unbeweglich fest, und demnach auch die Erde. Und ebenso 
bestätigt sich die Ruhe der Erde, wenn man nach Norden oder Süden 
schießt, denn wenn die Erde sich bewegt, so könnten die Kugeln 
das Ziel nicht treffen, sie müßten immer in westlicher Richtung 
zurückbleiben, was nicht beobachtet vtird. Auch müßte man bei 
jedem Schuß nach Osten zu hoch, nach Westen zu niedrig treffen, 
da das Ziel im ersteren Fall durch die Umdrehung der kugelförmigen 
Erde zu rasch unter die Schußlinie gesunken ist, im andern sich zu 
rasch über diese Linie hinaushebt. 

Wer immer den Copernicus vertreten wollte, hatte, um diese 
Bedenken zu beseitigen, annehmen müssen, daß die Körper der Erde, 
gleichviel ob sie in Ruhe oder bewegt sind, mit der festen Masse der 
Erde verbunden oder von ihr getrennt sind, die Bewegung der Erde, 
wie sie ihnen zu irgendeiner Zeit mitgeteilt ist, in unveränderter 
Yfeise bewahren. Kepler hatte den Begriff der Trägheit zu Hilfe 
genommen; aber die Form, in die er diesen Begriff gefaßt hat, 
gestattete ihm nicht, entsprechende Erscheinungen vorauszusagen 
oder zu erklären, bei denen die Bewegung der Erde nicht in Betracht 
kommt; er schweigt von dem Fall der Körper auf Schiffen; ja er 
macht sich selbst den Einwurf: die westwärts abgeschossene Kugel 
müsse, gerade weil sie die östliche Richtung der Erdbewegung bei- 
behält, infolge der Trägheit ihrer Materie die gewaltsame Bewegung 
durch den Schuß weniger leicht annehmen, als die ostwärts geschossene, 
die nur in derselben Richtung bewegt wird, die ihr ursprünglich zu- 
kommt; und Kepler gesteht unumwunden zu, daß dieser Unterschied 
stattfinde, nur der Größe der bewegenden Ursache gegenüber un- 
merklich werde. Auch wenn er wahrzunehmen wäre, fehle die Möglich- 
keit der Untersuchung, denn wie soll man sich überzeugen, daß die 
Kraft der Explosion bei den verschiedenen Schüssen dieselbe 
gewesen ist.^ 

^ Keplers Trägheitsbegriff ergibt also eine falsche Konsequenz oder 
Ruhe der Erde. 



— 97 — 

Das Beispiel verdeutlicht, wieviel vor Galilei erreicht war, wie- 
viel ihm selbst zu leisten übrig blieb. 

Galilei beginnt mit dem geradlinigen, senkrechten Fall der Körper. 
Er zeiht zunächst den Gegner des logischen Fehlers. Wer behauptet, 
daß der fallende Körper in gerader Linie den Fußpunkt trifft, und 
daraus folgert, daß die Erde ruht, der setzt die Ruhe der Erde, die 
er beweisen -svill, voraus, denn wenn die Erde nicht ruht, ist die 
Bewegung des fallenden Körpers keine gerade Linie. So ist der 
Gegner genötigt, den Ai'istoteles zu verbessern und seinen Einwand 
in der Sprache der Schule dahin auszusprechen: daß, wenn die Erde 
sich bewegt, der Stein nicht längs der Senlvrechten von der Spitze 
zum Fuß des Turmes fallen könnte, weil er alsdann zugleich eine 
geradlinige und eine Ivreisförmige Bewegung haben müßte, was un- 
möglich ist, namentlich bei schweren Körpern. 

Galilei beweist das Gegenteil. Als Grundlage seiner Ausführung 
stellt er das Prinzip fest: daß die Bewegung, die einem Körper mit- 
geteilt wird, demselben in unzerstörbarer Weise übertragen 
wird. Als völlig unhaltbar erkennt er die übliche Deutung der Peri- 
patetiker, nach der die bewegende Kraft zunächst auf die Luft über- 
tragen und von dieser dem Körper, den sie begleitet, stets von neuem 
mitgeteilt wird. Galilei begründet eine neue Bewegungslehre durch 
die einfache Annahme, daß es keiner Ursache für die Erhaltung der 
Bewegung bedarf. Der Körper, der durch irgendeine Ursache bewegt 
ist, würde sich bis ins Unendliche in derselben geraden Linie und mit 
derselben Geschwindigkeit fortbewegen, wenn kein Widerstand seine 
Bewegung verzögerte, keine andere Ursache sie beschleunigte. Aus 
der Unzerstörbarkeit der übertragenen Bewegung folgt dann sofort 
die weitere Erkenntnis, daß eine zweite Bewegung, die dem bereits 
bewegten Körper mitgeteilt wird, die erste nicht beeinträchtigt oder 
verändert; in der Bewegung des Körpers sind in diesem Fall beide 
einzelnen Bewegungen vollständig erhalten; sie ist aus beiden gemischt 
oder zusammengesetzt. Die mannigfaltigsten Beispiele verdeutlichen 
diese Zusammensetzung. Die Kugel, die der Hand des Reiters im 
schnellsten Galopp entfällt, bleibt nicht hinter ihm zurück, denn sie 
bewahrt die Geschwindigkeit des Ritts, auch wenn sie fällt; ja, die 
Kugel kann ihm noch folgen, wenn er sie reitend rückwärts schleudert, 
und nur, wenn die Geschwindigkeit der Bewegung, die er ihr auf 
diese Weise erteilt, größer ist, als die des Pferdes, wird sie in Wirklich- 

Wohlwill, Galilei. II. 7 



— 98 — 

keit sich in entgegengesetzter Richtung bewegen. Man hat geglaubt, 
daß der Reiter, der den Spieß vor sich her wirft, imstande sei, im 
rascheren Ritt den geworfenen wieder aufzufangen; er wii'd es ver- 
gebens versuchen, denn der Spieß hat zur Geschwindigkeit des Ritts 
noch die des Wurfs in gleicher Richtung empfangen; wohl aber wird 
er bei noch so großer Geschmndigkeit fangen können, was er im Ritt 
aufwärts geworfen hat. 

So ist auch der Einwurf vom Fall auf ruhendem und bewegtem 
Schiff einfach dadurch erledigt, daß der Unterschied, von dem man 
redet, wie so manche andere Tatsache der alten Physik, vom Einen 
behauptet und von Tausend nachgesprochen, aber nie erprobt ist; 
ein solcher Unterschied findet nicht statt und kann nicht stattfinden. 
Das Schiff mag ruhen oder segeln, seine Geschmndigkeit groß oder 
klein sein, immer wd die Kugel am Fußpunkte der Senkrechten 
niederfallen, in der der Anfangspunkt ihrer Bewegung liegt, es sei 
denn, daß der Bewegungszustand der Luft geringe Abweichungen 
veranlasse. Mannigfache merkwürdige Folgerungen ergeben sich 
ohne weiteres, sobald man nur diese Zusammensetzung der Bewegungen 
klar begreift. So findet man, daß die wirkliche Bahn des Körpers, 
der auf bewegtem Schiffe fällt, je nach der Geschwindigkeit des 
Schiffs eine immer andere, größere, mehr gestreckte Linie wird, 
und alle diese noch so verschiedenen Bahnen werden in derselben 
Zeit zurückgelegt, die der senkrechte Fall in der ungleich kürzeren 
Bahn auf ruhendem Schiffe erfordert ; dasselbe würde von den Bahnen 
der Kanonenkugeln gelten, die von der Höhe eines Turmes, gleichviel 
mit welcher Kraft, in horizontaler Richtung abgeschossen würden; 
wie verschieden auch die Schußweite, die die Kraft des Pulvers 
bestimmt, die Dauer ihres Fluges wäre immer der Zeit gleich, in 
der sie durch senkrechten Fall den Fuß des Turmes erreichten. Um 
die Form dieser, wie immer verschiedenen, Bahnen zu verzeichnen, 
ist nur genaue Kenntnis der Regel erforderlich, nach der die Ge- 
schwindigkeit des fallenden Körpers zunimmt. Galilei ist der erste, 
der diese Regel erkannt hat, er braucht nur mit dieser senkrechten, 
gleichförmig beschleunigten Bewegung die gleichförmige in der Rich- 
tung des Wurfs oder Schusses zusammenzusetzen, um die Form der 
Wurflinie zu finden, in ihr zugleich die wirkliche Bahn des Körpers, 
der vom bewegten Mäste fällt, denn nicht anders als der horizontal 
gerichtete Wurf der Hand oder Schuß der Kanone wirkt die Bewegung, 



— 99 — 

die das Schiff allen mit ihm bewegten Körpern überträgt. Was bei 
den Körpern des bewegten Schiffs noch als ein Äußerliches, der Natur 
der Körper Fremdartiges erscheinen könnte, das ist den Körpern 
der bewegten Erde als unzerstörbarer, von ihrem Wesen nicht trenn- 
barer Besitz gegeben; so ist die Anwendung der Erläuterung einfach 
genug. Der Stein, der von der Höhe des Turmes fällt, verliert 
dabei die ursprünglich östlich gerichtete Bewegung der Erde nicht, 
es ist also kein Grund, warum er hinter dem Fußpunkt des Turms 
zurückbleiben sollte, der diese östliche Bewegung teilt. 

Von dieser gemischten Bewegung aber erkennen wir nur den 
Teil, der dem fallenden Körper eigentümlich ist; unsrer Wahrnehnumg 
entzieht sich der andere, den der Turm und alles, was ihn umgibt, 
mit ihm gemein hat. Wenn wir bei ruhiger See zu Schiffe von Smyrna 
nach Venedig fahren und uns die Zeit damit vertreiben, eine Zeichnung 
anzufertigen, so teilt die zeichnende Hand die Bewegung über das 
mittelländische Meer; sie hat also in Wirklichkeit in jedem Augen- 
blick gleichzeitig zwei Bewegungen, und ihr eigentlicher AVeg ist ein 
unendliches GewliT von Figuren; von alledem aber sehen wir sowohl 
w'ährend der Fahrt als bei der Ankunft in Venedig nichts als die 
Zeichnung, d. h. den Teil der Bewegung der zeichnenden Hand, den 
das Schiff und deshalb das Blatt, auf dem wir zeichnen, nicht teilt; 
die Zeichnung würde uns nicht anders erscheinen, wenn sie auf 
ruhendem Schiff gefertigt wäre. Ebensowenig würde der Beobachter 
bei demx fallenden Körper einen Unterschied wahrnehmen, wenn er 
während des Falls zugleich mit dem Turm und der Erde sich ost- 
wärts fortbewegte; es kann also die Wahrnehmung des senkrechten 
Falls nicht als Beweis gegen die Bewegung der Erde gelten. 

Es kommt nur darauf an, diese Anschauungsweise klar zu fassen 
und zur Anwendung zu bringen, um eine Reihe ähnlicher Einwürfe 
zu beseitigen. Die aufwärts geschossenen Kanonenkugeln kehren in 
den senki-echt gerichteten Lauf zurück, ob die Erde ruht, oder ob sie 
sich bewegt, denn aufwärts fliegend wie niederfallend w^ürden sie 
die östliche Bewegung der Erde ungeschwächt bewahren, der Lauf 
eilt ostwärts, nachdem die Kugel ihn verlassen, aber die Kugel folgt 
ihm mit gleicher Geschwindigkeit. So müssen auch die Schüsse 
treffen, ob die Erde sich bewegt oder nicht, und die Himmelsgegend, 
nach der man zielt, ändert die Sicherheit nicht, denn wenn die Erde 
sich dreht, w'ürde zwar das Ziel, bis es von der Kugel erreicht ist, 



— 100 - 

seinen Weg in östlicher Richtung zurückgelegt haben, aber diese 
östliche Bewegung wü'd von der Kugel geteilt; die Kugel bewahrt 
sie, ob sie im Laufe ruht oder die Luft durchfliegt, und gleichviel 
welche Richtung ihr der Schuß erteilt, sie würde darum nicht weniger 
treffen, als wenn das Ziel und der Lauf sich auf ruhender Erde befände. 

So würden auch die westwärts gerichteten Schüsse nicht zu 
niedrig, die östlich gerichteten nicht über das Ziel hinausschießen; 
richtig ist, daß das westlich gelegene Ziel durch die Bewegung der 
Erde sich über eine ruhend gedachte Tangente mehr und mehr 
erhebt, so wie das östliche sich unter eine solche Tangente senkt; 
aber ein IiTtum ist, sich die Linie, die den Zielenden mit dem Ziel 
verbindet, als eine ruhende Tangente zu denken, der Zielende ändert 
seinen Ort, wie das Ziel, die Tangente, in der er schießt, hebt sich 
und senkt sich durch die Bewegung der Erde genau in derselben Weise 
wie das Ziel. 

So würde durch das Treffen der Kugel die Bewegung der Erde 
nicht widerlegt sein, auch wenn die Berufung auf diese Tatsache 
sich durch Beobachtung bekräftigen ließe. In Wirklichkeit nehmen 
die Gegner für sich in Anspruch, was niemand wahrgenommen hat. 
Galilei berechnet, daß bei der Wurfweite der Geschütze und der 
Zeitdauer, die ihrem Weg entspricht, die Hebung und Senkung des 
Ziels durch die Erdbewegung nicht einen Zoll (1/23 braccia) betragen 
würde, aber die Abweichungen der Kugel aus andern Gründen sind 
ungleich größer. Wer möchte beweisen, daß die Erdbewegung keinen 
Teil daran hat? Größere Schwierigkeiten scheint der freie Flug der 
Vögel zu bieten. In tausendfältiger Bewegung durchstreichen sie die 
Luft; oft lange genug, ohne die Erde unter sich zu berühren; wie 
soll man sich vorstellen, daß in dem Hin und Her der Bewegungen 
ihnen nicht die ursprüngliche Bewegung der Erde verloren geht? 
wie, daß sie die verlorene medererlangen, um im Fluge nicht hinter 
den Türmen der Erde zurückzubleiben? Der Einwand gehört zu 
denen, die schon den Alten die Annahme einer Erdbewegung wider- 
sinnig erscheinen ließen. Copernicus hat sich auf eine Erörterung 
nicht eingelassen: den Löwen, sagt Galilei^, kümmerte das Bellen der 
kleinen Hunde nicht. Galilei zeigt, daß die Ki'aft des lebenden Tiers 
als Ursache seiner \^'illkürlichen Bewegung, das einzige, wodurch der 



1 Ed. Naz. \^T p. 194. 



— 101 — 

Fall der fliegenden Vögel von dem Fall der geworfenen Geschosse 
sich unterscheidet, einen Unterschied der Erldärung nicht bedingt. 
Es ist unzweifelhaft, daß die innere Kraft den lebenden Vögeln 
Bewegungen gestattet, die den toten Vögeln sowohl wie den geworfenen 
Kugeln unmöglich sind; aber die Bewegung des lebenden Vogels, 
die nicht aus dieser Innern Ursache stammt, ist in ihm ganz so wie 
in der geworfenen Kugel vorhanden. Galilei sieht auch hier keine 
Schwierigkeit. ,,Ist die Geschwindigkeit des Vogels =1, die Ge- 
schwindigkeit der Erde = 9, so hat der Vogel, wenn er ostwärts fliegt, 
die vereinigte Gesch\\indigkeit 10 und kommt mit dieser genau so 
weit, als wenn er auf ruhender Erde mit der Geschwindigkeit 1 
geflogen wäre; fliegt er westwärts, also der Erdbewegung entgegen, 
so bleiben ihm in der Richtung der Erdbewegung nur 8 Grade, 
während die Erde mit 9 nach Osten geht, er bleibt also westwärts 
zurück, und zwar genau so weit, als er mit der Geschwindigkeit 1 
auf ruhender Erde gekommen wäre. Die Erdbewegung hindert ihn 
und hilft ihm ebensowenig in seinem Flug, er sei gerichtet, wie er 
wolle, wie sie die fliegende Kugel in ihrer Bewegung fördert oder 
hemmt. Den Flug nach Westen richten, heißt nichts anderes, als 
von der täglichen Bewegung, die 9 Gesch^indigkeitsgrade betragen 
mag, etwa einen Grad in Abzug bringen, so daß dem Vogel deren 8 
verbleiben, so lange er fliegt; und kehrt er zur Erde, so hat er alsbald 
die gemeinsamen 9; fliegt er gen Osten, so kann er dadurch ihnen 
einen zehnten hinzufügen und mit diesen 10 zu seinem Turm zurück- 
kehren. 

Um den letzten Zw^eifel zu beheben, fordert Galilei^, daß man 
mit all den Gegenständen, lebenden und toten, deren Bewegung auf 
bewegter Erde man prüfen wiU, sich auf einem rasch segelnden Schiff 
so vollständig abschließe, daß eine Fortbewegung des Schiffs an 
äußern ruhenden Gegenständen nicht wahrzunehmen ist; man wii-d 
alsdann durch den Augenschein gewahren, daß der Bewegung der 
Teile nicht zu entnehmen ist, ob das Ganze ruht, oder ob es in 
Bewegung ist, so vollständig werden in beiden Fällen die Bewegungs- 
erscheinungen an den Teilen übereinstimmen. 

Aber die Lehre von der Zusammensetzung der Bewegungen, 
die den Erfolg dieses Versuches voraussehen läßt, gewährt noch mehr. 



1 Ed. Naz. VII p. 2]2f. 



— 102 — 

Sie weist statt jener Folgen, die der Gegner in unklarer Berechnung 
erwartet, tatsächliche Verschiedenheiten der Bewegungserscheinungen 
auf ruhender und bewegter Erde nach; sie bezeichnet demnach Ver- 
suche, die eine Entscheidung für oder wider Copernicus ergeben 
müssen. Galilei ist sich dieser Konsequenzen wohl be\^aißt gewesen. 
Er sieht, daß, wenn die Erde sich bewegt, die Kugeln, die auf der 
nördlichen Erdhälfte nordwärts geschossen werden, nicht allein nicht 
westlich zurückbleiben, sondern ostwärts vorauseilen müssen, 
denn sie kommen mit der größeren Geschwindigkeit des größeren 
Parallelkreises in die höheren Breiten. Galilei glaubt jedoch, daß 
bei der geringen Schußweite der Kanonen der Unterschied der 
Geschwindigkeit zu gering sein wird, um solche Abweichung erkennen 
zu lassen. Eine späte Folgezeit hat seine Vorstellung bestätigt, und 
in der Abweichung der Kanonenkugeln je nach der Richtung des 
Schusses hat sich ein bestimmter Beweis für die Rotation der Erde 
ergeben. 

Galilei hat ebensowenig übersehen, daß aus ähnlichem Grunde 
der fallende Körper in Wirklichkeit ostwärts vom Fußpunkt der 
Senkrechten den Boden treffen müsse; er redet davon, als er dem 
Jesuiten Scheiner die seltsame Rechnung revidiert, nach der ein 
Körper, um vom Mond zum Zentrum der Erde zu fallen, mehr als 
sechs Tage gebrauchen sollte. Scheiner hält für ganz undenkbar, 
daß eine Kugel bei solchem Fall stets über dem Punkte bleibe, der 
an der Erdoberfläche in der Senkrechten unter ihr liegt; er läßt sie 
in verwickelten Spiralen zur Erde gelangen. Galilei berechnet nach 
den einfachen Annahmen seiner Fallgesetze für denselben Fall nur 
eine Zeit von wenig mehr als drei Stunden; auch diese kürzere Fall- 
zeit müßte nach der Denkweise des Gegners eine starke westliche 
Abweichung der fallenden Kugel bewirken; ein solches Zurückbleiben 
erwartet auch Galüei, wenn der Ort, von dem die Kugel kommt, 
an der 24 stündigen Bewegung der Erde keinen Anteil hat ; bewegt 
er sich dagegen mit der Erde, wie dies der Voraussetzung der 
Berechnung entspricht, so nmß der fallende Körper vielmehr dem 
Fußpunkt der Senki-echten ostwärts vorauseilen, da er mit der 
Geschwindigkeit der höheren Kreise der Luft die Erde treffen würde. 
Auch hier hat Galilei es seinen Nachfolgern überlassen, aus der 
klaren Folgerung die Aufforderung zum entscheidenden Versuch zu 
entnehmen. 



— 103 — 

Nicht ganz so glücklich, aber dennoch bahnbrechend, ist seine 
Erläuterung einem EimA^rf gegenüber, auf den die alten Philosophen 
besonderes Gewicht gelegt hatten, Sie kannten die Schleuderkraft 
des rasch gedrehten Rades und der rasch geschwungenen beschwerten 
Schnur. Sie sahen diese Kraft mit der Geschwindigkeit der Kreis- 
bewegung wachsen — so, schlössen sie, müssen bei einer Geschwindig- 
keit, wie sie für die Erdrotation anzunehmen wäre, mit ungeheurer 
Gewalt die Körper der Erdoberfläche, Menschen, Tiere, Gebäude 
ins Weltall geschleudert werden. Daß dies nicht geschieht, schien 
ihnen ein ausreichender Beweis gegen jede Bewegung der Erde. 

Scherzend verbessert Galilei zugunsten der Gegner die Form 
ihres Einwurf s^; sie reden, als komme es darauf an, eine Bewegung 
zu widerlegen, die plötzlich, etwa zur Zeit des ersten, der sie behauptet, 
ihren Anfang genommen hätte, denn eine von Anbeginn bewegte 
Erde würde nach ihrer Schlußweise weder die Aufführung von 
Gebäuden, noch die Entstehung von Menschen und Tieren dulden. 
Galilei unternimmt zum erstenmal, die Verhältnisse zu bestimmen, 
unter denen infolge rascher Ki-eisbewegung Teile der Peripherie sich 
von dem geschwungenen Körper lösen müssen; zum erstenmal ist 
hier von einem Bestreben der kreisförmig bewegten Körper, in der 
Tangente zu entweichen, die Rede. Dies Bestreben äußert sich, 
solange der Körper in der Kreisbahn bleibt, als Druck gegen die 
Peripherie; wd die Verbindung aufgehoben, so wiü'de Entfernung 
in gerader Linie stattfinden, wenn keine andere Kraft den Körper 
wieder zur Peripherie zurückführte. Dies letztere müßte an der 
bewegten Erde früher oder später durch das Gewicht des fort- 
geschleuderten Körpers bewirkt w^erden. Eine Abschleuderung könnte 
daher nur dann stattfinden, wenn die Geschwindigkeit in der Tangente 
die des Falls überträfe; aber je größer der Kreis, um so mehr müßte 
die Geschwindigkeit in der Tangente überwiegen, denn je größer der 
Kreis, um so langsamer entfernt sich die Tangente von der Peripherie, 
um so kleiner ist also der FaUraum, durch den der Körper zur Peri- 
pherie zurückkehrt. Es müßte also, damit ein Körper von der Erde 
losgerissen würde, die Zeit, in der er sich durch Tangentialbewegung 
mehr als tausend Ellen vom Berührungspunkt entfernt, nicht aus- 
reichen, um ihn der Erde einen Finger breit zu nähern. Ein solches 



1 Ed. Naz. VII p. 215f. 



— 104 — 

Verhältnis findet aber nicht statt. Galilei beweist allgemein, daß sich 
vom Zentrum an die Tangente immer eine Sekante der Ai't ziehen 
läßt, daß der Abschnitt der Sekante zwischen Tangente und Peri- 
pherie in jedem beliebigen Verhältnis kleiner gemacht werden kann, 
als das Stück der Tangente zwischen dem Berührungspunkt und der 
Sekante. Er scheint so jedes Abschleudern von Teilen, die zum 
Zentrum gezogen werden, widerlegen zu wollen. ^ 

Daß die alten Denker zu den ungeheuerHchsten Annahmen über 
die Schleuderkraft der rotierenden Erde gelangen, liegt nur in der 
irrigen Vorstellung, die eine Zunahme dieser Schleuderkraft schlecht- 
hin von der Geschwindigkeit der Ki-eisbewegung abhängen läßt. 
Galilei zeigt, daß diese Annahme nur für die Bewegung im gleichen 
Kreis oder in Kreisen von gleichem Durchmesser Gültigkeit hat; 
haben die Kreisbahnen verschiedene Halbmesser, so ist keineswegs 
das Bestreben, in der Tangente zu entweichen, bei gleicher Anfangs- 
geschwindigkeit das gleiche, bei größeren größer. Denn je kleiner 
der Kreis, um so mehr entfernt sich in gleichen Zeiten die Tangente 
von der Peripherie, um so größer muß daher die Kraft sein, die den 
Körper hindert, in der Tangente zu entweichen; je größer der Kreis, 
um so schwächer, sagt Galilei, kann der Zügel oder Leim sein, der 
den Körper an die Peripherie zu fesseln vermag; es nimmt also bei 
gleicher Geschwindigkeit die Schleuderki-aft ab, wie das Kad an 
Größe zunimmt, und so könnte es vielleicht nötig sein, daß man, 
um dem größeren Rad die gleiche Schleuderkraft zu erteilen wie 
dem kleinen, seine Geschwindigkeit im gleichen Verhältnis vergrößern 
müßte, wie den Durchmesser; das aber würde geschehen, wenn das 
kleine und das große Rad ihre Umdrehung in gleichen Zeiten voll- 
endeten, und so könnte man glauben, daß die Umdi-ehung der Erde 
die Steine nicht mehr noch weniger abzuschleudern vermögen würde, 
als irgendwelches kleine Rad, das sich in 24 Stunden einmal umdreht. 

Gahlei läßt seinen Sagredo die kühne Vermutung hinstellen^, 
ohne bei dieser Gelegenheit prüfen zu wollen, ob in der Tat das Ver- 
hältnis der Schleuderkräfte durch den Vergleich getroffen sei. Salviatis 
Worte deuten den Zweifel an^. In der Tat trifft die Rechnung nicht 



^ Galilei zeigt die Ursache des Irrtums, aber er irrt dabei selbst. 
2 Ed. Naz. VII p. 224f. 

^ Sagredo läßt die Zentrifugalkräfte bei gleichem Halbmesser im gleichen 
Verhältnis wie die Geschwindigkeiten wachsen. 



— 105 — 

zu; aber den Fehler zu erkennen und zu berichtigen, genügte eine 
konsequente Durchführung der klaren geometrischen Methode, durch 
die Galilei eine neue Lehre von der Tangentialkraft in den Dialogen 
begründet hat. Der Irrtum berührt die Kraft des Beweises nicht, 
durch den eins der wertvollsten Argumente der alten Physik gegen 
die Bewegung der Erde für immer beseitigt war. 

Mit nicht geringerer Gründlichkeit prüft Galilei die zahlreichen 
Einfälle, logische Deduktionen wie vermeintliche Erfahrungstatsachen, 
die einzelne Gelehrte seiner Zeit den von alters her überlieferten 
Gründen für die Ruhe der Erde hinzugefügt hatten. So verschmäht 
er nicht, dem Manne zu antworten, der vergebens erwartet, aus der 
Tiefe eines Brunnens die Sterne in raschem Fluge über sich dahin- 
eilen zu sehen, und stattdessen stundenlang denselben Stern über 
seinem Haupte sieht. So geht er mit dem Jesuiten Scheiner in langer 
Untersuchung auf die Frage ein, was und welcher Art das Prinzip 
der Erdbewegung sein könne. ^ Nach der Weise der Schule bewies der 
gelehrte Jesuit, daß das Prinzip der Bewegung weder ein äußeres noch 
ein inneres sein könne; ist aber beides unmöglich, so kann eine Erd- 
bewegung nicht sein. Galileis Entgegnung will keinen Zweifel darüber 
lassen, daß es Fragen gibt, auf die dem Copernicaner die Antwort 
fehlt, und die der Gegner nur darum so leicht erledigt, weil ihn die 
Schule gelehrt hat, Worte für Begriffe zu nehmen. Er weiß nicht, 
ob es ein inneres oder äußeres Prinzip ist, das die Erde bewegt, aber 
sein Nichtwissen vermag nicht, ihr, was sie hat, zu nehmen. Aber 
das eine weiß er: wenn man ihm sagen kann, was es ist, das den 
übrigen Himmelskörpern den Ursprung der Bewegung gibt, so will 
er sagen, was die Erde bewegt. Ja, mehr als das erkennt das Auge 
des Genius: man soll ihn nur belehren, was die Teile der Erde nach 
unten gehen läßt, so wird auch das ihm genügen, um zu sagen, was die 
Erde bewegt. 

Der Peripatetiker zweifelt nicht: „ein jeder weiß, es ist die 
Schwere, die die Körper fallen macht." 

„Ihr irrt", entgegnet Salviati, „Ihr hättet sagen sollen: ein jeder 



^ „Wie ist ein Prinzip der Bewegung möglich", meint Scheiner, „das 
dem Allerverschiedensten, den vier Elementen, dem Toten wie dem Lebenden 
gemeinsam wäre?" „Wenn das nicht möglich ist — entgegnet Sagredo — so 
kann eine lebende Katze nicht aus dem Fenster fallen, weil die tote aus dem 
Fenster fällt." 



— 106 — 

weiß, daß man es Schwere nennt; aber nicht nach dem Namen frage 
ich, sondern nach dem Wesen der Sache, und von diesem Wesen 
^^-ißt Ihr nicht mehr, als von dem Wesen dessen, was die Sterne 
bewegt.^" 

C. Jährliche Bewegung. 

Der dritte Tag der Dialoge^ hat die jährliche Bewegung der Erde 
zum Gegenstand. Wer nicht zufrieden ist, in dem Buche zu lesen, 
was es geben will, nuiß hier zumeist Gelegenheit zum Tadel finden; 
hier scheint der Ort, an dem von Keplers neuer Astronomie zu reden 
war, von dem entscheidenden Beweis, daß es unmöglich sei, durch 
kreisförmige Bahnen und gleichförmige Bewegungen die Erscheinungen 
zu erklären, oder, wenn Galilei diese Erkenntnis seines großen Genossen 
nicht als hinlänghch begründet ansah, so hätte man doch an dieser 
Stelle zum mindesten einen Hinweis auf die ungelösten Schwierig- 
keiten der copernicanischen Lehre als auf die Aufgabe einer künftigen, 
fortschreitenden Wissenschaft erwarten sollen. 

Oft genug findet Galilei in den Dialogen Gelegenheit, den ab- 
geschlossenen Formeln der Schule gegenüber die wahre Wissenschaft 
als eine immer werdende, als das Werk der aufeinander folgenden 
Generationen darzustellen; aber hier, wo die Veranlassung zu solchen 
Betrachtungen unmittelbar gegeben war, erscheint das Unvollendete 
als ein völlig abgeschlossenes Werk. Nicht einmal von den In- 
konsequenzen, zu denen Copernicus sich genötigt sah, ist die Rede. 
Niemand könnte diesen Dialogen entnehmen, daß die einfache- Kreis- 
bahn nicht genügt, die wirklichen Bewegungen der Planeten und des 
Mondes zu deuten. 

Man hat das auffallend, selbst tadelnswert gefunden, aber man 
mag die Tatsache beurteilen, wie man vnll, ohne Zweifel entsprach 
sie einer bestimmten Absicht des Verfassers: nicht die Ausführung 
des copernicanischen Systems, sondern die Beweise für die jährliche 
Bewegung der Erde um die Sonne und die Widerlegung der Gegen- 
gründe bilden den Gegenstand des dritten Dialogs. Es handelte 
sich liier um den Teil der neuen Lehre, der zumeist der Auffassung 



I 



^ Hier waren vom Verf. Ausführungen über den Wert dieses ersten 
Teils, das Dauernde in ihm, die Anschaulichkeit der Beweise und wie weit 
diese für uns noch heute aufklärend sind, geplant. D. Herausgeber. 

2 Ed. Naz. VEI p. 299-441. 



— 107 — 

der Laien Schwierigkeiten bot; in vollem Maße macht sich denn auch 
bei diesem Teil die seltene Gabe des Meisters, zu verdeutlichen und 
zu lehren, geltend. Er geht davon aus, daß eine Bewegung der fünf 
Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Erde 
nicht anzunehmen, daß vielmehr notwendig die Sonne in den Mttel- 
punkt ihrer Bahnen zu setzen sei. Für Merkur und Venus genügt 
zum Beweise, daß ihre Entfernung von der Sonne immer nur eine 
geringe ist und daß sie, von der Erde gesehen, immer nur auf der- 
selben Seite wie die Sonne stehen, daß sie größer erscheinen, wenn 
sie rückläufig, als wenn sie rechtläufig sind. Die übrigen erscheinen 
sowohl in der Opposition wie in der Konjunktion, aber daß sie in 
der Opposition der Erde näher, in der Konjunktion ihr ferner stehn, 
geht aus der Verschiedenheit der scheinbaren Größe in diesen ver- 
schiedenen Stellungen hervor; so kann die Erde nicht im Mittel- 
punkt ihrer Bahnen stehen; daß aber der Unterschied der Erdabstände 
in den entgegengesetzten Stellungen so viel betrüge wie der doppelte 
Abstand der Erde von der Sonne, diese Forderung der copernicanischen 
Annahmen, konnte durch die Beobachtungen vor der Erfindung des 
Fernrohrs nicht als "Wahrheit erwiesen werden. 

Galileis Entdeckungen rechtfertigen die kühne Zuversicht des 
großen Mannes, den der scheinbare Widerspruch der Beobachtung 
nicht irremachte. Sie zeigen, daß durchs Fernrohr beobachtet, der 
scheinbare Größenwechsel der Berechnung entspricht, sie zeigen die 
Phasen der Venus, die gefordert waren, wenn die Planeten nicht im 
eigenen Licht leuchteten, sie geben endlich Aufschluß über die 
gesonderte Stellung, die nach Copernicus dem Mond allein als Tra- 
banten der Erde zugewiesen war. Demi wie nach Copernicus der 
Mond nicht nur die Erde umkreisen sondern im Jahreslaufe an sie 
gefesselt erscheinen sollte, so sah Galilei in den vier Mediceischen 
Sternen vier Monde ihre Bahnen um den Jupiter und mit ihm um 
die Sonne vollführen. 

So sind durch die Hilfe des Fernrohrs, wie Galilei sagt, die drei 
ersten Saiten, die anfangs zu dissonieren schienen, mit dem coperni- 
canischen System in ^^^Inderbarer Weise in Einklang gebracht. 

Ein Zweifel über die Stellung der Sonne im Mttelpunkt der 
fünf Planetenbahnen ist demnach nicht zulässig; es bleibt nur zu 
entscheiden, ob die scheinbare jährhche Bewegung der Sonne in 
Wirklichkeit der Erde oder der Sonne zukommt. Die Wahrscheinlich- 



— 108 — 

keit spricht zunächst dafür, daß das Zentrum jener fünf Bahnen 
und nicht ein Punkt außerhalb derselben der ruhende sei. Die Erde 
steht zwischen der Venus mit ihrem neunmonatlichen und dem Mars 
mit dem zweijährigen Umlaufe, es ist glaublicher, daß sie selbst, 
als daß das Zentrum des Planetensystems in jährlichem Umlauf sich 
bewegt. Ist aber die jährliche Bewegung der Erde zugeteilt, so folgt 
die tägliche von selbst, denn ohne die Umdrehung um die Achse 
würde das Erdenjahr nur in einen Tag und eine jS^acht von je sechs 
Monaten zerfallen. Mt diesen kurzen Andeutungen und ohne den 
I^amen zu nennen, fertigt Galilei die Hypothese Tycho Brahes ab. 

Es ist seine weitere Aufgabe, wie die tägliche, nun auch die 
jährliche Bewegung an allem nachzuweisen, was an ihr nicht teil- 
nimmt. Zunächst an der Bewegung der Planeten. Es ist der Glanz- 
punkt der copernicauischen Lehre, von dem er hier zu reden hat; 
der Teil, „der allein genügen könnte, jeden, der nicht mehr als trotzig 
und verstockt ist, zur Anerkennung alles übrigen zu bewegen". Denn 
alle jene verwickelten Erscheinungen der Rückläufe und Stillstände, 
der seltsam schleifenförmigen Bildungen der Planetenbahnen — das 
große Problem aller Astronomie — erklärt sich durch die jährliche 
Bewegung der Erde. „Nichts braucht an der dreißig jähi'igen Be- 
wegung des Saturn, an der zwölfjährigen des Jupiter, der zweijährigen 
des Mars, der neunmonathchen der Venus und der etwa achtzig- 
tägigen des Merkur geändert zu werden, um durch diese eine Bewegung 
der Erde zwischen den Bahnen des Mars und der Venus, das heißt: 
durch die jährliche Bewegung des ii'dischen Beobachters die schein- 
baren Ungleichheiten in den Bewegungen aller fünf Planeten hervor- 
zurufen. Je ferner und langsamer der Planet, um so häufiger holt 
ihn die Erde ein, um so öfter muß der Schein des Rücklaufs sich 
wiederholen, also häufiger behn Saturn als beim Jupiter, häufiger 
beim Jupiter als beün Mars — genau so nimmt in Wirklichkeit die 
Zahl der Rückläufe und Stillstände mit der Entfernung von der 
Erde zu." 

So treten an die Stelle aller Ver\\icklungen und Ungenauigkeiten 
in den scheinbaren Bahnen der fünf Planeten gleichförmige und 
regelmäßige Bewegungen, wenn man die jährliche Bewegung der 
Erde zu Hilfe nimmt. 

Es ist der eigentliche Kern der copernicanischen Lehre, der 
Hauptinhalt des großen Werks „Über die Bewegungen der Hmimels- 



— 109 — 

körper", den Galilei hier in der Kürze und klar verbildlicht zur Dar- 
stellung bringt. 

Ein weiteres Zeugnis für die Bewegung der Erde hat ihm selbst 
die Sonne enthüllt. Galilei hatte seinen früheren Beobachtungen 
der Sonnenflecken^ die Vorstellung entnommen, daß die Achse der 
Sonnenrotation senkrecht zur Ekliptik stehe, daß demnach die Be- 
wegung der Flecken, soweit sie durch diese Drehung bedingt war, 
dem irdischen Beobachter jederzeit als eine geradlinige erscheinen 
müsse; alle Abweichungen schrieb er auf Rechnung der unregel- 
mäßigen Bewegungen, die den Flecken eigentümlich waren. 

Galilei erzählt^, er habe diese Forschungen als abgeschlossen 
betrachtet — da habe bei einem Sommeraufenthalt in Salviatis Villa 
deUe Selve der Wunsch des Freundes zu neuen Beobachtungen die 
Veranlassung gegeben. Ein ungewöhnlicher, großer Sonnenfleck 
wurde auf seiner ganzen Bahn verfolgt, täglich, wenn die Sonne im 
Meridian stand, sein Ort verzeichnet; man erkannte, daß die Bahn 
nicht geradlinig, sondern etwas gekiiimmt war — weitere Beob- 
achtungen bestätigten die Vermutung, die sich alsbald an diese erste 
wichtige Wahrnehmung knüpfte: die Achse der Sonnenrotation steht 
nicht senki-echt zur Ekliptik, sondern ist gegen diese Senkrechte 
geneigt. Entsprach die Bewegung der Sonne der ursprünglichen 
Annahme, so war ein Einfluß der jährlichen Erdbewegung auf die 
Erscheinungen an der Sonnenoberfläche nicht zu erwarten; war 
dagegen die Achse der Sonnenrotation gegen die Achse der Ekhptik 
geneigt, so ergab sich aus der jährlichen Bewegung ein regelmäßiger 
Wechsel der Erscheinungen, nur an zwei Tagen des Jahres, in einem 
Abstand von je sechs Monaten, konnten die Bahnen der Flecken 
als gerade Linien erscheinen; dies mußte eintreten, wenn die Achse 
der Sonnenrotation in die Ebene des Kreises fiel, der für den Beob- 
achter die sichtbare Sonnenhälfte begrenzte; alsdann mußten aber 
auch die Flecken das eine Mal von der Linken zur Rechten aufsteigen, 
sechs Monate später von der Linken zur Rechten absteigen. Der 
Kreis aber, der die sichtbare Sonnenhälfte begrenzt, wird infolge der 
jährlichen Bewegung der Erde mit jedem Tage ein anderer; hat also 
die Rotationsachse eine unveränderliche Lage, so muß ihre Lage zu 



1 Vergl. Bd. I, Kap. 13, S. 438£f. 
- Ed. Naz. VII p. 374 f. 



— 110 — 

diesem begrenzenden Kreis sich mit jedem Tage ändern. Drei Monate 
nach jener ersten Stellung fällt die Achse in eine Ebene senkrecht 
zum begrenzenden Ki'eis, also in den Meridian des Beobachters; 
auch diese Stellung wiederholt sich nach je sechs Monaten, aber das 
eine Mal ist der Nordpol, das andre Mal der Südpol der Achse dem 
Beobachter zugewandt, und da die Kreise, in denen die Flecke sich 
bewegen, immer senkrecht gegen diese Achse sind, so erscheinen in 
beiden Fällen die Bahnen der Flecken gekrümmt, der Punkt des 
Erscheinens und der des Versch^vdndens liegen in gleicher Höhe, 
dagegen muß die Erscheinung in beiden Fällen insofern verschieden 
sein, als die Krümmung im ersten nach unten, im andern nach oben 
gerichtet erscheint. Bei allen zwischenliegenden Stellungen der Achse 
sind die Bahnen der Flecken gekrümmt und die Punkte des Er- 
scheinens und Verschwindens liegen nicht in gleicher Höhe: in der 
einen Hälfte des Jahres ist der erste, in der zweiten der andere der 
höherliegende. Die Krümmung nüimit zu, wenn die Achse von der 
Ebene des begrenzenden Kreises aus sich der Ebene des Meridians 
nähert und erreicht in dieser ihr Maximum, um dann wieder abzu- 
nehmen; dagegen nimmt von dieser Stellung aus der Unterschied in 
der Höhe der beiden Endpunkte zu, um sein Maximum zu erreichen, 
wenn die Achse der Rotation "bieder in die Ebene des begrenzenden 
Kreises fällt. 

Alle diese Erscheinungen, wde sie wahrgenommen werden müssen, 
wenn die Erde sich um die Sonne bewegt und die Achse der Sonnen- 
di-ehung gegen die Erdbahn geneigt ist, sind in Wirklichkeit bei 
länger fortgesetzter Beobachtung der Sonnenflecken wahrgenommen. 
Diese Entdeckung eines regelmäßigen Verlaufs der Erscheinungen, 
der sich in allen Einzelheiten als notwendige Folge der Erdbewegung 
voraussehen ließ, mußte für Galilei die Bedeutung eines starken 
Beweises für die Tatsache der Erdbewegung gewinnen. „Die Sonne 
selbst", sagt er, ,,hat bei der Bestätigung des großen Schlusses nicht 
fehlen, vielmehr als Zeugnis über allen Widerspruch erhaben, dafür mit 
eintreten wollen." Schwieriger als selbst die Deutung der Ungleich- 
heit der Planetenbewegungen scheint ihm der Knoten zu lösen zu 
sein, mit dem dies neue hohe Wunder den menschlichen Verstand 
nötigt, die jährliche Bewegung der Erde zu übertragen. Galilei über- 
sah dabei eine naheliegende Entgegnung nicht. Auch wenn die Sonne 
sich bewegte, die Erde ruhte, waren diese Erscheinungen zu erklären. 



— 111 — 

man hatte nur der Sonne zu den übrigen Bewegungen eine weitere 
zu geben; so hatte Scheiner, der sorgfältigste Beobachter der Sonnen- 
flecken, der dieselben Tatsachen verfolgt und aufs genaueste ver- 
zeichnet hatte, den jährlichen Wechsel der Erscheinungen durch eine 
jährliche Bewegung der Rotationsachse um die Achse der Ekliptik 
gedeutet. Galilei führte im Sinne der Gegner dieselbe Erklärungs- 
weise aus. Freilich mußten diese Gegner dabei anerkennen, was sie 
zumeist als Einwurf gegen die copernicanische Lehre benutzten: 
daß demselben Körper gleichzeitig mehrere Bewegungen zukommen 
konnten; um die di-ei Bewegungen des Copernicus zu beseitigen, 
nmßten sie nun der Sonne deren vier zuteilen. Allerdings hatte 
Galilei schon in früheren Werken gezeigt, daß, was Copernicus die 
dritte Bewegung der Erde genannt hatte, in Wirklichkeit keine 
Bewegung sei, er hatte gezeigt, daß ein im Kreis gedrehter Körper 
während der Umdrehung die Richtung seiner Achse bewahrt, die 
deshalb immer anderen Punkten zugewandt erscheint und auf diese 
Weise den Schein einer eigenen Bewegung hervorruft. Dieselbe 
Erläuterung mußte er für die Sonne gelten lassen; auch hier war die 
eigene Bewegung der Achse um die Achse der Ekliptik auf eine Er- 
haltung der Achsenstellung zurückzuführen. Aber aus dieser Auf- 
fassung gehen für die Sonne nur um so größere Schwierigkeiten 
hervor.^ Denn für die Gegner des Copernicus hat die Sonne nicht 
nur in der Zeit eines Jahres die Ekliptik zu durchlaufen, sondern 
überdies in je 24 Stunden sich in Ej-eisen und Spiralwindungen 
parallel dem Äquator zu bewegen; bleibt nun bei der Bewegung 
der Sonne die Achsenstellung unverändert, so ist kein Grund zu 
erkennen, weshalb die Periode der daraus hervorgehenden schein- 
baren Drehung der Achse eher in Abhängigkeit von der Bewegung 
in der Ekliptik ein Jahr umfassen sollte, als bedingt durch die vier- 
undzwanzigstündige Bewegung parallel dem Äquator einen Tag. 

So müssen auf der einen Seite die Anhänger der alten Lehre 
eine vierfache Bewegung der Sonne anerkennen, bei klarerer physi- 
kalischer Anschauung ein ungelöstes Rätsel; auf der andern ver- 
schwindet für den Anhänger des Copernicus alle Verwicklung der 
Erscheinungen, wenn man, ohne das geringste an den anderweitig 

^ Ich glaube, daß meine Ausführungen treffen, was Galilei durch seine, 
wie er selbst sagt, etwas dunkeln Andeutungen ausdrücken will. Vergl. 
Scheiner, Riccioli, Delambre. 



— 112 — 

geforderten Bewegungen der Erde zu ändern, der Sonne nur die eine, 
überaus einfache zuweist: die Drehung um eine unveränderlich gegen 
die Erdbahn geneigte Achse. 

Aber dem außerordentlichen Gewinn an Einfachheit und Klar- 
heit der Vorstellungen stand ein Bedenken gegenüber, das für be- 
schränkte Geister leicht den Aufschhiß über die Ungleichheit der 
Planeten und die vierfache Sonnenbewegung aufwog. Es war die 
Vorstellung einer unermeßlichen Entfernung des Fixsternhinimels, 
einer nie geahnten Größe der Welt, die als unvermeidliche Konse- 
quenz der copernicanischen Lehre für viele ihre Unmöglichkeit klar 
zu erweisen schien. Zwar hatte als Gegenstand des philosophischen 
Streits die Frage, ob die Welt endlich oder unendlich sei, die Denker 
alter und neuer Zeit beschäftigt, aber die wahrnehmbaren Himmels- 
körper dachte man sich allgemein in verhältnismäßig geringen Ab- 
ständen und in symmetrischer Verteilung die Erde umgebend, wenn- 
gleich, soweit bestimmte Messungen versucht waren, man Zahlen 
gefunden hatte, die bei aller Abweichung von den wirklichen Ent- 
fernungen als faßbare Größen nicht bezeichnet werden konnten. 

Vor allem dachte man sich die Sphären der Planeten in symme- 
trischer Folge die Erde umgebend, über der Sphäre des Saturn die 
Sphäre der Fixsterne, und diese von ersterer etwa so weit entfernt, 
wie nach innen die Sphäre des Jupiter. 

Eine solche Symmetrie war in dem System des Copernicus nicht 
zu erkennen. Mit der Entfernung der Planeten sah man die schein- 
baren Veränderungen in ihrer Bewegung, die von der Bewegung der 
Erde herrühren, wie diese Annahme forderte, kleiner und kleiner 
werden; bei den Fixsternen waren solche Veränderungen nicht mehr 
wahrzunehmen; der ganze jährliche Umlauf der Erde und der dadurch 
bedingte außerordentliche Wechsel in dem Abstand des ü'dischen 
Beobachters von den Sternen war durch keinerlei Änderung in den 
Abständen der Fixsterne zu erkennen; zwar dachte man sich den 
Halbmesser dieser jährlichen Bahn beträchthch geringer, als er in 
Wirklichkeit ist; man berechnete den Abstand der Erde von der 
Sonne nach den älteren Messungen zu 3' (Aristarch) und selbst nach 
den besten Bestimmungen nur zu 2' 50" (Ptolemäus). Aber die 
Forderung, eine Bahn von solchem Halbmesser für die Entfernung 
der Sterne als verschwindend, als Punkt zu denken, schien darum 
nicht weniger unerhört, die unfaßbare Höhe der Fixsternsphäre über 



— 113 — 

der Sphäre dej^ Saturn, die sich daraus ergab, vernichtete die ver- 
meintliche Symmetrie des Weltbaus, 

Jene gleichen Abstände der Planetensphären hatte man dem 
Bedürfnis der Planetenbewegung entsprechend gedacht — die Mög- 
lichkeit, solche Zwecke zu erdenken, hatte dazu geführt, sie überall 
vorauszusetzen und selbst die Anerkennung der Tatsachen davon 
abhängig zu machen, ob man imstande war, ihren Zweck zu erdenken. 
So redete man von dem ungeheuren Raum zwischen den Sphären 
des Saturn und des Fixsternhinmiels als von einer Absurdität, da 
sich kein Zweck eines solchen x\bstandes erfinden lasse. 

An die Vorstellung von der Erde und dem Menschen im Mittel- 
punkt der Welt knüpften sich dann weitergehend die Ansichten über 
die Beziehungen der Hinmieiskörper zm* Erde. Der ?sutzen des 
Menschen erschien als Zweck und Ausgangspunkt für alle räumliche 
Anordnung des Weltalls. Von diesem Standpunkte aus war man 
nur konsequent, wenn man die Copernicaner fragte: was die unermeß- 
liche Lücke bezwecken, was die Sterne in solcher Höhe für die Erde 
bedeuten, wie sie zu \virken imstande sein sollten. 

Galilei sucht zunächst die Vorstellungen über die Größe dieser 
Entfernungen auf das nötige Maß zurückzuf ühi-en. ^ Tycho Brahe 
hatte die Zweifelnden durch die Berechnung erschreckt, daß nach 
der Annahme des Copernicus der körperliche Inhalt mancher Fix- 
sterne größer sein müßte, als die Sphäre der Erdbahn, bei andern 
sogar größer als die Sphäre der Saturnsbahn. Galilei zeigt den Ur- 
sprung seines Irrtums. Er hatte bei der Bestimmung der scheinbaren 
Größe der Sterne keine Rücksicht auf die Vergrößerung durch 
Irradiation genommen und so außerordentlich übertriebene Zahlen 
erhalten. Galilei zeigt, wie man auch ohne Hilfe des Fernrohrs dazu 
gelangen kann, diese durch die ?satur des menschüchen Sehens 
bedingte Vergrößerung zu beseitigen; auf diese Weise hat er den 
Durchmesser eines Sterns erster Größe zu fünf Bogensekunden 
bestinunt. Dem Stern sechster Größe gibt er einen Durchmesser von 
Ve Sekunden; dann braucht er seine \\irkliche Größe nur der der 
Sonne gleichzusetzen, um (auf Grund der damaligen Bestunmungen 
von Größen und Entfernungen) zu berechnen, daß in einem Abstand 
von 2160 Halbmessern der großen Erdbahn der Stern erscheinen 



1 Ed. Naz. ^^I p. 386 f. 

Wohlwill, Galilei. Bd. II. 



— 114 — 

müßte, wie er in Wirklichkeit erscheint. In dieser Entfernung aber 
würde für den Fixstern der Durchmesser der großen Erdbahn nicht 
mehr bedeuten, als ein Abstand gleich dem Halbmesser der Erde für 
die Entfernung der Sonne. 

Aber Galilei sieht kein Hindernis darin, noch ungleich größere 
Entfernungen für die Fixsterne anzunehmen. Er geißelt die ^Mischung 
von Beschränktheit und Vermessenheit, die dazu fühlt, Entfernungen 
und Größen als allzugroß und undenklich zu verwerfen. „Ich frage 
dich, törichter Mensch", ruft er aus^, „begreifst du in deiner Ein- 
bildungskraft die Größe des Weltalls, die du zu groß nennst? Wenn 
du sie begreifst — glaubst du, daß deine Fassungskraft weiter 
reicht als die göttliche Macht? Willst du behaupten, daß du 
Größeres denkst, als Gott zu erschaffen vermag? Aber wenn du sie 
nicht begreifst, wie wiUst du über Dinge urteilen, die du nicht gefaßt 
hast?" — Den Irrtum dieser Urteilsweise fülirt Galilei darauf zurück, 
daß man die Ausdrücke absolut gebrauche, die nur relativ zu nehmen 
sind; nichts kann groß oder klein genannt werden, als im Vergleich 
mit etwas anderen derselben Gattung, so sei die Sphäre der Fix- 
sterne etwa mit der des Mondes, des Jupiter oder Saturn zu ver- 
gleichen; wolle man sie in diesem Sinne zu groß nennen und darum 
ihre Existenz in dieser Größe leugnen, so müsse man ebenso zu groß 
nennen und verleugnen, was in ähnlichem Verhältnis Dinge der 
eigenen Gattung an Größe übertrifft, es müßten danach Elefanten 
und Walfische als Geburten der Phantasie betrachtet werden^ wenn 
man sie mit Ameisen und Stichlingen vergleicht. Beobachtet man 
andrerseits, wie große Teile des Weltraums kleinen Teilen, wie den 
Planeten, zum Behälter und Aufenthaltsort angewiesen sind, und 
denkt man, daß jedem Stern nach gleichem Verhältnis seine. Sphäre 
zukäme, so müßte man für jene unzählige Menge von Fixsternen 
eine Sphäre abmessen, die viele und viele tausendmal an Umfang 
die übertreffen würde, die für den Bedarf des copernicanischen 
Systems genügt. ^ 

Auf die Frage nach dem Zw-eck der ungeheuren Leere über dem 
Saturn und auf die andern geistesverwandten Zweifel antwortet 
Galilei mit einer Abfertigung der ganzen kleingeistigen Denkweise, 



1 Ed. Naz. VII p. 394. 
- Ed. Naz. VII p. 396. 



~ 115 — 

die uns den großen Mann auf der Höhe der copernicanischen Welt- 
anschauung zeigt. 

„Allzu anmaßend", sagt er^, „scheint mir die Ansicht, daß nur 
die Sorge für uns das zugemessene Werk und die Grenze sei, über 
die hinaus die göttliche Weisheit und Macht nichts anderes tut und 
anordnet; aber ich möchte nicht, daß wir den Arm Gottes so ver- 
kürzen; geben wir uns vielmehr mit dem sicheren Bewußtsein zu- 
frieden, daß Gott und Xatur sich derart um die Lenkung mensch- 
licher Dinge bekümmern, daß keine größere Fürsorge walten könnte, 
auch wenn für nichts anderes zu sorgen wäre als für das Menschen- 
geschlecht allein. Ich glaube das mit einem sehr geeigneten und 
erhabenen Beispiel belegen zu können : es handelt sich um das Wirken 
des Sonneiüichtes, welches hier wässerige Dünste anzieht oder da 
eine Pflanze erwärmt, und zwar so jene anzieht, so diese erwärmt, 
als hätte es sonst nichts zu tun. Ja wenn eine Traube oder auch 
nur eine einzige Beere zur Reife gebracht werden soll, so macht es 
sich daran, wie es mit größerem Erfolge nicht möglich wäre, wenn 
das Endziel alles seines Tuns bloß die Reifung dieser Beere wäre. 
Da nun diese Beere von der Sonne alles empfängt, was sie empfangen 
kann, da ihr nicht das ^Mindeste davon entzogen mrd, weil die Sonne 
gleichzeitig tausend und abertausend andere Wirkungen ausübt, so 
müßte man jene des Neides und der Torheit zeihen, wenn sie glaubte 
oder verlangte, daß das Wirken der Sonnenstrahlen bloß um ihr 
Wohl sich bekümmern solle. Ich bin überzeugt, daß die göttliche 
Vorsehung bei der Lenkung der Menschengeschicke das, was man 
von ihr erwarten kann, nicht ungetan läßt. Daß aber darum nicht 
noch andere Ausflüsse ihrer unendlichen Weisheit im Weltall vor- 
handen sein könnten, möchte ich nach den Eingebungen meiner 
Veniunft mich nicht bequemen zu glauben; sollte jedoch die Sache 
in Wirklichkeit sich anders verhalten, so würde ich mich nicht 
sträuben, an die Gründe zu glauben, welche mir von höherer Einsicht 
entgegengehalten würden. 

Muß es darum als Verwegenheit erscheinen, wenn man unnütz 
und zwecklos die ganze Welt nennen wollte, sofern sie uns nicht 
nützt, so scheint es größere Torheit noch, als überflüssig und darum 
nicht vorhanden die Dinge zu bezeichnen, deren Xutzen uns unbekannt 

1 Ed. Naz. VII p. 394 f. 



— 116 _ 

ist? Wissen wir doch den Zweck der nächstliegenden Dinge, der 
Teile des eigenen Körpers nicht, nnd wollen Jnpiter oder Saturn aus 
der Katiir verbannen, weil \\ir nicht wissen, wozu sie uns dienen? 

Und wissen vdr denn nur, daß jener ungeheure Raum, dessen 
Leere man zwecklos findet, in Wirklichkeit keine andern Weltkörper 
enthält? Etwa weil wir sie nicht sehen? So sind also die vier medi- 
ceischen Planeten und die Genossen des Saturn erst in den Himmel 
gekommen, als wir anfingen sie zu sehen? Und waren die andern 
zaMlosen Fixsterne nicht da, ehe wir sie durch das Fernrohr erkannten ? 
0! über die anmaßende, verwegene Unwissenheit der Menschen!" 

Der Gegenstand führt liier den Denker weit über die Grenzen 
der astronomischen Betrachtung hinaus; er enthüllt die niedere 
Stufe der Anschauungen, an die der Mensch in den Grenzen der alten 
Weltansicht gebannt war; er läßt den Leser erkennen, daß mit der 
Veränderung des Standpunkts im Weltall, wie sie Copernicus fordert, 
nur der Schein einer höheren Stellung gefallen, in Wirklichkeit aber 
die Befreiung der Gedanken von unwürdigen Schranken gewonnen ist. 

Galilei ist der erste Copernicaner, der diese, schon vonBruno^ 
mehr intuitiv erkannten, Konsequenzen der neuen Lehre in voller 
Klarheit begriffen und ausgesprochen hat, so daß ihm, wie Bruno, 
die Fixsterne Sonnen hießen, und er in dem Sonnensystem, dem die 
Erde angehört, nur eine von zahllosen Welten sah. 

So wenig ihm von diesem Standpunkt aus eine unmeßbare Ent- 
fernung der Fixsterne bedenldich erscheinen konnte, so spricht er 
doch in zuversichtlichen Worten die Überzeugung aus, daß Copernicus 
in dieser Beziehung mehr zugestehe, als er ge^iißt hat. Daß die An- 
näherung und Entfernung der Erde um den Durchmesser der jähr- 
lichen Bahn eine Verschiedenheit in der Stellung der Sterne nicht 
hervorrufe, betrachtet er als keineswegs festgestellt, ja, er hält es 
für gewiß, daß der Versuch, solche Verschiedenheiten nachzuweisen, 
bisher von niemand unternommen sei; und es sei das nicht zu ver- 
wundern, da man Grund zum Zweifel habe, ob die meisten Beobachter 
wissen, in welcher Weise dergleichen zu erwarten und wahrzunehmen sei. 

Er zeigt nun, in welcher Weise man hoffen dürfe, das Gesuchte 
zu finden. Bei einzelnen Sternen, die in der Ebene der Erdbahn 
liegen, würde die Annäherung und Entfernung der Erde eine Zu- 



1 S. Bd. I, S. 23f. und S. 363. 



— 117 — 

und Abnahme der scheinbaren Größe i)ewirken, während für die 
Höhe im Meridian eine Änderung durch die jährliche Bewegung nicht 
zu erwarten wäre. Dagegen ist ein Erfolg von der Beobachtung 
zweier einander sehr naheliegender Sterne zu erwarten. Galilei 
glaubte nicht, daß die Sterne auf einer Kugelschale liegen, er hielt 
vielmehr für durchaus wahrscheinlich, daß ihre Entfernungen außer- 
ordentlich verschieden sind, daß die einen uns zwei und dreimal 
ferner liegen als die andern. Fände sich nun durchs Fernrohr ein sehr 
kleiner Stern in der Nähe eines größeren, und der kleine stände in 
beträchtlich größerer Entfernung, so wäre es denkbar, daß eine 
Änderung in der Stellung der beiden infolge der jährlichen Bewegung 
sich beobachten ließe, in ähnlicher Weise, wie eine Änderung im Ort 
der oberen Planeten am festen Hintergrund des Fixsternhimmels 
wahrgenommen wird. Anders bei den Sternen außerhalb der Ebene 
der Ekliptik. Hier würde auch der einzelne Stern, sofern seine Ent- 
fernung nicht unendlich groß ist, von zwei um den Durchmesser der 
Erdbahn entfernten Punkten aus gesehen, eine verschiedene Meridian- 
höhe haben; und der Unterschied der beiden Beobachtungen würde, 
wie er in der Ebene der Ekliptik verschwindet, so mit der Annäherung 
an den Pol der Ekliptik zunehmen, in diesem Pol am beträchtlichsten 
sein. 

Beide Ai-ten von Veränderungen würden um so eher in die Wahr- 
nehmung treten, je näher der Stern dem Beobachter läge. Galilei 
wundert sich nicht, daß Beobachtungen der einen, wie der andern 
Art bisher nicht gemacht sind. Die Änderungen der scheinbaren Größe 
werden so geringfügig sein, daß sie sich der Wahrnehmung entziehen, 
schon die des Saturn sind kaum zu erkennen. Auch Änderungen in 
der Meridianhöhe können ausbleiben, wo sie erwartet werden, wenn die 
Entfernungen zu groß und jene deshalb für die Mittel des Beobachters 
unmerklich sind. Mit den bisher angewandten Mitteln sind noch 
Ungenauigkeiten der Messung im Umfang von mehreren Minuten 
möglich; denn um so viel weichen die Angaben verschiedener Beob- 
achter für dieselben Fixsterne von einander ab. Auch bei den besten 
Instrumenten zur Messung der Winkel sind die Schenkel zu klein 
und dadurch die Änderung ihres Abstands für sehr kleine Winkel 
verschwindend; Galilei fordert Instrumente, deren Schenkel 4, 6, ja 
20—50 (italienische) Meilen Länge haben, so daß der Abstand für 
den Grad eine Meile, für die Minute 50 Ellen beträgt, und solche 



— 118 — 

Instrumente sollen bei höchster Genauigkeit mit geringsten Kosten 
herzustellen sein. Er zeigt, wie der Lichtstrahl selbst, der auf dem 
Wege zum Auge einen festen Punkt in größerer Entfernung trifft, 
den Schenkel von beliebiger Größe gibt; wie dann weiter mit Hilfe 
des befestigten Fernrohrs, das auf solche AVeise durch Luftlinien 
verlängert zu denken wäre, ein einfaches Beobachtungsverfahren 
dazu führen müßte, die geringsten Änderungen in der Meridianhöhe 
passend gewählter Fixsterne zu entdecken. Würde es auf diesem 
Wege gelingen, eine jährliche Parallaxe solcher Fixsterne nach- 
zuweisen, so wäre damit nicht allein ein unwidersprcchlicher Beweis 
für die Wahrheit der copernicanischen Lehre gegeben, sondern zu- 
gleich die Entfernung der Sterne gemessen. 

Die Zuversicht auf nahes, entscheidendes Gelingen spricht aus 
Galileis klarer Auseinandersetzung. 

jN'och zwei Jahrhunderte hindurch mußte bei stetig zunehmender 
Vervollkommnung der Beobachtungsmittel der hingebende Eifer der 
Astronomen ohne Erfolg dem gleichen Ziele nachstreben, immer 
kleiner wurden die meßbaren Veränderungen, in immer weitere Ent- 
fernungen rückten die Fixsterne, aber als die niemals aufgegebene 
Hoffnung sich endlich verwirklichte, da waren es die beiden Wege, 
die Gahlei der Aufmerksamkeit der Astronomen zuerst empfohlen 
hatte, auf denen die Forscher des 19. Jahrhunderts das Ziel erreichten. 

Den Beweisen für die jährliche Bewegung schließt sich im dritten 
Dialog eine anschauliche Darstellung der copernicanischen Lehre von 
der Entstehung der Jahreszeiten an.i Die ursprüngliche copernicanische 
Erklärung hat hier, wie bei Kepler, wesentlich an Einfachheit und 
Klarheit gewonnen durch die Erkenntnis, daß es für diesen Zweck 
nicht einer dritten Bewegung der Achse in Jahresfrist bedarf, daß 
dieser Schein der Bewegung in bezug auf nahegelegene Punkte viel- 
mehr durch ein Kühen, eine unveränderliche Richtung der Erdachse 
während des jährlichen Umlaufs hervorgerufen wird. 

Galilei verdeutlicht diese Erhaltung der Achsenstellung durch 
den Versuch, den er schon vor längeren Jahren in Rom den Freunden 
zum gleichen Zwecke vorgeführt und im Saggiatore beschrieben hatte. 
Zugleich gedenkt er dabei der Ansicht Gilberts^, der die bestimmte 



1 Ed. Naz. VII p. 416 f. 

2 Ed. Naz. VII p. 426 f. 



— 119 — 

unveränderliche Kiditung wesentlich durch die magnetische iN'atur 
der Erde bedingt glaubt. Kr freut sich der Veranlassung, von den 
Forschungen des großen Mannes, den er bewundert und beneidet, 
in einer Kpisode über den p]rdmagnetisnuis umständlich zu reden. 
Nur will er nicht folgen, wenn Gilbert eine selbstäiulige Magnet- 
kugel rotieren läßt. 

D. Ebbe und Flut. 

Der vierte Tag der Dialoge^ enthält die Beweise, die den Er- 
scheinungen an der Erdoberfläche zu entnehmen sind; insbesondere 
die Lehre von Ebbe und Flut. Galileis Ansichten waren seit dem 
Jahre 1616 dieselben geblieben; der größere Teil jener kurzen Skizze, 
die er damals für den Kardinal Orsini^ niedergeschrieben hatte, 
findet sich wörthch in den Dialogen wieder; zuversichtlich wie damals, 
stellt er an die Spitze seiner Ausfühmngen die beiden Sätze: ist die 
Erdkugel unbeweglich, so kann Flut und Ebbe des Meeres nicht auf 
natürlichem Wege entstehen; gibt man der Erde die Bewegungen, 
die Copernicus ihr zuerteilt, so muß notwendigerweise das Meer der 
Flut und Ebbe unterliegen, genau so, wie diese Erscheinungen in 
der Wirklichkeit wahrgenommen werden. Einzelne tatsächliche 
Irrtümer des Entwurfs sind in den Dialogen beseitigt; zwar das 
rote Meer läßt Galilei auch jetzt noch der Flut entbehren, dagegen 
spricht er nicht mehr von einem zwölfstündigen Wechsel der Er- 
scheinungen in Lissabon und anderen Häfen des atlantischen Ozeans; 
ohne Zweifel hatte er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß die 
Periode des atlantischen Meeres von der des mittelländischen nicht 
abweiche; seine Ansicht, daß die Periode wesentlich durch die Tiefe 
und Länge des Meeresbeckens bedingt sei, verlor damit den schein- 
baren Anhaltspunkt in der Erfahrung, aber er gibt darum die Ansicht 
nicht auf; er wiederholt sogar die Äußerung dos Entwurfs, daß der 
sechsstündige Wechsel nicht der vorzugsweise naturgemäße, sondern 
nur der meist beobachtete sei, weil er dem mittelländischen Meere 
eigentümlich sei. Xur wenn man tlie ähnlich lautenden Sätze in der 
Skizze und in der Ausführung genau vergleicht, nimmt man eine 
Milderung im Ausdruck wahr, die der früheren Sicherheit gegenüber 

1 Ed. Naz. VII p. 442—489. 

- Vergl. Bd. I, Kap. 18, S. 587 ff. 



— 120 — 

•wie der Anfang des Zweifels Idingt (Hinzufügung eines „vielleicht"- 
u. dgl. m.). Aber wenn ihm ein Zweifel vielleicht gegen die Voll- 
ständigkeit der früher genannten mitwirkenden Ursachen aufstieg — 
die ursprüngliche Ursache berührte er nicht. Deutlicher als in dem 
ersten Entwurf tritt in den Dialogen der Ursprung des Irrtums zutage. 
Es ist dieselbe ängstliche Abneigung gegen dunkle Begriffe, die alle 
seine mechanischen Untersuchungen kennzeichnet, die ihn nun auch 
bei den Fluterscheinungen eine direkte Einwu'kung des Mondes von 
vornherein zu den Absurditäten einer überwimdenen Wissenschaft 
zählen läßt; sein Widerwille gegen alle derartigen Versuche war 
so stark, daß er ihn gegen die Bedeutung der Tatsachen verblendete, 
die so unwiderstehlich denkende, wie phantasierende Beobachter 
aller Zeiten auf den Mond verwiesen hatten. In der Tat hatte die 
Lehre von der Wirkung des Mondes auf das Meer der Erde in jener 
Zeit noch keineswegs die Form angenommen, in der sie den Schöpfer 
einer neuen Mechanik befriedigen konnte, ja, eine befriedigende 
Theorie war bei dem Mangel klarer Begriffe über die Natur der 
Anziehungswirkungen kaum möglich. William Gilbert sah hier wie 
überall eine magnetische Wirkung, er ließ den magnetischen Mond 
den magnetischen Erdkern, mit ihm den Boden des Meeres heben 
und so die Flut aus dem verengten Gefäß sich ergießen. Dagegen 
trug Kepler kein Bedenken, eine Anziehungskraft des Mondes un- 
mittelbar auf die Gewässer des Meeres wirken zu lassen, derart, daß, 
wenn die Erde aufhörte, ihre Gewässer anzuziehen, diese zum Mond 
aufsteigen würden. ^ 

Wie diese Anziehungski'aft eine Erhebung des Wassers auch auf 
der Seite der Erde bewirken körnie, die dem Mond abgewandt war, 
versuchte er nicht zu erklären. 

Eine ähnliche Deutung gab in Italien der Erzbischof von Spalatro 
de Dominis.- Er ging einen Schritt weiter und übertrug die Wirkung 
dem Kreise, über dem auf der einen Seite der Mond stand; so war 
dann ohne besondere Mühe auch die Wükimg auf der Gegenseite erklärte 



1 Vergl. Keplers Bemerkungen zu Plutarclis „De facie in orbe Lunae" 
(Johannis Kepler! Opera ed. Frisch, Vol. 8 p. 118, Note 90), ferner seineu 
Brief an Herwart vom 2. Januar 1607 (a.a.O. Vol. 3 p. 455); ausfuhrfich. 
berichtet über diese Lehren Keplers S. Günther, J. Kepler u. der tellur.- 
kosm. Magnetismus p. 56 ff. 

- Euripus sive sententia de fluxu et refluxu maris (Romae 1624). 



— 121 — 

AVenn Kepler liiiizulügte, die Wirkung sei unmerklich in kleinen 
Gewässern, so entsprach das zwar den allbekannten Tatsachen, aber 
als notwendige Folge einer direkten Anziehungskraft des Mondes 
konnte es nicht einleuchten. 

Galilei konnte in allen derartigen Erklärungen nur die niedere 
Stufe der Forschung erkennen, auf der dies Zusammentreffen der 
Erscheinungen unbedenklich zum Verhältnis von Ursache und Wirkung 
umgedeutet wird; daß in Wirklichkeit Sonne und Mond bei diesen 
Erscheinungen eine unmittelbare Wirkung ausüben, w^ar seinem 
Verstände durchaus widerstrebend; er fand es undenkbar, diese 
Bewegungen ungeheurer Wassermassen dem Licht, der Wärme, der 
Macht verborgener Qualitäten und ähnlichen leeren Phantasien zu- 
zuschreiben, dergleichen könne so wenig als die Ursache der Flut 
gelten, daß man vielmehr umgekehrt annehmen müsse, es sei die 
Flut, die derartige Vorstellungen in Köpfen verursache, die mehr 
zum Wortemachen und zur Prahlerei taugen als zum Denken und 
zum Erforschen der geheimsten Werke der Natur, die, ehe sie sich 
herbeilassen, das kluge, offene und bescheidene Wort: ,,ich weiß 
es nicht" — auszusprechen oder niederzuschreiben, lieber das Un- 
geheuerlichste zutage fördern. 

Am meisten AAnmdert sich Galilei ^ über Kepler, daß er, der ihm 
als Mann von freiem und scharfem Geist bekannt ist, dem überdies 
die Bewegungen der Erde zu Gebote standen, einer Gewalt des Mondes 
über das Wasser, verborgenen Eigenschaften und dergleichen 
Kindereien habe zustimmen können. Er empfand offenbar intensiv 
das Bedenkliche, das darin liegt, für eine unverstandene Wirkung 
direkt die Kraft zu schaffen, die danach eingerichtet, wirken zu 
können, wie man sie braucht. Daß Kepler später seine Ansicht auf- 
gab, beweist, daß diese keineswegs jene zwängende Gewalt hatte. 

Je sicherer Galilei in dieser Verurteilung der gegenüberstehenden 
Ansichten war, je zuversichtlicher er als Täuschung und Irrtum ober- 
flächlich Denkender die Bemühungen verwarf, denen die Ahnung 
des wahren Zusammenhangs zugrunde lag, um so mehr bestärkte 
er sich in der Überzeugung, daß nur auf seinem Wege Licht zu 
finden sei. 

In der Skizze von 1616 war die monatliche und die jährliche 



1 Ed. Naz. VII p. 486 f. 



— 122 — 

Periode der Fluterscheinungen niclit erwähnt; es scheint, daß Galilei 
damals noch nicht imstande war, die Veränderungen, die im Laufe 
des Mondmonats und dann wieder mit dem Wechsel der Jahreszeiten 
eintreten, mit seiner Theorie in Einklang zu bringen. Die Lösung 
dieser weiteren Aufgabe war, wie Salviati erzählt ^, das Ergebnis müh- 
samer, langwieriger Überlegungen, oft habe er dabei, am Erfolg ver- 
zweifelnd, sich mit der Täuschung des unglücklichen Orlando zu 
beruhigen versucht: es könne nicht wahr sein, was doch das Zeugnis 
so vieler glaubwürdiger Männer verbürgte. 

Aber auch hier gewährte tieferes Eindiingen in die Natur der 
Erdbewegung glücklichen Aufschluß. Der Abschnitt des vierten 
Dialogs, in dem diese weitere Entdeckung mitgeteilt wird, ist einer 
der merkwürdigsten des ganzen Buchs. 

Galilei benutzt die Gelegenheit, um nochmals aufs ent- 
schiedenste eine unmittelbare Einwirkung der beiden Himmelskörper 
abzuweisen, mit deren wechselnder Stellung zur Erde der Wechsel 
in diesen Erscheinungen unzweifelhaft zusammenhängt, isicht anders 
kann dieser Wechsel der Stellungen wirken, als durch eine Steigerung 
und Schwächung der ursprünglichen Ursache der Fluten; denn nur 
in einer Steigerung und Schwächung der Wii'kung liegt das Wesen 
dieser periodischen Veränderungen. Die Ursache der Fluten liegt 
nach Galileis Deutung in der Ungleichförmigkeit der Bewegung, die 
aus der Veränderung der jährlichen Bewegung durch die tägliche 
hervorgeht. Diese Ungleichförmigkeit muß also (infolge einer ver- 
änderten Stellung der drei Körper) einer periodischen Änderung 
unterliegen. Man sieht leicht, daß dies in dreifacher Weise geschehen 
kann, entweder die jährliche Geschwindigkeit nimmt periodisch ab 
oder zu, während die Beschleunigung und Verzögerung durch die 
hinzukommende tägliche unverändert bleibt, oder die jährliche 
Geschwindigkeit bleibt unverändert, während die Beschleunigung und 
Verzögerung durch die tägliche Umdi'ehung periodisch verändert 
wird, oder endlich beide Änderungen finden gleichzeitig statt. 

Nach Galileis Ansicht ist eine regelmäßige Veränderung der 
Gesch'SNindigkeit in der jährlichen Bahn die Ursache der monat- 
lichen Periode, Offenbar muß die scheinbare jährliche Bewegung 
der Sonne und des Mondes davon Kunde geben. Daß dies nach den 



1 Ed. Xaz. VII p. 472. 



(I 



— 123 — 

bisherigen Beobachtungen nicht der Fall ist, kann Galilei nicht als 
ein Hindernis für seine Anschauung betrachten. Die Astronomie 
steht noch auf einer Stufe, bei der unzählige Dinge unentschieden 
und vielleicht noch viele andere völlig unbekannt sind. Die Ge- 
schwindigkeitsänderungen, die hier in Betracht kommen, sind 
jedenfalls nur gering, und was das Wichtigste ist: man hat sie nicht 
wahrgenommen, weil man nicht gesucht hat. Man wird sie wahr- 
nehmen, sobald man sich davon überzeugt hat, daß sie notwendig 
stattfinden müssen. Daß dies der Fall ist, beweist Galilei durch eine 
überraschende Vergleichung irdischer Erscheinungen mit den Vor- 
gängen am Himmel. Es ist seine Forschung über die Pendel- 
schwingungen, auf der die Deutung der monathchen Periode beruht. 
Er hat gezeigt, daß die Dauer der Pendelschwingungen nicht von der 
Weite der Schwingungen, sondern nur von der Länge des Pendels 
abhängt, je geringer der Abstand zwischen dem Aufhängepunkt und 
dem schwingenden schweren Körper, um so gi'ößer ist die GeschAvindig- 
keit, um so kürzer die Dauer der Schwingung. 

Galilei verallgemeinert diese Beobachtung: er betrachtet es als 
wahr, natürlich, ja notwendig, daß derselbe bewegKche Körper, von 
derselben bewegenden Ki'aft in kreisförmiger Bahn getrieben, in 
längerer Zeit einen größeren als einen kleineren Kreis durchläuft. 
Daß diese Wahrnehmung in der Tat auch auf die Himmelskörper 
Anwendung findet, dafür sieht er den Beweis in den Bewegungen der 
Planeten, bei denen die Dauer des Umlaufs mit der Entfernung von 
der Sonne zunimmt; aufs beste läßt sich das Wirken derselben Kegel 
der kurzen Umlaufszeiten wegen bei den vier Jupiterstrabanten wahr- 
nehmen. So hält es Galilei für sicher und gewiß, daß die Umlaufszeit 
des Mondes kürzer und kürzer werden müßte, wenn ohne Veränderung 
der bewegenden Ej-aft der Halbmesser seiner Bahn sich mehr und 
mehr verkürzte und demnach seine Bewegung in immer kleineren 
Kreisen stattfinden müßte ^. Was hier als Annahme gesetzt ist, 
geschieht in der Tat; der Mond ist nach der Lehre des Copernicus 
mit der Erde untrennbar verbunden, er teilt demnach ihre jährliche 
Bewegung in der großen Bahn, in derselben Zeit aber legt er beinahe 
13 Umläufe um die Erde zurück, er muß dabei der Sonne bald näher, 
bald ferner stehen, und, wenn die Regel Geltung hat, w^nn in Wirklich- 



Ed.Naz. VII p.477f. 



— 124 — 

keit die Kraft, die den Mond bewegt, bei seinem Umlauf dieselbe 
bleibt, so folgt daraus, daß der Mond notwendig in der Sonnennähe 
größere Geschwindigkeit haben muß, als wenn die Erde zwischen 
ihm und der Sonne steht, aber dieselbe Änderung der Geschwindigkeit 
trifft auch die Erde in ihrer jährlichen Bewegung. Galilei erläutert 
seine Ansicht durch den Hinweis auf ein bekanntes Mittel, in den 
Räderuhren die Geschwindigkeit zu regulieren i; am Ende eines 
horizontal schwingenden Stabes befestigen die Uhrmacher zwei Blei- 
gewichte; geht die Uhr zu langsam, so nähern sie die Gewichte der 
befestigten Mitte des Stabes. Alsbald werden die Schwingungen 
rascher. Wollen sie den Gang verlangsamen, so schieben sie die 
Ge^vichte mehr dem Ende zu. Zöge man dementsprechend eine 
gerade Linie von dem Zentrum der Sonne durch das Erdzentrum 
bis zur Mondbahn, so wäre das der Halbmesser des großen Ki-eises, 
den die Erde gleichförmig durchlaufen würde, wenn sie allein wäre; 
brächten wir aber auf demselben Halbmesser einen zweiten Körper 
an, der bald zwischen Erde und Sonne, bald jenseits der Erde stände, 
so müßte je nach diesen Veränderungen die Geschwindigkeit in der 
gemeinsamen Bewegung beider bald zu- bald abnehmen. Der heutige 
Leser wird in diesem Vergleich trotz der fremdartigen Ausdi'ucksweise 
die Ahnung des großen Gedankens einer Himmelsmechanik nicht 
überhören, der Glaube an die Allgemeingültigkeit der Bewegungs- 
gesetze kann nicht bestimmter ausgedi'ückt werden, als es durch 
diese einfache Übertragung der Pendelgesetze auf die Bewegung der 
Erde geschieht. So wenig zweifelt Gahlei, ob er der Analogie der 
bekannten Erscheinungen vertrauen darf, daß er aus ihr allein Be- 
wegungen herleitet, die niemand beobachtet hat. Es steht ihm fest, 
daß unter dem Einfluß des Mondes die jährliche Bewegung der Erde 
in periodischem Wechsel ihre Geschwindigkeit ändern muß; bleibt 
nun die tägliche Bewegung gleichförmig, so muß die Ungleichförmig- 
keit der Bewegung, die im Zusammenwirken beider entsteht, mit 
den Mondphasen in regelmäßigen Perioden ab- und zunehmen; es 
ist also die Ursache und darum die Erscheinung der Fluten selbst 
einem regelmäßigen monatlichen Wechsel unterworfen. 

Eine zweite Veränderung dieser Ursache ergibt sich ohne weiteres 
aus der Lehre des Copernicus, nach der während der jährlichen 



1 Ed. Naz. VII p. 474f. 



— 125 — 

Bewegung die Neigung der Flrdachse, also auch der Winkel, den die 
Ebene des Äquators mit der Erdbahn bildet, unverändert bleibt. 
Es genügt eine einfache Zeichnung, die die Erde in ihren verschiedenen 
Stellungen zur jährlichen Bahn erkennen läßt, um zu verdeuthchen, 
daß die täghche und die jährliche Bewegung sich an diesen ver- 
schiedenen Punkten in verschiedener Weise zusammensetzen, daß 
die Vermehrung und Verminderung durch die tägliche beispielsweise 
an den Solstitialpunkten am größten, an den Äquinoktialpunkten 
am kleinsten ist. Allerdings werden infolge der täglichen Umdi'ehung 
die Punkte der einen Erdhälfte inmier eine verzögerte, die der andern 
eine beschleunigte Bewegung haben, aber der Erddurchmesser, durch 
den z. B. die beschleunigte und die verzögerte Hälfte des Äquators 
abgeschnitten werden, fällt nur an den Solstitialpunkten, wo er 
zugleich Tangente der Erdbahn ist, in die Ebene dieser Bahn; denkt 
man an andern Stellen der Erde Tangenten an die große Bahn gelegt, 
so fällt der betreffende Durchmesser überall in eine senki-echt zur 
Erdbahn gelegte Ebene und bildet mit dieser Tangente Winkel, die 
bis zu den Äquinoktialpunkten an Größe zunehmen; je größer aber 
dieser Winkel, also die Abweichung von der Ebene der Erdbahn, 
um so kleiner wird der Teil der täglichen Bewegung, den man an den 
verschiedenen Punkten der jährlichen hinzufügen oder von ihr in 
Abzug zu bringen hat. In den Solstitialpunkten ist die Länge des 
Erddurchmessers das Maß der Beschleunigung auf der einen und der 
Verzögerung auf der andern Seite, an jeder andern Stelle wird dies 
Maß durch die Projektion des Durchmessers auf die Ebene der Erd- 
bahn gegeben sein, diese ist offenbar in den Äquinoktialpunkten 
am kleinsten. 

So ist denn auf der ersten Grundlage ein vollständiges System 
der Flutbewegungen aufgebaut; wie das Widerstreben gegen eine 
unmittelbare Wirkung des Mondes auf das Meer die Veranlassung 
zur Aufstellung der neuen Theorie gegeben, so liegt auch für Galilei 
ein besonderer Triumph darin, daß er es möglich gefunden hat, eine 
Änderung der Erscheinungen unter dem Einfluß der Mondphasen 
und der Jahreszeiten zu erklären, ohne darum dem Mond und der 
Sonne einen Einfluß auf das Wasser zuzugestehen, der für ihn ins 
Reich der Fabel gehört. Während niemand vor ihm eine Erklärung 
gegeben hatte, die nicht mit völlig unbekannten, unbegreiflichen 
Kräften rechnete, glaubte er, das ganze Gebiet der Erscheinungen 



— 126 — 

auf die einfachen Sätze seiner Bewegungslehre zurückgeführt zu 
haben. Selbst in der einfachen Übertragung der Pendelgesetze auf 
die Bewegung der Himmelskörper schien ihm keine Hypothese zu 
liegen, die der Rechtfertigung bedürfe. Je weiter er auf dem ein- 
geschlagenen Wege fortschritt, um so mehr schienen die Erfolge den 
AVeg zu rechtfertigen, um so sicherer verhüllten sie ihm den Fehler 
in der Grundlage, der das ganze Gebäude zur luftigen Schöpfung der 
Phantasie gestaltete. Daß ein System der Flutbewegungen mit Not- 
wendigkeit aus der Bewegung der Erde sich ergeben müsse, galt ihm 
zm* Evidenz ermesen; die siegesgewisse Überzeugung macht ihn 
taub gegen jeden Einwurf aus der Erfahrung. In der Tat hat es 
Galilei nicht übersehen können, daß die monatliche wie die jährhche 
Periode, die er folgerte, mit den wklichen Perioden der Flut- 
erscheinungen durchaus nicht zu vereinen waren. Nach seiner Lehre 
hätten die Fluten zur Zeit des Neumonds die höchste, zur Zeit des 
Vollmonds die geringste Höhe erreichen müssen; in Wirklichkeit 
fallen die höchsten Fluten gleichmäßig auf Voll- und Neumond 
und die niedrigsten in die Zeit des ersten und letzten Viertels. Ebenso- 
wenig entspricht die jährliche Periode, die sich ihm als einfache 
Konsequenz der copernicanischen Lehre ergibt, dem AAirklichen Ein- 
fluß der Jahreszeiten. Nach Galileis Lehre müßte in den Solstitial- 
punkten eine Steigerung stattfinden, aber die Erfahrungen wissen 
von einer solchen Steigerung nichts; sie lassen viehnehr die höchsten 
Fluten eintreten, wenn Voll- und Neumond in die Zeit der Tag- und 
Nachtgleiche fallen, also in einer Zeit, wo für Galilei die Ursache der 
Fluten am schwächsten wken muß. Gahlei schweigt von diesen 
Widersprüchen; er redet ebensowenig von der wichtigen Tatsache, 
die am meisten auf eine Abhängigkeit der Flut vom Monde hinweist: 
von der tägHchen Verspätung der Flutzeit um etwa 48 Minuten gegen 
die des vorhergehenden Tages, also dieselbe Zeit, um die der Eintritt 
des Mondes in den Meridian sich von einem Tag zum andern ver- 
spätet. 

Die übliche Kritik geht mit Bedauern an dieser VerÜTung des 
großen Mannes vorüber, man scheut sich nicht, sein Schweigen über 
jene ernsten Schwierigkeiten als bewußte Unwahrheit zu deuten. 
Ich glaube, daß eine solche Beurteilungsweise einem großen Forscher 
gegenüber von wissenschaftlicher Auffassung ebenso weit entfernt ist 
wie die älteren Fluttheorien, die in der feuchten Natur des Mondes 



— 127 — 

oder in ähnlichen Formen der Sympathie die Ursache der Meeres- 
bewegungen suchen. 

Es war in der Tat ein seltsames Zusammentreffen, daß Galilei 
in dem großen Kampf für die copernicanische Lehre seine besten 
Hoffnungen auf ein Trugbild setzte; aber es heißt nicht erklären, 
sondern auf Erklärung verzichten, wenn man, um alles Befremdende 
zu beseitigen, anninmit, er selbst habe seine Lehre als Täuschung 
erkannt oder doch an ihrer Möglichkeit gezweifelt, bei vollständiger 
Beherrschung der Einzelheiten aus ihr die ganze Mannigfaltigkeit 
der wirklichen Erscheinungen abzuleiten. Galilei hatte vor allen 
Dingen eine völlig klare Vorstellung von der fortschreitenden Wissen- 
schaft; er wußte, daß seine Arbeit nur ein Anfang, ein Versuch zur 
Erforschung der Wahrheit sei, daß die Vollendung den kommenden 
Generationen zufalle; wer so denkt, kann darum nicht minder ver- 
meinen, im Irrtum die volle, fertige Wahrheit zu besitzen, aber nie 
wü'd er fähig sein, der künftigen Forschung als Grundlage und 
Ausgangspunkt aller weiteren Erkenntnis darzubieten, was er als 
unzureichend selbst erkannt hat, was er selbst vor dem ersten scharfen 
Forscherblick in Trug zerinnen sieht. 

Nichts rechtfertigt den Verdacht, daß Galilei, als er die Dialoge 
schrieb, über den Grundfehler seiner Fluttheorie nicht mehr im Un- 
klaren gewesen wäre ; mit derselben Siegesgewißheit, ^^ie in der Skizze 
von 1616, setzt er in den Dialogen auseinander, ^ne aus der Zu- 
sammensetzung der gleichförmigen täglichen und der gleichförmigen 
jährlichen Bewegimg als L^rsache der Fluten die ungleichförmige 
Bewegung der einzelnen Punkte der Erde hervorgeht. Salviati 
spricht seine Ver^^'lmderung darüber aus, daß einzelne Forscher, 
die einsichtsvoll genug waren, die Bewegung der Erde zu Hilfe zu 
nehmen, in ihrer Erklärung völlig gescheitert seien, weil sie über- 
sahen, daß für ihren Zweck eine gleichförmige Bewegung, wie die 
tägliche der Erde, unbrauchbar sei, daß es vor allem darauf ankomme, 
eine Ungleichförmigkeit nachzuweisen. 

So lange kein Zweifel die Grundlage dieser Theorie berührte, 
mußte sie ihm als notwendige Wahrheit erscheinen. Er hatte bewiesen, 
daß eine Flut entstehen müsse, wenn die Erde sich bewegt; daß nun 
in Wirklichkeit die Meere fluten und ebben, schien ihm himeichend 
zu bestätigen, daß er richtig gefolgert; wenn er dann in der wirklichen 
Welt statt der Fluterscheinungen, die er forderte, andere fand, die 



— 128 — 

in hervorragenden Einzelheiten seiner Lehre nicht entsprachen — 
so waren diese Einzelheiten doch nimmermehr ansreichend, die 
Richtigkeit der ersten Folgerung zweifelhaft zu machen, vielmehr 
war — wo so Großes bereits gewonnen schien — die Zuversicht 
gerechtfertigt, daß die Widersprüche sich lösen, die Tatsachen der 
Theorie sich fügen würden, wenn nur erst die Theorie in alle ihre 
Konsequenzen verfolgt wäre, das tatsächliche Material zuverlässiger 
und vollständiger vorläge. 

Aber auf diesem Wege lag hart neben dem Zweifel an den Tat- 
sachen der Überlieferung die Vernachlässigung der Tatsachen der 
wirklichen Welt; die Selbsttäuschung, die dem einen wie dem andern 
zugrunde lag, war vermutlich die Ursache, wenn er sich damit begnügt, 
eine monatliche und eine jährliche Periode auch aus seiner Theorie 
zu folgern, und kein Wort darüber verliert, daß diese Perioden denen 
nicht entsprechen, von denen die Küstenbewohner reden. Je weniger 
die bekannten Einzelheiten sich seiner Deutung fügten, um so mehr 
verloren fiur Galilei die Einzelheiten der Erfahrung an GcAncht; 
die Theorie, deren ursprüngHche Aufgabe die Deutung der Tatsachen 
war, wurde ihm mehr und mehr eine Wahrheit, die bis zu einem 
gewissen Grade von dem Zeugnis der Erfahrung unabhängig war. 
Wenigstens überredete er sich, daß es für ihn genug getan sei, der 
Welt nach so viel Verirrungen den einzigen richtigen Weg der Lösung 
gezeigt zu haben; ausdiiicklich verzichtet er in den Dialogen auf die 
Erklärung der einzelnen Erscheinungen. Er gefällt sich in dem Gegen- 
satze, daß die andern Untersucher mit vielen Details eine unmögliche 
Deutung verbinden, während er zunächst eine rationelle Deutung ge- 
winnt und vorsichtig die Deutung des Einzelnen der Zukunft überläßt. 

So kennzeichnet die ganze Abhandlung eine überraschende 
Ai'mut an Erfahrungstatsachen; von den wenigen, die er erwähnt, 
gehört die größere Zahl den Erscheinungen des IVIittelländischen 
Meeres an. Wenn es noch einer weiteren Erklärung für die Ent- 
stehung und dauernde Befestigung seines Irrtums bedürfte, würde 
man sie vielleicht in dieser lokalen Beschi'änkung finden, an die 
seine eigenen Beobachtungen gebunden sind. Selbst in Venedig, wo 
die Fluten am bedeutendsten sind, erreichen sie nicht die Großartig- 
keit wie auf dem Ozean. 

Galileis Flutlehre ist eins der merkwürdigsten Beispiele einer 
Erscheinung, die in der Geschichte der AVissenschaft zu allen Zeiten 



— 129 — 

sich wiederholt, vorzugsweise aber in den Perioden lebhafter wissen- 
schaftlicher Entwicklung und in dem AVirken bahnbrechender Geister 
eine Rolle spielt. 

In solchen Perioden und bei solchen Männern ist das Verlangen, 
Licht zu schaffen, wo bis dahin Dunkelheit war, ein gesteigertes, 
leicht genug täuscht es über die Möglichkeit. Der neue Gedanke, 
der Licht zu geben scheint, verführt dann leicht genug, geleistet zu 
sehen, was zu leisten ist; eine Lösung, die im einzelnen genügt, muß 
dann die allgemeine Lösung sein; alle Lehren über die Ausschließung 
einer Deutung, die nicht überall genügt, alle Warnungen, sich auf 
ein übersehbares Gebiet zu beschränken, die Erfahrung zur Richterin 
zu nehmen, sind verloren, wenn über die Phantasie die Aussicht 
Macht gewinnt, eine neue geistige Welt zu erobern. 

Der ängstliche Forscher im kleinen, der feinste Beobachter legt 
dann seine Vorsicht ab, tut der Natur Zwang an, ist unwahr gegen 
sich selbst und andere, ohne es zu wissen oder zu gestehen, will nicht 
sehen und hören, was ihn widerlegt. 

Je mehr Raum dann durch scheinbare oder wirkliche Erfolge 
die falsche Vorstellung gewinnt, um so fester wurzelt sie; die Dauer 
ist allein eine Ursache weiterer Befestigung; wenn dann die wider- 
sprechenden Tatsachen zudringlicher sich geltend machen, dann 
kommt es dazu, daß man sie leugnet, nicht sehen, lesen, hören will, 
und Forscher niederen Ranges können dann dem großen Manne mit 
Recht vorwerfen, daß er den Tatsachen Zwang antut, seine Worte 
gewinnen den Anschein, als ob er täuschen wolle, da er doch nur in 
Selbsttäuschung befangen ist.^ 

Der Lehre von Ebbe und Flut fügt Galilei auch hier ^vie in der 
Skizze von 1616^ eine Erörterung über die Passatwinde hinzu; die 
Erklärung ist wieder fast wörtlich dem früheren Entwurf entnommen, 
so gelten ihm auch hier die Passatwinde als reine Ost\\ände und 



^ Alberi irrt, wenn er in der Abhandlung gegen Arago meint, daß die 
Briefe von 1638 Rückkehr zum Monde bedeuten, im Gegenteil bestätigen 
diese Briefe, daß er seiner Theorie treu bleibt; er spricht nur von Neu- und 
Vollmond und scheint hier allerdings nach einer Bestätigung seiner Theorie 
durch die Erfahrung zu verlangen, die nach bekannten Tatsachen nicht 
stattfindet. Keinesfalls denkt er an Wirkung des Mondes in Keplerschem 
Sinne. 

2 s. Bd. I, Kap. 18, S. 604 ff. 

Wohlwill Galilei. Bd. II. 9 



— 130 - 

darum als unmittelbare Wirkung der Erdbewegung. Die Luft über 
den großen Meeren nimmt an dieser Bewegung nicht oder doch nur 
in unvollkommener Weise Teil, und ihre Ruhe wird von den Beob- 
achtern und Seefahrern der Erde als Wind empfunden. 

Die Tatsachen, auf die Galilei bei seiner Erläuterung Bezug 
nimmt, beschränken sich auf das spärliche Material der früheren 
Sckrift. Auch hier war seine Vorstellung abgeschlossen. Von anderer 
Seite gab es kaum einen Versuch der Deutung. Die Schulgelehrten 
freilich, die durch nichts in Verlegenheit zu setzen waren, ließen über 
den großen Meeren den allgemeinen 24 stündigen Wirbel des Primum 
mobile zur Erde hinabreichen und die Luft mit fortreißen. Dem- 
gegenüber schien Galileis Lehre eine so klare mechanische Anschauung 
zu gewähren, wie die tägUche Bewegung, die Copernicus lehrte, im 
Vergleich mit dem 24 stündigen ITmschwung des Sternenhimmels. 
Aber Galilei überhörte auch hier, in der Sicherheit des Erfolgs be- 
fangen, den Widerspruch der Erfahrung. Er selbst hatte von 
Buonamici nähere Auskunft über diese Gegenstände erbeten, er 
hatte hinzugefügt: Erfahrungen sind die Grundlage der Wissenschaft, 
und Buonamici^ berichtet ihm, daß in den Tropen die Seefahrer 
zuweilen unter der Linie von völliger Windstille überrascht werden, 
so daß die Schiffe unbeweglich fest liegen; dies sei im Jahre 1625 
Don Federigo von Toledo begegnet, als er mit der königlichen Armada 
nach Bahia (de Todos Santos) in Brasilien gesegelt sei, um die Hol- 
länder, die es in Besitz genommen hatten, zu vertreiben; er habe 
südwärts fahren wollen, um die Höhe des Cap Augustin zu erreichen, 
sei dabei aber mehrere Tage wie festgepflanzt auf der Linie liegen 
geblieben. Durch eine ähnliche Veranlassung sei einmal eine portu- 
giesische Flotte zugrunde gegangen, da die Windstillen (calme) so 
lange dauerten, daß die Lebensmittel ausgingen und die Mannschaft 
Hungers starb. Man sei deshalb jetzt, um die Gefahr zu vermeiden, 
auf die Erfindung von Fahrzeugen bedacht, die, wenngleich hoch- 
bordig, auch ohne Hilfe des Windes sich bewegen lassen. Buonamici 
fügt verständig hinzu, daß diese Tatsachen die Erklärung durch das 
Primum mobile als nichtig erscheinen lassen, denn in diesem habe 
man eine beständige und unveränderiiche Ursache, die demnach, was 
sie gestern bewkt habe, heute und morgen und immer bewirken raüsse^ 



1 Ed. Naz. XIV p. 73—76. 



— 131 — 

Salviati benutzt genau dasselbe Arj^ument, um den Simplicio 
zu widerlegen, der die Fluterscheinungen durch das Primum mobile 
erklären möchte; auf diese Weise, meint er, lieJ3e sich nur eine 
beständig westwärts gerichtete Bewegung der Flut begreifen; eine 
solche müßte dann beispielsweise ein Meer wie das Mittelländische 
längst trocken gelegt haben. 

Daß aber die Erscheinung der Windstillen unter den Tropen 
in gleicher Weise die neue Deutung der Passat^^inde unmöglich 
macht, sieht oder sagt Galilei nicht, die merkwürdige Tatsache, von 
der ihm Buonamici nach dem spanischen Schriftsteller Cespedes und 
den Erzählungen erfahrener Männer berichtet, findet in den Dialogen 
keine Erwähnung. 

Dagegen führt auch dieses Mal Sagredo ^ die Erfahrung der vene- 
tianischen Kaufleute an, nach der die Seefahrt im ^Mittelländischen 
Meer durchschnittlich von kürzerer Dauer sei, wenn sie westwärts, 
als wenn sie ostwärts gerichtet sei, und Salviati ^ sieht diese Tatsache 
als „eine nicht geringe Bestätigung der Erdbewegung" an; allerdings, 
meint er, könne man sagen, die ganze Wassermasse des Mittehneers 
habe eine westliche Strömung, um ins Weltmeer zu entladen, was 
ihm die großen Ströme zuführen; er glaubt jedoch nicht, daß dieser 
Zufluß eine Strömung erzeugen könnte, die für sich allein genügte, 
einen Geschwindigkeitsunterschied von 25% bei Hin- und Rückfahrt 
zu erklären; auch sieht man in der Meerenge von Messina das Wasser 
ebensowohl ost- als westwärts fluten. 

So bieten sich von allen Seiten her dem aufmerksamen Forscher 
Erscheinungen, die auf die Bewegung der Erde zum mindesten hin- 
deuten; Galilei unterscheidet sie wohl von den entscheidenden Be- 
weisen ; als solche hebt Sagredo ^ schließlich nur die drei hervor : die 
Rückgänge und Stillstände der Planeten in Verbindung mit der 
Änderung ihres Abstands von der Erde, die scheinbare Veränderung 
in der Bewegung der Sonnenflecken und die Flut und Ebbe des 
Meeres. „Vielleicht", fügt Salviati hinzu*, „wird sich den dreien in 
der Kürze der vierte anschließen, wenn es nämlich bei einer genaueren 
Beobachtung der Fixsterne geläuge, jene überaus geringe Änderung 

1 Ed. Naz. VII p. 466. 

2 Ed. Naz. VII p. 466 f. 

3 Ed. Xaz. VII p. 487. 
* Ed. Xaz. VII p. 487. 



— 132 — 

der Stellungen zu erkennen, die Copernicus für unwahrnehmbar 
gehalten hat.^ 

„Ganz kürzlich", fährt Salviati fort, „ist dann eine Entdeckung 
bekannt geworden, die vielleicht als fünfter Beweis für die Bewegung 
der Erde gelten kann. Es macht nämlich der Herr Caesar aus dem 
edlen Haus der Marsili in einer gelehrten Schrift^ die Mitteilung, 
daß er eine beständige, weimgleich überaus langsame Veränderung 
der Meridianlinie beobachtet hat." GaUlei benutzt die Gelegenheit, 
um den Freund als wahren Beschützer der Wissenschaft zu ehren, 
von dem sich nur Vortreffliches erwarten lasse. 



1 Vergl. oben Galileis Vorstellungen über die Entfernung und die Art 
dieser Beobachtungen. 

» Ed. Naz, XIV p. 225—226. 



Fünftes Kapitel. 

Zum viertenmal in ßom. 



Das Buch war geschrieben, von neuem durchgesehen und ab- 
geschrieben, nun konnte Gahlei die Stunde nicht erwarten, es nach 
Rom zu bringen. In Rom mußte sich entscheiden, ob es leben und 
wirken sollte, nur in Rom konnte es gedruckt werden. Dieses Mal 
hatte er nicht, wie vor sechs Jahren, den eigentlichen Zweck seiner 
Reise verschwiegen; nicht nur die gleichgesinnten Freunde, auch der 
Großherzog und der Hof wußten von dem Buche und sahen mit 
S])annung seiner Aufnahme bei den römischen Autoritäten entgegen. 
So durfte auch Galileis Auftreten in Rom der sichtbare Schutz seines 
Fürsten nicht fehlen. Eine großherzogliche Sänfte erwartete ihn 
vor dem Kloster, in dem er sich von seinen Töchtern verabschiedete. 
Wie in den Jahren 1611 und 1615 wurde ihm der Palast des großherzog- 
lichen Gesandten zur Wohnung angewiesen. Am 3, Mai 1630 traf er 
in Trinitä de Monti ein. Als Gesandter war hier seit 1621 jenem 
übelwollenden Guicciardini Francesco Niccolini gefolgt. Anders als 
in den schweren Tagen von 1616 gestaltete sich in den Wochen seines 
Aufenthalts das Verhältnis des berühmten Gastes zu seinen Wirten 
in der Villa Medici. Man empfindet den Zauber seiner Persönlichkeit 
in den Worten, mit denen Xiccolini dem Florentiner Minister ant- 
wortet, als dieser gemeint, daß Galilei ihm unerw^ünscht gekommen 
sei: „Wir alle in diesem Hause", schreibt er, „haben größte Freude 
an seiner geistreichen und überaus liebenswwdigen Unterhaltung, 
und sehr merkwürdig wird es uns vorkommen, wTun er uns wieder 
verläßt, um nach Florenz zurückzukehren." Zu wahren Freunden 
wurden Galilei in diesen Wochen der Gesandte und seine feinsinnige 
Gattin. Es bedurfte kaum noch der Weisungen aus Florenz, um 



— 134 — 

beide zu eifrigem Bemühen um die Förderung der Angelegenheit, 
die ihn nach Rom geführt hatte, anzuregen. 

Xur dürftige Mitteihmgen sind uns über den Verlauf der 
Verhandlungen erhalten, durch die im Mai und Juni 1630 eine 
vorläufige Erledigung erzielt wurde. Von den Briefen, die Galilei 
in jenen Tagen in die Heimat gesandt hat, ist keiner erhalten, von 
den übrigen nur zwei Ivurze Zuschriften an Michelangelo Buonarotti 
in Rom, von denen nur der eine zwar nicht das Buch „über Ebbe 
und Flut", aber Verleumdungen betrifft, durch die man den Papst 
und den Kardinal-Nepoten zuungunsten des Verfassers zu beein- 
flussen versucht hatte. Es hatten nämlich in jenen Tagen eifrige 
Astrologen in den Sternen gelesen, daß der Tod des regierenden Papstes 
noch im Jahre 1630 zu erwarten sei; von anderer Seite war die Deutung 
bestritten; zum ^Mißbehagen des Papstes und seiner Angehörigen 
bildete bald die Prophezeiung und der Widerspruch, zu dem sie Ver- 
anlassung gab, den Gegenstand der öffentlichen Gespräche; je nach- 
dem man der spanischen oder der französischen Partei am römischen 
Hofe angehörte, knüpfte man hier Hoffnungen, dort Befürchtungen 
an die Berechnungen der Astrologen. Zu dem namhaftesten unter 
diesen, dem Abt Orazio Morandi^, stand Galilei in persönlichen 
Beziehungen. War es die Kunde von diesem Verhältnis, die zu Ver- 
dächtigungen Anlaß gab, war es Galileis astronomischer Beruf, der 
immer auf der Lauer liegenden Feinden genügte, gewiß ist, daß sie 
das ihre taten, ihn als beteiligt an den bedenklichen Prophezeiungen 
erscheinen zu lassen. So konnte am 18. Mai Antonio Badelli nach 
Modena berichten ^r der berühmte Mathematiker und Astrolog Galilei 
sei in Rom eingetroffen, er beabsichtige, ein Buch drucken zu lassen, 
in dem er viele von den Jesuiten vertretene Meinungen bekämpft. 
Auch habe er sich vernehmen lassen, daß Frau Anna, die Gattin 
des Herrn Thadeo Barberini einen Knaben gebären werde, daß zu 
Ende Juni in Italien der Friede hergestellt sein und bald darauf der 
Herr Thadeo Barberini und der Papst sterben werden. 

Das also verbreitete man in jenen Tagen in Rom. Die Intrigue, 
die aus den Worten hervorleuchtet, erwies sich als unwirksam. Als 
Michelangelo Buonarotti die Gelegenheit einer Unterredung mit dem 



1 Ed. Naz. XIV p. 107, 134, 135. 

2 Ed. Naz. XIV p. 103, XV p. 115. 16A. 168, 173. 



— 135 — 

Kardinal Francesco Barberini walu-nahni, um von den verleumderisch 
verbreiteten Erzählungen zu sprechen, ließ ihn der Kardinal nicht 
ausreden: es sei jemand bei ihm gewesen, sagte er, der in solcher 
verdächtigenden Weise von Galilei gesprochen habe; er aber habe 
ihm das Wort abgeschnitten und ihm gesagt, Galilei habe keinen 
größeren Freund als ihn und den Papst selbst, er wisse, wer er sei, 
und wisse, daß er solche Dinge nicht im Kopfe habe, worauf dann 
der Denunziant beschämt verstummt sei. Als Buonarotti sich dann 
über die Nichtswürdigkeit solcher elender Zuträger äußerte, ließ der 
Kardinal keinen Zweifel, daß er die Intrigue vollständig durchschaue. 
Nicht für Galilei, sagt er, sei ein solches Vorgehen beleidigend, sondern 
für ihn selbst, wenn man boshaften Sinnes darauf rechnete, daß er 
den Schluß ziehen würde: da ist ein großer Mathematiker nach Rom 
gekommen, folglich ist's ein großer Astrolog, und so auf ihn die 
Konstruktion seiner Fabel basierte. Er wolle den Böswilligen zeigen, 
fügte er hinzu, daß er solchen Dingen keinen Glauben schenke, er 
habe gerade deshalb die Absicht gehabt, Galilei zum Mittagessen 
einzuladen, was verschiedener Umstände halber noch nicht ge- 
schehen sei. 

Mit Befriedigung las Galilei, was ihm der Freund über seine 
Unterredung berichtete. „Euer Brief", erwiderte er, „gibt mii* die 
Gewißheit, daß mein Glück nicht aus der Art schlägt, denn es ist 
immer so gewesen, daß mir Nutzen und Ehre aus den Verleumdungen 
böswilliger Gegner hervorging." 

In diesen siegesgewissen Worten klingt zugleich die Genug- 
tuung über die Aussichten auf einen vollen Erfolg, den ihm die Ver- 
handlungen über die Veröffentlichung seines Buches eröffnet hatten. 

Über die Natur dieser entscheidenden Verhandlungen sind viel- 
fach irrtümliche und unklare Darstellungen verbreitet. Verbürgt ist 
durch unzweideutige Äußerungen in Galileis Korrespondenz, daß er 
den größten Wert darauf gelegt hat, sich im voraus einer günstigen 
Stimmung des Mannes zu versichern, dem kraft seines Amtes die 
Beurteilung der „Dialoge" zufallen mußte, und daß in gleicher Rich- 
tung die Freunde in Rom, wie die Gönner in Florenz ihren Einfluß 
zu üben bemüht gewesen sind. Trotzdem diese Bemühungen im 
ferneren Verlauf der Verhandlungen über den Druck des Buches 
eine große Rolle spielen und auch in des Zensors eigenem späteren 
Bericht Erwähnung finden, darf man doch nicht glauben, daß es auf 



— 136 — 

den guten "Willen zu wohlwollender Handhabung des Richteramts 
in Galileis Fall in erster Linie angekommen wäre. AVcder Galilei noch 
seine Freunde sind darüber im Zweifel gewesen, daß der Beurteilung 
des Zensors die Entscheidung eines Höheren darüber vorhergehen 
mußte, ob eine Verteitigung der copernicanischen Lehi-e in der 
eigentümlichen Fassung, wie Galilei sie zu geben wagte, gestattet 
sein sollte. Ohne Zw^eifel lag in seinem Bemühen, außer Frage zu 
stellen, daß die als falsch gekennzeichnete Lehre als ,,wahr in der 
Philosophie" betrachtet werden dürfe, ein Versuch, die Grundlagen 
der Index-Kongregation zu erschüttern, der dem Ungehorsam gegen 
dieses Dekret außerordenthch nahe kam. A'ur der Papst in Person 
komite eine solche — wenn auch verhüllte — Abweichung von den 
Entscheidungen seines Vorgängers für zulässig erklären, nur er die 
Bedingungen bezeichnen, an die in solchem Falle die Zustimmung 
des Zensors gebunden sein sollte. 

Dementsprechend sagt auch Riccardis später erstatteter Bericht, 
daß er, als Galilei mit seinem Buch nach Rom gekommen, um das- 
selbe re\ädieren zu lassen, zunächst dem Papst davon Mitteilung 
gemacht und dessen Befehle empfangen habe.^ Eine Weisung des 
Papstes ist also für seine Handhabung der Zensur maßgebend gew^esen. 
Der Weisung aber w^ar die Unterredung Urbans mit Galilei voraus- 
gegangen, in der dieser zum erstenmal Gelegenheit hatte, den Papst 
über den Plan seines Buches aufzuklären. 

Den Hauptpunkt dieses Planes bildete der Gedanke, der an der 
Spitze des Briefs an Monsignor Ingoli steht, die Einführung der 
Beweise für die copernicanische Lehre nicht als solcher, sondern als 
Inbegriff dessen, was man in Rom bei der Verdammung dieser Lehre 
über ihren wissenschaftlichen Wert gewußt habe, also die Verwertung 
dieser Beweise zur Verteidigung der Kongregationen gegen die Be- 
schuldigung, verurteilt zu haben, was sie nicht kannten. 

Mußte Galilei nach den Erfahrungen des Jahres 1624 darauf 
verzichten, als guter Katholik in unverhüllter Darstellung von 
Copernicus zu reden, wie er dachte, so durfte er doch hoffen, einen 



''■ An der betreffenden Stelle wird weder der Papst noch der Maestro 
di Sacro Palazzo genannt. Es heißt nur: Communicato il negotio et havuto 
ordine (vergl. v. Gebier, Die Acten des Galilei' sehen Processes, Stuttgart 1877, 
S. 54). Es kann aber ein Zweifel darüber, wer hier einen Befehl erteilt, ganz, 
ebensowenig Raum finden, wie über die Person des Mitteilenden, 



— 137 — 

Papst, der gegen den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nicht gleich- 
gültig war, für eine Vermittlung zu gewinnen, die das Ansehen der 
kirchlichen Entscheidungen unangetastet ließ. ])aß Urban in der 
langen ersten Audienz, die er Galilei am 18. Mai 1630 gewährte, 
seinem Plan im wesentlichen, wenn auch unter Bedingungen und 
Vorbehalten, seine Zustimmung erteilt hat, lassen lebhafte Äußerungen 
der Befriedigung, zu denen Galileis Bericht den Florentiner Freunden 
Veranlassung gab, als höchst wahrscheinlich ansehen; in unzwei- 
deutigen Worten zeugt für ein solches Ergebnis ein amtliches Schreiben 
des Palastmeisters Riccardi, das in Abschrift unter den Akten des 
Galileischen Prozesses erhalten ist und in gleichlautendem Original 
im Archiv der Florentiner Inquisition bewahrt wird. ..Es ist der 
Wille unseres Herrn", so schreibt am 21. Mai 1631 P. Riccardi an den 
Inquisitor von Florenz^, „daß als Titel und Gegenstand (des Buches) 
nicht angegeben werde: ,,von Flut und Ebbe", sondern durchaus 
„von der mathematischen Betrachtung der copernicanischen An- 
nahme über die Bewegung der Erde", ausgeführt in der Absicht zu 
beweisen, daß, wenn nicht Rücksicht genommen wird auf die Offen- 
barung Gottes und die heilige Lehre — die Erscheinungen bei dieser 
Annahme erklärt werden könnten, unter Widerlegung aller entgegen- 
stehenden Argumente, die aus der Erfahrung und der peripatetischen 
Philosophie sich vorbringen ließen, so daß niemals die absolute 
Wahrheit dieser Meinung zugestanden wd, sondern nur die hypo- 
thetische und ohne Rücksicht auf die Schriften, Es soll auch darauf 
hingewiesen werden, daß der alleinige Zweck dieser Arbeit sei, zu 
beweisen, daß man alle Gründe wisse, die für diese Ansicht sich an- 
führen lassen, und daß nicht, weil man sie nicht weiß, in Rom dieses 
Urteil erlassen worden ist." 

Eben diese Absicht des Buches sollte in der Vorrede zur Sprache 
gebracht, auf sie auch in der Schlußbetrachtung zurückgekommen 
werden, in der letzteren hätte überdies Galilei die ihm vom Papst 
namhaft gemachten Gründe von der göttlichen Allmacht hinzu- 
zufügen, „die den Verstand beruhigen müssen, wenn man auch sich 
den pythagoreischen Argumenten nicht entziehen könnte". 

Wie immer im einzelnen Urbans Weisungen gelautet haben 
mögen, ihr Inhalt ist durch diese Instruktion, in der Riccardi dem 



' Ed. Naz. XIX p. .327. 



— 138 — 

Florentiner Inquisitor zu \^issen gibt, was ihm selbst zur Pflicht 
gemacht war, in ausreichender Weise angegeben. Vor allem war 
Galilei seinem Vorschlage gemäß gestattet, zu beweisen, daß man 
in Rom „alle Gründe füi* die copernicanische Lehre kenne." 

Alle Gründe — das konnte für ihn nichts anderes bedeuten, 
als alles, was er selbst als Beweis für die Überlegenheit und Wahr- 
heit der copernicanischen Lehre erkannt hatte, mit Einschluß auch 
des eigentümlichen Beweises, der Urban ein Dorn im Auge war, der 
Folgerung, daß die Erde sich bewegen muß, weil nur durch die Be- 
wegung die Fluterscheinungen begreiflich werden, denn daß auch 
dieser unter den Gründen, die man in Rom gekannt, genannt und 
ausgeführt werden sollte, darf der Anordnung über die Einfügung 
des päpstlichen Arguments entnommen werden. Die Forderung, 
daß im Schlußwort Urbans Widerlegung zur gebührenden Geltung 
gebracht werde, hatte zur Voraussetzung, daß im vorhergehenden 
der Beweis, gegen den die Widerlegung sich richtete, in ausreichender 
Weise zu Worte gekommen war. 

Dem Zugeständnis aber, das dem Denker und Forscher weitesten 
Spielraum zu gewähren schien, standen zwei Beorderungen gegenüber, 
die ihm Schranken auferlegten. Von geringerer Bedeutung war, daß 
durch die Anordnung über den Titel des Buches, die der Abneigung 
des Papstes gegen den Flutbeweis scharfen Ausdruck gab, Galileis 
Absicht durchkreuzt wurde. Was im Titel und in der Einführung der 
Dialoge zurücktreten mußte, blieb darum nicht weniger im Buche 
bedeutsam und nach Galileis Vorstellung uuAviderstehlich- über- 
zeugend. 

Ernsteres forderte die Vorschrift, die den Vortrag der coperni- 
canischen Lehre in den Grenzen der mathematischen Hypothese 
gehalten, ihre Verwendung zur Erklärung der Erscheinungen ge- 
stattet, aber jede Verteidigung ihrer absoluten Wahrheit aus- 
geschlossen A\'issen wollte. Das war die Forderung der Dela-ete von 
1616 und 1620, die Beschränkung, in der auch Bellarmin die Be- 
nutzung der copernicanischen Lehre für erlaubt gehalten hatte. Es 
war derselbe Anspruch, in dem Galilei schon damals eine unerträg- 
liche Belastung des Gewissens für den wissenschaftlich Denkenden 
gesehen, und dem er dennoch, nachdem die Entscheidung gefallen 
war, in nie ganz unterdi'ücktem Widerstreben sich unterworfen hatte. 
Also wäre kein L^nt erschied für den gewissenhaft nach Wahrheit 



— 139 — 

Strebenden gewesen zwischen dem wissenschaftsfeindlichen Regiment 
eines Paul V. und dem des mit Jubel begrüßten Beschützers der 
Wissenschaft, des Mannes, der Galileis Entdeckungen besungen, an 
jedem seiner Werke sich erfreut, und der gesagt hatte, daß mit seinem 
AVillen jene Dekrete nicht erlassen worden wären? Es schien so, 
aber doch nur nach dem Klang der Worte, denn der Sinn der Forderung 
mußte ein anderer sein, nachdem der Papst seine Zustimmung dazu 
gegeben hatte, daß Galileis Buch in voller Ausführung zur Sprache 
bringe, was man zugunsten der copernicanischen Lehre zu sagen 
\dsse. Er sollte beweisen dürfen, daß — wenn nicht die Worte der 
Schrift und die übliche Weise, sie auszulegen — im Wege ständen, 
nichts Stichhaltiges gegen die Annahme einer Bewegung der Erde 
spreche, sollte also alle Schwierigkeiten, die sie dem Verständnis 
der Zeitgenossen boten, in klarer Darstellung und mit Hilfe all seiner 
neuen Erkenntnis aus dem Wege räumen dürfen, sollte in jeder seiner 
vergleichenden Ausführungen die ungeheure Überlegenheit der neuen 
Weltanschauung hervorleuchten lassen und von der Planetennatur 
der Erde und von der Erdnatur der Planeten reden dürfen, wie er 
dachte und wie es sein Xuncius Sidereus dargestellt hatte. Dem- 
gegenüber würde die Forderung der Beschränkung auf hypothetische 
Darstellung nur dann Unerträgliches bedeutet haben, wenn sie in 
Wahi'heit auch jetzt noch im Sinne Pauls V. und Bellarmins erhoben 
wäre, wenn sie meiir enthalten hätte, als die Anweisung, in Form 
und Ausdrucksweise zu vermeiden, was den Delvi'eten widersprach: 
in den Ausführungen das abschließende Wort zu unterdrücken, durch 
das die Auflehnung gegen die kirchliche Entscheidung faßbar wurde. 
In der hier angedeuteten Weise hat Galilei die Pflicht der Selbst- 
beschränkung aufgefaßt und geglaubt, so der zwiefachen Aufgabe 
genügen zu können, der Anerkennung der copernicanischen Lehre 
durch die Kirche die AVege zu bahnen, ohne den noch in Kraft stehen- 
den kirchlichen Entscheidungen zu widersprechen. Dürfen wii- an- 
nehmen, daß in dem Buche, das er im Mai 1630 dem römischen 
Zensor übergab, die Anordnung der Zutaten und Einschaltungen, 
durch die er den äußeren Bedingungen der Veröffentlichung Rechnung 
tnig, im wesentlichen eben die gewesen ist, die wir in den ,, Dialogen 
über die beiden Hauptweltsysteme" kennen, so war es die Vorrede, in 
der er seiner unbedingten Futerwerfung unter die Entscheidung der 
Kongregation Ausdruck gab, in bestimmten Worten anerkannte, daß 



— 140 — 

dieselbe durch die Rücksicht auf die Heihge Schrift bedingt und 
gerechtfertigt gewesen sei, und als Zweck des Buches hinstellt, zu 
zeigen, daß man in Eom im Jahre 1G16 gewußt habe, was zugunsten 
der copernicanischen Lehre spreche. 

Dem Zensor, dem von Urban der Maßstab der Beurteilung 
gegeben war, blieb es überlassen, zu ermessen, ob mit solcher Ein- 
führung und der vorsichtigen Zurückhaltung in der Verwertung der 
wissenschaftlichen Begründung den gestellten Forderungen in Wahr- 
heit entsprochen sei; ihm lag es ob, sofern ihm in den Darlegungen 
die Hinneigung zum Glauben an die absolute Wahrheit des Erwiesenen 
zu st^rk hervorzutreten schien, dem Verfasser hypothetische Ab- 
schwächung aufzuerlegen, für den Fall, daß ihm auf diesem Wege 
nicht erreichbar schien, was das Interesse der Kirche forderte, dem 
Buche die Erlaubnis zum Druck zu versagen und in diesem Sinne 
dem Papste Bericht zu erstatten. 

Sich in letzterer Richtung zu entscheiden, hätte ohne Zweifel 
demjenigen als die nächstliegende Lösung seiner Aufgabe erscheinen 
müssen, der bei genügender Befähigung, Galilei zu folgen und die 
Macht seiner Beweisführung zu empfinden, begriffen hätte, daß mit 
allen Beschränkungen der Form das Buch eine Verteidigung der 
copernicanischen Lehre bleiben mußte, und der dieser Erkenntnis 
gegenüber eine andere Rücksicht als die auf strenge Aufrechterhaltung 
des Ansehens der kirchlichen Dekrete nicht gekannt hätte. Nun 
hatte aber kein geringerer als der Papst jeden Zweifel darüber, daß 
mit dieser Rücksicht die klare Darlegung der wissenschaftlichen 
Beweise vereinbar sei und sein müsse, durch seine Weisungen aus- 
geschlossen. Schon durch die Willensäußerung des Papstes also war 
der Meister vom heiligen Palast darauf angewiesen, seine Forderungen 
in derselben Richtung zu halten, in der Galilei selbst sich die 
Schranken gezogen hatte; es ist außer Frage, daß er auch in dieser 
Richtung gewaltet hat. Als naher Freund der Freunde des Ver- 
fassers, unter dem starken Einfluß seiner Gönner und nicht zuletzt 
als aufrichtiger Verehrer Gahleis hat Mccolö Riecardi sich der Be- 
urteilung der ..Dialoge über Ebbe und Flut" unterzogen. Er hatte, 
so berichtet er später, alsbald erkannt, daß Galileis Buch der Forde- 
rung strenger hypothetischer Beschränkung nicht entspreche, daß es 
vielmehr die Beweise für und wider den Copernicus vorbringe, ohne 
eine Entscheidung zu treffen. Nichts deutet an, daß er versucht 



— 141 — 

oder Galilei zu dem Versuch veranlaßt habe, eine Umgestaltung^ 
des Buches oder einzelner Teile vorzunehmen, durch die wenigstens 
im sprachüchen Ausdruck die Absicht, sich hypothetisch zu be- 
schränken, besser erkennbar geworden wäre. 

Die eigentliche Revision des Buches wurde von liiccardi seinem 
Ordensgenossen und Gehilfen, dem P. Rafaello Visconti übertragen, 
der als Mathematiker für seine Aufgabe die Kenntnisse mitbrachte, 
die dem P. Maestro fehlten. Es wurde nicht versäumt, auch ihn 
mit den Mitteln von erprobter Wiiksamkeit zu beeinflussen. Auf 
GaUleis Ersuchen richtete man von Florenz aus an den P. Visconti 
die Aufforderung, sich die leichte und schnelle Erledigung der Prüfung 
angelegen sein zu lassen; er werde dadurch, durfte der Schreiber 
hinzufügen, auch den Prinzen Johann Karl von Medici sich zum 
Dank verpflichten, Galilei selbst fand bei einem Mittagessen, zu dem 
ihn P. Orazio Morandi^ einlud, die erwünschte Gelegenheit, seinem 
Zensor persönlich näher zu treten.^ 

Leicht und schnell entledigte sich P. Visconti seiner Aufgabe. 
Kur Kleinigkeiten (coselle) waren es, die er unter Galileis Zustimmung 
veränderte. Auch P. Riccardi bezeichnete dann noch geringfügige 
Verbesserungen als wiinschenswert, erklärte sich im übrigen für 
befriedigt und gab dann dem Buche sein Imprimatur. In münd- 
licher Verabredung blieb dabei die Änderung des Titels und aller 
derjenigen Teile des Buches vorbehalten, die mit der beseitigten 
ursprünglichen Bezeichnung seines Hauptgegenstandes im Zusammen- 
hang standen. Insofern war also die erteilte Erlaubnis nur eine 
bedingte. Es klingt nicht unwahrscheinlich, wenn später Riccardi 
behauptet, daß er sie zunächst nur gew^ährt habe, um Galilei Freiheit 
für die Verhandlungen mit dem Drucker zu geben, dabei aber auf 
eine zweite Revision gerechnet habe. Nicht ohne weiteres war voraus- 
zusehen, inwieweit durch die Umgestaltung der „Dialoge über Ebbe 



^ Die entgegenstehende Auffassung, die sich an den späteren Bericht 
Riccardis knüpft, wird widerlegt durch den Text der ,, Dialoge über die beiden 
Hauptweltsysteme", für den genau zutrifft, was Riccardi von der ihm zur 
Zensxir übergebenen Handschrift sagt. 

- Derselbe, der bald darauf in den Astrologenprozeß verwickelt wurde 
und schon am 30. Oktober 1630 im Gefängnis der Inquisition sein Ende fand 
(Ed. Naz. XIV p. 135). 

3 Ed. Naz. XIV p. 107. 



— 142 — 

inul Flut" zu den ..Dialogen über die beiden Hauptweltsysteme" 
für Eingriffe des Zensors neue Veranlassungen entstehen könnten, 

Galilei sah zunächst keinen Grund, von dieser Seite her neue 
Schwierigkeiten zu erwarten. Er wußte, daß auch nach der geforderten 
Umgestaltung sein Buch geblieben sein würde, was es gewesen war, 
als es im Prinzip die Billigung des Papstes, für die Einzelheiten der 
Ausführung die Zustininuing beider Zensoren gefunden hatte. Er 
rechnete darauf, in Rom drucken zu lassen, wo es unter den Augen 
seiner nächsten Freunde, Ciampolis und des Fürsten Cesi geschehen 
würde, deren Einfluß ihn des Schutzes gegen jede mögliche Wirkung 
minder günstiger Stimnmngen versicherte. So verließ er Rom, wie 
Kiccolini dem Minister berichtete, in voller Befriedigung und nach 
vollständiger Erledigung seiner kitzlichen Angelegenheit. Der Papst, 
fügte der Gesandte hinzu, hat ihn gern gesehen, hat ihm Freundlich- 
keiten in reichstem Maße erwiesen, wie auch der Kardinal Barberini, 
der ihn auch zum Mittagessen bei sich aufgenommen hat, und vom 
ganzen Hofe ist er geschätzt und geehrt worden, wie es sich geziemte.^ 

In dem erhebenden Gedanken, daß das Werk seines Lebens 
geborgen sei, daß nunmehr vielleicht schon in wenigen Monaten die 
Welt durch ihn erfahren werde, was kein anderer so wußte, so zu 
lehren wußte, wie er, war Galilei nach Florenz zurückgekehrt. Aber 
schon nach wenigen AVochen sah er am Horizont seiner Hoffnungen 
von neuem dunkle Wolken aufsteigen. Am 1. August starb in Rom 
Fürst Cesi. Die Bedeutung seiner Persönlichkeit für die Bestrebungen, 
denen er sein Leben hingegeben hatte, kann nicht besser veranschau- 
licht werden, als durch die Tatsache, daß mit seinem Leben sein 
W^erk zugrunde ging; nur ein Scheinleben führte nach seinem Tode 
die Akademie der Lyncei. Was insbesondere Galilei an dem immer 
hilfreichen, immer klug beratenden Freunde verlor, wd ihm nach- 
empfinden, wer in den zwanzig Jahren ihres einträchtigen Zusammen- 
wirkens in Cesis Worten und Taten das Wirken einer völlig selbst- 
losen Freundesseele verfolgt. Unschätzbar war für Galilei die hin- 
gebende Sorgfalt gewesen, mit der sich Cesi des Drucks und der 
Herausgabe erst der Briefe über die Sonnenflecke, dann des Saggiatore 
angenommen hatte; auf die gleiche treue Fülfe hatte er für seine 
Dialoge gerechnet; wenn hier noch Hindernisse auf dem scheinbar 



1 Ed. Naz. XIV p. 121. 



« 



— 143 — 

geebneten Wege sich hätten erhel)en können — wer hätte besser 
als Fürst Cesi in seiner milden, versöhnlichen Weise, mit seinem 
weitreichenden persönlichen Einfluß der Hebung der Schwierigkeiten,, 
dem Ausgleich der Gegensätze dienen können! So war es schon auf 
die Nachricht von seiner schweren ?>krankung Galilei zweifelhaft 
geworden, oi) nunmehr Rom noch der geeignete Ort für die Ver- 
öffentlichung sei. So richtet er schon am 5. August an den Genuesen 
Baliani die Frage, ob etwa in Genua die geeignete Druckerei sich 
finden werde. ^ 

Endgültig auf den Druck in Jioiii zu verzichten, veranlaßten 
ihn nicht lange darauf die Nachrichten aus Rom. „Aus vielen 
beachtenswerten Gründen", schreibt ihm am 24. August Castelli^ 
..die ich zur Zeit dem Papier nicht anvertrauen will, abgesehen davon, 
daß Fürst Cesi glorreichen Angedenkens aus diesem Leben geschieden 
ist, möchte ich glauben, daß es wohlgetan wäre, wenn Ihr, sehr ver- 
ehrter Herr, Euer Buch dort in Florenz drucken ließet, und zwar so 
bald als möglich." 

Was war geschehen, was so plötzlich dem sorgsamen Freunde 
geraten erscheinen ließ, die vor kaum zwei Monaten getroffene Abrede 
i-ückgängig zu machen und auch den Vorteil, den er sich von einer 
\>röffentlichung in Florenz versprach, mit tunlichster Beschleunigung- 
wahrzunehmen ? Kein späterer Bericht gibt darüber Aufschluß, 
aber es bedarf nicht der Kenntnis bestimmter Vorgänge, um zu 
begreifen, daß in Rom schon Avenige Wochen nach Galileis Abreise 
eine minder günstige Stimmung für seine „Dialoge" Raum gewann. 
Der eigenen Neigung wie dem Drängen der Freunde folgend, hatte 
P. Riccardi sich über die Bedenken hinweggesetzt, zu denen das 
Buch dem Konsultor der römischen Inquisition Veranlassung geben 
konnte; aber diese Bedenken waren nur besch\Aichtigt, zurück- 
gedrängt, nicht durch ausreichende Gründe als unberechtigt erwiesen; 
es kann nicht überraschen, daß sie alsbald von neuem sich in den 
Vordergrund der Überlegungen drängten, nachdem das Wort geschrieben 
war, das für den Drucker genügte; daß sie um so mehr beunruhigend 
auf das Gemüt des Palastmeisters wirkten, als nach Galileis Scheiden 
das starke Gegengewicht seines persönlichen Einflusses weggefallen 



1 Ed. Naz. XIV p. 127—130. 
- Ed. Naz. XIV p. 135f. 



— 144 — 

war. So wenig nach Galileis Eindruck Riccardi imstande war, sich 
in eine wissenschaftliche Untersuchung über die Stellung der Erde 
im Universum zu vertiefen, so mußte er doch aus jedem Wort, das 
er verstand, entnehmen, daß dies Buch, dem er das Imprimatur 
erteilt hatte, ein Buch zugunsten der copernicanischen Lehre war, 
ungewiß zum mindesten nmßte ihm erscheinen, ob er in der Deutung 
der Willensäußerung des Papstes nicht über Urbans wahre Absichten 
hinausgegangen war, und — wenn diese Absichten in jenen Tagen 
einer größeren Freiheit der Wissenschaft günstig gewesen wären — 
ob sie nicht dem Wandel unterliegen würden, wenn sich zeigen sollte, 
daß das gedruckte Buch in der Verwertung der gewährten Freiheit 
erheblich weiter gehe, als gestattet werden dürfe, und insbesondere 
dann, wenn Gegner aller Ai't, Gegner der Lehre \ne der Person des 
Verfassers und seiner Freunde mit geschickter Berechnung verständen, 
den Papst darüber aufzuklären, daß durch ihn oder wider ihn gestattet 
worden sei, was dem Interesse der Kirche zu'^iderlaufe. Mit der 
Erwägung solcher Möglichkeit war aber alsbald auch die Vorstellung 
von den ernsten Folgen hervorgerufen, zu denen früher oder später 
Riccardis Willfährigkeit bei der Ausübung seines Amtes führen 
konnte, von Gefahren für Galilei, aber vor allem auch für ihn selbst. 
Den von ehrgeizigen Hoffnungen erfüllten Mann mußte die Vor- 
stellung, daß er Urbans Gunst verscherzen könnte, aufs äußerste 
beunruhigen.^ Überdies fehlte es jener Zeit in den Vorgängen des 
römischen Lebens nicht an Eindrücken, die geeignet waren, die 
Stimmung des P. Maestro in gleicher Richtung und in verstärktem 
Maße zu beeinflussen. Es war insbesondere das Strafgericht, das 
damals, fast unmittelbar nach Galileis Abreise, über die römischen 
Astrologen hereinbrach, bei dem auch den Unbeteilgten zum Bewußt- 
sein kommen konnte, was ein Zornesausbruch Urbans VIII. für die- 
jenigen bedeutete, die seinem Selbstgefühl zu nahe traten oder in 
der Ausführung seines Willens eigenen Meinungen und Wünschen 
Raum gaben. Mit großer Wahrscheinlichkeit darf man annehmen, 
daß zur selben Zeit von seiten der jesuitischen Gegner gegen Galilei 
und sein Buch intriffuiert wurde. Vom Streit mit Horatio Grassi her 



^ Vergl. den Brief des Kardinals Magalotti an Guiducci vom 7. August 
1632, wo es heißt: E perche questo buon Padre si trova assai imbarcato e 
ingolfato nelle speranze, temedi quäl si voglia ostacolo, non che di questo, 
che e grandissimo (Ed. Naz. XIV p. 370). 



I 



— 145 — 

war die Stimmung der Jesuiten gegen ihn gereizt geblieben. Aber 
neben Grassi lebte damals in Rom Christoph Seh ein er. Auf dem 
Titelblatte seiner Rosa ürsina liest man, daß der Druck dieses seines 
Hauptwerks in Rom am 15. Juni 1630, also in einem Zeitpunkt 
beendigt wurde, in dem Galilei nach der Genehmigung seiner Dialoge 
noch in Rom verweilte. Wer im ersten Buche der Rosa Ursina den 
Spuren einer erbittert feindseligen Gesinnung nachgegangen ist, von 
der seit den Angriffen des Saggiatore Scheiners Gemüt erfüllt war, 
wer überdies einen Blick in sein späteres, fast ausschließlich gegen 
Galilei gerichtetes Buch geworfen hat, der weiß, was es bedeutet, 
daß Scheiner blieb, als Galilei ging.i Wenn etwa der Maestro del 
Sacro Palazzo über die wahre Bedeutung des Werkes, dem er sein 
Imprimatur gegeben, nicht ki-aft eigenen Nachdenkens zur Klarheit 
gekommen sein sollte — dieser Scheiner war der Mann, ihn aufzu- 
klären, auch ehe er das Buch in Händen gehabt hatte, von dem 
schon bei Galileis Ankunft gesagt worden war, daß es gegen die 
Lehre der Jesuiten streite. 

So gab es der Gründe genug, die dem P. Riccardi wünschenswert 
machen komiten, bei einer zweiten Revision der Dialoge nachholen 
zu dürfen, was bei der ersten versäumt war, nötigenfalls noch jetzt 
den Druck zu verhindern. Aber ebenso gab es für den Freund, der 
in Rom Gelegenheit hatte, die Menschen und ihre Gesinnungen zu 
beobachten, die Einflüsse und Wirkungen wahrzunehmen, vom Spiel 
der Intriguen Kenntnis zu erlangen, Gründe genug für die Überzeugung, 
daß es unter allen Umständen geboten sei, den Druck in Rom zu 
vermeiden, auch, was in Florenz geschehen könne, rasch geschehen 
zu lassen, um zu verhindern, daß auch hier die Widerstände sich 
bemerklich machten, die in Rom schon jetzt gewirkt hatten. 

Nicht unwahrscheinlich ist, daß als entscheidende Veranlassung 
für C'astellis Mahnung zu dessen eigenen Eindrücken noch eine Mit- 
teilung über bestimmte Vorgänge von wohlunterrichteter Seite 
gekommen ist. Darauf deutet die Bemerkung, die er seinem Rat 
hinzufügt-: er habe mit dem P.Visconti darüber gesprochen, ob die 
Drucklegung in Florenz zu Sch\\ierigkeiten Veranlassung geben 



^ Scheiner war 1624 nach Rom gekommen und blieb bis zum April 1633. 
Der Druck der Rosa Ursina fällt in die Jahre 1626—30. 
• Ed. Naz. XIV p. 135. 
Wohlwill, Galilei. II. 10 



— 146 — 

könnte, dieser habe erwidert: in keiner Weise, und habe dabei den 
lebhaften Wunsch geäußert, daß das Werk ans Licht kommen möge, 
Gahlei beeilt sich, den Kat des Freundes zu befolgen, der Floren- 
tiner Inquisitor scheint kein Bedenken getragen zu haben, einem 
Buche die Erlaubnis für Florenz zu erteilen, das schon mit dem 
Imprimatur des Maestro del Sacro Palazzo versehen war; schon am 

11. September setzte der Generalvikar von Florenz sein Imprimatur 
Florentiae unter das des römischen Zensors, und seiner Zustinmiung 
schlössen sich zunächst am selben Tage der Generalinquisitor 
P. Clemens Egidii, dann im Kamen der staathchen Zensur am 

12. September Niccolö delT Altella an. 

Darüber aber, ob nunmehr in Florenz gedruckt werden könne, was 
zu drucken erlaubt war, blieb der römischen Autorität die Entschei- 
dung vorbehalten. Wii* begreifen, daß P. Kiccardi sich nicht beeilte, 
eine Befugnis aus Händen zu geben, die ihm die Möghchkeit gewährte, 
zu modifizieren und vielleicht zurückzunehmen, was er mit halbem 
Herzen zugestanden hatte. Fast neun Monate vergingen, bis er sich 
entschloß, dem Florentiner Inquisitor seine Bedingungen mitzuteilen. 

Auf eine erste Mitteilung Galileis über seine veränderten Ab- 
sichten er\Niderte Riccardi schroff abweisend, so bestimmt erklärt 
er, auf der verabredeten \viederholten Revision und deshalb auf 
Übersendung des Manuskripts oder einer Kopie bestehen zu müssen, 
daß Castelli, der noch vor kurzem auf beschleunigte Veröffentlichung 
in Florenz gedi'ungen, der Mitteilung nur hinzufügen konnte: er habe 
den Eindruck, daß diese Übersendung sich durchaus nicht vermeiden 
lassen werde. Galileis Widerstreben gegen eine nochmalige AusHeferung 
seines Buches fand eine wu-ksame Unterstützung in der in jene Tage 
fallenden unheimlichen Ausbreitung der Pest und den strengen 
Sicherheitsmaßregeln, die an den Grenzen des Kirchenstaats gegen 
die Einschleppung der Seuche getroffen wurden. Galilei konnte nach 
Rom berichten: auf seine Frage, ob ein so umfangreiches Werk mit 
Sicherheit versandt werden könne, sei ihm von den Beamten und 
Ministern des Staats verneinende Antwort erteilt worden; kaum 
einfache Briefe wären mit Sicherheit ihrer Bestimmung zuzufühi'en, 
Schädigung oder Zerstörung durch Wasser oder Feuer müsse befüi'chtet 
werden. Gahlei bat in seinem Schreiben an den P. Riccardi, es möge 
gestattet werden, nur die Einleitung und den Schluß des Buches 
nach Rom zu senden, an diesen möge man dann nach Belieben in 



— 147 — 

Sinn und Worten ändern, was man fiu- nötig halte. Es bedurfte der 
Beredsamkeit und des freundsciiaftliehen Eifers einer Frau, der 
Gattin des Gesandten ]*viccolini, einer nahen Verwandten des 
P. Maestro, um diesen zu bewegen, mit Rücksicht auf die geschilderten 
Hindernisse auf Galileis Vorschlag einzugehen, unter der Bedingung 
jedoch, daß das Buch selbst in Florenz von einem Theologen des 
J)ominikanerordens revidiert werde, der in der Prüfung von Büchern 
die nötige Praxis habe. Riccardi schlug dafür den P. jS^ente vor^, 
erklärte sich aber nach einiger Zeit, als Galilei statt des P. Nente 
den P. Hyacinto Stefani zu beauftragen bat, auch mit der Wahl 
dieses Ordensgenossen einverstanden, der als Konsultor der Floren- 
tiner Inquisition die nötige Garantie zu bieten schien. ^ 

So konnte am 17. November die Gesandtin Galilei benachrich- 
tigen, daß, sobald er seine Einleitung und seinen Schluß übersandt 
hätte, Riccardi dem P. Stefani den Auftrag zur Revision erteilen 
und eine kiu'ze Instruktion über die Ausführung zugehen lassen würde. 
Einleitung und Schlußbetrachtung wurden alsbald überreicht, aber 
wieder vergingen Monate, ohne daß von Rom aus der Auftrag für den 
P. Stefani eingetroffen wäre, geschweige daß die beiden wesentlichen 
Bestandteile zurückgesandt wurden.^ In Wahrheit war, wie später 

1 Ed. Naz. XIV p. 157, 224. 

' Ed. Naz. XIV p. 167 u. öfter. 

^ Galileis Aussagen sowohl in seinem Brief vom 7. März 1631 an den 
Minister Cioli wie im Verhör der Inquisition vom Aprü 1633 rufen die Vor- 
stellung hervor, daß die vor dem 7. 3Iärz 1631 durch den P. Stefani ausgeführte 
Revision infolge eines formellen Auftrags des P. Maestro stattgefunden habe. 
Dem widerspricht jedoch nicht nur, daß die beiden Aktensammlungen kein 
Schreiben dieses Inhalts umfassen, sondern mehr noch, daß Riccardis späteres 
Schreiben vom 24. Mai 1631 ersichtlich das erste in der Angelegenheit der 
Dialoge an den Florentiner Inquisitor gerichtete ist, sowie daß in der Antwort 
auf diesen Brief der Inquisitor schreibt : er habe mit der Revision den P. Stefani 
beauftragt, ohne irgendwie zu erwähnen, daß dies in Übereinstimmung mit 
einer früher erhaltenen Weisung geschehe. In dem hierher gehörigen Brief- 
wechsel wird P. Stefani nur ein einziges Mal von P. Riccardi genannt, und 
zwar in dem Brief an Niccolini vom 25. Aprü 1631, wo er ausdrücklich sagt: 
P. Stefani könne eme ihm genügende Approbation nicht geben, da er die 
Ansichten des Papstes nicht kenne. Auch diese Äußerung beweist, daß Ric- 
cardi bis dahin keine Weisung wegen einer Revision in Florenz dorthin gesandt 
hatte, denn die ,,poca instruzione", durch die er seinen Auftrag zu ergänzen 
versprochen, hätte, wie sein späteres Schreiben beweist, notwendig eine Mit- 
teilung über die Ansicht des Papstes enthalten müssen. 

10* 



— 148 — 

der Gesandte Mceolini berichtet, der P. Stefani, in dem Galileis 
Freunde den Revisor nach ihrem Sinne gefunden zu haben meinten, 
dem P. Riccardi keineswegs genehm. Es entsprach seinem schwanken- 
den Wesen, Galileis Wünschen nicht zu widersprechen und doch 
durch Zurückhaltung des Auftrags seine Zustinmmng unwirksam zu 
machen. 

In Florenz fand man die vorläufige Nachricht der Frau Niccolini, 
daß der P. Maestro sich einverstanden erklärt habe, ausreichend, 
um den P. Stefani mit der Revision zu betrauen. P. Stefani ent- 
sprach den Erwartungen, die Galileis Freunde in ihn gesetzt hatten. 
Wie zuvor P. Visconti in Rom, las er die Dialoge ohne feindliehe 
Voreingenommenheit, ja zu Gahleis Gunsten beeinflußt, nicht nur 
durch Florentiner Beziehungen, sondern ohne Zweifel auch durch 
die Weisung, die für ihn in dem Imprimatur der römischen Autorität 
gegeben war, also unter dem bestimmten Eindruck, daß man in Rom 
gegen die Tendenz des Buches nichts einzuwenden finde. So konnten 
es nur völlig bedeutungslose Änderungen einzelner Ausdrücke sein, 
durch die er seinem Auftrag zu genügen sich bemühte; er setzte 
„Universum", wo Galilei „Natura" geschrieben hatte, „titolo" statt 
attributo, „ingegno sublime" statt „divino" und bat Galilei, diese 
Korrekturen zu entschuldigen, durch die er zu bewirken hoffte, daß 
auch der böseste Feind keinen Angriffspunkt finde. Bis zu Tränen 
rührte den frommen Mann die Demut und verehrungsvolle Unter- 
werfung unter die Autorität der Oberen, die ihm an mehr als einer 
Stelle des Buches entgegentrat; bitten hätte man den Verfasser 
müssen, sagte er, ein solches Werk zu veröffentlichen, statt ihm 
Hindernisse zu bereiten. ^ 

So befriedigend das alles für Galilei klingen mochte — auch 
die Revision des P. Stefani war bedeutungslos für den Florentiner 
Drucker, solange nicht in Rom das entscheidende Wort gesprochen 
war; aber der P, Maestro verharrte im Schweigen. 

In peinlichem Warten waren Galilei die langen Wintermonate 
vergangen; da entschloß er sich, die Hilfe des Großherzogs und seines 
Ministers in Anspruch zu nehmen, nicht etwa in dem Gedanken, 
daß diese den Florentiner Drucker autorisieren sollten, nun endlich 



^ Vergl. die Briefe C4alileis an den Minister Cioli vom 7. III. 1631 u. 
3. V. 1631 (Ed. Naz. XIV p. 21off. u. 258ff). 



1 



— 149 — 

seine Presse füi- ein Werk zur Verfügung zu stellen, das in Rom und 
Florenz gebilligt worden war, sondern mit dem bescheidenen Wunsche, 
daß der P. Maestro in Rom durch den Florentiner Gesandten ver- 
anlaßt werden möge, nicht mehr zu hindern, was er zu fördern ver- 
sprochen hatte. In erregter Darstellung berichtet er in einem an den 
Minister Andrea doli gerichteten Schreiben vom 7. März^ über die 
Folge der Vorgänge, die sieh an seine letzte römische Reise geknüpft 
hatten, und wie nun der P. Maestro trotz aller seiner Versprechungen, 
die Vorrede und die Schlußbetrachtung zu bearbeiten und dann 
zurückzuschicken, sie weder geschickt noch überhaupt ein Wort 
darüber habe verlauten lassen. „So steht nun das Werk im Winkel", 
ruft er aus, „mein Leben geht dahin, und ich verbringe es in beständiger 
Pein." 

Er richtet an den Minister die Bitte, zu veranlassen, daß im 
Namen des Großherzogs der Gesandte beauftragt werde, sich mit 
dem P. Maestro in Verbindung zu setzen und ihm den W^unsch 
Sr. Hoheit kundzugeben, daß mit dieser Sache ein Ende gemacht 
werde; nicht unangemessen schien ihm, als Grund für das Interesse 
des Großherzogs anzuführen, daß er wissen wollte, welche Ai't 
Menschen er in seinen Diensten halte; aber besser als er selbst, meint 
Galilei, werde der Minister die geeigneten Mittel wissen, seine An- 
gelegenheit zur Entscheidung zu bringen, so daß er noch bei Lebzeiten 
von einem Ergebnis seiner schweren und langen Bemühungen etwas 
erfahre. 

Der jugendliche Großherzog Ferdinand war von Galileis Be- 
kümmernis aufs lebhafteste ergriffen. Er befahl, daß eine Abschrift 
des Briefes an den ^linister dem Gesandten zugestellt und ihm die 
Anweisung erteilt werde, so bald als möglich und in wirksamer Weise 
bei dem P. Maestro del Sacro Palazzo Galileis W^ünsche zur Sprache 
zu bringen, auch keinen Zweifel darüber zu lassen, daß der Groß- 
herzog selbst es sei, der auf Abhilfe dringe, da er in W^ahrheit 
wünsche, daß das bedeutende Werk gedruckt werde, und an der 
Aufregung, in die Galilei durch das Hinausschieben sich versetzt 
sehe, vollen Anteil nehme. 

NiccoUni versicherte, daß ihm und seiner Gattin Galileis Inter- 
essen jederzeit am Herzen gelegen, daß seine Gattin noch vor kurzem 



1 Ed. Naz. XIV p. 215ff. 



— 150 — 

mit dem P. Maestro seinetwcg:en verhandelt habe, und daß sie beide 
sich in der gewünschten Weise so wirksam als mös:lieh weiter bemühen 
werden. 

Riccardi versuchte es auch dorn (Iroßherzog uiul (Umumi fiegen- 
ül)er, die in seinem Auftrag ihn bedrängten, mit guten Worten. Auch 
jetzt noch war er nicht gewillt, auf die j\Iöglichkoit Verzicht zu leisten, 
die gegebene Zustimmung unwirksam zu nuichen, und doch fehlte 
ihm der Mut, um der möglichen Gefahr willen von der Macht, die 
ihm gegeben war, Gebrauch zu machen, in der entscheidenden Stunde 
durch entschlossene Zurücknahme seines Imprimatur die Veröffent- 
lichung eines Buches zu verhindern, das mit allen Mitteln der Zensur 
nicht mit den kirchlichen Dekreten in Einklang zu bringen war. So 
kam er im Gespräch mit C'astelli nochmals darauf zurück, man möge 
ihm das Buch zurückgeben, dann werde er unter Mitwirkung des 
Msgr, Ciampoli leicht bessern können, was der Besserung bedürfe, 
und konnte doch, als er so redete, weder glauben, daß auf diesem 
Wege wirksame Hilfe zu schaffen sei, noch hoffen, daß man ihm in 
Florenz willfahren werde. 

Allwöchentlich wurden nun in Florenz die Berichte des Gesandten 
mit Spannung erwartet; immer von neuem vertrösteten sie auf eine 
bevorstehende entscheidende Unterredung, und immer wieder hatte 
in der Erwiderung der Minister von den Wünschen und dem Willen 
des Großherzogs zu reden, der Galileis Sache ganz und gar zur eigenen 
zu machen schien; langsam nur begann das unablässig erneute Dringen 
und Drängen des Gesandten und seiner beredten Gattin auf den 
P. Riccardi zu wirken, schon glaubten sie, in vereintem stürmischen 
Angriff in einer langen Sitzung vom 14. April seinen Widerstand 
besiegt zu haben: er hatte sich bereit erklärt, die Vorschriften auf- 
zusetzen, nach denen der Druck in Florenz erfolgen könnte, und zur 
Sicherung auf den Wunsch des Gesandten versprochen, in einem 
an ihn gerichteten Schreiben die getroffenen Verabredungen Wort 
für Wort zu Papier zu bringen — da empfing Xiccolini einen vom 
25. April datierten Brief, der trotz scheinbaren Entgegenkommens die 
Aussicht auf erneute Verzögerungen eröffnete. 

„Der P. Stefani", schreibt Riccardi\ „wird das Buch in verständiger 
Weise durchgesehen haben, da er aber die Meinungen unseres Herrn 



1 Ed. Naz. XIV p. 254 f. 



— 151 — 

nicht könnt, kann er keine Approbation «oben, die mir genügt, um 
sie meinerseits zu geben, so daß das Buch gedruckt werden könnte 
ohne Gefahr, daß daraus Unannehmlichkeit für ihn und mich ent- 
stände, wenn die gegnerisch Gesinnten etwas darin fänden, was den 
Vorschriften widerspricht. Ich habe keinen größeren Wunsch, als 
Sr, Hoheit dem Großherzog, meinem Herrn, zu Diensten zu sein, 
aber ich möchte es in einer Weise tun, daß eine Person, die von einem 
so großen Herrn beschützt wird, in keiner Weise Gefahr läuft, Schaden 
an seinem guten Ruf zu leiden; und das kann ich nicht dadurch 
bewirken, daß ich schlechthin die Erlaubnis zum Druck gebe, die 
in Florenz nicht meine Sache ist, sondern nur, indem ich sicherstelle, 
daß sie der Regel entspricht, die ihm als Befehl von Sr. Hoheit gegeben 
ist, indem ich sehe, ob er sie befolgt hat. AVenn die Vorrede, die am 
Anfang stehen soll, und das Ende des Buches kommt, so werde ich 
leicht sehen, was mir genügt, und werde alsdann bezeugen, daß ich 
das Werk approbiert habe; kann davon^ auch nicht einmal eine 
Abschrift kommen, so werde ich einen Brief an den Inquisitor schreiben, 
in dem ich ihm angebe, worauf er in dem Buche zu achten hat, indem 
ich ihm auseinandersetze, was mir befohlen worden ist, damit, wenn 
er sieht, daß es Beachtung gefunden hat, er es frei seinen Weg gehen 
und drucken lassen kann, oder es mag ein anderer Weg gefunden 
werden, wenn nur nicht meine Unterschrift allein dem Herrn Galilei 
helfen soll und mir für mein Entgegenkommen Schaden bringt; denn 
der geringste Wink so hoher Herrschaften genügt, daß ich tue, was 
sich irgend tun läßt." 

., Unter allen Umständen", schließt das Schreiben, „möge man 
in Florenz versichert sein, daß kein Lebender mir von dieser An- 
gelegenheit gesprochen hat, weder von den Oberen noch von den 
Unteren, noch auch von Gleichstehenden, außer meinen und Galileis 
gemeinsamen Freunden, auch nicht denken, daß gegnerisch Gesinnte 
die Hand im Spiel haben, denn das ist in Wahrheit nicht der Fall." 

Mit Entrüstung sah Galilei aus diesem Schreiben vor allem, 
daß der P. jNIaestro, wie er es bis dahin fast ein Jahr hindurch mit 
ihm getan hatte, nunmehr sich anschickte, in gleicher Weise mit 



1 Reusch [Der Prozeß Galileis und die Jesuiten (Bonn 1879), S. 205] 
setzt in Klammer: des ganzen Buches. Diese Deutung scheint mir den un- 
mittelbar vorhergehenden Worten zu widersprechen. 



— 152 — 

nichtssagenden Worten auch den Großherzog hinzuhalten. Statt, 
wie längst versprochen, die Vorrede und das Ende, die er seit Monaten 
in Händen hatte, zurückzuschicken, um den Druck zu ermöglichen, 
sprach er von der Notwendigkeit, diese Teile zu sehen, um ein Urteil 
zu gewinnen, als ob er sie zu erwarten hätte; statt in klaren Worten 
zu sagen, worin die Forderungen des Papstes bestehen, damit man in 
Florenz erkennen könne, ob sie befolgt seien, deutet er nur geheimnis- 
voll an, daß nur, wer den Willen des Papstes kenne, beurteilen könne, 
ob Galileis Buch freizugeben sei. Während also Niccolini nach der 
gegebenen Zusage in Aussicht gestellt hatte, daß der Brief des Paters 
den Befehl, zu drucken, enthalten und angeben werde, was dabei zu 
beachten sei, enthielt das eingesandte Schriftstück weder das eine 
noch das andere. ,, Nicht leicht zu ertragen", nennt Gaülei in einer 
neuen Eingabe an den JMinister ein derartiges Verhalten. Riccardis 
Schreiben gibt ihm das Gefühl, als ob er in einem Ozean segele, in 
dem es weder Ufer noch Hafen gibt. Er sinnt und grübelt, ^^^e da 
zu helfen sei. In allen seinen Plänen ist es die Autorität des Groß- 
herzogs, von der er die erhoffte, entscheidende Wendung ausgehen 
sieht. Darum nniß dieser vor allem überzeugt werden, daß keines- 
wegs, ^^'ie der hartnäckige Widerstand des P. Maestro glauben 
machen könnte, ernstere, das Interesse der Kirche berührende 
Meinungsverschiedenheiten vorliegen, um derentwillen man mit Recht 
das Erscheinen seines Buches verhindern könnte. Er schlägt deshalb 
vor, daß sobald als möglich der Inquisitor von Florenz und der 
P. Stefani vom Großherzog eingeladen werden, vor Sr. Hoheit,- dem 
Minister Cioli, dem Grafen Orso d'Elci und sonstigen dem Groß- 
herzog genehm erscheinenden Gutachtern bei Hofe zu erscheinen; 
dann werde er, Galilei, sich einfinden und das Werk mitbringen mit 
allen den Zensuren, die darin vom Padi-e Maestro del Palazzo selbst, 
von seinem Genossen, P. Visconti und vom P. Stefani angebracht 
worden sind, wobei dann der P. Inquisitor alsbald erkennen Jiönnte, 
wie geringfügige Dinge es seien, die man getadelt und die man ver- 
bessert habe; wenn er dann überdies sähe, vde unterwürfig und ver- 
ehrungsvoll der Verfasser sich bereit finden lasse, als Träume, Chimäxen, 
Zweideutigkeiten, Trugschlüsse und leere Behauptungen alle Gründe 
und Argumente zu bezeichnen, die Meinungen beizupflichten scheinen 
könnten, die die Oberen nicht für erlaubt halten, so würden er und 
die Anwesenden erkennen, wie wahr ist, was er behauptet: daß er 



— 153 — 

in (liosei* Aniiclofrenhcit iiiomals ciiio andere Meinung und Absicht 
gehabt habe ah die lu'iligsten und ehrwürdigsten Väter und Lehrer 
der Kirche. Diese Art, den Inquisitor aufzuklären, meint Galilei, 
werde um so mehr am Platze sein, als P. Eiccardi schreibe, er werde 
dem Inquisitor angeben, was in dem Buche beachtet werden müsse, 
so daß, wenn er es beachtet fände, er die Freigabe des Buches für den 
Druck gestatten könnte. Und ebenso würde, wenn der Minister, wie 
er bittet, den Großherzog zum Eingehen auf seinen Vorschlag ver- 
anlaßte, Seine Hoheit wie alle übrigen erkennen, wie schlecht unter- 
richtet diejenigen sind, die — wie kürzlich der Gesandte ]Mccolini — 
sagen können, daß ., seine Meinungen nicht gefallen", ,,denn die 
Meinungen, die nicht gefallen, sind nicht die meinigen, und die meinen 
sind die, zu denen St. Augustin, St, Thomas und all die übrigen 
heiligen Väter sich bekennen." 

So durchaus hatte Galilei in jenen Tagen sich in die künstliche 
Verhüllung seiner Überzeugung hineingedacht, daß er hier kaum 
noch zu verstehen scheint, wenn man von dem Glauben an die Be- 
wegung der Erde wie von einer ihn interessierenden Meinung spricht. 
Es hängt damit zusammen, daß er in dem ängstlichen Zaudern und 
Schwanken des P. Riccardi immer nur die Wirkung gegen seine 
Person gerichteter feindseliger Bestrebungen und Intrigen spürt, daß 
der Gedanke an die Möglichkeit einer ernsteren, ihn selbst bedrohen- 
den Gefahr ihm nicht nahetritt. 

Den erhaltenen Briefen ist nicht zu entnehmen, ob eine Zusammen- 
kunft nach Galileis Wunsche stattgefunden hat, doch erkennt man die 
AVirkung seines Schreibens vom 3. Mai auf den Großherzog an Mc- 
colinis von neuem verstärkten Bemühungen, den P, Riccardi zur 
Nachgiebigkeit zu bewegen. Um nichts zu versäumen, wurden ihm 
die Vorrede und die Schlußbetrachtung nochmals überreicht, zugleich 
aber mit allem Nachdruck die Autorität des Großherzogs zur Geltung 
gebracht; Niccolini ließ den Pater nicht darüber im Zweifel, daß 
sein Fürst eine an der Veröffentlichung des ihm gewidmeten Buches 
persönlich interessierte Partei sei und als solche geachtet werden 
wolle. Dem energischen Fordern fehlte dieses Mal der Erfolg nicht. 
In den letzten Tagen des Mai empfing der Inquisitor von Florenz 
riemente Egidii. die vor mehr als Monatsfrist in Aussicht gestellte 
Mitteilung über die Bedingungen, unter denen der Druck des Buches 
in Florenz zu gestatten sei. Es waren nach Riccardis Angabe im 



— 154 — 

wesentlichen die Forderungen des Papstes, die an früherer Stelle 
bereits zur Sprache gekommen sind. Unter Beobachtung dieser 
Vorschriften sollte der Inquisitor von seiner Autorität Gebrauch 
machen und das Buch freigeben oder nicht, ohne sich dabei durch die 
vorhergehende Revision des P. Maestro beschränkt zu fühlen. Wären 
die Weisungen befolgt, so würde dann das Buch auch in Rom keinerlei 
Behinderung erfahren. Der Inquisitor könne also den Wünschen des 
Verfassers entsprechen und dem Größherzog, der in dieser Angelegen- 
heit so großen Eifer zeige, zu Diensten sein. 

Der entscheidende Brief \^1^•de zur Kenntnisnahme für Galilei 
und den Großherzog dem Minister Cioli übersandt und durch diesen 
dem Inquisitor zugestellt. Der Inquisitor beeilte sich, sorgfältigste 
Befolgung der erteilten Weisung zuzusagen. ,,Sr. Hoheit", fügt er 
hinzu, ..liegt der Druck dieses Werkes besonders am Herzen, und 
der Herr Galilei zeigt die größte Bereitwilligkeit, gehorsamst jede 
Verbesserung anzunehmen." Wenn er dann weiter mitteilt, daß er 
das Werk dem P. Stefani vom Dominikanerorden, ,, einem Priester 
von großer Tüchtigkeit und Konsultor des Florentiner heiligen 
Offiziums" zur Revision übergeben habe, so darf dahingestellt bleiben, 
ob er — wie die Worte anzunehmen gestatten — auf die schon aus- 
geführte Zensur Bezug nimmt oder nochmalige Prüfung auf Grund 
der nun erst empfangenen bestimmten Weisungen veranlaßt hat. 
Es konnte Galilei nicht schwer fallen, den Pater zu überzeugen, daß 
sein Werk den Weisungen entsprach. Die von Urban geforderte 
Änderung des Titels war ausgeführt. Aus den Dialogen über Ebbe 
und Flut waren „Dialoge über die beiden Hauptweltsysteme" geworden. 
Gexsiß ist, daß die Prüfung in Florenz eine irgend erhebliche weitere 
Verzögerung des Drucks nicht mehr be\drkt hat. In den letzten 
Tagen des Mai war das Schreiben des P. Maestro eingegangen; schon 
am 20. Juni weiß Castelli in Rom aus Galileis Briefen, daß das Buch 
gedruckt wird.^ Auf Niccolinis Frage, ob Galilei nunmehr befriedigt 
sei, konnte der Minister erwidern: vollkommen befriedigt! Aber 
auch jetzt noch war ihm nicht vergönnt, in Ruhe das Schicksal seines 
Buches zu erwarten, noch einmal verging ein Monat und fast noch 
ein zweiter, bis auch die adjustierte Vorrede in Florenz eintraf. Im 
aussichtslosen Bemühen, noch in letzter Stunde zu hindern, was er 



1 Ed. Naz. XIV p. 277. 



— 155 — 

mit Widorstroben hatte trestatten niüssoii, hielt Riccardi noch immer 
das wichtige Schriftstück zurück, mit dem das Werk in Einklang 
gebracht werden sollte, das also auch der Florentiner Zensor ver- 
glichen haben mußte, um sicher zu sein, daß er den päpstlichen 
Forderungen genügte; noch einmal bedurfte es der energischen Vor- 
stellungen des Gesandten, um den letzten Widerstand des P. Maestro 
zu brechen. „Nach unendlicher Mühe", schreibt am 10. Juli Niccolini 
an Galilei, ..habe ich endlich die Korrektur der Einleitung zu Eurem 
vortrefflichen Werk erhalten, wie Ihr, verehrter Herr, aus dem bei- 
liegenden, an Pater Inquisitor adressierten Päckchen ersehen werdet. 
In der Tat verdient der Pater Palastmeister bemitleidet zu werden, 
denn gerade in diesen Tagen, in denen er von mir bedrängt und 
beunruhigt wurde, hat er sehr große Unannehmlichkeiten und 
Kränkungen in Veranlassung einiger anderer, vor kurzem veröffent- 
lichter Werke erfahren, so wie er auch zu anderen Zeiten Wider- 
wärtigkeiten erlitten haben muß, „Nur bei den Haaren gezogen", 
wie man zu sagen pflegt, hat er jetzt nachgegeben, und das nur aus 
Verehrung für den durchlauchtigsten Namen Sr. Hoheit und für sein 
durchlauchtigstes Haus." 

In dem Begleitschreiben an den Florentiner Inquisitor, mit dem 
Riccardi die Vorrede übersandte, wird ausdrücklich gesagt, daß die 
Forderung, sie als Einleitung an die Spitze des Buches zu stellen, 
^\ie die zuvor übermittelten Vorschriften in Ausführung des päpst- 
lichen Befehls gestellt werde. Dabei möge dem Verfasser die Freiheit 
bleiben, unter Festhaltung des Wesentlichen des Inhalts an den 
Worten Änderungen und Ausschmückungen vorzunehmen. 

Etwas eingehender bestimmt eine Anweisung auf der Rückseite 
des letzten zur Vorrede gehörigen Blattes, daß die Schlußbetrachtung 
des ganzen Werks mit der Vorrede übereinstimmen soll, wobei der 
Herr Galilei die ihm von Sr. Heiligkeit namhaft gemachten, der 
göttlichen Allmacht entnommenen Gründe hinzuzufügen hat, die 
den Verstand beruhigen sollen, wenn man auch den Pythagoreischen 
Gründen sich nicht zu entziehen vermag.^ 



^ Mit großer Wahrscheinlichkeit hat man anzunehmen, daß, wie der 
Gesamttext der Vorrede, so auch diese Anweisung für den Inhalt der Schluß- 
betrachtung von Galilei selbst herrührt. Nach dem Brief der Caterina Ric- 
cardi vom 19. Okt. 1630 hatte der Pater Maestro sich bereit erklärt, auf die 
Lbersendung des Buches zu verzichten, wenn ihm ,,die Vorrede und das Ende" 



— 156 — 

"Wir kennen die Jntriguen nicht, die im Hintergrund der lang- 
hingeschleppten Verhandlungen über den Druck der Dialoge wirkten; 
mir eine wenig verbürgte Krzählung spricht von einer bitteren Feind- 
schaft des Kommissars der Inquisition P. Fiorenzuola gegen den 
Padre Maestro Riccardi; wir wissen nichts davon, aber als zuverlässig 
dürfen wir annehmen, daß die feindseligste Gesinnung, das harte 
,.Nein" eines unerbittlichen Zensors der Inquisition für Gahlei eine 
Wohltat gewesen wäre gegenüber der Marter ohne Ende, mit der ihn 
die wohlwollende Schwäche des Freundes und Schülers heimsuchte, 
daß ein solches barbarisches, "Wissenschaft und Vernunft verbannen- 
des Nein ilim zugleich für die Zukunft sichereren Schutz gewährt 
hätte, als diese bei den Haaren herangezogene Elrlaubnis, die unter 
dem Scheine der Bestimmtheit Raum für jede künftig wünschenswerte 
Deutung ließ. Das Nein hätte ihn überzeugt, daß er das Unmögliche 
wollte, wenn er unter dem Schutze der Kirche und, soweit als tun- 
lich, ohne Schädigung ihrer Würde darzutun versuchte, daß die Kirche 
sich mit der Vermmft und der "Wissenschaft in AViderspruch setze, 
wenn sie das Verbot des Copernicus aufrechterhalte. Der P. Maestro 
war schwerlich ein Philosoph und vielleicht überhaupt nicht einmal 
ein Gelelirter, aber diesen Gedanken mußte er, sei es als Absicht, 
sei es als naheliegende Konsequenz in der Darstellungsweise der 
Dialoge entdecken. ^Nichts deutet an, daß er Galilei über das Gefähr- 
liche einer solchen Berechnung aufzuklären versucht oder ihni die 
Möglichkeit dargelegt hätte, daß die kirchliche Macht die Maske 
sich gefallen lasse, solange dies bequem schien, um dann, wenn der 
Wind sich wandte, den strafbaren Kern dem Inquisitor zu überreichen ; 
vielmehr nnißten die bedeutungslosen, die Hauptsache nicht be- 
rührenden Änderungen und Forderungen ihn in der Überzeugung 
bestärken, daß er den richtigen Weg gewählt habe, um zugleich der 
Kirche und der Wissenschaft zu genügen. Bei allem Zögern und Aus- 
weichen war niemals von einer Änderung im Wesentlichen die Rede 



gesandt werden, nach dem Brief derselben Caterina Riccardi vom 17. Nov. 
ist ,,il proemio ed il fine" von Galilei gesandt worden; auch die wiederholte 
Sendung nach Riccardis Brief vom 25. April 1631 hat nach Niccolinis Bericht 
(vom 17. Mai 1631) wiederum aus proemio und fine bestanden. Galilei hat 
also ohne Zweifel eine Angabe über den Inhalt der Schlußbetrachtung nach 
Rom gesandt; es liegt kein Grund vor, sich diese verschieden von der hier vor- 
liegenden zu denken. 



!l 



— 157 — 

gcwoson, und dio Instruktion für den Florentiner Inquisitor seinen 
vollends zu bestätifien, daß eine wesentliche Verschiedenheit der 
Auffassun«: nicht hestand. Tin so mehr mußte Galih'i den Grund 
der unerhürten und unauf<i;eklärten Verzögeruno;en in perHÖnlichen 
Motiven suchen; so waren sie ihm keine Mahnuni,^ zur Vorsicht, 
sondern nur eine Aufforderun«^, die krät'tii^sten Mittel in Anwendunfj 
zu bringen, um zum Ziele zu f^elangen; und so mußte er es als Erlösung 
begrüßen, als dieses Ziel erreicht schien. Nun endlich waren dem Werk 
seines Lehens die We2;e gebahnt. 



Sechstes Kapitel. 
Aufnalime der Dialoge. 



Die Veröffentlichung des lange erwarteten Buchs wurde von den 
Anhängern der neuen Wissenschaft in ganz ItaHen mit Jubel begrüßt. 
Es sind vorzugsweise Freundesstimmen, die uns von dem mächtigen 
Eindruck Kunde geben, aber unter den denkenden Freunden und 
Schülern finden sich neben hochstehenden Laien von auserlesener 
Bildung sachkundige Gelehrte ersten Ranges. Es war Galilei gelungen 
— das bezeugen die ersteren — wie er gewollt hatte, für alle Denken- 
den die copernicanische Weltansicht als die einfachere und die wahre 
erscheinen zu lassen^, aber auch den Eingeweihten hatte er neue 
Beweise, neue Anschauungen und vor allem neue Probleme im Über- 
flusse geboten — das bekunden die Briefe der l'astelli und Cavaheri, 
Gassendi und Torricelli. Die Zuschriften dieser Männer strömen von 
Bewimderung über— fesselnd, wie nur der Orlando furioso, daß man 
kein Ende findet, wo immer man zu lesen anfängt, so dünkt dies 
Buch den P. Cavalieri^, einen der ersten Mathematiker der Zeit. 
IVIit unbeschreiblichem Staunen und Vergnügen hat Castelli es von 
Anfang bis zu Ende gelesen und alsbald von neuem angefangen, 
es den Freunden Magiotti und Toricelli vorzulesen, und immer mehr 
erfreut es ihn, immer mehr setzt es ihn in Erstaunen, und immer 
mehr fühlt er sich bereichert. Das bischen Leben, das ihm übrig 
bleibt, will er darauf verwenden, nur dieses Buch zu studieren, von 



^ Was für hervorragende Laien auch außerhalb des Freundeskreises 
die Dialoge bedeuteten, das beweist unter anderem das Urteil des Hugo 
Grotius. „Es ist so reich an Aufschlüssen über verborgene Dinge", schreibt 
er, ,,daß ich kein Werk unsres Jahrhunderts ihm zu vergleichen wage, vielen 
der Alten es vorziehe." 

2 Ed. Naz. XIV p. 336—337. 



— 159 — 

ihm allein hofft er die Erhebung und den Trost, den die Betrachtung 
der Wunder Gottes im Himmel und auf Erden gewähren kann. 
Bewundernswert erschien den Lesern der Dialoge der Inhalt wie die 
Sprache, die Kraft der Beweise, wie die Klarheit der Erörterung. 
Für den Xichtastronomen namentlich schien Galileis Begründung 
„um vieles der des Copernicus überlegen", „Um die Wahrheit zu 
sagen", schrieb aus Venedig Fulgentio Micanzio^ „was hat das 
copernicanische System in Italien gegolten? Ihr aber habt ihm Flügel 
<j;egeben und den Busen der Natur entschleiert." 

Mit besonderer Genugtuung sah Thomas Campanella, der mutige 
Verteidiger vom Jahr 1616, zur Ausführung gebracht, was er Galilei 
schon zwanzig Jahre früher als seine wichtigste Aufgabe ans Herz 
gelegt hatte. Er vermißte zwar in den Dialogen die ersehnten Auf- 
schlüsse über die schwierigen Probleme der Planetenbahnen und die 
andern, von Copernicus nicht gelösten Eätsel, die seines Erachtens 
niemand lösen wiü'de, wenn Galilei sch\\iege; aber er sah, Avie er 
gehofft und gefordert, ..das wahre Weltsystem gesichert". Cam- 
panella begriff das W^erk und seinen großen Inhalt im Zusammen- 
hange mit der „großen Erneuerung" der Philosophie und der gesamten 
Wissenschaft, der auch er sein Leben und Denken gewicbnet hatte. 
„Ich wage zu sagen", schreibt er im Gefühl dieser Gemeinschaft der 
Bestrebungen an Galilei, „daß, wenn wir miteinander ein Jahr auf dem 
Lande verbrächten, große Dinge zustande kommen würden, und 
wenngleich Ihr dazu ausreicht, so weiß ich doch, daß ich Euch ein 
nützlicher Verbündeter wäre und viele Bedenken nicht peripatetischer 
und nicht laienhafter Art über die Prinzipien der Philosophie zur 
Sprache bringen würde. Gott ^Yill es nicht; er sei gelobt! Diese 
Erneuerung aller Wahrheiten von neuen Welten, neuen Sternen, 
neuen Systemen, ist der Anfang eines neuen Zeitalters. Das Übrige 
wird der tun, der das Ganze leitet. Wir, nach dem geringen Teil, 
der uns zufällt, woUen ihm helfen. Amen!"^ 

Wie das Werk als Ganzes, so hatten auch die Einzelheiten in 
den Kreisen der Sachkundigen sich wärmster Zustimmung zu er- 
freuen. Vor allem nahmen die AAichtigen Sätze aus Galileis neuer 
Bewegungslehre, die hier zum erstenmal veröffentlicht wurden, das. 

^ Ed. Naz XIV p. 364. 

- Ed. Naz. XIV p. 366— 3ö7. 



— 160 — 

lebhafteste Interesse in Anfipnich. Von allen Seiten drang man in 
den Verfasser, die verheißenen weiteren Dialoge, die diese An- 
dentungen ausführen sollten, nicht länger den Wißbegierigen vor- 
zuenthalten. 

Den gleichen Beifall fand die neue Lehre von Ebbe und Flut. 
Die Sätze der Bewegungslehre, aus denen Galilei seine überraschende 
Erklärung ableitete, konnten, so einfach sie erscheinen mußten, doch 
nicht sofort in ihrer ganzen Tragweite übersehen werden, so ist es 
nicht zu verwundern, daß geraume Zeit verging, bis man aus den- 
selben Prinzipien die Widerlegung der in allem Irrtum so scharf- 
sinnigen Ableitung hervorgehen sah. Als völlig unangreifbaren Beweis 
für die Bewegung der Erde verherrlichte der französische Philosoph 
Gassendi diese Flutlehre. Was das ganze Altertum an Gründen und 
Hypothesen zur Erklärung der Fluterscheinungen ersonnen, dünkte 
ihn Geschwätz und leere Träume dieser Entdeckung gegenüber. 
Zu wiederholten Malen, erzählt er, sei es ihm begegnet, daß, wenn 
er Unbefangenen Galileis x\nsicht auseinandersetzte, ihre Wahr- 
scheinlichkeit die Gemüter der Hörer in einem Maße ergriff, daß 
sie der zwiefachen Bewegung der Erde die gleiche AVahrscheinlichkeit 
zuerkennen mußten, weil es genügte, sie vorauszusetzen, um eine 
so einfache Erklärung zu gewinnen. In ähnlicher Weise urteilten die 
kundigsten unter den Gelehrten Italiens (Castelli, Borelli, selbst 
Baliani). Sie konnten um so mehr der verführerischen Theorie sich 
hingeben, je weniger für die meisten die Tatsachen, denen .sie die 
Deutung schuldig bheb, der Beobachtung zugängüch waren. Ein 
Bedenken von dieser Seite her erhob in jenen Tagen nur der Genuese 
Baüani^ derselbe, der auch gegen Galileis Kometenlehre zuerst 
gewichtige Zweifel geäußert hatte; auch Baliani fand den ganzen 
vierten Dialog, der Ebbe und Flut behandelt, bewundernswürdig, 
alle Zweifel bis auf einen, schienen ihm beseitigt, um so mehr über- 
raschte es ihn, daß dieser eine, dessen Bedeutung sich nicht unter- 
schätzen ließ, von Galilei nicht erledigt und nicht eiimial erwähnt war. 

Nach Galileis Theorie hätte die Flut Tag für Tag zur gleichen 
Stunde eintreten müssen, im Widerspruch mit der allgemeinen An- 
nahme, nach der sie täglich ungefähr Vö Stunden früher erscheint 
und somit der Bewegung des Mondes folgt. Ich weiß, fügt Baliani 



1 Ed. Naz. XIV p. 342—344. 



— 161 — 

höflich hinzu, nachdem er spanische und niederländische Autoritäten 
für die Tatsaciien aniieführt hat, (hiß Ihr, Herr T'ialik'i, das Entgegen- 
gesetzte beobachtet haben müßt, und namentlich in Venedig, und 
daß Ihr deshalb im Dialog nicht davon redet. ^ 

So ergeht sich die Besprechung der Freunde und Gesinnungs- 
genossen nach allen Richtungen über den Inhalt der Dialoge, aber 
vergebens sucht man nach Äußerungen über die frommen Vorbehalte 
und Verwahrungen, über den Widerspruch der Form mit der un- 
verkennbaren Absicht des Buchs. Dieser Widerspruch in den 
Worten und Gedanken konnte keine Schwierigkeit, geschweige eine 
Veranlassung zum Tadel den Männern bieten, die unter der gleichen 
Herrschaft kirchlicher Dekrete zu denken und zu reden gelernt 
hatten. Campanella benutzte die kirchlichen Wendungen der Vor- 
rede, um gegen jedermann die Behauptung zu vertreten, die Dialoge 
seien zugunsten des Dekrets gegen die Bewegung der Erde ge- 
schrieben. Er hoffte so zu hindern, schreibt er an Galilei, daß das 
erste beste Literätchen dem Lauf dieser Lehre in den AVeg trete, 
aber meine Schüler, fügt er hinzu, wissen um das Geheimnis.^ 

Erst später, als von gegenerischer Seite Verdächtigungen gegen 
das Buch erhoben waren, schrieb Fulgenzio ^licanzio aus dem freieren 
Venedig: was können diese ^Niederträchtigen zu tadeln finden, wenn 
sie nicht etwa die allzu große Bescheidenheit tadeln und, daß Ihr 
die philosophischen Meinungen ohne die philosophische Freiheit vor- 
getragen habt? Aber in diesem Sinne selbst einen Vorwurf erheben 
zu wollen oder die Bedeutung der unfreien Zusätze zu überschätzen, 
lag dem treuen Freunde fern. 

Ebensowenig freilich fanden die vorsichtigen Wendungen im 
feindlichen Lager Beachtung. Der Haupteinch'uck, daß in diesem 



^ Baliani wußte auch dieses Mal mit seinem richtigen Einwurf nicht 
viel anzufangen. Weit entfernt, die Fehler in Galileis mechanischer Ableitung 
zu begreifen, scheint er sich vielmehr die Aufgabe gestellt zu haben, in Über- 
einstimmung mit der Erklärungsweise Galileis die Fluterscheinungen auf die 
Bewegungen des Wassers in einem bewegten Gefäß zurückzuführen, diese 
Bewegungen aber so zu kombinieren, daß dabei auch die tägliche Verände- 
rung der Flutzeiten ihre Erklärung fand. Auf diesem Wege ist Baliani später 
zu der kühnsten aller Fluttheorien gelangt. Er glaubt, die Flut des Meeres 
erklären zu können unter der Voraussetzung, daß die Erde sich um den Mond 
bewegt (Riccioh, Almag. novura II 381). 

- Ed. Naz. XIV p. 366—367. 
Wohlwill, Galilei. II. 11 



— 162 — 

Buche alles, die Lehre, die Beweise, wie die Polemik in erster Linie 
„gegen die Schule der Peripatetiker" geschrieben war, wurde nicht 
abgeschwächt durch die unterwürfige Erklärung, daß die Nichtigkeit 
sämtUcher Gegeugründe, die von dieser Seite vorgebracht waren, 
eine Entscheidung zugunsten des Copernicus nicht rechtfertige. Wer 
in verbissenem Grimme sich mit allen seinen Schwächen dem Ge- 
lächter der A'euerer preisgegeben sah, konnte den Simplicio nicht, 
darum verzeihlicher finden, weil ihm nach so vielen Niederlagen am- 
Schlüsse ein Wort des Papstes in den Mund gelegt war, dem der Ver- 
teidiger des Copernicus nicht zu widersprechen wagte. 

Zahlreiche Entgegnungen, zum Teil unmittelbar nach dem Er- 
scheinen der Dialoge veröffentlicht, zeugen von der unfreundlichen 
Aufnahme der Dialoge bei den Schulgelehrten, geben aber auch zu- 
gleich die Belege dafür, wie gut Simplicio getroffen war. Unter der 
Fülle neuer Ai'gumente, die den Gegnern dargeboten waren, ver- 
mochte nicht ein einziges ihnen auch nur bedingten Beifall abzu- 
gewinnen; sie disputierten, wie zuvor, nicht, um die Wahrheit der 
Natur zu ergründen, sondern um eine Reihe von überlieferten Sätzen 
zu schützen. Da war nicht einer, der nicht den Simplicio einen 
..einfältigen", ungeschickten Verteidiger genannt hätte, und doch 
gleichen die neuen, besseren Gründe, die man an seiner Stelle benutzt 
hatte, denen des Simplicio wie ein Ei dem andern, und auch das kam 
in der Eile der Erwiderung vor, daß man aus dem Rüstzeug der 
Schulweisheit die eine oder andere Waffe unwiderstehlich von neuem 
ins Feld führte, die von Simphcio bereits nach Kräften geschwungen 
und von Salviati nicht minder gründlich abgetan war, wie z. B. die 
Frage nach dem Nutzen des großen Zwischenraumes. 

Bedenklicher als diese literarischen Er^^^derungen lauteten von 
vornherein die Äußerungen der Gegner, die sich durch die Dialoge 
nicht allein mit den übrigen als Genossen der Schule, sondern über- 
dies persönlich angegriffen sahen. Zwar Chiaramonti, der Philosoph 
von Pisa, verhielt sich zunächst ruhig, erst nach der Verurteilung 
Galileis (1633) Meß er seine Kritik des Dialogs „Difesa al suo Anti- 
ticone e hbro delle tre nuove stelle" drucken. 

Nicht so leicht war dem Collegium Romanum genug getan. 
Noch war die Kränkung, die der Pater Grassi von Galilei erfahren, 
ungerächt und unvergessen, nun endlich, nach neunjährigem Harren, 
sah man den verhaßten Mann zuversichtlich einen Boden betreten. 



— 163 — 

auf dem es kein Entrinnen gab, wenn man rasch entschlossen die 
Schlinge zusammenzog, in der sich seine Schritte verstrickten. Nun 
hatte Galilei überdies in den Dialogen zum zweiten Male einen der 
angesehensten Gelehrten des Ordens in seinem Philosophieren be- 
mitleidenswert, in seinen angeblichen Entdeckungen als frechen 
Plagiator erscheinen lassen und damit neue, schwerere Beleidigungen 
zu den alten gefügt. 

Der P. Scheiner war in Rom, als die Dialoge erschienen, er erfuhr 
von den Angriffen gegen seine Schriften und seine Person, noch ehe 
er des Buches habhaft werden konnte. Die Fortdauer der Pest in 
Toskana und die Behinderung des Verkehrs, die daraus hervorging, 
veranlaßte den Buchhändler, eine größere Sendung nach Rom zu 
verzögern; so waren noch mehrere Monate nach der Veröffentlichung 
imr ganz vereinzelte Exemplare in Rom zu finden. In dieser Zeit 
begegnete es dem Pater, daß er in dem Laden eines Buchhändlers 
hören nuißte, wie ein Olivetaner Mönch aus Siena sich in Lobes- 
erhebungen über die Dialoge erging und kühnen Mutes aussprach, 
es sei das größte Buch, das je das Licht der Welt erblickt. Der Buch- 
händler sah zu seiner ÜbeiTaschung, wie bei diesen Worten der Pater 
in Bewegung geriet, die Farbe wechselte und an Leib und Händen 
aufs heftigste zitterte. „Er würde zehn Goldskudi für ein Exemplar 
des Buches zahlen", sagte er ihm nachher, um sobald \de möglich 
antworten zu können. 

Die gelehrte Antwort, die der Pater Scheiner im Sinne hatte, 
ließ noch jahrelang auf sich warten; aber bald genug sollte Galilei 
erfahren, was es hieß: die Jesuiten beleidigen. 

Im Juli wurden durch Filippo Magalotti acht Exemplare der 
Dialoge von Florenz nach Rom gebracht. Im Xamen Galileis über- 
reichte Magalotti das Werk außer dem P. Campanella und dem 
toskanischen Gesandten auch dem Kardinal Francesco Barberini 
und dem Pater Riccardi, dem Maestro del S. Palazzo ; von den übrigen 
empfing das eine Mgr. Serristori, Beisitzer der Inquisition; ein zweites 
der Jesuit Leon Santi. 

Die Verteilung zeigt, wie wenig Galilei und seine Freunde in 
jenen Tagen besorgten, der Inquisition mißfallen zu können. Aber 
wenige Wochen darauf, noch vor Ablauf des Juli, empfing Galilei 
die Nachricht, daß vom Papst und der Inquisition die Dialoge ge- 
prüft würden; es handle sich darum, hieß es gerüchtweise, das Buch 

11* 



— 164 — 

zu korrigieren oder zu suspendieren, vielleicht zu verbieten. Bald 
folgte weiter die Kunde, daß der Pater Maestro del Sacro Palazzo be- 
müht sei, die in Rom verbreiteten Exemplare in seine Hand zu 
bringen, und daß in gleichem Sinne nach Florenz geschrieben sei. 
Filippo MagalottiS durch seine Gesinnungen Galilei freund- 
schaftlich verbunden, durch Familie und Stellung in nahen Bezie- 
hungen zum Papst und den Hochgestellten der Kirche, unternahm 
es, diese Beziehungen im Interesse des Freundes zu verwerten, ins- 
besondere dem verborgenen Zusammenhang der überraschenden 
Wendung nachzuspüren. Er erfuhr sehr bald, daß nach außen hin 
eine Reihe von Vorwürfen erhoben wurden, hinter denen im Innern 
eine mächtiere Triebfeder wirksam war. 



1 Ed. Naz. XIV p. 368—370, 379—382, 382—383. 



Siebentes Kapitel. 
Der Prozeß vom Jahre 1633.^ 



Schon im Auo;iist 1632, einige Monate nach dem Erscheinen der 
Dialoge, erhielten Galilei und der Drucker aus Rom den Befehl, 
keine weiteren Exemplare zu verkaufen, die noch vorhandenen der 
Inquisition auszuliefern. Auf Veranlassung Galileis üeß die groß- 
herzogliche Regierung sofort in Rom ihr Befremden aussprechen, daß 
man ein so gründlich geprüftes, mit allen Erlaubnissen ausgestattetes 
Buch suspendiere. Aber man war in Rom nicht gewöhnt, auf der- 
artige Vorstellungen besonderes Gewicht zu legen; die Gesandten 
fanden es nicht angemessen, sie anders als in den bescheidensten 
Formen zur Sprache zu bringen. Die einzige Rücksicht, die man dem 
Großherzog bewies oder zu beweisen vorgab, bestand darin, daß man 
nicht ohne weiteres die Inquisition, sondern eine spezielle Kongre- 
gation mit der Prüfung der Dialoge beauftragte. 

Das Ergebnis war die Einleitung des Inquisitions Verfahrens gegen 
Galilei. Am 1. Oktober wurde Galilei vor den Florentinischen In- 
quisitor gerufen und ihm in Gegenwart von jN'otar und Zeugen er- 
öffnet, daß er im Laufe des Monats in Rom vor dem Kommissar der 
Inquisition zu erscheinen habe. Galilei war aufs äußerste bestürzt; 
er wandte sich an den Minister, an den Großherzog; er glaubte viel- 
leicht einen Augenblick, daß man sich zum Widerspruch aufraffen, 
Rom gegenüber die Selbständigkeit der Florentiner Regierung zur 
Geltung bringen werde. Aber man dachte nicht daran, man riet 
zur Fügsamkeit. 

Nun suchte Galilei Hilfe bei seinen Gönnern in Rom; in einem 
Brief an den Kardinal Barberini, den Verwandten des Papstes, 

^ Dies Kapitel ist VorträL'cn des Verfassers entnommen (vgl. Vorrede). 
Der Herausgeber. 



— 166 — 

stellte er in ergreifenden Worten seine Lage, seine Verzweiflung dar. 
„Wenn ich bedenke", heißt es in diesem Schreiben, „daß die Frucht 
all meiner Studien und Anstrengungen jetzt auf eine Vorladung vor 
das Heilige Offizium hinausläuft, wie sie nur gegen die erlassen wird, 
die schwerer Vergehen schuldig befunden werden, so ergreift es mich, 
daß ich die Zeit verwünsche, die ich auf diese Studien verwandt, 
durch die ich mich über den täglich betretenen Pfad der Wissenschaft 
einigermaßen erheben zu können hoffte, so bereue ich, der Welt einen 
Teil meiner Arbeiten mitgeteilt zu haben, und spüre Lust, was ich 
noch unter den Händen habe, zu unterdrücken und den Flammen zu 
übergeben und so ganz die Wünsche meiner Feinde zu erfüllen, denen 
meine Gedanken so sehr zur Last sind." 

Galilei bittet den Kardinal, aus Rücksicht auf seine 70 Jahre 
und die körperlichen Leiden, zu denen seit den Nachrichten aus Rom 
eine beständige Schlaflosigkeit gekommen war, seinen Einfluß dahin 
geltend zu machen, daß ihm die Reise nach Rom erlassen werde, 
eine Reise, die damals durch die immer noch wütende Pest und die 
Nötigung zu langer Quarantäne in erhöhtem Grade beschwerlich, 
für Galilei geradezu lebensgefährlich war; man möge ihm eine schrift- 
liche Verteidigung auferlegen oder wenigstens die Untersuchung gegen 
ihn in Florenz stattfinden lassen. Wenn man aber bei dem erlassenen 
Befehl beharre, so werde er die Reise antreten, den Gehorsam höher 
achtend denn das Leben. 

Aber alles, was sich erreichen Heß, war ein Aufschub von wenigen 
Wochen. Als Galilei zögerte, folgte ein neuer Befehl, bald darauf 
ein dritter in ernsterem Tone. Vergebens sandte nun Galilei ein 
Zeugnis di'eier angesehener Ärzte ein; sie bekundeten, daß sie den 
Greis in einem Zustande gefunden, in dem die geringste äußere 
Ursache ihm lebensgefährlich werden könne. Die Antwort des 
Papstes, der damals schon die Leitung des Prozesses gegen Galilei 
persönlich in die Hand genommen hatte, lautete: es möge dem In- 
quisitor in Florenz geschrieben werden, daß seine Heiligkeit und die 
Heiüge Kongregation derartige Ausflüchte in keiner Weise dulden 
könne; um zu erkunden, ob Galileis Zustand in Wirklichkeit sei, 
wie man ihn schildere, werde Seine Heiligkeit und die Heihgo Kon- 
gregation einen Kommissar in Begleitung eines Arztes senden, um 
seinen Zustand zu untersuchen. Finde man ihn so, daß er kommen 
könne, so würde man ihn als Gefangenen und in Ketten nach Rom 



— 167 — 

bringen. Müsse aber um seiner Gesundheit und der Lebensgefahr 
willen ein Aufschub stattfinden, so werde man ihn sofort nach der 
Herstellung und Beseitigung der Lebensgefahr als Gefangenen und 
in Ketten befördern; der Kommissar aber und die Ärzte sollten auf 
seine Kosten befördert werden, weil er zur rechten Zeit und als es 
ihm befohlen war, zu kommen verschmäht habe. 

Man erzählt, daß der Großherzog, der ein schwaches Gefühl 
seiner unwürdigen Stellung in dieser Angelegenheit hatte, über den 
päpstlichen Befehl in lebhafte Aufregung geraten sei; aber zur selben 
Zeit schrieb der Minister Cioli nach Rom: „Xie wird Seine Heilig- 
keit Gnmd haben, sich über die Minister noch über deren Rat zu 
beklagen". So erging denn auch jetzt an Galilei in sehr bestimmten 
Ausdrücken die Aufforderung, sich dem Befehl des Papstes zu unter- 
werfen. 



Mittlerweile war es Winter geworden; am 26. Januar 1633 begab 
sich Galilei auf den Weg. So kam diesmal Galilei nicht, wie bei seiner 
letzten Reise nach Rom, als Freund und Schützling des Papstes, 
sondern als Angeklagter, vor dem höchsten Gericht gegen Ketzerei sich 
zu verantworten; er ging noch jetzt in dem Bewußtsein, unschuldig 
verleumdet zu sein, nicht etwa weil er, in dem höheren Sinne ohne 
Schuld, nach bestem Wissen die Wahrheit gelehrt, sondern weil er 
in allem Eifer für die Wahrheit nie einen Augenblick den Gehorsam 
gegen die Kirche verleugnet hatte. 

In der Tat kann man durch die Vorladung, die Galilei empfing, 
überrascht sein, wenn man daran denkt, wie das Werk, gegen das 
die Anklage erhoben wurde, unter den Augen der Idrchlichen Gewalt 
entstanden war, wie es von der römischen und florentinischen In- 
quisition geändert und verbessert und schließlich gebilligt w^ar, und 
wenn man an Galileis Bereitwilligkeit denkt, jede weitere Um- 
gestaltung einzugehen, und wie in der langen Verhandlung über den 
Druck nicht mit einem Wort von Weigerung, immer nur von williger 
Unterwerfung die Rede war. So waren denn Galilei selbst wie seine 
Freunde aufs äußerste überrascht. Sie begriffen nicht, was man in 
Rom zu tadeln, was gar anzuklagen finde. 

Es ist heute nicht mehr zweifelhaft, daß dem Verfahren gegen 
Galilei wohl angelegte persönliche Intrigen zugrunde lagen. Für 



— 168 — 

tückische Feinde waren allerdings die Dialoge nicht berechnet; für 
die, die auf der Lauer lagen, alte Kränkungen zu rächen, konnte 
kein Fang erwünschter sein. Wie leicht war zu erweisen, daß mit 
allen frommen und unterwürfigen Zusätzen das Buch ein rein coperni- 
canisches geblieben war; und wie empfindlich ließ sich die Lächerlich- 
keit einer Zensur zum Bewußtsein bringen, die mit dem trügerischen 
Paß der frommen Vorrede die verbotene Lehre abzuschwächen ver- 
meint und ihr in "Wirklichkeit die freieste Verbreitung gewährt, die 
sich genug geschehen wähnt, w'enn dem vernichtenden Beweis gegen 
die alte Lehre die gläubige Formel angehängt wird, daß zu solcher 
Entscheidung zwar die menschliche Wissenschaft führe, die w-ahre und 
endgültige Entscheidung aber von höherem Wissen zu erwarten sei. 
Wie leicht war zu zeigen, daß man mit all dem in schlimmster Weise 
zum Besten gehalten und überlistet war! 

Es fehlte in Rom nicht an den rechten Leuten, um diese Auf- 
fassung am rechten Orte laut werden zu lassen. War doch in den 
Dialogen selbst dafür gesorgt, daß der alte Groll der eingefleischten 
Schulgelehrten, die Galilei nie geschont hatten, von neuem in 
Flammen schlug. Ein jeder von ihnen konnte im Simplicio sich selbst 
gezeichnet und verhöhnt finden; denn sicher hatte ein jeder einmal 
in der Weise des Simplicio disputiert, mit Auslegungen der alten 
Texte auf neue Entdeckungen geantwortet oder, wie dieser, wenn ihm 
die Gründe ausgingen, nach Hause geschickt, um die Bücher holen 
zu lassen. Dazu kam vor allem, unversöhnlich und nie versöhnt, 
das Kollegium der Jesuiten. 

Die klugen Männer, denen die Vernichtung des alten Gegners 
am Herzen lag, werden nicht großer Mühe bedurft haben, um den 
Papst über die wahre Bedeutung der Dialoge aufzuklären, ihm dar- 
zulegen, daß seine geheiligte Person durch die Teilnahme an dem 
Werk der Zensur nun selbst kompromittiert sei. Sie wußten geschickt 
das Vergehen der Täuschung dadurch in ein schlimmeres Licht zu 
rücken, daß sie die Lehren der Dialoge in ihren weiteren gefährlichen 
Konsequenzen schilderten. Jetzt zum ersten Mal hören wir, daß diese 
Lehren die allerverwerfhchsten seien, die sich erdenken lassen, daß 
alle Ketzereien eines Luther und Calvin ihnen gegenüber geringfügig 
erscheinen. 

Aber auch das schien nicht genügend, dem Verhaßten sicheres 
Verderben zu bereiten. So kam man auf den teuflischen Gedanken, 



I 



— 169 — 

den Papst glauben zu machen, daß in der Person des Simplicio 
niemand anders als seine Heiligkeit selbst dem Gelächter preisgegeben 
sei. So wahnsinnig eine solche Absicht erscheinen muß, wenn \m sie 
im Geiste des Galilei auch nur einen Augenblick voraussetzen, so 
klug war sie als Erfindung seiner Feinde ersonnen. Urban gehörte 
in seinem Denken, in seiner Gelehrsamkeit der aristotelischen Schule 
an; er hatte mit Galilei lange und wiederholt über die Lehre des 
Copernicus disputiert — so mußte auch er notwendig in den Gründen 
des Simplicio gegen die Erdbewegung seine eigenen wiederfinden; 
und blieb ein Zweifel möglich, wenn Simplicio den Beweis aus Ebbe 
und Flut nicht nur mit den Worten des Papstes widerlegt, sondern 
selbst für alle Welt verständlich hinzufügt, daß er diesen Gegenbeweis 
von einer eminentissima persona gehört habe? Es bedurfte nur der 
Hinweisung auf das Zitat, um auch das Schlimmste glaublich 
erscheinen zu lassen. 

Das Gift war wirksam; als der Florentinische Gesandte auf Ver- 
anlassung seines Ministers im September 1632 zum ersten Male dem 
Papst von Galilei und seinen Dialogen zu reden versuchte, fand er 
statt des alten Wohlwollens die leidenschaftlichste Erbitterung. Was 
Xiccolini nach dieser ersten Unterredung befürchten mußte, sollte 
sich in vollstem Maße verwirklichen: der Papst machte aus der Ver- 
folgung Galileis seine eigene Sache. Die Akten der Inquisition 
beweisen, daß in den entscheidenden Momenten des Prozesses jedesmal 
der Papst in Person in die Schranken tritt, daß der Papst befiehlt, 
wo Galilei und die Welt mit ihm die Richter des Heiligen Offiziums 
prüfen und erkennen sieht. 

Aber auch der zornige Wille des Herrschers war an Formen des 
Rechts gebunden; der Form nach wenigstens war Galilei durch die 
Zensur der römischen und florentinischen Inquisition gerechtfertigt. 
Wenn sich nachträglich die einmal gewährte Erlaubnis als gefährlich 
für die Interessen der Religion erwies, so konnte man nicht ohne 
weiteres den Mann verantwortlich machen, der sein Werk dem Willen 
des Zensors bedingungslos überliefert hatte. Man konnte das Buch 
einer neuen Zensur unterwerfen, man konnte es verbieten; aber um 
gegen den Verfasser überdies ein Urteil der Inquisition zu erwirken, 
bedurfte es einer anderen Schuld, einer besser begründeten Anklage. 

Einfach genug ergab sich diese ernstere Schuld nach der gewöhn- 
lichen Erzählung, wie sie in allen Büchern wiederkehrt: Das Ver- 



— 170 — 

gehen, das die Inquisition zu ricliton hatte, war luieh diesen Berichten 
die offenkundige Veiiotzuni; eines geheimen Befehls, der 
Galilei im Februar UUG erteilt war. , .Unter Androhung des Inqui- 
sitionsprozesses'', heißt es, ..war ihm damals im Xamen des Papstes 
und der Heiligen Inquisition auferlegt, die Meinung des Copernicus 
fernerhin in keiner Weise in Worten oder Schriften zu lehren. So 
genügte die Abfassung der Dialoge, um einen strafbaren Ungehorsam 
zu beweisen. Der Fall, den man im Jahre IGLG mit Strafe bedroht 
hatte, war eingetreten." 

Unvollständige, willkürlich zusammengestellte Auszüge aus den 
Akten der römischen Inquisition sind die Quelle dieser Auffassung, 
wie aller früheren Kenntnis über Galileis Prozeß. In einer kaum 
erklärlichen Weise ist es gelungen, den inneren Zusammenhang der 
Vorgänge, die zu Galileis Verurteilung führten, zu verdunkeln; und 
doch haben nicht wenige urteilsfähige Männer das Manuskript in 
Händen gehabt und benutzt, in dem, wenn nicht alle, so doch die 
wichtigsten Aktenstücke zum Prozeß von 1633 erhalten sind. Auf 
Befehl Napoleons wurde die denkwürdige Handschrift im Jahre 1812 
den römischen Archiven entnommen und nach Paris gebracht; 
35 Jahre lang ist sie dort aufbew'ahrt worden; aber merkwäirdiger- 
weise haben die französischen Gelehrten, denen sie zu Gebote stand, 
nur das mit einiger Ausführlichkeit in die Öffentlichkeit gebracht, 
was einer geringschätzigen Auffassung von Galileis Wirken und Denken 
entsprach. Im Jahre 1847 wurde das Manuskript dem Papst Pius IX. 
ausgeliefert und von neuem den römischen Archiven einverleibt. 
Wenige Jahre darauf veröffentlichte Mar in i, Sekretär des Papstes 
und Vorsteher des päpstlichen Archivs, Auszüge und Mitteilungen 
aus den x\kten, wie man erzählt, um ein Versprechen zu lösen, gegen 
das die französische Regierung sich zur Rückgabe entschlossen hatte. 
Die Schrift Marinis ^ , die lange Zeit die Hauptquelle für die Geschichte 
des Prozesses geblieben ist, mußte von vornherein als unvollständig 
und überaus parteiisch erscheinen. Wir wissen jetzt, daß sie durch 
geschickte Anordnung und Auslassung den ursprünglichen Zusammen- 
hang so verändert hat, daß ein Unterschied zwischen diesem Verfahren 
und eigentlicher Geschichtsfälschung schwer zu entdecken ist. 



^ Marino Marini, Galileo e Tlnquisizione, Memorie storico-critiche, 
Roma 1850. 



II 



— 171 — 

Seit dem Jahre 1867 ist der flößte Teil des rüniischen Manu- 
t;krij)ts der Öffentlichkeit üherweben. Henri de rKpinois hatte 
die iM'laiibnis zur Vciaiistaltiiiif^ einer Kopie in Iioni zu erlangen 
gewußt und darauf die Aktenstücke in dem guten Glauben ver- 
öffentlicht, dadurch die vielfachen Verdächtigungen aus dem AV'ege 
zu räumen, die sich an Marinis unvollständige Veröffentlichung 
knüpften.^ Diese Mitteilungen verraten nu>hr, als der schlimmste 
Verdacht voraussehen konnte. Sie beweisen, daß in der Tat das 
Verbot vom Jahre 1616 den Mitteljjunkt der Verhandlungen im 
Jahre 16;k> bildet. Unter den Aktenstücken, die de l'Epinois zuerst 
veröffentlidit hat, befindet sich auch das entscheidende, das vorher 
überall erwähnt und besprochen, aber von niemand gekannt war, 
das Aktenstück, das jenes Verbot vom Jahre 1616 verbürgt. 

Die Erkenntnis seines Wortlauts ist für das Verständnis des 
Prozesses unerläßlich. Die Lage der Dinge im Februar 1616 war 
ja folgende: am 23. Februar war durch den Beschluß von 11 Domini- 
kanern und Jesuiten die Lehre des ("opernicus oder vielmehr diese 
Lehre, so wie sie der unwissende Pater Caccini verstanden hatte, für 
absurd in der Philosophie und in bezug auf den Glauben für formell 
ketzerisch erklärt. Ein Dokument mit dem Datum des 25. Februar 
berichtet nun folgendes: 

„Donnerstag am 25. Februar 1616, Der HeiT Kardinal Mellinus 
hat dem ehrwürdigen Herrn Assessor und Kommissarius des Heihgcn 
Offiziums notifiziert, daß auf Grund des Urteils der Patres Theologen 
über die Lehrmeinungen des Galilei, — insbesondere daß die Sonne das 
Zentrum der "Welt und ohne örtliche Bewegung sei und daß die Erde 
sich auch in täglicher Bewegung bewegt, — Seine Heiligkeit dem 
Herrn Kardinal Bellarmin befohlen hat, genannten Galilei vor sich 
zu laden und ihn zu ermahnen, daß er der genannten Meinung ent- 
saire, und wenn er sich weigern sollte, zu gehorchen, sollte der Pater 
Kommissarius in Gegenwart von Notar und Zeugen ihm den Befehl 
erteilen, gänzlich darauf zu verzichten, eine derartige Lehre und 
Meinung zu lehren und zu verteidigen oder sie zum Gegenstand einer 
Erörterung zu machen; wenn er sich aber nicht dabei beruhigte, 
sollte man ihn ins Gefängnis werfen." 

Darauf fol£:t das entscheidende Aktenstück mit dem Datum 



' H. de TEpinois, Galilee, son proces, sa condainnation. Paris 1807. 



— 172 — 

des 2l) steil. Ich versuche, so gut als müghch das barbarische Latein 
zu verdeutschen, aber ich ändere nichts an der abschreckenden Form: 

..h'reitag, den 26. desselben Monats. Ln Palast des Herrn Kar- 
dinals Bellarniin und in seinen Gemächern hat der Herr Kardinal, 
nachdem genannter Galilei vorgeladen und vor seiner Eminenz er- 
schienen war, in Gegenwart des sehr ehrwürdigen Bruders Michael 
Angelo Segnitius de Lauda vom Orden der Prädikatoren, des General- 
kommissars des Heiligen Offiziums, vorgenannten Galilei ermahnt 
wegen des Irrtums obengenannter Meinung, daß er sie aufgeben möge, 
und unmittelbar darauf in meiner und der Zeugen Gegenwart 
und während derselbe Herr Kardinal gleichfalls noch anwesend war, 
hat der obengenannte Pater Kommissarius dem vorgenannten noch 
ebendaselbst anwesenden und vorgeladenen Galilei im Namen Seiner 
Heiligkeit des Papstes und der ganzen Kongregation des Heiligen 
Offiziums befohlen und vorgeschrieben, daß er die obengenannte 
Meinung, daß die Sonne das Zentrum der Welt und unbeweglich sei 
und die Erde sich bewege, ganz und gar aufgebe und sie fernerhin 
in keinerlei Weise für wahr halte, lehre oder verteidige, in Worten 
oder Schriften; sonst werde gegen ihn im Heiligen Offizium verfahren 
werden; und bei diesem Befehl hat derselbe Galilei sich beruhigt und 
zu gehorchen versprochen. So geschehen zu Rom, an obengenanntem 
Ort, in Gegenwart von Badino Xores aus Xicosia im Königreich 
Cypern und Augustin Mongart aus der Abtei Rottz der Diözese von 
Politianum, Hausgenossen des genannten Kardinals als Zeugen." 

Es geschieht also, wie leicht ersichtlich, am 26. Februar 
etwas ganz anderes, als am 25. der Papst befohlen hatte. 
Das vollständige Verbot sollte der Vertreter der Inquisition erteilen, 
falls Galilei sich weigerte, zu gehorchen. Aber der Pater Segnitio 
de Lauda spricht den Befehl unter Andi-ohung des Inquisitions- 
verfahrens aus, ohne daß von einer Weigerung Galileis die Rede war. 
Wir wissen, daß er schon damals an eine solche Weigerung nicht 
gedacht hat. Ganz sinnlos erscheint in solcher Verbindung, daß der 
Kardinal Bellarmin die Verhandlung mit einer milden Mahnung 
eröffnet und dann der Inquisitionskommissar mit dem schärfsten 
Befehl in die Schranken tritt. Aber nicht nur mit dem Befehl des 
Papstes ist der Vorgang, wie ihn der Bericht vom 26. Februar schildert, 
unvereinbar, sondern auch mit den bestimmtesten Aussagen Galileis 
und dem klaren Zeugnis des Kardinal Bellarmin, also mit der gleich- 



— 173 — 

lautenden Anjjahe der beiden unzweifelhaft beteilif^^en Personen: 
nach Aussa^'e beider Zeui^^'U ist der wirkliehe Vorifani,' am 20. Februar 
darauf hinausj,M'k(»nunen. daü der Kardinal Bellarniin Galilei von 
dem Beschlossenen in Kenntnis setzte und ihn aufforderte, sich danach 
zu richten. Galilei fü^e sich und versprach, zu g:ehorchcn. 

r^ach meiner festen Überzeuf^uns ist die einzi<?e Lösun«; der 
Widersprüche, zui^leich der Schlüssel zum Geheimnis des ganzen 
Prozesses, in einer Auffassung zu suchen, die sich mir bei der ersten 
Keschäftigung mit diesen Dokumenten aufgedrängt und seitdem in 
wahrhaft überraschender Weise von allen Seiten bestätigt hat, in 
der einfachen Annahme nämlich, daß das Aktenstück vom 26. Februar 
1Ü16 nicht im Jahre 1616, sondern im Jahre 1632 entstanden, 
also untergeschoben ist. Ich habe an anderer Stelle diese An- 
nahme, ohne die meiner Überzeugung nach der ganze Verlauf des 
Prozesses vom Jahre 1633 unverständlich ist und die nach meinem 
l)esten Wissen mit keiner anderweitig bekannten Tatsache, mit keinem 
beglaubigten Dokument in Widerspruch steht, ausführlich begründet.^ 

Die erste authentische Nachricht über dies merkwürdige Akten- 
stück rührt vom 11. September 1632 her. An diesem Tage schreibt 
der Gesandte Xiccolini nach Florenz, er erfahre von dem Pater 
Kiccardi unter dem Siegel des Geheinmisses die hochwichtige Mit- 
teilung: es habe sich in den Archiven gefunden, daß Galilei im Jahre 
1616 im Xamen des Papstes und der Inquisition der Befehl erteilt 
worden sei, auf jede Erörterung der copernicanischen Lehre zu ver- 
zichten. Dies allein, fügte der Pater hinzu, genüge, um Galilei zu- 
grunde zu richten. 

In der Tat hat man sich im Jahre 1633 des Dokuments, 
von dem wir reden, bedient, um Galilei zugrunde zu 
richten, in der Tat hat es sich genau in dem Augenblick vor- 
gefunden, wo es an einer handgreiflichen Schuld für den strengen 
Richter fehlte. Diese beiden Tatsachen sind konstatiert; dann aber 
auch die dritte, daß dieses Dokument von denen, die es benutzten, 
ohne weiteres, ohne Prüfung, allen Widersprüchen und der aller- 
verdächtigstcn Form zum Trotz als ein glaubwürdiges betrachtet 
und verwertet ist. 



^ Der InquLsitionsprozeß des Galileo Galilei, Berlin 1870; vergl. auch 
Anhang II A, wo die neueren Studien zu dieser Frage behandelt sind. 



— 174 — 

Daß OS ein Goriiigos war, mit oinoiii solclicn Schriftstück in der 
Haiui. Galilei zu verurteilen, sieht man leicht: der Nachweis, daß 
durch Galileis Dialoge die Meiinino; des Copernicus in irgendeiner 
Weise als Lehre vorgetragen sei, war trotz der mehrfach besprochenen 
Einschaltungen leicht zu führen. Die spätere Erlaubnis der Inqui- 
sition hatte nun keine Bedeutung; denn der Zensor, der die Erlaubnis 
erteilt hatte, kannte den Befehl von 1616 nicht. Galilei hatte ihn, 
wie die Anklage sagt, trügerischerweise verheimlicht. 

Am 13. Februar 1633 kam Galilei nach ungewöhnlich langer 
beschwerlicher Reise in Rom an; man gestattete ihm vorläufig den 
Aufenthalt im Hause des Florentiner Gesandten; nur durfte er das 
Haus nicht verlassen, mit anderen als den Hausgenossen nicht ver- 
kehren. Erst 2 Monate später, am 12. April, erschien er zum ersten 
Male zum Verhör im Palast der Inquisition. 

Man suchte vor allem, durch ein Geständnis des Angeklagten 
seine Schuld, d. h. eine Verletzung des Befehls vom Februar 1616, 
festzustellen. Man befragte ihn über die Vorgänge im Jahre 1616. 
Gahlei erzählt von den Verhandlungen, die dem Verbot der coperni- 
canischen Lehre vorangegangen waren, von der schließlichen Ent- 
scheidung der Kongregation des Index. Auf Befragen erklärt er, 
daß ihm diese Entscheidung durch den Kardinal Bellarmin persön- 
lich mitgeteilt sei. 

Weiter wird gefragt: ob bei dieser mündlichen Mitteilung des 
Kardinals andere Personen zugegen gewesen seien und welche. Galilei 
erinnert sich, daß einige Dominikanerväter zugegen waren, aber er 
kannte sie nicht und hatte sie niemals sonst gesehen. Ob von diesen 
Vätern oder von jemand sonst ihm in bezug auf denselben Gegenstand 
ein Befehl erteilt sei und welchen Inhalts? Galilei erzählt dann den 
Vorgang vom 26. Februar nach seiner Erinnerung: er weiß nur, daß 
der Kardinal Bellarmin ihm mitgeteilt hat, daß die Meinung des 
Copernicus als schriftwidrig weder für wahr gehalten noch verteidigt 
werden könne. Ob jene Dorainikanerväter dabei zugegen waren oder 
erst später kamen, ist seinem Gedächtnis entfallen. Er hält für mög- 
lich, daß die Mitteilung des Kardinals einen Befehl enthalten habe, 
aber er erinnert sich dessen nicht. 

Der Inquirent hält offenbar während der ganzen Verhandlung 
jenes Protokoll vom 26. Februar 1616 in Händen, er blickt von Zeit 



— 175 — 

zu Zeit liiiiein, und Galilei muß überzeugt sein, daß man alles weiß; 
so wagt er nicht, seinen Krinnerungen zu trauen, er redet von einem 
Befehl, nur weil ei sieht, daß ein Hei'ehl registriert ist. 

Der Inquirent fragt weiter: ob er sich dessen, was ihm damals 
gesagt und als Befehl auferlegt wurde, erinnern werde, wenn es ihm 
vorgelesen werde? Galilei ist bestürzt, weil er merkt, daß man noch 
ein Geständnis verlangt, und er bereits gesagt hat, was er weiß. Er 
(Mwidert: ,,Ich erinnere mich nicht, daß mir etwas anderes gesagt 
wurde; ich weiß nicht, ob ich mich dessen, was mir damals gesagt 
wurde, erinnern werde, auch wenn es mir vorgelesen würde. Ich 
spreche freimütig aus, was mir erinnerlich ist, weil ich mir bewußt 
bin, dem erteilten Befehl nicht zuwider gehandelt zu haben." 

Darauf sagt ihm der Inquirent: in dem Befehl, der ihm damals 
in Gegenwart von Notar und Zeugen erteilt wurde, sei enthalten, 
daß er die genannte Meinung in keiner Weise für wahr halten, ver- 
teidigen oder lehren dürfe. Er möge wenigstens sagen, ob er sich 
erinnere, in welcher Weise und von wem ihm dies insinuiert sei. 
Offensichtlich wird der Versuch gemacht, Galilei durch Andeutungen 
ein vollständiges Geständnis zu entlocken: man erwartet, daß er 
nun endlich sich des Kommissars der Inquisition und der Androhung 
des Inquisitionsprozesses erinnert. Aber die Andeutungen sind 
Galilei unverständlich; er wiederholt, nur noch ängstlicher, was er 
bereits viermal geantwortet hat: „Ich erinnere mich nicht, daß mir 
dieser Befehl von jemand sonst als durch das mündliche Wort des 
Kardinal Bellarmin insinuiert worden w'äre; ich erinnere mich, daß 
der Befehl war: ,, nicht für wahr zu halten noch zu verteidigen"'; es 
kann sein, daß auch dabei gewesen ist: „nicht zu lehren". Ich erinnere 
mich dessen nicht, auch nicht, daß die Bestimnmng „in keiner Weise" 
dabei gewesen ist, aber es kann sein, daß sie dabei gewesen ist; denn 
ich habe kein Xachdenken darauf verwandt und nicht weiter gesorgt, 
die Worte im Gedächtnis zu behalten, weil ich ein paar Monate später 
ein schriftliches Zeugnis über den Vorgang von dem Kardinal Bellarmin 
erhalten hatte, in dem sich nur die Worte: ., nicht für wahr halten 
und nicht verteidigen" finden." 

Gahlei legt darauf die Abschrift einer schriftlichen Erklärung 
vom Mai 1616 vor^ in der Kardinal Bellarmin, um ihn gegen Ver- 



' Vcrcl. Bd. 1 8. 64Ü. 



— 176 — 

leumdungen zu schützen, mit seiner ]N'amensimterschrift bezeugt, es 
sei ihm keinerlei Strafe auferlegt, sondern nur das später von der 
Kongregation des Index veröffentlichte Dekret mitgeteilt 
worden, des Inhalts, daß die dem Copernicus zugeschriebene Lehre 
der Heiligen Schrift zuwider ist und somit weder für wahr gehalten 
noch verteidigt werden darf. 

Die wesentliche Abweichung dieser schriftlichen Erkläiung von 
dem Inhalt des Inquisitionsprotokolls liegt offenbar nicht in den 
einzelnen Worten, die Galilei fremd klingen, sondern darin, daß nach 
dem Wortlaut dieser Erklärung die einzige Regel für die Beurteilung 
eines späteren Vergehens in dem Dekret der Indexkongregation gegen 
die copernicanische Lehre zu finden war. Dies Dekret, das bekanntlich 
die copernicanische Lehre als Hypothese gelten ließ, war die bestinmite 
Piichtschnur für den Zensor, als er die Dialoge prüfte; die Erlaubnis 
zum Druck bewies dann, daß der Zensor kein Vergehen gegen das 
Dekret gefunden hatte. ^N'ach dem InquisitionsprotokoU dagegen 
war Galilei ein Befehl unter der bestimmten Androhung des Inqui- 
sitionsprozesses erteilt, der weit über den Inhalt des Dekrets hinaus- 
ging; ein Befehl, in dem jede Art der Erörterung, also auch die 
hypothetische, untersagt war; ein Befehl, der über Galilei eine völlige 
Ausnahmestellung verhängte und der für den Zensor keine weitere 
Vorschrift enthielt als die, eine jede Schrift dieses Mannes, die 
von Copernicus rede, unter allen Umständen zu verwerfen. 

Der eigentliche Inhalt dieses Protokolls bleibt Galüei vollständig 
unbekannt; nur die Andeutungen in den Fragen des Untersuchungs- 
richters hält er fest, aber dabei wird ihm bis zuletzt verschwiegen, 
daß nicht, wie er sich erinnert, der Kardinal Bellarmin, sondern ein 
Vertreter der Inquisition den entsprechenden Befehl gesprochen 
haben soU. Die Frage, wer ihm den Befehl erteilt, wird nicht wieder- 
holt, nachdem Galilei fünfmal geantwortet hat: „Niemand anders als 
der Kardinal Bellarmin." Durch keine weitere Frage wird auch nur 
versucht, diesen Widerspruch zu lösen, obgleich nach der Aussage 
Galileis und dem gewichtigen Zeugnis des Kardinal Bellarmin die 
Anklage, einen speziellen Inquisitionsbefehl bei der Erlangung der 
Druckerlaubnis verheimücht zu haben, vollkommen unhaltbar wurde. 
Diese Tatsache ist in einer späteren schriftlichen Verteidigung, die 
Galilei seinen Richtern neben dem Originalzeugnis des Kardinal 
Bellarmin überreichte, in den klarsten Worten erwiesen. Galilei ist 



— 177 — 

auch hier der Meinung, daß die weitergehenden Worte, die man ihm 
vorgelesen hat, die Worte: ,,in keiner Weise zu lehren" als mündhche 
Worte des Kardinal Bellarniin verzeichnet sind. Denn er weiß nur 
von der Anrede des Kardinals; nur in diesem Sinne sucht er sich zu 
entschuldigen, daß er diese Worte nicht beachtet habe. ,,Aus diesem 
Zeugnis", heißt es in der am 10. Mai eingereichten Verteidigungs- 
schrift Galileis „ist klar zu ersehen, daß mir nur mitgeteilt worden, 
die dem Copernicus zugeschriebene Lehre von der Bewegung der Erde 
könne WTder für wahr gehalten noch verteidigt werden, und davon, 
daß mir außer diesem allgemeinen Erlaß, der allen gilt, noch irgend 
etwas füi" mich allein auferlegt wäre, findet sich in dem Zeugnis keine 
Spur. Da ich nun dies authentische Zeugnis von der Hand des- 
selben Mannes mir zur Erinnerung bewahrte, der mir die Vor- 
schrift zur Kenntnis gebracht, so habe ich an die Ausdrücke, die 
bei der mündlichen Mitteilung des Befehls gebraucht wurden, nicht 
weiter gedacht, und deshalb sind die beiden Bestimmungen, „in 
keiner Weise" „zu lehren", die der mir erteilte Befehl, wie ich höre, 
außer dem „Fürwahrhalten und Verteidigen" enthält, für mich ganz 
neu hinzugekommen und wie nie gehört. Wenn aber diese beiden 
Bestimmungen weggelassen und nur die anderen beibehalten werden, 
die im Zeugnis des Kardinals verzeichnet sind, so bleibt kein Zweifel 
möghch, daß der Befehl, der in ihm auferlegt wird, dieselbe An- 
ordnung ist, wie die im Dekret der Index-Kongregation. 
Und darin scheint mir eine hinreichende Entschuldigung dafür zu 
liegen, daß ich dem Meister vom Heiligen Palast von der mir persön- 
lich erteilten Vorschrift keine Mitteilung gemacht habe, da sie dieselbe 
ist, wie die Anordnung der Kongregation des Index." 

In den Akten findet sich keine Andeutung, daß diese Verteidigung 
weitere Berücksichtigung gefunden hat; der Wortlaut des Urteils 
beweist, daß man außerstande war, sie zu widerlegen. Aber wir hören 
aus dem Munde des Papstes Urban in seiner Unterredung mit dem 
Florentiner Gesandten, daß es bei diesem Tribunal nicht üblich war, 
sich mit einer Verteidigung aufzuhalten, daß vielmehr alles darauf 
hinauskam, zu urteilen und zum Widerspruch zu z^^dngen. 

Über diesen eigentlichen Kern der Verhandlungen, näm- 
lich darüber, daß die Verteidiger der Inquisition die Verteidigung 
Galileis in ihrem wahren Zusammenhang durchaus unterdrückt haben, 
ist man bisher allgemein hinweggegangen. Dagegen hat man mit 

Wohlwill, Galilei. II. 12 



— 178 — 

der größten Ausführlichkeit und Vollständigkeit aus den Akten die 
demütigen, nach dem ersten Eindruck völlig würdelosen Äußerungen 
zusammengestellt, in denen Galilei nach dem Rat seiner Freunde, 
um nur so bald wie möghch seine Freiheit wieder zu gewinnen, seine 
eigenthchen Gesinnungen vollkommen preisgibt. 

In der Tat, als man ihn nach jener Vernehmung drei Wochen 
lang in den Gemächern des Inquisitionspalastes zurückgehalten und 
der unerträgliche Mangel an Bewegung ihn aufs Ki^ankenlager gebracht 
hatte, erschien er im zweiten Verhör vollständig gebrochenen Mutes. 
Er erklärte sich bereit, wenn man ihm nur, wie er wünsche, Gelegen- 
heit und Zeit vergönne, deutlichst darzutun, daß er die verworfene 
Ansicht von der Erdbewegung mit nichten geteilt und ebensowenig 
sie jetzt für wahr halte. „Den Anlaß zu finden," sagt er, „wird mir 
leicht werden, da in dem von mir herausgegebenen Buch die redenden 
Personen sich verabredet haben, noch ciimial zusammenzukommen, 
um über andere naturwissenschaftliche Gegenstände miteinander zu 
reden. Da ich bei dieser Gelegenheit ein oder zwei Unterredungen 
werde hinzufügen müssen, so verspreche ich, die zugunsten der 
gedachten falschen und verworfenen Meinung angeführten Gründe 
nochmals vorzunehmen und auf die bündigste Weise, die unser barm- 
herziger Herrgott mir eingeben wird, zu widerlegen. Ich bitte dem- 
gemäß diesen Hohen Gerichtshof, mir bei diesem guten Vorsatz 
behilfhch zu sein und mir dessen Verwklichung möglich zu machen." 

Das ist eine von den Stellen, bei denen es selbst die Getreuen 
der Kirche, die eifrigen Vertreter der römischen Inquisition für un- 
erläßhch halten, ihr schmerzhches Bedauern auszusprechen, daß der 
große Mann so gänzüch seiner Würde vergessen konnte. Gewiß soll 
hierfür keine Rechtfertigung versucht werden. Aber die Schrift- 
steller, die dies fromme Mitleid nicht unterdrücken können, über- 
sehen oder vergessen das wichtigste, daß nämlich, wenn bei Gaülei 
von einer sittlichen Schuld die Rede sein soll, diese Schuld in vollem 
Maße sich auf beiden Seiten findet; es bleibe dahingestellt, auf welcher 
Seite die größere. Der ganze Verlauf des Prozesses, die Geschichte 
Ganieis bis zu seinem Ende beweist aufs unwidersprechlichste, daß 
auf beiden Seiten das gesprochene Wort, ja der geschworene Eid 
mit der vollkommensten Gleichgültigkeit behandelt wird. Die Richter 
Galileis wollen nicht die Wahi'heit, sie wollen Unterwerfung, sie 
wollen nicht seine Gesinnungen kennen, sie wollen Worte hören» 



I 



— 179 — 

von denen sie überzeugt sind, daß Galilei sie ohne Glauben spricht. 
Und so redet und verspricht Galilei ohne Glauben, was, wie er meint, 
nach ihrem Sinne klingt. 

Wie wenig die Richter selbst dem Versprechen trauten, daß er 
nun auch gegen den Copernicus schreiben wollte, geht daraus hervor, 
daß ihm später ausdrücklich auferlegt wurde, weder für noch gegen 
die verbotene Lehre zu schreiben. 

Am 10. Mai hatte Galilei seine Verteidigung eingereicht; erst 
am 21. Juni, volle 6 Wochen später, erhielt er eine letzte Vorladung. 
Was inzwischen in seiner Sache geschehen ist, deckt tiefes Dunkel; 
über die Verhandlungen der Richter ist nicht das Mindeste erhalten. 

Galilei deutet die Verzögerung in günstigem Sinne. Man hatte 
ihm von neuem gestattet, seinen Aufenthalt im Palaste des Floren- 
tiner Gesandten zu nehmen. Dieser wurde nicht müde, in ritterHchster 
Weise für ihn tätig zu sein. Als mederum der andauernde Mangel 
an Bewegung sich für Galilei nachteilig äußerte, wußte Mccolini eine 
Erlaubnis zu erwirken, daß er im halbgeschlossenen Wagen durch 
die Vorstädte fahren dürfe. Vergünstigungen dieser Art waren nie 
einem Inquisitionsgefangenen zuteil geworden; so befestigte sich in 
ihm die Zuversicht auf einen guten Ausgang Er baute auf den un- 
widersprechhchen Beweis, den seine Verteidigung in den wichtigsten 
Punkten der Anklage für seine Unschuld geliefert hatte. Aber schon 
am 29. Mai hatte der Papst geäußart, daß wohl die Dialoge ein Verbot 
und Galilei selbst wegen Übertretung des Befehls von 1616 eine heil- 
same Buße treffen werde. 

So erwartete Galilei nichts Geringeres als völlige Freiheit, als 
man ihn zum letzten Mal in den Palast des Heiligen Offiziums berief. 
Li furchtbarer Weise sollte er enttäuscht werden. Der Untersuchungs- 
richter nahm ihm wie gewöhnlich den Eid ab, die Wahrheit sagen 
zu wollen. Er fragt daim, ob er aus sich selbst noch etwas zu sagen 
habe. Gahlei erwidert: ,,Ich habe nichts zu sagen". Ob er für wahr 
halte oder für wahr gehalten habe und seit welcher Zeit, daß die Sonne 
das Zentrum der Welt und die Erde nicht das Zentrum der Welt sei, 
vielmehr eine tägliche Bewegung habe? Galilei: ,, Lange Zeit vor 
der Entscheidung der Heiligen Kongregation des Index und ehe mir 
der Befehl erteilt wurde, war ich unentschieden und hielt die beiden 
Meinungen des Ptolemaeus und Copernicus für diskutierbar, weil die 
eine wie die andere in der Natur wahr sein konnte; aber nach der 

12* 



— 180 — 

Entscheidung, da mk durch die Khigheit der Oberen Gewißheit 
gegeben war, hörte in mir jeder Zweifel auf, und ich hielt und 
ich halte noch jetzt für durchaus wahr und nicht anzuzweifeln die 
Meinung des Ptolemaeus, daß die Erde ruht und die Sonne sich 
bewegt." 

Darauf wurde ihm gesagt, aus der Art und Weise, wie in seinem 
später erschienenen Buch diese Lehre behandelt und verteidigt ■werde, 
ja schon daraus, daß er dieses Buch geschrieben und veröffentlicht 
habe, gehe hervor, daß er noch nach dieser Zeit diese Meinung für 
wahr gehalten habe; so möge er frei die Wahrheit sagen: ob er sie 
für wahr halte oder gehalten habe, Galilei wiederholt, sein Buch 
beweise, wie die natürlichen und astronomischen Gründe die Sache 
unentschieden lassen, und er zeige daher, wie aus vielen Stellen seiner 
Dialoge zu sehen, daß man, um mit Sicherheit zu erkennen, zur Ent- 
scheidung aus erhabenerer Wissenschaft seine Zuflucht nehmen müsse. 
„So," sagt er, „schließe ich in mir, daß ich nach der Entscheidung 
der Oberen die verurteilte Meinung nicht für wahr halte und nicht 
für wahr gehalten habe." 

Der Richter wiederholt: aus seinem Buche und aus den Gründen, 
die er für die Erdbewegung anführe, sei zu entnehmen, daß er die 
Meinung des Copernicus für wahr halte oder wenigstens damals für 
wahr gehalten habe; und wenn er sich nicht entschließe, die Wahrheit 
zu gestehen, so werde man gegen ihn mit den geeigneten Rechts- 
initteln vorgehen, 

Galilei: „Ich halte die Meinung des Copernicus nicht für wahr 
und habe sie nicht dafür gehalten, seitdem mir vorgeschrieben war, 
daß ich sie aufgeben sollte; im übrigen bin ich hier in euren Händen, 
macht mit mir, was euch gefällt," Noch einmal wiederholt der 
Richter, er möge die Wahrheit sagen, sonst werde man zur Folter 
schreiten. Galilei antwortet: „Ich bin hier, um mich zu unterwerfen, 
und ich habe diese Meinung seit der Entscheidung nicht für wahr 
gehalten, wie ich gesagt habe," Darauf entheß man ihn in sein 
Gefängnis im Inquisitionspalast, 

So der Wortlaut des Protokolls über das letzte Verhör, wie er 
jetzt in der Aktensammlung vorliegt. Es ist daraus fast allgemein 
geschlossen worden, daß man sich tatsächlich damit begnügt habe, 
in dieser Weise Galilei gleichsam nur den Vorgeschmack der Folter 
empfinden zu lassen. Doch besteht, wie ich in einer ausführlichen, 



— 181 — 

diesem Gegenstand gewidmeten Studie^ nachgewiesen habe, der 
begründete Verdacht, daß dieses Protokoll erst nachträglich unter 
Vernichtung eines früheren, an gleichem Ort vorhanden gewesenen 
Berichts an die Stelle, an der es sich jetzt befindet, verbracht worden 
ist. Aus der das Urteil gegen Galilei enthaltenden Sentenz scheint 
hervorzugehen, daß zum mindesten der „erste Grad der Tortur", 
die „territio realis", d. h. ein Verhör am Ort und im Angesicht der 
Folterwerkzeuge gegen ihn angewandt worden ist. 

Gewiß ist aber jedenfalls, wie sehr die Worte zu widersprechen 
scheinen, daß es auch bei diesem letzten Verhör dem Kichter der 
Inquisition nicht auf die Wahrheit der Aussagen ankam. Denn wie 
uns heute die Akten verraten, war schon am 16. Juni, also 5 Tage 
vor diesem Verhör, durch einen bestimmten Befehl der Ausgang des 
Prozesses den Richtern vorgeschrieben. „Sanctissimus", heißt es in 
dem Schriftstück, „hat befohlen, den Galilef de intentione (d. h. über 
die Absicht und Gesinnung, die seinem Buch zugrunde liegt) zu 
befragen unter Androhung der Tortur, als ob er sie ertragen solle, 
und alsdann ihn in der vollen Kongregation des Heiligen Offiziums 
abschwören zu lassen und zum Gefängnis nach Belieben der Heihgen 
Kongregation zu verurteilen." Es folgt dann der wesentliche Inhalt des 
bald darauf wirklich zur Ausführung gebrachten Urteils. Es ist daraus 
ersichtlich, daß die Aussage Galileis im letzten Verhör, ob er die Absicht 
gestehe oder nicht, auf den Ausgang keinen Einfluß ausüben sollte. 

Am Tage nach diesem Verhör mußte Galilei in einer feierlichen 
Sitzung der Inquisition den Irrtum, daß die Erde sich bewege und 
die Sonne ruhe, abschwören. Auf den Knien liegend sprach er die 
Worte der Verwünschungsformel nach: „Ich schw^öre ab, verwünsche 
und verfluche mit redlichem Herzen und nicht erheucheltem Glauben 
alle diese Irrtümer und Ketzereien, sowie überhaupt jeden anderen 
Irrtum und jede Meinung, welche der Heiligen katholischen und 
römisch-apostolischen Kirche entgegen ist; auch schwöre ich, in 
Zukunft weder mündlich noch schrifthch etwas zu sagen oder zu 
behaupten, w^as ähnlichen Verdacht der Ketzerei gegen mich begründen 
könnte; und sollte ich einen Ketzer oder der Ketzerei Verdächtigen 
kennen, so werde ich ihn dem Heiligen Offizium oder dem Inquisitor 
oder meinem Diözesanbischof anzeigen." 

^ Ist Galilei gefoltert worden? Leipzig 1877 bei Duncker & Humblot; 
s. ferner Anhang II, B. 



— 182 — 

Das Urteil, das alsdann nach dem Befehl des Papstes gegen 
Galilei ausgesprochen wurde, ging dahin, daß die Dialoge vollständig 
verboten wurden, Galilei zum Gefängnis in den Kerkern der Inqui- 
sition verurteilt wurde, solange es dem Heiligen Offizium gefalle, 
und daß er als heilsame Buße drei Jahre lang einmal die Woche die 
71 Bußpsalmen zu sprechen habe. 

Die Sage läßt Galilei, vde er kaum nach der Abschwörung sich 
erhoben hat, von dem Gefühl der Wahrheit übermannt mit dem 
Fuße stampfen und halblaut die Worte herausstoßen: „Und sie 
bewegt sich doch!" Es ist kein Zweifel möglich, daß dieses trotzige 
Wort nicht nur nach der Verwünschungsformel ohne Sinn ist, sondern 
auch in keiner Weise dem Charakter des Mannes entspricht, der sich 
in der Stunde der Gefahr bereit erklärt hat, seine eigene Lehre zu 
widerlegen. Und so ist in der Tat dies Wort von keiner glaubwürdigen 
Quelle verbüi'gt, vermutHch erst später erfunden oder doch erst 
spät aus einer volkstümlichen Überlieferung in die geschichthche 
Erzählung eingedrungen. 

Aber was in der Stunde der Erniediigung kein Ohr aus seinem 
Munde vernommen, das hörte und glaubte in jenen Tagen jedermann, 
und das wußten vor allen übrigen die Männer, zu deren Füßen kniend 
er seinen Irrtum abgeschworen hatte; von ihnen allen, Papst und 
Kardinälen, zweifelte nicht ein einziger, daß Galilei dem Glauben, 
den er verleugnete, nicht einen Augenblick untreu geworden war. 

Kur wenige Worte sind über die Bedeutung des Urteils Jiinzu- 
zufügen. Wenn man in dem guten Glauben an den Prozeß und die 
vorhergehenden Verhandlungen geht, daß die Beschlüsse, die uns 
heute erschrecken, in dem Lichte ihrer Zeit wesentlich anders, 
wesenthch gemildert erscheinen müssen, wenn man erwartet, daß 
in dem Neuen, Fremdartigen der copernicanischen Lehre, in der 
Unvollkommenheit der damals bekannten Beweise für die Entschei- 
dungen der Inquisition eine mindestens teilweise Rechtfertigung 
gefunden werden müsse, so findet man sich vollkommen getäuscht. 
Von einer Prüfung der Wahrheit, einer Abwägung der Gründe ist 
mi'gends die Rede: so wenig im Jahre 1616 das Buch des Copernicus, 
so wenig sind im Jahre 1632 Galileis Dialoge geprüft worden. Je 
länger, je eingehender man die Akten, die Gesandtschaftsberichte, 
die Briefe aus den Jahren 1632 und 1633 studiert, um so gewisser 
sieht man neben der persönlichen Intrigue, Rachsucht und dem 



« 



— 183 — 

glühenden Haß persönlicher Feinde alles übrige als bedeutungslos 
in den Hintergrund treten. 

Bald nach der Verurteilung berichtet ein Freund Galileis aus 
Kom: der Jesuit Pater Grienberger habe ihm wörtlich folgendes 
gesagt: „Wenn Galilei sich die Zuneigung der Väter und des Kolle- 
giums zu erhalten gewußt hätte, so würde er ruhmreich in der Welt 
leben, und nichts von all diesem Mißgeschick hätte ihn getroffen, 
und er hätte nach Belieben über alles schreiben können, selbst über 
die Bewegung der Erde." „So seht Ihr", schreibt Galilei einem 
anderen Freunde, als er ihm die Worte mitteilt, „daß es nicht diese 
oder jene Meinung ist, die mir den Krieg heraufbeschworen hat, 
sondern nur die Ungnade der Jesuiten." 

Wir kennen die Intriguen der Jesuiten nicht; aber wir wissen, 
daß der Zorn des Papstes, den die Jesuiten zu wecken und zu schüren 
wußten, die Ursache der Verfolgung und der Verurteilung Galileis 
war. Wir wissen heute, daß Urban VIII. Galilei gegenüber in einer 
Person Beleidigter, Kläger und Richter war. Die Kardinäle der In- 
quisition haben nach dem Zeugnis der Akten nur seine Befehle aus- 
geführt. 

Hinfällig erscheint aber auch heute die verbreitete Auffassung, 
nach der zwar die persönliche Verfolgung einer Leidenschaft einer 
milderen Auffassung im Wege gestanden, übrigens aber in der Ver- 
letzung eines bestimmten Befehls der Inquisition der eigentliche Grund 
der Verurteilung zu suchen wäre. Es ist durch die Akten konstatiert, 
daß die Tatsache eines solchen Befehls schon im Jahre 1633 im höchsten 
Maße zweifelhaft erscheinen mußte. Ich spreche die feste Überzeugung 
aus, daß dieser Befehl nie existiert hat, daß vielmehr das einzige 
Aktenstück, das ihn als Tatsache zu verbürgen scheint, ein Mach- 
werk jener Feinde ist, denen es an der nötigen Handhabe fehlte, ihr 
Opfer mit Sicherheit zu verderben. 



Achtes Kapitel. 
Galilei, der Gefangene der Inquisition.^ 



Galilei blieb der Gefangene der Inquisition bis ans Ende seines 
Lebens, d. li. noch beinahe 9 Jahre. Es war freilich keine Gefangen- 
schaft im dumpfen Kerker und in Ketten; das ursprüngliche Urteil 
wurde bald gemildert; man mes ihm anfangs einen großherzoglichen 
Palast in Eom, dann nach seinem eigenen Wunsch die Wohnung 
des Erzbischofs in Siena zum Aufenthalt an, und auf wieder- 
holte Fürsprache des Gesandten Niccolini wm'de ihm schon gegen 
Ende des Jahres gestattet, in seine Villa in Arcetri nicht weit von 
Florenz zurückzukehren. Aber sein Tun und Lassen blieb unter der 
Aufsicht der Inquisition, dem Papst persönlich blieb es vorbehalten, 
die Vergünstigungen nach seinem Belieben fortdauern oder enden zu 
lassen; nur auf geringe Entfernungen durfte Galilei die Villa ver- 
lassen; der Besuch von Florenz war auf das strengste untersagt. 
Man schrieb ihm vor, sich zurückgezogen zu halten, niemals viele 
Personen zugleich zu Unterredungen oder Mahlzeiten bei sich auf- 
zunehmen und so den Verdacht zu meiden, als ob er sozusagen 
Akademie in seinem Hause hielte oder unter seiner Leitung Er- 
örterungen über unerlaubte Dinge stattfänden. Der Florentiner 
Inquisitor überwachte genau, wer mit ihm verkehrte. Ketzer und 
Leute aus ketzerischen Staaten, die den großen Mann aufsuchen 
wollten, wurden nicht vorgelassen; war aber der Fremde katholisch 
und aus katholischem Lande, so durfte er Galilei sehen und mit ihm 
verhandeln, aber unter der Bedingung, daß dabei nicht von 
der Bewegung der Erde die Rede wäre. So oft auf besonderen 



^ Dieses Kapitel ist Vorträgen des Verfassers entnommen (vergl. Vor- 
rede). Der Herausgeber. 



- 185 — 

Wunsch Galileis ein Freund zu kürzerem oder längerem Aufenthalt 
nach Arcetri kam, so oft wiederholte der Inquisitor auf päpstlichen 
Befehl diese Vorschrift. 

So gering achtete man die bindende Gewalt der furchtbaren 
Formel, so wenig glaubten diese Herrscher über die Gewissen an ihre 
eigene Herrschaft. Sie täuschten sich nicht in ihrem Gefangenen, 
aber trotz aller Vorsicht und Klugheit wurden sie von ihm hinter- 
gangen, wie nur jemals Kerkermeister von ihren Gefangenen hinter- 
gangen sind. 

In aller Verfolgung, allem Schicksalswechsel war Galilei in der 
Nähe und Ferne eine kleine Schar der treuesten, hingebendsten 
Freunde geblieben, unter ihnen vor allem der Pater Castelli, der in 
Rom seine Sache führte und immer von neuem Versuche unternahm, 
den Papst zu überzeugen, daß er einem Unschuldigen zürne, daneben 
der venetianische Mönch, der Pater Fiügenzio Micanzio, einer von den 
wenigen, die freimütig ihrer Entrüstung über das Verfahren gegen 
den großen Mann den rechten Ausdruck gaben. Mit der Hilfe solcher 
Freunde gelang es Galilei, der systematischen Überwachung zum 
Trotz sein wertvollstes Gut, seine Werke, ins Ausland zu retten. 
Schon im Juli 1633, einen Monat nach seiner Verurteilung, sandte 
Galilei auf geheimen Wegen das verbotene und verdammte Werk, 
dessen Lehren er feierlich abgeschworen und verflucht hatte, nach 
Straßburg an den deutschen Gelehrten Bernegger mit der Bitte, 
eine lateinische Übersetzung zu veranstalten, aber dabei vollständig 
zu verheimlichen, daß ein solcher Wunsch von ihm ausgegangen sei. 
Wie man sieht, dachte Galilei von der Bedeutung seines Schwurs 
genau so wie die Männer, die ihn ihm aufgez^^•^mgen hatten. 

Kaum ein Jahr war seit dem schwersten Tage seines Lebens ver- 
flossen, als in Holland, der Zuflucht aller verbannten Geistesfreiheit, 
die Dialoge in lateinischer Sprache erschienen; wie das Vorwort sagt, 
ohne Vorwissen und sehr ^vider den Willen des Verfassers; aber der 
Brief ist erhalten, in dem w heute noch aus Galileis überströmenden 
Dankesworten für den Übersetzer empfinden, wie sehr ihn die Gabe 
Berneggers beglückte. 

In HoUand erschien dann auch in italienischer und lateinischer 
Sprache seine größere Schrift über das Verhältnis der biblischen 
Texte zur Erkenntnis der Xatur, besonders zur copernicanischen 
Lehre. Es war eine Schrift von wesentlich ähnlichem Inhalt, wie der 



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Brief an Castelli. Galilei hatte sie schon im Jahre 1615 geschrieben, 
aber damals und noch mehr nach dem Verbot aller Werke ähnlichen 
Inhalts die VeröffentHchung bedenklich gefunden. Jetzt, nach seiner 
vollständigen Verurteilung, nachdem ihm jede Art der Erörterung 
über die verbotene Lehre feierlich untersagt war, jetzt hielt er die 
Zeit für geeignet, auch dieses Buch in aller Welt verkünden zu lassen, 
daß er in seinen Gesinnungen niemals einen Augenblick dem wahren 
Glauben untreu geworden war. 

Aber neben den alten Werken erscheint in jenen Tagen ein 
neues, als ein wunderbares Zeugnis der außerordentlichen geistigen 
Kraft, die Gahlei bis zu seiner Todesstunde erhalten blieb. In die 
ersten Jahre seiner Gefangenschaft fällt die Ausführung seines zweiten 
Hauptwerkes, der „Unterredungen über zwei neue Wissenschaften". 
Sie enthalten den Inbegriff der Forschungen, die ihn seit jungen 
Jahren fast ohne Unterbrechung beschäftigt hatten, seine Unter- 
suchungen über die gesamte Bewegungslehre und über die Lehre 
von der Festigkeit der Körper. In diesem Werke finden wir zum ersten 
Mal in vollständiger Darstellung und Begründung die Entdeckungen, 
durch die Galilei eine Wissenschaft der Mechanik geschaffen hat, 
die Gesetze des freien Falls, des Falls auf schiefer Ebene, der Wurf- 
bewegimg, die Pendelgesetze, den Satz vom Parallelogramm der 
Bewegungen, kurz den Kern aUer neuen Bewegungslehre. Wenn ein 
einzelnes Werk in solchem Sinne genannt werden kann, so gibt es 
keines, dem nächst dem Buch des Copernicus ein größerer^ Anteil 
an der völligen Erneuerung der Naturwissenschaft zukommt, als 
diese Discorsi. Auf diesen Blättern war von Copernicus, war von 
Weltsystemen nicht die Rede; es war, wenn man es oberflächlich 
kennen lernte, ein rein geometrisches Buch. Hatten die frommen 
Väter in Rom eine Ahnung von der gewaltigsten aller Revolutionen, 
die aus dieser mathematischen Methode hervorwachsen sollte? Oder 
w^ar es nichts weiter als der kleinlichste Haß, der sie beseelte, als sie, 
mit der Erniedrigung des verm.eintlichen Feindes nicht zufrieden, 
alles, was von ihm stammte, mit dem Bannspruch trafen, die un- 
geborenen Schöpfungen seines Geistes nicht ausgenommen? 

Dahin gingen in der Tat die Beschlüsse der römischen Inquisition. 
Als Mcanzio in Venedig beim Vertreter der Inquisition Erkundigungen 
einzog, ob einer Herausgabe der neuen Schrift kein Hindernis ent- 
gegenstehe, wurde ihm ein Schriftstück mitgeteilt, das an alle In- 



— 187 — 

quisitoren sämtlicher katholischen Länder versandt war: es enthielt 
das allerstrengste Verbot gegen alles, was von Galilei bereits gedruckt 
sei oder noch etwa gedruckt werden sollte. Der Ingrimm in Micanzios 
Briefen, als er von dieser „Barbarei" erfuhr, ist ein wahres Labsal 
neben der allgemeinen Demut der übrigen Beteiligten, die sich v\ader- 
standslos einer unwiderstehlichen Gewalt gegenübersehen. „Ich 
weiß, was gegen die Tyrannei zu tun ist", schreibt er an Galilei; 
aber die Kücksicht auf den gefangenen Freund lähmt seine Ent- 
schlüsse; nur das eine steht ihm fest: der Wille der Barbaren muß 
vereitelt werden. ,, Solche Werke untergehen lassen," ruft er aus, 
„das tue ich nicht, und wenn die ganze Hölle wider mich wäre." 

Durch Vermittlung Micanzios wurde nach vielen vergeblichen 
Bemühungen und Verhandlungen wiederum der berühmte hollän- 
dische Buchhändler Ludwig Elzevir für das Unternehmen gewonnen. 
Zeitlebens hatte Galilei im frommen Eifer, als eine Gefahr für die 
Kii'che, zu verhüten gesucht, daß die Wissenschaft gezwungen werde, 
in den Ländern des neuen Glaubens ihre Zuflucht zu suchen. Jetzt 
gab es für ihn selbst keinen Drucker mehr, als in Leyden und in 
Amsterdam. 

Als im Jahre 1638 das neue Werk in Holland erschien, war 
Galilei in seinem 74. Jahr; noch war sein Geist in ruheloser Tätigkeit 
mit neuen Werken beschäftigt; seine Briefe aus jenen Tagen machen 
den Eindruck, als suche er den Überfluß immer neuer, ihm zu- 
strömender Ideen und Entwürfe von sich abzuwehren; die Fülle der 
Gedanken, sonst die Quelle seiner höchsten Genüsse, scheint ihm zur 
Qual zu werden in einem Zustand mehr und mehr verfallender Körper- 
kräfte. Nach längerem schmerzhaften Augenleiden hatte er im Laufe 
des Jahres 1637 erst rechts das Augenlicht verloren und war dann 
im selben Jahre vollständig erblindet. Auch in diesem hilfsbedürftigen 
Zustand blieb er in der einsamen Villa in Arcetri; nur sein Sohn 
Vincenzo und sein Schüler Viviani harrten, nun doppelt unentbehr- 
lich, an seiner Seite aus. 

Zu wiederholten Malen hatte Galilei in früheren Jahren sich mit 
Gesuchen an die Gnade des Papstes gewandt, um für die Imrze Zeit, 
die ihm zu leben blieb, den entlegenen Ort mit seiner Heimat Florenz 
vertauschen zu dürfen; aber mit rohen Worten hatte man Galilei 
damals die Wiederholung derartiger Gesuche untersagt und ihm 
andernfalls die Einschließung in einem römischen Kerker angedroht. 



— 188 — 

So schwieg Galilei, aber seine Freunde, seine fürstlichen Gönner, 
auswärtige Diplomaten erneuten trotz aller fehlgeschlagenen Be- 
mühungen von Jahr zu Jahr ihre Versuche, für den Gefangenen von 
seinem persönlichen Feind die Freiheit zu erbitten. 

Erst im Jahre 1638 ließ man sich in Rom herbei, den Florentinier 
Inquisitor mit näheren Erkundigungen zu beauftragen; insbesondere 
wurde von ihm ein Gutachten darüber verlangt, ob, wenn man 
Galilei einen zeitweiligen Aufenthalt in Florenz gewähre, nicht zu 
befürchten sei, daß er in Zusammenkünften und Unterredungen 
^^-iederum seine verurteilte Lehi'e von der Erdbewegung zu verbreiten 
suchen werde. Der Inquisitor begab sich in Gesellschaft eines Arztes 
nach Arcetri. Hier fanden sie Galilei unheilbar erblindet, von den 
heftigsten Schmerzen und namentlich einer so anhaltenden Schlaf- 
losigkeit gepeinigt, daß er nach Aussage seiner Hausgenossen von 
24 Stunden nicht eine schlief, im ganzen in einem so elenden Zustand, 
daß er mehr das Aussehen eines Leichnams hatte als eines Lebenden. 
„Die ViUa", so fügt der Inquisitor in seinem Schreiben hinzu, „ist 
weit von der Stadt entfernt und von allen bewohnten Gegenden so 
abgelegen, daß er nur selten, mit Schwierigkeiten und vielen Kosten 
sich den Besuch eines Arztes verschaffen kann." Der Inquisitor meint, 
daß, wenn Seine Heiligkeit von ihrer unendlichen Huld gegen ihn 
Gebrauch machen und ihm den Aufenthalt in Florenz gestatten 
woUe, bei solchem Zustande von seinen Unterredungen nichts zu 
befürchten sei; für alle Fälle werde eine gute Ermahnung genügen, 
ihn in den nötigen Schranken zu halten. 

Auf dieses Gutachten hin wurde Galilei für kurze Zeit der Aufent- 
halt in Florenz gestattet; aber es wurde der Befehl hinzugefügt, 
seine Wohnung nicht zu verlassen und bei Strafe der Exkommuni- 
kation und lebenslänglicher Einkerkerung mit niemand, wer es 
auch sei, über die verurteilte Lehre von der Erdbewegung 
zu reden. 

Läßt sich ein vollständigeres Bekenntnis der Ohnmacht, läßt 
sich eine großartigere Huldigung der Gewalt dem Geist und der 
Wissenschaft gegenüber denken, als dieser Befehl gegen den 74 jährigen, 
blinden, gefangenen INIann, der mehr ein Leichnam als ein Lebender 
nach Florenz getragen wd, um seinen Arzt aufzusuchen, als dieses 
letzte Verbot bei allen Strafen des Diesseits und Jenseits, nicht von 
der Bewegung der Erde zu reden? So war das Leben Galileis bis zu 



— 189 — 

seinem letzten Atemzuge ausgefüllt von dem großen Kampfe, zu dem 
ihn in jungen Jahren der unsterbliche Meister begeistert hatte. Das 
Auge, das die weiten Räume des Himmels durchmessen, an Sonne 
und Mond, an Venus und Mars, an Jupiter und Saturn die ent- 
scheidenden Beweise für den Copernicus verfolgt hatte — es war 
erloschen; das hinreißende, beredte Wort, das alle Hörer bezwang, 
alle Zweifelnden überzeugte und allen Widersachern wie Vernichtung 
klang — es drang nicht mehr über die engen Räume hinaus, die der 
Wille des mächtigen Feindes in Rom ihm zur Schranke gesetzt hatte; 
und dennoch war noch jetzt der Gedanke, der das müde Gehirn 
durchzuckte, der mögliche Gedanke und die Möglichkeit des Worts 
der Schrecken derer, die beschlossen hatten, daß die Erde steht und 
die Sonne sich bewegt! 

So blieb ihm auch bis zum Tode die Freiheit versagt; nur wenige 
Wochen blieb er in Florenz, um dann für immer in die Villa von 
Ai'cetri zurückzukehren. Von seinem Gefängnis reden noch seine 
letzten Briefe; als Gefangener der Inquisition ist er in Arcetri am 
8. Januar 1642 gestorben. 



Neuntes Kapitel. 
Nach Galileis Tode. 



Dem heiligen Tribunal, als dessen Gefangener Galilei gestorben 
war, galt das Grab nicht als die Schranke seiner Macht; es instruierte 
seinen Prozeß gegen den Toten, wenn nach dem Tode die Klage 
erhoben wurde; es unterbrach sich nicht im heüigen Werk, wenn der 
Tod den Angeklagten überraschte, ehe das Urteil gesprochen war; 
an der Leiche, am Namen und Gedächtnis vollstreckte die Inquisition 
den Spruch, den der Lebende durch ungesühnten Frevel verwirkt 
hatte; aber sie hielt auch die rächende Hand über dem Grabe des 
Mannes, der in Demut ihre Bußen auf sich genommen hatte. 

Galilei hatte in seinem Testament bestimmt, daß seine Leiche 
in dem Begräbnis seiner Vorfahren in der Kirche Sa. Croce beigesetzt 
werde. Gegen die Ausführung dieser Bestimmung wurden unmittel- 
bar nach seinem Tode von theologischer Seite Bedenken erhoben. 
Man bestritt ihm als verurteiltem ,,HaeretLker" das Recht zu 
testamentarischer Verfügung; man äußerte Zweifel gegen seinen 
Anspruch auf ein kirchhches Begräbnis. Von Staats wegen veranlaßte 
Gutachten wiesen die Berechtigung dieser Bedenken zurück, doch 
wurde, wie es scheint, um höherer Entscheidung nicht vorzugreifen, 
der Sarg zunächst zu vorläufiger Bewahrung in eine Seitenkapelle 
von Sa. Croce gebracht. 

Unter Galüeis Verehrern war inzwischen der Gedanke, ihm ein 
würdiges Denkmal zu setzen, zur Sprache gekommen; kein Ort 
schien dafür geeigneter als in derselben Hauptkirche die Stätte un- 
mittelbar neben derjenigen, wo seit 80 Jahren die Gebeine des JVIichel- 
angelü Buonarotti ruhten; in wenigen Tagen war durch Beiträge 
der angesehensten Florentiner eine erhebhche Summe für die Er- 
richtung eines marmornen Grabdenkmals an dieser Stelle gesichert. 



— 191 — 

Mit der j^achricht von Galileis Tode wurden auch diese Ab- 
sichten und Vorbereitungen durch den Florentiner Inquisitor in Rom 
zur Kenntnis gebracht.^ Gleichzeitig meldete der Nuntius: es heiße, 
daß der Großherzog Galilei ein prächtiges Grabdenkmal neben dem 
von Michelangelo Buonarotti errichten lassen wolle, und daß er be- 
absichtige, der Academia della Crusca den Gedanken für die Auf- 
schrift zu geben. 2 

Papst Urban befahl, dem Inquisitor zu antworten: er möge in 
geschickter Weise dem Großherzog zu Gehör bringen, daß es un- 
ziemlich sei, einem Manne ein Denkmal zu errichten, dem im Tribunal 
des heiligen Offiziums Bußen auferlegt seien, und der gestorben, 
während diese Bußen noch in Kraft waren; es möchten andernfalls 
die Guten ein Äi-gernis nehmen und auf die Frömmigkeit des Groß- 
herzogs ein Tadel fallen. Dränge er damit nicht durch, so möchte 
er darauf achten, daß zum mindesten in der Grabschrift keine Worte 
Platz fänden, die den Ruf des heiligen Tribunals beeinträchtigen 
könnten, und in demselben Sinne sollte er die Rede beim Begräbnis 
überwachen.^ 

Zwei Tage darauf hatte der großherzogliche Gesandte eine 
Audienz beim Papste. Urban stand damals im 74. Lebensjahr, Nicco- 
lini schildert ihn als körperlich verfallen, das Haupt so eingesunken, 
daß es mit den Schultern gleich zu liegen schien; aber seine Worte 
atmeten den unversöhnlichen GroU gegen den Toten. Wie zufällig 
lenkte er die Rede auf Galilei; im Vertrauen und nur gesprächsweise, 
wie er sagte, nicht damit er darüber nach Florenz berichte, ließ er 

^ Der Inhalt des Briefes ergibt sich aus dem Wortlaut der Antwort, 
wie sie in der Sitzung der Generalkongregation vom 23. Januar 1642 beschlossen 
wurde. Vergl. S. Gherardi, II processo Galileo, Firenze 1870 p. 36 (Ed. Naz. 
XIX p. 390). Der erteilten Weisung gemäß schreibt am 25. Kardinal Bar- 
berini an den Florentiner Inquisitor. Der Brief ist zuerst mitgeteilt von Arturo 
Wolynski, Nuovi Documenti inediti del processo di Galileo Galüei, Firenze 
1878 p. 29, aus diesem Buche abgedruckt in Edizione Nazionale XVIII p. 379 
und neuerdings nach der im Archiv der Inquisition zu Florenz erhaltenen 
Kopie bei Cioni a. a. 0. S. 61. 

- Aus dem Vatikanischen Archiv mitgeteilt in A. Favaro, Nuovi Studi 
Galileiani. Venezia 1891 p. 378 und in Ed. Naz. XVIII p. 378. 

^ Vergl. Gherardi, II processo Galileo riveduto sopra documenti di 
nuova fönte. Firenze 1870 p. 36 (Ed. Naz. XIX p. 290). Der am 23. Januar 
erteilten Weisung gemäß schreibt am 25. Kardinal Barberini nach Florenz. 
Vergl. Ed. Naz. XVHI p. 379 und Cioni a. a. O. S. 61. 



— 192 - 

den Gesandten wissen, was über die Absichten des Großherzogs 
verlautete und wie er darüber denke. Noch einmal brach er in heftige 
Worte aus gegen die falsche und irrige Meinung und gegen den Mann, 
der sie gelehrt, nachdem sie verdanmit worden, auch in Florenz sie 
vielen anderen beigebracht und damit der gesamten Christenheit ein 
Ärgernis gegeben habe. „Und als er darauf kam", so berichtet Nicco- 
lini, „von den einzelnen Behauptungen zu reden und von den Ant- 
worten, die er selbst Galilei gegeben und wie dieser bekannt habe, 
daß er eines Besseren belehrt sei, ging viele Zeit damit hin." 

Xiccolini konnte keine Neigung empfinden, um des toten Mannes 
viWlen das gute Verhältnis zu gefährden, das man auf Kosten von 
Ehre und Würde erhalten hatte, solange Galilei lebte. Er riet, wenn 
man wirklich beabsichtigt habe, was dem Papst zu Ohren gekommen, 
die Ausführung auf eine andere Zeit zu vertagen, um sich nicht un- 
angenehmen Folgen auszusetzen; habe doch Seine Heiligkeit nach 
persönlicher Entschließung und ohne darüber mit dem Herzog zu 
reden, den Leichnam der Gräfin Mathilde aus der Karthause von 
Mantua entführen und nach St. Peter in Rom bringen lassen, unter 
dem Vorwande, daß die Kirchen sämtlich des Papstes seien und daß, 
die darin ruhen, nur die christliche Behörde angehen. ^ 

Es bedurfte kaum so nachdi-ücklicher Vorstellungen. Die An- 
deutung, daß man sich Schwierigkeiten aussetzen dürfte, die Aus- 
sicht auf „lange Verhandlungen, die zu nichts Gutem führen könnten", 
genügten, um in Florenz den persönlichen Sympathien gegenüber 
den Ausschlag zu geben. Von irgendwelchem Widerstände, wie ihn 
selbst der Papst in der W^eisung an den Inquisitor als möglich voraus- 
gesehen hatte, hat die Antwort des Staatssekretärs Gondi an den 
Gesandten nichts zu melden. „Von dem Grabdenkmal für den ver- 
storbenen Mathematiker Galilei", schreibt er, „ist allerdings auch 
hier die Rede gewesen, aber nicht in einer Weise, als ob eine dahin- 
gehende Entschließung des Großherzogs auch nur naheliege; auf jeden 
Fall werden Eure Vorstellungen über den Gegenstand, den der Papst 
mit so großem Zartgefühl berührt hat, uns zu gebührender Erwägung 
die Veranlassung geben. "^ 



1 Ed. Naz. XVIII p. 378. 

2 Brief des Staatssekretärs Gondi vom 29. Jan. 1642 (Ed. Naz. XVIII 
p. 380). Niccolinis Bericht über seine weitere Unterredung mit dem Papst 
vom 8. Febr. 1642 in Ed. Naz. XVIII p. 381. 



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Infolge dieser gebührenden Erwägung unterblieb nicht allein die 
Errichtun<( des Denkmals; soweit wir unterrichtet sind, ist nichts 
von aliedt'Mi, was zur Ehre des Toten zu geschehen pflegt, in jenen 
Tagen für Galilei geschehen; von einer Überführung des Sarges in 
die Faniiliengruft war nicht mehr die Rede; der abgelegene Glocken- 
turm der Seitenkapelle von Sa. Croce, in den man ihn zu vorläufiger 
Bestattung gebracht hatte, bewahrte fast ein volles Jahrhundert 
hindurch die Überreste des großen Mannes. Und wie an dieser ab- 
gelegenen Stätte viele Jahre hindurch kaum ein Zeichen des Danks 
und der Verehrung sein Grab geschmückt hat, so blieb auch sein 
Gedächtnis noch durch Generationen unter dem Banne des römischen 
Richterspruches. 

Es ist unerläßlich, um Galileis willen, um auch heute nur ihm selbst 
gerecht zu werden, die Tatsache klarzustellen, daß an den verhängnis- 
vollen Wirkungen dieses Richterspruchs in höherem Maße fast als 
der Eifer und die Wachsamkeit der Inquisition und ihrer all- 
verbreiteten Organe die unbegrenzte Gefügigkeit derjenigen beteiligt 
ist, die berufen gewesen wären, der despotischen Gewalt gegenüber 
das Recht und die Ehre der Wissenschaft zu vertreten. Unterliegt 
es keinem Zweifel, daß eine so völlige Ertötung mannhafter Über- 
zeugungstreue, wie sie die Geschichte der italienischen Wissenschaft 
in dem Jahrhundert nach Galileis Tode bekundet, als die Frucht 
eben jener entsittlichenden Gewaltherrschaft betrachtet werden muß, 
der nach der Ausrottung aller haeretischen Bestrebungen im 16. Jahr- 
hundert Italien unterlag, so bleibt darum nicht minder das Erstaunen 
darüber gerechtfertigt, daß der Triumph der brutalen Gewalt ein so 
vollständiger gewesen ist, daß es gelingen konnte, den natürlichen 
Wahrheitstrieb, der Galilei in die Hände der Inquisition geführt hat, 
in der Denkweise auch der besten seiner Nachfolger so weit zu be- 
täuben, daß nach jenem ersten ein zweiter Inquisitionsprozeß gegen 
einen Anhänger der copernicanischen Lehre nicht mehr nötig ge- 
worden ist. 

Mit dem Verzicht aber, den sich der großen wissenschaftlichen 
Wahrheit gegenüber die namhaftesten Gelehrten Italiens auferlegten, 
hing die Vernachlässigung zusammen, die in den nächsten Generationen 
nach seinem Tode Galileis Andenken erfuhr. Nicht, daß es an den 
Gesinnungen gefehlt hätte, an Liebe und Verehrung für den Meister, 
an dem Verlangen, sie vor den Augen der Welt zu betätigen und an 

Woblwill, GalUei. II. 13 



— 194 — 

dem heißen Grimm wider die feindlichen Mächte, die solcher Be- 
tätigung zu wehren schienen. Aber Zorn und Verlangen waren ohn- 
mächtig, weil es an der unbeugsamen Ki-aft des Willens fehlte, der 
widerstehenden Mächten zum Trotz aus Empfindungen Taten reifen 
läßt. 

Die äußere Veranlassung, um Galileis willen und zugleich für die 
Befreiung der Wissenschaft von den Fesseln der Dekrete in die 
Schranken zu treten, bot sich bald genug. 

Im Jahre 1651 erschien in Bologna das „Abnagestum novum" 
des Jesuiten Johann Baptista Riccioli. Mit dem Namen Almagest 
\Yurde bekanntUch seit der arabischen Periode der Wissenschaft das 
große Werk bezeichnet, in dem der Alexandriner Claudius Ptolemäus 
das astronomische Wissen des Altertums, mit den eigenen Forschungen 
zusammengefaßt, der Nachwelt überliefert hat. In ähnhcher Weise 
woUte Riccioli im ,,Almagestum novum" den Stand der Erkenntnis 
und der Forschung in der Mitte des 17. Jahrhunderts für das eigene 
Zeitalter zur Darstellung bringen. Dieser Absicht entspricht die 
außerordenthche Reichhaltigkeit des Werks in seinen Ausführungen 
über alle einzelnen Zweige der astronomischen Forschung, die Voll- 
ständigkeit in der Zusanmienstellung der bekannten Beobachtungen, 
Messungen und Berechnungen; doch fehlt dem „neuen Almagest", 
was den alten vorzugsweise charakterisiert, die Einheit des Systems 
in der Darstellung der Himmelserscheinungen; seine Vollständigkeit 
erstreckt sich auf die Wiedergabe der streitenden Theorien in aller 
Mannigfaltigkeit der Abstufungen, nicht etwa nur im allgemeinen 
Überbhck, sondern in gesonderter Anwendung auf jede Gattung von 
Himmelskörpern, ja bei Behandlung der planetarisch bewegten auf 
jeden einzelnen Planeten und Nebenplaneten; für die Bew^egungen 
eines jeden derselben finden sich neben den alten und neuen Deutungen, 
bei denen die Erde als ruhend im Mittelpunkt der Welt gedacht wd, 
in ausführlicher Ableitung die Theorien des Copernicus und seiner 
Nachfolger; nur als eine Hypothese neben den übrigen, lernt der 
Leser die eigene des Verfassers kennen, die von der des Tycho Brahe 
nur bei den entfernteren Planeten abweicht. Riccioli läßt in diesen 
Abschnitten gewissermaßen den Parteien selbst das Wort. Erst in 
der folgenden Hauptabteilung des Werks, in der umfassenden Ab- 
handlung „über das System der bewegten Erde" tritt in voller Klar- 
heit hervor, was neben und über der wdssenschafthchen Neigung seina 



— 195 - 

Forschung leitet: es ist, wie er es unumwunden ausspricht, das Ver- 
langen, in seiner Darstelhmg zugleich eine Apologie für die Ent- 
scheidungen der Heil. Kongregation der Kardinäle zu geben. Auf 
diesen Teil des „Almagestum novum" ist hier etwas näher einzugehen, 
weil die Kritik der copernicanischeii Lehre, die er enthält, auf lange 
Zeit hinaus für die Wißbegierigen Italiens die Hauptquelle, die einzige 
frei zugängliche der Belehrung über das wahre Weltsystem geblieben 
ist, weil dieselbe ge^\'issermaßen als offizielle Antwort auf Galileis 
„Dialoge" betrachtet werden muß, vor allem aber, weil in dem Ver- 
halten diesem Buche gegenüber sich am schärfsten Geist und 
Charakter der italienischen jN'achfolger Galileis im 17. Jahrhundert 
kennzeichnen. 

Riccioli hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht; vor allem 
ist er bemüht, der copernicauischen Lehre gerecht zu werden. Er 
spricht es offen aus, daß das Meiste, was man bis dahin gegen dieselbe 
vorgebracht, aus Mißverständnis und unzureichender Kenntnis ihres 
tiefen Gedankengangs hervorgegangen sei; von diesem Tadel nimmt 
er weder Tycho Brahe, noch seine namhaften Ordensgenossen Clavius 
und Scheiner aus^; er stellt dem Anscheine nach vollständig zusammen, 
was zugunsten, was zur Widerlegung der Erdbewegung in alten, wie 
in neuen Zeiten geltend gemacht worden ist, und findet auf selten 
der Copernicaner nicht minder wie bei ihren Gegnern vielfach zu- 
treffende Argumente und Entgegnungen.- Auch darin weicht er von 
seinen Vorgängern ab, daß er in vielen Fällen, wo diese den Aristoteles 
gegen die teuerer ausspielen, sich grundsätzlich auf den Boden der 



^ Diese Beurteilung seiner Vorgänger könnte denjenigen seiner Ge- 
sinnungsgenossen in neueren Zeiten zur Belehrung dienen, die den Kepler 
und Galilei gegenüber ohne Wahl und Prüfung zahlreiche Namen als Ver- 
treter der gegnerischen Ansicht zusammenstellen, um zu beweisen, daß unter 
den ,, Sachverständigen" eine Mehrheit für Copernicus nicht vorhanden war. 

^ Sehr oberflächlich wird Ricciolis Kritik der copernicanischen Lehre 
in den meisten neueren Geschichtsdarstellungen durch die Angabe gekenn- 
zeichnet, daß er 49 Gründe für und 77 wider die Bewegung der Erde anführe ; 
dabei wird teils angedeutet, teils sogar ausgesprochen, daß es dies Übergewicht 
der Zahl der widersprechenden Gründe sei, das ihn zur Entscheidung gegen 
Copenücus und Galilei bestimme; ein Blick auf die kurze abschließende 
Übersicht auf Fol. 478 des 2. Bandes genügt, um zu erkennen, daß Riccioli 
von den 77 Gegengründen nur eine kleine Zahl als unwidersprechlich betrachtet 
wissen will. 

13* 



— 196 — 

gegnerischen Anschauungsweise stellt. Aber all dieses Entgegen- 
kommen, alle Versöhnlichkeit in der Form erscheinen im weiteren 
Zusammenhang seiner Erörterungen als nicht viel mehr als Aus- 
stattung und Hilfsmittel des Angriffs und der Herausforderung. Die 
Überlegenheit der von der Kirche gebilligten Wissenschaft, der Triumph 
der heiligen Kongregationen ist um so größer, je achtungswerter in 
Kicciolis Auffassung die bekämpfte Lehre sich darstellt, je bereit- 
williger er dem Anscheine nach dem Gegner die Wahl des Stand- 
punkts und der Waffen zugestanden hat; denn trotz aller Zugeständ- 
nisse darf er zum Schlüsse als Ergebnis umfassendster Untersuchungen 
zuversichtlich hinstellen, daß bei ausschließlicher Berücksichtigung 
von Vernunftgründen und unter Beiseitelassung aller Autorität als 
absolut wahr diejenige Hypothese angenommen werden muß, die die 
Unbewegüchkeit oder Kühe der Erde voraussetzt- und als falsch und 
physischen, ja selbst auch physikomathematischen Beweisen zu- 
widerlaufend diejenige, welche der Erde entweder nur eine tägliche, 
oder eine tägliche und eine jährliche Bewegung zuschreibt! Kepler 
gegenüber, der die Meinung ausgesprochen hatte, daß von denjenigen, 
die der copernicanischen Lehre beizustimmen Bedenken tragen, die 
meisten dazu durch religiöse Gesinnung bewogen werden, hielt 
Riccioli sich für berechtigt auszurufen: „billig ist es, daß in Zukunft 
die Anhänger der copernicanischen Hypothese, wenn es deren geben 
sollte, den Theologen und Dienern der Kirche ausreichende Kenntnis 
zugestehen, um ein Urteil über diese Hypothesen abzugeben, und 
anerkennen, daß die copernicanische Hypothese nicht aus zu großer 
oder bloßer Ehrfurcht gegen die kirchlichen Dekrete oder die Heiligen 
Schriften verworfen werde, sondern auch kraft tieferen EinbHcks in 
beide Hypothesen und aus Gründen, die daraus in umsichtigster 
Weise abgeleitet worden sind!" 

Mehr noch als in dieser siegesgewissen Rede lag eine Aufforderung 
zum Widerspruch für die Anhänger des Copernicus und vor aUem für 
die Freunde und Verehrer Galileis in der Methode, den Hilfsmitteln 
und hundert Einzelheiten der Beweisführung Ricciolis. Es ist bei 
aller erschöpfenden Gelehrsamkeit das Verfahren nicht des hin- 
gebenden oder auch nur des in einseitiger Auffassung befangenen 
Forschers, sondern das des berechnenden Sach Verwalters, das uns 
in dieser Beweisführung entgegentritt. Nur einzelnes kann zum Beleg 
an dieser Stelle hervorgehoben werden. 



— 197 — 

Es ist zunächst ein scheinbar völlig unverdächtiges Mittel, dessen 
sich Riccioli bedient, um ausgehend von den Gedanken und Be- 
rechnungen, die in Kepler und Galilei den unerschütterlichen Glauben 
an die Wahrheit der copernicanischen Lehre begründet hatten, zur 
entgegengesetzten Ansicht zu gelangen, — es ist die Prüfung der 
Beweisgründe auf ihre formell logische Berechtigung. Der Gewohn- 
heit der alten Schule gemäß \\'urde zu diesem Zweck die Behauptung, 
die als wissenschaftliche AVahrheit gelten wollte, in die Form eines 
regelrechten dreigliedrigen Schlusses gebracht; sie galt als erwiesen, 
wenn sowohl die beiden Vordersätze „terminus major" und „terminus 
minor", wie die Ableitung des Schlusses aus denselben sich als 
einwurfsfrei bewährten. Nach dieser Vorschrift hat Riccioli alles, 
was irgend einmal für oder wider die Bewegung der Erde gesagt war, 
mit Einschluß der eigenen Behauptungen, sorgsam formuliert und 
dann Prämissen und Konklusion der Prüfung unterworfen. Xicht 
weniger als 126 Behauptungen, 77 gegen und 49 für die Bewegung der 
Erde hat er in solcher Weise zergliedert. 

Das erste und wichtigste Ergebnis dieser umfassenden Unter- 
suchung war die Erkenntnis, daß die astronomische Betrachtung 
weder für noch gegen die Bewegung der Erde entscheidende Beweis- 
gründe gewähren könne. Überzeugend war für die Copernicaner in 
erster Linie cüe außerordentliche Einfachheit und Symmetrie der 
Anordnung und der Bewegungen der Himmelskörper, die sich bei 
Voraussetzung der zwiefachen Bewegung der Erde mit Notwendigkeit 
ergab. Das mochte genügen, um den Glauben an die Wahrheit dieser 
Voraussetzung zu begründen; für die Erkenntnis, die auf gesicherten 
Schlüssen beruht, konnte die Folgerung nur dann als berechtigt 
erscheinen, wenn zunächst der Vordersatz er^^^esen war, der ganz 
allgemein behauptet: Einfachheit und Symmetrie der Anordnung, 
die aus der Annahme einer Hypothese sich ergeben, sind untrügliche 
Beweise für die Wahrheit dieser Hypothese. Es war nicht schwer, 
einen solchen Satz zu bestreiten oder doch als unerwiesen erscheinen 
zu lassen, der unzweifelhaft der beschränkten menschlichen Fassungs- 
kraft den Maßstab für die Gedanken des Weltordners entnimmt. 
Nicht besser gesichert erschien das Urteil, das aus der außerordent- 
lichen Verwicklung des Mechanismus eines Weltsystems, zu dem die 
astronomische Forschung gelangt, wenn sie die Erde im Mittelpunkt 
des Weltalls ruhen läßt, den Grund entnimmt, diese Stellung der 



— 198 — 

Erde als unannehmbar zu betrachten. War aber dieses zugestanden, 
so durfte die Einfachheit als Vorzug der einen, wie die Verwicklung 
als Unzuträglichkeit der anderen Lehre als nichts beweisend un- 
berücksichtigt bleiben, wo es sich um die Erörterung über wahr und 
unwahr handelte. Die Methode der Untersuchung gewährte somit 
das Mittel, für die Entscheidung dieser Hauptfrage alles das als 
gleichgültig und wertlos erscheinen zu lassen, was zur Enthüllung 
des großen Gedankens der Erdbewegung geführt und seine Annahme 
den Astronomen unvermeidlich gemacht hatte. 

Riccioli will andererseits nicht leugnen, daß die Deutungen der 
copernicanischen Lehre den Himmelserscheinungen in voUem Maße 
Genüge leisten, und wenn auch ihm selbst die Übereinstimmung der 
ptolemäischen Astronomie mit der Sinneswahrnehmung als ein 
wesenthcher Vorzug erscheint, so gesteht er doch dem Gegner die 
Berechtigung zu, einer Schlußfolgerung zu widersprechen, die aus 
dieser Übereinstimmung einen Beweis der Wahrheit entnehmen 
möchte. Auch für eine Widerlegung der copernicanischen Lehre und 
damit für eine ausreichende Lösung der Aufgabe, die buchstäbliche 
Wahrheit der HeiHgen Schrift durch die Wissenschaft zu rechtfertigen, 
war demnach die eigentlich astronomische Betrachtung nicht zu 
verwerten. 

Wie schon im Altertum Ptolemäus sich begnügt hatte, die An- 
nahme einer Erdrotation dadurch zu beseitigen, daß er zeigte, wie 
lächerhche und mdersinnige Konsequenzen sich daraus für die 
Bewegungen der Vögel, der Wolken und anderer Körper an der 
Oberfläche der Erde ergeben müßten, so glaubt auch Riccioli die 
Entscheidung- darüber, ob die Erde sich bewegt, der Beobachtung 
fallender und geworfener Körper entnehmen zu können. Der Gedanke 
des Ptolemäus, die astronomische Lehre an ihren physikalischen 
Konsequenzen zu prüfen, trifft nach seiner Ansicht das Richtige; 
nur darauf scheint es ihm anzukomm.eu, auf Grund einer besseren 
Bewegungslehre und genauerer Beobachtungen diesen Gedanken 
durchzuführen. 

Ähnliches hatte — wie wir wissen — Galilei zugunsten der 
copernicanischen Lehre in seiner Theorie der Meeresflut versucht. 
Riccioli hat diese Achillesferse der Galileischen Beweisführung sich 
nicht entgehen lassen; das längste Kapitel seines Buches ist der Flut- 
lehre der „Dialoge" gewidmet; wie eine Blase oder der leichteste 



— 199 — 

Schaum des Meeres, meint er triumphierend, müsse für diejenigen, 
der dies Kapitel liest, Galileis Lehre zergehen. Nicht einer besseren 
Bewegungslehre oder überhaupt nur besonderen Scharfsinns hat er 
für diese Widerlegung bedurft; es genügt ihm, durch eine vollständige 
Zusammenstellung der Beobachtungen von den Tagen der Phönizier 
bis in die allerneueste Zeit den Beweis zu führen, daß die Erscheinungen, 
wie sie an den Meeresküsten aller Erdteile wahrgenommen werden, 
wesentlich andere sind, als diejenigen, die Galileis Theorie verlangt. 
So kann er dem kühnen Schlüsse von der Tatsache der Fluten- 
erscheinungen auf die zwiefache Bewegung der Erde, die zu ihrer 
Erklärung ausreicht und ohne die sie unerklärlich bleibt, die 
nüchterne Überlegung entgegenstellen: wenn die Erde sich bewegte 
und durch ihre Bewegung die Flut des Meeres so bewirkte, wie Galileis 
Erklärung es angibt, so würde die Flut des Meeres eine andere sein, 
als sie in Wirklichkeit ist, folglich ist entweder die Erde ohne Bewegung, 
oder sie ist durch ihre Bewegung nicht die Ursache der Meeresflut 
in derjenigen Weise, wie Galilei es erklärt. Daß in Wahrheit, auch 
wenn die Erde sich bewegte, eine Bewegung der größeren Wasser- 
massen, wie Galilei sie ableitete, keineswegs stattfinden müsse, hat 
Kiccioli in einigen kurzen Bemerkungen angedeutet; doch scheint 
weder er noch sein Ordensbruder und Mitarbeiter, der in anderen 
Beziehungen als Forscher hochverdiente P. Francesco Maria Grimaldi 
den eigenthchen Ursprung des Irrtums begriffen zu haben. 

Auf nahe verwandte, aber ungleich schwerere Irrtümer müssen 
die experimentellen Beweise zurückgeführt werden, durch die Eiccioli 
und Grimaldi die Bewegung der Erde widerlegen zu können meinten. 
Darf man bei Galileis Flutlehre von einer Inkonsequenz reden, so 
bekundet sich in den „physikomathematischen" Beweisen der beiden 
gelehrten Jesuiten ein völliges Mißverstehen der Galileischen 
Fundamentalsätze, insbesondere seiner Erklärung der Tatsache, 
daß durch das Hinzukommen der gleichförmigen Kreisbewegung 
der Erde zu den Einzelbewegungen irdischer Körper die letzteren 
zwar — absolut betrachtet — andere werden, für die Wahr- 
nehmung jedoch nicht anders erscheinen, als wenn die Erde ruht. 
Kiccioli begreift nicht, was Galilei an unzähligen Beispielen dargetan, 
daß für die Wahrnehmung, wie für jede Wirkung nur derjenige Teil 
der Bewegung vorhanden ist, an dem das wahrnehmende Auge oder 
der Gegenstand, auf den eine Einwirkung stattfindet, keinen Anteil 



— 200 — 

hat; nach Gahleis Vorgang konstruiert er die Bahn eines Körpers, 
der im Fallen zugleich die Kreisbewegung der Erde teilt, nimmt dann 
aber an, daß die Wirkungen des fallenden Körpers durch die Eigen- 
schaft der durch Konstruktion bestimmten gemischten (absoluten) 
Bewegung bedingt seien ; da in dieser nach Galileis — halb scherzhafter 
— Ableitung die Ungieichförmigkeit und Beschleunigung der ein- 
fachen Fallbewegung verschwindet, meint Eiccioli bei Voraussetzung 
der Bewegung der Erde auch an den Wirloingen des fallenden Körpers 
erkennen zu müssen, daß er mit nahezu beständiger Geschwindig- 
keit zur Erde gelangt; mm wächst aber mit der Annäherung an 
die Erde, wie die zunehmende Stoßwirkung erkennen läßt, die 
Geschwindigkeit des fallenden Körpers; es kann deshalb der senk- 
rechten Fallbewegung keine Kreisbewegung beigemischt sein, und 
dadurch ist erwiesen, daß die Erde ruht. 

Abweichend von Tycho Brahe nimmt Eiccioli mit Galilei an, 
daß in der Richtung des Meridians geschossene Kanonenkugeln auch 
auf rotierender Erde ihr Ziel erreichen, weil ihnen auch neben der 
Sonderbewegung der Anteil an der Erdbewegung verbleiben würde, 
aber unklar tiber Sinn und I^atur dieser Zusammensetzung zur ab- 
soluten, auf den Weltraum bezogenen Bewegung, meint er, die Wirkung 
des Schusses müsse um so schwächer sein, je ferner den Polen, je 
näher dem Äquator geschossen werde, weil mit der dadurch bedingten 
stärkeren Beimischung der Ki-eisbewegung auch die Richtung, in der 
die Kugel eine durch das Ziel gelegte vertikale Ebene trifft, mehr 
und mehr vom rechten Winkel abweicht, mit dem Wachsen dieser 
Abweichung aber die Kraft des Stoßes in entsprechender Weise sich 
mindern müsse; da nun Unterschiede in der Wirkimg der Kanonen- 
schüsse, die dem Abstand vom Äquator entsprechen, niemals beob- 
achtet worden, muß eine Beimischung der Kreisbewegung als aus- 
geschlossen, die Erde als ruhend angesehen werden. 

Eine Reihe weiterer Beweise Ricciolis gegen die Bewegung der 
Erde ist auf das gleiche Mißverständnis zurückzuführen. Der Fehl- 
griff in allen diesen Betrachtungen, auf die Riccioli den höchsten Wert 
legt, verdeutMcht, wie schwer es den Zeitgenossen fiel, sich den 
Gedankengang der Galilei sehen Lehre zu eigen zu machen. 

Aber der Verteidiger der heiligen Kongregation hat offenbar das 
Bedürfnis empfunden, diesen Früchten seiner gelehrten Ai'beit, die 
dem Laien unzugänglich bheben, Gegengründe für Jedermanns Ge- 



— 201 — 

brauch hinzuzufügen, Beweise, die man vielleicht — wie er selbst 
das angedeutet hat — als Grundlage jenes Urteils der theologischen 
Konsultoren betrachten dürfte, das die copernicanische Lehre als 
„töricht" und absurd in der Philosophie verwirft. 

Bei dieser volkstümlichen Aufgabe kam es denn freilich weniger 
darauf an, die notwendigen Voraussetzungen der Gegner, dieselben, 
die in den physikomathematischen Beweisen bereitwillig zugrunde 
gelegt werden, als berechtigt anzuerkennen, und ebensowenig scheint 
es Riccioli beunruhigt zu haben, daß er auf diesem Wege mit seiner 
eigenen Wissenschaft in groben Widerspruch gerät. Nichts Geringeres 
erstrebt er in der hier berührten Gattung von Beweisen, die sich in 
allen Abschnitten des Buches über das System der bewegten Erde 
eingestreut finden, als dem unmittelbaren Zeugnis der Sinne das 
Vorrecht zu sichern gegenüber den möglichen Deutungen und mathe- 
matischen Betrachtungen. Um sie zu kennzeichnen, genügt zu er- 
Wtähnen, daß Riccioli mit allem Nachdnick in der Weise des Aristoteles 
gegen die Bewegung der Erde die Tatsache verwertet, daß wir die 
Körper aller Orten in senkrechter Richtung zur Erdoberfläche fallen 
sehen. 

Nirgends war die Antwort Galileis klarer. Wer seiner Belehrung 
gegenüber noch eine Antwort für möglich hielt, mußte vor allem 
nicht minder klar und bestimmt bezeichnen, welche Abweichung in 
der Bewegung des fallenden Körpers er auf bewegter Erde zu sehen 
erwartet. Riccioli schweigt darüber; er ist in der Tat um der Kon- 
sequenz willen außerstande, wie seine Vorgänger ein Zurückbleiben 
des fallenden Körpers nach Westen zu erwarten; er deutet nicht an, 
daß er — Borelli und Newton voraus — an ein Vorauseilen nach 
Osten gedacht hat, er wagt auch nicht zu behaupten, daß, wenn die 
Erde in Wahrheit sich bewegte, man etwa die Bewegung des fallen- 
den Körpers in derjenigen Ivrummen Linie erfolgend sehen würde, 
die aus der Zusammensetzung des senla-echten Falls mit der Kreis- 
bewegung der Erde resultiert; kurz, er sagt und glaubt nicht, daß 
für ein menschliches Auge die Erscheinung des freien Falls auf der 
bewegten Erde in irgendwelcher Beziehung sich von derjenigen auf 
der ruhenden unterscheiden würde; aber indem er in langer Aus- 
führung mit Exkursen ins Gebiet der Logik, Metaphysik und Theologie 
als einen Widersinn ohne Gleichen, als eine Verleugnung der gewissesten 
Wirklichkeit die Behauptung geißelt, daß die Körper nicht in senk- 



— 202 — 

rechter Linie fallen, läßt er den Leser glauben, daß eben dies von den 
Copernicanern behauptet würde, daß sie vorgeben, mit sehenden Augen 
statt der Senkrechten eben jene Kurve bei jedem fallenden Körper 
zu erblicken, und dieser vermeintlichen Verblendung gegenüber ruft 
er pathetisch aus: wenn es für den Sinn nicht evident ist, daß die 
schweren Körper in geraden Linien fallen, dann ist ihm nichts mehr 
evident, und nichtig ist dann alle Wissenschaft der Natur. 

Es würde nicht schwer sein, wie in dieser Verteidigungsrede für 
das älteste und bequemste Argument gegen die Bewegung der Erde, 
so in vielen anderen Teilen des Buches schlechthin sophistische 
Deduktionen nachzuweisen, die mit ehrlicher, wissenschaftlicher 
Überzeugung nichts gemein haben und denen gegenüber deshalb auch 
die Wissenschaft auf Widerlegung verzichten durfte, aber auch der 
überzeugte Copernicaner konnte nicht glauben, daß um derartiger 
Bestandteile v^illen dem „Almagestum novum" gegenüber gering- 
schätziges Schweigen die gebührende Antwort gewesen wäre. Ricciohs 
Buch bot sich dar als der Inbegriff der zeitgenössischen Wissenschaft 
auch in betreff der Erkenntnis über das w^ahre Weltsystem; wenn 
man in Abrede stellen konnte, daß sein Inhalt diesem Anspruch 
genügte, so Heß sich doch nicht verkennen, daß seine Verteidigung 
der alten Weltanschauung, unvergleichbar mit allem, was bis dahin 
die Anhänger der Schulphilosophie in gleicher Absicht geleistet, auf 
voller Kenntnis der gegnerischen Lehre und ihrer Vorzüge beruhte, 
seine Beurteilung vieKach wldiche Mängel traf, seinen Einwendungen 
in nicht wenigen Punkten die Berechtigung nicht zu bestreiten war. 

Hatte Riccioli von den Argumenten, die bis in die Mitte des 
17. Jahrhunderts von den Anhängern der Erdbewegung zur Sprache 
gebracht waren, kaum irgendeins unberücksichtigt gelassen, so 
richtete sich naturgemäß sein Hauptangriff gegen Galüei und dessen 
„Dialoge". Es ^\ird nicht leicht eine lehrende oder ki-itische Be- 
trachtung, ein sinnreicher Vergleich, geschweige eine Ungenauigkeit 
oder eine irrtümliche Vorstellung dieses Buches nachzuweisen sein, 
die er nicht zum Gegenstand der Erörterung gemacht hätte, häufig 
genug einer recht 'widersinnigen Erörterung, weil es ihm ersichtlich 
mehr darauf ankam, möghchst zahkeiche Sätze ihrem Wortlaute 
nach anfechtbar als im Zusammenhang der Darstellung und der 
Absicht des Verfassers gemäß verständlich erscheinen zu lassen. 
Aber so zahkeich und mannigfaltig dabei die Mißdeutungen und 



— 203 — 

Mißverständnisse unterlaufen, so blieben doch auch Galilei gegenüber 
für den unbefangenen Leser der teilweise oder durchaus berechtigten 
Entgegnungen nicht wenige, vor allem waren gegen den einzigen 
Beweis für die zwiefache Bewegung der Erde, der diese Bewegung 
in ihren Wirkungen für die unmittelbare Wahrnehmung veranschau- 
licht erscheinen üeß, die ernstesten Bedenken erhoben; der erneuten 
Prüfung mindestens und der klaren Darlegung bedurfte es, was für 
die Haltbarkeit des ganzen Baus die Ausschaltung dieses wichtigen 
Teils bedeutete. 

Zu den Fragen und Aufgaben, die in solcher Weise Eicciolis 
Buch den copernicanisch denkenden Zeitgenossen und vor allen den 
Anhängern Galileis stellte, kam für die letzteren der persönliche 
Angriff gegen den toten Meister. Bei aller Mäßigung in der Bekämpfung 
der gegnerischen Ansicht trägt Riccioli doch kein Bedenken, überall 
da, wo er die eigenen Beobachtungen oder die tatsächlichen Wahr- 
nehmungen anderer von denjenigen abweichen sieht, auf die Galilei 
seine Behauptungen begründet, ihm Unehrlichkeit in klaren Ausdrücken 
vorzuwerfen. 

Schlimmeres noch forderte der Plan seines Werkes. Den physi- 
kalisch-astronomischen Abschnitten des Buchs über die Bewegung 
der Erde schließt Riccioli den theologischen an. Der vollständigen 
Zusammenstellung der Bibelstellen, die auf die Bewegung der Sonne 
und die Ruhe der Erde Bezug haben oder möglicherweise zu beziehen 
sind, läßt er die Deutungen der Laien und der Männer der Kii'che 
folgen ; den Abschluß bilden die Dekrete der römischen Kongregationen 
aus den Jahren 1616 und 1620; diesen folgt in lateinischer Übersetzung 
der vollständige Text des Urteils gegen Galilei und der Abschwörungs- 
formel. So erschienen die demütigenden Worte, in denen der unglück- 
liche Mann der Lehre von der Erdbewegung entsagt, gewissermaßen 
als die letzten, die in dieser Angelegenheit zu reden waren. 

Den Zeitgenossen bedeutete diese Veröffentlichung eine nach- 
drucksvoUe Erneuerung des Andenkens an die Schmach, die die 
römische Inquisition Galilei angetan. Wohl war es der Zeit nach 
nicht die erste. Eine französische Übersetzung der Sentenz und der 
Abschwörungsformel hatte Mersemie schon im Jahre 1635 drucken 
lassen, eine Wiedergabe des italienischen Originals war in dem „Anti- 
copernicus catholicus" des Venetianers Polacco im Jahre 1644 er- 
schienen. Beide Schriften hatten um ihres anderweitigen Inhalts 



— 204 — 

vrillen geringe Verbreitung gefunden. Erst durch das „Almagestura 
no\aim" ist daher die Geschichte des GaUleischen Prozesses nach 
der römischen DarsteUung, die Motivierung und der ausführÜche 
Wortlaut der Sentenz allgemein zugänglich und bekannt geworden. 
In den weitesten Kreisen las man jetzt zum ersten Male, daß Galilei 
von dem starken Verdacht der Ketzerei sich nur durch die feierliche 
Verleugnung und Verwünschung seines Glaubens gereinigt hatte. 
Man begreift, daß vor allem gegen diesen Teil des Werkes von Riccioli 
sich der Unwillen und die Entrüstung der Nächstbeteihgten richtete. 
Nicht ohne tiefe Erregung konnte Großherzog Ferdinand in den 
Ausführungen der Sentenz das Gedächtnis der eigenen Demütigung 
erneuert sehen, ^ Aufs peinlichste ergriff die Veröffentlichung den- 
jenigen, der vor allem sich berufen glaubte, das Andenken Galileis 
zu schützen : seinen letzten Schüler, Vinzenzio Viviani. Noch 16 Jahre 
später, als ihm aus Bologna Eicciolis Tod gemeldet wurde, sprach 
er sich in bitteren Worten über dessen Verfahren gegen Galilei aus: 
der Abdruck der Sentenz, meinte Viviani, habe be^^iesen, daß die 
Abneigung des elirwürdigen Herrn mehr dem Manne als seinen Be- 
hauptungen gegolten habe.^ 

In gleicher Gesinnung erwiderte der Mathematiker Montanari, 
an den diese Worte gerichtet waren : ,,Owie oft habe ich mitingiimm 
daran gedacht, wie schlecht der Pater Galilei behandelt hat, ja bis- 
weilen hat mich darüber die Laune angewandelt, seine Verteidigung 
zu übernehmen und ihm eine Apologie zu schreiben. "^ Es- ist das 
einzige Mal, daß in den bisher zugänglichen Handschriften auch nur 
als einer Laune einer solchen Absicht gedacht wird. Montanari fügt 
hinzu, was nicht für ihn allein entscheidend war, um den aufsteigenden 
Gedanken zu verbannen: „Aber diese Sekte ist allzumächtig!" So 
hatte es bei ihm wie bei den übrigen bei dem schmerzlichen Empfinden, 
den bitteren Worten gegen den Jesuiten von Bologna und bei dem 
Einfall, daß man wohl gegen ihn schreiben könnte, sein Bewenden. 
Es fand sich niemand unter den itaUenischen Gelehrten, der der 



^ Nach Vivianis Erzählung in dem in der nächstfolgenden Note zitierten 
Briefe. 

2 Brief Vivianis an Geminiano Montanari vom 26. Sept. 1671, mit- 
geteilt in A. Favaro Miscellanea Galileiana inedita. Venezia 1887 p. 111. 

^ Brief Montanaris an Viviani vom 29. Sept. 1671 bei Favaro a. a. O. 
p. 127. 



— 205 — 

„mächtigen Sekte" zum Trotz gewagt hätte, durch eine Darlegung 
der guten Gründe für die Annahme einer Bewegung der Erde zugleich 
den Richtern der Inquisition und ihrem Verteidiger die gebührende 
Antwort zu erteilen. 

Auch eine eingehende Würdigung oder Widerlegung der Angriffe 
Ricciolis in den Grenzen wissenschaftlicher Erörterung ist weder 
damals noch später von Anhängern des Copernicus gegeben oder 
versucht worden. Daß es dafür in Itahen auch in jenen Tagen nicht 
an den geeigneten Persönlichkeiten fehlte, ist zur Genüge der kurzen 
und treffenden Abwehr zu entnehmen, die zwei italienische Gelehrte 
gegen einen Teil der gegnerischen Beweisführung gerichtet haben. 

Nachdem 14 Jahre hindurch die Herausforderung des „Alma- 
gestum novum" dem Anscheine nach unbeachtet gebheben war, 
wiederholte Riccioli dieselbe in seiner 1665 erschienenen ,,Astronomia 
reformata". In einer kürzeren Besprechung der copernicanischen 
Lehre hebt er hier aus dem umfassenden Rüstzeug des älteren Werks 
neben den theologischen nur das bereits erwähnte physikomathe- 
matische Argument als unwiderlegliches Zeugnis gegen die Bewegung 
der Erde hervor. Dabei verhehlt er nicht, daß selbst im Kreise seiner 
liebsten Freunde und bei Männern, die ,,die Heihge Autorität ver- 
ehrend die copernicanische Hypothese absolut verwerfen", dieses 
Argument zu lebhaften Einwendungen Veranlassung gegeben habe. 
Um der Freunde willen verwendet er um so größere Mühe auf eine 
erweiterte und verbesserte Begründung. Gegen eben diesen Beweis 
haben dann in der Öffentlichkeit Johann Alfonso Borelli und Fra 
Stefano degli Angeli Einspruch erhoben. 

Borelli war derjenige unter den Nachfolgern GaHleis, der am ent- 
schiedensten auch in dem Anteil an den großen Fragen der Astronomie 
und der Weltanschauung dem Meister sich anschloß. In Briefen an 
Mitglieder der Academie del Cimento, zu deren hervorragendsten 
Genossen er gehörte, sehen wir ihn mit Neid nach Frankreich bhcken, 
w^o in den Zusammenkünften der Gelehrten und selbst in Jesuiten- 
ki'eisen die copernicanische Lehre frei erörtert wird, und keiner Be- 
denken trägt, ihr zuzustimmen. Borelli äußert den Wunsch, daß 
durch Veröffenthchung von Berichten, die darauf Bezug nehmen, 
den Italienern zum Bewußtsein gebracht werde, wie ungleich größerer 
Freiheit der Erörterung die Wissenschaft sich außerhalb ihres Landes 
erfreue. Auf diese Weise, hofft er, werde man dazu gelangen, die 



— 206 — 

verhängnisvolle Sentenz gewissermaßen „umgänglicher, zahmer und 
weniger furchtbar" zu machen.^ 

Aber über die Wünsche ging auch Borelli nicht hinaus. In seiner 
Schrift über die Mediceischen Planeten, die ein Jahr nach Ricciolis 
zweitem Werk erschien^, bringt er über die Ursache der Bewegung 
der Planeten um die Sonne Vorstellungen zur Sprache, die noch heute 
unter den Vorläufern des Newton sehen Gravitationsgedankens er- 
wähnt werden müssen, aber in dieser Schrift, die ihrem wesentlichen 
Inhalte nach das hehozentrische System als Wahrheit voraussetzt, 
ist in den Worten jede Bezugnahme auf die Bewegung der Erde 
vermieden. 

Als BoreUi mit der Abfassung seines Buches beschäftigt war, 
kam ihm der Gedanke, anhangsweise Galileis Ansicht über die Ent- 
stehung der Flut zu verteidigen, da will er zeigen, wie die Flut der 
Jupitersgewässer, wenn's deren gäbe, der regelmäßigen Periode der 
Trabanten folgen müßte, ganz so, wie die Flut der Erde unserm 
Monde folgt. Aber wie er dem Gedanken nachgeht, hält es ihn zurück; 
er hat vor kurzem die „physischen Dialoge" des P. Fabri über die 
Bewegung der Erde kennen gelernt; die argwöhnische Art der Leute 
dieses Schlages macht ihn ängsthch; „ich weiß nicht", schreibt er, 
„wde ich mich entschheßen soll". Wer ihn so schwanken und fürchten 
sieht, weiß das Ende der Erwägung im voraus. Der Anhang Avm'de 
nicht geschrieben. 

Weniger bedenklich erschien es Borelli, sich über die Bew^eiski'aft 
des physikomathematischen Arguments des P. Riccioli in der Öffent- 
lichkeit auszusprechen. In seiner 1667 erschienenen Schrift „über die 
Kraft des Stoßes" erörtert er ganz allgemein die Stoßwirkung eines 
fallenden Körpers, der, während er fällt, zugleich an der seitwärts 
gerichteten Bewegung der unter ihm befindlichen Ebene teilnimmt; 
er zeigt, daß die Kraft des Stoßes bei dieser Art der Bewegung nicht 
durch die Richtung und Geschwindigkeit der resultierenden gemischten 
Bewegung bestinmit wird, sondern nur durch die Geschwindigkeit, 
die der Körper vermöge des senkrechten FaUs erlangt. Die gleiche 
Betrachtung überträgt er dann auf das Problem einer gemischten 

1 Fabbrioni, lettere inedite di uomini illustri I p. 124, Brief vom 
20. Februar 1665. 

^ J. A. BoreUii Theoricae Mediceorum planetarum ex causis physicis 
deductae Florentiae 1666. 



— 207 — 

Bewegimg, die dadurch entsteht, daß der Körper in der Richtung 
des Radius einer sich drehenden Kugel mit gleichförmig beschleunigter 
Bewegung fällt und zugleich an der gleichförmigen Drehungsbewegung 
des Radius teilnimmt. An das Ergebnis, daß auch hier die Kraft des 
Stoßes auf die mitbewegte Unterlage ausschheßhch von der gleich- 
förmig beschleunigten Bewegung in der Richtung des Radius abhängt, 
knüpft Borelli die Bemerkung: es sei daraus mit Leichtigkeit die 
Widerlegung des Arguments zu entnehmen, das man unter dem 
^amen einer physikomathematischen Beweisführung und Evidenz 
vor kurzem veröffentlicht habe. 

Charakteristisch für den Verfasser und das Zeitalter, in dem er 
sehreibt, ist, daß in diesem Zusammenhang die Lehre, auf die sich 
das physikomathematische Ai'gument bezieht, nur durch eine Um- 
schreibung angedeutet vriid. Ms den Zweck des Arguments bezeichnet 
Borelli wörtlich: zu entscheiden, ob die gleichförmig beschleunigte 
Bewegung eines Körpers in der Richtung zum Zentnmi eines Kreises 
eine einfache sei oder ob ihr eine gleichförmige Kreisbewegimg in der 
Peripherie desselben Kreises beigemischt sei. Ohne Riccioh und sein 
Buch zu nennen, ohne in der längeren Auseinandersetzung auch nur 
ein einziges Mal der Erde und damit des eigenthchen Gegenstandes 
seiner Beweisfühnmg ausdrückhch zu gedenken, zeigt er, daß die 
gesuchte Entscheidung durch die Beobachtung der Stoßwh'kung nicht 
zu gewinnen sei, weil diese die gleiche bleibe, möge nun die Bewegung 
die des einfachen freien Falls oder eine in der angedeuteten Weise 
gemischte sein. 

Wenn bei diesem durchsichtigen Versteckenspiel die Absicht 
zugrunde lag, den falschen Beweis für jeden Sachverstäncügen in 
aller Schärfe zu widerlegen, ohne „den argwöhnischen Leuten"" 
Angriffspunkte für den Verdacht zu geben, so hat Borelli dieser Ab- 
sicht aufs vollständigste entsprochen. Wer in jener Zeit sein Buch 
„über die Kraft des Stoßes" las, verstand, daß Borelli einen ver- 
meintlichen Beweis gegen die copernicanische Lehre als absurd er- 
kennen ließ; daß er das erkennen ließ, ohne es auszusprechen, zeigte, 
daß er keineswegs gewillt war, den Fehdehandschuh aufzunehmen, 
den der Vorkämpfer der römischen Dekrete den Copernicanern hin- 
geworfen hatte. 

Eine ähnliche Denkweise äußert sich in etwas anderer Art in 
der Schrift, die gleichfalls im Jahre 1667 der Paduaner Mathematiker 



— 208 — 

Fra Stefano degli Angeli gegen Riccioli richtete.^ Allerdings deutet 
schon der Titel „Betrachtungen über die Kraft einiger von dem 
P. Giambattista Riccioli angeführten physikomathematischen Beweis- 
gründe gegen das copernicanische System" auf eine eigentliche Streit- 
schrift; es war kein Zufall, daß eine solche, während das übrige 
Italien zu verstummen schien, gerade aus Venedig kam. Im übrigen 
ging der Gebrauch, den der Bruder Stefano degli Angeli von der 
größeren Freiheit des republikanischen Staatswesens gemacht hat, 
über die Grenzen der schuldigen Ehrfurcht gegen kirchliche Verbote 
nicht hinaus. Er glaubt, eine Behauptung, die auf Sätze der Bewegungs- 
lehre begründet war, als irrtümlich abgeleitet erweisen zu dürfen, 
ohne dem Verdachte ausgesetzt zu sein, daß er auf dieses Ergebnis 
aus unerlaubten Gründen Wert lege. Nichts anderes bestimmt ihn, 
Riccioli entgegenzutreten, als das Bedürfnis, zu zeigen, daß, wenn 
er die Unbewegtheit der Erde verteidigt, dies nicht aus Blindheit 
und Unmssenheit geschehe. Auch konnten die Haeretiker auf den 
Gedanken kommen, daß die Heilige Kongregation, wenn sie die Lehi-e 
von der Erdbewegung als falsch und absurd in der Philosophie be- 
zeichnet habe, dabei von den Beweisgründen des P. Riccioli geleitet 
gewesen sei; da diese Beweisgründe unzureichend und schwach seien, 
komme es darauf an, mit offenem Visier und freier Stirn zu zeigen, 
daß sie als solche von den Italienern erkannt seien. 

Es ist die Redeweise, deren Galilei sich bei ähnlicher Veranlassung 
bedient hatte, die auch hier den Überzeugten und doch zu bedingungs- 
loser Unterwerfung entschlossenen Copernicaner verrät. Zum Über- 
flusse wiederholt der P. Stefano degli Angeli am Schlüsse seiner 
Widerlegung: er möchte nicht, daß um dieses Widerspruchs willen 
die Meinung, daß die Erde sich bewege, seinen Lesern in besserem 
Licht erschiene ; denn diese Meinung sei falsch und irrtümlich und 
mit Recht von der Heiligen Mutter Kirche verdammt worden. „Und 
wenn die hier besprochenen Gründe", fügt er hinzu, „als ausreichend 
nicht betrachtet werden können, so gibt es deren andere, die in vollem 
Maße wirksam sind"; daß diese anderen Gründe ausschließlich oder 



^ Montanari behauptet in dem bereits zitierten Brief an Viviani, er 
habe als erster im gleichen Sinne gegen Riccioli geschrieben, und sein Manu- 
skript habe dem P. Stefano die Anregung gegeben, seine ,, Betrachtungen" 
zu veröffentlichen. In der Tat sind in dieser Schrift Montanaris Ansichten 
erwähnt. 



— 209 — 

wesentlich theologischer Natur seien, deutet P. Stefano an, doch 
scheint er Wert darauf zu legen, es nicht ausdrücklich zu sagen. 

Seine Schrift gab die Veranlassung zu einer Erwiderung, die im 
Namen des P. Riccioli dessen jüngerer Freund Michele Manfredi 
veröffenthchte, Riccioli beharrte bei seiner Meinung, ja in einem 
Nachwort erhebt er weitergehend unverhohlenen Widerspruch gegen 
die ersten Grundsätze der Galilei sehen Bewegungslehre, die er bis 
dahin zugestanden habe, um selbst unter Anerkennung der gegne- 
rischen Anschauungsweise deren vermeintliche Konsequenzen zu 
widerlegen. 

Eine zweite Entgegnung des Paduaner Gelehrten folgte, weitere 
Gegenschriften von beiden Seiten schlössen sich an. An eine Erörterung 
über die Hauptfrage knüpfte sich eine weitere, scheinbar rein mathe- 
matischen Iiilialts, z\vischen den beiden Gegnern Ricciolis, Borelli 
und degli Angeli. Der Streit der beiden Gelehrten bezog sich auf die 
Form der krummlinigen Bahn, die ein fallender Körper im Weltraum 
beschreiben würde, wenn er zugleich an der Rotationsbewegung der 
Erde teilnimmt. Schärfer als der Paduaner in die Konsequenzen des 
Gahlei sehen Beharrungsgesetzes eindringend erkannte und ver- 
teidigte BoreUi, daß die gesuchte Form nicht die einer Aj'chimedischen 
Spirale sein könnte, weil der aus der Höhe konmiende Körper auch 
im Fallen die größere Geschwindigkeit des Kreises, dem er ursprüng- 
lich angehörte, beibehält. Borelli übersah nicht, daß die gleiche Er- 
wägung einen bestinmiten Unterschied für den Fall auf ruhender 
und bewegter Erde ergibt; er folgerte, daß, wenn der fallende Körper 
mit der Erde rotiert, er vorauseilend von der Senkrechten abweichen 
muß. So weisen diese vorsichtigen, den Glauben an die Wahrheit 
der Erdbewegung ausdrückhch verleugnenden Betrachtungen aufs 
bestinmiteste auf die Wirkungen hin, durch die in späterer Zeit zuerst 
die Rotation der Erde auch für den Augenschein wahrnehmbar 
gemacht w^orden ist. 

Nichts deutet freilich an, daß Borelli selbst daran gedacht hätte, 
seine Folgerung zugunsten der copernicanischen Lehre zu verwerten, 
durch neue Versuche die täghche Bewegung der Erde als Wahrheit 
zu erweisen, ja es scheint kaum, daß er auch nur sich bewußt gewesen 
ist, den Weg zu solchem Beweis für die kommenden Generationen 
bezeichnet zu haben. In einem 1668 gedruckten Brief an Michael 
Angelo Ricci, in dem er den hier besprochenen Gegenstand ausführ- 

Wohlwill, Galilei. Ii. 14 



— 210 — 

lieh behandelt, der aber eben, weil er gedruckt ist, als eine vollständige 
Wiedergabe seines Gedankengangs in so bedenklicher Eichtung nicht 
ohne weiteres gelten kann, bekennt er, daß der erste Einblick in die 
Notwendigkeit jenes Ergebnisses ihn zunächst in Verwirrung gesetzt 
habe. Der weitere Zusammenhang läßt für diese Beunruhigung keine 
andere Deutung zu, als daß Borelli wenigstens vorübergehend geglaubt 
hat, seiner Folgerung gegenüber müsse die feststehende Tatsache der 
Beobachtung, daß die Körper in der Senkrechten fallen, wenn auch 
in anderem Sinne als Aiistoteles und Riccioli gewollt, als Beweis 
gegen die Bewegung der Erde betrachtet werden. Die Widerlegung 
dieser möglichen Auffassung bildet den eigentlichen Inhalt des Briefes 
an Ricci. BoreUi zeigt, daß seine theoretisch unbestreitbare Folgerung 
unter keinen Umständen praktische Bedeutung gewinnen könne; er 
berichtet ausführlich, ^^ie seinen eigenen Erfahrungen gemäß bei 
Versuchen über den freien FaU auch aus geringer Höhe Störungen 
aller Art verhindern, daß der fallende Körper zu wiederholten Malen 
die gleiche Stelle des Bodens treffe, er berechnet dann unter ver- 
schiedenen Voraussetzungen die zu erwartende geringfügige Ab- 
weichung von der Senkrechten für den Körper, der aus einer Höhe 
von 240 Fuß fallend die Erde trifft, und schließt, daß diese Abweichung 
unter aUen Umständen innerhalb der Grenzen unvermeidlicher 
Versuchsfehler, also unmerklich bleibe. Nichts weiter ist daher das 
Ergebnis seiner umständlichen Erörterungen als die Erkenntnis, daß 
die Beobachtungen über den freien Fall weder im Sinne Ricciolis 
gegen die Bewegung der Erde entscheiden, noch, der besseren Theorie 
der Bewegungserscheinungen entsprechend aufgefaßt, ein Zeugnis zu- 
gunsten des Copernicus ablegen können. 

Die besprochenen gedruckten Äußerungen Boreliis werden durch 
eine Abhandlung ergänzt, die sich unter den Handschriften der 
Academie del Cimento gefunden hat und mit großer Wahrscheinlich- 
keit gleichfalls ihm zuzuschreiben ist.^ Daß der Verfasser sie für die 
Öffentlichkeit bestimmt hatte, darf vielleicht aus den formellen Er- 
klärungen geschlossen werden, durch die er einleitend und abschließend 
der größeren Entschiedenheit seiner Äußerung den bedenklichen Schein 
zu nehmen bemüht ist. Er zweifle in keiner Weise, schickt er voraus, 
daß die copernicanische Hypothese falsch sei, weil die Heilige Kon- 



^ Targioni-Tozzetti Notizie II p. 791 — 799. 



— 211 — 

gregation dies dekretiert habe; was er in Zweifel ziehe, sei nur die 
Kraft und das Gewicht der natürlichen Beweise und insbesondere 
desjenigen, den der ehrwürdige P. Riccioli gelehrt habe. Unter dem 
Schutze dieser feierlichen Verwahrung folgen dann die physiko- 
mathematischen Erörterungen, die in voller Ausführlichkeit die Trug- 
schlüsse der gegnerischen Beweisführung zergliedern. 

„Die Beweise Ricciohs", schließt Borelli, „bestärken mich in 
der Meinung, daß es keinen natürlichen noch mathematischen Beweis 
gebe, der der copernicanischen Hypothese widerspricht"; aber noch- 
mals setzt er hinzu: „abgesehen von der Heiligen Autorität, der wir 
alle uns unterwerfen müssen, ohne die Kjaft der natürlichen Beweise 
in Betracht zu ziehen." 

So von Gehorsam und Resignation umrahmt, enthalten doch 
Borellis Worte das Kühnste, was in den ersten hundert Jahren nach 
Galileis Tode ein italienischer Naturforscher geschrieben hat. Es 
kann daher nicht befremden, daß sie noch mehr als hundert Jahre 
ungedruckt geblieben sind, weniger noch, daß die Leiter der Academie 
del Cimento sie zur Aufnahme in ihre Veröffentlichungen nicht geeignet 
befunden haben. Aber mit der freimütigen Äußerung blieben von 
diesen Veröffentlichungen auch die physikalischen Erörterungen der 
Handschrift ausgeschlossen. In der Tat fehlt in den berühmten 
,,Saggi" der Florentiner Akademiker^ jede Bezugnahme auf die 
copernicanische Theorie, 

Eine Erklärung für diese Lücke, die ohne Zweifel einer Be- 
schränkung auch in den Forschungen der bedeutendsten wissen- 
schaftlichen Genossenschaft Italiens entsprach, w^ii'd in gewissem 
Maße durch die Zwecke der Akademie und ihrer Begründer gegeben, 
die in dem Namen der Accademia del Cimento ausgesprochen ist. 
Durch Versuche und Beobachtungen für die wahre Wissenschaft 
zunächst nur den Boden zu bereiten, war unzweifelhaft, den Neigungen 
ihres fürstlichen Leiters entsprechend, die eigentliche Bestimmung 
der Florentiner Vereinigung. Die bekannten Veröffentlichungen aus 
den Protokollen der Akademie del Cimento beweisen, daß demgemäß 
in den Verhandlungen nur ausnahmsweise allgemeinere Betrachtungen 
sich an die Experimente knüpften. Damit steht im Einklänge, daß 



^ Saggi di natural! sperienze fatte nell' Accademia del Cimento Firenze 
1667. 

14* 



— 212 — 

der Astronomie im engeren Sinne angehörige und insbesondere mathe- 
matische Behandlung fordernde Gegenstände unerörtert blieben. 
Aber die grundsätzlichen Bestimmungen allein genügen nicht, um 
verständlieh zu machen, daß auch von der experimentellen Unter- 
suchung alles ausgeschlossen blieb, was zur Aufklärung über die 
Bewegungserscheinungen auf bewegter Erde oder verwandter Probleme 
dienen konnte, daß also neben den mannigfachen anderweitigen Ver- 
suchen Galileis und Gassendis, die für die Experimente der Akademiker 
den Ausgangspunkt bildeten, diejenigen, die zur Begründung, Er- 
läuterung und Bestätigung der copernicanischen Lehre dienen konnten, 
keinerlei Berücksichtigung fanden. Die Beschränkung, die sich die 
Florentiner Forscher in dieser Beziehung auferlegten, war ohne Zweifel 
durch die Zeitverhältnisse, insbesondere durch die Lage der Dinge in 
Toscana bedingt. Der Verdächtigung keinen Angriffspunkt zu bieten, 
war eine Lebensbedingung für eine Genossenschaft, die ohnedies 
durch ihr Dasein, durch die Natur ihrer Aufgaben und die neue "Weise, 
in der sie Wahrheit zu gewinnen suchte, zum Argwohn Veranlassung 
gab. Den offenen wie den heimlichen Gegnern wären Bemühungen, 
die selbst um ferner Hegender Konsequenzen willen auf die verbotene 
Lehre zu beziehen waren, willkommen gewesen als Beweise für die 
Gefahr, die hinter den scheinbar harmlosen Experimenten der 
Akademiker drohte. Daß es Erwägungen dieser Art gewesen sind, 
Rücksichten auf die kirchlichen Dekrete sowohl, wie auf die Argus- 
augen ihrer Wächter, um derentwillen die Accademia del -Cimento 
nicht nur die copernicanische Lehre, sondern alles, was mit dieser 
zusammenhängt, zu berühren vermieden hat, wird in erhöhtem Maße 
wahrscheinlich, wenn man beachtet, in welcher Weise in der denk- 
würdigen einzigen Veröffentlichung derselben Akademie Galileis 
gedacht wird. Es waren insgesamt — mit Einschluß der beiden 
Fürsten an ihrer Spitze — Schüler und Verehrer Galileis, die in dem 
Verlangen, eine Wissenschaft zu fördern, die er geschaffen, auf den 
Wegen, die er beschritten, seiner Führung zu folgen, sich zur gemein- 
samen Arbeit vereinigt hatten. Wer immer in späterer Zeit und bis 
auf den heutigen Tag über den kurzen Lebenslauf, die Bestrebungen 
und die Leistungen der Akademie berichtet, hat diesen Zusammen- 
hang mit dem großen Lehrer und Vorgänger nachdi'ücklich hervor- 
heben müssen. Und doch scheinen die einleitenden Betrachtungen, 
die dem Bericht über die Versuche der Akademie vorausgeschickt 



— 213 — 

sind, von einem solchen Verhältnis nichts zu wissen, der Name 
Galileis kommt in dieser Einleitung nicht vor. Er wird in dem Buche 
selbst zwar genannt, wo immer seine Versuche zur Sprache kommen, 
aber auch hier, wo unter anderen Torricelli als der große und geist- 
reiche, sein Gedanke als erhaben und bewunderungswürdig bezeichnet 
wird, sucht man vergebens nach irgendwelchem Ausdi'uck der Ehr- 
erbietung, ja nach dem gewöhnlichsten Höflichkeits-Beiwort neben 
dem Namen Galilei. 

Einer verbreiteten Auffassungsweise gemäß wird man geneigt 
sein, für diese befremdende Kälte die Ursache in einem unmittel- 
baren äußeren Zwange zu sehen, den die Inquisition ausübte. Ein 
starres Gesetz — so ist die übliche Annahme — trat in dem besonderen 
Falle Galileis jeder schriftstellerischen Äußerung entgegen, die dem 
Verurteilten des Heihgen Offiziums Ehre zu erweisen wagte. Es wu'd 
hier darzulegen sein, daß die geschichthch bekannt gewordenen Tat- 
sachen diese Ansicht der Dinge nur in beschränktem Maße recht- 
fertigen. 

Als Gesetz und Regel wird in wohl autorisierten Schriften aus 
den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts hingestellt, daß die Namen 
derjenigen, die sich der Haeresie schuldig gemacht, der Dunkelheit 
und Vergessenheit verfallen sollen, daß aus den Schriften, die sie 
nennen, die ehrenden Epitheta und alles, was zu ihrem Lobe gesagt 
ist, zu tilgen seien. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wenigstens 
vereinzelte Inquisitoren dieser Regel gemäß auch Galilei gegenüber 
verfahren zu müssen glaubten. Noch seinen letzten Lebensjahren 
gehören die Mtteilungen über zwei Fälle an, in denen die Vertreter 
der Inquisition sich rühmenden Wendungen widersetzten, bei denen 
eine Beziehung auf die Dinge, die man Galilei zum Vorwurf machte, 
in keiner Weise in Frage kam. 

In einer Denkrede, die der Franzose Bouchard im Auftrage des 
Kardinals Barberini zu Ehren des 1637 verstorbenen Peiresc gehalten, 
hatte er Galileis in rühmenden Worten gedacht. Castelli, der Galilei 
darüber berichtete, war durch die starken Ausdrücke des Redners 
überrascht; aber der Palastmeister des Heiligen Offiziums (der aus 
Galileis Lebensgeschichte bekannte Padre Moströ) fand für den Ab- 
druck unzulässig, was beim mündlichen Vortrag nicht zu verhindern 
gewesen war; „er will nicht", schrieb Bouchard entrüstet an Vicenzo 
Capponi, „daß ich irgendeinen Haeretiker gelehrt nenne, nicht einmal 



— 214 — 

den de Thou, und besonders nicht Galilei"; nur das Verdienst der 
teleskopischen Entdeckungen glaubte der römische Zensor Galilei 
zugestehen zu dürfen. So strich er den „Ersten der Mathematiker" 
und ließ dafür den französischen Redner, den „scharfen und wahrhaft 
hellsehenden Beobachter der oberen und himmlischen Dinge" an- 
erkennen.^ 

Einige Jahre später hatte der Pisaner Professor Paganino Gau- 
denzio in einer Schrift „über die Seelenwanderung nach Pythagoras" 
Galileis gedacht und ihn dabei den hochberühmten genannt; der 
Inquisitor widersprach, und Gaudenzio erlangte mit Mühe die Er- 
laubnis, von dem „allgemein bekannten" Manne (notissimo) zu 
reden.2 

Daß ähnliche Fälle kleinlicher Korrekturen auch sonst noch vor- 
gekommen sind, ohne wie die erwähnten von eifrigen Anhängern 
Galileis lebhaft erörtert und dadurch der Nachwelt erhalten zu werden, 
ist als wahrscheinlich anzusehen ; auch wird durch einen glaubwürdigen 
Berichterstatter mitgeteilt, daß der Nachfolger des Padre Moströ in 
der Würde eines Palastmeisters des Heiligen Offiziums selbst einfachen 
Zitaten aus Galileis Schriften gegenüber sich abweisend verhalten 
habe. Dennoch ist die Annahme, daß in der Regel dem angeführten 
Grundsatze gemäß die Zensur gegen Äußerungen über Galilei und 
Zitate aus seinen Werken geübt sei, als keineswegs zutreffend zu 
bezeichnen. Über die An>Tendbarkeit einer für Haeretiker berechneten 
Vorschrift auf Verurteilte, die x^de Galilei der Haeresie nicht geständig 
waren, sondern nur als schwer verdächtig abgeschworen hatten, 
bestanden — wie die früher erwähnten Gutachten beweisen — 
Meinungsverschiedenheiten; im einzelnen Falle lag daher — so lange 
nicht ein römisches Machtwort den Zweifel ausschloß — die Ent- 
scheidung in der Hand des Zensors; größere oder geringere Strenge 
der Auffassung, aber auch zufällige Umstände, persönliche Bezie- 
hungen, Neigungen und Abneigungen konnten dabei ihren Einfluß 
üben; ein Inquisitor, dessen Denken über die Fragen der Wissen- 
schaft in den Schranken der aristotelischen Physik befangen war, 
urteilte auch als Zensor anders als der Jünger der neuen physiko- 
mathematischen Schule. So erklärt sich, daß man, das Einzelne ins 

^ Vergl. A. Favaro, Spigolature Galileiane dalla Autografoteca Campori 
in Modena. Modena 1882 p. 27 und Ed. Naz. XVIII p. 299 u. 367. 
2 Ed. Naz. XVIII p. 304. 



— 215 — 

Auge fassend, die Inquisition bald eines beispiellos barbarischen Ver- 
fahrens gegen Galileis Andenken geziehen, bald über jeden Tadel 
erhaben gefunden hat. 

Verweist man, wie es geschehen ist, zum Beleg für die letztere 
Ansicht auf anerkennende Worte, die sich in nicht wenigen Werken 
gelehrter Jesuiten und anderer auf gegnerischem Boden stehender 
Schriftsteller finden, so ist in Betracht zu ziehen, daß diesen gegen- 
über die Zensur von vornherein eine andere Stellung einnahm; von 
demselben Palastmeister des Heiligen Offiziums, der Zitate strich, 
nur weil sie Galileis Schriften entnommen waren, wd uns mitgeteilt, 
daß er für Schriften des Pater Kircher die Erlaubnis erteilte, ohne 
sie anzusehen.^ 

Aber die Erlaubnis der Inquisition erlangte auch der Buchhändler 
Carlo Manolessi in Bologna für die von ihm in den Jahren 1655 und 
1656 veranstaltete Gesamtausgabe der Werke Galileis. Die Sammlung 
ist unvollständig, die äußere Ausstattung der beiden Bände läßt zu 
wünschen übrig; aber an offener und warmer Kundgebung der Ver- 
ehrung für Galilei kann diese erste Ausgabe mit jeder späteren wett- 
eifern. Die Widmung an den Großherzog Ferdinand und das Vor- 
wort an den Leser verherrhchen ihn in Ausdrücken, wie sie zu keiner 
Zeit volltönender zu seinem Ruhme gesprochen worden sind. Als 
ob es keine Rücksichten zu achten gäbe, redet der Herausgeber von 
den ruchlosen Verfolgern, „denen zum Trotz ein immer höherer, 
glorreicherer Ruf dem Namen und den Werken unseres großen Galilei 
zuteil wird". Den Vorreden schließt sich eine Votivtafel an, die in 
schwülstigem Latein Galileis Entdeckungen in den Himmel erhebt. 
Zu vollster Bestätigung aller hohen Worte folgt das Gedicht, durch 
das vor Zeiten auch Kardinal Maffeo Barberini, der spätere Papst 
Urban, dem Entdecker der Mediceischen Planeten und der Sonnen- 
flecken seine Huldigung dargebracht hatte, mit den Versen das über- 
aus freundschafthche Schreiben des Kardinals, in dessen Begleitung 
er sie Galilei übersandt hatte. Aber auch alles, was früheren Ausgaben 
der einzelnen Werke an rühmenden Worten in Prosa und Poesie 
vorausgeschickt war, ist in die Gesamtausgabe von neuem auf- 
genommen. 

^ Nach einem Brief des Jesuitenpaters Baldigiani an Vincenzio Viviani 
vom Jahre 1678. Vergl. Favaro Miscellanea Galileiana inedita, Venezia 1887 
p. 143. 



— 216 — 

Der Veröffentlichung dieser ersten Gesamtausgabe sind aller- 
dings Verhandlungen mit der Inquisition vorausgegangen; aber die 
Bedenken, die man in Bologna und Eom erhob, bezogen sich wesent- 
lich auf den Abdruck solcher Schriften — teils im Manuskript be- 
wahrter, teils früher gedruckter — ,die ihrem Inhalte nach als völhg 
unvereinbar mit den Dekreten gegen die copernicanische Lehre 
betrachtet werden mußten. An die „Dialoge" freihch wagte Manolessi 
nicht zu denken, dagegen wünschte er unter anderm Keplers „Disser- 
tatio cum nuncio sidereo", an geeigneter Stelle einzuschalten, in der, 
wie wii- gesehen, die Bedeutung der ersten teleskopischen Ent- 
deckungen als Bestätigung der copernicanischen Lehre nachdrücklich 
hervorgehoben und erläutert wird. Als der Inquisitor von Bologna 
seine Zustimmung verweigerte, übersandte Manolessi, um nichts un- 
versucht zu lassen, die Schrift dem Palastmeister und dem General- 
konmiissar der Inquisition in Rom und bat alsdann den Prinzen 
Leopold von Medici, durch den Toscanischen Residenten oder einen 
der Kardinäle aus dem Hause Medici seinen Einfluß zugunsten der 
gewünschten Entscheidung zur Geltung zu bringen. Es scheint, daß 
nach einiger Zeit der Kardinal Johann Karl von Medici Schritte in 
diesem Simie getan hat; sie mußten vergeblich bleiben, wo es sich 
um die Aufnahme einer Schrift handelte, deren Inhalt bestimmten 
kirchlichen Verordnungen zuwiderlief. 

Kicht beabsichtigter Duldung, sondern nur dem Zufall ungenauer 
Prüfung wird man es zuzuschreiben haben, wenn den Dekreten zum 
Trotz auch in dem neuen Abdruck des Kundus sidereus und den 
Briefen verwandten Inhalts Wendungen stehen geblieben sind, die 
den festen Glauben an die Bewegung der Erde verraten. Wie in der 
Editio princeps ruft auch in der Ausgabe von Bologna der Verfasser 
der „Botschaft von den Sternen" zuversichtlich aus: „ja, sie bewegt 
sich, das werde ich mit tausend Gründen beweisen." Dagegen ent- 
gingen den Bücken des Zensors nicht die Sätze am Schlüsse der Briefe 
über die Sonnenflecken, die dem gleichen Glauben an den baldigen 
Triumph der copernicanischen Lehre kräftigsten Ausdruck verleihen. 
Offenbar handelt es sich um diese, wenn Manolessi nach Florenz 
berichtet: es sei ihm von den Oberen nichts gestrichen, nur in den 
Sonnenfleckenbriefen habe man ungefähr 20 Zeilen am Ende des 
Werks beseitigt. Daß diese Zeilen den Gegenstand weiterer Ver- 
handlungen gebildet haben, ist den erhaltenen Briefen des Heraus- 



— 217 — 

gebers nicht zu cntnehnif n. Sc muß dahin gestellt bleiben, ob hier 
Manolessi gewagt hat, um Galileis willen ungehorsam zu sein, ob 
andere Ursachen die Anordnung des Zensors unwirksam gemacht 
haben. Tatsächlich blieb sie unausgeführt; denn im gleichen Wort- 
laut wie in allen übrigen Ausgaben der Sonnenflecken-Briefe liest 
man in der von Bologna auf der letzten Seite von dem „leuchtenden 
Geleit, um dessentwillen für das große copernicanische System fortan 
weder Finsternis noch widrige Winde zu fürchten" seien. 

Xeben derartigen Einzelheiten in den älteren bereits gech-uckten 
Werken scheint vorübergehend auch die Aufnahme einiger bis dahin 
nicht gedruckter Schriften in die Ausgabe von Bologna vom Inqui- 
sitor in Frage gestellt zu sein^; was immer seine Gründe gewesen 
sein mögen, er hat sich überzeugen oder überreden lassen: keine 
dieser Schriften blieb von der Gesamtausgabe ausgeschlossen. 

So rufen die uns vorliegenden Berichte des Herausgebers ins- 
gesamt den Eindruck hervor, daß ihm von selten der Inquisition zwar 
die Erfüllung seiner Aufgabe nicht eben erleichtert worden, daß aber 
doch weder der Plan einer Sammlung der Werke Galileis, der an sich 
eine Ehrenbezeugung bedeutete, auf grundsätzliche Bedenken stieß, 
noch die uneingeschränkt rühmenden Äußerungen in allen Teilen 
der beiden Bände zum Widerspruch Veranlassung gaben. Auch ohne 
den Kommentar dieser handschriftlichen Erläuterungen gewährt die 
Tatsache, daß ein solches Werk mit allen erforderlichen Erlaubnissen 
fast unter den Augen der Heiligen Kongregation gedruckt worden ist, 
einen entscheidenden Beweis dafür, daß allgemein geltende Vor- 
schriften der kirchhchen Behörden der geziemenden Äußenmg über 
Galileis Verdienste nicht entgegenstanden. 

Man hat deshalb auch keinen Grund, zu vermuten, daß etwa 
erst durch die bessernde Hand eines Inquisitors aus den Entwürfen 
zur VeröffentUchung der Akademie del Cimento die Dankbarkeit 
gegen Galilei spurlos getilgt sein möge. Aber selbst wenn in dieser 
Beziehung bekannt werden sollte, was bisher kein zeitgenössisches 
Zeugnis auch nur andeutet — es würde deshalb nicht minder durch 
die große Lücke in dem „goldenen Buch der Experimentalforschung" 
(wie itahenische Gelehrte die „Saggi" genannt haben), für alle Zeiten 



^ Brief Manolessis an Viviani vom 29. Mai 1655 cf. Favaro Documenti 
inediti, p. 87. 



— 218 — 

das Maß der Geistesfreiheit in dem Kreise Ferdinands und Leopolds 
von Toscana bedeutsam gekennzeichnet sein; denn nur vermöge der 
traditionellen Willfährigkeit der Regierenden konnte die Inquisition 
in Toscana die Macht erlangen, zu fordern, was hier geschehen ist, 
nur mit ihrer Zustimmung diese Forderung einem Werke gegenüber 
zur Geltung bringen, an dem das großherzogliche Haus den unmittel- 
barsten Anteil hatte. 

Was in der hier berührten Beziehung die Veröffentüchungen des 
17. Jahrhunderts fast nur durch Unterlassungen verraten, haben 
handschiifthch erhaltene Aufzeichnungen mannigfaltig bestätigt, ver- 
deutlicht und ergänzt. Es sind vor allem der Briefwechsel und die 
Schriften des Mathematikers Vincenzio Viviani, die uns in einer Folge 
lebhaftester Bemühungen, Galilei zu ehren, ohne sich mit der Kirche 
und der Inquisition in Widerspruch zu setzen, den Geist des Zeit- 
alters vergegenwärtigen. 

Kaum zwanzigjährig beim Tode des großen Lehrers, hatte 
Viviani in den Jahren, die er im steten Verkehr mit ihm verleben 
durfte, für ein langes Leben unauslöschhche Eindrücke in überwältigen- 
der Fülle empfangen. So hat er zeitlebens Galilei als seinen Wohltäter 
verehrt; keine Pflicht schien ihm höher zu stehen als die, für das 
Glück, das ihm als dem letzten Schüler eines solchen Mannes zuteil 
geworden war, sich dankbar zu beweisen. In dieser Gesinnung ist 
er den Angehörigen des Meisters von dessen letzter Stunde an der 
treueste Helfer und Berater gewesen; zu ihm, dem jüngeren Manne 
kommt vertrauensvoll in jeder Lebenslage der Sohn Vincenzio und 
nach dessen frühem Tode die Witwe mit den unmündigen Kindern; 
er ist es, der in späteren Jahren zwischen ihr und den Kindern ver- 
mittelt, und in gleicher Weise ist er bis ins dritte Geschlecht für aUe, 
die den Namen Galilei trugen, soweit sein Können reicht, der immer 
hilfreiche Freund und Beschützer gebheben. 

In höherem Grade noch galt seine Sorge viele Jahre hindurch 
der Sammlung und Bewahrung der geistigen Hinterlassenschaft 
Galileis; seinen ausdauernden Bemühungen verdankt man zum nicht 
geringen Teil die Erhaltimg der ungedruckten Schi'iften aus den 
Zeiten der Pisaner und der Paduaner Professur, der Bruchstücke 
unvollendeter Werke und kürzerer Aufzeichnungen aus den letzten 
Lebensjahren, der zahlreichen mit kritischen Randglossen von der Hand 
des Meisters versehenen Bücher und des umfassenden Briefwechsels. 



— 219 — 

Den gleichen Eifer verwandte Viviani auf die Gewinnung der 
Materialien für eine möglichst vollständige und zuverlässige Lebens- 
beschreibung. 

In allen diesen Beziehungen fand er die wirksamste Unter- 
stützung in der übereinstimmenden Gesinnung des Prinzen Leopold 
von Medici; bereit^\^Iligst stellte dieser seinen weitreichenden Einfluß 
zur Verfügung, um herbeizuschaffen, was für das gemeinsam ver- 
folgte Ziel — den Ruhm und die Ehre Galileis — erforderlich schien. 

Was beide Männer erstrebten, war seiner Bedeutimg nach — das 
wußten sie — nicht auf die Grenzen Toskanas oder Italiens und nicht 
auf die Periode der lebenden Generation beschränkt; aber in der Ver- 
wirkhchung ihrer Aufgabe sahen sie sich an die Bedingungen gebunden, 
die für die Staaten des Großherzogs unter einer Rom bhndlings 
gehorchenden Regierung sich aus den römischen Dekreten ergaben. 

Viviani hat es möglich gefunden, im Jahre 1654 auf Veranlassung 
des Prinzen Leopold den Entwiirf einer Lebensbeschreibung Galileis 
niederzuschreiben, der wenigstens in der Erörterung der Beziehungen 
zu Copernicus diesen Bedingungen genügte; nicht verschwiegen ist 
hier, daß Galilei sich viele Jahre hindurch mit der Lehre des Copernicus 
beschäftigt, sie während längerer Zeit für wahr gehalten hat; aber 
aus dem Gedanken, der sein Leben durchdringt, seiner Forschungen 
Seele und Mittelpunkt bildet, ist etwas Nebensächhches geworden, 
das zusammenhangslos und zufällig in seinen Lebensgang eingreift. 
Die teleskopischen Entdeclmngen werden aufgezählt, aber was sie 
für Galilei als Zeugnisse für die Wahrheit der neuen Weltanschauung 
bedeuteten, bleibt ungesagt, Mt völHgem Stillschweigen ist über- 
gangen, was als unmittelbare Folge an diese Entdeckungen sich knüpft, 
die Geschichte der Jahre 1613 bis 1616, in denen che Entscheidung 
gegen Copernicus sich vorbereitet und der tiefgreifende Anteil Galileis 
an den Vorgängen, die zu dieser Entscheidung führen. 

In ähnhcher Weise von den „Dialogen" und der Katastrophe 
von 1633, von den Ereignissen, die jedermann kannte, schlechthin 
zu schweigen, war weniger leicht. Viviani entzog sich auch hier den 
Konsequenzen seines Unternehmens nicht, er berichtete in der Kürze 
über die Entstehung und den Inhalt der „Dialoge" und fügt hinzu, 
was trotz aller Beschönigimg seine Übereinstimmung mit dem Urteil 
der Inquisition außer Frage stellt. „Nachdem Galilei", schreibt er, 
„sich durch seine wunderbaren Gedanken mit unsterblichem Ruhm 



— 220 — 

zum Himmel erhoben und durch so viele neue Entdeckungen unter 
den ]\Ieuschen Göttliches erreicht, gestattete die ewige Vorsehung, 
daß er seine Menschlichkeit durch den Irrtum beweise, indem er bei 
der Erörterung über die beiden Systeme sich mehr der copernicanischen 
Hypothese zugetan bewies, die zuvor als der götthchen Schrift mder- 
sprechend von der heiligen Kirche verurteilt worden w^ar." An diese 
"Worte schließt sich eine kurze Mitteilung über die Vorladung nach 
Rom und den Prozeß, dessen Verlauf und Folgen mit einer gewissen 
Zärtlichkeit für Galileis Richter geschildert werden. Es verstellt 
sich, daß dabei des Widerrufs Erwähnung geschieht, den Galilei als 
guter Katholik bereitwillig ausgesprochen, nachdem er über seinen 
Irrtum aufgeklärt worden war. 

Viviani hielt es nicht für überflüssig, jedem Zweifel an der Auf- 
richtigkeit dieses Verzichts ausdrücklich zu begegnen. Er gedenkt 
der Übersetzungen der „Dialoge" in lateinischer und anderen Sprachen, 
die nach dem Verbot des Originals im Ausland erschienen waren, 
der Veröffenthchung des Briefs an die Großherzogin Christina in 
Holland, aber wie es scheint, nur um von der tief schmerzlichen Er- 
regung zu reden, die Galilei empfunden habe, weil ihm auf solche 
Weise für immer die MögHchkeit genommen war, diese Schriften zu 
unterckücken. Und als ob auch dieses Bekenntnis noch nicht genügen- 
den Aufschluß über seine Gesinnungen gewährte, berichtet Viviani 
weiter, vde es ihm am Herzen gelegen, für die Befreiung aus so schwerem 
L-rtum nicht undankbar zu erscheinen; nicht besser aber habe. er für 
diese heilbringende Wohltat der unendlichen Vorsehung seinen Dank 
darbringen zu können gemeint, als indem er fortfuhr, Erfindungen 
von höchster Bedeutung ins Werk zu setzen; in solcher Denkweise 
habe er im Jahre 1636 den Entschluß gefaßt, den holländischen 
Generalstaaten sein Verfahren zur Bestimmung der geographischen 
Länge anzubieten. 

Das war, was Viviani über den „großen Fall" zu berichten hatte, 
dessen wahre Geschichte die Welt von ihm zu erfahren hoffte. Es 
w^ar — wie sicherhch er selbst am besten wußte — nichts weniger als 
die wahre Geschichte. Höher als die Pflicht geschichthcher Treue, 
als selbst die Sorge um das Urteil der unbefangenen Nachwelt, stand 
dem treuen Anhänger das Verlangen, Galileis Andenken von dem 
Banne zu befreien, der auf ihm in den Augen der Gläubigen lastete. 
Dafür genügte es nicht, nur zu verschweigen, was wahrheitsgemäß 



— 221 — 

nicht auszusprechen gestattet war; es galt, in nach di'ucks voller Ab- 
wehr den dunklen Vorstellungen von Mißachtung der kirchlichen 
Lehre und der Kirche entgegenzutreten, die naturgemäß sich mit 
dem strafenden Urteil des Ketzergerichts verknüpften, um so gewisser, 
je weniger die besondere Irrlehre, die das Urteil nannte, dem Ver- 
ständnis der gläubigen Menge zugänghch war. Darum mußte in 
Vivianis Schilderung an die Stelle des trostlos düsteren Bildes, in 
dem uns der Gefangene von Arcetri erscheint, die freundliche Helle 
eines von wahrer Frömmigkeit durchleuchteten Lebensabends treten, 
darum statt der quälenden Gewißheit, daß durch den Bann der 
Kirche Wissenschaft und Wahrheit unterdrückt war, tief empfundener 
Dank für die Befreiung aus schwerem Irrtum das Gemüt des Sterben- 
den erfüllen. 

Mit all diesen frommen Wendungen, wohlberechneten Zutaten 
und Auslassungen ist Vivianis Biographie, die einzige nennenswerte 
aus dem 17. Jahrhundert, bis ins 18. ungedruckt gebheben. Der 
Verfasser, der sie als junger Mann geschrieben hat und in hohem 
Alter gestorben ist, hat ihre Veröffentlichung nicht erlebt. Weshalb 
sie unterbheben, ist nicht völlig aufgeklärt, doch kann ein Zweifel 
darüber kaum bestehen, daß in den mannigfachen Hindernissen, an 
denen Vivianis Hingebung scheiterte, den eigenthchen Kern die 
Ungunst der öffentlichen Verhältnisse in Toskana bildete. Eine 
Verherrhchung Galileis, wie sie Vivianis Darstellung trotz aller Rück- 
sichten gegen die Kirche in vollem Maße darbot, erschien naturgemäß 
wie ein Widerspruch gegen die Entscheidung, die dem Toten noch 
immer die übHchen Ehren versagte, und der Billigung derselben 
geistlichen Gewalt, die diese Entscheidung aufrecht erhielt, hätte es 
für eine VeröffentUchung in Florenz bedurft. 

Es ist nicht bekannt, daß die Erlaubnis zum Druck der Viviani- 
schen Lobrede von der Inquisition verweigert worden, aber dieselbe 
Wirkung \\ie das ausgesprochene Nein des Heiligen Offiziums übte 
in jenen Tagen, zumal in furchtsamen Geistern, schon die Scheu, 
sich der Versagung auszusetzen und dabei zugleich der Verteidigung 
einer unerlaubten Richtung der Gedanken verdächtig zu erscheinen. 

Gegen diese vor Augen liegende Gefahr gewährte die Gunst des 
Hofes keinen Schutz. So gewiß sowohl der regierende Großherzog 
Ferdinand IL, wie Prinz Leopold zeitlebens allem, was Galilei betraf, 
lebhaften Anteil schenkten, so ist doch der feindlichen Macht gegen- 



— 222 — 

über, die sein Andenken unterdrückte, diese Gesinnung fast völlig 
wirkungslos geblieben. Wie nach der Heimkehr Galileis im Dezember 
des Jahres 1633 der jugendliche Großherzog voll wärmsten Mitgefühls 
fast insgeheim den Verurteilten der Inquisition auf seinem Landsitz 
zu Arcetri aufsuchte, um ihn seiner unveränderten Gunst zu ver- 
sichern, und wie derselbe Fürst dann doch acht Jahre lang wider- 
spruchslos ertnig, daß unter seinen Augen der Größte seiner Unter- 
tanen von einer fremden despotischen Gewalt als Gefangener im 
eigenen Hause behandelt wurde, so war auch jetzt am Hofe von 
Florenz die persönhche Sympathie für den Toten im vollen Maße vor- 
handen, es fehlte nicht die aufrichtige Neigung, sie der Außenwelt 
kund zu tun, aber als ausgeschlossen und undenkbar erschien eine 
Betätigung, die zum Konflikt mit den kirchlichen Behörden führen 
oder auch nm* auf deren BeifaU mutmaßlich nicht rechnen durfte. 

Was in dieser Beziehung bei den Regierenden mit politischen 
Grundsätzen wenigstens zusammenhing, entsprach bei dem Mathe- 
matiker des Großherzogs, sofern nicht für ihn bereits entscheidend 
war, wie man bei Hofe dachte, einem Mangel an morahschem Mut. 
Statt entschlossen im freieren Ausland zur Ausführung zu bringen, 
was in Florenz nicht gestattet war, ist Viviani über den unlöshchen 
Widerspruch nicht hinausgekommen, das Unerlaubte nur auf er- 
laubten Wegen unternehmen zu wollen. Nicht in sich selbst, in dem 
starken Antrieb der unerfüllten Pflicht findet er Kraft und Ent- 
schluß, sie trotz aller Hindernisse zu erfüllen; von dem Einfluß, fürst- 
licher Gönner, von wolilwollenden Zensoren, von größerer Duldsam- 
keit der römischen Machthaber erhofft er von Jahrzehnt zu Jahrzehnt 
die veränderte Gestaltung der Verhältnisse, die Beseitigung der 
Hindernisse; immer von neuem sieht er den ersehnten besseren Tag 
ganz nahe vor Augen, und immer von neuem zerfließt ihm die 
täuschende Aussicht. 

Viele Jahre hindurch hat ihn der Plan einer Gesamtausgabe der 
Galileischen Schriften beschäftigt. Die von Bologna, die unter seiner 
und des Prinzen Leopold Mit^^irkung zustande gekommen war, 
genügte so wenig seinen Ansprüchen, daß er, noch ehe sie vollendet 
war, den Freunden von der besseren redet, für die gleichfalls Prinz 
Leopold mit Freuden seine Mitwirkung zugesagt hatte. Sie sollte in 
Folioformat in prächtigster Ausstattung erscheinen, durchgehends in 
zwei Kolumnen nebeneinander der italienische Text und die lateinische 



— 223 — 

Übersetzung; an der Spitze sollte die Lebensbeschreibung stehen, 
den früher gedmcktcn "Werken alles sich anschließen, was an un- 
gedruckten noch vorhanden war.^ 

Im Namen des Großherzogs erging unter andern an den greisen 
Eho Diodati in Paris die Aufforderung, für den Zweck der Ver- 
öffentlichung auch diejenigen Briefe Galileis zur Verfügung zu stellen, 
die sich auf die hoch\nchtigen durch ihn vermittelten Verhandlungen 
mit den holländischen Generalstaaten bezogen. Die Mitteilungen 
über ein Unternehmen zu Ehren Galileis, dem so hohe Gönnerschaft 
und dadurch der Erfolg gesichert schien, erfüllte den trefflichen 
Mann, der in seinem 80. Jahr Galilei jugendliche Verehrung bewahrt 
hat, mit höchster Begeisterung; ohne Zögern entäußert er sich um 
des großen Zweckes ^^illen der Briefe, die er bis dahin wie ein Heilig- 
tum gehegt; nach wenigen Tagen hatte er mit der holländischen Korre- 
spondenz auch alles übrige, was von Galileis Hand sich in seiner 
Bewahrung befand, dem Florentiner Residenten übergeben. Diodati 
sah in dem großgedachten Plan, von dem man ihm berichtete, den 
Beweis, daß Großherzog Ferdinand, wie er im. Leben Galilei durch 
hohe Gunst geehrt, nunmehr auch zu seinem ewigen Ruhme tätig zu 
sein ge^villt war; um seine Freude und seinen Dank zu bekunden, bot er 
dem Großherzog zu den Briefen das Beste, was er als Geschenk seines 
großen Freundes besaß, dessen von Meisterhand gefertigtes vollkommen 
ähnhches Bildnis; er weiß, schreibt er dabei, daß der Großherzog das 
Bild des außerordentlichen Mannes ins Herz gemeißelt trägt, aber er 
hofft, es werde ihn doch freuen, ihn täglich vor Augen sehen zu können. 

Die freudige Zuversicht, mit der Diodati das Florentiner Unter- 
nehmen begrüßte, wurde bald genug enttäuscht; als auf die Sendungen 
und eine Folge von Briefen im Verlauf fast eines halben Jahrs aus 
Florenz keine Antwort gekommen ist, schreibt er in aufsteigender 
Bitterkeit an Viviani: er könne sich trotz alledem nicht entschließen, 
zu glauben, daß, wenn etwa inzmschen die Herstellung der Gesamt- 
ausgabe aufgegeben sei, Prinz Leopold ihn dessen berauben wolle, 
was er vertrauensvoll für diesen Zweck gegeben habe.^ 



^ Nach Vivianis Brief vom 2. Febr. 1657 an Elio Diodati, abgedruckt 
in A. Favaro, Documenti inediti per Ja Storia dei Manoscritti GalUeiani. 
Roma 1886 p. 112. 

- Brief Diodatis an Viviani vom 24. Nov. 1656 in Favaro, Documenti 
inediti p. 106. 



— 224 - 

Yiviani antwortete beruhigend: Behinderung durch Krankheit 
und Berufsgeschäfte habe ilin selbst, und mit ihm seine fürstlichen 
Gönner undankbar erscheinen lassen ; in warmer Schilderung berichtet 
er über den Eindruck, den der Empfang des Porträts bei dem Groß- 
herzog hervorgerufen, und verheißt ein persönliches Dankschreiben; 
Prinz Leopold hat ihn beauftragt, zu versichern, daß er bei dem 
Gedanken der Herausgabe sämtlicher Werke Galileis in glänzendster 
Ausstattung fest beharre. Nur die Rücksicht auf das kürzliche Er- 
scheinen der xVusgabe von Bologna mache ratsam, mit der Ausführung 
wenigstens ein Jahr zu warten; in der Zwischenzeit können die Über- 
setzungen vollendet, die Lebensbeschreibung ausgearbeitet, die Holz- 
schnitte gefertigt und das Ganze in allen Beziehungen soweit vorbereitet 
sein, daß alsdann nichts übrig bleibe, als zum Druck zu schreiten. ^ 

Fast beschämt durch so tröstliche, zuversichthche Worte bittet 
Diodati, ihm die Äußerungen der Ungeduld zu verzeihen.^ Aber das 
Jahr vergeht und ein zweites dazu, ohne daß vom Beginn der Ver- 
öffentlichung oder des Drucks etwas verlautet. Es waren freilich 
die Jahre, in denen in Florenz die Tätigkeit der Accademia del Cimento 
die besten Ki'äfte in Anspruch nahm, in der Wissenschaft wie im 
praktischen Leben die mannigfaltigsten Aufgaben vor allem Viviani 
und den Prinzen Leopold beschäftigten. Diodati aber faßt nicht, 
daß es Wichtigeres geben könne, als Gahleis zu gedenken; er begreift 
keine andere Ursache des Schweigens, als daß die Pläne zunichte 
geworden sind. „Nicht mich allein", schreibt er an Viviani, „un- 
zähhge andere Menschen mit mir, die nach dem Schatz dieser Werke 
verlangen, wird das Scheitern des Unternehmens tief bekümmern. "^ 

Wiederum vergehen zwei Jahre, dem nunmehr 85 jährigen 
Diodati läßt es keine Ruhe, zum letzten Male richtet er sein mahnen- 
des Wort nach Florenz, in umständHcher Wiederholung ruft er dem 
Prinzen Leopold den Wortlaut der Versprechungen ins Gedächtnis, 
mit denen man ihn verlockt hat, sich des lange gehüteten Schatzes 
zu berauben; inständig bittet er, ihm wahrheitsgemäß zu sagen, wie 
es nunmehr mit den Vorbereitungen für die Verwirklichung stehe.^ 



^ Briefe Vivianis an Diodati vom 4. Dez. 1656 und 2. Febr. 1657 bei 
Favaro. Documenti inediti p. 107 — 112. 

- Brief vom 2. Febr. 1657 bei Favaro a. a. O. p. 113. 

^ Brief Diodatis an Viviani vom 2. Mai 1658 bei Favaro a. a. O. p. 115. 

* Brief Diodatis an Viviani vom 4. Sept. 1660 bei Favaro a. a. O. p. 118. 



— 225 — 

Von neuem wiederholt ihm Viviani, daß die Absichten unver- 
ändert fortbestehen; mit mancherlei Gründen sucht er die Ver- 
zögerung zu erklären, nur mit einem Worte deutet er dabei an,, daß 
neben denen, die er nennt, auch solche wirken, die ihm zu bezeichnen 
nicht gestattet ist; aber auch jetzt noch hält er die Hindernisse für 
bedeutungslos und vorübergehend; mit verheißungsvollen Worten 
sucht er Diodatis Befürchtungen zu besch\\ichtigen : er möge über- 
zeugt sein, daß er um die Frucht seiner Bereit wilhgkeit und Frei- 
gebigkeit nicht betrogen werden könne; dafür sei er selbst (Viviani) 
ein allzugroßer Anhänger des großen, von ihm wahrhaft angebeteten 
Mannes; auch Prinz Leopold, der für die Wissenschaften wahrhaft 
schwärme und vor allem von höchstem Eifer für den Ruf und den 
Ruhm Galileis beseelt sei, bedürfe nicht des Antriebs.^ 

Die gleichen Versicherungen mußte einige Monate später der nach 
Paris entsandte Sekretär des toskanischen Residenten Diodati münd- 
lich wiederholen; Prinz Leopold, ließ Viviani hinzufügen, sei nun- 
mehr der Sorge für die Festlichkeiten bei Gelegenheit der Vermählung 
des Erbprinzen und für andere Dinge überhoben, er habe von neuem 
begonnen, sich mit der Sache zu beschäftigen, und Viviani werde 
nicht ermangeln, ihn warm dabei zu halten, bis das Unternehmen 
zum Ende geführt sei.'^ 

Daß nach fünfjährigem vergeblichen Harren Diodati imstande 
gewesen ist, an die Muße, deren Prinz Leopold nach den großen 
Lasten des Sommers 1661 sich erfreuen würde, neue Hoffnungen zu 
knüpfen, ist nicht leicht zu glauben. Aber seiner Mahnung folgte 
keine weitere. Er starb als 86 jähriger Greis im Dezember desselben 
Jahrs, ohne den Anfang einer Verwirklichung der Florentiner Ver- 
heißungen erlebt zu haben. Von der großen neuen Ausgabe der 
Gahleischen Werke ist nach seinem Tode in den Briefen Vivianis, 
wie in denen des Prinzen Leopold, soweit dieselben bisher bekannt 
geworden, nicht mehr die Rede. 

Erhalten ist die Übersicht über den Inhalt der 4 Bände, die 
nach Vivianis Plan seine Ausgabe umfassen sollte; sie gestattet 
wenigstens eine Mutmaßung auch über diejenigen Hindernisse des 
Unternehmens, von denen, wie Viviani andeutet, ihm zu reden nicht 



^ Brief Vivianis an Diodati vom 8. Febr. 1661 bei Favaro a. a. 0. p. 119. 
- Nach Favaro a. a. O. p. 29. 
Wohlwill, Galilei. II. 15 



— 226 — 

erlaubt war. Als Inhalt des dritten Bandes wird: „Verdächtiges und 
Verbotenes" bezeichnet. Die „Dialoge" und die Briefe über die 
copernicanische Lehre aus den Jahren 1613—16 sollten also nicht 
fehlen. Ohne Zweifel wäre ohne diese Schriften eine Ausgabe der 
Galilei sehen Werke keine vollständige gewesen. Daß Vollständigkeit 
in diesem einfachsten Sinne des Wortes in ihrem Plane lag, gereicht 
Viviani und dem Prinzen Leopold zur Ehre, nur machten sie — der 
eigenen Denkweise gemäß — durch einen so gedachten Plan das 
Gelingen ihres Unternehmens von den Entscheidungen derjenigen 
abhängig, von denen eine Zustimmung nicht zu erwarten war. 

Noch im Jahre 1654 hatten die Kongregationen des Index und 
der Inquisition Viviani die Erlaubnis, die verbotenen ,, Dialoge" auch 
nur zu lesen, kurzweg verweigert, obgleich ein General des Domini- 
kanerordens und Konsultor der Inquisition das Gesuch vermittelte 
und zur Unterstützung desselben angab, die Erlaubnis werde nur 
für den Zweck einer Widerlegung des Buches erbeten. ^ Ein nicht 
geringer Grad von Selbsttäuschung war erforderhch, um wenige 
Jahre nach diesem Bescheid einen Neudruck der „Dialoge" unter 
kirchhcher Erlaubnis für möghch zu halten. Tatsächhch blieb das 
ganze 17. Jahrhundert hindurch in Italien und insbesondere in 
Florenz eine wohlautorisierte Ausgabe der Galilei sehen Werke mit 
Einschluß der „verbotenen und verdächtigen Schriften" ein unaus- 
führbares Unternehmen. 

Was in dieser Beziehung heute im zusanmienfassenderr Rück- 
bhck als feststehend und unabhängig von den wechselnden Ent- 
schlüssen der zur Macht gelangenden PersönHchkeiten erkannt ^vird, 
konnte freüich in den Tagen Vivianis als vorübergehender, vielleicht 
in kurzem überwundener Zustand erscheinen. So mögen ernste 
Hoffnungen bei Galileis Verehrern aufgestiegen sein, als von Florenz 
aus aUe Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um für den Prinzen 
Leopold den Karcünalshut zu erwerben. Wenngleich ausschließhch 
pohtische Berechnungen diesen Bemühungen zugrunde lagen, so 
war doch denkbar, daß ein einmal erlangter Einfluß auch denjenigen 
Bestrebungen zugute kommen könne, an denen der Prinz vor seiner 
Erhebung zum Kirchenfürsten mit Vorhebe teilgenommen hatte. 



^ Brief des Pompeo Ferroni an V. Viviani vom 11. Juli 1654, mitgeteilt 
in Favaro, Miscellanea p. 126. 



— 227 — 

Nach einer späteren Mitteilung Vivianis hat allerdings Prinz 
Leopold als Kardinal mit einigen Mitgliedern der Kongregation des 
heiligen Offiziums über die Möglichkeit einer Milderung des gegen 
die „Dialoge" gerichteten Verbots Besprechungen gehabt und bei 
dieser Gelegenheit die Meinungen der Kardinäle einer solchen Maß- 
regel keineswegs abgeneigt gefunden^; aber von einer derartigen 
gesprächsweisen Berührung der Frage war ein weiter Weg zu dem, 
was not tat, dem beharrlichen Bemühen um eine Entscheidung zu- 
gunsten der Befreiung der Wissenschaft. Es ist wenig glaubhch, daß 
Kardinal Leopold, der übrigens auch in Rom Freund und Beschützer 
der Gelehrten bheb, bereit gewesen ist, um Galileis willen den Kampf 
aufzunehmen, ohne den hier ein Ergebnis nicht zu erzielen war. 

So ist denn auch in dem Briefv\'echsel Vivianis und seines Kreises 
nach dem Jahr 1667, in dem die Ernennung des Prinzen Leopold 
zum Kardinal erfolgte, von den Anregungen und den Wünschen des 
Prinzen Leopold in bezug auf die Ehrung Galileis durch die Heraus- 
gabe seiner Werke und einer ausführlichen Biographie nicht mehr 
die Rede. 

Neue Pläne Vivianis knüpfen sich seit dieser Zeit an seine Be- 
ziehungen zu Ludwig XIV. Auf Colberts Vorschlag war er im Jahre 
1664 durch die Ernennung zum Mitglied der Französischen Akademie 
und die Verleihung einer Jahrespension von 1200 Lire geehrt worden. 
Nicht besser glaubte er sich dem König und seinen Ministern dankbar 
zu erweisen als durch eine VeröffentHchung, die ihm zugleich die 
Erfüllung der alten Herzenspflicht gegen Galilei gestattete. Eine 
vollständige Lebensbeschreibung des abgöttisch verehrten Meisters 
dem König, seinem Wohltäter zugeeignet, das war die Gestalt, in der 
nunmehr die seit den Jugendtagen ihm vorschwebende Aufgabe ihn 
von neuem fesselte. Ein Entwurf, der unter seinen nachgelassenen 
Handschriften bewahrt wird, beschreibt, wie er sich die Ausführung 
seiner Absicht in der äußeren Erscheinung des Werks gedacht hat. 
Auf dem ersten Blatte sollte ein Bildnis des Königs von Frankreich 
zu sehen sein, diesem ein in Kupfer gestochenes Titelblatt folgen, 
das wiederum auf den König Bezug nimmt, oben nochmals sein 
Bildnis, unten sein Wappen darbietet, in der IVIitte der Titel „das 



^ Brief Vivianis an den P. Antonio Baldigiani in Favaro Miscellanea 
Galileiana inedita p. 154 — 155. 

15* 



- 228 — 

Leben Galileis, beschrieben für den allerchristlichsten König von 
Frankreich und Navarra." 

Nicht zu bezweifeln ist, daß bei dem Plan einer solchen Ehrung 
die Hoffnung mitgewirkt hat, in dem großen Namen, der damals 
in Toskana als Name eines Bundesgenossen des Großherzogs in 
doppeltem Ansehen stand, zugleich einen Verbündeten zu gewinnen 
gegen die Hindernisse, die immer noch für den Druck des Werkes 
zu fürchten waren. 

Vivianis Absicht fand bei seinen italienischen Freunden, ins- 
besondere aber bei den französischen Gelehrten volle Zustimmung. 
Das Interesse, das sie hervorgerufen, äußerte sich in lebhaft mahnen- 
den, di'ängenden Briefen, als auch dieses Mal die x\usführung auf sich 
warten ließ. „Die ^yichtigste Verpfhchtung, die Ihr gegen den Minister 
Colbert habt" — so schreibt im Jahre 1670, zwei Jahre nach der 
ersten Ankündigung des neuen Unternehmens, Louis Chapelain an 
Viviani — , ,,ist die Lebensbeschi'eibung des berühmten Galilei in der 
Vollständigkeit, wie keiner außer Euch sie geben könnte." Von den 
näheren Freunden suchte Lorenzo Magalotti Viviani durch die Vor- 
stellung der Gefahr zu beeinflussen, daß bei Nichterfüllung des 
gegebenen Versprechens er der gewährten Pension verlustig gehen 
könnte. 

Trotzdem ist auch die Lebensbeschreibung Galileis für den aller- 
christHchsten König nicht zum Druck gelangt. Nach wenigen Jahren 
ist auch von der Absicht in Vivianis Briefen nicht mehr die Rede. 
Mit dem Tode Großherzog Ferdinands IL, der am 24. Mai 1670 
erfolgte, hatten sich die öffenthchen Verhältnisse Toskanas für Be- 
strebungen solcher Ai't in gesteigertem Maße ungünstig gestaltet. 
Dem Beschützer und Freund der experimentellen Wissenschaften, 
dem IVIitbegründer der Accademia del Cimento, dem Schüler und Ver- 
ehrer Gahleis, war in seinem Sohne, Cosimo III., ein Fürst von wesent- 
lich anderer Geistesrichtung und Gemütsart gefolgt. Während 
Ferdinand IL als vorzugsweise wohlwollend in seinen Gesinnungen, 
leutselig in seinem Auftreten geschildert wiid, erschien Cosimo im 
Verlauf seiner Regierung mehr und mehr als mürrischer und finsterer 
Herrscher, der es weder verstand, sich die Liebe seiner Untertanen 
zu erwerben, noch auch das Verlangen darnach empfand. Nicht aus 
Freude an Glanz und Prunk, sondern nur, um nach außen glänzend 
zu erscheinen, dem Scheine nach dem Vater gleichzukonmien, wandte 



— 229 - 

auch er verschwenderisch große Summen an Feste und Lustbarkeiten; 
um der Eitelkeit willen zog auch er Gelehrte von Namen an seinen 
Hof, aber wissenschaftliche Neigungen waren ihm fremd; die „neue 
Philosophie", die in Ferdinand ihren warmen Anhänger und Be- 
schützer gefunden hatte, war ihm verhaßt. Seine Neigungen lagen 
zumeist im Bereich strenggläubiger Frömmigkeit; Proselyten zu 
machen, war seine besondere Liebhaberei; mehr als je zuvor gewannen 
unter seiner langen Regierung die kirchlichen Bestrebungen das 
Übergewicht über die weltlichen; unter keinem früheren Herrscher 
war in Toskana die Macht der geistlichen Orden so groß gewesen. 

Was ein solches Regiment in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahr- 
hunderts für die Anhänger Galileis, für die Bemühungen, sein Ge- 
dächtnis zu Ehren zu bringen, bedeutete, bedarf nicht der Ausführung. 
„Wer hätte", ruft ein Jahrhundert später Targioni aus, „solange 
Cosüno IIL regierte, ein Leben Galileis drucken lassen und rühmen 
können, w^as er vollbracht, ohne Gefahr zu laufen oder w^enigstens 
sich mißliebig zu machen?" 

Die schwere Atmosphäre der Mönchsherrschaft, wie sie in jenen 
Tagen dem Verehrer Galileis den Atem nahm, empfindet auch der 
heutige Leser noch in einem Briefe, den Viviani im beginnenden 
vierten Jahr der Regierung Cosimos an Lorenzo Magalotti geschrieben 
hat. Es hatte sich die Nachricht verbreitet, daß man in Amsterdam 
mit der Absicht umgehe, Briefe von Paolo Sarpi in größerer Zahl 
und von gewichtigem Inhalt zu veröf f enthchen ; „vielleicht" hatte 
derjenige, der die Kunde brachte, gesagt, „möchten unter denen der 
Freunde und Korrespondenten Sarpis auch Briefe Galileis sein." 
„Ob dieser Mitteilung", schreibt Viviani dem Freunde, „war ich 
innerhch bestürzt, ohne es merken zu lassen; denn plötzlich fiel mir 
in den Sinn, daß, wenn dem so wäre, sich Galileis beständigen Feinden, 
deren es, me ich weiß, ganze Genossenschaften gibt, ein gewichtiger 
Grund darbieten würde, ihn dessen verdächtig zu halten, was er 
sicher nicht war und nie auch nur in Gedanken gewesen ist, und üin 
auch als solchermaßen verdächtig erscheinen zu lassen, unter dem 
erheuchelten frommen Vorwand, als ob sie dergleichen Leute ver- 
abscheuen, aber in Wahrheit in der Absicht, soweit es an ihnen liegt, 
den Ruhm des großen Mannes zu verdunkeln und vielleicht ein 
Verbot gegen seine anderen Werke zu erwirken, die ihnen, die allein 
alles zu wissen den Anspruch erheben, so sehr verhaßt sind." „Erwägt," 



— 230 — 

ruft er, ,,wie sehr das dem Ruf des guten Alten und zugleich unserem 
Vaterland zum Schaden gereichen könnte; mich dünkt, ich sehe Euch 
bei dem bloßen Gedanken an diese Folgen in Feuer geraten; aber 
zugleich auch, wie die Leidenschaft Euch die Mittel an die Hand 
gibt, die Gefahr zu vermeiden." 

Fast vergißt man über der aufgeregten, angsterfüllten Rede, 
daß es ein Toter ist, der so bedroht erscheint, und daß die Gefahr, 
die über ihm und dem Vaterlande schwebt, darauf hinauskommt, 
daß von einem Verkehr, der vor 70 Jahren zAvischen dem Toten und 
dem freidenkenden Mönch unzweifelhaft bestanden hatte, die Kunde 
in die Öffentlichkeit dringen könnte. 

In der Vernichtung der möglicherweise von Galilei an Sarpi 
geschriebenen Briefe sieht Viviani die einzige Möglichkeit der Rettung, 
wenngleich er fest davon überzeugt ist, daß nichts anderes als Fragen 
der Wissenschaft ihren Gegenstand bilden könnten. „Wäre ich in 
Flandern wie Ihr," schreibt er weiter, „ich würde mich un verweilt nach 
Amsterdam begeben, um, wenn sich fände, daß Briefe Galileis wirk- 
lich vorhanden sind, sie selbst in Augenschein zu nehmen ; und kämen 
sie mii* zu Gesichte, so würde ich, was sie auch enthalten möchten, 
nicht allein in Ruhe jede Kunst, jedes Mttel versuchen, um die Ver- 
öffenthchung zu verhindern, sondern auch mich bemühen, die Originale 
und die Kopien an mich zu bringen und wenn es auch mit großen 
Kosten geschehen müßte; und wären sie schon gedruckt, so würde 
ich aus eigenen Mitteln die Auslagen für die fertigen Bogen bezahlen, 
damit nichts, was daran erinnern kann, in anderen Händen bliebe. 
Solltet Ihr daher, verehrter Herr, Euch überzeugen, daß sich dies 
insgeheim und mit Sicherheit durch Geld erreichen läßt, so bin ich 
bereit, es Euch zuzustellen, damit von dieser Seite her den Böswilligen 
für die Zukunft jede MögHchkeit genommen werde, Waffen solcher 
Art gegen einen Mann zu verwenden, der so ehrwürdig, so redlich, 
christhch, kathohsch und fromm gewesen, so gelebt hat und gestorben 
ist und den ich in solcher Gesinnung als hohes Beispiel in seinen drei 
letzten Jahren zu meiner großen Erbauung vor mir gesehen habe."^ 

Mehr als umständhche Schilderungen und Berichte vermögen, 
veranschauHcht die Stimmung dieses Briefes den Geist des Zeit- 



^ Brief Vivianis an Lorenzo Magalotti vom 24. Juli 1673 in Lettere 
famigliari del Conte Lo renzo Magalotti p. 47. 



— 231 — 

alters Cosimos III, , zugleich aber auch den Charakter dessen, der in 
solcher Zeit vor allen übrigen berufen war, den Feinden der Geistes- 
freiheit die Stirn zu bieten. Es kann nicht überraschen, daß einem 
Manne, der solchen Widersachern gegenüber Heil und Hilfe nur in 
der Vernichtung alles dessen sieht, was zu böswilliger Deutung Anlaß 
bieten könnte, das Leben dahinging in vergeblichen Versuchen, dem 
Andenken Galileis gerecht zu werden. 

Auch während der 32 Jahre, die er unter der Herrschaft Cosimos III. 
verlebte, behielt Viviani die gleiche Aufgabe unverwandt im Auge. 
Das beweist ein jedes seiner gedruckten Werke, meist mathematischen 
Inhalts und eine große Zahl von Briefen, die diesem Zeitraum an- 
gehören. 

Nachdem die Aussicht, eine Gesamtausgabe der Werke veröffent- 
lichen zu können, in die Ferne gerückt schien, beschäftigte ihn längere 
Zeit hindurch der Plan, eine Sammlung der zahlreichen nachgelassenen 
Schriften und Briefe drucken zu lassen. Selbstlos spricht er noch im 
Jahre 1678 den bestimmten Entschluß aus, vor den eigenen bereits 
vollendeten oder leicht zu vollendenden Werken die ungedruckten 
Galileis und Torricellis an die Öffentlichkeit zu bringen. In mög- 
lichster Vollständigkeit sollte seine Sammlung umfassen, was irgend 
von Galilei erhalten war. Zu diesem Zwecke bemühte er sich viele 
Jahre hindurch, teils durch direkte Zuschriften, teils durch geeignete 
Vermittler, mit den Nachkommen und Erben derjenigen in Verbin- 
dung zu treten, die in Italien wie im Ausland zu Galileis Freunden 
und Korrespondenten gehört hatten, um in seine Hand zu bringen, 
was irgend sich finden ließ. Sehr bedeutend, teilweise unschätzbar 
sind die Beiträge, die diesem Bemühen die heute vorhandene große 
Florentiner Sammlung der Galileischen Handschriften verdankt. 

Nur vertagt, nicht aufgegeben hatte Viviani auch in dieser 
schweren Zeit seine weitergehenden Pläne; sie von Neuem ausführ- 
bar und dringlich erscheinen zu lassen, genügte der Schimmer neuer 
Hoffnungen, die sich an die freiere, den Wissenschaften zugewandte 
Denkweise des Erbprinzen Ferdinand knüpften. Es gelang Viviani, 
den begabten jungen Prinzen, der in allen Beziehungen mehr dem 
Großvater als dem Vater ähnlich schien, soweit für seine Absichten 
zu gewinnen, daß er wagen konnte, in seinem Namen und Auftrag 
in Rom eine Aufhebung des Verbots gegen die ,, Dialoge über die 
beiden Weltsysteme" anzuregen. 



— 232 — 

Es ist bereits der Erkmidigungen gedacht worden, die Prinz 
Leopold in gleicher Kichtung eingezogen hatte ; zu dem weitergehenden 
Versuch, über den erst in neuester Zeit Favaros Bemühungen Licht 
verbreitet haben, ermutigte Viviani die Bekanntschaft mit dem Jesuiten- 
pater Antonio Baldigiani, Wie nie zuvor ein anderer, schien dieser 
Mann in seiner Person die Eigenschaften zu vereinigen, deren es für 
eine erfolgreiche Vermittlung zmschen den Interessen der wissen- 
schaftlichen und der kirchlichen Kreise bedurfte. iVls Florentiner, 
Mathematiker und Verehrer Galileis stand er Viviani nahe ; sein inhalt- 
reicher Briefwechsel mit diesem rechtfertigt die Voraussetzung, daß 
seinerseits grundsätzliche Bedenken dem geplanten Unternehmen 
nicht entgegenstanden. Andererseits erfreute sich Baldigiani beim 
päpsthchen Stuhl besonderen Ansehens; er war in der Lage, nicht 
allein als gelehrtes Mitglied des Jesuitenordens, sondern unmittel- 
barer noch als Konsultor der Index-Kongregation und Qualifikator 
des Heihgen Offiziums auch auf die Entscheidungen dieser höchsten 
kirchlichen Behörden Einfluß zu üben. So konnte Viviani glauben, 
daß, wenn durch ihn das ersehnte Ziel sich nicht erreichen lasse, 
auf keine andere Hilfe mehr zu rechnen sei. An ihn wandte er sich 
daher im August 1690 zunächst mit der Bitte um Bezeichnung des 
Weges, auf dem er in tiefster Heimlichkeit mit ihm über eine wissen- 
schaftüche Angelegenheit von großer Bedeutung brieflich verhandeln 
.könne. Nur soviel sprach er aus, daß eine glückliche Erledigung 
dem Vermittler zu höchstem Euhm gereichen, überdies ihm sicherlich 
die Gunst und Gewogenheit eines allergnädigsten Herrn gewinnen 
werde. 

Auf dem „gefahrlosen" Wege, über den ihn der Pater entgegen- 
kommend belehrte, brachte dann Viviani zur Sprache, was „der 
hohe Herr" im Sinne habe."^ „Es wird", so schreibt er, „aufs drin- 
gendste gewünscht, daß Galileis ,Dialoge über die beiden Haupt- 
weltsysteme' von jedem Verbot befreit werden; man glaubt, es sei 
dies zu erreichen durch die Verbesserung derjenigen Stellen, die nach 
dem Ermessen der Heiligen Kongregation des Index deren bedürfen; 



1 



I 



^ Von beiden im Text erwähnten Schreiben liegen uns nur Vivianis 
Entwürfe vor; es Hegt kein Grund vor, zu bezweifeln, daß, wie sicherlich das- 
erste, auch das zweite entscheidende tatsächlich abgesandt worden ist. Beide 
Entwürfe sind mitgeteilt in A. Favaro Miscellanea Galileiana inedita p. 152 
biß 155. 



— 233 — 

man ist der Moinunp^, daß es nur sehr wenige seien und daß diese sich 
sehr leicht moderieren lassen werden, ohne daß das AVerk entstellt 
würde und von dem Guten und Schönen, das ihm eigen ist, irgend 
etwas verlöre. Um dahin zu gelangen, bedarf es — so glaubt man — 
eines Mannes von Autorität und Ansehen, der zugleich als Gelehrter 
und mit dem Gegenstande vertraut, das große Unternehmen fördert 
und mit Kraft und überzeugender Rede dafür eintritt. Ihr, hoch- 
ehrwürdiger Vater, werdet zur Zeit als der Einzige in der gelehrten 
Welt betrachtet, der diese Vorzüge in höchstem Grade besitzt, so 
daß kein anderer neben Euch in Frage kommen könnte, ich bin des- 
halb beauftragt, an Euch die Bitte zu richten, die Sache gründlich 
in Erwägung zu ziehen. Euch ihrer anzunehmen und Euch ihr 
mit Ernst zu widmen, bis Ihr sie zum glücklichen Ausgang ge- 
führt habt." 

Wie Viviani hier nur als Vertreter eines nicht genannten Höher- 
stehenden zu reden vorgibt, so weiß er auch in der Darlegung der 
Gründe, um derentwillen eineAufhebung des Verbots von 1633 not- 
wendig erscheine, alles zu vermeiden, was den Verdacht, als ob er selbst 
an die verbotene Lehre glaube, hervorrufen könnte. Sein Schreiben 
an den P. Baldigiani spricht nicht etwa die Überzeugung aus, daß es 
die Wahrheit sei, die man zu lehren und zu ergründen verbiete und 
daß es sich darum handle, die Wissenschaft von unwürdigen Fesseln 
zu befreien — auch in dieser tief geheimen Verhandlung glaubt er zu 
Galileis Gunsten die Fiktion festhalten zu müssen, daß im vollen 
Gegensatz zum Werk des Copernicus die „Dialoge" nicht die Bewegung 
der Erde lehren wollen, sondern, ohne zu entscheiden, die Gründe 
für und wider vortragen und dartun, daß diese Gründe nicht mehr die 
eine als die andere Meinung zu erweisen vermögen." 

Ersichtlich sind die Verbesserungen, an die Viviani denkt, nur 
Zusätze, die im Sinne dieser Fiktion, im Einklang mit Galileis Vor- 
wort und Z\Nischem-eden den Leser warnen sollen, für wahr zu halten, 
was im eigenthchen Text des Buches mit allem Feuer der Über- 
zeugung als Wahrheit erwiesen wird. Es entspricht der Zuversicht, 
mit der Viviani dem Konsultor der Inquisition gegenüber Vorspiege- 
lungen dieser Art verwertet, daß er dann auch kein Bedenken trägt, 
wie von einem Zeichen der Inkonsequenz der kirchlichen Behörden 
von der ungehinderten Erörterung der gleichen ^^issenschaftlichen 
Lehren durch andere Schriftsteller zu reden und unter diesen durch 



— 234 — 

kirchliche Erlaubnis bevorzugten Männern Riccioli hervorzuheben. 
Uns freilich klingt es überraschend, von einem Widerspruch des Ver- 
bots der „Dialoge" mit der Nachsicht der Inquisition gegen den 
Verfasser des „Almagestum novum" zu hören. 

Größeren Nachdruck legt Viviani auf die Bedeutung des Verbots 
für die nichtitalienischen Gelehrten. Wie ihm durch die Berichte 
von Mitgliedern des Jesuitenordens him*eichend verbürgt sei, habe 
insbesondere infolge der großen teleskopischen Entdeckungen die 
copernicanische Lehre außerhalb Italiens zahlreichere Anhänger ge- 
funden als jede andere, es habe deshalb schon das Verbot der Index- 
Kongregation unter den Gelehrten des Auslandes große Aufregung 
hervorgerufen und als Verbot in einer nur die Natur betreffenden 
Sache die Veranlassung gegeben, daß man auch gegen solche in Rom 
getroffene Entscheidungen sich zweifeUiaft verhalte, die sich auf An- 
gelegenheiten des Glaubens beziehen. Es sei daher zu hoffen, daß 
eine Abschwächung des Verbots der Kirche zum Gewinn gereichen 
werde. 

Von dem gleichen Ai'gument, ungefähr in die gleichen Worte ge- 
faßt, hatten ja schon Gaülei und seine Freunde sich heilsame Wirkung 
versprochen. Die Wiederholung eben dieser Wendungen und prak- 
tischen Berechnungen in Vivianis Briefen veranschauhcht, wie unver- 
ändert und unabgeschwächt nach Verlauf von beinahe 70 Jahren die 
Gegensätze fortbestanden. Nur in den persönhchen Beziehungen 
bezeichnen die Verhandlungen mit Baldigiani einen Wandel, genauer 
gesagt: eine Wiederherstellung des älteren Verhältnisses. 'Es sind 
die Feinde von 1633, unter denen Viviani den Helfer in der Not zu 
finden meint; zu energischem Handeln in Galileis Angelegenheit 
hofft er den Jesuitenpater durch die Aussicht anregen zu können, 
daß im Falle des Erfolges sein Anteil dabei die Welt erkennen lassen 
werde, wie falsch die verbreitete Meinung sei, nach der zum Verbot 
der „Dialoge" das Betreiben einiger Mitgheder des Jesuitenordens 
beigetragen habe, wie vielmehr dieser Orden auch jetzt noch wahres 
Wohlwollen gegen Gaülei wie gegen seine Werke bewahre; es müsse, 
meint Viviani, die Kunde davon, daß ein Jesuit zu so christhcher 
und heldenmütiger Handlung den gerechten Antrieb empfunden habe, 
nicht nur ihm selbst, sondern dem ganzen Orden, der in jeder anderen 
Beziehung und mit gutem Recht vor allen übrigen hoch verehrt sei, 
zu erhöhtem Lobe gereichen. 



— 235 — 

Eine Antwort auf dieses Schreiben an den P. Baldigiani ist nicht 
erhalten; daß sie nicht nur ablehnend gelautet, sondern Viviani jede 
Aussicht auf einen besseren Erfolg fortgesetzter Bemühungen ge- 
nommen hat, ist nicht zu bezweifeln. Wie wenig in jenem Zeitpunkt 
an der Stelle, wo Baldigiani seinen Einfluß üben sollte, die herrschende 
Stimmung einem günstigen Ergebnis entsprach, geht aus den Mit- 
teilungen hervor, die zwei Jahre später derselbe Mann Viviani zu 
machen hatte. „Ganz Rom", schreibt er am 25. Januar 1693, ,, steht 
in Waffen gegen die Mathematiker und Physiko-Mathematiker. Außer- 
ordentHche Zusammenkünfte der Kardinäle und des Heiligen Offiziums 
haben stattgefunden und finden weiter statt, und man spricht davon, 
allgemeine Verbote gegen alle Autoren der neueren Physik ergehen 
zu lassen, lange Listen werden angefertigt und an die Spitze derselben 
stellt man Galilei, Gassendi, Carfcesius usw. als höchst gefährlich für 
die Gelehrtenrepublik und die Reinheit der Religion. Die Haupt- 
personen, die über sie zu urteilen haben, werden Mönche sein, die 
früher schon sich bemüht haben, derartige Verbote zustande zu 
bringen.^ 

Die schlimme Botschaft hat vermutlich dazu beigetragen, Viviani 
zu der eigentümlichen Kundgebung seiner Gesinnungen zu bestimmen, 
die demselben Jahre 1693 angehört. Bei zunehmendem Alter, ge- 
schwächter Gesundheit und nähertretender Gefahr des Todes erschienen 
ihm ~ das sind seine eigenen Worte — alle anderen Wege verschlossen, 
um der Nachwelt gegenüber von den Wohltaten, die ihm im Leben 
zuteil geworden, Zeugnis abzulegen. ^ So entschloß er sich, ermutigt 
durch die Zustimmung des Erbprinzen Ferdinand, den lange gehegten 



^ Brief Baldigianis vom 25. Jan. 1693, mitgeteilt in Favaro, Miscellanea 
Galilciana inediti p. 456. Auf die auch gegen Galileis Wissenschaft erhobene 
Anklage, von der hier berichtet wird, antwortet Viviani in den im Folgenden 
zu berührenden im gleichen Jahr 1693 verfaßten Inschriften. Nachdem er 
Galileis Verdienste um die Anwendung von Experimenten und geometrischer 
Wissenschaft zur Begründung einer neuen Physik gerühmt, fährt er fort: 
und dieses große Werk hat er immer mit solcher Mäßigung und so fromm 
betrieben, daß seine philosophischen Lehren sich für diejenigen, die nicht 
entweder verkehrt interpretieren oder mehr wissen wollen, als zu wissen not- 
tut, nicht nur keineswegs schädlich, sondern in hohem Maße nützlich erweisen 
werden." 

^ Vergl. den Anhang der in der Note der folgenden Seite zitierten Schrift. 
Die Stelle ist abgedruckt bei Nelli p. 856. 



— 236 — 

Gedanken einer Verherrlichung Galileis in Verbindung mit der schul- 
digen Ehrenbezeugung gegen „den großen König Ludwig" in ab- 
gekürzter Form und gewissermaßen in beschränkter Öffentlichkeit, 
aber in tunlichster Beschleunigung zur Ausführung zu bringen. Wie 
er vor allem übrigen in übertreibender Dankbarkeit ausspricht, hatte 
das ehrenvolle Jaliresgehalt, das ihm Ludwig XW. gewährt, ihn in 
den Stand gesetzt, ein Haus in der Via Amoris in Florenz zu erwerben 
und nach seinem "Wunsche umzubauen. Die Außenseite dieses Hauses 
sollte der Welt seine Gesinnung offenbaren, sie tut es bis auf den heu- 
tigen Tag. Über dem Haupteingang sieht man eine von dem Bildhauer 
Foggini nach einem älteren Original gefertigte Bronzebüste Galileis, 
zu deren Seiten umfassende Inschriften, die dem königlichen Wohl- 
täter danken, die Großherzöge Ferdinand und Cosimo als hohe Gönner 
des Erbauers ehren, vor allem aber den Ruhm des Meisters verkünden, 
in hohen Worten den Denker und Forscher, den Lehrer und Schrift- 
steller wie den im Leben und Sterben gläubig-frommen Christen 
Galilei preisen. 

Acht Jahre später, im 80. Jahre seines Lebens, ließ Viviani im 
Anhang seiner letzten, dem König Ludwig gewidmeten Schrift^, den 
Wortlaut dieser Lischriften abdrucken, um, \Yie er sagt, auf diese 
Weise dafür zu sorgen, daß ihr Inhalt sich unter den Auswärtigen, 
die nicht auf Reisen gehen, verbreite und damit sie in unvergänglichem 
Andenken der Gelehrten bleiben mögen, wenn auch einmal durch 
die zerstörende Zeit oder nach dem Willen eines späteren Besitzers 
die Marmorbuchstaben vernichtet werden soUten. 

Durch ein besonderes Imprimatur für diesen Anhang hat die 
Florentiner Inquisition auscb-ücklich auch dem Inhalt der Gedächtnis- 
tafeln ihre Zustimmung ausgesprochen und die Verteilung gesonderter 
Abdrücke gestattet.- Eine Beziehung der Inschriften zu der voran- 
gehenden mathematischen Schrift Vivianis ist in der Tat nicht vorhan- 



^ V. Viviani de locis solidis secunda divinati geometrica in quinque 
libros iniuria temporum amissos Aristaei senioris geometrae Florentiae 1701. 

2 Die Abdrücke erschienen unter dem Titel: Grati animi monumenta 
Vincentü Viviani in praeceptorem Galilaeum lyncaeum, Ferdinandum II 
et Cosmum III mm. dd. Etruriae et Ludovicum magnum GaUiarum et 
Navarrae regem christianissimum uti fuerunt inscripta Florentiae, in fronte 
aedium a Deo datarum anno salutis 1693. Florentiae apud Petriim Antonium 
Porigonei. 



— 237 — 

den; dagegen liest man nicht ohne Nutzen auch für das Verständnis 
des Anhangs die Widmung an der Spitze des Buchs. Unter den 
Kuhmestiteln Ludwigs XIV. steht hier in erster Linie die Unermüd- 
hchkeit in der Ausrottung innerer Ketzerei; der allerchristlichste 
König wii'd als „schützender Genius für den orthodoxen Glauben" 
gepriesen. Wer in solcher Weise die Aufhebung des Edikts von 
Nantes als Heldentat feiert, was wird er der Welt von Galileis Kampf 
für die von römischen Kongregationen verbotene Wahrheit zu sagen 
haben ? 

In der Tat, die Tafeln an dem Hause der Via Amoris scheinen 
von solchem Kampfe und solcher Wahrheit nichts zu wissen. Von dem 
Wenigen, was noch die Handschritt von 1654 teils berichtet, teils 
durch Andeutungen verrät, ist im Verlauf des folgenden halben Jahr- 
hunderts kaum die Andeutung übriggeblieben. In den einleitenden 
Worten der ersten Inschrift, wie der Abdruck vom Jahre 1701 sie 
wiedergibt, \md der Gedanl^e an den Copernicus kurz beseitigt, ohne 
daß auch nur der gefährliche Name genannt würde. „Auf der steilen 
Bahn zur Erforschung der Wahrheit", heißt es hier, „geleitete ihn 
stets ein frommer Sinn, so daß er, was er über die Flut des Meeres 
und das System des Philolaus nur zur Übung des Geistes (was be- 
sonders sein Brief an (Jhristina von Lothringen beweist) ersonnen 
hatte, willigen Gemüts der Rehgion zum Opfer brachte." 

Nur zur Übung des Geistes! So weit war man also 60 Jahre 
nach Galileis Tode gekommen! Dieselbe Gedächtnistafel, die mit 
Eifer unbegründete, von neidischen Widersachern verbreitete Zweifel 
an Galileis ehelicher Geburt widerlegt, die über die Stunde dieser Geburt 
vermeintUch gewissenhafteste Berechnungen bietet, um außer Frage 
zu stellen, daß sie mit der Todesstunde Mchelangelos zusammen- 
traf, die der Welt über Galileis frommes Sterben in ängstlicher Um- 
ständlichkeit Bericht erstattet — sie hat füi' das, was ihm „grandissimo" 
hieß, nur das kurze verneinende Wort. 

Daß auch hier Viviani sich selbst der eigentliche Zensor gewesen 
ist, daß kein fremder Wille ihn genötigt hat, eine so unzweideutige 
Verleugnung des Glaubens an die Bewegung der Erde seiner Lobrede 
vorauszuschicken, beweist dem, der es bezweifeln möchte, das hand- 
schriftliche Original seiner Veröffentlichung, das dem Inquisitor vor- 
gelegen hat und, mit dessen Abänderungen und Streichungen ver- 
sehen, noch heute in Florenz bewahrt wird. So gründlich hat Vi\iani 



— 238 — 

die Sclbstlvritik geübt, daß nur noch hier und dort ein übertriebener 
oder der kii-chlichen Anschauung ^^^derstrebende^ Ausdruck dem Ver- 
treter der Inquisition zu Bedenken Anlaß geben konnte, so, wenn der 
Lobredner Galileis Lebenswandel „Heiligkeit atmen" sieht, oder wenn 
er die verborgenen Dinge, die Galilei den Menschen enthüllt, ihrer 
Existenz nach als „so alt, wie die Gottheit" — Deo coaeva — be- 
zeichnet. Abgesehen von den Änderungen des Zensors an derartigen 
Kleinigkeiten des Ausdrucks muß der gesamte "Wortlaut der Inschrift, 
wie sie im Anhang der Schrift „de locis solidis" gedruckt ist und 
damit alles, was in ihm der geschichtlichen Wahrheit -widerspricht, 
als Vivianis geistiges Eigentum betrachtet werden; ersichtlich hat 
er dem Verlangen, Galileis Leben ,,Heihgkeit atmen" zu lassen, wesent- 
lich mehr noch als in der Lebensbeschreibung für den Prinzen Leopold 
die Wahrheit, die er kannte, willig geopfert. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig, hier einen Zweifel auszuschlie- 
ßen, der zugleich früheren Bemerkungen dieser Blätter gegenüber 
sich erheben ließe und bei solchen Gelegenheiten zum mindesten 
nicht ausdrückhch zu Worte gekommen ist. 

Die geistige Entwicklung zweier Jahrhunderte trennt die Gegen- 
wart von den Tagen, in denen Viviani seine Gedächtnistafebi entwarf; 
liegt nicht in so unermeßlichem Wandel der Zeiten, der völligen 
Unvergleichlichkeit der Becüngimgen des Lebens und Denkens, in 
der Schwierigkeit, einer so fernen Vergangenheit gerecht zu werden, 
ein di'ingender Grund, dem Manne gegenüber, dessen Leben \yie kein 
anderes von selbstloser Pietät erfüUt gewesen ist, ein Urteil zurück- 
zuhalten, das auf den Vonmrf bewußter Unwahrheit hinausläuft? 
Oder kurz gesagt: ist denn verbürgt, daß Vivianis Äußerungen nicht 
auf einer wohlbegründeten Überzeugung beruhten? Darauf ist vor 
allem zu erwidern, daß ohne allzugründliche Erforschung der Quellen 
Vivianis Landsleute, solange eine freie Meinungsäußerung in Italien 
gestattet ist, als gewiß betrachtet haben, was eine solche Frage in 
Zweifel stellt. Von den Vielen, die den letzten Schüler Galileis seit 
jener Zeit getadelt und verteidigt, hat niemand als denkbar angesehen, 
daß er nicht im innersten Herzen das Urteil von 1633 für ungerecht- 
fertigt, den Verzicht, von dem er redet, für unmöglich gehalten und 
an die Wahrheit der copernicanischen Lehre fest geglaubt hätte. 
Was man in solcher Weise fast instinktmäß festgehalten, findet in 
neueren Zeiten um so vollere Bestätigung, je mehr aus den übrig- 



— 239 — 

gebliebenen Briefen, Entwürfen und anderen privaten Aufzeichnungen 
Vivianis wahre Gesinnungen bekannt werden. 

Ein unzweideutiger Beweis dafür, daß seine gedruckten oder für 
den Druck bestimmten Schriften in den Äußerungen über die verbotene 
Lehre nicht seiner wahren Denkweise entsprechen, hat sich ergeben, 
als man in neuester Zeit auf den Gedanken kam, den Wortlaut der 
noch erhaltenen Inschriften an seinem Hause aufzunehmen und der 
vermeintlich getreuen Wiedergabe derselben in der mathematischen 
Schrift vom Jahre 1701 gegenüberzustellen. Der nach der Aufnahme 
des Grafen Paolo GaUetti veröffentlichte Text^ deutet durch einzelne 
unverständliche oder inkorrekt erscheinende Stellen an, daß der Zu- 
stand der Erhaltung der Inschriften hier und dort einer wortgetreuen 
Reproduktion erhebliche SchAvierigkeiten entgegenstellt.^ Mit völliger 
Sicherheit aber läßt sich neben mannigfaltigen anderen Abweichungen 
auch das der Vergleichung entnehmen, daß die Worte, in denen Viviani 
die unwürdige Verleugnung bis zum äußersten treibt, ein Zusatz 
des späteren Abdrucks sind. Davon, daß Galilei dem „System des 
Philolaus" nur der Übung wegen seine Gedanken widmet, daß ins- 
besondere der Brief an Christina von Lothringen diese Tatsache deut- 
lich erweise, ist in den Original-Inschriften nicht die Rede; es fehlt 
in denselben ebenso bei der Erwähnung der Entdeckungen an den 
Planeten und der Bewegung derselben um die Sonne das vielsagende 
Wort „tuto'', das diesen Teil der astronomischen Lehren Galileis 
als erlaubt bezeichnet^, ohne Zweifel, weil die gleichen Tatsachen 
in den Systemen von Tycho Brahe und Riccioli Raum finden. In 
den Rücksichten, denen dieses Wort so unzweideutigen Ausdruck 
gibt, lag vermutlich auch füi* Viviani die Veranlassung, im Abdruck 
von 1701 auszumerzen, was er den schwer zugänglichen Tafeln an- 
vertraute: daß Galilei in der Rotation der Sonne die Ursache der 



^ Antonio Favaro Inedita Galilaeiana Estr. dal Vol. XXI delle 
Memorie del Reale Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venezia 
1880 p. 37f. 

' Schon Xelli fand die Inschriften ,,mezzi corrosi" und deshalb schwer 
zu lesen. Seine Absicht, sie in Marmor reproduzieren zu lassen, scheint un- 
ausgeführt geblieben zu sein. 

^ Veneris sydus ac etiam Mercurii — — — proprio motu ab occasu 
pariter in ortum, vetuti Mars, Jupiter ac Saturnus, Solis globum circumire 
tuto Astronomos docuit. 



— 240 — 

Bewegungen „der Hauptplaneten ihres Systems" in gleicher west 
östlicher Richtung erkannt habe.^ 

Bei alledem enthalten auch die Original-Inschriften keineswegs 
eine Rechtfertigung dessen, was Galilei in copernicanischem Sinne 
geschrieben, geschweige ein offenes Bekenntnis übereinstimmender 
Gesinnung; vde der Wortlaut, den Viviani dem Druck übergeben 
hat, legen sie höchsten Nachdi'uck auf Galileis kirchliche Gesinnung 
und die Frömmigkeit, die er in seinen letzten Stunden bewährt hat; 
nur darin, daß die echten Inschriften ganz verschweigen, was sie 
der Wahrheit gemäß nicht sagen dürfen, äußert sich ein vergleichs- 
weise freierer Sinn; eben darin aber, daß sie zu schweigen für an- 
gemessen halten, wo die Zusätze des angeblich getreuen Abdrucks 
den verehrten Meister ausdrücklich verleugnen, bekundet sich zu- 
gleich, daß nicht eine mssenschaftliche oder kirchhche Überzeugung 
Vivianis seinen unterwürfigen Äußerungen zugrunde gelegen hat. 

Nein, in vollem Glauben an die Wahrheit der copernicanischen 
Lehre, in der Gemßheit, daß Galilei bis an sein Lebensende sich von 
dem gleichen Glauben nicht hat lossagen können, läßt er ihn das 
Buch, in dem er den Inbegriff seiner Weltanschauung dargelegt, nur 
zur Geistesübung schreiben, will er als seinen höchsten Ruhm ver- 
künden, daß er willigen Gemüts der Religion seine Wissenschaft 
geopfert hat. Schon dem Tode sich nahefühlend, glaubt dieser treueste 
Schüler aUes, was ein Inquisitor fordern könnte, heuchelnd über- 
bieten zu müssen, um dann endlich einmal in vollen Tönen alles 
übrige verherrlichen zu dürfen, was Galilei der Welt ge- 
geben hat. 

Wir vermögen heute in dieser Verherrlichung innerhalb der 
Grenzen des kirchlich Erlaubten keinen Gewinn zu erkennen, der 
des gebrachten Opfers wert ist, aber wir würden uns der Ungerechtig- 
keit schuldig machen gegen den Einzigen, der in jenen Tagen Galilei 
zu rühmen gewagt hat, wenn wir unbeachtet ließen, was uns mit 
seinem Opfer versöhnen kann. Sein Denken beeinflußt und beherrscht 
das Bild des einsamen Grabes, in dem getrennt von der Gemeinschaft 
gläubiger Christen in ungeweihter Erde die Gebeine des Meisters 

1 Es ist hier nachzutragen, daß auch der oben in der Anmerkung auf 
S. 235 mitgeteilte Widerspruch gegen das Urteil der Mönche über Galilei 
als Physiko-Mathematiker zwar in den Original-Inschriften, aber nicht im 
Abdruck von 1701 zu finden ist. 



— 241 — 

ruhen. Es gab keine Entsagung, die Viviani nicht auf sich genommen 
hätte, um dieser Schmach ein Ende zu machen. 

Er starb, ohne das Ziel seiner Wünsche erreicht zu haben, am 
22. September 1703. Sein Testament ließ erkennen, daß er bis an 
sein Lebensende die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, Galilei in der 
Kirche Sa. Croce neben dem Grabdenkmal des ]VIichelangelo Buo- 
narotti ein würdiges Monument errichten zu können und unter dem- 
selben die Überreste seines großen Lehrers zur letzten Ruhe bestattet 
zu sehen. „Sollte der Testator", so heißt es in dieser letztwilligen 
Verfügung, „der lebhaft empfundenen Pflicht der Dankbarkeit gegen 
seinen großen Lehrer im Leben nicht genügt haben, so hinterläßt 
und verordnet er, daß sie alsbald nach seinem Tode erfüllt werde; 
zugleich bestimmt er in betreff des eigenen Leichnams, daß derselbe 
in der genannten Kirche von Santa Croce unter der Statue und dem 
Denkmal des vorgenannten großen Galilei begraben werden soll, 
neben oder unter dessen Gebeinen, sobald die Überführung derselben 
nach jener Stelle stattgefunden haben wird; solange aber seine Ab- 
sicht nicht zur Ausführung gebracht ist, will und verordnet er, daß 
sein Leichnam neben dem des Herrn Galileo in dem ,, Noviziat der 
Conventual-Minoriten"' genannter Kirche in vorläufiger Bewahrung 
gehalten werde. ^ 

Weitere Bestimmungen des Testaments verfügen, daß die Aus- 
führung des Monuments in Santa Croce nach den Entwürfen des 
Bildhauers Giovanni Battiste Foggini, der bereits eine Statue Galileis 
für denselben Zweck gefertigt hatte, unter der Leitung und Ober- 
aufsicht von Agostino XelH und mit den Geldmitteln und dem Erlös 
aus dem Mobiliarbesitz, die bei dem Tode des Testators sich vorfinden 
würden, zu erfolgen habe. 

Mehr als ein Menschenalter noch verging nach Vivianis Tode, 
bis die öffentlichen Verhältnisse die Ausführung dieser Bestimmungen 
gestatteten; solange noch ruhte in selbstgewählter Verbannung der 
Schüler neben dem Meister in der abgelegenen Turmkammer von 
Santa Croce. Der Letzte, an dessen edlere Neigungen Viviani Hoff- 
nungen geknüpft hatte, Erbprinz Ferdinand, starb im Jahre 1713, 
ohne zur Regierung gelangt zu sein; noch weitere zehn Jahre über- 

^ A. Favaro Documenti inediti per la Storia dei Manoscritti Galileiani 
nella Biblioteca Nazionale di Firenze. Roma 1886 p. 46 — 47. Das Testament 
ist vom 7. Dezember 1689 datiert. 

Wohlwill, Galilei. II. 16 



— 242 — 

lebte ilin der Vater, Großherzog Cosimo III. und mit diesem das 
brutalste aller Regierungssysteme, das Toscana gesehen hat. 

So wenig wie Viviani fand auch sein Erbe, der Abt Jacopo Pan- 
zanini, den Mut, um Galileis willen mit solcher Herrschaft sich in 
Widerspruch zu setzen; es scheint, daß er auf jeden Versuch, die 
testamentarische Bestimnnmg zur Ausführung zu bringen, freiwillig 
verzichtet hat. 

Dagegen unternahm es im Jahre 1717, noch unter Cosimos Ee- 
gierung, Salvini, Professor der Moralphilosophie an der Florentiner 
Akademie, die Lebensbeschreibung Galileis, wie sie im Jahre 1654 
Viviani für den Prinzen Leopold niedergeschrieben hatte, zum Ab- 
druck zu bringen. So erfuhr denn die Welt im Jahre 1717, vier Jahre 
nach der Veröffentlichung einer zweiten x\uflage der Xewtonschen 
Prinzipia philosophiae, durch die für die copernicanische Lehre die 
feste mechanische Grundlage gewonnen war, statt des erwarteten 
Aufschlusses über Galileis Anteil an der völligen Enthüllung der großen 
Wahrheit: daß ,,die ewige Vorsehung ihm gestattet habe, durch diese 
Verirrung sich als Mensch zu zeigen". 

Aber neben dieser Verleugnung, die noch immer für Italien ge- 
boten war und die doch in Italien so wenig wie jenseits seiner Grenzen, 
\ieUeicht weniger noch, ii'gend jemand für ernst gemeint hielt, empfing 
die Welt zum erstenmal in Vivianis Biographie ein Bild von Galileis 
Leben und Wirken, zwar vielfach künstlerisch ausgeschmückt und 
von Begeisterung verklärt^, aber in der Hauptsache sorgsam aus den 
Quellen geschöpft, wie sie nur dem „letzten Schüler" zu Gebote standen. 

So bezeichnet Salvinis Veröffentlichung für Galileis Andenken 
den Anfang einer Periode der Wiederbelebung. Schon im folgenden 
Jahre erschien in Florenz, unter der Leitung zweier hervorragender 
Mathematiker, eine neue, wesentlich vervollständigte Ausgabe der 
Werke, an deren Spitze nochmals Vivianis Biographie. Die Vervoll- 
ständigung der Florentiner Ausgabe umfaßte einen nicht geringen 
Teil der bis dahin ungedruckten von Viviani gesammelten Schriften; 
unter diesen erschien hier zum erstenmal der wichtige Brief über die 
Entdeckimg der Fallgesetze, den Galilei an Paolo Sarpi gerichtet 
hat, — der Name Sarpi blieb dabei ungenannt. 

Auch in dieser zweiten Ausgabe fehlen die Schriften, die sich 

1 8. Anhang I. 



— 243 — 

auf die copernicanischc Lehre beziehen. In der gelehrten Einleitung 
von Tommaso Buonaventuri wird der „Dialoge" gedacht, um das 
mißdeutende Wort eines Kritikers abzuwehren; aber der Verfasser 
findet es angemessen, dabei selbst dun Namen des Buches ungenannt 
zu lassen, nur von „anderen Dialogen" ist die Rede; und die Ansicht, 
die nach den Worten des Verfassers Galilei in dem vierten dieser 
„anderen" Dialoge vertritt, ist von ihm bis zur Unverständlichkcit 
verdunkelt. Statt von einer Entstehung der Meeresflut durch die 
Bewegung der Erde spricht er von der ,, Bewegung der Gewässer 
durch das Primum mobile". 

Noch immer waren die Dekrete gegen die copernicanische Lehre, 
die kirchliche Verurteilung der Galileischen „Dialoge über die beiden 
Hauptweltsysteme" in voller Kraft. Vergebens hatte Leibniz bei 
seiner Anwesenheit in Rom dafür zu wii'ken gesucht, daß in einer 
Angelegenheit, die ihm so völlig ungefährlich schien, der Wissenschaft 
freier Raum gelassen, daß die Verdammungs urteile aufgehoben oder 
doch nicht in Anwendung gebracht und so in der Stille beseitigt 
würden. Wie vor Zeiten Galilei, wies auch Leibniz die einflußreichen 
Männer, mit denen er verkehrte, darauf hin, daß es im Interesse der 
Kirche liege, nicht bei Unwissenden die Meinung aufkommen zu 
lassen, sie beschütze Unwissenheit und Irrtum. Klar erkannte der 
große Mann, daß die Unterdrückung der Denkfreiheit wie ein Alp 
auf den besten Geistern Italiens lastete, aber seine Bemühungen, 
ihnen zu helfen, waren ohne Erfolg.^ 

Wenn man in Rom nach wissenschaftlichen Beweisen gefragt 
hätte, so wäre Bradleys 1729 veröffentlichte Entdeckung der Aber- 
ration des Lichts, durch die für alle Kundigen die Bewegung der Erde 
um die Sonne außer Zweifel gestellt wurde, für die Notwendigkeit 
eines Widerrufs entscheidend gewesen; es ist nicht bekannt, daß man 
in den Kongregationen von derartigen Fortschritten der Wissenschaft 
Notiz genommen hätte. Die „Dialoge über die beiden Hauptwelt- 
systeme" blieben nach Bradleys Entdeckung noch ein Jahrhundert 
hindurch ein verbotenes Buch. Dagegen scheint nach dem Tode 
Cosimos III. Galileis Person gegenüber eine mildere Stimnmng Raum 
gefunden zu haben. Von Einfluß ist dabei vermutlich gewesen, daß 

^ Vergl. den Brief von Leibniz an Antonio Magliabecchi vom 30. Okt. 
1699 in Clarorum Germanorum epistolae ad A. Magliabecchium nonnullosque 
alioB. 

16* 



— 244 — 

in Florenz der letzte Großherzog aus dem Hause der Medici einer 
freieren Richtung zugeneigt war, und daß auch in Rom sowohl der 
Papst wie der einflußreichste Kardinal dem Florentiner Hause der 
Corsini angehörten, in dem eine wohlwollende Gesinnung gegen Galilei 
bewahrt wurde. ^ Diese Verhältnisse ermutigten die Vormünder des 
jungen Clemens IS^elli, an den im Jahre 1733 Vivianis Erbschaft ge- 
fallen war, die Bestimmung des Testaments über die Errichtung 
eines Denkmals für Galilei in der Kirche Santa Croce zur Ausführung 
zu bringen. Die Vorbedingung dafür war auch jetzt noch die Zu- 
stimmung der Inquisition. So begab sich im Juni 1734 der Kavalier 
Neroni zum Florentiner Inquisitor, um zu erfahren, ob eine Anordnung 
der römischen General-Kongregation der Errichtung im Wege stehe. 
Da sich trotz sorgfältigen Suchens im Archiv eine solche Anordnung 
nicht fand, richtete der Inquisitor, Bruder Paolo Antonio Ambrogi 
an die General-Kongregation in Rom die Frage: wie er sich zu ver- 
halten habe. Er versäumte nicht, dabei zu betonen, daß es sich um 
ein Denkmal für jemand handle, der seiner notorischen Irrtümer 
wegen verurteilt sei. Die Antwort lautete: „Der Inquisitor möge die 
Errichtung des Denkmals ungehindert geschehen lassen, dagegen 
möge er dafür sorgen, daß ihm die beabsichtigte Inschrift mitgeteilt 
werde und sie der Heiligen Kongregation übermitteln, damit dieselbe 
vor der Ausführung die angemessenen Befehle erteilen könne. "^ 

Drei Jahre später, am 12. März 1737, fand die feierliche Über- 
führung der Überreste Galileis und Vivianis nach dem Ort des neu- 
errichteten Mausoleums im linken Schiff der Kirche St. Croce statt. 
Alles, was Florenz an Gelehrten und Freunden der Wissenschaft 
umfaßte, hatte sich bei dieser Gelegenheit vereint, um in später Huldi- 
gung eine fast hundertjährige Vernachlässigung zu sühnen. ^ 

Zur Erinnerung an den Tag, der ihr ein lange ersehntes Ende 
setzte, wurde von den Mitgliedern der Florentiner Akademie an der 



^ Zwei Corsini stehen unter der Zahl der 72 angesehenen Florentiner, 
die unmittelbar nach Galileis Tode auf Vivianis Aufforderung Beiträge für 
ein ehrenvolles Denkmal zeichneten. 

2 Ed. Naz. XIX p. 398; Cioni, J. Documenti Galileiani del S. Uffizio 
di Firenze 1908 p. 75—76. 

' Über den Vorgang wurde ein ausführliches notarielles Protokoll auf- 
genommen, das in Neblis Vita di Galileo Galilei p. 878 u. f. abgedruckt und 
von Alberi XV p. 407 u. f. reproduziert ist. 



— 245 — 

Stätte, die bis dahin Galileis Grab umschlossen hatte, die folgende 
Inschrift angebracht: 

„Den Leib des großen Mannes, von dessen Geist herrliche Monu- 
mente aller Orten den Sterblichen Kunde geben, haben fast ein Jahr- 
hundert lang nicht ohne Tränen Gelehrte, Bürger und Fremde, soviel 
ihrer in Florenz waren, ungeehrt hier liegen sehen. Im Jahre 1737 
endlich, am 12. März abends, wurde er von hier entnommen, um 
an würdigerem Orte bestattet zu werden." 

Die Worte, die dem neuen Grabdenkmal unter der Statue Galileis 
eingefügt wurden, lauteten: 

Galileo Galilei 
der Geometrie, Astronomie. Philosophie großer 
Wiederhersteller, 
keinem seiner Zeit vergleichbar, 
ruhe hier in Frieden. 

In der nüchternen Allgemeinheit dieser Lobeserhebungen hat die 
Inquisition keinen Anlaß zum Widerspruche gefunden. 

So war das Eis gebrochen. Für die Florentiner wenigstens hatte 
das Urteil vom 21. Juni 1633 seine Schärfe verloren, seitdem die 
Gebeine des verfolgten Mannes in die geweihten Räume aufgenommen 
waren, in denen Niccolo Magliabecchi und Michelangelo Buonarotti 
ruhten. 

Auch jetzt noch war es nicht Florenz, sondern Padua, wo man 
den Plan einer neuen Ausgabe der Galileischen Werke ins Auge zu 
fassen wagte, in der die „Dialoge über die beiden Hauptweltsysteme" 
nicht fehlen sollten. Es war der Abt Guiseppe Toaldo, der noch in 
jungen Jahren sich die Aufgabe stellte, zu verwirklichen, was Viviani 
gewollt und solange vergebens erstrebt hatte. Allerdings hätten der 
Mut und die Ausdauer des einzelnen Mannes zur Ausführung einer 
solchen Absicht nicht genügt, wenn nicht in Rom unter Benedikt XIV. 
die Erkenntnis gereift wäre, daß die Verfügungen aus den Jahren 
1616 und 1633 nicht länger aufrecht zu erhalten seien. Dem Namen 
nach war es der Inquisitor von Padua, der Pater Paolo Antonio 
Ambrogi\ dessen Erklärung die Venetianische Staatsbehörde über- 

^ Es ist offenbar derselbe P. Ambrogi, der als Inquisitor von Florenz 
im Jahre 1734 wegen der Errichtung des Denkmals für Galilei bei der römischen 
Generalkongregation angefragt hatte. Vergl. M. Cioni Documenti GalUeiani 
del S. Ufficio di Firenze p. 75. 



— 246 — 

zeuptP, daß Galilris Buch nichts enthalte, was dem heiligen katho- 
lischtMi Glauhon zuwidcM-laiifo. und daß deshalb, da in ihm außerdem 
auch nichts .u^eijen Fürsien und ,u:iite Sitten cfefunden wurde, der Druck 
zu erlauben sei. Aber die Worte, die ati der Spitze des vierten Bandes 
der Paduaner Ausi'abe dem Abdruck der ,,Dialop:o" vorangestellt 
sind, bezeichnen in unzweideutiger Weise eine Entscheidung, wie sie 
nur in Rom getroffen werden konnte. 

„Dieser hochberühmte Dialog," sagt das Vorwort an den Leser, 
„der so oft in unerlaubter Weise gedruckt worden, erscheint hier 
endlich zum freien Gebrauch für jedermann mit den gebührenden 
Erlaubnissen." 

Wie immer die nachfolgeiulen Sätze diesen feierlichen Eingang 
abschwächen mögen — indirekt wenigstens verkündet er eine Auf- 
hebung des Verbots von 1633. Die Annahme, daß nur im Palast der 
römischen Generalkongregation der Inquisition ein Beschluß in 
diesem Sinne gefaßt sein könne, A\ird durch ein Protokoll bestätigt, 
das erst vor kurzem aus dem xirchiv der römischen Inquisition ver- 
öffentlicht worden ist.^ 

Das Protokoll vom 9. Oktober 1741 ergibt, daß der Inquisitor 
von Padua in einem an die Gencralkongregation gerichteten Schrei- 
ben vom 29. September mitgeteilt hatte: Die Drucker des Paduaner 
Seminars haben ilm um die Erlaubnis zum Wiederabth-uck sämt- 
licher Werke des Galileo Galilei ersucht, unter der Verpflichtung, 
alle Erklärungen abzuckucken, die von der Heiligen römischen Kon- 
gregation der Inquisition ihnen vorgeschrieben werden würden, und 
unter den sonstigen in dem Briefe angegebenen Bedingungen. _ 

Als der Brief in Rom eintraf, befanden sich die Kardinäle der 
Grencralkongregation außerhalb der Stadt, aber es scheint, daß 
Papst Benedikt XIV., der seit Jahresfrist den Heiligen Stuhl einnahm, 
eine sofortige Erledigung der Angelegenheit für angemessen gehalten 
und deshalb ohne die Rückkehr der Kardinäle abzuwarten, einer 
Kongregation der Konsultoren der Inquisition die Beantwortung des 



1 Ed. Naz. XIX p. 292. 

Das Protokoll war in der früheren Veröffentlichung von Auszügen aus 
dem Archiv der römischen Inquisition von Silvestro Gherardi (1870) nicht 
enthalten. Es Lst — soviel ich sehe — das einzige inhaltlich Neue, was die 
autorisierte Veröffentlichung der Ed. Nazionale jener älteren unerlaubten 
hinzufügt. 



— 247 — 

Schreibons übortratron hat. Es waren also nach dem Willen des 
Papstes die Sachvorstäiidii^en dos Hoilij^on Officiunis, die in diesem 
Falle nicht nur die Sachlae^e der Prüfung,' unterzon^en, sondern auch 
selbständit: die iMifschcidinii; trafen. Sie boschlosson, dem Paduanor 
Inquisitor zu erwidern: er müf^e den Druck der Galileischen Werke 
erlauben, jedoch dabei die Kinhaltun"^ der Bedingungen fordern, die 
in seinem IJriefe bezeichnet waren. 

Die ,, Dialoge" sind in der Erwiderung der Konsultoron, wie sie 
uns vorliof,^. nicht ausdrücklich angeführt, doch ist außer Frage, daß 
durch den Beschluß, den Abdruck ,, aller Werke'" zu gestatten, die 
Vertreter der röniisch(Mi (ieneralkoni^^reifatidii ihr Einverständnis 
damit zu verstehen gaben, daß unter den übrigen auch das verbotene 
Werk von neuem abgedruckt würde und daß dies unter den Bedingungen 
geschehe, die dem Paduanor Inquisitor zweckmäßig erschienen. 

Was waren die Bedingungen, unter denen im Jahre 1744 die 
„Dialoge" als ein Buch, das nichts gegen den katholischen Glauben 
enthielt, dem allgemeinen Gebrauch wieder zugänglich gemacht wurden 
und denen der Abt Toaldo sich zu unterwerfen hatte, als er für seinen 
vierten Band das Imprimatur erhielt? 

Die Inhaltsübersicht sagt es in lakonischer Kürze. Sie lautet: 

Condanna del Galileo 
Dissertazione del P. Calmet 
Giornata Prima 
Giornata Seconda usw. 

Dieser Angabe gemäß liest man an der Spitze des vierten Bandes 
der Paduanor Ausgabe das Urteil der römischen Inquisition vom 
21. Juni 1633 in Ricciolis lateinischer Übersetzung, dazu Galileis 
Erklärung, durch die er die Lehre von der Beweguns: der Erde ver- 
leugnet und verwünscht. Dann folgt die italienische Übersetzung 
der Abhandlung des P. Augustin Calmet „über das Weltsystem der 
alten Hebräer'' und dieser der Abdruck der vier Tage des Galileischen 
„Dialogs über die beiden Hauptweltsysteme''. 

Von besonderem Interesse ist in dieser Anordnung die Einschal- 
tung der Dissertazione des P. Calmet z^^^schen der Abschwörungs- 
formel und dem ..Dialog". Calmots Schrift erörtert in ähnlicher Weise 
wie vor mehr als einem Jahrhundert Galilei und Kepler, Foscarini 
und Campanella, daß die Heiligen Schriften in allem, was auf Fragen 



— 248 — 

der Physik und Astronomio Bezug hat, sich dem Verstand der Menge 
anbequeme, auf die sie wirken wollen, was sie demgemäß an kosmischen 
Vorstellungen enthalten, sei — wie an vielen Einzelheiten nach- 
ge\\iesen wird — weit entfernt, dem System des Ptolemäos zu ent- 
sprechen, stimme vielmehr im wesentlichen mit den ersten Anfängen 
einer Weltauffassung überein, wie sie aus der Sinneswahrnehmung 
des wissenschaftlich unbelehrten Menschen hervorgeht und deshalb 
auch von den Vorstellungen der Philosophen anderer alten Völker 
nicht wesentlich verschieden ist. In dieser wissenschaftlich betrachtet 
rohen Auffassungsweise redeten auch die biblischen Schriften, weil 
sie nur so für ihre höheren Zwecke möglichst zahlreiche Hörer ge- 
winnen konnten. Es ist demnach diesen Schriften die Wahrheit in 
Fragen der Wissenschaft nicht zu entnehmen, noch weniger aber 
kann es deshalb gestattet sein, wenn spätere Forschungen als unrichtig 
erscheinen lassen, was sie über natürliche Dinge aussagen, deswegen 
ihre Berichte auch da für weniger glaubwürdig zu halten, wo sie ihren 
eigentlichen Gegenstand, das Heil der Seelen berühren. 

Was immer die Wissenschaft über die Bewegung der Erde lehre 
— das war der Kern dieser Ausführungen — und wie weit demnach 
ihre Ergebnisse sich von der Naturanschauung der Bibel entfernen 
mögen: nimmermehr kann und darf daraus ein Grund entnommen 
werden, an dem göttlichen Ursprung der Heiligen Schriften und an 
der o\\igen Wahrheit dessen zu zweifeln, was sie in bezug auf die 
Angelegenheiten des Glaubens lehren. 

Offenbar war es dieser Grundgedanke, um dessentwillen die Ab- 
handlung des Pater Calmet der kirchlichen Behörde vorzugsweise 
geeignet erschien, zur Verhütung arger Mißverständnisse Galileis 
„Dialogen" vorangestellt zu werden, sobald man für angemessen 
hielt, ein Buch, das die Bewegung der Erde als Wahrheit zu erweisen 
sucht, der Öffentlichkeit nicht länger vorzuenthalten. Schwerlich ist 
man sich dabei klar darüber gewesen, daß durch die Auseinander- 
setzungen des Pater Calmet gleichzeitig die Berechtigung der Dekrete 
gegen die copernicanische Lehre und der Verurteilung Galileis wegen 
Zuwiderhandlung gegen eben diese kirchlichen Entscheidungen in 
Frage gestellt wurde und daß somit dem unbefangen Vergleichenden 
die Möghchkeit geboten war, in der Sentenz an der Spitze des Bandes, 
die noch jetzt den Glauben an die Bewegung der Erde mit den schwer- 
sten Strafen der Kirche zu bedrohen schien, ein auf Irrtum begrün- 



— 249 — 

detes Urteil zu losen. War berechtigt und wahr, was der fromme 
Benediktiner über die Xaturlehre der Bibel geschrieben hatte, dann 
hatte die Inquisition mit Unrecht den Glauben an die Bewegung der 
Kn\o als haeretisch betrachtet, mit Unrecht Galilei als der Ilaeresic 
verdächtig verurteilt. 

Von solcher möglichen Folgerung und Nutzanwendung hält sich 
freilich das Vorwort des Paduancr Plerausgebers so fern wie möglich. 
„Was die Hauptfrage von der Bewegung der Erde betrifft," heißt es 
hier nach den schon angeführten einleitenden Worten, „so schließen 
auch \dr uns dem Widerruf und der Verwahrung des Verfassers an 
und erklären auf das feierlichste, daß diese Lehre nicht anders denn 
als rein nuithematische Hypothese zugelassen werden kann und darf, 
die dazu dient, gewisse Erscheinungen leichter zu erklären. Wir 
haben deshalb die Inhaltsangaben am Rande beseitigt oder in hypo- 
thetische Form gebracht, so weit sie nicht durchaus unentschieden 
waren oder schienen, und aus demselben Grunde haben wir die Disser- 
tation des P, Calmet hinzugefügt, in der der Sinn der Schriftstellen, 
die auf diesen Gegenstand Bezug haben, dem allgemeinen katholischen 
Glauben gemäß erklärt wird." 

Ausdrücklich schließt der Herausgeber in seine Verwahrungen 
die Zusätze ein, die er nach Galileis handschriftlicher Eintragung in 
einem Exemplar des Paduaner Seminars in seinen Abdruck der 
„Dialoge" aufgenommen hat; er wiederholt für diese, was er für den 
ganzen Dialog erklärt hat, „weil er auch nicht im kleinsten von den 
verehrten Vorschriften der Heiligen römischen Kirche abweichen will". 

So sollte denn mit kirchlicher Erlaubnis der Dialog gelesen werden 
können, wie Galilei ihn geschrieben hatte, aber auch jetzt noch nach 
allen außerordentlichen Fortschritten der Wissenschaft sollte man 
wie in Galileis Tagen, die Gründe für die Wahrheit kennenlernen 
und für verboten halten, sie als Wahrheit anzuerkennen. Und der 
Herausgeber vom Jahre 1744 unterwirft sich diesem Zwange, den 
hundertunddroißig Jahre zuvor Galilei unerträglich gefunden und 
doch ertragen hatte. 

Belanglos ist — was aus den heute zugänglichen Quellen nicht 
entschieden werden kann — , ob etwa Abt Toaldo, um das Wesent- 
liche, die Aufnahme der Dialoge in die Gesamtausgabe zu erreichen, 
im Geiste seines Zensors ausgedacht und angel)oten hat, was diesem 
als Bedingung der Erlaubnis befriedigend erscheinen konnte, ob er 



— 250 — 

zögernd oder widerwillig seiner Forderung nachgegeben oder ob viel- 
leicht in gemeinsamer Erörterung beider die seltsame Form der Ver- 
öffentlichung zustande gekommen ist. Unwahre Verhüllung war in 
jedem Falle auch jetzt noch die Voraussetzung, unter der die Wahr- 
heit zu Worte kommen durfte, Unwahrheit, was gefordert und zuvor- 
kommend oder widerstrebend zugestanden wurde. Wie wenig es 
dem Herausgeber Ernst damit war, sich auch dem Sinne nach der 
Entsagung der Abschwörungsformel anzuschließen, beweist schon der 
Gedanke, der wohl auf seine Rechnung geschrieben werden muß: 
neben dem unveränderten Text der ,, Dialoge" Galileis Inhaltsangaben 
am Rande in hypothetische Form zu bringen und nötigenfalls zu 
streichen, mehr noch die Ausführung dieses Gedankens. Wörtlich 
ist allerdings in dem Abdruck der Dialoge das Versprechen des Vor- 
worts erfüllt; wo irgend in den kurzgefaßten Angaben der Original- 
Ausgabe über die Bewegung der Erde mit Zuversicht geredet, die 
wirklichen oder vermeintlichen Beweise als überzeugende Bestäti- 
gungen der Wahrheit gekennzeichnet werden, da ist durch die Korrektur 
die Ge\dßheit zur Vermutung, der starke Beweis zur Wahrscheinlich- 
keit abgeschwächt, die entschiedene Behauptung zur Andeutung der 
Möglichkeit herabgedrückt, hier und dort vermittelst eingreifender 
Änderung des Wortlauts, nicht selten durch Einschaltung oder Weg- 
lassung eines einzelnen Worts, Wenn beispielsweise Galilei am Rande 
den Inhalt seiner wichtigsten Ausführungen in die Worte zusammen- 
faßt: wenn an den Fixsternen irgendeine jährliche Veränderung 
wahrgenommen würde, so wäre die Bewegung der Erde unwider- 
sprechlich be^^1esen — ist im Dialog von 1744 die völlig zuversicht- 
liche Behauptung durch ein zwischen Vorder- und Nachsatz ein- 
geschaltetes se in eine Frage verwandelt.^ Wo aber der Wortlaut 
durch Abänderung, Einschaltung oder Auslassung eines einzelnen 
Ausdrucks nicht leicht in gewünschter Weise verbessert werden kann, 
so wenn Galilei sagt: „töricht erscheint, zu sagen, daß die Erde außer- 
halb des Himmels ist"^ oder „die Sonne selbst bezeugt, daß die jähr- 
liche Bewegung der Erde zukommt"^, da ist die Angabe am Rande 



1 Quando nelle stelle fisse si scorgesse alcuna mutazione annua, se il 
moto della Terra non patirebbe contradizione (Edizione Naziouale VII p. 413, 
Ed. Padovana IV p. 275. 

2 Ed. Naz. VII p. 292, Padovana IV p. 194. 

3 Ed. Naz. VII p. 372, Padovana IV p. 248. 



— 251 — 

voUtsändig weggelassen. Jede vorgenommene Veränderung ist aber 
an der betreffenden Stelle durch Sterne angedeutet; einer oder zwei 
bezeichnen die Verbesserung, vier die vollständige Auslassung. Da 
nun aber die Veränderungen nur die Inhaltsangabe betroffen haben, 
während die Erörterungen, auf die sie sich beziehen, im ursprünglichen 
Wortlaut stehengeblieben sind, so ist der Leser des Dialogs von 1744 
nicht allein nicht gehindert, mit Galileis Beweisführung zugleich in 
seinen Worten seine Schätzung der vorgetragenen Argumente keimen 
zu lernen, zu erfahren, wo er nur vermutet, wo er glaubt und 
wo er unwidersprechliche Wahrheit sieht, sondern er wird auch durch 
die Sterne am Rande ausdrücldich auf die Stellen hingewiesen, in 
denen mehr oder minder kräftig hervorgehoben wird, was für die 
Wahrheit der Lehre von der Erdbewegung spricht; er braucht nur 
der Andeutung der vier Sterne zu folgen, um zu finden, was zumeist 
Galileis Überzeugung begründet und befestigt hat und wo er sie 
lebhaft und rückhaltslos zum Ausdruck bringt.^ Und sollte er neu- 
gierig zu wissen verlangen, wie die gestrichene oder veränderte Stelle 
im Original gelautet hat, so kann er auch das ohne besondere Mühe 
erfahren; denn in Galileis Register sind die Inhaltsangaben, wie sie 
am Rande verzeichnet stehen, in alphabetischer Anordnung zusammen- 
gefaßt, und dies Register ist auch in der Paduaner Ausgabe unver- 
bessert abgedruckt.^ 

Darf man glauben, daß die Form, in der so tatsächlich die,, Dia- 
loge" gedruckt wurden, nicht durchaus der Absicht der Inquisition 
entsprach, so war doch die freiere Verwertung der einmal gewährten 
Erlaubnis durch den Herausgeber ein verhältnismäßig Geringes gegen 
das Zugeständnis, das man \vissentlich und ausdrücklich in Rom 
wie in Padua dem Wandel der Zeiten, der Wissenschaft des achtzehnten 
Jahrhunderts gemacht hatte. Mochte der Vf ortlaut der Bedingungen, 



1 In einzelnen Fällen findet man die vier Sterne neben derartigen Aus- 
führungen auch, wo das Original keine Inhaltsangabe hat, also auch zur An- 
deutung der Zensur keine Veranlassung gibt. 

^ Dem widerspricht die Angabe Venturis in seinen Memorie e Letterc 
inedite di Galileo Galilei Modena 1821 Vol. II p. 118, nach der in der Paduaner 
Ausgabe das Inhaltsverzeichnis weggelassen wäre. Ich muß dahingestellt sein 
lassen, ob dies für einen Teil der Exemplare zutrifft. In dem mir vorliegenden 
Exemplar der Hamburger Stadtbibliothek ist der Index der Original- Ausgabe 
von 1632 vollständig abgedruckt. 



— 252 — 

an die man die Erlaubnis knüpfte, an die Erklärungen und die Dekrete 
aus den Tagen Bellarmins und Urbans erinnern — die Lage der Dinge 
hatte ihre Bedeutung verändert. Auch Galilei hatte sich bereit erklärt, 
an seinem Werke zu ändern, wegzunehmen und hinzuzufügen, was 
man verlangte; auch er hatte feierlich erklärt, daß er nicht für wahr 
halte, was er als wahr erweist, und doch genügte, daß man fand: er 
habe tatsächlich in seinem Buche die Bewegung der Erde verteidigt, 
um ihn zu verurteilen und sein Buch auf die Liste der verbotenen 
Bücher zu setzen. 

Und nun erschien als ausreichend, daß dem verbotenen Buch 
ein Abdruck des alten Verbots vorangestellt und ungefähr mit Galileis 
Worten der Glaube an die Ki'aft seiner Beweisführung verleugnet 
wurde, damit dem verbotenen Buch bescheinigt wurde, daß es nichts 
gegen den katholischen Glauben und nichts gegen Fürsten und gute 
Sitten enthalte und daß es deshalb mit allen kirchlichen und staat- 
lichen Erlaubnissen gedruckt und gelesen werden könne. 

Mit allen Zutaten und Verwahrungen beweist die Aufnahme der 
„Dialoge" in eine Gesamtausgabe der Gahleischen Werke, daß die 
Zeit der Befreiung auch für die italienische Wissenschaft gekommen 
war; aber vollständig war freilich diese Befreiuung auch jetzt noch 
nicht. Die Paduaner Ausgabe, die im größeren Teil ihrer di"ei ersten 
Bände den Text der Florentiner Zusammenstellung vom Jahre 1718 
getreulich reproduziert, druckt auch die historisch ergänzenden Ab- 
schnitte ab, in denen hier die wichtigsten Tatsachen der Beobachtung 
und der Erkenntnis mitgeteilt waren, durch die Galileis Nachfolger 
seine Forschungen vervollständigt und im einzelnen berichtigt hatten. 
Kaum irgendwo wäre zu derartiger Ergänzung dringendere Ver- 
anlassung gewesen, als im Bereich der Forschungen, die den Gegen- 
stand des hinzugefügten vierten Bandes bilden. Aber eine Zusammen- 
stellung des Wichtigsten, was in diesem Gebiet nach Galileis Tode 
geschehen w^ar, hätte von Fortschritten berichten müssen, durch die 
der Glaube an die Wahrheit sowohl der täglichen ^vie der jährlichen 
Bewegung der Erde sich in dem Maße verstärkt hatte, daß es kaum 
noch eine Astronomie außerhalb der copernicanischen Lehre gab. 
Von solchen Fortschritten reden, sie in ihrer Bedeutung würdigen, 
hieß zugleich, ohne es auszusprechen, verständlich machen, daß man 
mit Unrecht Galilei verurteilt hatte, der sich zur Aufgabe gestellt, 
die Eärche vor irrtümlicher Entscheidung zu bewahren. Man versteht. 



— 253 — 

daß die Paduanor Ausgabe einen historisch ergänzenden Abschnitt 
in ihrem vierten Bande nicht enthält. 

Ohne Zweifel war es jene außerordentliche Erweiterung der wissen- 
schaftlichen Erkenntnis, um derentwillen man in Rom im Jahre 1741 
für angemessen hielt, den Abdruck der verbotenen „Dialoge" zu ge- 
statten. Um des gleichen Grundes willen den Irrtum der früheren 
Entscheidungen zuzugestehen, das Verbot ausdrücklich zurück- 
zunehmen, hielt man nicht für zulässig. So ergab sich der dreifache 
Widersinn einer Veröffentlichung, wie ihn der vierte Band der Paduaner 
Ausgabe bietet, des wörtlichen Abdrucks eines verbotenen Buches, 
das man durch die vorangestellte Sentenz für nach wie vor verboten 
und doch in aller Form für erlaubt erklärte, der Einschaltung einer 
autorisierten Erörterung über die Naturlehre der Bibel, die die Aus- 
führungen der wörtlich mitgeteilten Sentenz der römischen General- 
kongregation und des in ihr enthaltenen Verbots verfehlt erscheinen 
ließ, der nachch'ücklichen Beschränkung der Zulassung der coper- 
nicanischen Lehre auf hypothetische Benutzung in den Vorbemer- 
kungen zu einem Buche, das in allen Teilen ihre Wahrheit verteidigte 
und das in einem Augenblicke, wo man den Beweisen für die Wahr- 
heit sich nicht länger zu entziehen vermochte. 

Eine einfache Konsequenz der Überlegungen, die zur Entschei- 
dung vom Jahre 1741 geführt hatten, war der Beschluß, den am 
10. Mai 1757 im letzten Lebensjahr Benedikts XIV. die Kongre- 
gation des Index faßte. Seit der Verurteilung der copernicanischen 
Lehre hatten sämtliche Ausgaben des Index der verbotenen Bücher 
im Anschluß an die namhaft gemachten Werke des Copernicus 
und seiner bekanntesten Anhänger als gleichfalls verboten bezeichnet: 
„sämtliche Bücher, die dasselbe lehren". Als nun im Jahre 1757 eine 
neue Ausgabe des Index erforderlich geworden war, wurde unter 
Zustimmung Benedikts XIV. beschlossen, dies allgemeine Verbot der 
Bücher, die die Bewegung der Erde lehren, wegzulassen. Die im 
folgenden Jahre erschienene neue Ausgabe des Index enthält dem- 
gemäß das allgemeine Verbot nicht mehr; ausdiäicklich verboten 
blieben dagegen wie zuvor das Werk des Copernicus, Keplers Epitome 
Astronomiae Copernicanae, die Schriften des Foscarini und Didacus 
a Stunica und Galileis Dialoge. 

War denn nun verboten oder erlaubt, die Bewegung der Erde 
zu lehren oder sich zur Lehre des Copernicus zu bekennen? — so 



— 254 — 

konnte zweifeln, wer in der Padiianer Ausgabe, ohne besonderer 
kirchlicher Erlaubnis zu bedürfen, Galileis Beweisführung kennen- 
lernte und dann doch aus eben diesem Band erfuhr, daß er Verbotenes 
und von Galilei selbst Verleugnetes gelesen habe und daß man von 
der Erdbewegung nur wie von einer mathematischen Hypothese reden 
dürfe. Und mehr noch mußte er sich unlösbarem Zweifel preisgegeben 
sehen, wenn er nunmehr erfuhr, daß keineswegs alle Bücher verboten 
sein sollten, die von der Bewegung der Erde reden oder diese Bewegung 
lehrend vortragen und daß doch Copernicus, Kepler und — trotz 
der Paduaner Ausgabe — Galileis Dialoge verboten bleiben sollten. 

So hat man in der Tat bis ins 19. Jahrhundert hinein gezweifelt. 
Es fand sich in jenen Tagen unter den italienischen Gelehrten niemand, 
der die Unwürdigkeit dieses Zustandes halber Freiheit stark genug 
empfunden hätte, um auch nur in Worten sich dagegen aufzulehnen, 
niemand, den Galileis Leidenschaft für die Wahrheit beseelte, nie- 
mand, der auch nur wie Vincenzio Viviani in Furchtsamkeit und 
Unterwürfigkeit unermüdlich das erstrebte Ziel verfolgt hätte. 

Nur von einem Franzosen, dem Astronomen Lalande weiß man, 
daß er im Jahre 1765 bei einem Aufenthalt in Rom sich dafür ver- 
wandt hat, daß Galileis ,,Dialog"i aus der Zahl der verbotenen Bücher 
gestrichen werde. Lalande berichtet, daß der Kardinalpräfekt der 
Indexkongregation ihm auf eine Anregung in diesem Sinne ent- 
gegnet habe: gegen Galilei sei ein Dekret der Kongregation des Hei- 
ligen Officiums ergangen, das zuvor geändert werden müßte} Papst 
Clemens XHL, dem Lalande davon sprach, schien ihm sehr geneigt, 
„um der Wissenschaft und der Gelehrten willen" auf die Änderung 
einzugehen, aber Lalande hatte nicht die Zeit, „eine Verhandlung 
zum Ziele zu führen, deren Entscheidung von zuviel einzelnen Per- 
sonen abhing". 

Seine Erzählung beweist, daß im wesentlichen formelle Hinder- 
nisse einer Beseitigung der Unsicherheit im Wege standen, unter 
der auch nach der Aufhebung des allgemeinen Verbots italienische 
Gelehrte zu leiden hatten, die sich mit der Kirche nicht in Wider- 
spruch setzen w^oUten. Daß bis ins volle 19. Jahrhundert hinein 
diese Unsicherheit, aber auch die Geistesabhängigkeit der Gelehrten 
bestand, die an ihr den Hauptanteil hatte, beweist die Mailänder 



1 Lalande sagt „Galileis Werke". 



— 255 — 

Ausgabe der Galilcischen Werke, die in ihrem 11. und 12. Bande 
im Jahre 1808 die „Dialoge über die beiden Hauptweltsysteme" 
in genau derselben Form und Umrahmung brachte, wie der vierte 
Band der Ausgabe von Padua sie dargeboten hatte. Die Herausgeber 
hatten, wie sie in einem Vorwort mitteilen, ursprünglich an eine 
neue Anordnung der Werke gedacht, hatten sich auch dafür die Unter- 
stützung tüchtiger Mathematiker gesichert; sie fanden aber, als sie 
ans Werk gingen, das Unternehmen zu sch^nerig. Auf den Rat des 
Abts Francesco Venini kamen sie zu dem Entschlüsse, von der 
Paduaner Ausgabe in keiner Weise abzuweichen. So findet man denn 
auch in dieser vierten Ausgabe vor den ,, Dialogen" das Urteil der 
Inquisition, das sie verbietet, und Galileis Erklärung, in der er die 
eigene Lehre verwirft und verwünscht, aber auch die Erklärung des 
Paduaner Herausgebers, die sich dieser Verurteilung anschließt, und 
die Abhandlung des Pere Calmet, der man entnehmen kann, daß 
zur Verurteilung der copernicanischen Lehre und zum Verbot der 
„Dialoge", die sie verteidigten, kein Grund vorhanden gewesen war. 

Es ist kaum möglich, die stumpfe Indolenz, zu der unter der 
Herrschaft der Inquisition das Geistesleben in weiten Kreisen des 
italienischen Volkes hinabgedrückt war, schärfer zu charakterisieren 
als durch diese gleichgültige Wiederholung der widersinnigen Ver- 
öffentlichung von 1744 nach einem weiteren halben Jahrhundert des 
gewaltigsten Fortschritts der Wissenschaft. Auch im Jahre 1808 
hielt man sich in Mailand nur dann für sicher, nicht Unerlaubtes zu 
wagen, wenn man über die damals gezogenen Grenzen nicht hinaus- 
ging- 

Und doch beweisen die Beispiele vereinzelter unabhängiger oder 
wenigstens minder abhängiger italienischer Denker, daß es in jenen 
Tagen auch unter der Herrschaft der Inquisition nur darauf ankam, 
mehr zu wagen, um mehr erlaubt zu finden. Ohne von den kirch- 
lichen Behörden behindert zu sein, wagte Guglielmini in Bologna, 
durch Fallversuche die tägliche Bewegung, Calandrelli durch Be- 
mühungen um die Bestimmung der Parallaxe der Fixsterne die jähr- 
liche Bewegung der Erde als Wahrheit zu erweisen, so daß nun endlich 
auch italienische Namen sich der langen Reihe der Forscher an- 
schließen, die nach Galileis Tode fast ausschließlich außerhalb Italiens 
die Erkenntnis des Copernicus zur festen Grundlage aUer natur\vissen- 
schaftlichen AVeltanschauung erweitert hatten. Noch immer aber 



— 256 — 

war der Aufhebung des ganz allgemeinen Verbots nicht die unbedingte 
Erlaubnis gefolgt, die halbe Befreiung nicht zur vollen Freiheit des 
Denkens über das Weltgebäude ergänzt; eine neue Ausgabe des Index 
vom Jahre 1819 brachte, wie ihre Vorgänger seit dem Jahre 1616, 
die Titel der fünf Werke als nach wie vor verboten. 

So konnte auch noch im selben Jahr 1819 der Meister vom Hei- 
ligen Palast dem römischen Professor und Kanonikus Guiseppe Settele 
für den zweiten Band seines Lehrbuchs der Optik und Astronomie 
die Erlaubnis versagen, weil in demselben die Lehre von der Bewegung 
der Erde nicht als bloße Hypothese, sondern als wissenschaftliche 
Wahrheit vorgetragen war. Aber die Zeit war gekommen, in der 
auch in Rom der Widerstand eines einzelnen Mannes genügte, um 
die längst unhaltbar gewordenen Deki'ete aus dem 17. Jahrhundert 
zu Fall zu bringen. Guiseppe Settele war kein wagemutiger, rück- 
sichtsloser Vorkämpfer der freien Wissenschaft. Er hatte, ehe er 
schrieb, sich an den Gehilfen des Kommissars der römischen Inquisition, 
den Dominikanerpater Maurizio Olivieri mit der Frage gewandt, ob 
er offen von der Bewegung der Erde reden könnte; er hatte sein 
Buch geschrieben, nachdem Olivieri bejahend geantwortet hatte. 
OUvieri war es dann, der ihn ermutigte, sich bei der Weigerung des 
Padre Maestro del Sacro Palazzo nicht zu beruhigen. Auf seinen Rat 
reichte Settele zunächst beim Papst ein Promemoria ein, in dem er 
unter eingehender Begründung bat, die Inquisition zur Prüfung seines 
Falls zu veranlassen. Seine Eingabe führte zu den entscheidenden 
Beschlüssen vom September 1822, durch die in aller Form der Druck 
und die Veröffentlichung solcher Bücher gestattet wurde, die nach 
der gemeinsamen Ansicht der heutigen Astronomen von der Bewegung 
der Erde und dem Stillstand der Sonne handeln.^ 

Li dem Promemoria, das Guiseppe Settele der Generalkon- 
gregation der römischen Inquisition überreicht hatte, war zur Recht- 
fertigung einer Entscheidung in diesem Sinne geltend gemacht, daß 
sie keineswegs die entgegengesetzten zu Galileis Zeiten gefaßten 
Beschlüsse als zu Unrecht ergangen erscheinen lasse, da die coper- 
nicanische Lehre, wie sie im 19. Jahrhundert vorgetragen werde, eine 
wesentüch andere sei, als diejenige, die man zu jener Zeit verurteilt habe. 



^ Antonio Favaro, L'ultima fase della lotta contra il Sistema Copper- 
nicano in Nuovi Studi Galileiani, Venezia 1891 p. 421 u. f. 



I 



— 257 — 

Was dann zu weiterer Begründung dieser Ansicht angeführt wird, 
sind fast ausschließlich solche Fortschritte in der astronomischen 
und physikalischen Erkenntnis, die schon in der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts gewonnen waren, also Beweise für die zweifache 
Bewegung der Erde, wie man sie mit gleichem Recht fast hundert 
Jahre früher zur Rechtfertigung eines Beschlusses hätte anführen 
können, wie er tatsächhch erst im September 1822 gefaßt wurde. 

So kann uns heute die Genugtuung seltsam berühren, mit der der 
Kanonikus Settele in seinem Tagebuch unter den Handlungen, die 
ihm zur Ehre gereichen, in erster Linie anführt: daß er zu jenem ver- 
späteten Beschlüsse der Inquisition Veranlassung gegeben habe.^ Aber 
die Geschichte der beiden Jahrhunderte, die seit dem Verbot von 
1616 verflossen waren, rechtfertigt seine Selbstzufriedenheit. Wohl 
standen, als er dem vereinsamten Vertreter einer abgestorbenen Welt- 
anschauung entgegentrat, alle Wissenden der Gegenwart hinter ihm, 
aber er, als Einzelner, hat ernstlich gewollt und dadurch bewirkt, 
was Leibniz und Lalande vergebens erstrebt hatten. 

Daß es notwendig sei, dem Widerspruch gegen die Wissenschaft 
ein Ende zu machen, hatte man in Rom begriffen, den begangenen 
Irrtum einzugestehen, hat man sich nicht entschließen können. In 
der Stunde, in der man den Glauben an die Bewegung der Erde für 
erlaubt erklärte, beginnt das Bemühen, in neuer Weise durch unwahre 
Darstellungen der geschichtlichen Sachlage das Verfahren gegen 
Galilei und die Unterdrückung seiner Lehre als wohlbegründet er- 
scheinen zu lassen. Zugleich mit der Nachricht von dem ersten be- 
freienden Beschlüsse ließ der Sekretär des Heiligen Officiums den 
Kanonikus Settele wissen, daß die Kongregation ihm anheimgebe, 
in einer Einschaltung in seinem Buche Tatsachen anzuführen, die 
zum Beweise dafür dienen, daß das copernicanische System, wie man 
es zurzeit verteidige, von demjenigen verschieden sei, das man als 
Gahleis Lehre verurteilt habe, das heißt, daß es nicht mehr die Ab- 
surditäten in philosophischer Beziehung darbiete, wie man sie zu 
jener Zeit darin fand; über die Abfassung dieser Einschaltung möge 
er sich mit dem Barnabiten P, Grandi und dem P. Olivieri ins Ein- 
vernehmen setzen. Settele konnte um so weniger Bedenken tragen, 
dieser Forderung Folge zu leisten, als ja Argumente verwandter Art 



1 A. a. 0. p. 430. 

Wohlwill, GaUIei. II. 17 



— 258 — 

zugunsten der Aufhebung der Verbote bereits in dem Gesuch zur 
Sprache gebracht waren, das er im Einverständnis mit dem P. Olivieri 
der Inquisition überreicht hatte. 

Es war ein Gedanke desselben P. Olivieri, unter dessen Einfluß 
die Inquisition zu Setteles Gunsten entschieden hatte, der in seiner 
pflichtgemäß eingeschalteten Rechtfertigung der alten Dekrete an 
der Spitze steht. Falsch und schriftwidrig habe man damals die coper- 
nicanische Lehre genannt, weil sie, philosophisch betrachtet, wider- 
sinnig erschien, also keine Veranlassung gab, die dem Anscheine 
nach widersprechenden Stellen der Schrift anders aufzufassen, als 
bis dahin üblich gewesen war; dieser Widersinn in philosophischer 
Beziehung sei erst durch Torricellis Entdeckung der ,, Schwere der 
Luft" beseitigt worden, weil erst durch diese verständlich geworden, 
daß die westöstliche Rotation des Erdkörpers nicht durch ein be- 
ständiges Wehen östUcher Winde sich bemerkbar machen müsse usw. 

Als unwahr muß die so begründete Rechtfertigung, die noch 
eine Zeitlang in apologetischen Schriften eine RoUe spielt, gekenn- 
zeichnet werden, weil sie mit dem, was uns über die Entstehung der 
Dekrete von 1616 und die Verm-teilung von 1633 bekannt ist, im stärk- 
sten Widerspruch steht, weil sie als Hindernis des Verständnisses 
vermeintliche Konsequenzen anführt, die schon Galileis Betrachtungs- 
weise ins Gebiet des Irrtums verwiesen hatte, als Vermittlerin besserer 
Einsicht eine Entdeckung, die für diese Aufgabe ohne Bedeutung 
ist^, aber neben diesem aUen auch deshalb, weil die angebüch ent- 
scheidende Erkenntnis, um derentwillen im 19. Jahrhundert gestattet 
sein soUte, was in der ersten Hälfte des 17. mit Recht verboten wurde, 
in eben dieser ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts schon im zweiten 
Jahre nach Galileis Tode aUer Welt bekannt geworden ist, ohne daß 
weder damals noch in der Folgezeit Verteidiger oder Widersacher 
der copernicanischen Lehre, geschweige die römische Inquisition ihr 
die Bedeutung zugeschrieben hätten, die ihr vom P. Olivieri bei- 
gemessen wurde. 

Kann man im Ernst nicht glaublich zu machen versuchen, daß 
ein früheres Bekanntwerden der meßbaren Größe des Luftdrucks 
auf die Entscheidung der Qualifikatoren von 1616 und der Richter 



^ Den Beweis dafür hat Gilberto G!ovi in seiner Schrift II S. Offizio, 
CJopemico e Galileo. Torino 1872, besonders auf S. 12 — 19, gegeben. 



— 259 — 

• 

von 1633 irgendwc4chon Einfluß ausj^eübt haben würde, so ist gleich- 
wenig mit dem bekannten historischen Verlauf die Annahme in Ein- 
klang zu bringen, daß die Kenntnis der Keplerschen Gesetze und 
der Attraktionslehre Newtons, von denen gleichfalls Setteles Ver- 
teidigung redet, die Inquisition gehindert haben könnte, jene Ent- 
scheidungen gegen die copernicanische Lehre zu treffen und Jahr- 
hunderte hindurch aufrecht zu halten. Wahrer ist, daß durch die 
Folge derjenigen Entdeckungen, die sich als Beweise für die Tat- 
sache sowohl der täglichen wie der jährlichen Erdbewegung betrachten 
ließen, die copernicanische Lehre für die Welt eine andere Bedeutung 
gewonnen hatte und somit gewissermaßen eine andere geworden war, 
als zu Galileis Zeiten ; aber unwahr bleibt, daß ohne diese Entdeckungen 
nicht schon zu Galileis Zeiten und nach Galileis Darstellung die größere 
Wahrscheinlichkeit die neue Lehre empfohlen hätte, unwahr, daß es 
irgend etwas, was den Namen wissenschaftlicher Prüfung verdient, 
nicht Gleichgültigkeit gegen die wissenschaftlichen Gründe gewesen 
wäre, was damals die Verurteilung möglich gemacht und beinahe 
ein volles Jahrhundert nach der Entdeckung der Aberration des 
Fixsternlichts in Wirksamkeit erhalten hat. Nicht die Beseitigung 
einer physikalischen Absurdität der copernicanischen Lehre, sondern 
die Einsicht in die Gefahren einer absurden Verleugnung der erwiesenen 
Wahrheit war es, was endlich im hellen Tageslicht des 19. Jahr- 
hunderts dazu führte, sich von der Nachtgeburt des siebzehnten 
loszusagen. 



17' 



Anhang I. 

Sagenhafte Ergänzungen der Jugendgeschichte.^ 



Den spärlichen wohlverbürgten Daten zur Jugendgeschichte 
Galileis hat Vincenzio Viviani, sein Schüler und erster Biograph, eine 
Eeihe anziehender Einzelheiten hinzugefügt, für die ein Zeugnis Mit- 
lebender nicht erhalten ist, die man jedoch auf Grund jenes ältesten 
Berichts allgemein als geschichtliche Tatsachen betrachtet und in 
die Lebensbeschreibungen aufgenommen hat. Es bedarf der Recht- 
fertigung, daß in der vorstehenden Erzählung von dieser hergebrachten 
Auffassung abgewichen ist. 

Vivianis ..Historischer Bericht über das Leben des Herrn Galileo 
Galilei"^ ist in der Form eines Briefs an den Prinzen Leopold von 
Toskana zwölf Jahre nach Galileis Tode geschrieben. Der Verfasser, der 
während der drei letzten Lebensjahre seines großen Lehrers beständig 
in dessen Nähe lebte, war kaum 20 Jahre alt, als Galilei starb. Als 
Jüngling von besonderer Begabung war er durchaus befähigt gewesen, 
dem greisen Denker in seiner bis zum Ende kaum unterbrochenen 
Geistesarbeit zu folgen; er war daher ohne Zweifel berufen, aus eigener 
Erinnerung in zuverlässiger Weise die unermüdüche Tätigkeit der 
letzten Jahre zu schildern. Aber nicht minder war er als begeisterter 
Schüler, dem der Eifer für den Ruhm und die Ehre des Meisters 
zum Inhalt des eigenen Lebens wurde, für die Bearbeitung einer 
Gesamtdarstellung seines Wirkens und Schaffens vor allen Übrigen 
der geeignete Mann. Je vollständiger in neuerer Zeit durch die Ver- 



^ Vergl. Bd. I, Kap. I u. II, sowie Nachträge S. 642 und die dort 
zitierten beiden Abhandlungen: „Die Pisaner Fallversuche" und „Der Ab- 
schied von Pisa". 

2 Ed. Naz. p. 597—632. 



— 261 — 

öffentlichungen Antonio Favaros^ Vivianis Bemühungen um die Er- 
haltung alles dessen, was von Galilei herrührt und auf ihn Bezug hat, 
bekannt geworden sind, um so umfassender erscheint seine Vorberei- 
tung auch für die Aufgabe des Biographen, um so mehr wird man 
geneigt sein, seinen Versicherungen zu glauben, daß der Inhalt seiner 
Schrift entnommen sei, „dem lebendigen Wort des Herrn Galileo 
selbst, der Lektüre seiner Werke, den Unterredungen und Verhand- 
lungen, die der Verfasser mit seinen Schülern gehabt, den Aussagen 
derer, die ihm am nächsten gestanden, öffentlichen und privaten 
Schriften, zahlreichen Briefen seiner Freunde und schließlich mannig- 
fachen Bestätigungen und Vergleichungen, die das Mitgeteilte als 
durchaus wahr und über jeden Widerspruch erhaben erweisen. "^ 

In gutem Glauben fügt Viviani diesen einleitenden Worten hinzu, 
daß er seine Erinnerungen dargelegt habe „in historischer Keinheit 
und vollkommener Treue". Ohne Zweifel ist er sich, als er diese 
Worte schrieb, nicht bewußt gewesen, in wie hohem Maße überall, 
wo Galileis Verhältnis zur copernicanischen Lehre in Betracht kommt, 
die äußeren Rücksichten, die ihn im Schweigen wie im Reden bestimm- 
ten, auch die historische Reinheit seiner Darstellung beeinträchtigen, 
und wie eine Schilderung, die einer so tief in das Leben seines Helden 
eingreifenden Richtung des Denkens und Wollens nicht gerecht wer- 
den darf, als eine treue unmögKch gelten kann. 

Wenigei noch als Klarheit über diesen Hauptmangel seines 
„historischen Berichts" wird man bei Viviani Einsicht in die Gefahren 
erwarten, die ihm als Geschichtsschreiber die eigene Begeisterung 
bereitet. Für ihn konnte das „Leben Galileis schreiben" nichts anderes 
bedeuten als: seinen großen Lehrer verherrlichen. Im voraus aus- 
geschlossen ist daher für ihn der Gedanke, in der Auffassung ii-gend- 
welcher Vorgänge des äußeren oder inneren Lebens von derjenigen 
abzuweichen, die Galilei selbst in Briefen oder Schriften zum Aus- 
druck gebracht hat, wie vielmehr ein jedes Wort der Beurteilung 
seinen Schriften und Handlungen gegenüber, das nicht zugleich ein 
Wort der uneingeschränkten Bilhgung wäre. Wie hätte in seinen 
Vorstellungen die Möglichkeit Raum finden können, daß etwa in 



^ A. Favaro, Vincenzio Viviani e la sua ,.Vita di Galilei". Atti del R. 
Istituto Veneto di scienze etc. Tomo LXII parte II. p. 683 — 703. 
- Ed. Naz. XIX, p 599. 



— 262 — 

einer der zahlreichen literarischen Fehden, deren er zu gedenken hat, 
in noch so geringem Maße das Unrecht auf Galileis Seite zu suchen 
wäre, daß, wo er als Entdecker auftritt, ein Zweiter neben ihm, ge- 
schweige vor ihm gesehen oder vermutet haben könnte? 

Aber der Einfluß, den das persönhche Verhältnis des Biographen 
zum Helden seiner Erzählung ausübt, ist allem Anscheine nach ein 
weitergehender. Durch Favaros Quellenforschung ist in mehreren 
Fällen teils zweifellos bewiesen, teils wahrscheinlich geworden, daß 
Viviani auch in bezug auf den wesentlichen Inhalt seiner Miiteilungen 
unter verschiedenen ihm vorliegenden iVuffassungen des gleichen Vor- 
gangs eine Auswahl trifft, ohne dies irgendwie anzudeuten, geschweige 
seine Wahl zu rechtfertigen. In welchem Sinne er wählt, das zeigen 
in charakteristischer Weise seine wechselnden Angaben über den 
Tag der Geburt Galileis. 

Aus dem Pisaner Kirchenbuch war mir zu entnehmen gewesen, 
daß die Taufe am 19. Februar 1564 stattgefunden hat. Für- Tag und 
Stunde der Geburt müssen in jenem Zeitalter in Ermangelung anderer 
sicherer Nachweise die auf den Nativitäten der Astrologen verzeich- 
neten Daten gelten, weil man auf deren Feststellung größte Sorgfalt 
zu verwenden pflegte. Für Galilei liegen nicht weniger als fünf der- 
artige Aufzeichnungen vor, die übereinstimmend den 15. Februar als 
Tag der Geburt bezeichnen. Auch Viviani hat daher in seinem Be- 
richt an den Prinzen Leopold eben diesen Tag angegeben. Er bemerkt 
dabei, daß dieser 15. Februar drei Tage demjenigen vorhergegangen 
sei, an dem im selben Jahr zu Rom der göttliche Michelangelo Buona- 
rotti starb. ^ In einer späteren Veröffentlichung Vivianis ist dieser 
dreitägige Zwischemaum beseitigt, als Tag der Geburt der Todestag 
Michelangelos genannt. An diese Angabe knüpft sich alsdann ein 
Dithyrambus zu Ehren der Stadt Florenz, die nach Gottes WiUen 
eine ununterbrochene Reihe erlauchter und göttlicher Männer sehen 
sollte, und der deshalb der Weltenschöpfer nur zwei Stunden nach 
dem Tode des großen Wiederherstellers der Malerei, Bildhauerkunst 
und Architektur diesen schmerzlichen Verlust ihrer Zierde durch die 
Geburt Galileis, des glücklichsten Erneuerers, Vaters, Fürsten und 
Führers der Philosophie, Geometrie und Astronomie ersetzte, auf 
daß die hoch vor allen übrigen begnadete Stadt während neuer Lustren 



1 Ed. Naz. XIX p. 599 Nota. 



— 263 ~ 

durch die Trefflichkeit ihrer Bürger der ganzen Welt sich heilbringend 
bewähre".^ 

Woher diese verbesserte Angabe? Viviani sagt es nicht; unter 
den noch erhaltenen Materialien, die er für den Zweck seiner biogra- 
phischen Studien gesammelt, findet sich neben dem Auszug aus dem 
Pisaner Kirchenregister keine Urkunde, die den 18. Februar als Tag 
der Geburt erwiese; die guten Gründe, die dafür sprechen, daß der 
15. Februar das richtige Datum ist, machen mindestens zweifelhaft, 
daß ein solches Dokument Viviani zu Gebote gestanden und ihn zur 
Bevorzugung des späteren Tages veranlaßt hat; als glaublich muß 
man daher betrachten — was mit Vivianis Gesinnung durchaus im 
Einklänge stand — , daß ihm ein Datum nachträglich schon darum 
als das wahi'scheinlichere galt, weil es den voUen Glanz einer wunder- 
baren Veranstaltung auf die Geburtsstunde des großen Mannes fallen 
ließ. So aufgefaßt, erscheint die Wahl des Tages, der noch heute 
der zivilisierten Welt als Galileis Geburtstag gilt, als typisch für die 
Bevorzugung des Üben*aschenden und Erstaunlichen in vielen Einzel- 
heiten der Vivianischen Biographie, wie in den mannigfachen Ver- 
änderungen und Zusätzen, die sowohl in der späteren Bearbeitung 
der Lebensskizze wie in anderweitigen handschriftlichen und ge- 
druckten Aufzeichnungen über Galilei zu finden sind. 

Für solche Neigung, als geschichtlich wahr im Leben des Helden 
vorzugsweise zu betrachten, was in höherem Grade der enthusiasti- 
schen Auffassung entspricht, bot naturgemäß die Jugendgeschichte 
das geeignetste Feld. 

Aus dieser Periode sind uns — wie schon angedeutet — eine 
Reihe von Tatsachen ausschließlich durch Vivianis Erzählung bekannt. 
Daß er als der Einzige, der sich darum bemühte, aus jener fern- 
liegenden Zeit manches in Erfahrung bringen konnte, was weder 
in Galileis eigenen Aufzeichnungen irgendwie angedeutet, noch von 
einem anderen seiner Zeitgenossen in Briefen oder Schriften mit- 
geteilt oder als bekannt berührt wird, kann an sich nicht überraschen; 



1 Aus dem Abdruck der Inschrift an Vivianis Hause in Viviani De locis 
solidis, Aristaei senioris secunda divinatio, Florentiae 1701. p. 126. Zwischen 
diese letzte und die frühere Angabe fällt die der verbesserten Ausgabe des 
Racconto istorico, die den Geburtstag auf den 19. Februar verlegt. Vergl. 
Ed. Naz. XIX p. 599 im Text. VermutUch folgt Viviani hier den Aufzeich- 
nungen des Vincenzio Galilei (Ed. Naz. XIX p. 594). 



— 264 — 

auffällig erscheint jedoch, daß in keinem einzigen Falle diesen Er- 
zälilungen aus der Jugendzeit etwas von dem Nebel einer fernliegen- 
den Vergangenheit anhaftet. Da ist von Sagenhaftem, von der Un- 
bestimmtheit einer von Mund zu Mund getragenen Überlieferung, 
von abweichenden Darstellungen verschiedener Berichterstatter keine 
Spur. Alle jene einzelnen Vorgänge und Erlebnisse, die naturgemäß 
erst dann der Wiederauffindung und der Aufbewahrung wert erschienen, 
als der Ruhm des gereiften Mannes den Einzelheiten seiner Lebens- 
geschichte für die Zeitgenossen wie für die Nachwelt Bedeutung 
verlieh, sind, frei von jedem Schein unsicheren Wissens, mit einer 
Genauigkeit im einzelnen reproduziert, wie sie der Bericht eines 
Augenzeugen nicht leicht überbieten könnte. Dafür ist zweierlei 
Erklärung möglich. Entweder es rühren in Wahrheit diese Erzäh- 
lungen von dem Einzigen her, der als Augenzeuge, sei es den Bio- 
graphen, sei es seine Gewährsmänner in bestimmter Weise unter- 
richten konnte, das heißt, von Galilei selbst, oder es ist der Biograph, 
der dem überlieferten Inhalt die Form gegeben hat. 

Man hat bisher nicht bezweifelt, daß das Erstere zuträfe, daß 
also in allen denjenigen Teilen der vivianischen Biographie, für die 
den Nachlebenden die Belege nicht mehr zu Gebote stehen, als Bürg- 
schaft der Wahrheit die einleitenden Bemerkungen zu gelten haben, 
in denen auf Gahleis lebendiges Wort in erster Linie Bezug genommen 
und neben diesem die Mitteilungen seiner nächsten Angehörigen und 
Freunde als Quelle des Berichts erwähnt werden. 

Demgegenüber ist vor allem festzustellen, daß jene allgemein 
gefaßten Bemerkimgen bei aller Bedeutung für das Ganze für keinen 
einzelnen Teil der Biographie die Zurückführung auf Galileis persön- 
liche Aussage gestatten; in der Erklärung, daß der größere Teil der 
Mitteilungen seinen Worten entnommen sei, liegt keine Bürgschaft 
dafür, daß auch nur eine einzige der Erzählungen aus der Jugend- 
periode zu diesen Mitteilungen aus bester Quelle und nicht vielmehr 
zu denen gehöre, die dem Biographen erst in späterer Zeit aus den 
mehr oder minder deutlichen, mehr oder minde- treu bewahrten 
Erinnerungen Nahestehender bekannt geworden sind. Aber selbst 
dann, wenn man mit besserem Recht in Galileis mündlichen Mit- 
teilungen während seiner drei letzten Lebensjahre die eigentliche 
Quelle der Schilderungen aus der Jugendzeit suchen dürfte, würde 
der Zweifel berechtigt bleiben, ob in der Auffassung des 18- oder 



— 265 — 

20jährigon begeisterten Jüngers das „lebendige Wort" des greisen 
Meisters getreu ohne Zutat und Veränderung bewahrt ist. Eine ge- 
nauere Untersuchung in dieser Beziehung ist den meisten Angaben 
gegenüber dadurch erschwert, daß über die geschilderten Vorgänge 
alle sonstigen Berichte fehlen. Um so mehr verdient eine kleine Zahl 
von Fällen Beachtung, in denen durch Vergleichung der Mitteilung 
des Biographen mit anderweitigen verbürgten Nachrichten eine Klar- 
stellung des Sachverhalts ermöglicht und dadurch zugleich über die 
Eigentümlichkeiten der vivianischen Berichterstattung Aufschluß ge- 
wonnen wird. 

Unter den hierher gehörenden Fällen ist auch der einzige der 
ganzen Lebensbeschreibung, in dem für eine mitgeteilte Tatsache 
ein Berichterstatter namhaft gemacht wird. Es geschieht das bei 
Erwähnung der außerordentlichen Anziehungski-aft, die in Padua 
Galileis mathematische Vorlesungen ausübten. „Bei seinen öffent- 
lichen Vorlesungen über Mathematik", so lautet wörtlich Vivianis 
Erzählung, „vereinigte sich eine so große Zahl von Zuhörern — noch 
heute lebt die Erinnerung daran in Padua, wie dies durch einen hoch- 
berühmten und gelehrten Mann verbürgt mrd, der dort vor Zeiten 
Galileis Schüler gewesen ist — daß Galilei genötigt war, und dies sind 
die Worte des Monsignor Bischof Barisone, den für seine Vorlesung 
bestimmten Hörsaal zu verlassen und in dem großen, tausend Personen 
fassenden Hörsaal der Artisten zu lesen, und da auch dieser nicht 
genügte, sich in den doppelt so großen Hörsaal der Juristen zu be- 
geben, und häufig sei auch dieser bis auf den letzten Platz gefüllt 
gewesen. Ein solches Zuströmen und ein solcher Beifall ist zu keiner 
Zeit auch nur annähernd einem anderen Lehrer der Paduaner Univer- 
sität, auch bei Vorträgen über andere, dem allgemeinen Interesse 
näherliegende Gegenstände zuteil geworden."^ 

Dieser Schilderung gegenüber belehrt uns der genaue Kenner der 
Geschichte der Universität Padua, daß zu keiner Zeit in Padua Hör- 
säle gewesen sind, die bis zu 1000, geschweige 2000 Zuhörer gefaßt 
hätten. Von einem älteren Paduaner Gelehrten, von dem es gleich- 
falls heißt, daß er mehr Zuhörer um sich versammelte, ,,als jemals 
ein anderer", wird zu genauerer Bezeichnung seiner Beliebtheit er- 
zählt: es genügten die Bänke nicht, auf denen 400 Studierende Platz 



1 Ed. Naz. XIX p. 628. 



— 266 — 

zum Sitzen fanden, so daß über diese Zahl hinaus noch immer 50 
oder mehr standen, um ihn zu hören. ^ 

Vivianis Zahlenangaben sind also ohne Zweifel übertrieben; aber 
das könnte man in den Kauf nehmen, wenn nur die Hauptsache, 
die Angabe über das Verhältnis der Zuhörerschaft Galileis zu der- 
jenigen seiner Kollegen zu Bedenken keinen Anlaß gäbe. Man kann 
in Galilei einen Lelirer sehen, wie die Welt keinen zweiten gekannt 
hat, und doch für kaum glaublich halten, daß seine Vorträge über 
die Elemente der Euklidischen Geometrie, über die Sphäre usw. 
jemals einen annähernd so großen Hörerkreis zu fesseln vermocht 
haben, wie diejenigen der namhaften Mediziner, Juristen und Philo- 
sophen unter seinen Kollegen. Man braucht nur wenig mit dem 
Geist der Wissenschaft und der Studien in jener Zeit vertraut zu sein, 
um nicht in Zweifel zu ziehen, daß beispielsweise die Aristotelesvor- 
lesungen des Cäsar Cremonini für die große Menge der Studierenden 
Paduas in unvergleichlich höherem Maße bedeutsam waren, als die 
Erörterungen Galileis über die „mechanischen Probleme". Galileis 
außerordentliche Fähigkeit, Probleme der Naturlehre und elemen- 
taren Mathematik auch dem gewöhnlichen Verstände zugänglich zu 
machen, in Verbindung mit der künstlerischen Schönheit seines Vor- 
trags wirkte naturgemäß vorzugsweise in dem engeren Kreise derer, 
die in irgendeiner Weise veranlaßt waren, sich mathematische Kennt- 
nisse anzueignen. Unter diesen bildeten nach Galileis eigener Mit- 
teilung die Mediziner die Mehrzahl. Nun denke man sich unter den 
Medizinern Paduas die Einsicht in die Bedeutung der Mathematik 
für den ärztUchen Beruf so verbreitet, wie nur irgendwo in den medi- 
zinischen Fakultäten unserer Tage, immerhin bleibt zu erwägen, daß 
die mathematische Vorlesung zu den obligatorischen nicht gehörte, 
daß sie für die Prüfungen nicht in Betracht kam, und daß diese Um- 
stände auf die studierende Jugend des 16. und 17. Jahrhunderts 
ungefähr in derselben Weise wirken mußten wie auf die heutige. 
Man braucht nur zu lesen, was Viviani selbst von der Einführung 
des jugendlichen Mediziners Galilei in die Mathematik erzählt, um 
zu begreifen, daß es auch damals nichts weniger als die Regel war, 
der Vorschrift des Hippokrates zu folgen. Selbst erfinden konnte 
man jene Erzählung nicht, wenn die Beschäftigung mit der Mathe- 



^ Vergl. A. Favaro, Galileo Galilei e lo studio di Padova I p. 140 — 141. 



— 267 — 

matik zu den Gewohnheiten der studierenden Mediziner gehört hatte. 
So war es in Pisa und nicht anders offenbar in Padua; dafür zeugt, 
daß nach dem Tode Molettis der Lehrstuhl der Mathematik in Padua 
mehr als vier Jahre hindurch unbesetzt bleiben konnte, und daß auch 
nach dem Abgang Galileis wiederum über drei Jahre vergingen, bis 
ein Nachfolger ernannt wurde. 

Mit dem Wahrscheinlichkeitsschluß, der sich bei Beachtung dieser 
Verhältnisse ergibt, stehen die wenigen wohlverbürgten Einzelheiten, 
die uns über Galileis Lehrtätigkeit erhalten sind, in Einklang. Es 
mag hier nur der beiden Beschwerdeschriften gedacht werden, die 
Galilei noch im Jahre 1609 an die Reformatoren der Universität ge- 
richtet hat. Annibale Bimbiolo, außerordentlicher Professor der theo- 
retischen Medizin, hatte seine Vorlesung statt (wie ihm vorgeschrieben 
war) gleichzeitig mit den Konlmrrenten, in der Nachmittagsstunde ge- 
halten, die für den Mathematiker reserviert war. Zweimal im Zeit- 
raum eines halben Jahres legte Galilei gegen diese Ordnungswidrigkeit 
Verwahrung ein, weil das Ausbleiben derjenigen von Bimbiolos Zu- 
hörern, die zur selben Stunde seine Vorlesungen hören wollten, ihm 
„eine sehr erhebliche Störung'' bereitete.^ 

Geben wir dem Annibale Bimbiolo als dem einen und keineswegs 
vorzugsweise angesehenen der vier Professoren der theoretischen 
Medizin den vierten Teil der Hörer seines Fachs, so sagt uns Galileis 
Äußerung, daß ihm das Fehlen einer Zahl, die diesen vierten Teil 
keinesfalls erreichte, sein Auditorium mangelhaft besetzt erscheinen 
ließ. Eine Beschwerde solchen Inhalts, erhoben im letzten Jahr, 
also auf dem Höhepunkt seiner Lehrtätigkeit, und wiederholt, nach- 
dem ihm um außerordentlicher Verdienste willen die Professur auf 
Lebenszeit übertragen war, genügt, um Vivianis Erzählung zu wider- 
legen. 

Aber wir kennen Tatsachen, die zur Entstehung so maßloser 
und unwahrscheinlicher Schilderungen Veranlassung gegeben haben 
können. Galilei spricht selbst gelegentlich^ davon, daß bei seinen 
drei Vorlesungen über den neuen Stern vom Jahre 1604 mehr als 
1000 Zuhörer zugegen gewesen seien. Eine ähnliche, vielleicht noch 

1 Favaro, Galileo Galilei e lo studio di Padova II p. 287 u. 302. Ed. 
Naz. X p. 236 f. u. 264f. 

- In der Difesa .... contro alle calunnie ed imposture di Baidessar 
Capra Ed. Naz. II p. 520. 



— 268 — 

Stärkcrc Überfüllung seines Hörsaals durch Studierende aller Fakul- 
täten haben höchst wahrscheinlich die im Jahre 1610 gehaltenen Vor- 
träge über die ersten teleskopischen Entdeckungen veranlaßt. Auf 
diese Ausnahmefälle bezogen und beschränkt erscheint uns der ge- 
schilderte außergewöhnliche Erfolg ebenso verständlich und glaub- 
lich, \äe er als unwahrscheinüch betrachtet werden muß, wenn man 
ihn für die regelmäßigen elementar-mathematischen Vorträge in 
Anspruch nimmt. Es ist daher die Annahme gestattet, daß ein ur- 
sprünglicher Bericht, der wahrheitsgemäß von nie dagewesenem Zu- 
sanunenströmen der Studierenden in Galileis Auditorium redete, 
sich auf den einen oder mehrere jener besonderen Fälle bezogen hat 
und daß erst in der weiteren Überlieferung der Einzelfall zur Regel 
und damit die geschichthche Tatsache zum Wunder umgestaltet 
worden ist. Nun scheint dem strengen Wortlaute nach die Berufung 
Vivianis auf das Zeugnis des Bischofs Barisone zu beweisen, daß, 
wenn in Wahrheit in der angedeuteten Weise eine Umgestaltung 
stattgefunden hat, dies schon in der Erinnerung des Paduaner Be- 
richterstatters geschehen sein müsse, daß also Viviani die Nachricht 
schon in der Form empfangen, wie er sie wiedergibt. Aber als gleich- 
berechtigte Vermutung mindestens wird man hinstellen dürfen, daß 
erst durch Vivianis Auffassung der gehörten und gelesenen Worte 
die wesentliche Veränderung des Sinnes zustande gekommen ist. Wer 
dies seinen Worten gegenüber für möglich hält, muß allerdings vor- 
aussetzen, daß Viviani, wo es seinen großen Lehrer angeht,, nicht 
allein zur Übertragung ins Wunderbare im Vorstellen und Glauben 
geneigt, sondern darüber hinaus fähig gewesen ist, als Erzähler mit 
dem Gehörten Erweiterungen und Ergänzungen zu verbinden, die 
nicht in irgendwelcher Überlieferung, sondern nur in dem Glauben 
an die alles überragende Größe seines Meisters ihren Ursprung haben. 
In erstcrer Beziehung bietet die Erläuterung, die Viviani seiner Er- 
zählung hinzufügt, klaren Nachweis. Das Wunderbare und Unglaub- 
liche seines Berichts ist ihm ein Zeichen der Wahrheit; nichts anderes 
sieht er in dem unerhörten Zudrängen der Wissensdurstigen bei 
Galileis mathematischen Vorlesungen als die einfache Wirkung des 
„übernatürlichen Talents", vermöge dessen er es verstanden, das 
mathematische Erkennen über jede andere Weise wissenschaftlicher 
Tätigkeit zu erheben. Wie weit dann weiter dem Biographen zu- 
getraut werden darf, daß er überlieferte tatsächliche Mitteilungen 



— 269 — 

aus der Fülle dessen, was ihm möglich erscheint, vervollständigt und 
so das Mögliche zur geschichtlichen Tatsache erhebt, wird durcli weitere 
Beispiele darzulegen sein. 

In seiner Schilderung des Paduaner Wirkens fortfahrend, gedenkt 
Viviani der vielen Fürsten und großen Herren, die Galileis Unter- 
richt gesucht haben; statt Namen zu häufen, will er nur den berühm- 
testen nennen. Er „erinnert sich, gehört zu haben," ^ — das sind seine 
Worte^, — „daß der große König Gustav von Schweden, der spätere 
Kriegsheld, als Jüngling inkognito durch Italien gereist und bei dieser 
Gelegenheit viele Monate hindurch mit seinem Gefolge in Padua 
geweilt habe, wo ihn vor allem die neuen und überraschenden Ideen 
und die überaus merkwürdigen Probleme fesselten, die Tag für Tag 
von dem Herrn Galileo in den öffentlichen Vorlesungen, wie den 
Zusammenkünften einzelner zur Bewunderung der Anwesenden vor- 
getragen und gelöst w^urden; auch habe er in der eigenen Behausung 
des großen Gelehrten (mit dem Vorteil, sich zugleich in den Schön- 
heiten der toskanischen Sprache zu üben) von ihm die Vorträge über 
die Sphäre, die Befestigungskunst, die Perspektive und den Gebrauch 
einiger geometrischer und militärischer Instrumente hören wollen und 
dabei den Fleiß und die Ausdauer eines wahren Schülers bewiesen 
und schließlich durch ein äußerst reiches Geschenk die königliche 
Majestät zu erkennen gegeben, die er zu verheimlichen gedacht hatte." 

Über den geschichtlichen Kern dieser Erzählung sind nicht viele 
Worte zu verlieren. Gustav Adolf ist niemals weder in jüngeren 
noch in reiferen Jahren in Italien gewesen, er ist am 9. Dezember 
1594 geboren, war also noch nicht 16 Jahre alt, als Galilei Padua 
für immer verließ und hätte daher nicht sein Zuhörer sein können, 
auch wenn er in Padua studiert hätte. Gelehrte Forscher haben einen 
anderen Prinzen Gustav ausfindig gemacht, der rechtzeitig gelebt 
und sich auch hinreichend lange Zeit außerhalb seiner Heimat auf- 
gehalten hat, um Italien besuchen und Galilei hören zu können; 
daß er dies in Wirklichkeit getan und dadurch den Ansprüchen genügt 
hat, die man an Vivianis schwedischen Prinzen stellen muß, hat sich 
weder in Schweden noch in Padua nachweisen lassen. Nun wird man 
dem Biographen gern verzeihen wollen, daß er bei einer so interessanten 



^ Die Erzählung findet sich auch bei Gherardini. Ed. Naz. XIX. p. 642. 
- Ed. Naz. XIX, p. G29. 



— 270 — 

Mitteilung nicht als strenger Historiker untersucht, ob das, was er 
dem Hörensagen nach erzählt, geschichtlich wahr sein kann. Aber 
übersehen läßt sich nicht, daß er die "Wiedergabe dessen, was er „gehört 
zu haben sich erinnert", durch sehr weitgehende Einzelheiten ergänzt, 
die er sicherlich nicht gehört hat. Die Sage mag von königlichen 
Geschenken gewußt haben — ein Verzeichnis der Vorlesungen, die 
Gustav Adolf in Padua gehört, hat sie keinesfalls überliefert. 

Vivianis Erzählung ist offenbar entstanden, indem er mit der 
irgend woher entnommenen Überlieferung von einem Aufenthalt 
Gustav Adolfs in Padua die eigenen Vorstellungen von Galileis Wirken 
als Paduaner Lehrer verwebt, die ihn ohne Mühe erkennen ließen, 
was ein Gustav Adolf jener Zeit dort hätte suchen können und was 
ihn hätte fesseln müssen. Daß er dabei ganz und gar nicht trennt 
und nicht erkennbar macht, was er gehört oder gelesen hat, und was 
er aus eigener Phantasie hinzufügt, ist eine Eigentümlichkeit seiner 
Erzählungs weise, der man immer von Neuem begegnet, wenn man 
einmal darauf aufmerksam geworden ist. 

Wie notwendig es ist, dies Element der Unsicherheit seinen völlig 
bestimmt gehaltenen Behauptungen gegenüber in Betracht zu ziehen, 
beweist seine Mitteilung über die Entdeckung der Sonnenflecken. 
In Übereinstimmung mit Galileis Angabe in den Dialogen über die 
beiden Hauptweltsysteme^ läßt Viviaiii die Entdeckung noch in Padua 
stattfinden. Er bemerkt dazu: Galilei habe, um nicht in verstärktem 
Maße den Haß der Peripatetiker gegen sich zu erregen, seine> Ent- 
deckung zunächst nicht veröffentlicht, sondern nur einigen seiner 
vertrautesten Freunde in Padua, Venedig und anderen Orten mit- 
geteilt; in einer Note unter dem Text nennt er als diejenigen, denen 
solche erste Mitteilungen gemacht wurden, die folgenden acht: 
Monsignor Gualdo, Monsignor Pignoria, Don Benedetto Castelli, Fra 
Paolo Sarpi, Fra Fulgenzio Micanzio, Filippo Contarini, Sebastiano 
Venieri, Monsignor Agucchia. - 

Geht man an derartige Angaben in der Voraussetzung, daß in 
ihnen ein strenger Historiker zusammenfaßt, was er den ihm allein 
zu Gebote stehenden Quellen entnehmen konnte, so scheint hier für 
die Entdeckung in Padua, das heißt vor Ende August 1610, ein schwer- 



1 Ed. Naz. VII. p. 372f. 

2 Ed. Naz. XIX p. 611. Etwas anders bei Alberi XV, p. 344. 



— 271 — 

wiegendes Zeugnis vorzuliegen. Es ist jedoch leicht, zu zeigen, daß 
man mit Unrecht — wie es geschehen ist — auf Vivianis Autorität 
hin die acht von ihm genannten Namen als gleich viel Zeugen für die 
Annahme einer Entdeckung vor der Übersiedlung nach Florenz be- 
zeichnet. 

Nur von einem der acht ist heute noch eine Aussage zugunsten 
der Entdeckung in Padua erhalten. Das ist der an Galilei gerichtete 
Brief des Fulgenzio Älicanzio vom 27. September 1631.^ Hätten Vivi- 
ani — wie mau als möglich ansehen kann — von einem der anderen 
Sieben bestätigende Aussagen zu Gebote gestanden, so ist wenig wahr- 
scheinlich, daß er sie ungedruckt gelassen hätte, als er im Jahre 1656 
für die erste Gesamtausgabe der Galileischen Werke die Belege für 
Galileis Priorität in der Entdeckung der Sonnenflecken zusammen- 
stellte.- Unter diesen 1656 gedruckten Belegen ist ein Auszug aus 
dem noch heute erhaltenen Brief Micanzios das einzige Zeugnis 
zugunsten der Entdeckung in Padua. 

Es bleibt die Möglichkeit, daß Galilei selbst oder jemand, der 
von ihm unterrichtet war, Viviani die Namen der vertrauten Freunde 
i(enannt hätte, denen in Padua und Venedig im Sommer 1610 die 
Sonnenflecken gezeigt wurden. Das ist offenbar die Meinung der- 
jenigen Biographen, die Vivianis Aufzählung geschichtlichen Wert 
beimessen. Aber auch diese Meinung erweist sich als unhaltbar, 
denn unter den acht Zeugen sind mindestens zwei, deren noch heute 
zugängliche Aussagen mit Vivianis Angabe in direktem Wider- 
spruch stehn. 

In einem Schreiben, das Paolo Gualdo am 4. Februar 1611, also 
fünf Monate nach Galileis Abreise von Padua an diesen richtet, heißt 
es^: „Ihr habt die Geheimnisse des Mondes, der Venus, des Merkur, 
des Jupiter und des Saturn enthüllt, ich sehe nicht, daß Ihr bisher 
Euch der Sonne nähert.'' Gualdo verneint demnach aufs bestimm- 
teste die Kenntnis, die ihm von Viviani zugeschrieben wird. 

Daß auch Monsignor Agucchia mit Unrecht als Zeuge für die 
Entdeckung in Padua angeführt wird, ist aus seiner bekannten Aus- 
sage über Galileis Demonstration der Sonnenflecken im Frühjahr 

1 Ed. Naz. Xl\' p. 298—299. 

- Seine Zusammenstellung ist wieder abgedruckt in der Paduaner Aus- 
gabe U p. 197. 

"■ Ed. Naz. XI p. 41f. 



— 272 — 

1611 ohne weiteres zu entnehmen. „Es ist schon mehr als ein Jahr 
her" — so schreibt er am 16. Juni 1612 an Galilei^ — , daß Ihr mir 
mündlich von den Sonnenflecken Kenntnis gegeben habt." So schreibt 
man nicht, namentlich wo es sich um ein Zeugnis für Galileis Priorität 
handelt, wenn die Mitteilung in Rom die zweite nach einer früheren 
in Padua gewesen ist. Zum Überfluß besagt ein früherer Brief Aguc- 
chias, daß er zum erstenmal in Rom im Frühjahr 1611 zu Galilei 
in persönliche Beziehungen getreten ist. 

Einem dreifachen Zufall verdankt man, daß derartige, Viviani 
aufs schärfste widerlegende Aussagen in den Briefen Gualdos und 
Ägucchias niedergelegt wurden, einer weiteren Zufälligkeit, daß eben 
diese Briefe uns erhalten sind — um so mehr muß ihr Inhalt als voll- 
gültiger Beweis dafüi- angesehen werden, daß Vivianis Aufzählung 
wertlos ist, daß auch in diesem Falle seiner bestimmten Behauptung 
keinerlei Wissen aus heute unzugänglichen Quellen zugrunde liegt. 
Er überlegt und weiß zum Teil, an wen Galilei bei den Worten „in 
Padua und Venedig sprach er mit verschiedenen darüber"^, gedacht 
haben kann; aber seiner Gewohnheit gemäß schreibt er, als ob er 
wüßte, wem Galilei in Padua und von Padua aus Mitteilungen über 
seine Entdeckung gemacht hat. 

Wichtiger, weil unmittelbar in die Geschichte des Galileischen 
Geistes eingreifend, sind die Mitteilungen, durch die Viviani in seinem 
berühmten Brief über die Erfindung der Pendeluhr die Erzählung der 
Biographie über die Entdeckung des Isochronismus der Pendel- 
sch'^^dngungen vervollständigt. 

Die Biographie berichtet in aller Kürze: noch als Student habe 
Galilei die bis dahin von keinem anderen wahrgenommene Anwend- 
barkeit des Pendels zur Messung der Zeit entdeckt; die Veranlassung 
dazu habe ihm die Beobachtung der Bewegung einer Lampe im Pisaner 
Dom gegeben; durch genaueste Versuche habe er alsdann sich der 
Gleichheit der Pendelschwingungen versichert.^ 



1 Ed. Naz. XI p. 205. Nicht als so schlechthin unmöglich wie bei Gualdo 
und Agucchia, aber doch als im höchsten Grade unwahrscheinlich darf auf 
Grund des bekannten Briefwechsels bezeichnet werden, daß CasteUi und 
Pignoria von einer Entdeckung der Sonnenflecken in Padua in den Jahren 
1610 — 11 Kenntnis gehabt haben. 

2 Ed. Naz. VII, p. 372. 

3 Ed. Naz. XIX p. 603. 



— 273 — 

Der fünf Jahre nach der Biographie geschriebene Brief über 
die Erfindung der Pendehihr ergänzt^ diesen lakonischen Bericht in 
vierfacher Beziehung. Aus der Studienzeit wird in bestimmterer 
Angabe „ungefähr das Alter von zwanzig Jahren, um das Jahr 1583".- 
Zur Tatsache der Beobachtung ist der Gedankengang hinzugefügt, 
der ihr vorhergegangen ist; der Anblick der schwingenden Lampe 
veranlaßt den jugendlichen Forscher, zu untersuchen, ob vielleicht 
beim Hin- und Hergehen der Lampe die Zeiten, in denen sie große, 
mittlere und kleinste Bögen durchläuft, die gleichen sein möchten; 
es könnte, meint er, vielleicht die längere Zeit, die an sich zum Durch- 
laufen des größeren Bogens erforderlich ist, durch die größere Geschwin- 
digkeit ausgeglichen werden, die sich daraus ergeben müsse, daß die 
Linie des größeren Wegs in ihren oberen Teilen eine stärker geneigte 
war ; es scheint ihm daher der Mühe wert, die Dauer der Schwingungen 
genauer zu prüfen; die Beobachtung bestätigt seine Vermutung. 

Auch das Verfahren bei dieser Beobachtung ist mitgeteilt: Der 
junge Galilei bedient sich zur ungefähren Bestimmung der Zeitdauer 
der Schläge seines Pulses und des Takts der Musik.^ 

Endlich belichtet Viviani ausführlich darüber, was Galilei ge- 
dacht und getan, nachdem er von seiner Beobachtung „ins Haus zurück- 
gekehrt war".^ Er stellte durch Versuche fest, daß zwei Bleikugeln 
an Fäden von völlig gleicher Länge aufgehängt, bei noch so verschie- 
dener Ablenkung ihre ungleichen Bögen in gleicher Zeit durchlaufen, 
daß Pendel von verschiedener Länge sehr verschiedene Schwingungs- 
zeiten haben, während bei bestimmter Länge die Zeit aufs schärfste 
bestimmt ist, daß endlich auch weder das absolute noch das spezi- 
fische Gewicht des aufgehängten schweren Körpers bei bestimmter 
Länge des Fadens die Schwingungsdauer beeinflußt, wenngleich die 
besonders leichten Materien, wie z. B. der Kork, durch das Medium 
der Luft, das jederzeit der Bewegung aller schweren Körper Wider- 
stand leistet, leichter behindert und schneller zur Ruhe gebracht 
werden. 

Die kurze Notiz der Biographie konnte die Vermutung nahe- 
legen, daß über die erste Entdeckung Galileis und ihre Veranlassung 

1 Ed. Naz. XIX, p. 647—659. 
- Ed. Naz. XIX, p. 648. 

* Ed. Naz. XIX, p. 648f. 

* Ed. Naz XIX, p. 649. 

Wohlwill, Galilei. 11. 18 



— 274 — 

nur eine unbestininit<> Üborlioferung sich bis zu Vivianis Zeiten er- 
halten liabe; der ausfülirlidio Bericht klingt dagegen nach ins einzelne 
gehenden ^litteilungen, wie sie nur ein Augenzeuge geben konnte. 
Dem entspricht die Versicherung Vivianis in den einleitenden Worten 
seines Briefes von 1659: alles,vras er hier erzähle, sei dem fünf Jahre 
zuvor geschriebenen kurzen Bericht über Galileis Leben entnommen 
und dem, was er sich bewußt sei, aus dem Munde seines großen 
Lehrers gehört zu haben. ^ Hält man sich an den Wortlaut dieser 
Erklärung, so besagt dieselbe, daß die hervorgehobenen Ausführungen, 
in denen der Brief vom Jahre 1659 über den Inhalt der Erzählung 
vom Jahre 1654 hinausgeht, aus Galileis mündlicher Mitteilung 
stammen. 

x\uf Gahleis direkte Mitteilung wird demnach von Viviani ein 
Bericht zurückgeführt, der in befremdender Weise mit einem ersten 
Anfang selbständiger wissenschaftücher Erkenntnis im Jahre 1583 
unmittelbar verknüpft erscheinen läßt, was im Entwicklungsgang der 
Galileischen Forschung in zeitüch getrennte Fortschritte zerfällt und 
zum größten Teil viel späteren Gedankenfolgen angehört. Das letztere 
gilt insbesondere von den Envägungen, um derentwillen Viviani den 
neunzehnjährigen Galilei den Isochronismus der Pendelschwingungen 
erwarten läßt, ehe er ihn beobachtet hat. Um, wie Viviani will, als 
möghch ansehen zu können, daß bei dem Fall in kreisförmiger Bahn 
infolge der anfänglich stärkeren Neigung der Bahn die größere Länge 
des Weges durch die größere Geschwindigkeit völlig ausgeglichen 
\nrd, muß man nicht nur mit dem Gesetz der Fallgeschwindigkeit 
auf geneigter Ebene bekannt, sondern auch in die Betrachtungs- 
weise eingeweiht sein, die den Weg des als Pendel aufgehängten 
Körpers in eine Folge geneigter Ebenen von stetig abnehmender 
Neigung zerlegt oder vielmehr — da diese Betrachtungsweise von 
GaUlei herrührt: es müßte diese seine Vorstellung, die nicht Ein- 
gebung des Augenbhcks sein kann, also mit ihr die eigenthche Unter- 
suchung über die Natur der Pendelschwingung nicht etwa an die 
Beobachtung im Dom sich knüpfen, sondern ihr vorausgegangen sein. 
Als käme es darauf an, den Widersinn einer solchen Erzählung noch 
schärfer hervortreten zu lassen, bemerkt Viviani ausdrücküch, daß 
der junge Galilei zu jener Zeit sein Auge noch der Mathematik nicht 

1 Ed. Naz. XIX p. 648. 



— 275 — 

zuj2:e\vandt hatte. Bedarf es eines weiteren Beweises, um außer Frage 
zu stellen, daß der Biograph diesen Teil seines vorvojlständigten Be- 
richts nicht aus Galileis Munde empfangen hat? 

Was dann die Angabe über die Versuche „im Hause" betrifft, 
so widerspricht ein Teil dorselbon feststehenden historischen Tat- 
sachen. In den älteren Schriften zur Bewegungslehre, die etwa sieben 
Jahre nach den hier besprochenen Pendelversuchen entstanden sein 
müssen, ist durchgehends die Unabhängigkeit der Fallgeschwindig- 
keit von der Masse nur für Körper gleicher Art behauptet; für ver- 
schiedenartige Materien glaubte Galilei damals sogar beweisen zu 
können, daß ihre Fallgeschwindigkeit je nach dem Verhältnis des 
Überschusses des Gewichts über das Gewicht des vordrängten Mediums 
verschieden, also für eine Bleikugel in der Luft etwa elfmal so groß 
sein müsse als für eine Holzkugel. Diese irrtümliche Vorstellung 
findet ihren bestimmtesten Ausdruck in der Aufgabe, die Galilei an 
das Ende seiner älteren Untersuchung über die schiefe Ebene stellt: 
eine Ebene solcher Neigung herzustellen, daß von zwei Körpern 
gleicher Größe, aber verschiedener Art derjenige, der bei senkrechtem 
Fall sich schneller bewegen würde, auf dieser Ebene mit derselben 
Gesch\nndigkeit fiele, wie der andere bei freiem Fall,^ Wer eine solche 
Aufgabe stellt und überdies — wie Vivianis neunzehnjähriger Galilei 
— über den Zusammenhang zwischen dem Fall auf schiefer Ebene 
und der Sch^^^ngung des Pendels im Reinen ist, kann unmöglich seit 
einer Reihe von Jahren beobachtet haben, daß das spezifische Gewicht 
des schwingenden Körpers die Schwingungsdauer nicht beeinflußt. 
Ausdrücklich hat überdies Galilei in seinem letzten Werke ausgespro- 
chen, daß er längere Zeit hindurch eine imgleiche Fallgeschwindigkeit 
verschiedenartiger Stoffe angenommen habe. 

Das Gleiche gilt von den beiden Bemerkungen über die Verschie- 
denheit der Wirkung des Luftwiderstandes auf unglcicli schnell- 
bewegte wie auf ungleich dichte Körper. Es handelt sich dabei um 
Betrachtungen, die im Zusammenhang einer vollständigeren Theorie 
der Pendelschwingungen nicht fehlen durften, — so finden sie sich in 
den 1638 erschienonon Discorsi; wenn aber Viviani eben diese Betracli- 
tungen in das Jahr 1583 verlegt, so beweist das nur die erstaunlich 
geringe Sorgfalt, die er auf die Zusammenstellung seines Berichts 

1 Ed. Naz. I p. 301. 

lt.* 



— 276 — 

vom Jahre 1659 verwandt hat. In der Tat wird man kaum fehl- 
greifen, wenn man als eigentliche Quelle für die hier besprochenen 
Ausführungen im einzelnen den Wortlaut eben jener Discorsi von 
1638 betrachtet, dagegen für die kühne tJbertragung von Versuchen 
und Gedanken aus diesem Werk in Galileis zweites Studienjahr sich 
an jene andere Quelle hält, aus der das Verzeichnis der von Gustav 
Adolf gehörten Vorlesungen und die Liste der Freunde herrührt, 
denen Galilei von Padua aus über die Entdeckung der Sonnenflecken 
berichtet hat. 

Viviani berichtet also mit der Miene des ernsten Historikers 
und mit der Einzelkenntnis des Eingeweihten über Versuche, die 
Gahlei jener Zeit keinesfalls ausgeführt hat, wie zuvor über Gedanken, 
die er nicht gehabt haben kann. Die Versuche wie die Gedanken, 
die in dem Brief über die Erfindung der Pendeluhr dem neunzehn- 
jährigen Galilei zugeschrieben werden, gehören ersichtlich der ent- 
wickelten Lehre von den Pendelbewegungen an, wie sie an drei ver- 
schiedenen Stellen der Galileischen Discorsi mitgeteilt wird. Daß 
auch für Viviani in seiner Erzählung aus den Jugendjahren eben dieses 
letzte Werk des Meisters oder doch seine Denkweise in der Periode 
der höchsten Reife die Quelle gewesen ist, läßt sich unter anderem 
daraus entnehmen, daß er dem Bericht über die ältesten Pendel- 
versuche auch einen Satz eingefügt hat, der sich in Galileis Schriften 
nirgends sonst als in dem letzten Teil der Discorsi von 1638 findet. 

„Je größer die Geschwindigkeit des bewegten Körpers"", sagt 
Gahlei bei der Erörterung über die Geschwindigkeit der Geschosse, 
„um so gößer wd der Widerstand sein, der ihnen von der Luft ent- 
gegengesetzt wd," und wie er dann zeigt, daß trotzdem die großen 
Pendelschwingungen durch den Widerstand der Luft nicht merkhch 
mehr verzögert werden als die kleinsten, so läßt auch Viviani aus den 
beschriebenen Versuchen vom Jahre 1583 den neunzehnjährigen Be- 
obachter schHeßen: daß bei verschiedenster Größe der Ablenkung 
die Dauer der Sch\nngungen desselben Pendels durchaus die gleiche 
sei oder daß zmn mindesten eine merkhche Verschiedenheit nicht 
wahrgenommen und dem Hindernis der Luft zugeschrieben werden 
könne, die dem schneller bewegten Körper mehr Widerstand leistet 
als dem weniger schnellen. 

Bekanntlich folgert Galilei in den Discorsi aus dem angegebenen 
Gesetz des Luftwiderstandes, daß die Bewegung des in der Luft fallen- 



— 277 — 

den Körpers schließlich eine Gjleichförmifje werden muß. Die p^leiche 
Behauptung wird in den älteren Abhandlungen de motu aufgestellt 
und begründet, hier aber ausschließlich auf die Abnahme der ein- 
geprägten Kraft zurückgeführt. Das Charakteristische dieser älteren 
Anschauung ist, daß es eines Widerstands der Luft noch nicht bedarf, 
um eine Verlangsamung der Bewegung zu bewirken. Daß Viviani 
anachronistisch auch hier den neunzehnjährigen mit den Begriffen 
des siebzigjährigen operieren läßt, veranschaulicht in besonderer 
Weise die Willkür, mit der er Vorstellungen und tatsächliche Erkennt- 
nisse aus späteren Perioden in die der jugendlichen Entvdcklung 
überträgt. 

Als willkürlich darf man wohl ohne Bedenken ein solches An- 
ordnen und Gruppieren der Vorgänge bezeichnen, das nicht allein 
auf geschichtliche Überlieferungen nicht zurückzuführen ist, sondern 
geschichtlich Gegebenes unbeachtet läßt; es liegt jedoch keine Not- 
wendigkeit vor, dem Biographen be\Mißte Verleugnung der Wahrheit zur 
Last zu legen; vielmehr scheint hier neben jener mehrfach berührten 
Neigung, als geschehen hinzustellen, was mutmaßlich oder möglicher- 
weise geschah, als wesentliches Moment die unbegrenzte kindliche 
Verehrung in Betracht zu kommen, die er seinem großen Lehrer zollt. 
Viviani ist offenbar außerstande, an dem Gegenstand seiner leiden- 
schaftlichen Bewunderung auch nur insoweit Kritik zu üben, als 
dies erforderlich ist, um im Denken und Entdecken des großen Mannes 
Stufenfolgen zu begreifen. Fast möchte man glauben, daß ihn eine 
Vorstellungsweise schreckt, die notwendig dazu führen muß, der 
erreichten Vollkommenheit gegenüber Momente der Unvollkommenheit 
anzuerkennen. So läßt die Fortsetzung seiner Erzählung im Brief von 
1659 allerdings die Entdeckung des Gesetzes der Pendellängen erst 
in die Zeit nach dem Beginn der mathematischen Studien fallen, 
aber im Zusanmienhang seiner Erzählung hört sich diese Angabe nur 
\ne eine Entschuldigung dafür an, daß nicht auch diese Entdeckung, 
bei der es sich um Quadratwurzeln handelte, sich in unmittelbarer 
Folge den Beobachtungen im Dom zu Pisa anschloß. 

Es darf hier hervorgehoben werden, daß niemand weniger als 
Galilei selbst geneigt war, so ungeschichtliche Vorstellungen über den 
Verlauf seiner Forschungen zur Geltung zu bringen; zu wiederholten 
Malen gedenkt er der „tausende von Stunden", die er über den ein- 
fachsten Problemen seiner Bewegungslehre gesonnen und gebrütet 



— 278 — 

hat. Viviani dagegen bietet nicht allein nirgends einen Aufschluß 
über den hier angedeuteten denlavürdigen Gedankenprozei3, der zur 
Begründung der heutigen Wissenschaft geführt hat, er negiert viel- 
mehr in gewissem Maße jeden solchen Werdegang durch die Nicht- 
erwähnung irgendwelcher Übergangsstufen und Irrtümer. 

Als erwiesen darf nach den vorstehenden Erörterungen betrachtet 
werden, daß Vivianis biographische Schriften in einer Reihe von Fällen 
teils unrichtige, teils schlechthin unwahrscheinliche Angaben in zweifel- 
loser Bestimmtheit der Erzählung einfügen; es erscheint dadurch 
seinen Mitteilungen gegenüber Vorsicht und Zweifel auch da gerecht- 
fertigt, wo nicht, wie in den besprochenen Beispielen, wohlverbürgte 
Tatsachen und unzweideutige Aussagen den seinigen gegenüberstehen. 
Nicht ohne nähere Prüfung wird man insbesondere alle diejenigen 
biographischen Einzelheiten, die nur durch ihn bekannt sind, in der 
bisher üblichen Weise als geschichtlich beglaubigt betrachten dürfen. 

Eine solche Prüfung muß allerdings, sofern sie sich vorzugsweise 
auf die Daten der Jugendgeschichte bezieht, dem Bedenken unter- 
liegen, daß sie Erzählungen zu zergliedern versucht, bei denen es 
kaum darauf ankommt, ob sie tatsächliche Vorgänge mehr oder minder 
getreu reproduzieren, die vielmehr auch als sagenhafte Überheferungen, 
wie sie dem Unbefangenen sich darbieten, die Jugendperiode des 
großen Forschers in anschaulicher Weise illustrieren ; es erscheint wie 
ein Eingriff in das Recht der Poesie, hier nach einem zugrunde- 
liegenden wirkKchen Geschehen zu suchen. 

Darauf ist zu entgegnen, daß trotz des unverkennbar sagenhaften 
Charakters der hier zumeist in Betracht kommenden Erzählungen 
dieselben fast allgemein im Vertrauen auf das Zeugnis Vivianis als 
historische Angaben in den Zusammenhang der Biographie aufge- 
nommen und darüber hinaus in der Geschichte der Physik für den Ent- 
wicklungsgang der physikalischen Grundlehren verwertet worden sind 
und daß auf diese Weise sowohl über den Lebensgang und den Charak- 
ter Galileis wie über die Entwicklung des physikalischen Denkens 
zweifellos Irrtümer in Aufnahme gekommen sind, deren Berichtigung 
auch dann nicht überflüssig sein kann, wenn man aus irgendwelchem 
Grunde für notwendig hält, die Jugendgeschichte Galileis in der Form, 
die ihr Viviani gegeben hat, für immer zu bewahren. Immerhin wird 
es der Prüfung wert sein, ob nicht etwa die von anekdoten- und sagen- 
haften Bestandteilen gereinigte Geschichte an innerer Glaubwüi'dig- 



._ 279 - 

keit und Einheit gewinnt, was möglicherweise ihre Anfänge an poeti- 
tischer Verklärung einbüßen könnten. 

Es sind insbesondere drei Episoden des Vivianischen Berichts, 
die für eine solche Prüfung in Betracht kommen. Zunächst die bereits 
berührte ältere Form der Erzählung von den Beobachtungen im Dom 
zu Pisa, Die Tatsache dieser Beobachtungen oder Wahrnehmungen 
und die an sie geknüpfte Entdeckung des Isochronismus der Pendel- 
schwingungen noch in der Zeit der akademischen Studien ist in den 
vorstehenden Erörterungen als an sich dem Zweifel nicht unter- 
liegend festgehalten. Auch für die Xotiz in dieser einfacheren Form 
ist Viviani alleiniger Gewährsmann. Bei Gherardini, der mit Vorliebe 
pikante Erzählungen gesammelt hat, ist von dem schwingenden 
Kronleuchter nicht die Rede; man darf also annehmen, daß Gherar- 
dini, der mit Galilei seit 1632 verkehrt, ihn nicht davon hat reden 
hören; auch in den Erinnerungen des Sohnes Vincenzio Galilei, die 
freilich auch von vielem anderen schweigen, ist der Pisaner Beobach- 
tungen und Versuche nicht gedacht; aber ebensowenig sind sie von 
Galilei selbst an irgendeiner Stelle seiner Schriften oder Briefe bei 
Gelegenheit seiner Auseinandersetzungen über die Gesetze der Pendel- 
schwingungen berührt. Dagegen findet sich in den 1638 veröffent- 
lichten Discorsi im Zusammenhang mit der nachdi'ücklichen Dar- 
legung der Ansicht, daß große und kleine Sch^^^ngungen des gleichen 
Pendels gleiche Dauer haben, eine Bezugnahme auf schwingende 
Kirchenlampen, die jedermann an Vivianis Erzählung erinnern muß. 
Nachdem Salviati in der Kürze die Gesetze der Pendelbewegung 
angeführt hat, sagt Sagredo^: 

„Ihr gebt mir häufig Gelegenheit, den Reichtum und zugleich 
die außerordentliche Freigebigkeit der Natur zu bewundern, indem 
Ihr aus gewöhnlichen und, ich möchte sagen, auch gewissermaßen 
niedrigen Dingen höchst merkwürdige und neue und sehr oft jeder 
Einbildungskraft fernliegende Erkenntnisse entnehmt. Ich habe wchl 
tausendmal auf Schwingimgen acht gegeben, insbesondere bei den 
Lampen, die in manchen Kirchen von sehr langen Seilen herabhängen, 
wenn dieselben unachtsamerweise von irgend jemand in Bewegung 
versetzt wurden; aber höchstens habe ich aus solcher Beobachtung 
entnommen, wie unwahrscheinlich die Meinung derjenigen ist, di(i 



1 Ed. Naz. VIII p. I40f. 



— 280 — 

behaupten, daß derartige Bewegungen vom Medium, alsn von der 
Luft, erhalten und fortgesetzt werden, aber daß ich daraus lernen 
sollte, daß derselbe an einem hundert Ellen langen Seile hängende 
Körper von seiner tiefsten Lage das eine Mal um 90 Grad, das andere 
Mal um einen oder einen halben Grad abgelenkt, ebensoviel Zeit 
gebrauchte, diesen kleinsten wie jenen größten Bogen zu durchlaufen, 
darauf, glaube ich, würde ich nie gekommen sein." 

Daß in irgendwelcher Weise zwischen dieser Sagredo in den Mund 
gelegten Äußerung und dem, was Viviani berichtet, ein Zusanunen- 
hang bestehen muß, leuchtet ein. Hat Galilei in Wahrheit in jungen 
Jahren erlebt, was Viviani als Tatsache angibt, so hat er ohne Zweifel, 
als er 50 Jahre später die Worte Sagredos niederschrieb, den Vorgang 
im Pisaner Dom im Sinne gehabt; er hat aber ebenso gewiß die Jugend- 
erinnerung, auf die er anzuspielen scheint, nicht in verständlicher 
Weise zur Sprache gebracht, sondern sie geradezu versteckt, wie man 
es nicht sorgfältiger bei Erlebnissen könnte, die dem Erzähler zur 
Schande gereichen. 

Solch absichtliches Verhüllen erscheint kaum verständlich bei 
einem Manne, der es nie verschmäht oder gar ungebührlich gefunden 
hat, sich des erfolgreichen Mühens wie des glücklichen Findens zu 
rühmen, und doch wird man nicht leicht eine andere Deutung finden, 
wenn es wirklich notwendig sein sollte, den wahren Sinn der etwa im 
Jahre 1634 geschriebenen Worte einer iVnekdote zu entnehmen, die 
im Jahre 1654 zum erstenmal erzählt '^ird. 

Einfacher kann man allerdings in der an sich der Deutung nicht 
bedürftigen früheren Äußerung den Ausgangspunkt für die Ent- 
stehung einer Sage sehen, die Viviani als Schilderung eines geschicht- 
lichen Vorgangs in seine Lebensdarstellung aufgenommen hat. Ein 
Widerspruch gegen diese Auffassung kann jedenfalls nicht durch 
den Hinweis auf die Autorität des „letzten Schülers" begründet 
werden. Was wir von diesem wissen, läßt vielmehr als gewiß betrach- 
ten, daß er unfähig gewesen wäre, eine ihm irgendwoher zugetragene 
Erzählung nicht aufzunehmen, aus der so unverkennbar und in so 
frühen Jahren der Genius des angebeteten Meisters hervorleuchtet. 

Mit der Annahme, daß es sich in dieser Erzählung keineswegs 
um einen geschichtlichen Vorgang handelt, steht anderseits im Ein- 
klang, daß die wichtige Erkenntnis des Isochronismus der Pendel- 
schwingungen in den Pisaner Schriften zur Bewegungslehre, also 



— 281 — 

mindestens sieben Jahre nach dem Zeitpunkt der angeblichen Ent- 
deckung bei gegebener Gelegenheit nicht erwähnt wird. Einer pendel- 
artigen Vorrichtung wird allerdings im Vorübergehen gedacht, als 
eines Mittels, um experimentell zu beweisen, daß der schwerere Körper 
die ihm eingeprägte Bewegung länger behält^; aber für die Ausführung 
des hier beschriebenen Versuchs war es nicht nötig, zu wissen, daß 
die Dauer der einzelnen Schwingung von der Weite derselben unab- 
hängig ist. 

Es ist außer Frage, daß Galilei bei denjenigen Versuchen, durch 
die er etwa im Jahre 1604 oder kurz zuvor die Gesetze des freien 
Falls ableitet oder bestätigt, sich des Pendels als Zeitmesser nicht 
bedient hat; noch bei der Beschreibung solcher Versuche in den 
üiscorsi von 1638 wird ausschließlich der Messung durch die Gewichte 
des ausfließenden Wassers gedacht; es läßt sich begreifen, daß er 
in dieser späten Mitteilung sein Verfahren genau so darstellt, wie es 
bei den ursprünglichen Versuchen in Anwendung gebracht wurde, 
also auch die schwerfällige Weise der Zeitmessung nicht durch die- 
jenige ersetzt, die er inzwischen kennengelernt hat; als wenig wahr- 
scheinlich muß dagegen betrachtet werden, daß er im Jahre 1604 
das außerordentlich viel einfachere Mittel unbenutzt gelassen hätte, 
wenn ihm zu dieser Zeit schon der Gedanke gekommen wäre, von 
der theoretischen Erkenntnis des Isochronismus der Pendelschwin- 
gungen die Anwendung zu machen, die ihm nach Viviani zwanzig 
Jahre zuvor als unmittelbare Frucht der Beobachtungen im Dom 
zu Pisa sich ergeben hätte. 

Die Nichtbenutzung des Pendels bei den Fallversuchen legt die 
Vorstellung nahe, daß es hier wie in so vielen verwandten Fällen für 
die praktische Anwendung der erkannten Gesetzmäßigkeit eines 
zweiten Erkennens bedurft hat, das einem nicht unerheblich späteren 
Zeitpunkt angehört hat. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, 
ob diesen zweiten Schritt ein anderer vor Galilei getan hat. Gewiß 
ist, daß auch in bezug auf die Verbindung beider Wahrnehmungen 
Vivianis Aussage als unzuverlässig betrachtet werden muß. 



Den Erzählungen über die Pendelforschung nahe verwandt sind 
die Mitteilungen über das Verhalten des jungen Galilei zur Schul- 



1 Ed. Naz. I p. 335 und 413. 



— 282 - 

Wissenschaft und zur Lehre des Aristoteles. Wie in jenen die wissen- 
schaftliche Entdeckung in die Zeit vor dem Beginn jeder wissenschaft- 
lichen Tätigkeit zu fallen scheint, so fällt die Äußerung des scharfen 
kritischen Sinnes nach Vivianis Darstellung schon in die Tage des 
Novizen von Vallombrosa: ,, langweilig, nutzlos und unbefriedigend" 
dünlvcn ihn im logischen Unterricht „die dialektischen Termini, die 
vielen Definitionen und Distinktionen, die Menge der Schriften, An- 
ordnung und Inhalt des Vortrags. "^ 

Als er dann auf der Pisaner Universität die Vorträge über aristote- 
lische Philosophie zu hören begonnen, kam ihm alsbald der Gegensatz 
seiner eigenen Denkweise gegen die der herrschenden Schulweisheit 
zum Bewußtsein; „er, den die Natur erkoren hatte, der Welt einen 
Teil der Geheimnisse zu enthüllen, die so viele Jahrhunderte hin- 
durch in dichtester Finsternis begraben lagen, weil die Geister in 
sklavischer Abhängigkeit der Meinung, den Behauptungen eines ein- 
zelnen folgten, er vermochte schon damals nicht, sich wie die anderen 
blindlings dem fremden Verstände zu unterwerfen; freien Geistes, 
wie er den Dingen gegenüberstand, meinte er, nicht so leichthin sich 
auf die Aussprüche und Meinungen der alten wie der neueren Schrift- 
steller verlassen zu dürfen, wo er durch Nachdenken und Erfahrung 
der Sinne sich selbst befriedigen konnte. Er trat daher in den Disputa- 
tionen über Sätze der Naturlehre oftmals denen gegenüber, die sich 
verpfHchtet glaubten, jedes von Aristoteles geschriebene Wort aufs 
strengste zu verteidigen und erwarb sich unter ihnen den Namen 
eines Widerspruchsgeistes, weil sie es unerträglich fanden, die Lehren, 
die sie sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, in neuer Weise 
mit Leichtigkeit bestritten und widerlegt zu sehen."- 

Diese Schilderung, die im wesentlichen noch für die ein Viertel- 
jahrhundert später beginnende Periode des Kampfes um die tele- 
skopischen Entdeckungen passen würde, ist in einer späteren Bearbei- 
tung der Biographie von Viviani in sehr charakteristischer Weise 
verbessert und ergänzt worden. ^ Hier läßt er den kecken Studenten 
nicht ,, oftmals", sondern ,, immer" den Anhängern des Aristoteles 
widersprechen; zum Namen „Widerspruchsgeist", den er nach dem 
ursprünglichen Wortlaut sich erwirbt, kommt in dem verbesserten: 

1 Ed. Naz. XIX, p. 602. 

2 Ed. Naz. XIX, p. G02f. 

* Vergl. über diese Bearbeitung Ed. Naz. XIX, p. 597—598. 



— 283 — 

„als Belohnung für die von ihm entdeckten Wahrheiten der Haß" 
der Verteidiger des Aristoteles; die Kühnheit und zugleich die Be- 
deutung seines Auftretens wird nachdrücklich gekennzeichnet, indem 
er seinen Widerspruch erhebt „als ein blutjunger Student" (giovanetto 
studente), der, wie die Gegner sich ausdrücken, „noch nicht seinen 
Kursus durchgemacht hat"; obgleich aber durch diesen Zusatz die 
Szene der gelehrten Kämpfe noch bestimmter in die ersten Studien- 
jahre verlegt \nrd, bringt der junge Galilei seine Entgegnungen nicht 
nur, wie es der älteren Ausgabe genügte, „mit Leichtigkeit", sondern 
auch „in durchaus überzeugender Weise" (con tanta evidenza) zum 
Vortrag. 

Die wesentliche Verschärfung des oppositionellen Verhaltens, 
die in dieser \ierfachen Änderung liegt, ist wenig geeignet, Vivianis 
Darstellung glaubhafter erscheinen zu lassen. Konnte die ältere Lesart 
noch als eine stark verherrlichende Xachbildung wirklicher Vor- 
gänge angesehen werden, so ergänzen die Verbesserungen das dort 
Gegebene zum Bild des Jünglings von ,, übernatürlicher" Begabung, 
für den es ein geistiges Werden nicht eigentlich gegeben und der 
deshalb nicht irgendwelcher einführender Studien bedurft hat, um 
neue Walirheiien zu entdecken, um in den Werken, die für die Mit- 
lebenden den Inbegriff des Wissens darstellen, auf den ersten Blick 
die leere Wortweisheit zu erkennen, um neue Weisen des Denkens 
und Begründens der veralteten Dialektik gegenüberzustellen. Zugleich 
aber machen die Varianten der späteren Bearbeitung in erhöhtem 
Maße wahrscheinlich, daß Vivianis Bild nicht den Erinnerungen und 
Aufzeichnungen des gewissenhaften Historikers entnommen, sondern 
aus der Phantasie des Künstlers hervorgegangen ist, der nach Be- 
dürfnis und I^eigung umgestaltet, was er gestaltet hat.^ 



^ In gleichem Sinne charakteristisch erscheint die Kürzung, die Viviani 
in der verbesserten Handschrift seiner Biographie an der Schilderung der 
Kindheit vorgenommen hat. Die ältere von Salvini und übereinstimmend 
von der Paduancr Ausgabe mitgeteilte Lesart läßt den Knaben in seinen Spiel- 
stunden „Alles, was ihm an Merkwürdigem und Sinnreichem zu Gesichte 
gekommen war, nachbilden, wie es ihm durch den Kopf ging, oder v,-ie es 
seine Schulgefährten von ihm begehrten, denen er deswegen ein beliebter 
Kamerad gewesen ist". Die verbesserte Ausgabe hat das Begehren der Schul- 
gefährten und diese selbst über Bord geworfen. Dafür sind aus den frülier 
nur allgemein bezeichneten Nachbildungen in der späteren Bearbeitung 
, »Mühlen, Schiffe und dergleichen" geworden. 



— 284 — 

Viviani hat allem Anscheine nach in seiner Schilderung des 
kämpfenden Pisaner Studenten seine Vorstellung von den Ursprüngen 
des Streits, der Galileis Leben erfüllte, verkörpert; für den blind- 
verehrenden Schüler beginnt mit dem ersten Blick in ein aristote- 
lisches Buch der "Widerspruch gegen den Aristoteles. Zu wesentlich 
anderen Vorstellungen gibt die einzige aus Galileis Studienzeit er- 
haltene Urkunde, das im ersten Band besprochene Kollegienheft, 
Veranlassung. 1 Wie "wunderlich auch in den Vorträgen „über den 
Himmel" der scholastische Meister spekuliere und disputiere — nirgends 
zeigt das Heft, in dem der achtzehn- oder neunzehnjährige Student 
seine Lehren eingetragen, eine Spur von jenem Widerspruchsgeist, 
von dem Viviani so Erstaunliches zu berichten weiß; keine Bemerkung, 
nicht ein bescheidenes Fragezeichen am Rande deutet an, daß der 
Inhalt der Vorträge über die Schriften des Aristoteles für den jugend- 
lichen Hörer Gegenstand der Kritik oder auch nur des leise sich 
regenden Zweifels gewesen ist; geduldiger hat niemals ein Schüler 
halb verstandene und unverstandene Weisheit nach Hause getragen.^ 

Selbst in den frühestens vier Jahre darauf entstandenen Ab- 
handlungen und Dialogen zur Bewegungslehre sind es nicht allgemeine 
kritische Bedenken, sondern wesentlich mathematische Betrachtungen, 
an die ein Widerspruch gegen den Aristoteles sich knüpft; die Beschäf- 
tigung mit der Mathematik hat offenbar den Ausgangspunkt der 
neuen Denkweise und der Abwendung von der Schulgelehrsamkeit 
gebildet, und darin liegt ein weiterer Beweis dafür, daß die Kämpfe 
der jüngeren Jahre der Sage angehören. 

Geschichtlich wahrscheinlicher wenigstens lautet der Bericht 
über die Pisaner Lehrtätigkeit und die offene Bekämpfung des Aristo- 
teles während dieser Periode. Die Schriften zur Bewegungslehre 
beweisen, daß in dieser Zeit in der Gedankenwelt des jungen For- 
schers der Gegensatz gegen die aristotelische Physik bereits eine ent- 
scheidende Rolle spielt ; es ist also wohl denkbar, daß die neu gewonnene 
Überzeugung schon damals auch sein äußeres Leben beeinflußt und 
bestimmt hat. Ist aber das, was in dieser Beziehung Viviani erzählt, 
auch mehr als nur ..sehr wohl denkbar?" Mit andern Worten: nötigt 

1 s. Bd. I. S. 70ff. 

- Wer wie einige italienische Gelehrte in dem ,, Kollegienheft" vielmehr 
die erste eigene Arbeit Galileis sieht, wird dreifach unverständlich finden 
müssen, was Viviani von kritischen Gelüsten erzählt. 



— 285 — 

lins Vivianis Bericht, zu «rlauben, daß ihm übor die Zeit der Pisaner 
Professur Mitteilungen zu Gebote standen, die uns heute fehlen? oder 
läßt sich annehmen, daß er hier — wie in so manchen andern Fällen — 
nur das, was ihm in der Vorstellung gewiß erschien, ohne Benutzung 
der sonst üblichen Wege zur geschichtlichen Wahrheit in die Bio- 
graphie hinübergenommen hat? 

jN'icht zu bezweifeln ist vor allem, daß wie für uns, auch fürViviani 
(h'e handschriftlich erhaltenen Abhandlungen „de motu" die Haupt- 
quelle für die Kenntnis jener Zeit gewesen sind. Man braucht aus 
seiner Erzählung nur einige Worte wegzulassen, um in ihr im wesent- 
lichen einen kurzen Bericht über den Hauptinhalt der Abhandlungen 
zu lesen. 

„In der Erkenntnis, daß zur Erforschung der Naturerscheinungen 
mit Notwendigkeit eine wahre Einsicht in die Natur der Bewegung 
erforderlich ist" — so schreibt Viviani — , „gab Galilei damals sich 
ganz dem Nachdenken über diesen Gegenstand hin; so wurden in 

jener Zeit 

von ihm mit Hilfe von Experimenten und durch strenge Beweise und 
Erörterungen sehr zahlreiche, auf die Bewegung bezügliche Lehren 
des Aristoteles als falsch er\\iesen, die bis zu jener Zeit als durchaus 
klar und keinem Zweifel unterliegend angesehen waren, wie unter 
anderm, daß die Geschwindigkeiten von Körpern derselben Materie, 
aber ungleicher Schwere, wenn dieselben sich dm-ch dasselbe Medium 
bewegen, keineswegs dem Verhältnis ihrer absoluten Schwere ent- 
sprechen, wie Aristoteles es angibt, sondern daß dieselben vielmehr 

sich alle mit gleicher Geschwindigkeit bewegen — 

und daß ebensowenig die Geschwindigkeiten desselben Körpers in 
verschiedenen Medien im umgekehrten Verhältnis mit den Wider- 
ständen oder Dichtigkeiten dieser Medien stehen, was er aus der 
offenbarsten Absurdität der Konsequenzen ableitete, zu denen im 
Widerspruch mit der Sinneswahrnehmung die Behauptung des Aristo- 
teles führen müßte." ^ 

Das alles könnte offenbar auch ein heutiger Leser der Pisaner 
Abhandlungen geschrieben haben; erst die beiden, im vorstehenden 
durch Striche bezeichneten Zusätze machen aus dem Referat über 
eine Schrift eine Erzählung aus dem Leben ihres Verfassers. 



1 Ed. Naz. XiX. p 606. 



— 286 — 

An der ersten Stelle, wo davon die Rede ist, daß Galilei als Pisaner 
Dozent Behauptungen des Aristoteles als falsch erwiesen, schaltet 
Viviani ein: „zur großen Bestürzung aller Piiilosophen". 

Für den unbefangenen Leser enthalten diese fünf Worte die 
Schilderung einer tatsächlich ausgeübten Wirkung. Wir wissen bereits, 
(laß Viviani mit ungefähr den gleichen Worten auch den Eindruck 
wiedergeben würde, den seiner Überzeugung nach Galileis Gedanken 
hervorrufen mußten, wenn immer sie den Peripatetikern bekannt 
wurden. Der Zusatz beweist daher höchstens, daß Viviani darüber, 
daß der wesentliche Inhalt der Handschrift in die Öffentlichkeit 
drang, keinen Zweifel gehegt hat.^ 

Bestimmter ist in der zweiten Einschaltung als Tatsache hin- 
gestellt, daß die Polemik der Abhandlungen den Gegenstand öffent- 
licher Vorträge und Diskussionen gebildet hat. Dem Satz von der 
gleichen Geschwindigkeit ungleich schwerer Körper fügt Viviani hinzu : 
„und das bewies er durch wiederholte Versuche, die von der Höhe 
des Glockenturmes zu Pisa herab in Anwesenheit der übrigen Dozenten 
und Philosophen und der ganzen Studentenschaft ausgeführt wurden,"^ 

Es ist nicht möglich, klarer auszudrücken, daß nach der Meinung 
des Berichterstatters das Erzählte wirkhch vorgefallen ist, man wird 
daher zunächst geneigt sein, den Gedanken weit abzuweisen, daß 
auch hier nur die lebendige Einbildungskraft des Biographen aus 
der Vorstellung, die er den Abhandlungen ,,über die Bewegung" 
entnommen, einen geschichtlichen Vorgang gestaltet hat. 

Gewiß ist, daß für Vivianis Erzählung jede anderweitige Be- 
stätigung fehlt und daß dies Fehlen keinenfalls als unerheblich an- 
gesehen werden kann. Denn es schweigen über den völlig außergewöhn- 
lichen Vorgang auch diejenigen, die ihn zu berühren die bestimmteste 
Veranlassung hatten. Das gilt insbesondere von Jacopo Mazzone, 
der als Galileis nahe befreundeter Kollege in der Zeit der Pisaner 
Professur im zweiten Kapitel des 1. Bandes^ genannt ist. Ihm gegen- 



^ Eine vollständige Analogie zu den fünf Worten bieten diejenigen, 
die Viviani seiner Angabe, Galilei habe das Pendel zur Messung des Puls- 
schlags benutzt, hinzufügt; es verstand sich ganz von selbst, daß, wenn er 
in Wahrheit diese Erfindung gemacht hat, dies „con istupore e diletto de 
medici di que' tempi" geschah. 

2 Ed. Naz. XIX, p. 606. 

ä s. Bd. I, S. 114f. 



— 287 - 

über hat Galilei schon damals aus seinen Bedenken ^egen die aristo- 
telische Physik kein ilehi gemacht; diese Bedenken sind der Gegen- 
stand freundschaftlicher Disputationen zwischen beiden Gelehrten ge- 
wesen, in denen Mazzone den Aristoteles verteidigte. ^ Es ist daher 
ebenso unwahrscheinlich, daß diesen Mann öffentlich angestellte Ver- 
suche des Freundes, die in einem Hauptpunkt den Aristoteles ent- 
scheidend widerlegten, gleichgültig gelassen hätten, wie es undenkbar 
ist, daß sie ihm unbekannt geblieben wären, 

Nun hat aber Mazzone im Jahre 1597, also fünf Jahre nach 
dem Scheiden Galileis von Pisa, in seinem Buche „de comparationc 
Aristotelis et Piatonis" auch der Naturlehre des Aiistoteles ein- 
gehende Besprechungen gewidmet. Er war inzwischen, wie Galilei 
mit Genugtuung anerkannt hat, aus einem unbedingten Verteidiger 
zum mindesten ein ernster Zweifler geworden; der ordentliche Pro- 
fessor der aristotelischen Philosophie stellt in einem besonderen Ab- 
schnitt seines Buchs eine Reihe von Irrtümern zusammen, denen 
Aristoteles in seiner Physik verfallen ist, weil er die Bedeutung der 
Mathematik für die Begründung der Naturlehre nicht in gebührender 
Weise gewürdigt hat. Unverkennbar liegen dieser Kritik die Unter- 
suchungen Benedettis zugrunde; in der Ausführung selbständig, nicht 
selten auch selbständig irrend, folgt Mazzone sowohl in der Auswahl 
der Sätze, die er bemängelt, wie im wesentlichen in der Begründung 
seines Widerspruchs dem Gedankengang des Turiner Mathematikers; 
in mehreren Fällen sind Benedettis „Disputationen gegen den Aristo- 
teles" am Rande als Quelle angeführt, so bei der ausführlichen Wider- 
legung der Behauptung, daß im leeren Raum die Bewegung keine 
Zeit erfordern würde. Als einen Irrtum, der mit diesem nahe zusammen- 
hängt, führt Mazzone den Satz an: daß die Fallgeschwindigkeiten 
verschiedener Körper gleicher Art sich nach dem Verhältnis der 
Größe richten; er behauptet in Übereinstimmung mit Benedetti und 
Galilei, die er nicht nennt, daß vielmehr im gleichen Medium bei 
verschiedenster Größe Körper derselben Ai't mit gleicher Geschwin- 
digkeit fallen. 

Wenn irgendwo, durfte man in diesem Zusammenhange eine 
Bezugnahme auf die Versuche erwarten, die nach Viviani alle Philo- 



^ Vergl. Galileis Brief an Mazzone vom 30. Mai 1597. Ed. Naz. II 
p. 197. 



— 288 — 

sophen in Bestürzung versetzt hatten; aber Mazzone begnügt sich 
damit, auf Grund des archimedischen Prinzips für seine Behauptung 
einen Beweis abzuleiten, den er leicht und überzeugend findet^; er 
schweigt von Versuchen, die dem Ergebnis der mathematischen Er- 
örterung zur Bestätigung dienen könnten. 

Wie Mazzone im Jahre 1597, so schweigt trotz dringender Ver- 
anlassung, zu reden, im Jahre 1612 der Pisaner Peripatetiker Giorgio 
Coresio von Galileischen Versuchen. Coresio gehörte zu denjenigen 
Schulgelehrten, die sich berufen fühlten, gegen Galileis Discorso 
intorno ai Galleggianti in die Schranken zu treten. Bei Erwähnung 
der Galileischen Ansicht über die Fallgeschwindigkeit ungleich großer 
Körper bemerkt Coresio: dies habe vor Galilei Mazzone gelehrt, sein 
Ii-rtum sei vielleicht daraus hervorgegangen, daß er den Versuch nur 
vom Fenster aus gemacht habe, von dem aus, weil es niedrig lag, 
alle schweren Körper vielleicht gleichschnell zu Boden fielen; er aber 
(Giorgio Coresio) habe ihn von der Höhe des Campanile des Pisaner 
Doms herab ausgeführt und habe die Behauptung des Aristoteles 
bewährt gefunden, daß von derselben Materie das Ganze, „wenn 
seine Gestalt der Gestalt des Teils proportioniert sei", schneller als 
dieser falle.^ 

Nicht nur für Coresio, sondern für die ganze Schar der verbün- 
deten Florentiner und Pisaner Gegner mußte von Galileis älteren 
Fallversuchen jede Spur verloren gegangen sein, wenn sie darauf 
verzichteten, eine solche direkte Widerlegung des Versuchs -durch 
den besseren Versuch gegen ihn auszubeuten. In der Tat wider- 
sprechen sie alle seiner Lehre, aber keiner gedenkt seiner Versuche. 

Aber ein Zeugnis für Versuche, wie Viviani sie beschreibt, ist 
auch bei Galilei selbst nicht zu finden. Die Pisaner Abhandlungen 
zur Bewegungslehre, wie der Dialog über den gleichen Gegenstand 
widerlegen die Lehren des Aristoteles, begründen Galileis Ansicht 
über die Fallgeschwindigkeit, aber was sie von Erfahrungen in gleichem 
Sinne sagen, entspricht sehr wenig den Erwartungen, die der Bio- 
graph hervorgerufen hat. Wer nach Vivianis Erzählung darin vor 



^ Mazzones Beweis, der in Wahrheit nichts weniger als überzeugend 
ist, läßt Benedettis Vorbild unbenutzt; dagegen erinnert er stark an einen 
— gleichfalls unzureichenden — Begründungsversuch in Galileis Handschrift 
de motu. 

" Ed. Naz. IV p. 242. 



— 289 — 

allem das Verdienst des jungen Forsehers sieht, daß er die Unver- 
einbarkeit der aristotelischen Lehre mit leicht zu erprobenden Wahr- 
nehmungen zum Bewußtsein bringt, ihre Naturwidrigkeit an schla- 
genden Beispielen dartut, wd sich schon dadurch enttäuscht sehen, 
daß gerade bei der Lehre von der Fallgeschwindigkeit die Pisaner 
Handschrift einer Überschätzung der Erfahrung als Mittel zur Er- 
gründung der Wahrheit entgegentritt. Zwar beginnt Galilei mit dem 
Hinweis auf Konsequenzen der aristotelischen Lehre, die der Augen- 
schein als "widersinnig erscheinen läßt. „Wenn von einem hohen Turm 
zwei Steine herabgeworfen werden, von denen der eine doppelt so 
groß ist wie der andere, wer wird wohl glauben, daß, wenn der kleinere 
in halber Höhe des Turms ist, der größere schon die Erde erreicht 
haben wird? Oder wenn aus der Tiefe des Meeres ein sehr großer 
Balken und ein kleines Stück aus demselben Holz gleichzeitig auf- 
zusteigen beginnen — wer möchte behaupten, daß der Balken hundert- 
mal schneller die Oberfläche des Wassers erreichen wd?"i Das aber 
ist auch alles, was er von Erfahrungen sagt, als wichtiger und allein 
entscheidend bezeichnet er die theoretische Untersuchung. „Wir 
wollen", sagter^, „mehr mit Gründen als mit Beispielen operieren, 
denn was wir suchen, sind die Ursachen der Erscheinungen, die uns 
die Erfahrung nicht gibt." Demgemäß wird auch in der darauf- 
folgenden Ableitung der eigenen Lehre ebensowenig wie bei Benedetfci 
und Mazzone auf Versuche Bezug genommen. Nur zur Veranschau- 
lichung der Tatsache der gleichen Geschwindigkeiten großer und kleiner 
Körper gedenkt Galilei nochmals der schwimmenden Hölzer; daß 
aber, was diese glaublich erscheinen lassen, aus Fallversuchen sich 
unmittelbar ergibt, ist weder in den ausführlichen Abhandlungen, 
noch in dem zusammenfassenden Dialog irgendwo ausgesprochen. 

Und doch werden in eben diesen Schriften tatsächlich ausgeführte 
Fallversuche mehrfach erwähnt; auch eines hohen Turms wd ge- 
dacht, von dem aus sie angestellt sind; man kann es auffällig finden, 
daß Galilei diesen nicht bestimmter bezeichnet, doch liegt darin kein 
Grund, zu bezweifeln, daß der Pisaner Campanile gemeint ist; im 
übrigen aber sind die Versuche von dem, was man nach Vivianis 
Bericht „die berühmten Pisaner Fallversuche" nennt, wesentlich ver- 
schieden; sie suchen zum Teil die Antwort auf Fragen, die für die 



1 Ed. Naz. I p. 263. 

Wohlwill, Galilei. II. 19 



._ 290 — 

heutige Wissenschaft nicht mehr vorhanden sind. So erörtert Galilei, 
weslialb von zwei fallenden Körpern der leichtere anfangs schneller 
fällt; er widerspricht der Erklärung des Hieronynius Borrius; nach 
dieser müßte der leichtere Körper nicht nur zu Anfang, sondern immer 
schneller fallen; „die Erfahrung aber", sagt Galilei^, „zeigt das Gegen- 
teil: es ist wahr, daß das Holz im Anfang seiner Bewegung sich schneller 
bewegt als das Blei; aber bald darauf wird die Bewegung des Bleis 
so sehr beschleunigt, daß es das Holz hinter sich läßt und wenn beide 
von einem hohen Turm herabfallen, demselben um eine große Strecke 
vorauseilt, und dieses habe ich oftmals durch den Versuch erprobt." 

Was diese Versuche bestätigen, ist also einerseits die iiTtümlich 
von Galilei wie von den Anhängern des Aristoteles angenommene 
größere Anfangsgeschwindigkeit des fallenden Holzes, andrerseits die 
auch von Aristoteles behauptete größere Durchschnittsgeschwindig- 
keit des fallenden Bleis. 

So ausdrücklich, wie in diesem Falle, werden in keinem andern 
die Versuche als von Galilei selbst ausgeführte bezeichnet; doch hat 
man offenbar an seine eigenen Wahrnehmungen auch dann zu denken, 
wenn er nur in allgemeinen Ausdrücken bemerkt, daß beim Fallen 
der Körper von einem hohen Turm herab bestimmte Erscheinungen 
beobachtet werden ; es geschieht dies zweimal in den Abhandlungen 
und einmal in dem Dialog. 

Galilei glaubt bewiesen zu haben, daß die Fallgesch'windigkeiten 
verschiedenartiger Stoffe sich wie die Überschüsse der Getsdchte 
gleicher Räume über diejenigen gleichgroßer Räume des Mediums 
verhalten. „Aber diese Verhältnisse", sagt er, „werden von dem- 
jenigen, der den Versuch macht, nicht beobachtet; denn wenn man 
zwei Körper solcher Beschaffenheit, daß der eine doppelt so schnell 
als der andere sich bewegen müßte, von einem Turm herabfallen 
läßt, so wird der schnellere sicher nicht doppelt so schnell die Erde 
erreichen."^ 



1 Ed. Naz. I p. 334. 

- Ed. naz. I p. 273. Galilei wird durch diesen Widerspruch der Er- 
fahrung keineswegs in seiner Ansicht unsicher; die Abweichung erscheint 
ihm als notwendig zusammenhängend mit der oben erwähnten vermeintlichen 
Wahrnehmung, nach der im Anfang der Bewegung die Geschwindigkeit des 
leichteren Körpers die größere ist; und dafür findet er eine völlig befriedigende 
Erklärung in seiner Theorie der Fallbeschleunigung. 



— 291 — 

Hier ist es also die eigene, aus archimedischer Lehre abgeleitete 
Theorie Galileis, der sein Versuch widerspricht. 

An einer andern Stelle behauptet er gegen Aristoteles, daß, 
wenn auch die natürliche Bewegung des fallenden Körpers bis ins 
Unendliche fortdauern könnte, darum doch die Geschwindigkeit 
nicht unendlich zunehmen müsse, vielmehr werde für jeden Körper 
nach angemessener Dauer des Falls die Bewegung eine gleichförmige 
werden ; ließe man Körper von größerem Gewicht von der Höhe eines 
Turms herabfallen, so würde allerdings bis zum Erreichen der Erde 
Beschleunigung wahrgenommen, da der Weg und die Zeit zu kurz 
sei, um die dem Körper eingeprägte Ki'aft zu verzehren. ^ 

Es ist durchaus glaublich, daß dieser Behauptung, die fast mit 
denselben Worten im Dialog reproduziert wird^, wirkliche Beobach- 
tungen zugrunde liegen; daß dieselben zur Widerlegung der aristote- 
lischen Ansicht keineswegs brauchbar gewesen sind, erhellt ohne 
weiteres. 

Die in den Pisaner Schriften erwähnten Fallversuche sind dem- 
nach im vollsten Gegensatz zu denjenigen, die Viviani beschreibt, 
Hilfsmittel der stiUen unabgeschlossenen Forschung, zur öffentlichen 
Demonstration vor Uneingeweihten selbst dann nicht geeignet, wenn 
dabei vom Kampf gegen den Aristoteles ganz abgesehen wäre, für 
diesen aber aus dem einfachen Grunde nicht verwendbar, weil die 
Ergebnisse mit aristotelischen Lehren nicht im Widerspruche stehen. 

Es ist nicht zu bezweifeln, daß Galilei neben den hier erwähnten 
Versuchen auch solche über die Fallgeschwindigkeiten gleichartiger 
Körper von verschiedener Größe angestellt hat; daß er sie nicht an- 
führt und dadurch gerade dem Hauptpunkt der aristotelischen Lehre 
gegenüber den Erfahrungsbeweis schuldig bleibt, erklärt sich einfach, 
wenn man in Betracht zieht, daß Versuche im lufterfüllten Raum 
auch bei sorgfältiger Ausführung Abweichungen von der theoretischen 
Forderung völliger Gleichheit der Geschwindigkeiten ergeben mußten, 
für die Galilei damals keine genügende Erklärung zu Gebote stand. 
Konnte darin für ihn eine Veranlassung liegen, mit dem unbefriedigen- 
den Ergebnis die Versuche selbst in seinen Aufzeichnungen unerwähnt 
zu lassen — wieviel mehr mußte die Unzuverlässigkeit des Experi- 



1 Ed. Naz. I p. 329. 

- Ed. Naz. I p. 406—407. 

19 = 



— 292 — 

nicnts ihn hindern, sie zum Gegenstand einer öffentlichen Demon- 
stration zu machen! 

Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß die Versuche, von denen 
Viviani berichtet, ebensowenig wie in der ältesten in irgendeiner der 
späteren Schriften Galileis erwähnt werden. Auch die bestimmte 
Aufforderung, die in den angeführten Worten des Giorgio Coresio 
lag, gab Galilei keine Veranlassung weder zur kritischen Äußerung 
über die neuen Experimente, noch zur Erinnerung an die eigenen 
mehr als zwanzig Jahre älteren. Unter Galileis Zusätzen zur ungedruck- 
ten Gegenschrift seines Freundes Castelli nimmt der letztere auf Coresios 
gegen Mazzone gerichteten Tadel Bezug; in bestimmten Ausdrücken 
gibt er dem alten Pisaner Freunde gegen den unwissenden Kritiker 
recht, aber auch bei dieser Gelegenheit gedenkt er der eigenen Ver- 
suche nicht. ^ 

Als erwiesen darf daher betrachtet werden, daß der Erzählung 
von der öffentlichen Pisaner Demonstration zur Widerlegung der 
aristotelischen Lehre kein geschiclitlicher Vorgang entsprochen hat. 
Um zu erklären, wie sie entstanden ist, hat man keine andere Wahl, 
als anzunehmen, daß entweder Viviani einer älteren, heute spurlos 
verlorenen Überlieferung folgt, die ihm interessant genug erschien, 
um üir gegenüber das unzweideutige Zeugnis der Pisaner Abhand- 
lungen unberücksichtigt zu lassen, oder daß er in freier Kombination 
aus dem -sviderstrebenden Material derselben Abhandlungen in der 
Demonstration vor den versammelten Studenten und Professoren 
ein Seitenstück zu den häuslichen Experimenten vom Jahre 1583 
geschaffen hat. 

i^un hängen aber die Fallversuche in Vivianis Darstellung aufs 
engste zusammen mit der Gesamtschilderung der kurzen Periode 
der Pisaner Professur; sie erscheinen nur als ein Moment in dem großen 
Unternehmen Galileis, durch akademische Vorträge die aristotelische 
Lehre zu bekämpfen; diese Vorträge wiederum werden als der Höhe- 
punkt seiner Pisaner Tätigkeit hingestellt; sie sind es, die ihm Ruhm 
und Anerkennung bei den Einsichtigen erwerben, die zu Eifersucht 
und Übelwollen gegen ihn die Schulgelehrten aufregen und seinem 
Wirken in Pisa das Ende bereiten. Von diesem allen — wewohl es noch 
heute zum Bilde des historischen Galilei zu gehören scheint — gilt, 



1 Vergl. Ed. Naz. IV p. 285. 



— 293 — 

was von den öffentlichen Versuchen dargetan ist: es ist nicht besser 
verbürgt als dies.^; obgleich es sich dabei in erster Linie um Vorgänge 
handelt, die für die Universität Pisa und einen großen Teil ihier 
Angehörigen von eingreifender Wichtigkeit waren, um Angriffe schwer- 
wiegender Art gegen die einflußreichsten Persönlichkeiten, wie gegen 
das System und den Geist der herrschenden Wissenschaft, so hat 
doch weder Freund noch Feind auch nur durch eine Andeutung das 
Gedächtnis dieser Dinge der Nachwelt aufbewahrt. In der Literatur 
zur Geschichte der Universität Pisa und ihrer Gelehrten ist das Inter- 
mezzo voller Kampf und Leidenschaft nicht vorhanden. 

Es ist daher um so weniger möglich, in der Schilderung Vivianis 
eine wahrheitsgetreue Darstellung der Pisaner Periode zu sehen, je 
mehr dieselbe auch an innerer Wahrscheinlichkeit zu wünschen übrig 
läßt. Für einen Viviani lag allerdings nichts Erstaurdiches darin, 
wenn im Angesicht des jungen Löwen den Veteranen der Gelehr- 
samkeit das Wort des Widerspruchs auf der Lippe verstummte, wenn 
sie in schweigendem Zorn nach jVIitteln suchten, ihn unschädlich zu 
machen, und da der gerade Weg ungangbar schien, zu Intriguen ihre 
Zuflucht nahmen; wer die Literatur der neueren peripatetischen 
Schule oder auch nur die gegen Galilei gerichteten Schriften der 
späteren Zeit durchblättert hat, weiß, daß eine Wii'kung öffentlicher 
antiaristotelischer Vorträge, wie sie nach Viviani stattgefunden hätte, 
mit dem eigentlichen Wesen der Schulgelehrsamkeit jener Tage, das 
in Wortweisheit wurzelt, nicht vereinbar ist. Eine Widerlegung, die 
eine Zurückweisung auch nur erschwert oder gar eine unwiderstehliche 
Überlegenheit, die sich die Anerkennung erzwingt — das sind Vor- 
stellungen, die im Gedankenkreis der Jünger des Aristoteles keinen 
Raum fanden; schon das Nichtvorhandensein irgendwelcher dispu- 
tierenden Entgegnungen könnte daher als Wahrscheinlichkeitsbeweis 
dafür gelten, daß ein öffentlicher Angriff Galileis, wie ihn Viviani 
schildert, niemals erfolgt ist. 

Mit diesem Hauptgegenstand der Pisaner Lehrtätigkeit, im Sinne 
einer sagenhaften Überlieferung, würde dann freilich auch die Glorie 
ve^sch^^^ndcn, die über jenen Tagen zu schweben schien; die Anerken- 
nung der wenigen Kundigen wird dem Wissen und dem Gedanken- 
flug des jungen Mathematikers sicherlich nicht gefehlt haben, die 
Dankbarkeit einer kleinen Zahl von wißbegierigen Schülern mag dem 
unvergleichlichen Lehrer zeitweilig: den Druck einer kaum erträdichen 



— 294 — 

Lage erleichtert haben; aber Kuhm und Ehren, die zu giftigem Neid 
die wohlbestallten ,, Philosophaster" erregten, gehören derselben Phan- 
tasie an, die aus dem bescheidenen Dozenten der Mathematik den 
siegreichen Bekämpfer des Aristoteles gestaltet hat. 

Der Schilderung Vivianis gegenüber treten uns aus den Bruch- 
stücken des Briefwechsels mit dem Marchese dal Monte aus den 
Jahren 1589—92 die Züge eines Bildes entgegen, in dem für Neid 
und Eifersucht der Angriffspunkt nicht vorhanden ist. Der Zustand, 
in dem dal Monto den Freund ,, nicht sehen kann", ist für den unbefaur 
genen Leser schlechthin der des mißachteten Genius, des zu schlimm- 
ster Nahrungssorge verurteilten Forschers. Dieser Dämmcrungs- 
zustand, in dem die Leuchte des kommenden Tages kaum von den 
höchsten Höhen herab sichtbar wird, ist offenbar für Vivianis begeister- 
ten Sinn etwas Unfaßbares; er begreift eine Zeit, in der dem wunder- 
baren Manne gegenüber die Abneigung der Schlechten und Törichten 
die Neigung der Guten und Klugen überwiegt, nicht eine Periode 
der stillen inneren Vorbereitung, an der die Außenwelt keinen Teil 
hat und der sie deshalb ohne Haß und Liebe gegenübersteht. Einfach 
erldärt sich nach dal Montes Briefen, daß Galilei mit dem Abschied 
von Pisa eine unhaltbare und aussichtslose Lage aufgibt; statt dieser 
natürlichen Lösung bedarf Viviani eines komplizierten Apparats, denn 
bei ihm gilt es nicht, den kaum beachteten jungen Mathematiker, 
sondern den ruhmreichen Gegner des Aristoteles zu entfernen; nicht 
genug, daß ihm Feinde und Neider erstehen, die darauf bedacht 
sind, sich seiner zu entledigen — eine neue rühmliche Tat des 
Helden muß ihnen das Mittel geben, ihren Plan zur Ausführung zu 
bringen. 

Für die Erzählung dieses im Text erwähnten Vorgangs hat man 
eine geschichtliche Grundlage bisher vergebens in den Florentiner 
Archiven gesucht; nur eine scheinbare Bestätigung bietet die an- 
nähernd übereinstimmende Ausführung des Kanonicus Gherardini. 
Niccolö Gherardini hatte als Prior der Parochie von S. Margherita 
a Montici, zu der Galileis Villa gehörte, während der sieben letzten 
Lebensjahre des Gefangenen von Arcetri mit diesem in freundschaft- 
lich nachbarlichem Verkehr gestanden. Erinnerungen an diese Zeit 
hat er seiner eigenen Aussage gemäß dreizehn Jahre nach Galileis 
Tode, das heißt 1655 aufzuzeichnen begonnen, als er erfuhr, daß 
man damit umgehe, das Leben und die Taten des großen Mannes zu 



— 295 — 

schreiben.^ Durch diese ZoitbcstimimiiiEf scheint allerdinojs aus- 
^eschlusseii, daß Viviani seine Aufzeichnungen hätte benutzen können; 
um so wuhrscheinlidier ist, daß Gherardini zu denen f^ehürt hat, die 
er befragte, als es ihm darauf ankam, von allen, die Galilei nahe- 
gestanden, authentische Mitteilungen über sein Leben zu erlialten, und 
daß er von seinen Erzählungen benutzt hat, was ihm glaublich erschien. 

Mit der Annahme, daß auch für die Differenz mit dem Prinzen 
Giovanni Gherardinis Erinnerungen Vivianis Quelle gewesen wären, 
sind die Abweichungen beider Erzählungen wohl vereinbar. Gherar- 
dini nennt den Namen des Prinzen, Viviani redet nur von einer „hohen 
Persönlichkeit''; es ist begreiflich, daß er sich hier in dem Brief an 
einen Fürsten aus dem Mediceischen Hause auf eine Andeutung 
beschränkt. Viviani eigentümlich ist die nähere Bezeichnung der 
]\Iaschine, die der hohe Herr in Vorschlag gebracht; Gherardini sagt 
ausdrücklich: er wisse nicht, welcher Art sie war; Viviani weiß, daß 
es eine Maschine zur Ausbaggerung des Hafens von Livorno war; 
darin ließe sich ein Beweis für ein Wissen aus moderner Quelle finden, 
wenn nur nicht der Fälle so viele wären, in denen der „letzte Schüler" 
zeigt, daß es für ihn keine unbestimmten tatsächlichen Angaben 
gibt, weil er keine Schwierigkeit kennt, der unbestimmten Überlieferung 
bestimmte Form zu geben. 

Auch von anderweitigen Gegnern in Pisa ist Gherardini nichts 
bekannt, er weiß daher nichts davon, daß durch diese Prinz Giovanni 
Galilei feindlich gestimmt wurde. „Was weiter nach Galileis ungün- 
stigem Urteil folgte" — schließt er^ — , ,,weiß ich nicht, doch weiß 
ich, daß der Widerspruch dem Herrn Don Giovanni nicht angenehm 
war; in Ausdrücken lebhaften Unwillens zeigte er, wie sehr das Urteil 
ihn verdroß. Galilei fürchtete weiteres und nahm seinen Abschied." 
Viviani eigentümlich ist demnach auch die Verwertung des Vorgangs 
als Mittel für die Zwecke der eifersüchtigen Peripatetiker und die 
auf diese Weise gewonnene Verbindung zwischen dem Auftreten 
gegen Aristoteles und der Entlassung aus Pisa. Wie jene Kämpfe 
und Verfolgungen, muß auch die Verbindung zwischen den vermeint- 
lichen Feinden und dem Prinzen Giovanni als Kombination des 
Biographen angesehen werden. 



1 Ed. Naz. XIX p. 633—646. 
- Ed. Naz. XIX p. 638. 



— 296 — 

Gherardinis Erzählung enthält an sich nichts Unwahrscheinliches, 
in seinen biographischen Aufzeichnungen ist jedoch nachweislich so 
^'ielfach Wahres mit Falschem vermischt, Früheres mit Späterem 
verwechselt und auch in einfachen Dingen so mancherlei unzweifel- 
haft IVIiß verstandenes mitgeteilt, daß man nicht leicht als wohlver- 
bürgt betrachten kann, was auf seine Erinnerungen als erste Quelle 
zurückzuführen ist. Wer Galilei den neuen Stern vom Jahre 1604 
durch das Fernrohr beobachten läßt, der kann auch in bezug auf den 
Zeitpunkt, dem ein Gutachten angehört, das eine Jahrzehnt mit 
dem andern vertauschen. 

Daß mit der Erzürnung des Prinzen Giovanni zu den an sich 
ausreichenden wohlbekannten Umständen eine zweite (bei Viviani 
eine dritte) Ursache der Veranlassung zum Verzicht auf die Pisaner 
Professur hinzukommt, erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit des Be- 
richts; der stärkere dramatische Effekt, mit dem Gherardinis und 
in erhöhtem Maße Vivianis Erzählung den Abschluß der Pisaner 
Periode zur Darstellung bringt, läßt sie der Einbildungskraft befrie- 
digender, aber in gleichem Maße mehr den sagenhaften Bestandteilen 
der Jugendgeschichte zugehörig erscheinen. 

Als eine mögliche Veranlassung für die Entstehung der Episode 
vom Prinzen Giovanni mag hier Erwähnung finden, daß Differenzen 
zwischen dem Prinzen und Galilei zwei Jahrzehnte nach Galileis 
Abschied von Pisa unzweifelhaft bestanden haben. Das geht schon 
daraus hervor, daß von den damals veröffentlichten Galilei. feind- 
lichen Schriften zwei der bösartigsten, die Dianoia des Francesco 
Sizzi und der Discorso apologetico des Lodovico delle Colombe dem 
Prinzen Giovanni gewidmet sind. Beide Verfasser rühmen sich in 
den Zueignungen des besondern Wohlwollens des Prinzen. Aber der 
Schrift delle Colombes ist überdies zu entnehmen, daß in dem Streit 
um die schwimmenden Körper im Jahre 1611 Prinz Giovanni zu 
Galileis erklärten Gegnern gehört, also auf der Seite der Ignoranten 
gestanden hat. Wer in der Episode der Jugendgeschichte historische 
Wahrheit liest, kann — wie es geschehen ist — in diesem späteren 
Verhalten des Prinzen Giovanni die Frucht eines in zwei Jahrzehnten 
nicht abgeschwächten Grolls erkennen. Hält man sich jedoch an 
die soeben erwähnten Tatsachen als die einzigen wohlverbürgten 
Daten über Beziehungen zwischen Galilei und dem Prinzen Giovanni, 
so wird man sie genügend finden, um die geringe Urteilsfähigkeit 



— 297 — 

des Prinzen in wissenschaftlichen und technischen Fragen zu erweisen 
und dadurch zugleich begreiflich zu machen, daß mit Notwendigkeit 
das Zusammentreffen beider Männer am Florentiner Hofe nach Galileis 
Heimkehr zur Entstehung eines Mißverhältnisses führen mußte, auch 
wenn zur Zeit der Pisaner Professur keiner der beiden vom andern 
gewußt haben sollte. 

Bemerkenswert ist, daß die in Sizzis und dclle Colombes Schriften 
enthaltenen gesicherten Zeugnisse für die unfreundlichen Beziehungen 
der späteren Periode weder von Viviani noch von irgendeinem andern 
Biographen erwähnt werden; es steht also bei ihnen gewissermaßen 
die problematische Differenz aus dem Jahre 1592 an der Stelle der 
historischen aus den Jahren 1610/11. Daß auf dem Wege der Tradition 
aus dieser jene sich gestaltet haben könne, wird sich nicht bestreiten 
lassen, wenn man sieht, in wie einfacher Weise in Vivianis Biographie 
die viel bedeutsamere Übertragung des großen Kampfs gegen die 
Peripatetiker in die Jugendzeit vollzogen ist. 

Die ]\Iitwirkung der Phantasie des Berichterstatters bei derartigen 
Umgestaltungen geschichtlicher Vorgänge illustrieren in eigentüm- 
licher Weise die Zutaten und Abänderungen, mit denen Vivianis 
Nachfolger bis in die jüngste Zeit seine Erzählung und in ihr zumeist 
die sagenhaften Bestandteile ausgestattet haben. 



Anliaus: II 



ö 



Untersiicliimgeii über das Yatikanmaiiuskript der 
beiden Iiiqiiisitiousprozesse Galileis. 



A. Ergebnisse meiner Untersuchungen über das Protokoll vom 
26. Februar 1616. 

Bis zum Bekanntwerden der Akten des gegen Galilei geführten 
Inquisitionsprozesses im Jahre 1867 hat man ganz allgemein bei 
aller Sympathie für den Verteidiger der Wissenschaft sich das Urteil 
seiner Eichter angeeignet, daß die über ihn verhängte Strafe formell 
durch ein Vergehen seinerseits gerechtfertigt gewesen sei.^ Das Werk 
über die Bewegung der Erde, das er im Jahre 1632 veröffentlichte, 
war allerdings von der Zensur nach langen Verhandlungen gebüligt, 
aber — so argumentiert die seit mehr als zweihundert Jahren all- 
gemein bekannte und oftmals abgedruckte Sentenz — die Erfaubnis 
war erschhchen und deshalb ungültig: Galilei hatte für die Form, 
in der er Zeugnisse für die Wahrheit der copernicanischen Lehre trotz 
des kircliMchen Verbotes zusammenstellte, die Zustimmung der römi- 
schen Zensur erbeten und erlangt, aber er hatte bei dieser Gelegenheit 
verschwiegen, daß im Jahre 1616, als die Schriftwidrigkeit der coper- 
nicanischen Lehre ausgesprochen wurde, ihm persönlich unter An- 
drohung des Inquisitionsprozesses auferlegt worden war, fortan diese 
Lehre nicht aUein nicht für wahr zu halten und zu verteidigen, sondern 
dieselbe auch in keiner Weise in Wort oder Schrift lehrend vorzutragen. 

Als ich im Jahre 1869 die Akten in der unvollständigen, von 
Henri de L'Epinois veröffenthchten Ausgabe kennen lernte, fand ich, 
daß dieselben allerdings in dem auf die Verhandlungen von 1615/16 

1 Vergl. Kap. VII. 



- 299 — 

bezüglichen Teile das vielbesprochene Verbot enthalten; bei näherer 
Prüfung wurde ich jedoch auf den eigentümlichen Umstand auf- 
merksam, daß eine päpstliche Verordnung vom 25. Februar 1616 ein 
formelles Verbot des angedeuteten Inhalts nur für den Fall vorschrieb, 
daß Galilei der Aufforderung, seine Ansicht aufzugeben, den Gehor- 
sam verweigerte, während am 26. Februar der Aufforderung des Kar- 
dinals unmittelbar und, ohne daß ein Widerspruch Galileis dazu 
die Veranlassung gäbe, die Mitteilung des strengeren Verbots durch 
den Inquisitionskommissar sich anschließt, daß also in der Verhängung 
dieses später als entscheidend betrachteten Verbots etwas aus- 
geführt \Wrd, was der Anordnung des Papstes nicht entspricht. 

Die tiefgreifende Abweichung in dem Inhalt der Verordnung 
vom 25. Februar und dem des Protokolls vom 26. über die Ausführung 
habe ich mit besonderer Rücksicht auf die geschichtlichen Bedin- 
gungen, unter denen die betreffenden Vorgänge stattfanden, ein- 
gehend charakterisiert.^ 

Die hier als Tatsache hingestellte Behauptung, daß an einen 
Widerspruch Galileis der Mahnung des Kardinals Bellarmin gegen- 
über nicht zu denken sei, habe ich später in der ersten Abhandlung 
gegen Friedlein eingehend begründet.^ 

Die Bedenken gegen das Protokoll vom 26. Februar, nach dem 
geschehen sein soll, was der Papst nicht gewollt hat, was auch sonst 
durch die Verhältnisse in keiner Weise gerechtfertigt erscheint, werden 
verstärkt durch das Zeugnis der Beteiligten. 

1. Des Kardinals Bellarmin, der aussagt, daß Galilei nur das 
Delo-et der Indexkongregation und was sich daraus ergibt, mit- 
geteilt sei.^ 

2. Galileis selbst. 
Ich bespreche 

a) seine Berichte vom März 1616^, 

b) sein Verhalten nach 1616^, 

c) seine Aussagen in den Verhören und seine Verteidigung 1633^ 



^ E. Wohlwill, Der Inquisitionsprozeß des Galilei. Berlin 1870, p. 5 — 15. 
2 Zeitschrift für Math. u. Physik, Literaturztg. 17. Jg. (1872), p. 12f. 
^ Wohlwill, Der Inquisitionsprozeß des Galilei, Berlin 1870, p. 16 — 22. 
* a. a. O. p. 23—26. 

5 a. a. O. p. 26—30, 77. 

6 a. a. O. p. 31—50. 



— 300 — 

(Galilei selbst stellt, ohne es klar zu wissen, das Zeugnis des Kar- 
dinals Bellarmin dem Protokoll vom 26. 2. gegenüber). Er redet, 
wie 1616, so 1633, als habe er anderes als die Ermahnung des Kar- 
dinals Bellarmin nie gehört. Nichts deutet an, daß er von einem 
speziellen Verbot des Inquisitionskommissars weiß. Seine Erklämngen 
enthalten implicite (nur implicite, weil ihm der "Wortlaut desselben 
nicht mitgeteilt wird) einen Widerspruch gegen die Authentität des 
Protokolls vom 26. Februar, oder vielmehr den zweiten Teil desselben. 

Es entsteht der Verdacht, daß dieser zweite Teil unecht, das 
Verbot, das ausschließlich durch den Wortlaut eben dieses zweiten 
Teils uns zur Kenntnis gebracht wird, niemals ergangen ist. 

Eine Untersuchung über die Form des Protokolls^, das den Befehl 
verzeichnet, ergibt, daß dieselbe in keiner Weise geeignet ist, den 
Inhalt gegen den erhobenen Verdacht zu schützen. 

Aber in eben diesem uns vorliegendem Dokument haben allem 
Anscheine nach auch Galileis Richter das entscheidende Zeugnis für 
die Tatsache des Verbots von 1616 gefunden^, und eben dieses Ver- 
bot ist es in der Tat, wie man seit langer Zeit weiß, das ihnen die juri- 
stische Handhabe zu Galileis Verurteilung geboten hat. Sie haben 
es in diesem Sinne verwertet, obwohl ihnen der Widerspruch gegen 
den Inhalt des Protokolls, wie er aus seinem eigenen Wortlaut, aus 
den Erklärungen Galileis und dem Zeugnis Bellarmins sich ergibt, 
schwerlich entgehen konnte; sie haben ihn unberücksichtigt gelassen, 
sie beseitigen insbesondere die Berufung Galileis auf das Zeugnis 
BeUarmins durch eine durchaus sophistische Wendung.^ Sie haben 
also Galilei auf Grund eines juristisch wertlosen, seinem Inhalt 
nach verdächtigen, von ihnen, soviel die Akten ergeben, niemals 
näherer Prüfung unterworfenen Aktenstücks verurteilt. 

Dies der wesentliche Inhalt meiner Aufstellungen vom Jahre 
1870. Ich habe damals geglaubt, sehr bald eine Geschichte des Pro- 
zesses veröffentlichen zu können, und bin dämm nicht auf die nahe- 
liegende Frage eingegangen: wie soll man sich denken, daß die all- 
mächtige Inquisition der Fälschung bedurft hat, um zu verurteilen 
und zu strafen, was unter allen Umständen ein Vergehen gegen Dekrete 



1 a. a. 0. p. 69—75. 

2 a. a. 0. p. 54—57. 

3 a. a. O. p. 57—63. 



— 301 — 

der höchsten kh-chlichen Behörden war, und deshalb den Verdacht 
ketzerischer Denkweise rechtfertigte? Eine Antwort auf diese Frage 
gehört allerdings in den Zusammenhang einer Erörterung, die Galileis 
Prozeß als auf Fälschung beruhend darstellen will. Ich hebe hier 
nur das Wichtigste hervor, Galilei hat anfangs eine Abänderung 
oder Aufhebung des Dekrets von 1616 bei Papst Urban VIII. betrieben. 
Als diese sich nicht erreichen ließ, hat er einen Modus gesucht, alles, 
was er über die Bewegung der Erde gedacht, zu veröffentlichen, 
ohne in der Form gegen das Dekret zu verstoßen. Über diesen Modus 
hat er und der Zensor seines Buchs oder einer von ihnen mit dem 
Papste verhandelt, und der Papst hat ihn genehmigt. Die Zusätze, 
die er um dieses Zweckes willen zu seinem Buche gemacht, die Vor- 
rede und der Schluß, waren verabredet. Sie waren die Bedingungen, 
unter denen das Imprimatur gewährt wurde. Alles dieses, speziell 
der Anteil, den der Papst an den Vorverhandlungen über den Druck 
nahm, wird durch Schriftstücke, die in den Akten bewahrt ^verden, 
außer Frage ges teilt. ^ 

Als dann das Buch erschien, war es Galileis Gegnern nicht schwer, 
zu zeigen, daß Vorrede, Zusätze und Schlußwort völlig durchsichtige 
Verhüllungen der rein copernicanischen Absicht waren. Es kam 
dazu die Verdächtigung, daß Galilei durch die Überweisung des 
päpstlichen Arguments an den „im ganzen Buch wenig geachteten" 
Simplicio den Papst selbst geringschätzig behandelt habe. 

Die Aufgabe der Richter war, die Täuschung und das Vergehen 
gegen den Papst, resp. die Verletzung des Dekrets von 1616 zu strafen, 
ohne Rücksicht auf die Mitschuld des Zensors und des Papstes zu 
nehmen, und dabei doch Formen eines ordentlichen Prozesses in 
gewissem Maße zu wahren. Dazu hat das Verbot von 1616 geholfen, 
das alle Vorverhandlungen über den Druck der Dialoge als unerlaubt 
und deshalb für Galileis Rechtfertigung wertlos erscheinen ließ. 

Die formelle Motivierung einer Verurteilung, durch die dem 
Widerspruch: „Ihr verurteilt und straft, was Ihr selbst ausdrücklich 
gestattet habt?" im voraus begegnet wurde, war unerläßlich, wo das 
Urteil sofort der Öffentlichkeit übergeben wurde und überdies die 



^ Der Anteil, den der Papst an den Vorverhandlungen genommen, 
wird am stärksten durch die zuerst von Pieralisi (Urbano VIII e Gaüleo 
Gaülei, Roma 1875, p, 82 ff.) abgedruckten Worte fol 393 Nel fine ausge- 
sprochen, in denen Aufnahme des päpstUchen Arguments befohlen wird. 



— 302 — 

spezielle Kücksicht auf den gefügigen Florentiner Hof einen formell 
nicht angreifbaren Prozeß, durch die Sentenz verbürgt, erforderlich 
machte. Wenn man sagt: sie hätten's auch anders machen können, 
so habe ich nichts dagegen. Ich behaupte nur, so haben sie es gemacht. 
Dies war der Weg, den sie tatsächlich eingeschlagen haben, um eine 
Verurteilung in scheinbar rechthcher Form zustande zu bringen. Und 
dieser Schein des Eechts hat alle Welt getäuscht, bis die Veröffent- 
lichung der Akten eine Prüfung des entscheidenden Dokuments 
ermöglichte. 

Meine Ansicht über den Wert dieses Dokuments fand unmittel- 
bar nach dem Erscheinen meines Buchs eine überraschende Bestäti- 
gung durch die Veröffentlichung Gherardis^, der im Jahre 1848 im 
Palast der Inquisition die Protokolle der Generalkongregation des 
heiligen Offiziums mit Rücksicht auf Galileis Prozeß geprüft hatte. 
Unter diesen war der Bericht des Kardinals Bellarmin über den Vor- 
gang vom 26. Februar 1616, der durchaus mit meinen Schlüssen 
übereinstimmte. Der Kardinal berichtet, daß er Galilei ermahnt, 
seine Meinung aufzugeben, und daß Galilei sich dabei beruhigt habe. 
Das ist der Vorgang, wie er sich erwarten ließ und wie er in Überein- 
stimmung mit der Anordnung des Papstes vom 25. Februar statt- 
gefunden haben muß, wenn nicht — was niemand behauptet — , und 
Bellarmin verneint, Galüei der Mahnung gegenüber auf seiner Ansicht 
bestanden hat. 

Gherardi hat aus diesem Aktenstück, das er gleichfalls dem 
„Protokoll" vom 26. Februar gegenüberstellte, unter Berücksichti- 
gung des von Galilei produzierten Zeugnisses des Kardinals Bellarmin 
und der Verhöre von 1633 den bestimmten Schluß gezogen, daß 
das Protokoll vom 26. Februar als Fälschung zu betrachten sei. 
p. 42 : io m'ardisco prof erire : d'avere gia accumulati argomenti da 
vendere per provare, aUa gente di buona fede: „che la relazione tratta 
dal processo deve tenersi per alterata, contrafatta, falsata, fino dal 
tempo, principalmente, del pleno e vero processo di Galileo, 
cioe nel 1632—33. 



1 Darüber speziell M. Cantor, Zeitschrift für Math. u. Physik 1871, 
Literaturzeitung S. 1 — 9, vergl. meine Ausführungen in der ersten Abhand- 
lung gegen Friedlein, Zeitschrift für Math. u. Physik 1872, Literaturzeitung 
S. 12 f., wo ich die Authentizität der Gh.s Dekrete prüfe. 



— 303 — 

Gherardi hatte nichts von mir, ich nichts von ihm gewußt. Meine 
Schrift erschien im Juni 1870^, die seine im Juni und Juli desselben 
Jahres. Beide hatten wir im Laufe des vorhergehenden Jahres — 
Gherardi am 20. Mai in Bologna, ich in Hamburg — über die Resul- 
tate unserer Untersuchungen kleineren Kreisen Bericht erstattet. Für 
mich ist nach der Bestätigung durch das Gherardische Dekret Kr. 6 
ein Zweifel an der Wahrheit meiner Annahme, daß das Protokoll 
vom 26. Februar gefälscht sei, nicht mehr möglich gewesen. 

Ich übergehe die Diskussionen der folgenden Jahre, an denen 
ich nur durch die beiden Erwiderungen auf Friedleins Kiitik teil- 
genommen habe.^ 

1876 erschreckte mich das Erscheinen des Geblerschen Buchs", 
das mir in allem zustimmte, mich dabei bis auf den letzten Bluts- 
tropfen ausschrieb, und mir in der Schilderung des Prozesses auf 
Grund meiner Annahme zuvorkam, während ich doch in seiner Dar- 
stellung wichtiger Teile meiner Auffassungsw^ise durchaus Wider- 
sprechendes finden mußte. Durch die völlige Nichtberücksichtigung 
von Galileis Werken, speziell Unkenntnis der Dialoge, Beschrän- 
kung auf die Daten des Briefwechsels, der seinen eigentlichen Wert 
nur als Ergänzung der Werke gewinnen kann, erscheint Geblers 
schön lesbares Buch in vielen Beziehungen als Geschichtsdarstellung 
unhaltbar. Seine Ansicht in der Torturfrage wurde leider für mich 
die Veranlassung, längere Zeit an die Bearbeitung dieses abscheu- 
lichsten aller Zeitdiebe zu wenden. 

Unmittelbar vor der Veröffentlichung meines Buchs über die 
unglückliche Torturfrage erschien der Bericht Geblers über seine 
Vergleichung des Vatikanmanuskripts mit dem wichtigen Ergebnis, 
„daß sich der Verdacht einer nachträglichen Entstehung der ,, Auf- 
zeichnung" vom 26. Februar gegenüber der äußeren Beschaffenheit 
dieser Annotation als nicht stichhaltig erwiesen habe".* 

Gebier hatte bei dem vollständigen Abdruck der Akten, die er 



^ Das Vorwort des ,,Inq.-prozesses" ist vom Febr. 1870 datiert. 

2 Zeitschrift für Math. u. Physik 1872, 17. Jhg., Literaturzeitung p. 9ff., 
p. 81 ff. 

2 K. von Gebier, GaUleo Galilei und die römische Curie. Stuttgart 1876. 

* Gebier schreibt 15. XI. 1877: „eine Fälschung ist materiell un- 
möglich" (sie). 



— 304 — 

veröffentlichte, die unmittelbar vorher erschienene neue Ausgabe des 
selben Aktenhefts von Henri de L'Epinois^ benutzen können. Diese, 
die im übrigen der Geblerschen erheblich nachsteht, bot eine sehr 
wertvolle Ergänzung derselben in einer Reihe von Faksimiles, unter 
denen dasjenige der Aufzeichnungen vom 25. und 26. Februar 1616 
von höchstem Interesse war. 

Ich habe tatsächlich in diesem Faksimile, das mir in photo- 
lithographischem Abdi'uck vorlag, längere Zeit von dem Gesuchten 
nichts erkennen können. Als ich aber anfing, meine Aufmerksamkeit 
speziell auf die Stelle zu richten, wo der Wortlaut der Aufzeichnung 
vom 26. Februar mit der Wendung: ,,et successive ac incontinenti" 
den vöUig unerwarteten Inhalt einleitet, wurde ich mehr und mehr 
gewahr, daß die eben hier beginnenden drei letzten Zeilen des Blattes 
höchst eigentümlich abweichende Formen der Buchstaben in größerer 
Zahl, daneben mancherlei unverständliche Unreinheit an verschie- 
denen Stellen enthalten. So entstand die Vorstellung: diese drei 
letzten Zeilen stehen über und in den Trümmern einer älteren Schiif t ; 
der folgende größere Teil der Aufzeichnung auf dem darauffolgenden 
Blatte ist auf 1616 weiß gelassenem Papier nachträghch hinzu- 
gefügt. 

Eine umständliche Ausführung dieser Ansicht habe ich in auto- 
graphierter Mitteilung Freunden und Gegnern zugesandt. Wenn es 
bedenklich schien, solche Erörterungen auf die Photolithographie 
eines in unbekannter Weise gewonnenen Faksimile zu begründen, 
so rechtfertigte doch der Umstand, daß Abweichungen, Verkrüppe- 
lungen und unmotivierte Unreinheiten der Schrift, wie sie in den 
drei Zeilen des Faksimiles sich häuften, in andern Teilen desselben 
gar nicht oder durchaus vereinzelt gefunden wurden, die Annahme, 
daß dieser Sonderstellung der drei Zeilen des Faksimile eine ähn- 
liche Sonderstellung des gleichen Textes im Originahnanuskript 
entsprechen würde, daß insbesondere die wesentlichen Differenzen 
in den Buchstaben, die mir das Faksimile zeigte, von irgend etwas 
herrühren müssen, was auch im Original sich findet. 

Meine Ausführungen in Verbindung mit Äußerungen meiner Privat- 
briefe wurden von v. Gebier in der Augsburger Allgemeinen Zeitung 



^ Henri de l'Epinois, Les pieces du proces de Galilee (Roms et Paris, 
Palme) 1877. 



— 305 — 

ungenau A^iedei^egeben und gröblich verhöhnt.' Eine rein sachlich 
gehaltene Entgegnung schickte mir die Redaktion der Augsburger 
Zeitung als zur Aufnahme ungeeignet zurück. Ich habe nicht ver- 
sucht, sie anderweitig an die Öffentlichkeit zu bringen. 

Weit besser als ,, Freund" Gebier behandelte mich der ent- 
schiedene Gegner Henri de L'Epinois.^ Er bot mir zu weiterer Prüfung 
meiner Vermutung eine Originalphotographie der Aufzeichnungen vom 

25. und 26. Februar an und lud mich ein, bei seiner Anwesenheit 
in Paris im Herbst 1878 die in seinen Händen befindlichen Original- 
Kliches in Augenschein zu nehmen. 

Die Photographie, die ich Herrn de L'Epinois verdanke, zeigte 
mir, daß meine Annahme über das Verhältnis des photolithographier- 
ten Faksimile zum Original berechtigt war, obgleich mehrere der 
im ersteren wahrgenommenen Sonderbarkeiten und Unreinheiten in 
der Photographie sich nicht wiederfanden; die wichtigsten Abwei- 
chungen stimmten in beiden Reproduktionen annähernd überein, 
dazu kamen aber in der Photographie in überraschender Deutlichkeit 
namentlich unter dem Worte ,,constituto" Überreste anderer Buch- 
staben, die im Faksimile nicht vorhanden waren (und auch in der 
Photographie erst sichtbar wurden, nachdem ich eine zweifellos ab- 
sichtlich darüber gepinselte oder gewischte gelbliche Bedeckung 
beseitigt hatte). 

Ich bin dann zur Zeit der Pariser Ausstellung 1878 der Einladung 
des Herrn de L'Epinois gefolgt, habe bei ihm die Klischees gesehen 
und in denselben alles wiedergefunden, was mir in der Photographie 
meine Ansicht zu bestätigen schien. Ich habe auch Herrn de L'Epinois 
alle diese Einzelheiten gezeigt. Er hat mir zum mindesten nicht 
widersprochen und hat ebenso ohne Widerspruch mein Bedenken 
dagegen angehört, daß der größere Teil der Aufzeichnung vom 

26. Februar auf einem Blatte steht, das höchstwahrscheinlich im 
Jahre 1616 mit dem vorhergehenden nicht verbunden gewesen ist. 

Herr de L'Epinois hat mir dann angeboten, mich zu dem größten 
französischen Paläographen Delisle zu führen, damit ich diesem meine 
Hypothese vortrage. 



^ Augsburger Allgemeine Zeitung 25. — 27. Feb. 1878; ferner „Gegen- 
wart" 1878, Nr. 18, 19, 24, 25. 

- Revue des questions historiques 1878, p. 242 — 248. 
Wohlwill, Galilei. H. 20 



— 306 — 

Im guten Glauben an meine Sache bin ich darauf eingegangen. 
Ich habe aber bei dieser Gelegenheit erfahren, daß eine kurze Mit- 
teilung derart, wie sie in kurzer Zeit gegeben werden kann, da, wo 
jede Vorbereitung durch speziellere Kenntnis der Streitfrage fehlt, 
und mehr noch, wo, me es hier der Fall war, dem Vortragenden und 
seiner Sache nur mit geringem Vertrauen begegnet wird — nicht 
einmal zu verständiger Erörterung, geschweige zur Verständigung 
führen kann. Ich mußte mich darauf beschränken, Herrn Delisle 
zu sagen, aus inneren Gründen richtet sich ein Verdacht gegen die 
Echtheit der hier stehenden Zeilen; ich finde, daß die Beschaffen- 
heit der Schrift in eben diesen Zeilen den Verdacht bestätigt, und 
ihm dann die von mir bemerkten Einzelheiten zu zeigen. Herr Delisle 
fand dieselben vöUig unerheblich und wiederholte einmal über das 
andere: „je ne vois rien du tout." Seine Prüfung und Abweisung war 
so rasch, so wenig dem entsprechend, was ich von der Vergleichung 
eines Gelehrten ersten Kanges erw^artet hatte, daß ich, als Herr de 
L'Epinois vorschlug, nach dem Protokoll vom 26. Februar auch das 
Dekret vom 16. Juni 1633 vorzunehmen, sofort antwortete: „0 non 
merci!" 

Wie ernst Herr de L'Epinois selbst diese Verhandlung genommen 
hat, ergibt sich einigermaßen daraus, daß, als er bald darauf meine 
Abhandlung über das eben berührte Dekret vom 16. Juni 1633 Ivriti- 
sierte, er das absprechende Urteil Delisles ohne weiteres so anführt, 
als ob es meinen Vermutungen über dieses Dekret gegolten 
hätte. ^ 

Die Verhandlung mit Herrn Delisle hat mich in keiner Weise 
gefördert, in keiner Weise irreführen können. Weitere Aufklärung 
in der gleichen Richtung, wie ich sie schon dem gedruckten Faksimile, 
dann den Photographien entnommen, kam mir dagegen 

1. aus einer Mitteilung in der Magia Naturalis von I. Baptista 
Porta. Da Gebier sehr bestinmit erklärte, daß von Radierungen 
keine Spur im Original zu erkennen sei, die Reste einer früheren 
Schrift mir aber nicht minder bestimmt in den Reproduktionen ent- 
gegentraten, so mußte die Beseitigung des verschwundenen alten 
Textes in anderer Weise stattgefunden haben. Darüber gab Porta 
Aufschluß. Er klärt darüber auf, daß man zu seiner Zeit imstande 



1 Revue des questions historiques 1879, p. 223 — 232. 



— 307 — 

gewesen ist, auf chemischem Wege Schriftzeichen zu beseitigen und 
das Papier alsdann so zu bearbeiten, daß eine neue Schrift an die 
Stelle der alten gesetzt werden kann.^ Nun bedurfte ich der Radie- 
rungen nicht. 

2. Aus von Geblers Mitteilungen über die Verbindung der Blätter 
des Vatikanmanuskriptes. Es ging daraus hervor, daß der letzte 
entscheidende Teil des Protokolls vom 26. Februar 1616 auf einem 
Blatte steht, das für diesen Zweck höchstwahrscheinlich zu dieser 
Zeit nicht zur Verfügung gestanden hat und unter allen Umständen 
in der Art dieser Benutzung ein neues Verdachtsmoment bietet. 

Meine früheren Wahrnehmungen in Verbindung mit der histo- 
rischen Belehrung durch Porta und dem Aufschluß v. Geblers über die 
Zusammenfügung der einzelnen Dokumente zum Aktenheft gewährten 
mir die Möglichkeit, eine in sich konsequente und klare Ansicht über 
den Modus der Fälschung auszubilden. Meine Photographie enthielt 
genug, um in mir die Richtigkeit dieser Ansicht zur Gewißheit zu 
erheben. Aber es bedurfte der Vergleichung des Originals, um jeden 
Zweifel über den Wert der Photographie für die Beurteilung zu be- 
seitigen und außerdem durch den Augenschein die Anordnung der 
Teile der Aufzeichnung vom 25. und 26. Februar im Aktenheft noch 
genauer kennen zu lernen, als die Angaben der Berichterstatter ge- 
statteten. Dazu habe ich im Oktober und November 1891 bei einem 
Besuch im geheimen Archiv des Vatikans Gelegenheit gehabt. Ich 
fasse nun zusammen, was sich mir im Zusammenhang mit den früheren 
Wahrnehmungen und Betrachtungen bei der Prüfung des Original- 
manuskripts der Aufzeichnungen vom 25. und 26. Febniar 1616 
ergeben hat. 

Schon im ersten unvollständigen Abdruck der Akten, den de 
L'Epinois herausgegeben hat, fand sich die Angabe, daß die Aufzeich- 
nungen vom 25. und 26. Februar 1616 auf zwei Seiten aufeinander- 
folgender Blätter eingetragen sind. Auf meine Anfrage teilte mir 
schon damals Herr de L'Epinois mit, daß — mit den Worten: „Totius 



^ Porta, Magia Naturalis, Francof . 1597; lib. XVI. De ziferis cap. XI. 
p. 567: aperi epistulam supra speculum vitreum cui desit bracteola, supra 
epistolam pone albam chartam, sub vitro lumen — — — , atramentum 
tempera ad similitudinem scripti, et supra apparentes characterum ductus 
lineas ducito. 

20* 



— 308 — 

congi'egationis" beginnend — der größere Teil der Aufnahme vom 
26. Februar auf der Vorderseite des zweiten Blattes (988) stehe, das 
vorhergehende auf der Rückseite von Blatt 987. 

Aus von Geblers Mitteilungen über die Verbindung der Blätter 
des Aktenheftes war alsdann der weitere Aufschluß zu entnehmen, 
daß die beiden aufeinanderfolgenden Blätter nicht ursprünglich mit 
einander verbunden gewesen sind. Das zweite, mit 988 (379) bezeich- 
nete Blatt gehört nämlich zu einem aus sechs Bogen bestehenden 
Heft, auf dessen ersten Blättern das Verhör des Denunzianten Caccini 
eingetragen ist; speziell ist 988 das achte Blatt, das heißt das zweite 
des fünften Bogens, dessen erste Hälfte (Blatt 966) das vorletzte der 
für jenes Verhör benutzten Blätter ist. Zvrischen den nach dem Ab- 
schluß des Verhörs übrigbleibenden Blättern sind andere zum Prozeß 
gehörige Aktenstücke eingeheftet und zwar zwischen dem sechsten 
und siebenten Blatt vier Briefe, zwischen dem siebenten und achten 
zwei Briefe, zwei vom Florentiner Inquisitor übersandte Kopien 
von Zeugenverhören, alsdann die der Begutachtung der Konsul- 
toren unterworfenen Thesen über die copernicanische Lehre und 
endlich ein Bogen, auf dessen erster Seite die gutachthche Entschei- 
dung und die Unterschrift der theologischen Konsultoren der Inqui- 
sition zu lesen sind. Auf der vierten Seite eben dieses eingehefteten 
Bogens findet sich die Aufzeichnung vom 25. Februar 1616 und der 
Anfang derjenigen vom 26., deren Fortsetzung und Schluß dann 
auf einem Blatte des verbindenden Heftes folgen. 

Die Art der Registrierung über die Vorgänge vom 25. und 
26. Februar, die sich auf diese Weise ergibt, ist eine sehr auffällige. 
Aus der Bezifferung der Seiten des Aktenhefts — dieselbe umfaßt 
die Zahlen 950—992 — ersieht man ohne weiteres, daß die Akten 
des ersten Galileischen Prozesses ursprünglich den Bestandteil einer 
größeren Sammlung gebildet haben; für diesen Zweck, wie überhaupt, 
um einer zuverlässigen Aufbewahrung willen, mußten die unzusammen- 
hängenden Dokumente durch Heftung zum Ganzen verbunden werden. 
Wann wird das geschehen sein? Antwortet man ohne Rücksicht auf 
den vorliegenden FaU, so vdrd man als wahrscheinlich bezeichnen 
müssen, daß es frühestens nach dem Abschluß des Prozesses geschah; 
man heftet in wohlüberlegter Ordnung eine abgeschlossene Sammlung 
von Papieren, aber man befestigt nicht Brief nach Brief oder Urkunde 
nach Urkunde, \Nie sie einlaufen und vollzogen werden, z^^'ischen 



— 309 — 

den Blättern eines fertigen Heftes. Nimmt man an, daß demgemäß 
auch mit den Akten von 1615/16 verfahren, daß also nicht das am 
24. Februar jedenfalls noch freie Blatt, am 25. oder 26. durch Ein- 
nähen an seinem jetzigen Platze befestigt worden ist, so war am 
26. Februar die Einlage, auf deren letzter Seite das Protokoll von 
diesem Tage beginnt, mit dem Blatte, auf dem es fortgesetzt und 
zu Ende geführt wird, in keiner Weise verbunden. Es wäre also die 
Fortsetzung auf einem Blatte des vorhandenen Aktenheftes nur ein- 
getragen in der bestimmten Erwartung, daß vor demselben die Ein- 
lage durch Einnähen später befestigt werden würde. Ein solches 
Eintragen im Hinblick auf die später zu bewerkstelligende feste 
Verbindung der Blätter entspricht sicherlich anderweitig üblichen 
Verfahrungsweisen nicht wesentlich besser als das regelmäßige Ein- 
nähen jedes frisch einlaufenden Dokuments an geeignet erscheinen- 
der Stelle der Aktensammlung. Denkbar bleibt immerhin, daß in 
der einen oder der andern ungewöhnhchen Weise das eigentümlich 
geteilte Ganze, das uns vorKegt, ordnungsmäßig, also im Jahre 1616, 
zustande gekommen wäre. Daß aber diese befremdende, erdenklichem 
Zweck nicht entsprechende Weise der Teilung und Verbindung auch 
in den beiden Aktensammlungen des Vatikanmanuskripts ausschheß- 
lich an einer Stelle vorkommt, die um ihres Inhalts willen der Fäl- 
schung dringend verdächtig ist, daß es gerade der an sich unglaub- 
liche Befehl im Munde des Inquisitionskommissars ist, den wir in so 
völlig außergewöhnlicher Weise registriert finden, muß demjenigen, 
dem die Unglaub Würdigkeit der Aufzeichnung außer Frage steht, 
sofort als weitere Bestätigung des Verdachts erscheinen: Wir sehen 
den größeren Teil des unglaubhaften Inhalts auf einem Blatte ein- 
getragen, das bei gewöhnlicher Registrierungsweise im Jahre 1616 
für diesen Zweck gar nicht zur Verfügung stand. 

Was in dieser Beziehung v. Geblers Notizen über die Verbindung 
der Blätter des Vatikanmanuslvripts zu entnehmen war, läßt sich bei 
dem Zustande der Handschrift, wie ich ihn im Oktober 1891 vor- 
gefunden habe, durch den Augenschein nicht mehr bestätigen. Aus 
dem Aktenheft in papierenem Umschlag, wie es von Gebier beschreibt, 
ist ein kräftiger Pappband geworden, das Werk des Buchbinders 
hat den Untersuchungen über die Verbindungsweise der Aktenstücke 
ein Ziel gesetzt. Von den breiten Überresten weggeschnittener Blätter, 
deren Gebier gedenkt, ist ein Teil beim Binden völlig verschwunden. 



— 310 — 

Mit Sicherheit in irgendeinem Falle zu erkennen, welche getrennten 
Blätter Teile desselben Bogens sind, welche Blätter zwischen denen der 
größeren für die Verhöre benutzten Hefte eingeschaltet sind, ist mir 
nicht möglich gewesen, und ich glaube nicht, daß es anderen ohne 
Zerstörung des Einbands möglich sein wird. Es wüi-den daher bei 
der Erörterung von derartigen Fragen auch fernerhin die Angaben 
von Geblers über die Verbindung der Blätter zugrunde zu legen sein. 
Diese Angaben sind in allen Einzelheiten von Berti bestätigt. Daß 
sie in völlig zuverlässiger Weise wiedergeben, was der Zustand 
der Handschrift im Frühjahr 1877 zu erkennen gestattete, darf als 
verbürgt betrachtet werden. Was insbesondere die hier in Betracht 
kommenden Blätter 987 und 988 (der ältesten Numerierung) betrifft, 
so hat ihre Verbindung mit andern Blättern des Aktenheftes für von 
Gebier den Gegenstand besonders aufmerksamer Nachforschungen 
gebildet. Er führt das (oben benutzte) Ergebnis als entscheidenden 
Beweis dafüi' an, daß die Blätter 987 und 988 schon 1616 vorhanden 
gewesen, also keinesfalls später eingefügt sind, und bedient sich dieser 
Wahrnehmung in seiner Beweisführung gegen die Annahme der 
Fälschung; man wird also seiner Angabe den Wert eines unverdäch- 
tigen Zeugnisses nicht absprechen. 

Auffälliger noch als durch diese Angaben erscheint die Verteilung 
der Aufzeichnung vom 26. Februar 1616 auf zwei aufeinanderfolgen- 
den Blättern, wenn man sie im Aktenheft selbst vor Augen hat. Man 
erkennt auf den ersten Blick, daß die erste Seite völlig ausreichenden 
Kaum für das ganze Protokoll geboten hätte, wenn nicht der Notar, 
statt die ganze unbeschriebene Seite zu benutzen, seine Aufzeichnung 
nur wenig oberhalb der Mitte begonnen hätte. Sagen wh- es ohne 
Umschweife: der Anfang der Aufzeichnung an eben dieser Stelle 
entspricht der Vorausberechnung des Baumes, wie er bei üblicher 
Schreibweise für die päpstliche Anordnung vom 25. Februar und für 
einen Berieht über den Vorgang vom 26. genügt hätte, sofern derselbe 
nicht anders verlief, als er nach der JVIitteilung des Kardinals Bellarmin 
tatsächlich verlaufen ist; und der Notar, der auf der unbeschriebenen 
Seite die obere Hälfte unbenutzt ließ, hat offenbar, als er zu schreiben 
begann, ein weiteres nicht gekannt und nicht erwartet. Daß er auf 
eine Mitbenutzung des folgenden Blattes, auch wenn es ihm zur Ver- 
fügung gestanden hätte, nicht rechnet, veranschaulicht überdies die 
zunehmende Zusammendrängung, die ungleich engere Folge der 



— 311 — 

Zeilen und der Buchstaben auf der ersten Seite im Vergleich mit der 
bequemen Ausbreitung der Fortsetzung auf dem oberen Teil der 
zweiten. Auf den gleichen Raum von drei Zentimeter kommen auf 
Seite 987'' fünf Zeilen, auf 988^ nur vier; die Länge der Zeilen in dem 
auf 987^ registrierten Teil der Aufzeichnung vom 26. Februar beträgt 
16,2—19 Zentimeter (von den beiden oberen abgesehen, 16,2—16,6), 
in der Fortsetzung auf 988'' 15—15,5 von der obersten abgesehen 
15 cm), die Zahl der Buchstaben pro Zeile auf der ersten Seite 50—60, 
auf der zweiten 39—49. 

Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß überdies der Abschluß der 
Aufzeichnung auf der letzten Seite eines Bogens, zu dessen Inhalt 
dieselbe in näherer Beziehung steht, nicht nur mit dem, was wir aus 
allgemeineren Gründen rationell nennen, sondern auch mit der Regi- 
strierungsweise, wie sie in den beiden Aktenheften des Galileischen 
Prozesses als die übliche oder doch ausnahmslos geübte erscheint, 
im besten Einklang stehen würde. 

Auch die räumliche Verteilung auf den beiden Seiten entspricht 
demnach dem Verdacht, daß ein älterer Wortlaut teilweise durch 
einen inhaltlich abweichenden ersetzt und dann auf dem zweiten 
früher unbeschriebenen Blatte in erforderlicher Weise ergänzt 
worden ist. 

Die Frage, ob dieser Verdacht zunächst der Handschrift des 
zweiten Blattes gegenüber haltbar erscheine, muß m. E. unbedingt 
bejaht werden. Hat eine Fälschung stattgefunden, so darf man an- 
nehmen, daß dabei, um die Täuschung zu ermöglichen, die Ver- 
meidung irgendwie auffälliger Abweichungen von den Schriftzügen 
des verbundenen ersten Blattes erstrebt worden, daß man also nach 
besten Kräften eben diese Vorlage nachgeahmt hat. Die gestellte 
Frage kann also nur den Sinn haben: Geht die offenbar vorhandene 
Ähnlichkeit der Schrift auf beiden Seiten über das hinaus, was durch 
geschickte Nachahmung zu erreichen ist? 

Schriftkundige mögen entscheiden. Ich glaube, daß es unmög- 
lich ist, mehr als eine allgemeine durch Nachahmung zu erzielende 
Übereinstimmung zu behaupten. Diese war wesentlich dadurch 
erleichtert, daß eine nicht geringe Zahl von Worten auf beiden Seiten 
vorkommt, bei der Nachbildung also ohne jede Übertragung der Buch- 
staben zu kopieren war. Die Zahl solcher Worte war höchstwahr- 
scheinhch noch größer zu jener Zeit, als der ursprüngliche Text der 



— 312 — 

ersten Seite noch unverändert vorlag, ganz abgesehen davon, daß 
in andern Teilen der Aktensammlung ein größerer Vorrat von 
Worten in den Schriftzügen der Protokollisten von 1616 zur 
Verfügung stand. ^ j\Iit der mehr oder minder großen Übereinstim- 
mung bei diesen beiderseits vorkommenden Wörtern hängt der all- 
gemeine Eindruck der iÜmlichkeit der Schrift zusammen. Sie ist 
ähnlich, aber sie erscheint doch nicht als dieselbe. Von dem scharf 
ausgeprägten Charakter der Schrift auf Folio 987 weichen beispiels- 
weise das Congreg.^^* der ersten, die Stelle als con ipsü procedetur 
in der vierten, das pntibus ibide der sechsten, das Cypri et Augusti 
der siebenten Zeile von Fol. 988 nicht unerheblich ab. 

Dazu kommen generelle Verschiedenheiten. Ich hebe hervor 
(zum Teil nach der Autographie von 1877): 

1. Die durchschnittliche Verschiedenheit in der jN'eigung der 
Buchstaben gegen die Linie der Schrift. Folio 987 (378) gewährt 
den Gesamteindruck einer mehr schrägen, Folio 988 (379) den einer 
mehr steilen Schrift. Die genauere Vergleichung ergibt, daß bei aller 
Mannigfaltigkeit der Neigungen der einzelnen Striche auf beiden 
Blättern die Melirzahl der starken graden Striche auf dem zweiten 
von der Senkrechten ungleich weniger abweichen als die entsprechen- 
den auf dem ersten Blatte. Es würde nicht schwer sein — wenn man 
die Zeit daran wenden wollte — für dieses Verhältnis der Schrift auf 
beiden Seiten einen nach Maß und Zahl bestimmten Ausdruck zu 
gewinnen. Der Unterschied tritt sehr bestimmt hervor, wenn man die 
korrespondierenden Striche solcher Buchstaben verlängert, die sich 
auf beiden Seiten und an verschiedenen Stellen der ersten wieder- 
holen. Man vergleiche (s. ilbb. 1) in solcher Weise den Hauptstrich 
des P in dem viermal vorkommenden oponem oder opinionem, alle 
Buchstaben des gleichfalls viermal vorkommenden supradictus und 
insbesondere den starken Strich im G des viermal auf der ersten, 
einmal auf der zweiten Seite vorkommenden Galileus. Auch ohne 
Messung erkennt man, daß sich kein G der ersten Seite dem wesent- 
lich abweichenden der zweiten soweit nähert wie das — ohnehin 
verdächtige — auf Zeile 2 von unten. 



1 Ich bin der Meinung, daß das Verhör des Pater Caccini von der Hand 
desselben Notars herrührt ^vie die Aufzeichnung vom 25. Febr. und der Anfang 
des Protokolls vom 26. 



Wühhvill, Galilei. II. 









\ aus 
Fol. 987 



J 



♦^yi^^K-vfu-«i'nÄ 



aus 

Fol. 988 



\ aus 
Fol. 987 

c^^^^^ aus Fol. 987 

vorletzte 
Zeile 

^^Ji^^^^. aus Fol 988 



Abbildung 1 



C7^ , r/^T ■ aus 



\^yyruro^JiJf 



aus 
Fol 988 



"^ aus Fol. 987 



^ aus Fol 988 



<^ 



Abbi/dung 2. 



Die Schriftproben stellen Photographien dar, die den Facsimiles de l'Epinois' 
fs. S. S04) entnommen sind. 



Verlag von Leopold "Voss, Leipzig. 



— 313 ~ 

Die Bedeutung der hervorgehobenen Verschiedenheiten ist ein- 
leuchtend. Die durchschnittliche Neigung der Schrift entspricht bei 
einer festen Hand ohne Zweifel einer gewissen Gewohnheit des Schrei- 
benden, von der Abweichungen nur in beschränktem Maße und vor- 
zugsweise bei getrennten Schriftstücken vorkommen. Der Fall, daß 
in dem ersten und zweiten Teil derselben amtlichen Aufzeichnung 
oder gar desselben Satzes auf zwei unmittelbar einander folgenden 
Seiten bei sauberer Schrift Verschiedenheiten wie die hier vorliegen- 
den zu erkennen wären, wd kaum jemals vorkommen. 

Ist kein Irrtum, was ich bei oft wiederholter Vergleichung ge- 
funden zu haben glaube, daß die Schrift des ProtokoUisten im Ver- 
hör des Pater Caccini mit der des größeren Teils der Aufzeichnungen 
auf Folio 987 identisch ist, so bestätigt die durchgehends hervor- 
tretende gleichartige und mit Folio 987 übereinstimmende schräge 
Schrift dieses ProtokoUisten die Annahme, daß die Abweichung auf 
988 keine zufällige ist. 

Gebier und andere haben behauptet, die Abweichung in der 
Neigung der Schrift könne durch eine Änderung in der Lage des 
Papiers hervorgerufen sein. Ich glaube, daß jeder, der in dieser Be- 
ziehung eine feste Gewohnheit sich angeeignet hat, durch den Ver- 
such sich überzeugen wird, daß ein solcher Einfluß der Lage des Buchs 
entweder gar nicht oder nur in äußerst geringem Maße besteht, daß 
insbesondere nie bei jemand, dessen Schrift gewohnheitsgemäß schräge 
ist, durch solche äußere Veranlassung Schriftstücke Zustandekommen 
werden, die deutlich den Charakter der steilen Handschrift zeigen. 
Ich bewahre als Ergebnis eines Experiments in dieser Beziehung 
ein Schriftstück, das Professor Cantor in Heidelberg auf meinen Wunsch 
bei sehr verschiedenen Lagen des Papiers aufgesetzt hat. Professor 
Cantor war damals in der Hauptsache nicht meiner Meinung, aber 
der Winkel seiner Schrift ist in vier verschiedenen Lagen des Papiers 
genau der gleiche geblieben. 

Ich betone, daß ich nur von durchschnittlicher Neigung oder 
von derjenigen rede, die bei so vielen Buchstaben vorkommt, daß 
durch dieselbe der Charakter der Schrift sich bestimmt; man braucht 
nicht lange zu suchen, um neben dieser Mehrzahl auch auf Folio 987 
steilere, auf Folio 988 schrägere Striche zu finden; in sehr eigentüm- 
licher Weise stimmen auch in bezug auf die Neigung der Striche 
einige beiderseits vorkommende Worte überein, so die Worte sol sit. 



— 314 — 

mundi, et imobilis, et terra moveatur, S, Offieii, testibus, und doch 
ist auch hier Verschiedenheit, die mit Nachahmung zusammen- 
hängen kann, ersichtlich. 

2. Der einfachen Schreibweise des Notars auf dem ersten Blatte 
entspricht es, daß auch die langausgezogenen Buchstaben oder die 
am Schlüsse der Worte befindlichen über das allgemeine Gleichmaß 
imr ausnahmsweise hinausgehen, und daß in Übereinstimmung damit 
auch die sehr häufig vorkommenden Abkürzungskurven ihrer Mehr- 
zahl nach vom Anfang bis zum Ende in beinah gleicher Stärke 
verlaufen; nur in einzelnen Fällen erkennt man in der etwas zu- 
nehmenden Breite am Schlüsse des Bogens den Druck, den der Schrei- 
bende ausgeübt. Dagegen finden sich auf Folio 988 in den lang- 
gezogenen Buchstaben und Abkürzungszügen fast ausnahmslos der 
zweite Teil der Kurve erheblich — bis zum vierfachen des ersten — 
verstäi'kt, und nur vereinzelt treten die gleichmäßig gezogenen Ab- 
breviaturen auf; dieselben sind überdies in der Regel erheblich größer 
als bei gleichen oder ähnlichen Buchstaben auf FoHo 987 und treten 
in dieser zwiefachen Abweichung viel anspruchsvoller aus dem Rahmen 
der übrigen Schrift hervor.^ 

Ich bin der Meinung — und andere haben mir das Gleiche aus- 
gesprochen, ehe ich mich ihnen gegenüber geäußert hatte — , daß 
die hier hervorgehobene Abweichung in der Schreibweise auf Folio 
988 vorzugsweise der Annahme entspricht, daß hier die gleichartigen 
Schriftzüge der ersten Seite nachgeahmt sind. 

Es fragt sich nun, ob die sichtlich vorhandene Ähnlichkeit über 
das' Maß dessen hinausgeht, was durch geschickte Nachahmung 
zu erreichen ist, oder ob die Älmlichkeit so groß ist, daß sie Identität 
der Handschrift erweist und dadurch gegenüber dem gewichtigen 
Argument, das in der Verbindung beider Blätter und der Außergewöhn- 
hchkeit der Registrierungsweise liegt, in Betracht kommt, wobei vom 
unwahrscheinlichen Inhalt abgesehen werden darf. Sobald anerkannt 
ist, daß die Ähnlichkeit durch Nachahmung zu erreichen war, also 
von Seiten der Handschrift hier ein ausschlaggebender Widerspruch 
nicht vorhanden ist, treten die übrigen Argumente mit verdoppelter 
Kraft in die Schranken, und entscheidend als Beweis der Fälschung 



^ S. die beiden immobiles, dazu das i für in auf Abb. 2. Die entsprechen- 
den Kvirven sind durchweg auf fol. 988 größer; vgl. auch das Zeichen für quod. 



— 315 — 

erscheint dann die Beschaffenheit der drei letzten Zeilen der 
ersten Seite. 

Die drei letzten Zeilen von Folio QST". 

Ich nehme an, daß hier der ursprüngliche — mit Gherardis 
Dekret übereinstimmende — Text beseitigt und durch den jetzt 
vorhandenen ersetzt ist. Die Beseitigung durch Radierung ist, wie 
mich der Augenschein belehrt hat, so gut wie ausgeschlossen; das 
Papier ist sehr dünn, daß nirgends durchscheinende Steilen sind, 
hat schon von Gebier gesagt. Aber man bedurfte der Radierung 
nicht. Johann Baptista Porta lehrt in der zweiten Ausgabe seiner 
Magia Naturalis Lib. XVI. de ziferis cap. X pag. 565 e papyro literas 
abstergere und dann aliquid in absterso loco scribere. 

Sein Verfahren, wörtlich eingehalten, wird schwerlich ohne 
besondere Kunstgriffe zum Ziel führen. Aber das Prinzip ist aus- 
reichend. Es wird durch Säure mit einem Pinsel die Tinte beseitigt, 
dann das Papier an der betreffenden Stelle neu geleimt. Daß Porta, 
um Mißbrauch zu verhüten, unvollständig beschreibt i, scheint aus 
der Vorrede pag. 544 hervorzugehen. Jedenfalls ist sein Verfahren 
leicht so zu modifizieren, daß der gewünschte Erfolg — speziell ohne 
Zerstörung des Papiers — erreicht wird, ohne daß dabei Mittel in 
Anwendung kämen, die dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht zu 
Gebote standen. 

Ich habe nach einigen Vorversuchen das folgende Verfahren 
brauchbar gefunden: Ich bestreiche die (mit Gallustinte hergestellte) 
Schrift mittelst einer Federfahne mit einer Mischung aus konzen- 
trierter Salzsäure (1,19 spez. Gew.) und dem gleichen Volumen Wasser, 
wiederhole dies bis nahe zum Verlöschen der Schrift, ziehe dann 
das Papier (oder den betreffenden Teil desselben) durch dieselbe 
Säure unter gleichzeitigem Bestreichen mit der Gänsefederfahne, 
übergieße dann A^iederholt mit Wasser, um die Säure zu beseitigen 
und trockne in mäßiger Wärme; dann ziehe ich durch eine Mischung 
von Alaun und Leim, tropkne, behandle nochmals mit der Leim- 
mischung und trockne nochmals. Es ist dann das Papier zum Be- 
schreiben völlig geeignet. 

Das Maß der Wirkung der Säure hängt (abgesehen von ihrer 
Stärke und Art) von der Beschaffenheit des Papiers, der Schrift 



^ Vielleicht weiß er auch unvollständig. 



— 316 — 

usw. ab; sie ist zuweilen so vollständig, daß kein Überrest zu erkennen 
ist. In anderen Fällen bleiben mehr oder minder teils mit schwacher 
Tintenfärbung sichtbare Schriftrückstände, teils völlig entfärbte Ein- 
drücke im Papier. Reste von beiderlei Art sind durch die neue Schrift 
an gleicher Stelle der Wahrnehmung zu entziehen, indem sie entweder 
geradezu überschrieben oder für die neuen Buchstaben mit verwertet 
werden. Im letzteren Falle werden — da die neue Schrift nur aus- 
nahmsweise an gleicher Stelle die gleichen Buchstaben gebraucht, 
durch Verbindung der neuen mit den alten abweichende Formen 
der Buchstaben resultieren. Es werden neben den neuen Buchstaben 
nichtverständhche Striche und Anhängsel bleiben und es können 
endlich, wenn nicht genau die gleiche Linie der Schrift eingehalten 
wd, oder, wie das naturgemäß vorkommt, die Lücken zwischen 
den Worten der zweiten Schrift nicht mit denen der ersten zusammen- 
fallen, in den Lücken Buchstaben sichtbar und namentlich durch die 
Photographie wahrnehmbar werden, die für den neuen Zusammenhang 
bedeutungslos sind. Es hängt dies alles damit zusammen, daß die 
Säure zwar die Tinte mehr oder minder vollständig wegnimmt, aber 
die Eindrücke der Feder im Papier erhalten bleiben und deshalb 
überall da gesehen werden, wo sie stark genug sind und die neue Schrift 
sie nicht bedeckt. Aus der Natur des Verfahrens geht hervor, daß 
zwar durch Überreste der bezeichneten drei Arten die stärksten 
Indizien für die vorgenommene Veränderung gewonnen werden können, 
daß aber in der Regel eine auch nur teilweise Wiedererkennüng der 
älteren Schrift bei einiger Vorsicht und Geschicklichkeit des Fäl- 
schers ausgeschlossen bleiben wird. Die Eigentümlichkeit des Ver- 
fahrens bedingt ferner, daß Fälschungen dieser Ait der Wahrnehmung 
vollständig entgehen, wenn nicht auf die Schrift der betreffenden 
Stelle speziellste Aufmerksamkeit verwandt wird.^ 

Meine Forschung in Rom hatte die Aufgabe, festzustellen, ob 
das, was an Überresten der bezeichneten Art die Photographie zu 



^ Ob mittelst geeigneter Behandlung, vielleicht Bestreichen mit GaUäpfel- 
auszug die alte Schrift wieder herzustellen ist, bleibt zu untersuchen; denkbar 
ist, daß durch Säure und Waschung auch das Eisen vöUig entfernt ist, dann 
ist Wiederherstellung durch Gerbsäure nicht zu erwarten, aber Eisen- 
chloridlösung wird wahrscheinlich immer teilweise durch Papier 
zurückgehalten. 



— 317 — 

bieten schien, im Original übereinstimmend vorhanden war, ferner 
weitere durch die Photographie nicht reproduzierte feinere Einzel- 
heiten aufzufinden. In beiden Beziehungen hat der Erfolg meinen 
Erwartungen entsprochen. 

Ich verzeichne demnach im folgenden: 

1. Abweichende Formen der Buchstaben in den letzten drei 
Reihen von Folio 987. 

2. Mit der gegenwärtigen Schrift nicht zusammenhängende Buch- 
stabenreste und Schriftzeichen. 

3. Rückstände der früheren Schrift an unbeschriebener Stelle, 
die, weil vollständig entfärbt, nur bei besonderer Aufmerksamkeit 
als eingraviert in der Handschrift wahrzunehmen sind. 

1. a) Der untere Teil des ersten s— in der drittletzten Zeile — in 
successive, der bis in das 111.°^° der zweiten Reihe hineinreicht; das 
Original zeigt hier deutlich einen nach unten gehenden Buchstaben, 
den ich als ein p ansehe. 

b) Der Anfang des Wortes m."^*^ — in der vorletzten Zeile — ; 
der vorderen Kurve des großen I entspricht nichts in den beiden Formen 
des sonst noch sechsmal auf gleicher Seite vorkommenden Wortes 
und der Schreibweise des I in dem Verhör des Caccini, sie ist unver- 
ständliche Zutat. 

c) Das durch den großen Klecks verdeckte D vor Card." ist D 
überhaupt nur in der Möglichkeit; in den vier Fällen, wo außerdem 
noch Ulm. D. Card, vorkommt, hat der Buchstabe D ungefälu* die 
dreifache Ausdehnung, ist überdies jedesmal mit dem darauffolgenden 
Card.^'^ verbunden, was hier nicht nur fehlt, sondern unmögKch ist. 
Der Schein eines D entsteht eigenthch nur dadurch, daß das Wort 
zwischen 111.™" und Card'', nur Domino sein kann. 

Im Original findet sich da, wo wir den Hauptkörper des D zu 
sehen glauben, nichts als ein ovales Loch, dem links ein schräger für 
das D verwendbarer Strich anhaftet; der rechts anhaftende, aufwärts 
führende Strich, den die Photographie deutlich zeigt, hat keinen 
rechten Sinn. 

d) Das große P vor Comiss.^ ist kein P, wie es irgendwo sonst 
vorkommt; es ist weit eher ein L. Die Verdickung in dem Haupt- 
strich hat etwas Künstliches. 



— 318 — 

e) Die drei ersten Buchstaben des pred.**' und das Herausfallen 
derselben aus der Linie der Schrift; man vergleiche das in gewisser 
Beziehung ähnliche Pred, vorletztes Wort der fünfletzten Zeile. 

f) Das p des pnti (zweites Wort der letzten Zeile), die unregel- 
mäßig verdickte Abkürzungskurve vor dem p kommt nirgends ähnlich 
vor und hat im Zusammenhang der sonstigen Schreibweise keinen 
Sinn. 

Diesen sechs durch keine Deutung zu beseitigenden Abweichungen 
schließen sich als minder erheblich in der vorletzten Reihe das C 
des Card.^^ mit gebrochener Kurve und das Co des Comiss^ an. Beide 
Zeichen könnten so vorkommen, kommen aber nicht vor, dazu das 
S'°' drittletztes Wort der letzten Zeile. 

2. Mit der gegenwärtigen Schrift nicht zusammenhängende Buch- 
stabenreste und Schriftzeichen. 

a) Das schon unter 1. a) hervorgehobene p-artige Zeichen am 
und unter dem s des successive. 

b) In einer Senkrechten liegende Punkte, die mitten durch das 
erste 1 des .111.'"° (zweite Zeile) gehen. 

c) Damit zusanmienhängend (nur in der Photographie sichtbar) 
ein v-artiges Zeichen, das unterhalb der Buchstaben das I des I1I.™° 
mit dem zweiten 1 zu verbinden scheint, schwach sichtbar. 

d) Am C des Card.^' ein nur in der Photographie sichtbarer vom 
C zum a laufendei Sfcrich mit Schlußverdickung am a, der den" unteren 
Teil des C als größeres erscheinen läßt. 

e) Soviel ich nachträglich sagen kann, nur in der Photographie 
sichtbar ein o-artiges Oval im oberen Teil des p von pred.^ und Teile 
eines schräg nach unten führenden Strichs im p und i desselben 
Worts. 

f) Neben dem unteren Teil des s in successive und dem ganzen 
jll mo vorzugsweise verdächtig die deutlich sichtbaren Buchstaben 
und Zeichen im und unter dem constituto der letzten Zeile, ganz wie 
die Photographie sie aufweist; am deutlichsten ist der das erste o 
durchschneidende, nach unten links sich ausbreitende p-artige Buch- 
stabe. Minder verständlich, aber deutlich vorhanden sind die von 
n nach unten und links nach oben abgehenden Striche, eine Ab- 
zweigung nach unten an dem st und Halb verloschenes unter dem u. 

g) Ein kommaartiger Strich am zweiten et. 



— 319 — 

3. Nur im Original sichtbare, fast verloschene Rückstände an 
unbeschriebener Stelle. 

a) Ganz deutlich wahrnehmbar, wenn man sie erst gefunden, 
zwei Buchstaben, die den Raum zwischen Comiss.^ und pred.**^ der 
vorletzten Zeile ausfüllen; ich habe immer ce gelesen, Prof. Quidde 
hat nur das e erkannt. 

b) An das t im et vor successive anschließend, und zwar unter- 
halb des wagerechten Striches, drei schräge Striche, die dem ui eines 
an dieser Stelle möglichen cui entsprechen. Ich habe sie, nachdem 
ich sie am ersten Tage aufgefunden, jederzeit wiedersehen können. 
Prof. Quidde hat sie nicht gesehen. Die Photographie läßt sehr 
schwach hinter dem t an eben derselben Stelle zwei Striche und eine 
schwache Verbindung derselben wahrnehmen. Die Beschaffenheit 
der Stelle, wie ich sie sehe, entspricht derjenigen, wie sie bei völliger 
Beseitigung der Tinte entsteht, wenn man nichts weiter als die rück- 
ständigen Eindrücke der Feder wahrnimmt. Die Beseitigung der 
Tinte ist hier noch weiter gegangen als bei dem ce zwischen Coihiss.^ 
und predto. 

Wird bei den Zeichen und Überresten der di-ei besprochenen 
Arten eine rationelle Deutung außerhalb der Fälschungshypothese 
schwerlich Raum finden, so hat man für die beiden ganz unleser- 
lichen Worte in der zweiten Hälfte der letzten Zeile aller- 
dings eine Lesart angenommen, die in den Zusammenhang der ge- 
fälschten Registrierung paßt, und es ist ja auch nicht zweifelhaft, 
daß beim Schreiben oder Umschreiben dieser Worte die Absicht 
bestanden hat. Hierhergehöriges zwischen die vorhergehenden und 
folgenden Worte zu setzen. Tatsächlich ist aber die Schrift an 
dieser Stelle zerstört. Man sieht mehr Löcher als Buchstaben und 
die Worte proprio nomine sind reine Kombination. Daß auch hier 
ursprünglich anderes gestanden, wird insbesondere durch den Buch- 
staben angedeutet, der zurzeit das S™* vor D. N. Pape herstellt. 

Mit der Entdeckung dieser Überreste ergibt sich, daß die ver- 
dachterregenden Zeichen genau an derselben Stelle beginnen wie 
der verdächtige Inhalt. Die Zeichen an dem et und dem s des successive 
machen sehr glaublich, daß an dieser Stelle gestanden: 

Cui praecepto Galileus acquievit et parere promisit. Weder 
diese bestimmten Worte noch die folgenden lassen sich mit Sicherheit 
rekonsti'uieren ; auch bleibt möglich, daß für einzelne der verkrüppelt 



— 320 — 

erscheinenden Buchstaben und der anderweitigen Abweichungen Be- 
lege in Schriftstücken der gleichen Hand aufgewiesen werden; andere 
könnten durch Zufall entstanden sein. Aber für die Gesamtheit der 
hier zusammengestellten Einzelheiten wird man weder eine Analogie 
finden, noch eine zufällige Entstehungsweise annehmen können; die 
halbverloschenen bestimmt erkennbaren, mit der vorhandenen Schrift 
in keiner Weise zusammenhängenden Buchstaben, die Keste zwischen 
den abgeschlossenen Worten, die Mehrzahl der oben bezeichneten 
Buchstabenformen deuten unwidersprechlich auf die Beseitigung 
einer früher an gleicher Stelle vorhanden gewesenen Schrift. Die 
Annahme der chemischen Bearbeitung der Schrift und des Papiers 
erklärt ebensowohl die Erscheinungsweise dieser Rückstände, wie 
das Vorhandensein reinlich geschriebener Worte, an denen nichts 
Fremdes haftet und das Fehlen anderweitiger Spuren der Manipu- 
lation namentlich im Zustande des Papiers. 

Daß so zahlreiche Indizien auf dem beschi'änkten Raum der 
drei Zeilen sich finden, gegen deren Inhalt die stärksten Verdachts- 
gründe vorhanden waren, als man von all diesen äußeren Zeichen 
noch nichts wahrgenommen hatte — beseitigt den letzten Zweifel 
an der Tatsache der Fälschung. 

Diejenigen, die wie Berti^ annehmen, es ist geschehen, was 
das Protokoll behauptet, lassen unter anderm unerklärt und be- 
trachten vielmehr als unerheblich, ja selbstverständlich, daß hier 
etwas geschieht, wozu gar keine Veranlassung war, und was dem 
Verfahren gegen die Schrift des Copernicus offenbar widerspricht, 
kurz, daß vom allgemeinen Beschluß zu Galileis Nachteil abgewichen 
wird. Daß man 1632 ein solches Geschehen als Abweichung betrachtet, 
geht aus der Forderung, den Befehl bei Erlangung der Zensur vor- 
zuzeigen, unwidersprechlich hervor. Für die Abweichung war Ver- 
anlassung — si recusaverit parere, sonst nicht. Wer, wie Reusch^ 
annimmt: es ist nicht geschehen — sagt nur: die Richter benutzten 
völlig leichtfertig ein wertloses, seinem Inhalte nach unglaubhaftes 
Dokument, das — wie auch zustandegekommen — ihren oder anderer 
Leute ZwTcken entsprach. 



^ Dom. Berti, II processo originale di Galileo Galilei, Roma 1876, 
p. CVIIsq. 

- Hist. Zeitschr. 34 (1875), p. 121 ff., bes. p. 133 ff. 



— 321 — 

B. Ergebnisse meiner Untersuchungen über moderne Fälschungen, 

speziell des examen de inten tione im Vatikanmanuskript des 

Galilei sehen Prozesses. 

Ich habe 1877 in meiner Schrift: „Ist Galilei gefoltert worden?" 
die Behauptung verteidigt, daß ein Beweis gegen die Folterung den 
Akten, insbesondere dem Verhör de intentione vom 21. Juni 1633 
nicht entnommen werden könne, weil man bezweifeln dürfe, daß das 
Protokoll über dieses Verhör, so wie es uns vorliegt, ursprünglicher 
und unverfälschter Bestandteil der Akten ist. Ausgangspunkt dieses 
Zweifels war der nicht wegzu diskutierende Widerspruch des Schluß- 
satzes, demgemäß der Richter sich auf Androhung der Tortur be- 
schränkt hätte, mit dem Wortlaut der Sentenz; der letztere war authen- 
tisch, die Differenz forderte genaueste Prüfung, ob das Gleiche für 
das Verhör als verbürgt zu betrachten sei.^ Es sind anscheinend gering- 
fügige Formalitäten, die ich damals als bedenkenerregend hervor- 
gehoben habe; ich muß heute sagen: was mich leitete, war weniger 
ein vollständiges Wissen über das, was im Gebrauch der Inquisition 
vorkommt, als ein bestimmtes Gefühl, daß die Ausdrücke, wie sie 
in dem Protokoll sich voranden, diesem Gebrauch rationellerweise 
nicht entsprechen könnten; ich witterte Unordnung, weil Marinis 
Angaben (Ist Galilei gefoltert worden? 86—88) geradezu dazu zwangen, 
an Unordnung zu denken. 

Unter den drei Punkten, auf die ich hingewiesen habe, erschien 
mii- als weitaus der wichtigste die Anfangswendung: Galileus de 
Galüeis Florentinus, de quo alias. Man kann die Sache wenden, 
wie man wiU, alias bedeutet: an anderer Stelle; und hier fand sich 
die Verweisung auf die andere Stelle mitten in einem Aktenheft 
(oder wenn man will, am Schlüsse desselben), das ausschließlich 
Galileis Prozeß umfaßt, in jeder Linie auf ihn Bezug nimmt, ja 
Seite an Seite neben dem päpstlichen ,,Dela'et" vom 16. Juni, das 
mit den Worten Galilei de Galileis de quo supra^ beginnt; ich war 
der Meinung, daß man eine Bezugnahme auf räumlich so naheliegende 
Dokumente nicht durch die Worte de quo alias ausdrücken würde, 
daß vielmehr dieses alias auf eine andere Umgebung hindeute, in 



1 Vergl. Ist G. gefoltert worden ? 103 u. f. 

- „N. N., de quo supra" heißt es in den Eingangsformehi sämtlicher 
Formulare des examina de intentione, die Wolynski zusammenstellt. 

Wohlwill, GaUlei. II. 21 



— 322 — 

der sich das Protokoll vom 21. Juni 1633 ursprünglich befunden habe 
und für die in Walirheit das Hauptaktenheft des Galileischen Pro- 
zesses ein alias gewesen wäre. Ich konnte mich darauf berufen, daß 
bei den Verhören im Hauptprozeß, die durch Zwischenräume von 
18 und 10 Tagen getrennt sind, der Angeklagte nach der ersten Ver- 
nehmung stets als supradictus Galileus oder Galileus, de quo supra 
eingeführt wird; wenn nun gleichermaßen fünf Wochen nach der 
letzten Vernehmung das päpstliche Dekret vom 16. Juni wiederum 
mit den Eingangsworten Galileus, de quo supra reproduziert wird — 
war es dann glaublich, daß das Protokoll über das Verhör vom 22., 
das als Ausführung eben dieses Dekrets vom 16. betrachtet werden 
will und auf dasselbe sich ausdrücklich bezieht, in völlig neuer Wen- 
dung begomien hätte: „Galilei, von dem an anderer Stelle" (die 
Rede ist), wenn es von vornherein ebenda gelegen hätte, wo es heute 
liegt? 

Bewiesen war damit freilich das „anderswoher" nicht, auch dann 
nicht, wenn ich imstande gewesen wäre, aus einer großen Zahl von 
Prozessen den regelmäßigen Gebrauch des „de quo supra" in ähn- 
lichem Zusammenhange nachzuweisen; ein einziges wohlverbürgtes 
de quo alias in einer Anwendung, die der Stellung des Verhörs vom 
22. Juni unzweideutig entspricht, während doch ein anderer Ort 
der Aufbewahrung nicht in Frage kommen kann, würde meine Argu- 
mentation über den Haufen werfen. Bis jetzt hat niemand einen 
solchen Gegenbeweis geliefert. Wolynski^ hat uns versichert, che 
apesso nei processi del S. Officio abbiamo letto questa espressione; 
daß das Wort alias vorkoiiunt, hat niemand bezweifelt, aber Wolynski 
hat von den Fällen, die ihm zu Gebote stehen, keinen einzigen namhaft 
gemacht, so darf man zweifeln, ob sie beweisen, worauf es ankommt. 

Für meine Annahme spricht überdies, daß Galüei in den Eingangs- 
worten des Verhörs von neuem als Florentinus eingeführt wird; der 
gleiche Zusatz findet sich ordnungsgemäß neben den übrigen Per- 
sonalien im ersten Verhör, aber, ^ie gleichfalls begreiflich, in keinem 
der folgenden und in keiner der zahlreichen anderweitigen Regi- 
strierungen des Aktenhefts; er ist verständlich im Eingang eines 
Protokolls, das außerhalb dieses Aktenheftes, vielleicht unter ähn- 



^ Arturo Wolynski, Nuovi Documenti inediti del processo di Galileo 
Galilei, Firenze 1878, S. 96. 



— 323 _ 

liehen Verhören anderer Inquisitoren bewahrt wird. Ich habe ferner 
darauf aufmerksam gemacht, daß in der Schhißwendung des Pro- 
tokolls der Gebrauch der Worte in executionem decreti ohne weitere 
Bezeichnung dieses Dekrets, ohne Datum und ohne Nennung der 
Kongregation, die es erlassen, ungewöhnlich sei; ich kenne sehr zahl- 
reiche Anwendungen derselben Formel, keine, bei der in solcher 
Weise von „dem Dekret" geredet wird. Meine Gegner haben keine 
Schwierigkeit darin gesehen, mich auf die unmittelbare Nachbar- 
schaft des Dekrets im Aktenheft zu verweisen, und doch gleichzeitig 
das de quo alias selbstverständlich zu finden. Sie haben die Ansicht, 
daß die Bezugnahme auf ein kurz vorher registriertes Dekret nach 
dem Gebrauch der Inquisition regelmäßig in der vorliegenden Weise 
erfolge, durch kein Beispiel belegt. 

Ich habe endlich am Schlüsse das juramentum silentii vermißt; 
dagegen ist mit Recht gesagt, daß auch bei Überreichung der Ver- 
teidigung am 10. Mai 1633 ein solcher Eid nicht auferlegt wird; die 
Fälle sind sehr verschiedener Art, aber meine Monitur hätte nur Wert, 
wenn ich von einer festen Regel, die verletzt ist, reden könnte. Das 
kann ich nicht. 

Es blieben der Abweichungen genug und genügende, um für 
wahrscheinlich zu halten, daß das Protokoll vom 21. Juni nachträg- 
lich — von anderer Stelle her — zu den Akten gebracht sei, und 
daß man bei der Übertragung statt einer Fortsetzung, die mit dem 
Wortlaut der Sentenz in Einklang stand, den jetzt vorhandenen 
Schluß, der ihr widerspricht, hinzugefügt habe; auch die Unter- 
schrift Galileis konnte dann freilich nicht echt sein. 

In dieser Auffassung hat mich die Ausfüllung der Rückseite 
des zweiten Blattes bestärkt. Der ursprünglichen Angabe von de 
L'Epinois gemäß folgt hier dem Verhör de intentione vom 21. Juni 
zunächst eine Reproduktion der päpstlichen Dekrete vom 30. Juni, 
durch deren erstes die Versendung und Veröffentlichung der Sentenz 
verfügt Avird, während das zweite Galilei Siena zum Aufenthalt 
anweist. Den Dekreten schließt sich alsdann eine notarielle Auf- 
nahme über den Akt an, durch den Galilei von dieser letzteren Ent- 
scheidung in Kenntnis gesetzt wurde. Dem Inhalte nach völlig außer 
Zusammenhang mit dem unmittelbar vorhergehenden abschließenden 
Verhör, schienen diese Registrierungen demselben doch räumlich in 
ähnlicher Weise angefügt, wie dies bei Aufzeichnungen verwandter 

21* 



— 324 — 

Art im Hauptakteiiheft des Galileischen Prozesses vielfach der 
FaU ist. 

Daß daraus weder die Echtheit dieser Registrierungen, noch weiter 
durch diese die Echtheit des Schlußsatzes des Verhörs de intentione 
zu entnehmen ist, daß vielmelir der Verdacht verstärkt erscheint, 
habe ich umständlich erörtert: Ist Galilei gefoltert worden?, beson- 
ders 107—109 und 112. ^ Die Veröffentlichung von de L'Epinois im 
Jahre 1877- verbesserte die frühere Angabe^: die erste der beiden 
fremdartigen Registrierungen beginnt nicht erst auf der Rückseite 
des zweiten Blattes, sondern auf der Vorderseite unmittelbar unter 
der eigenhändigen Unterschrift Galileis unter dem Protokoll vom 
21. Juni. Nur noch auffälliger und überdies auch äußerlich noch 
weniger im Einklang mit dei üblichen Weise derartiger Registrierungen 
erschien demgemäß die Eintragung des Dekrets vom 30. Juni und 
der darauffolgenden Notifikation auf eben diesem Blatte. Auch der 



^ Die zwischenliegende Erörterung über das Dekret betr. die Verweisung 
nach Siena (109 — 112) ist irrtümlich. Nach dem Bericht NiccoHnis vom 
3. Juli, tiberreicht mit s. Brief an Gal. vom 2. Juli*, erwartet man, daß der 
formelle Befehl vom 2. Juü** irgend etwas Anderes, Weitergehendes enthalten 
werde, als das Dekret vom 30. Juni, wie es auf p. 453^ und 454^ steht; das 
ist aber nicht der Fall. In allen dreien ist nur von einer Vorstellung beim 
Erzbischof die Rede. 

Die Sache scheint mir heute*** darauf hinauszukommen, daß der Papst 
seine Nachgiebigkeit oder Niccolini seine Bemühungen übertreibt. Es ist 
von vornherein beschlossen, daß Gal. sich dem Erzb. vorstellen und ihm 
gehorchen soU; eines weiteren, anderen Beschlusses bedurfte es nicht, auch 
wenn der Papst gestattet, daß G. bei ihm wohne. 

Meine Ansicht, daß das Dekret vom 30. Juni (453"") mit dem Bescheid 
der Rückseite der Bittschrift nicht übereinstimme und demgemäß auch 
innerlich unecht sein müsse, ist unhaltbar. Ich war irregeführt durch 
die Auslassung des se presentet conam Arch. bei de l'Epinois und 
Berti. Aber die Beseitigung dieses Einwands gegen das Dekret, das Gal. 
nach Siena verweist, ändert nichts an der Wahrscheinlichkeit einer späten 
Eintragung der beiden Dekrete und des Scheinprotokolls auf 453^. 

- Les pieces du proces de Galilee. Rome, Paris 1877. 

^ Mein Nachwort vom Sept. 1877 p. X: „Ist Galilei gefoltert worden?" 
S. IX— XI. 

* Campori 358. 
** Karl von Gebier, Galileo GaUlei und die römische Curie, Bd. II p. 115. 
*** 6. Sept. 91 . D. Herausgeber. 



— 325 — 

Text der dreifachen Registrierung, die wir bis dahin nur dem Inhalte 
nach kannten, wurde 1877 publiziert, und noch deutlicher trat die 
Unangemessenheit des Orts für eben diesen Inhalt zutage. Dazu 
kam die weitere, bis dahin nicht bekannte IS'otiz, daß das zweite 
der beiden Blätter, also eben dasjenige, auf dem der entscheidende 
Abschluß des Protokolls mit Galileis Unterschrift steht, und nach 
dieser die beiden Registrierungen, durch eine Nummer bezeichnet 
ist, die sich auf dem nächsten Blatte wiederholt, daß hier zwei mit 
453 numerierte Blätter aufeinanderfolgen. ^ Es fand sich also hier, 
an eben der Stelle, wo wh- um der Anfangsworte willen eine Einschie- 
bung vermuten mußten, ein Zeichen, das gewissermaßen den Vorgang 
dieser Einschiebung auch äußerlich dokumentierte: Das entschei- 
dende Blatt mit Galileis Unterschrift und den befremden- 
den Anhängen erschien als ein überzähliges. Gewiß, es kann bei 
solcher Wiederholung der Zahl auch ein reiner Zufall walten, es 
kann auch ein „Irrtum in der Numerierung" zufällig an dieser bedenk- 
lichen Stelle stattgefunden haben; daß ein solcher ZufaU gerade bei 
dem zweiten Blatte des von ,, anderswo" hergebrachten Protokolls 
sich einstellte, war jedenfalls beachtenswert. 

Eine weitere Aufklärung gab sehr bald darauf von Gebier. Er 
beseitigte die Hypothese der nachträglichen Einfügung ursprünglich 
an anderer Stelle untergebrachter Blätter; denn seiner Angabe nach 
waren die beiden Blätter 452 und 453 a zweite Blätter von Bogen 
des Hauptaktenheftes, in dem Galileis frühere Verhöre eingetragen 
sind und zwar zusammenhängend mit den Blättern 414 und 413; 
es konnte demgemäß 453a kein überzähliges Blatt sein; die AVieder- 
holung der Nummer war schlechthin ein „Fehler in der Paginierung". - 

Konnten aber die beiden Blätter nicht als eingefügt betrachtet 
werden, so war darum doch das Zeugnis der Anfangsworte nicht zu- 
gleich aus dem Wege geräumt; vielmehr war nun erst recht das 
„anderswo" für ein an dieser Stelle ursprünglich eingetragenes Schrift- 
stück unverständlich. Fand, wie in höchstem Grade wahrscheinlich, 
eine feste Verbindung der verschiedenartigen, zu den Akten gehörigen 



^ In der ersten Ausgabe sagt de l'Epin. ganz gemütlich Fol. 454'" 
demande de Galilee, während schon Marini 453 hat. 1877 sagt er: il y a denx 
folios 453. 

- Zugegeben, nicht bewiesen! Denn die feste Verbindung der 
Blätter ist nicht bewiesen, so lange sie nicht in Zweifel gezogen ist. 



— 326 — 

Dokumente mit dem Hauptheft der Verhöre, und die entsprechende 
Numerierung erst nach dem Abschluß des Prozesses statt, so folgte 
das Verhör vom 21. Juni unmittelbar auf die Verteidigung vom 10. Mai 
oder das zugehörige kurze Protokoll, es war daher für denjenigen, 
der das Protokoll vom 21. Juni schrieb, kein Grund vorhanden, sich 
durch die schlimmstenfalls lose zwischenliegenden Gutachten an 
einer einfachen Bezugnahme auf das, was auf gleichem Bogen vorher- 
ging, durch das gewöhnliche de quo supra hindern zu lassen ; wurde — 
^vie schwer zu glauben ist — das Einnähen an passender Stelle 
sofort nach dem Eingang der Dokumente vorgenommen, so folgte 
um so gewisser das Verhör vom 21. unmittelbar auf das Dekret 
vom 16. Daraus folgt, daß, wenn nicht die Blätter, doch der Inhalt 
derselben „anderswo" hergenommen und auf die Seiten des alten 
Aktenheftes übertragen war; das Protokoll war also kein Original, 
sondern eine Kopie, und kopiert war auch die Unterschi'ift Galileis, 
da diese aber allen Beschreibungen nach mit der Original-Unterschrift 
Galileis übereinstimmt, so ist die Kopie Fälschung, und der Verdacht, 
daß in dem vorhergehenden Protokoll bei der Abschrift auch Teile 
des Originals Veränderungen erlitten, andere beseitigt worden sind, 
erscheint in erhöhtem Maße berechtigt. Verständlicher erscheint als 
Bestandteil einer berechneten Fälschung auch die weitere Ausfüllung 
des Blattes 453 a unmittelbar nach der Unterschrift Galileis. Man 
braucht nur zu hören, wie de L'Epinois und Gebier das Vorhanden- 
sein dieser Anhängsel verwerten. Es beweist ihnen endgültig, daß das 
Verhör, das uns vorliegt, keine Fortsetzung haben konnte — wo 
hätte sie stehen sollen? 

Es beweist das — wenn die Anhängsel echte und ursprüngliche 
Aufzeichnungen sind; sind sie das nicht, so konnten sie hinzugefügt 
sein, um eben das zu leisten, wofür man sie heute in Anspruch nimmt. 

Daß sie eingeschoben sind, folgt ohne weiteres, wenn aus dem 
de quo alias in Verbindung mit Geblers Aufklärungen richtig gefolgert 
wird, daß im Vatikanmanuskript nur eine, mindestens in der Unter- 
schrift gefälschte, Abschrift des Verhörs vom 21. Juni uns vorliegt. 

Verdächtig w^aren diese Aufzeichnungen auch ohne Kücksicht 
auf Bedenken gegen das Protokoll. Mcht allein, daß sie abweichend 
von allen übrigen Annotationen ähnlicher Art, sich nicht andern 
Dokumenten verwandten Inhalts räumlich anschließen, daß sie, 
die chronologische Ordnung verletzend, der Bittschrift vorangestellt 



— 327 — 

sind, dip zu dem in ihnen enthaltenen päpstlichen Bescheid Veranlas- 
sung gibt — es enthält auch speziell die zweite dieser Aufzeichnungen 
eine Antizipation desjenigen päpstlichen Beschlusses, der überdies 
ordnungsmäßig auf der Rückseite von Seite 454 im Anschluß an die 
Bittschrift eingetragen ist: der Verweisung Galileis nach Siena. 
Eine derartige Wiederholung des gleichen Inhalts von der Hand 
desselben protokollierenden Notars, eine Entstehung beider, zum 
Teil gleichlautender Annotationen, wie die Überschrift 30. Juni 1633 
uns glauben machen will, am selben Tage oder auch nur in kurzen 
Zwischenräumen nacheinander hat etwas außerordentlich Unwahr- 
scheinliches. ^ Sie hat mich in dem Glauben bestärkt, daß der Inhalt 
des ganzen Blattes Produkt der Fälschung sei. Dem ist nun freilich 
von Gebier mit der bestimmten Behauptung entgegengetreten, daß 
„die Schrift der Aufzeichnung vom 16. Juni 1633 — von Gebier 
sagt es nicht, meint aber unzweifelhaft die Aufzeichnung auf Folio 
453a, nicht die gleichlautende auf 454 — genau dieselbe 
Hand zeige, wie die Annotationen vom 16. Juni 1633, 30. und 
9. Dezember 1632 und vom 23. September 1632". In einer Anmerkung 
fügt er hinzu: ,,wir referieren hier selbstverständlich nicht etwa aus 
dem Gedächtnisse", und schließt dann: „schon allein angesichts dieses 
materiellen Umstandes erscheint die WohlwiUsche Fälschungshypo- 
these völlig unhaltbar." 

Ich erinnere mich nicht, in von Geblers Schriften und Aufsätzen 
irgendwo die weitere Behauptung gefunden zu haben und finde sie 
auch jetzt beim Suchen nicht: daß das Protokoll vom 21. Juni 1633 
von derselben Hand geschrieben ist, wie die früheren Ver- 
höre^, auch Berti^ und de L'Epinois haben das, soviel mir bekannt, 
nicht behauptet; ich weiß daher auch nicht, worauf Grisar* sich stützt, 
weim er schreibt: „auch hier wieder fällt der Umstand entscheidend 
mit in die Wagschale, daß die Schrift des Verhörs genau die Hand 
jenes Notars aufweist, der die vorher und nachher vorkommenden 
Eintragungen in den Aktenband vornahm." 



^ Grebler hat diese Schwierigkeit unberücksichtigt gelassen. 

^ Grisar, nicht Gebier, hat behauptet, daß die Handschrift des Ver- 
hörs die der andern sei. 

^ Dom. Berti, II processo originale di Gal. Galilei, Roma 1876. 

* H. Grisar, Galileistudien. Regensburg, New York und Cincinnati 
1882. p. 99. 



— 328 — 

Wenn das wahr und erwiesen wäre, müßte man freilich alle ent- 
gegenstehenden Umstände als weitaus überwogen ansehen und die- 
selben nur zu den mannigfachen unerwarteten Eigentümlichkeiten 
rechnen, die Inquisitionsverfahren und InquisitionsprotokoUierung uns 
darbieten. 

Meine Wahrnehmungen über das Protokoll des Verhörs 
de intentione in der Originalhandschrift. 

Der erste Eindruck war ein eigentümlich unheimlicher. Die 
Schrift ist tiefschwarz, aber durchgehends von einem breiten dunkel- 
braunen Saum oder Hof umgeben; da auch von der Rückseite her 
die Bräunung bis zur Vorderseite durchdringt und umgekehrt auch 
von den vorhergehenden und folgenden Seiten vielfach brauner Ab- 
druck sich bemerklich macht, so bleibt verhältnismäßig wenig un- 
gefärbtes Papier übrig; die Bräunung erscheint, wenn ich nicht irre, 
stärker als auf den meisten andern Blättern der Handschrift, weil 
der Schreiber auf den größten Teil des Blattes 452 die Rückseite 
in der Weise benutzt, daß die Linien derselben nicht mit denen der 
Vorderseite zusaimnenfallen, sondern ungefähr in der Mitte zwischen 
denselben parallel verlaufen; so decken sich auch die braunen Höfe 
der beiden Seiten nicht, erfüllen dafür aber, da sie durchdringen, um 
so größeren Raum. Der Eindi-uck ist unzw^eifelhaft der einer alten 
Schrift, oder ist es wenigstens mir auf den ersten Blick gewesen, 
und daran hat sich bis zuletzt nichts geändert ; doch gilt das bestimmt 
nur von der Tinte. Die Schriftzüge haben nicht den ausgeprägten 
Charakter einer alten Handschrift wie andere Teile des Vatikan- 
manuskripts. ^ 

Außer Frage ist, daß die Handschrift dieses letzten Verhörs 
nicht die der vorhergehenden vom 12. Aprü, 30. Juni und 10. Mai 
ist, der, wenn ich nicht irre, auch der Sunto an der Spitze des Akten- 
hefts zugeschrieben werden muß, sondern von dieser sich auf das 
bestimmteste unterscheidet; die Handschrift vom 21. Juni ist gleich- 
falls bestimmt verschieden von derjenigen der notariellen Aufzeichnung 
vom 2. Juli, die unten auf 543 r^ beginnt und auf 453 v*^ fortgesetzt 
wird. (Als bezeichnend für die Schreibweise dieser letzteren ist mir 
aufgefallen, daß [453 v*^ Zeile 6] hier r. p. d geschrieben ist, wo sonst 
ohne Ausnahme R. P. D. gefunden wird.) 

^ Darüber wird man verschiedener Meinung sein können. 



— 329 — 

Da nun im Verhör vom 21. Juni das in meique und in der Auf- 
nahme vom 2. Juli das praesente mc Notario bezeugt, daß in beiden 
Fällen der Notar der Inquisition protokolliert und die Formel in 
meique ebenso in den früheren Verhören vorkommt, so müssen — wenn 
die Aufzeichnungen Originale sind — kurz nacheinander mindestens 
drei Notare der Inquisition für die Protok(jlIierung in Galileis Prozeß 
beschäftigt gewesen sein, deren jeder nur durch seine Handschrift 
sich selbst und damit den Inhalt seiner Aufzeichnungen legitimiert. 
Betrachtet man von Geblers Angaben über die Verbindung der Blätter 
als feststehend, so hätten demgemäß drei Notare auf demselben, 
die Blätter 453-' und 413 zusammenfassenden Bogen das Protokoll 
geführt, und diese drei Personen wechseln nicht etwa auch sonst 
in ihrer Tätigkeit ab, sondern ausschließlich in diesem einen Fall, 
denn, soviel ich sehen konnte, finden sich die Handschriften des 
Protokollisten vom 21. Juni und des Notars vom 2. Juli im Vatikan- 
manusla-ipt ausschließlich auf den Blättern 452 und 453 '\ 

Eine vierte, wiederum von den übrigen durchaus verschiedene 
Handschrift, zeigten zwischen dem Verhör und der Notifikation die 
beiden mehrfach besprochenen Deki-ete. Es war von besonderem 
Interesse, festzustellen, ob die Reproduktionen päpstlicher Entschei- 
dungen an dieser Stelle der gleichen Hand zugeschrieben werden 
dürfen, von der nach von Gebier vom 23. September 1632 an fast 
sämtliche im Verlauf des Prozesses ergangenen päpstlichen Dekrete 
im Aktenheft eingetragen sind. Von Gebier hat es mit allem Nach- 
druck behauptet und diesem Umstand gegenüber meine Vermutungen 
über den Wert des Blattes 453-' als unhaltbar bezeichnet. Nun findet 
sich aber auf Blatt 454, dem zweiten der Galileischen Bittschrift, 
unter dem Datum 30. Juni 1633 eine Notiz über die Verweisung 
nach Siena, die im wesentlichen mit dem zweiten Deki'et gleichen 
Datums auf fol. 453(a)r^ übereinstimmt. Es war nicht anzunehmen, 
daß die beiden Aufzeichnungen gleichen Inhalts von demselben 
Schreiber herrühren, und deshalb wenig wahrscheinlich, daß sie der 
Handschrift nach sich der gleichen Reihe angehörig erweisen würden. 
Wie also stand es mit der Handschrift des Duplums, der Notiz auf 
dem zweiten Blatte der Bittschrift? 

Ein Blick entschied. Die Handschrift an dieser Stelle stimmt 
aufs vollständigste mit der leicht erkennbaren der übrigen Dekrete 
überein; die Dekrete auf fol. 543 zeigen dagegen im bestimmtesten 



— 330 — 

Widorspruch mit der an^:eblich entscheidenden Notiz von 
(ieblers diese Handschrift nicht; sie sind von einer Hand fijeschrieben, 
die — soviel ich sehen konnte - bis zu diesem Blatte in dem Akten- 
heft überhaupt nicht vorkoniml. und an späterer Stelle nur noch 
ein zweites Mal auf fol.ölU'' fjjefundcii wird. Ks ist demnach von den 
beiden «jjleichlautenden Kegistrierungen über die Verweisung nach 
Siena diejenige, die wir in üblicher Weise auf der Kückseite der Bitt- 
schrift finden, von derselben Hand geschriebeji, wie alle gleichartigen 
Aufzeichnungen des Aktenhefts, diejenige, die in allen Beziehungen 
an ungeeigneter Stelle eingeschoben erscheint, von einer Hand, die 
man als fremde bezeichnen kann, und die es, wie wir sehen werden, 
darum nicht weniger ist, weil sie noch ein zweites Mal vorkommt.^ 

So findet sich auf Blatt 453 a unter den drei voneinander ab- 
weichenden Handschriften keine, die auch nur wahrscheinlicher- 
weise einem bis dahin bei der Konzipierung des Aktenheftes beteiligten 
Notar oder Schreiber zugi^schrieben werden könnte. 

Als einer vierten ungleichartigen Handschrift auf demselben 
Blatte gedenke ich kurz derjenigen, die in der Unterschrift Galileis 
unter dem Protokoll vom 21. Juni schon früher eine besondere Auf- 
merksamkeit in Anspruch genonmien hat. Die Älmlichkeit mit den 
übrigen Unterschriften Galileis ist unverkennbar; von auffälligehi 
Zittern habe ich nichts merken können; etwas der Art läßt sich höch- 
stens „im ersten Strich des zweiten G" und in dem etwas schief 
geratenen p des deposto finden, ein wenig in dem vorhergehenden ho, 
gar nicht im übrigen Namen und in di sopra; undeutlich ist das come, 
man liest com oder cone. Die Schrift zeigt, mit den übrigen_ Unter- 
schriften verglichen, besonders dicke Striche und wie das vorher- 
gehende Protokoll vorzugsweise schwarze Tinte. Man könnte sie für 
echt halten, wenn das, was vorhergeht und folgt, zum Zweifel keine 
Veranlassung böte. 

Für die weitere Charakteristik desselben Blattes füge ich als 
bisher nicht beachtete Tatsache hinzu, daß die Bezifferung ersicht- 
lich nicht von derselben Hand herrührt, wie die der vorhergehenden 
und nachfolgenden Blätter mit Einschluß des zweiten mit 453 be- 
zeichneten. Man braucht nur die bezifferten Ecken dieser Blätter 



* Wie die Handschriften der beiden Aufzeichnungen sich zueinander 
verhalten, zeigt das Faksimile bei de L'Epinois 534 v". 



— 331 — 

ncbent'iuandor zu halten, um sofort aus der Vielzahl gleichartiger 
die eine vöUiu abweiehende Ziffer an dieser Stelle herauszufinden: 
es ist daher auch nicht zulässi«;:, wie Gebier L^'tan hat, die Paninierunj; 
übfT deni zweiten Blatte 453 fehlerhaft zu finden; wie immer das 
Blatt mit dem Protokoll vom 21.. Juni an seine Stelle «(ekommer 
sein möfje - die liezifferunj; ist unzweifelhaft eine spätere, nachträg- 
lich eingefügte, während die auf dem folg<'nden Blatte die ältere, 
ursprünglich vorhandene ist. Ich unterlasse nicht, zu bemerken, 
daß es sich bei der hier betonten Verschiedenheit nicht um gering- 
fügige Abweichungen handelt, wie sie auch an andern Stellen der 
Akten zu Zweifeln Veranlassung geben, ohne deshalb bestimmtere 
Schlüsse zu rechtfertigen. Niemand, der die beiden aufeinander- 
folgenden 453 vergleicht, wird Gleichzeitigkeit der Numerierung auf 
beiden Blättern für glaubhaft halten.* 

Ob derselbe, der das Blatt numeriert, es an diese Stelle gebracht 
hat, ist nicht ohne weiteres zu entscheiden. Aber hervorheben darf 
ich die dreifache Folge der Wahrnehmungen. Ehe äußere Kenn- 
zeichen mitgeteilt waren, habe ich erkannt: dies Blatt ist fremd- 
artig, es selbst oder sein Inhalt ist eingefügt, gehört nicht hierher; 
dann kommt de L'Epinois und erwähnt die wiederholte Nummer: 
es ist also auch der Bezifferung nach überzählig, und nun zeigt sich: 
die Handschrift auf ihm ist eine dreifach verschiedene, und alle drei 
Handschriften finden sich hier zum erstenmal — überdies ist die 
Bezifferung von fremder Hand eingefügt, als die des vorhergehenden 
und folgenden Blattes bereits vorhanden war. 

Also auf dem Blatte, das man mit gutem Grund für 
echt hält, die Numerierung in der gewöhnlichen Weise, 
das Dekret, das hier an seinem Platze ist, in der gewöhn- 
lichen Handschrift; auf dem Blatte, das um des Inhalts 
willen verdächtig ist, die Numerierung eingeschoben in 
völlig abweichender Schrift, das Dekret, das hier durchaus 
außerhalb seines Ortes ist, von völlig unbekannter Hand. 

Dem allen gegenüber würde (iebler wiederholen: aber die beiden 
Blätter sind mit dem ersten und zweiten des Verhörs vom 12. April 

' Möglicherweise könnte die Handschrift der Ziffer 453 •' mit der der 
unteren Numerierung übereinstimmen. 



— 332 — 

als elftes und zwölftes ursprünglich verbunden! Und da das zweite 
Blatt des ersten Bogens eben das verdächtigte, spät numerierte 
453" ist, so nuiß es gleichzeitig mit den übrigen Blättern des Haupt- 
hefts vorhanden gewesen sein; die Numerierung möge man erklären, 
wie man wolle. 

Doch nur dann, ist darauf zu erwidern, wenn Veränderungen 
ausgeschlossen sind. Es ist vielleicht unmöglich, den bestimmten 
Modus solcher Veränderungen anzugeben, aber sehr schwer, sie selbst 
dann als ausgeschlossen zu betrachten, wenn man sie nicht mit dem 
Finger zeigen kann. 

Ich halte für denkbar, daß 452 ursprünglich nicht beschrieben, 
453'*, wie viele andere Blätter, abgeschnitten war, so daß in gehöriger 
Ordnung das erste Blatt der Bittschrift als 453 folgte; das Protokoll 
wurde dann später auf 452 eingetragen, auf einem Blatte, das dem 
Überrest des beseitigten angeklebt wurde, fortgesetzt. Daß die Mani- 
pulation des Anklebens bei geschickter Ausführung notwendig sicht- 
bare Spuren hinterlassen mußte, läßt sich nicht behaupten. Meine 
im Vatikan geschriebene Notiz lautet: 

„ob das Blatt 453* nicht hinten auf ein abgeschnittenes geklebt 
ist? Es sieht so aus, aber nur in der ]\Iittc." 

Die Frage ist nur, ob die Angaben über die Verbindung der 
Blätter — die sich zur Zeit nicht mehr verifizieren lassen — der Gesamt- 
heit der früher und jetzt vorgebrachten bedenklichen Indizien gegen- 
über den Ausschlag geben können.^ Sie genügen keinesfaDs, um zum 
glaubhaften Zeugnis zu erheben, was aus so vielen Gründen als ein 
verdächtiges erscheint.^ 

Die päpstlicheil Dekrete im Aktenheft des Galileischen 

Prozesses. 
Durch Silvestro Gherardi weiß man, daß kurze Berichte über 
die Verhandlungen, namentlich über die Beschlüsse der General- 
kongregation des heiligen Offiziums und des ihr präsidierenden 
Papstes in besonderen Bänden des Inquisitionsarchivs, die den 
Titel Decreta führten, eingetragen wurden. Aus diesen Bänden hat 

^ Vergl. J. A. Scartazzini, Römische Fälschungen im Inquisitionsprozeß 
des Galileo Galilei. Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 38, 7. II. 1878. 

- Hier sollten offenbar Alisführungen über die Nachahmung der alten 
Tinte folgen. Der Herausgeber. 



— 333 — 

Silvestro Ghorardi 32 Beschlüsse oder Prntokollauszüge, die sich auf 
Galilei und seine beiden Prozesse beziehen, veröffentlicht. Es zeigte 
sich, daß ein nieiit geringer Teil eben dieser Dekrete dem Wort- 
laute nach mehr oder minder genau mit denjenigen päpstlichen An- 
ordnungen übereinstinmite, die als solche in den Akten des Galilei- 
schen Prozesses vorkommen; in einigen Fällen, namentlich im ersten 
Prozeß entsprach dem Dekret in den Akten nur eine kurze Notiz 
lies Protokollisten; vereinzelt steht die Eintragung vom 3. März 1616, 
deren Inhalt in den Akten durch das ausführliche Protokoll vom 
26. Februar ersetzt wird; in den meisten Fällen sind dagegen, nament- 
lich im zweiten Prozeß, die Abweichungen des Textes in den Dekreten 
und in den Prozeßakten so gering, daß man den einen nur als Ab- 
schrift des andern betrachten kann. 

Wo sind nun die Originale ? Wo die Kopien ? Sind beide gleichzeitig, 
d. h. während der Dauer des Prozesses geschrieben, oder ist etwa die 
Eintragung der Regel nach nur im Band der Dekrete erfolgt, die Wieder- 
holung in den Akten in irgendeinem späteren Zeitpunkt, vielleicht zur 
?>gänzung, zur erläuternden Verbindung der übrigen Aktenstücke? 

Die Beantwortung dieser Fragen schien für die Würdigung des 
Aktenhefts in nicht wenigen Beziehungen wichtig. 

Ich habe geglaubt, daß vieles für eine Beantwortung im Sinne 
der soeben angedeuteten Annahme spreche; ich habe dämm keines- 
wegs ohne weiteres an Fälschung gedacht; daß der gegenwärtige 
Zustand des Aktenhefts schwerlich dem 17. Jahrhundert angehört, 
ist überaus wahrscheinlich, manches legt den Gedanken nahe, daß 
die Vereinigung der verschiedenen Hauptteile noch viel später, also 
in einem Zeitpunkt stattfand, wo der Prozeß Galileis in neuem Sinne 
Gegenstand des öffentUchen Interesses geworden war; man darf sich 
denken, daß die Übertragung aus dem heiligen Offizium in das geheime 
päpstliche Archiv durch eben dieses neu auftretende neuzeitliche 
Interesse veranlaßt wurde. Wenn in eben diesem Zeitpunkt das Material 
der Akten unzureichend erschien, um in den Verlauf des Prozesses 
zusammenhängende Einsicht zu gewähren — lag es nicht nahe, 
durch Mitbenutzung anderer Teile des Aixhivs dies Material zu ver- 
vollständigen? Die Dekrete enthielten wichtige ergänzende Daten — 
nichts hinderte, sie nachträglich an geeigneter Stelle einzuschalten. 
Es konnte diese Reproduktion eine völlig getreue sein, und ich weiß, 
daß ich ursprünglich an keine andere gedacht habe. 



— 334 — 

In der Vorstellung, daß auf solchem Wege neben einer ersten 
Registrierung in dem betreffenden Band der Decreta die zweite in 
den Akten entstanden sei, bestärkte mich das Vorhandensein einer 
zweimaligen Wiederholung des päpstlichen Dekrets vom 1. Dezember 
1633 auf fol. 534'". Daß diese beiden wenig variierenden Ausgaben 
des gleichen Textes dicht unter einander nicht zur selben Zeit und also 
auch nicht beide gleichzeitig mit dem übereinstimmenden Text der 
Decreta eingetragen sein können, schien mir ohne weiteres gewiß; 
kaum ließ sich bezweifeln, daß von den beiden die vorangehende 
die ältere sei; die nachfolgende aber stimmte nach dem Faksimile von 
Henri de L'Epinois in der Handschrift mit allen übrigen, die er gleich- 
falls reproduziert hatte, überein; so konnte man glauben, daß die erste 
Eintragung, die von flüchtiger Hand rasch hingeworfen scheint, 
ausnahmsweise — etwa als Entwurf einer Antwort — von dem Pro- 
tokoUisten in der Sitzung der Kongregation niedergeschrieben sei, 
und daß dann derjenige, dem in späterer Zeit der Auttrag zufiel, 
sämtüche Dekrete aus den betreffenden Aktenstücken einzuschalten, 
bei seiner Kopistenarbeit an dieser Stelle den gleichlautenden Original- 
text übersehen habe. Als dann später von Gebier bestimmt erklärte, 
daß von der gleichen Hand, vde die Mehrzahl der Dekrete, und mit 
ihnen das zweite auf fol. 534, auch diejenigen eingetragen seien, 
die sich im Aktenheft am Fuße des Verhörs de intentione finden, 
erkannte ich in dieser Tatsache ein letztes fehlendes Glied in der Kette 
meiner Beweisführung für die Annahme einer späten Bearbeitung 
aller auf die Frage der Folterung bezüglichen Dokum^ente. Auch 
hier, wo nochmals ein Dekret in zweifache!' Registrierung vorlag, 
bot also diejenige, die man schon aus anderen Gründen als die später 
entstandene betrachten mußte, die Handschrift nicht des Proto- 
kollisten von 1632 und 1633, sondern die des späten Kopisten. 
Was mich hier auf Irrwege geführt hat, war folgendes:^ 
Zunächst schien die Eintragung derselben Folge von Dekreten in 
zwei Registern zur Zeit des Prozesses mehr Arbeit als ich den Männern 
des Glaubensgerichts zutraute; das war aber nur eine unbestimmte, 
nichts beweisende, und nichts ausschließende Vorstellung. Die Mit- 

^ Die folgenden Ausführungen, im Manuskript als „pro mea memoria" 
bezeichnet, waren sicherlich in dieser Form nicht zur Veröffentlichung be- 
stimmt, die ausdrückliche Anerkennung des Irrtums aber war zweifellos 
beabsichtigt. Der Herausgeber. 



— 335 — 

tcilunij; von Gibbin2;s^ schien wenigstens soviel zu beweisen, daß 
die Doppelregistrieruiig einer Kegel nicht entsprach. Bestimmtere 
Schlüsse forderten die doppelten ?]intragungen des Dekrets vom 
30. Juni auf verschiedenen Blättern und die vom I.Dezember auf 
demselben Blatte; entscheidend war, daß ich von den letzteren 
beiden fast selbstverständlich die zweite als die später ge- 
schriebene ansah; damit waren aber ohne weiteres alle übrigen 
von 1632—34, soweit sie durch Faksimiles bekannt waren, einer 
Reihe der später geschriebenen zugewiesen, denn ihre Handschrift 
war die jener zweiten; nun kam die unglückliche Erklärung von 
Geblers, daß mit allen diesen auch die Handschrift der Dekrete 
auf 453'' übereinstimmte, die ich aus anderen Gründen als spätes 
Machw^erk betrachtete; damit war ich gefangen, und es war nur ein 
fertiger Schluß, den dann noch die Enthüllungen Gherardis über den 
Originalwortlaut des Urteils vom 16. Juni 1633 energisch bekräftigten. 
Überhört habe ich bei diesem Schlüsse die Instantia negativa: 

1. Ich erwartete, daß auch Dekrete von 1615/16 von demselben 
späten Abschreiber eingetragen seien; dafür fehlte jede Angabe und 
jeder Beleg in den Faksimiles. 

2. Das Dekret vom 23. Sept. 1632, das älteste, in dem sich die 
gleiche Handschrift fand, hatte einen durchaus altertümlichen 
Charakter; es war den Beschreibungen nach an mehreren Stellen kaum 
noch lesbar, das Papier teilweise durch die Tinte zerfressen; hier war 
kein Grund und kaum eine Möglichkeit, späte Entstehung anzunehmen; 
aber freilich — das Dekret vom 23. Sept. war einzig in seiner Art, 
und die Handschrift war unverkennbar dieselbe wie die der zweiten 
Abschrift auf fol. 534. 



Als ich die Torturabhandlung niederschrieb, hielt ich für aus- 
gemacht, daß man mindestens ein de L'Epinois sein müsse, um die 
Originale zu sehen; ich konnte also nicht daran denken, meine 
Schlüsse für mich zu behalten, bis ich die Möglichkeit hatte, sie durch 
Autopsie zu bestätigen. 

Als gleich darauf v. Geblers Veröffentlichung mich in dieser 
Beziehung eines Besseren belehrte, boten doch seine eigenen bestimmten 



^ E. Wohlwill, Der Original-Wortlaut des päpstlichen Urteils gegen 
Galilei. Hist. liter. Abh. d. Ztschr. f. Math. u. Phvs. XXIV, 1879, S. 17. 



— a3(i — 

Angaben inbotreff der Dekrete eher eine Bestätigung als einen Wider- 
spruch gegen meine Schlüsse. 

Ergebnis der Autopsie im Oktober 1891. 

Der Augenschein beseitigt zwei entscheidende irrtümliche Vor- 
stellungen. Er lehrt 1. daß die Angabe v. Geblers über die Hand- 
schrift in den Deki'eten auf fol. 453^ falsch ist. Dieselbe weicht 
durchaus von derjenigen des Hauptdekretschreibens ab; 2. daß die 
vorangehende Abschrift des Dekrets vom 1. Dez. 1633 auf Fol. 534 
derselben Hand angehört, wie die Deki'ete auf 453", daß also diese 
vorangehende nicht, wie ich voraussetzte, die ursprüngliche, 
sondern eine spätere Eintragung ist, während die räumlich folgende 
von der Hand des Hauptdela'etschreibers als der Entstehung nach 
ältere betrachtet werden muß. Es liegt kein Grund vor, diese, ebenso 
^^'ie die gleichartig gesclu*iebene auf der Rückseite der Bittschrift vom 
Juni nicht als Eintragungen des ProtokoUisten in der Zeit des Pro- 
zesses anzusehen, altertümlich und original w^ären demgemäß sämt- 
liche übereinstimmend geschriebenen Dekrete vom 23. Sept. 1632 an, 
dem Anscheine nach bis ins Jahr 1638.^ Ich finde dieselbe Hand in 
einer beträchtlichen Anzahl kürzerer Notizen auf den von auswärts 
eingehenden Schriftstücken, namentlich in Datumsangaben mit 
hinzugefügtem relatum. Es ist zum mindesten wahrscheinlich, daß 
es die Hand desjenigen ist, der in den Sitzungen der Generalkongre- 
gation über die Eingänge berichtete und andererseits darauf -bezüg- 
liche Beschlüsse zu Protokoll nahm. Inbetreff des wichtigsten Dekrets, 
des Urteils vom 16. Juni 1633 auf Fol. 451 v'^ habe ich vom Original 
keinen unzweideutigen Eindi'uck gehabt, die Möglichkeit, daß nur 
die ersten beiden Keihen bis einschließlich comminata ei tortura 
ursprünglich registriert, das Übrige nachahmend hinzugefügt sei, läßt 
sich schwer bestreiten, die Gewißheit schwier erweisen. 



Was den Ort betrifft, an dem dieses Dekret eingetragen ist, so 
kann man nicht behaupten, daß es in derselben Weise wie die übrigen, 
die man als ordnungsmäßig registriert betrachten muß, auf dem letzten 

^ Nach meinen Notizen habe ich für glaubUch gehalten, daß noch eine 
Rückseitennotiz vom 5. Aug. 1638 auf fol. 556 von eben dieser Hand ge- 
schrieben sei. Derselben habe ich die Aufzeichnungen vom 13. VII. 38 auf 
555 v" zugeschrieben. 



— 337 — 

l^lattc eines Dokuiiioiitos stellt, zu dessen Inhalt es nähere Beziehung 
hat; es gehört viel besser auf das letzte Blatt eines juristischen 
Votums, das doch nach der Sentenz jedenfalls vorhanden gewesen 
ist; zu beachten ist, daß es auf dem zweiten Blatt eines Duplums 
steht, dessen erstes oben fehlerhaft paginiert ist, unten richtig, daß 
in dieser ganzen Gegend die Bezifferung unzuverlässig, Beseitigungen 
äußerst wahrscheinlich sind. 

Ich habe in Rom notiert: Die Ziffern bei den Gutachten von 
1633 sehen unreinlich aus, so bei dem leeren Blatt 430; 434 sieht 
geändert aus. Aber ähnliches habe ich notiert in bezug auf 53t, 532, 
502, 505.1 Weggelassen ist im folgenden e contra. Schließlich 23. Juni 
steht per il tempo ad arbitrio di Sua Santita statt arbitrio S. Con- 
gregationis. Das Dekret 23. VI. 1633 fehlt in den Akten, steht unter 
Gherardis Dekreten. 

C. Die Inhaltsübersicht an der Spitze des Vatikanmanuskripts. 

Meine Vermutung, daß dies merkwürdige Dokument neueren 
Ursprungs sei, keinenfalls der Zeit des Prozesses angehöre, hat sich 
nicht bestätigt. Die Handschrift erscheint mir nicht nur alt, sondern 
durchaus übereinstimmend mit der des Protokollführers in den Ver- 
handlungen vom 12. April bis 10. Mai 1633. Wenn es nicht aus- 
geschlossen ist, daß in dieser Beziehung eine weitgehende Ähnlichkeit 
mich täuscht, so ist doch nach dem Gesamteindruck des Schrift- 
stücks der Gedanke an neuere Entstehung endgültig aufzugeben; 
ist es aber nicht neu, so liegt kein Grund vor, seinen Ursprung nicht 
in die Zeit des Prozesses zu verlegen, und dann ist ja glaublich genug, 
daß die Übereinstimmung der Handschriften, die ich nicht erwartet 
und gesucht habe, die mir aber sofort entgegengetreten ist, auf Iden- 
tität des Schreibers beruht. 

Es ist denmach trotz aller ernsten Bedenken, zu denen der Inhalt 
Veranlassung gibt, möglich und sogar wahrscheinlich, daß eben diese 
Inhaltsübersicht der Sunto ist, der nach beendigter Untersuchung 
den Richtern des Inquisitionstribunals als Grundlage der Ent- 
scheidung zugestellt oder vorgelesen wurde. 

^ Hier folgen im Manuskript eine Reihe weiterer Einzelheiten, die der 
Verf. bei seinem Studium der Prozeßakten sich notiert hat. Sie eignen sich 
nicht zur Veröffentlichimg an dieser Stelle, stehen aber Interessenten auf 
Wunsch gern zur Verfügung. Der Herausgeber. 

Wohlwill, Calilei. II. 22 



— 338 — 

Aber meine erste Wahrneliniung wurde wesentlich ergänzt durcli 
eine zweite von scheinbar untercjcordneter Bedeutung, Es sind näm- 
lich die Ziffern und Buchstaben neben dem Text, durch die bei einer 
Reihe von Angaben auf die entsprechenden Blätter der Akten- 
samndung verwiesen wird, unverkennbar dem Text von anderer 
Hand hinzugefügt. Die Verschiedenheit der Schrift tritt schon in 
den Ziffern deutlich genug hervor, völlig entscheidend sind die Ab- 
kürzungen foL, a. t., et seq. die \\iederholt in Verbindung mit den 
Ziffern vorkommen. 

Ob diese abweichend geschriebenen Ziffern und Buchstaben der 
Zeit des Prozesses angehören, ob sie viel späteren Ursprungs sind, 
läßt sich mit Sicherheit nicht entscheiden. Schon de L'Epinois hat 
ursprünglich die mit 1 beginnende Bezifferung am Fuße der Blätter, 
die der Handschrift nach mit den eingeschalteten Ziffern des Sunto 
eine gewisse Übereinstimmung aufweist, für neueren Ursprungs 
gehalten. Sie kann jedenfalls nicht älter sein, als die Vereinigung 
der Akten von 1616 mit denen von 1632 und 33, und daß diese schon 
1633 erfolgt sein sollte, ist außerordentlich unwahrscheinlich. Wie 
die ursprünglichen, am Kopfe der Blätter befindlichen Ziffern beweisen, 
sind die Akten des Prozesses von 1632 und 33 in einen Band ein- 
getragen, eingelegt und eingeheftet, in dem von fol. 1 bis fol. 386 
andere Prozesse oder sonstige andere Aktenstücke registriert waren; 
die Art und Weise der Verbindung der Dokumente des Galileischen 
Prozesses macht ferner ganz unglaublich, daß die Numerierung der 
auf 387—453 folgenden Blätter jedesmal gleichzeitig mit der Ein- 
tragung erfolgt sei; diese Numerierung wird erfolgt sein, nachdem 
die Akten in der Hauptsache abgeschlossen, geordnet und geheftet 
waren. Hätte es nun den Gewohnheiten der Inquisition entsprochen, 
zweite Prozesse derselben Angeklagten mit den Akten des früheren 
in einem Heft zu verbinden, so wäre es zweck- und sinnwidrig gewesen, 
den zweiten Prozeß Galileis zuvor noch einem andern Bande ein- 
zuverleiben und hier auch durch die Bezifferung völlig fremdartigen 
Materialien anzuschließen. Da dies aber — wie die Bezifferung 
387—453 beweist — tatsächUch geschehen ist, so kann die Verbindung 
der beiden Galileischen Prozesse nicht im Jahre 1633 erfolgt sein, 
es sei denn, daß außerordentliche Umstände im Fall Galileis die Ver- 
anlassung gegeben hätten, die soeben erst hergestellte Verbindung 
wieder aufzuheben und durch die Vereinigung der Akten von 1633 



I 



— 339 — 

mit dem gleichfalls von seiner Umgebung getrennten Aktenheft des 
ersten Prozesses zu ersetzen. An dergleichen zu denken, nötigt nichts 
anderes, als die Bezugnahme des Summarium auf die mit 1 beginnende 
Bezifferung am Fuße der Blätter. Man konnte sich denken, mit dem 
Summarium sei das Aktenheft an die Kardinäle versandt, und die 
gleichlautenden Ziffern hier und dort haben den Lesern des Sum- 
marium die Vergleichung der Originaldokumente erleichtert. Ob 
dergleichen geschah, wissen wir nicht; die Akten sagen nur, daß über 
den Prozeß Bericht erstattet \uirde. 

Aber auch jene Bezugnahme auf die untere Bezifferung beweist, 
was sie zu beweisen scheint, nur dann, wenn sie sicher der Zeit der 
Entstehung des Summarium angehört. Dafür aber fehlt jeder Beweis, 
wemi die Handschrift des Verweisenden nicht auch die des Bericht- 
erstatters ist. Sobald man erkennt, daß diese Handschrift eine völlig 
andere ist, sieht man keinen Grund mehr, die Vereinigung der beiden 
Teile, die Bezifferung am Fuße der Blätter und die Hinweisungen 
neben den Sätzen des Summarium in das Jahr 1633 zu versetzen. 
Vor der Vereinigung der beiden Teile kann aber auch das Summarium 
nicht an die Spitze des vereinigten Ganzen gekommen sein. Das 
Summarium mag also immerhin 1633 vom Notar der Inquisition 
geschrieben sein; zum Aktenheft des Galileischen Prozesses hat es 
damals nicht gehört. Erst als man — vermutlich im 18. Jahrhundert 
— aus beiden Aktenheften eins machte, fand man es passend, das 
Summarium an die Spitze zu stellen, und nun erst schrieb man an 
den Fuß der Blätter die Ziffernfolge 1—103 und schaltete an geeig- 
neten Stellen des Summarium die Verweisung auf die Aktenstücke 
in eben dieser Ziffernfolge ein. Das ist die Vorstellung, zu der die 
Wahrnehmung der bisher nicht beachteten Ungleichheit der Hand- 
schriften in den Blättern des Summarium naturgemäß führt. 

Es hätte demgemäß das Summarium zweierlei Funktionen aus- 
geübt; zur Zeit des Prozesses von 1633 als selbständiges Dokument 
von den Akten getrennt und ohne Bezugnahme auf die Bezifferung 
derselben, hätte es den Kardinälen als Referat und Grundlage der 
Urteilsfällung gedient, in neuerer Zeit an der Spitze des neuerdings 
hergestellten, neu bezifferten Aktenheftes, mit demselben sowohl 
äußerlich, wie durch die hinzugefügte Hinweisung auf die Bezifferung 
verbunden, gewährte es den Uneingeweihten eine erste Einführung und 
Übersicht über den Verlauf der gegen Galilei geführten Verhandlungen. 

22* 



— 340 — 

Neben den oben angedeuteten Unwahrscheiiüichkeiten, die auf 
diese Weise beseitigt erscheinen, löst sich nun auch die eigentümliche 
Schwierigkeit, die — freilich nicht für diejenigen, die alles erklären 
können — in der wortgetreuen Aufnahme der Erklärung Galileis 
vom 30. April 1633 in das übrigens so wortkarge Summarium lag. 
Wenn das Summarium als Leitfaden in der Lektüre der Akten mit 
diesen vereinigt, den Richtern zugestellt wurde, so war nicht leicht 
zu verstehen, weshalb der Referent in allen übrigen Teilen mit kurzen 
Inhaltsangaben auf die betreffenden, durch Ziffern bezeichneten 
Dokumente verweist, hier aber, völHg aus dem Rahmen der Bericht- 
erstattung tretend, in extenso die Worte Galileis reproduziert; so 
wichtig dieser vollständige Wortlaut als ein teilweises, wenn auch 
beschönigtes Geständnis für die Richter war, so war er doch das 
nicht weniger, wenn sie ihn der Anw'eisung und Aufforderung des 
Referenten gemäß in den Akten lasen, die ihnen vorlagen; die An- 
nahme einer Besorgnis des Referenten, daß gerade hier die Benutzung 
dos entscheidenden Originaldokuments unterlassen werden könnte, 
und deshalb Nachhilfe erforderlich sei, ist doch gar zu wenig plausibel. 

Die Schwierigkeit ist gehoben, wenn man, wie es jetzt gestattet 
ist, das Summarium nicht als Begleitschrift, sondern als Ersatz der 
Akten für die Belehrung der Richter betrachtet; in diesem Falle ist 
allerdings die wörtliche Hervorhebung derjenigen Aussage von be- 
sonderer Bedeutung, durch die Galilei nach 18 tägiger Gefangen- 
schaft im Inquisitionspalast und in vertraulicher Verhandlung von 
dem Generalkommissar bedrängt, wenigstens den Schein eines Ver- 
gehens gegen das ihm auferlegte Verbot zugesteht und zu erklären 
versucht; von besonderer Bedeutung, namentlich dann, wenn es sich 
in dem Referat nicht etwa um ein vöUig unparteiisches Resume, 
sondern um eine Beeinflussung im Sinne einer gewünschten Ent- 
scheidung handelte. 

Daß die Schrift an der Spitze des Aktenhefts das Summarium 
sei, das der Untersuchungsrichter für die Kenntnisnahme der Richter 
zusammenstellte, habe ich hauptsächlich darum bezweifelt, ja für un- 
möglich gehalten, weil es diese Beeinflussung des Urteils zu Ungunsten 
Galileis so deutlich als seine Tendenz an der Stirne trägt. Das kann 
man in Ordnung finden, wenn man nur einfach fragt: was läßt sich 
der Inquisition zutrauen? nicht aber ohne weiteres, wenn man unter- 
sucht: wie stimmt diese wahrheits\\idrige und feindliche Darstellungs- 



— 341 — 

weise der Tatsachen mit anderweitigen Kundgebungen und Zeug- 
nissen ? 

Die Sentenz, die unmittelbar nach der Verurteilung Galileis 
veröffentlicht wurde, resümiert dieselben Vorgänge beider Prozesse, 
Anklage, Untersuchung und Verteidigung. Beschränkt man die Ver- 
gleichung dieses umfassenden Aktenstücks mit dem Summarium auf 
die korrespondierenden Teile, die von beiden erörterten Einzelheiten, 
so scheint kaum glaublich, daß beide von denselben Männern verfaßt 
sind, beide die Auffassung derjenigen, die im Jahre 1633 den Prozeß 
gegen Galilei führten, \\iedergeben, beide auch nur derselben Zeit 
angehören, und doch ist die Sentenz am 22. Juni 1633 in der Kirche 
Maria sopra jMinerva verlesen und das Summarium — me es scheint 
— in der Generalkongregation sechs Tage zuvor. 

Grundverschieden ist die Form. Die Sentenz gibt ein wirkliches 
Resume, ^vie es ein geschickter Jurist denen vortragen könnte, die 
das Urteil sprechen sollten; es ruft, wie man über Einzelnes denken 
mag, Achtung vor dieser juristischen Gewandtheit hervor; das 
Summarium ist ebensowenig ein Resume, wie jemals eine Inhalts- 
übersicht es gewesen ist; es ist vielleicht Material für ein Resume, 
aber es macht keinen Versuch, selbst zu resümieren. 

Aber es kann auch nicht als Material der Sentenz zugrunde 
gelegen haben, denn es stellt dieselben Tatsachen durchaus anders 
dar, als diese. 

Ich hebe hervor: Die über die copernicanische Lehi*e hinaus- 
gehenden Denunziationen des Cacciui, die hier verdächtigend hervor- 
gehoben, dort nicht erwähnt werden; die falsche Angabe über die 
Auffindung der denunzierten Sätze in den Sonnenfleckenbriefen, die 
das Summarium enthält, die Sentenz nicht kennt; vor allem die 
wahrheits\\'idi-ige, jede Schwierigkeit tilgende Bearbeitung des päpst- 
lichen Befehls vom 25. und des Protokolls vom 26. Febr. 1616 im 
Summarium und die wahrheitsgemäße Wiedergabe dieser beiden 
entscheidenden Schriftstücke in der Sentenz. 

Demgemäß erfahren die Richter nichts von dem eigentümlichen 
Widerspruch zwischen der Anordnung des Papstes und der Ausführung 
im Hause des Kardinals, sie können nicht ahnen, daß hier ein Moment 
berechtigter Verteidigung liegt, sie verstehen Galileis Verteidigung 
nicht; und in dem Urteil, das nachher in alle Welt versandt wird, ist 
genau zu lesen, daß der Befehl, um dessentwiUen Galilei schuldig 



— 342 — 

befunden wird, zum mindesten in ordnungsNvidriger Weise ergangen 
ist; und wer sich in die Worte hineinliest, findet darin, ohne die 
Akten zu kennen, die angreifbare Stelle des Richterspruchs. 

Über diesen Widerspruch habe ich nicht hinausgefunden, es 
kamen die andern Einzelheiten hinzu, dann die unverständliche 
Reproduktion der Aussage vom 30. April (s. oben), die Form der 
Inhaltsübersicht, ihr Ort an der Spitze eines Aktenhefts, das im 
Jahre 1633 nicht existiert haben kann und ihre Bezugnahme auf die 
Bezifferung desselben — das alles forderte eine Deutung; diejenige, 
die ich gegeben habe, war eine irrtümliche.^ 

Wer nicht gewinnt bei dieser Aufklärung — das sind die In- 
quisition und ihre Verteidiger. 

Ist das einleitende Aktenstück, wie es den Anschein hat, und 
wie die halben und ganzen Verteidiger der Inquisition als gewiß an- 
nehmen — der summarische Bericht, den der Generalkommissar der 
Inquisition über die Ergebnisse der Untersuchung der General- 
kongregation erstattete, so erhält die Vermutung, daß die Fälschung 
des Protokolls vom 26. Febr. 1616 nicht ohne Vorwissen dieses Unter- 
suchungsrichters stattgefunden, eine weitere Bestätigung; denn das 
Summarium verändert den Inhalt dieses Protokolls und das Verhältnis 
desselben zur vorhergehenden päpstlichen Anordnung in einer Weise, 
daß ein Zweifel an der Tatsache und ausschlaggebenden Bedeutung 
des auferlegten Verbots nicht entstehen kann; es verändert den Sinn 
der Antworten des Angeklagten über den gleichen Vorgang so wesent- 
üch, daß von dem Eindruck, den die Akten geben, nichts übrig bleibt, 
als die unglaubwiirdige und als Verteidigung wertlose Ausrede, daß 
er das entscheidende Wort vergessen habe; kurz, das Summarium 
stellt, abweichend von der Sentenz — die Erschleichung des Im- 
primatur durch Verheimlichung des Precetto als völlig ermesene 
und von Galilei selbst nicht bestrittene Tatsache hin, die demnach 
auch für die Urteilsfällung die unangreifbare weiterer Erörterung 
nicht unterliegende Grundlage bildet. 



^ Ist G. gefoltert worden p. 114—122. Gott. gel. Anz. 1878, Nr. 21 
p. 662, 663. 



Anhang lU. 

Der Betrug des Simon Mariiis von (Timzenhausen. 



A. Simon Marius und die Entdeckung der Jupiters trabanten. 

Im März des Jahres 1610 verkündete Galilei durch seinen Nuncius 
sidereus, daß er seit dem Anfang des Jahres durch das Fernrohr 
\ier kleine Sterne in nächster Nähe des Planeten Jupiter gesehen 
und daß die Fortsetzung der Beobachtungen außer Zweifel gestellt 
habe, daß es planetarische Körper seien, die sich in gesonderten 
Kreisen um den Jupiter und mit ihm um die Sonne bewegen. Nach 
dem Recht des Entdeckers nannte er die Begleiter des Jupiter zu 
lehren des in Toskana regierenden Fürstenhauses Medizeische Planeten. 

Volle vier Jahre später, im Frühjahr 1614, verkündete der Frank- 
furter Meßkatalog das Erscheinen eines Buches unter dem Titel 
Mundus Jovialis, in dem der Mathematiker der Brandenburgischen 
Markgrafen in Franken und Studierende der reineren Medizin Simon 
Marius aus (lunzenhausen die Entdeckung der Jupitersbegleiter für 
^;ich in Anspruch nahm. 

Nie ist ein unsinniger Anspruch schlechter begründet und ver- 
teidigt worden, und doch gilt heute noch, nach dreihundert Jahren, 
in weiten Kreisen deutscher gebildeter und gelehrter Männer Marius 
als Entdecker der Jupiterstrabanten. Als mindestens gleichzeitig 
und gleichwertig mit Galileis Entdeckung ist die seine noch in diesem 
Jahr von einem der namhaftesten deutschen Astronomen^ bezeichnet 
worden. Die Beweise aber, die der hochangesehene Gelehrte für seine 
Behauptung vorgebracht hat, sind dieselben, die man seit dreihundert 
Jahren in deutschen Büchern zu Marius' Gunsten anführt; sie sind 
in dem einen zusammenzufassen: er hat es selbst gesagt. 



1 Wilh. Förster im „Tag" 12. III. 1910. 



— 344 - 

Wie abor, wenn er geldiien hätte? AVahrscheinlich ist es von 
vornherein; die Anliänger Galileis haben es zu jeder Zeit behauptet, 
und wenn man sieh bei den wenigen unter Marius' Verteidigern um- 
sieht, die nicht auf jede Erörterung seiner Glaubwürdigkeit verzichten, 
so konunt ihre widersprechende Argunu^ntation darauf hinaus, daß 
sie be^^'ußte Unwahrheit des deutschen Astronomen für undenkbar 
und deshalb für unannehmbar halten. Daß sich auf solche vertrauens- 
volle Würdigung nicht geschichtliche Erkenntnis begründen läßt, 
bedarf keines Wortes; aber Meinungen, die den Jahrhunderten wider- 
stehen, können allerdings aus der Wurzel des guten Glaubens hervor- 
wachsen und namentlich da den Schein der Ge\^^ßheit annehmen, 
wo als befruchtender Boden Patriotismus ^^irksam ist. 

Zu zeigen, daß auch dieser gute Glaube heute völlig unhaltbar 
und unberechtigt geworden ist, soll die Aufgabe dieser Blätter sein. 



Marius' Erzählung ist, wie schon erwähnt, die einzige Quelle der 
Berichte über seine Entdeckung. Um so auffälliger ist, daß von den 
meisten, die ihn als Entdecker ehren, sein Anspruch nur in ab- 
geschwächter Form ziu- Sprache gebracht wird. Man läßt ihn zuerst 
am 29. Dezember 1609 auf der Westseite des Jupiter in gerader Linie 
mit dem Planeten drei kleine Sterne wahrnehmen und verlegt deshalb 
auf den 29. Dezember 1609 seine Entdeckung. Da nun Galilei seine 
erste Beobachtung vom 7. Januar 1610 datiert, schien Marius eine 
Priorität von 9 Tagen zuzukommen ; das schien aber nur so, denn 
Marius rechnet, wie aus mehreren Stellen seiner Schi'ift hervorgeht, 
nach Julianischem Kalender; daher entspricht auch seine Angabe 
über die Stellung der cb-ei Sterne der Konstellation, wie Galilei sie am 
7. Januar 1610 nach neuem Kalender beobachtet und durch die 
Zeichnung in seinem Nuncius Sidereus zur Darstellung gebracht 
hatte. Galüei müßte demnach eine Priorität von ungefähr 24 Stunden 
zugestanden werden. Das ist aber Marius' Meinung nicht. Nach 
seiner Erzählung in seiner Hauptschrift, dem Mundus Jovialis, hat 
im Sommer des Jahres 1609 sein vornehmer Gönner, der Oberst 
Fuchs von Bimbach aus Holland, ein Fernrohr erhalten, und von 
dieser Zeit an, also seit dem Sommer 1609, hat Marius angefangen, 
mit dem ausreichend guten Instrument, wie er es bezeichnet, den 
Himmel und die Sterne anzusehen; in der Regel erfreuten sich die 



— a-45 — 

beiden, Marius und Fuchs von Bimbach, gemeinsam der Benutzung, 
bisweilen aber gestattete der adelige Herr dem befreundeten Mathe- 
matiker nachts das Instrument mit nach Hause zu nehmen, um im 
eigenen Observatorium nach seiner Weise die Sterne zu beobachten, 
so insbesondere gegen Knde des November, „und da zuerst", b"richtet 
Marius, also gegen Ende des November, „sah ich den Jupiter, der 
mit der Sonne in Opposition stand, und gewahrte kleine Sternchen 
bald hinter, bald vor dem Jupiter in gerader Linie mit dem Planeten. 
Erst glaubte ich, sie gehören zur Zahl jener Fixsterne, die ohne dieses 
Instrument nicht gesehen werden können, wie sie in der IVIilch Straße, 
den Plejaden, Hyaden, dem Orion und an andern Orten von mir 
wahrgenommen wurden. Da aber Jupiter damals rückläufig war 
und ich trotzdem diese Sterne den Dezember hindurch ihn begleiten 
sah, so wunderte ich mich anfangs sehr, dann aber kam ich allmähhch 
auf die Meinung, daß diese Sterne sich um den Jupiter bewegten, 
wie die fünf solaren Planeten um die Sonne, und deshalb fing ich 
an, die Beobachtungen aufzuzeichnen, und zwar als erste die vom 
29. Dezember, wo di'ei solche Sterne in gerader Linie westlich vom 
Jupiter gesehen wurden.'' Marius hat demnach vom Ende November 
an einen ganzen Monat hindurch die Begleiter des Jupiter in allen 
möglichen Stellungen gesehen und infolgedessen ihr Verhältnis zum 
Jupiter richtig erkannt, bevor er am 29. Dezember zum erstenmal 
iiire Anordnung durch die Zeichnung fixiert. Galilei hat dagegen 
am 7. Januar 1610 zum erstenmal die Sterne zur Seite des Jupiter 
gesehen und aus den Änderungen ihrer Stellungen von Tag zu Tag, 
die er foitwährend aufzeichnet, am 11. mit voller Bcstinmitheit 
geschlossen, daß sie planetarische Körper waren, die sich um den 
Jupiter bewegen. Marius' Entdeckung ist demgemäß unzweifelhaft 
die frühere; und es ist auch nicht richtig, wenn man gesagt hat, daß 
er Galilei gegenüber den Anspruch auf Priorität nicht erhoben hat; 
dieser Anspruch ist unzweifelhaft in unzweideutiger Weise schon auf 
dem Titelblatt seines Mundus Joviahs zu lesen, in dem es heißt: 
Die Jupiterswelt, entdeckt im Jahre 1609. Man kann nicht behaupten, 
daß das nur dann „vor Galilei" bedeutet, wenn man die Verschieden- 
heit des Kalenders nicht in Betracht zieht; denn die Beobachtungen, 
wie Marius sie besclu-eibt, vom Ende November an und den Dezember 
hindurch, lassen sich auch nach neuem Kalender nicht in das Jahr 
1610 hinüberziehen. 



— 346 — 

Vom 29. Dezember alten Stils an setzt Marius seiner Erzählung 
nach seine Beobachtungen fast ohne Unterbrechung fort; sehr genau 
gibt er an, daß er vom 13. Januar bis 8. Februar in Schwäbisch Hall 
gewesen sei, dorthin aber das Fermohr aus Furcht, es zu beschädigen, 
nicht mitgenommen habe; er erzählt ferner, daß er eine Zeitlang 
über die Zahl der Trabanten unsicher gewesen sei und erst durch 
Benutzung eines Ferm-ohres mit besseren, aus Venedig gesandten 
Linsen gegen Ende Februar oder Anfang März bestimmt erkannt 
habe, daß ihrer vier seien. Das bessere Instrument wurde ihm bald 
nach seiner Heimkehr nach Ansbach, also nach dem 8, Februar alten 
Stils, von seinem edlen Gönner, dem Freund mathematischer Studien, 
zu völlig freier Benutzung überlassen, und von da an dauern bis in 
das Jahr 1614 hinein die Beobachtungen der Jupiterstrabanten, auf 
die er die Bestinmiung ihrer Bahnen und Umlaufszeiten und die 
Bearbeitung von Tafeln begründet hat, mit deren Hilfe, wie sein 
Titelblatt sagt, ihre Stellungen zum Jupiter für jeden beliebigen 
Zeitpunkt äußerst schnell und leicht berechnet werden können. 

Ich habe aus Marius' Erzählung zunächst nur hervorgehoben, 
was sich unmittelbar auf seine Entdeckung bezieht. Vorausgeschickt 
ist diesem Bericht eine ausfühi-liche Mitteilung darüber, wie Marius 
mit dem Fernrohr bekannt geworden ist. Auf der Frankfurter Herbst- 
messe des Jahres 1608 hatte Fuchs von Bimbaeh bei einem belgischen 
Händler ein von ihm erfundenes Instrument, um fernere Gegenstände 
zu sehen, kennen gelernt; er suchte vergebens, das Instrument zu 
erwerben, der Händler wollte das seine nicht hergeben, ein ähnliches 
nur füi- eine große Summe Geldes liefern. Nach Ansbach zurück- 
gekehrt, ließ Fuchs von Bimbaeh alsbald seinen Mathematiker rufen, 
um ihm die große Neuigkeit mitzuteilen und mit ihm zu überlegen, 
wie das neue Instrument konstruiert sein könne; sie fanden bald 
heraus, daß dazu zwei Linsen gehörten, die eine konvex, die andere 
konkav. Versuche erst mit gewöhnlichen Brillengläsern, dann mit 
besseren aus Nürnberg verschriebenen Linsen bestätigten, daß durch 
solche Kombination bei geeignetem Abstand der Gläser der gewünschte 
Erfolg zu erreichen sei. 

Interessant ist bei dieser Erzählung insbesondere, daß demnach 
Fuchs von Bimbaeh und Simon Marius von der Erfindung des Fern- 
rohres nicht allein mehr als ein halbes Jahr vor Galilei Kenntnis 
erlangt haben, sondern sogar nicht unerheblich früher als die hollän- 



— 347 — 

discheii Genoralstaatcii. Nach l^>kundigungen, ilio ich im Frankfurter 
Archiv eingezogen habe, wurde die Frankfurter Herbstmesse des 
Jahres 1608 am 12. September eröffnet, erst drei Wochen später 
bildet das Patentgesuch des Brillenmachers Johann I^ippersher zum 
erstenmal den Gegenstand der Beratungen der holländischen General- 
staaten; noch 14 Tage später meldet sich als selbständiger Erfinder 
Jacob Adriaanszon, genannt Jacob Metius; vor diesen beiden hätte 
ilemnach ein dritter niederländischer Erfinder unter Verzicht auf 
staatlich anerkanntes Vorrecht in Frankfurt ein Fernrohr zur Schau 
gestellt. Daß dieser dritte Erfinder Zacharias Jansen gewesen wäre, 
hat ein junger holländischer Gelehrter vor kurzem glaublich zu machen 
versucht, wie mir scheint, mit sehr schwacher Beweisführung.^ 

Dies nebenbei. Was nun den Bericht über die Entdeckung und 
weitere Beobachtung der Jupiterstrabanten betrifft, so kann eine 
Wiedergabe der angeführten Einzelheiten nicht auf Genauigkeit 
Anspruch machen, die nicht ausdrücklich zur Sprache bringt, daß 
alles Angeführte in der Vorrede einer Schrift erzählt wird, die im 
Frühjahr 1614 veröffentlicht worden ist, daß also — sofern es durch 
dies Werk geschah — die Welt von einem Anteil Marius' an der Ent- 
deckung der Jupiterstrabanten zum erstenmal erfuhr, nachdem bei- 
nahe vier Jahre seit dem Erscheinen der ,, Botschaft von den Sternen" 
verflossen waren, in der Galilei mit größter Ausführlichkeit eben die 
Tatsachen beschrieben und ihrer Bedeutung nach eingehend erläutert 
hatte, deren selbständige Entdeckung Marius beansprucht. 

Man denke sich, daß vier Jahre nach dem Bekanntwerden der 
Abhandlungen des Professor Röntgen ein auswärtiger Gelehrter auf- 
getreten wäre, mit der Erklärung, diese Strahlen mit allen ihren 
wunderbaren Eigenschaften und Wh-kungen habe ich einen Monat 
früher als Röntgen beobachtet! Ich brauche nicht auszusprechen, 
wie man solche Erklärung aufnehmen wüi'de, und wie man von einem 
Historiker urteilen würde, der etwa das Verhältnis zwischen Röntgen 
und dem ungenannten Herrn in die Worte fassen könnte: Röntgen 
ist dem Herrn so und so in der Veröffentlichung um 4 Jahre zuvor- 
gekommen. Das ist allerdings die übliche Weise, das Verhältnis 
ZNvischen Galilei und Marius darzustellen. 

^ De uitvinding der Verrekijker door C. de Waard jr. (s' Gravenhaage 
1906). 

Derselbe, L'invention du telescope (Ciel et Terre 1907). 



- 348 — 

Nun waren freilich Galileis Zeiten anders als die unseren, der 
intensive literarische Verkehr, der an dem Zeitmaß des Fortschritts 
der Wissenschaft in unseren Tagen so großen Anteil hat, war nicht 
vorhanden; dem Zusammenhang der wissenschaftlichen Arbeiten, 
den heute hunderte von Zeitschriften vermitteln, diente damals nur 
ein langsamer, durch unsichere Postverbindungen vermittelter Brief- 
wechsel. Andi'erseits war aber die Entdeckung von vier kleinen 
Nebenplaneten des Jupiter für jene Tage sicher in nicht geringerem 
Grade etwas absolut Neues und Außerordentliches, man kann wohl 
sagen. Weltbewegendes, als es für die unseren die Entdeckung der 
X-Strahlen gewesen ist, und wenn die Verbreitung solcher Ent- 
deckungen im Anfang des 17. Jahrhunderts eine langsame gewesen 
ist, so darf man doch als gewiß betrachten, daß vier Jahre nach dem 
Erscheinen des Nuncius Sidereus die Kenntnis der neuen Tatsache, 
die Galilei verkündet hatte, eine allverbreitete war. Es sind daher 
sicher im Jahi-e 1614 nicht nur Galilei und seine Freunde gewesen, 
die Marius' Entdeckungsgeschichte für eine Fälschung, seinen An- 
spruch für Betrug gehalten haben. 

Marius hat jedenfalls nicht viel Mühe darauf verwandt, diesen 
Verdacht zu vermeiden. Was er an Tatsachen der Beobachtung 
aus der Zeit vor dem Bekanntwerden der Galüeischen „Botschaft 
von den Sternen" mitteilt, ist ein kleiner Bruchteü von dem, was 
man durch Gahlei wußte. Denkt man sich Marius als den ersten, 
der das Fernrohr auf den Himmel gerichtet hat, so kanö man 
erstaunlich finden, daß er durchaus nichts von einer Beobachtung 
des Mondes zu sagen hat, in dem doch sich naturgemäß das erste 
Objekt der teleskopischen Walirnehmung bot, der soviel Einzelnes 
und Neues erkennen ließ, daß es bei Galilei nicht nur an der 
Spitze steht, sondern mehr als den dritten Teil seines Berichts von 
den Himmelserscheinungen einnimmt. Während dann Galilei von den 
Jupiterstrabanten aus der Zeit vom 7. Januar bis 2. März mehr als 
60 aufeinanderfolgende Stellungen beschreibt und in Zeichnungen 
den Lesern veranschaulicht, beschi'änkt sich Marius auf die eine 
Angabe über die Stellung der Trabanten am 8. Januar 1610, von der 
bereits die Rede gewesen ist. Ihr folgt keine weitere, und so enthielt 
auch sonst der Bericht keine einzige tatsächliche Angabe, die nicht 
Galileis 4 Jahre zuvor erschienener Schrift entnommen sein könnte. 
Dem Gedanken an solches Entnehmen seines Berichts begegnet 



I 



— 349 — 

^Fariiis durch die Bcriifiuig auf den bereits genannten Ritter und 
Geheimen Hofrat Joliann Philipp Fuchs von Bimbach. „Dies", 
sagt er am Schlüsse seiner Erzählung, „ist eine vollkommen wahre 
Geschichte, denn nicht könnte ich von einem solchen Mann, der 
noch lebt, der nicht nur wegen seines hochadeligen alten Geschlechts, 
sondern insbesondere auch durch Heldentaten und hohe Kriegskunst 
in Frankreich, Ungarn, Belgien und Deutschland hochberühmt ist, 
nicht könnte ich ungestraft in solcher Weise in einer öffentlichen 
Schrift von ihm Lügen aussagen. Ihm, meinem vortrefflichen und 
hochverehrten Gönner und Förderer, gebührt das Verdienst an allem, 
was von mir über diesen Gegenstand beobachtet, ausgearbeitet und 
bereits der Öffentlichkeit übergeben worden ist." 

Diese feierliche Berufung auf einen hochstehenden Mann ist allem 
Anschein nach von den vielen, die an Marius' Entdeckung glauben, als 
ein ausreichendes Zeugnis dafür angesehen, daß er die Wahrheit sagt. 

Sehr einfache Erwägungen führen zur Erkenntnis des Gegenteils. 

Als Marius die Einleitung zum Mundus Jovialis schrieb, war 
ihm bekannt, daß vor vier Jahren die Gesamtheit der Erscheinungen, 
die er entdeckt haben wollte, von Galilei aufs Ausführlichste beschrieben 
worden war. Wollte er also durch Zeugnisaussage die Gleichzeitigkeit 
oder Priorität seiner Entdeckungen beweisen, so mußte die Erklärung 
seines Zeugen sich auf bestimmte Wahrnehmungen und Erkenntnisse 
in betreff der Jupitersbegleiter und insbesondere auf den Zeitpunkt 
beziehen, an dem Marius zu diesen Wahrnehmungen und Erkennt- 
nissen gekommen war. Nimmt denn nun Marius den Ritter Fuchs 
von Biinbach für ein Zeugnis solcher Art in Anspruch? Und umfaßt 
etwa seine Beteuerung solche entscheidenden Aussagen, wenn er 
sagt: nicht könnte ich ,,über solchen Mann" die Unwahrheit sagen!"? 

Man hat es behauptet, aber nicht an bestimmten Sätzen nach- 
gewiesen; 5 Sätze sind's, in denen Marius' Einleitung zum Mundus 
Jovialis den Namen seines Gönners nennt. Sehen wir zu, ob einer 
von ihnen oder etwa die fünf insgesamt unserer Forderung genügen. 
Marius berichtet von Fuchs von Bimbach, daß er 

1. zur Zeit der Herbstmesse 1608 in Frankfurt ein Fernglas 
gesehen und vergebens zu kaufen versucht, 

2. unmittelbar nach seiner Rückkehr Marius von dem Gesehenen 
benachrichtigt und mit ihm erfolgreiche Versuche gemacht hat, ein 
ähnliches Instrument zusammenzusetzen. 



— 350 — 

3. In Gemeinschaft mit Marius sich seit dem Sommer 1609 der 
Bcmitzung eines ziemlich guten, aus Holland gesandten Instruments 
erfreut und Marius zeitweilig, besonders aber gegen Ende November 
gestattet hat, dies Instrument zur Beobachtung der Sterne mit nach 
Hause zu nehmen. 

4. Daß er gegen Ende des Jahres 1609 oder zu Anfang 1610 
aus Venedig bessere Gläser in einem Rohr aus Holz erhalten und 
dieses Instrument Marius übergeben hat, „damit er prüfe, was es 
bei den Fixsternen und den Sternen neben dem Jupiter zu leisten 
vermöge". 

5. Daß er Marius dasselbe Instrument nach dem 8. Februar 1610 
vollständig zur Verfügung gestellt hat, „damit er genauer und sorg- 
fältiger die Jupiterssterne beobachten könne". 

Damit ist erschöpft, was der historische Bericht des Mundus 
Jovialis an tatsächlichen Angaben, die auf Fuchs von Bimbach Bezug 
nehmen, enthält; ersichtlich lassen sie das Wichtigste unberührt; 
sie können ihrem genauen Wortlaute nach der Wahrheit entsprechen, 
Fuchs von Bimbach kann bereit gewesen sein, ihren Inhalt eidlich 
zu erhärten, und doch würde damit keineswegs bezeugt sein, daß 
Marius uns eine verissima historia erzählt hat. Die Benutzung eines 
besseren Fernrohrs zur Erforschung der „Stellae prope Jovem" wäre 
verbürgt, nicht die Brauchbarkeit dieses besseren Instruments zur 
Verfolgung der Ortsveränderungen der Trabanten, nicht als Ergebnis 
der Forschung die Erkenntnis, daß die vier Sterne sich um den 
Jupiter und mit ihm um die Sonne bewegen, nicht der Zeitpunkt 
dieser Erkenntnis. Zur Erforschung der „Stellae prope Jovem" 
haben noch Jahre lang, nachdem Galilei ihre Bewegungen beschrieben 
hatte, Astronomen aller Orten ihre Instrumente auf den Jupiter 
gerichtet, ohne sich zu überzeugen, daß das Etwas, was sie sahen, 
Planeten waren, die den größeren Planeten umkreisten. Daß auch 
Marius Sterne neben dem Jupiter gesehen habe, ohne zu wissen, was 
er sah, hat nach dem Bekanntwerden des Mundus Jovialis Kepler 
gesagt. Marius aber behauptet, und das ist der Kern seiner Erzählung, 
daß er seit dem Dezember 1609 gewußt habe, was er gesehen. Daß 
Fuchs von Bimbach ihm als Zeuge für diese Behauptung zur Seite 
stehe, ist seinen Worten nicht zu entnehmen. 

Nun könnte dabei ein unglücklicher Zufall gewaltet haben; 
Marius' Absicht, kann man sagen, den vornehmen Herren für den 



— 351 — 

Gesamtinhalt der Erzählung zum Zeugen zu rufen, läßt sich nicht 
bezweifeln, wenn er gleich nur Einzelheiten, die nichts entscheiden, 
ausdrücklich mit seinem Namen verbindet. Seltsam genug, daß er 
seinem einzigen Zeugen auf diese Weise die Möglichkeit gewährt, 
wahrheitsgemäß zu seinen Gunsten auszusagen, wenn ihm auch jede 
Kenntnis der wichtigen Tatsachen fehlen sollte, mit denen Marius' 
Anspruch auf die Entdeckung der Jupiterstrabanten steht und fällt! 
Aber zugestanden, daß das absichtslos und nur durch Zufall geschehen 
sei, zugestanden also, daß Marius' Worte so gedeutet werden müssen, 
als hätte er gesagt: wie könnte ich über die Vorgänge, die zu meiner 
Entdeckung geführt haben, lügen, da es sich um Dinge handelt, die 
ein Mann wie Fuchs von Bimbach von Anfang bis zu Ende miterlebt 
hat! Was wäre damit für den Beweis, den Marius liefern \\dU, ge- 
wonnen? Nichts, als eine bessere Formulierung der Aussage, die uns 
vorliegen müßte, wenn von einer Beglaubigung seiner Erzählung 
geredet worden soll. Aber nicht diese Aussage, sondern nur eine 
Anweisung auf eine Aussage liegt uns vor, der noch lebende Zeuge 
ist genannt, aber von einem Zeugnis, das er zu Marius' Gunsten ab- 
gelegt hätte, ist nichts bekannt. Daß in ähnlichem Falle ein unvor- 
eingenommener Richter durch die bloße Nennung eines angesehenen 
Namens die Wahrheit der Behauptung, die bezeugt werden soll, als 
erwiesen betrachten könnte, darf man als ausgeschlossen ansehen. 
Wir haben keinen Grund in der Geschichte der Wissenschaft, wo 
es sich um Ermittelung der Wahrheit handelt, den einfachen Weg 
des unbefangenen Richters zu verlassen. 

Wer in unserem Falle in Marius' Berufung auf den Ritter Fuchs 
von Bimbach einen ausreichenden Beweis für die Zuverlässigkeit 
seiner Erzählung zu sehen vermag, der läßt die guten Gründe, die 
ihn hindern konnten, zu lügen, schlechthin als Beweise dafür gelten, 
daß er die Wahrheit gesagt hat. 

Wenn es möglich wäre, durch diese Art der Beweisführung einen 
Verdächtigen zu rechtfertigen, so hätte der Ansbacher Oberlandes- 
gerichtsrat Meyer seinem Landsmann Marius diesen Dienst geleistet. 
In der ausführlichen Schutzrede, die er ihm ge\sidmet hat^, kommen 
zu Marius' eigenem „entscheidenden" Argument, daß er nicht hätte 

^ Vergl. Oslander und Marius von Dr. .Julius Meyer, Oberlandes- 
gerichtsrat in Ansbach im 41. Jahresbericht des Historischen Vereins für 
Mittelfranken. Ansbach 1892, 



— 352 — 

wagen können, bei Lebzeiten des Ritters Fuchs die Unwalirheit zu 
sagen, unter anderen die Erwägungen, daß er seine Existenz aufs 
Spiel gesetzt hätte, wenn er durch die Widmung seiner Schrift und 
durch die Wahl des Namens „Brandenburgische Gestirne" für die 
Jupiterstrabanten seinen fürstlichen Wohltäter mit einer unwahren 
Erzälilung in Verbindung gebracht hätte; ferner, daß jemand, der 
so ehrlich zugebe, daß er Galilei den Ruhm der ersten Entdeckung 
in Italien nicht streitig machen könne, sich wohl gehütet haben werde, 
greifbare Anhaltspunkte dafür zu geben, daß man ihm den Vorwurf 
eines Plagiarius machen könnte, 

Nimmt man dazu die Hinweisung auf Marius' ausgeprägte gottes- 
fürchtige Denkweise, die allein genügen müßte, die Lüge auszu- 
schließen, und die verwandten Ausführungen, die uns überzeugen, 
daß Marius, als er seinen Mundus Jovialis herausgab, ein hoch- 
angesehener Forscher war und deshalb durchaus nicht nötig hatte, 
zum literarischen Freibeuter zu werden, so muß man gestehen, daß 
in dieser Richtung nicht leicht mehr geboten werden kann, zugleich 
aber begreifen, daß mit alledem für die Ergründung der historischen 
Wahrheit nichts geschehen ist; denn wir wissen heute, daß Simon 
Marius trotz der di-ingendsten Gründe, die Wahrheit zu sagen, im 
Mundus Jovialis eine Erzählung gegeben hat, der seine eigenen älteren 
Mitteilungen widersprechen. 

Marius hat nämlich, was er vier Jahre nach Galileis Entde.ckung 
und Veröffentlichung vor aller Welt getan, zunächst schon 2^/2 Jahre 
früher für den beschränkten Kreis seiner fränkischen Heimat in 
Angriff genommen, das heißt für die Benutzer eines Kalenders für 
das Jahr 1612. Solchen Kalendern wurden damals von den Astronomen 
in der Regel astrologische Prognostica hinzugefügt. Voraussagungen 
für alle Tage des nächstfolgenden Jahres, zunächst für das Wetter, 
dann aber auch für alles mögliche, was außer dem Wechsel der 
Witterung den Menschen von kommenden Dingen zu \dssen erwünscht 
war. Derartige Veröffentlichungen hat Marius mehrfach benutzt, 
um seine und anderer Beobachter astronomische Entdeckungen mit- 
zuteilen und näher zu besprechen. Seine Prognostika sind heute 
außerordentlich selten geworden, zum größeren Teil vollständig ver- 
schollen; von zehn unter den elf erhaltenen kennt man zur Zeit nur 
ein vereinzeltes Exemplar. So mag es gekommen sein, daß in bezug 
auf Marius' Prognostikon auf das Jahr 1612 immer nur einer dem 



— 353 — 

anderen nachschreibt, in ihm sei in derselben Weise wie in der 
Schrift von 1614 der Anspruch auf die Entdeckung der Jupiters- 
trabanten erhoben. Wir verdanken dem Nürnberger Gynmasial- 
professor Josef Klug die Kenntnis der Tatsache, daß zwischen den 
Angaben beider Schriften sehr erhebliche Unterschiede bestehen. 
Klug hat in einer umfassenden Studie über Marius' Ansprüche^ zum 
erstenmal die betreffenden Teile des Prognostiken auf 1612 ihrem 
Wortlaute nach bekannt gemacht. Ich habe den Abdruck der Stellen 
mit dem Nürnberger Original verglichen und habe mich überzeugt, 
daß die Reproduktion genau ist. 

Es sind drei getrennte Stellen, an denen das Prognostikon von 
Marius' Beobachtungen spricht; die erste findet sich schon in der 
Widmung, die vom 1. März 1611 datiert ist. Hier berichtet Marius, 
daß er vermittelst des niederländischen neu erfundenen Instruments 
„vom Ende des Dezember 1609 an", soviel gesehen habe, daß die 
Milchstraße nichts anderes ist als eine Vereinigung der Strahlen 
unzähliger Sterne. Ebenso sei die Krippe am KJrebs und andere ver- 
meinte neblige Sterne nur eine Anhäufung sehr zahlreicher Fixsterne, 
die wTgen des Zusammentreffens der Strahlen ohne das Instrument 
nicht gesehen werden können. Mit dem Ende des Dezember 1609 
beginnt also nach den Angaben des Prognostikon Marius' teleskopische 
Beobachtung. Die spätere Schrift verlegt, wie oben bemerkt, diesen 
Anfang in den Sommer dieses Jahres 1609. 

Nur nebenbei ist in derselben Widmung gesagt: Der Verfasser 
wolle ,,verschw^eigen, was er sonsten im Mond und in den vier Newen- 
Planeten vermerket". 

Als ,,die vier Newen-Plancfcen", d. h. als ein bereits bekanntes 
Objekt der teleskopischen Beobachtung werden also hier die Jupiters- 
trabanten eingeführt. 

Während nun von dem, was Marius im Mond vermerkt, auch 
weiterhin im eigentlichen Prognostikon geschwiegen wird, berichten 
zwei, durch sechs Blätter voneinander getrennte, Stellen über Marius' 
erste Wahrnehmung der kleinen Sterne zur Seite des Jupiter. In 
beiden Stellen würd des Traktätleins des Galilaeus Galilaei gedacht, 
also wie in der Widmung wenigstens angedeutet, daß die Wahr- 



' J. Klug, Simon Marius aus Gunzenhausen und Galileo Galilei. Ab- 
handl. d. bayr. Akad. d. Wiss.. math.-phys. Kl. 22 (1906) 385—471. 
Wohlwill, GalUei. II. 23 



— 354 — 

nehmung sich auf anderweitig bereits Bekanntes beziehe. Überein- 
stimmend sagt in beiden Stellen Marius, daß er die neuen Planeten 
„vom Ende des Dezember 1609 an" gesehen habe. Da nun die an- 
geführte Stelle der Widnmng mit genau denselben Worten den Zeit- 
punkt bezeichnet, in dem von Marius durch das niederländische 
Instrument zuerst eine große Zahl sonst nicht wahrnehmbarer Sterne 
gesehen wurden, so scheint zwischen dieser Wahrnehmung, mit der 
das teleskopische Sehen beginnt, und der Entdeckung der Jupiters- 
trabanten für den Verfasser des Prognostikon fast gar keine Zeit 
vergangen zu sein, während nach dem Mundus Jovialis mindestens 
drei Monate dazwischen liegen; bemerkenswert bleibt jedoch, daß 
der Leser des Prognostikon von der angeführten Gleichzeitigkeit 
der beiden Entdeckungen keineswegs durch eine bestimmte Äußerung 
Kenntnis erhält, sondern sie nur aus der Übereinstimmung der Zeit- 
angaben für jede einzelne zu schließen genötigt wird. 

Als sicher haben wir der dreimal wiederholten Angabe desselben 
Datums zu entnehmen, daß Marius zur Zeit der Entstehung seines 
Prognostikon auf 1612, also in der ersten Hälfte des Jahres 1611, 
das Ende des Dezember (alten Seils) als die Zeit seiner ersten Wahr- 
nehmung der Jupiterstrabanten hat bezeichnen wollen; daß bei dieser 
Angabe an nichts weiter als das dem Verständnis der Erscheinung 
vorausgehende Sehen gedacht ist, läßt sich schon daraus entnehmen, 
daß dieser Anfang der Zeit nach mit der ersten Wahrnehmung einer 
größeren Zahl von Fixsternen durch das Ferm-ohr zusammenfällt, 
und ersichthch ist von Erwägungen, die dem ersten Sehen „vom 
Ende des Dezember an", gefolgt sind, die Rede, wenn Marius gleich 
nach der Angabe dieses Zeitpunktes fortfährt; „ersthch habe ich 
vermeint, es wären kleine subtile Fixsterne, so sonsten nit gesehen 
werden. Als aber solche mit dem Jupiter fortgangen und bald vor 
bald nach dem Jupiter von mir observiert worden, habe ich änderst 
nit urteilen können, denn daß sie ihre Bewegung im Kreis um den 
Jupiter haben" usf. Das sind fast genau die Worte, mit denen im 
Vorwort des Mundus Jovialis über den Anfang der Beobachtung 
referiert wird, aber mit dem Unterschied, daß das „erstlich" des 
Prognostikon an das Ende des Dezember, das des Mundus Jovialis 
an das Ende des November fällt. 

Wesenthch verschieden ist ersichtlich das aus den beiden Dar- 
stellungen sich ergebende Verhältnis zu Galileis Entdeckung. Nach 



— 355 — 

dein Mundiis Jovialis sieht Murius drei kleine Sterne neben dein 
Jupiter einen vollen Monat früher als Galilei; aber erst am Ende 
dieses Monats, also in einem Zeitpunkt, wo Galilei anfängt, sich mit 
der Erscheinung der Trabanten zu beschäftigen, ist Marius über die 
Bedeutung dieser Erscheinung soweit im Klaren, daß er für not- 
wendig hält, seine Beobachtungen aufzuzeichnen; das geschieht zum 
erstenmal an den Tagen, an denen Galilei seine zweite Beobachtung 
verzeichnet. Fällt dagegen dem Bericht des Prognostikon gemäß 
Marius' erstes Sehen in das Ende des Dezember, also in die Zeit der 
ersten Galilei sehen Beobachtungen, was wird dann aus der Beob- 
achtung und ersten Aufzeichnung vom 29. Dezember 1609? 

Marius erwähnt im Prognostikon weder diese noch irgendeine 
Aufzeichnung der Trabantenstellung; das könnte zum Beweis genügen, 
daß er zur Zeit der Abfassung dieses 1611 geschriebenen Berichtes 
noch nicht am 29. Dezember gesehen und aufgezeichnet haben will, 
was Galilei vom gleichen Tage berichtet, denn wenn er eben diese 
Beobachtung gemacht, aufgezeichnet und vielleicht dem Fuchs von 
Bimbach gezeigt hätte, wie hätte er selbst in der allerkürzesten Mit- 
teilung darauf verzichten können, zum Beweis für die Gleichzeitig- 
keit seiner Wahrnehmungen mit den Galilei sehen dieses Zusammen- 
treffen zu verwerten? 

Aber es kommt dazu, daß eine Veranlassung der Art, wie sie 
nach der Erzählung des Mundus Jovialis Marius bestimmte, am Tage 
der zweiten Galilei sehen Beobachtung zum erstenmal aufzuzeichnen, 
was er gesehen, nach der Darstellung des Prognostikon für ihn am 
29. Dezember 1609 noch gar nicht vorhanden war. AVas hatte nicht 
alles geschehen müssen, um diese Aufzeichnung vorzubereiten! Ohne 
zunächst sich um die Planeten zu bekümmern, beobachtet Marius 
vom Sommer des Jahres 1609 bis zum Ende des November an allen 
Teilen des Himmels nie gesehene Fixsterne, sieht er die Milchstraße 
und die Nebel im Krebs und an anderen Stellen sich zu Sternen- 
scharen auflösen, erst in den letzten Tagen des November sieht er 
kleine Sterne zur Seite des Jupiter. „Gleich bei den ersten Beob- 
achtungen", so lautet Marius' ausführlicher Bericht, „veränderte sich 
von Tag zu Tag, ja fast von Stunde zu Stunde ihre Stellung zum 
Jupiter. Zuerst glaubte ich, sie gehören zur Zahl derjenigen Fixsterne, 
die ohne Instrument nicht gesehen werden können, da aber Jupiter 
damals rückläufig war, setzte dieser rasche Wechsel der Stellungen 

23* 



- 356 — 

zum Jupiter mich sehr in Verwirrung, bis ich endlich zu zweifeln 
jinfiuü:. oh es in WahrluMt Fixsterne sein können: als aber Jupiter 
bereits um mehrere Grade zurückgegangen war, und ich nichts- 
destoweniger diese Sterne ihn begleiten sah, da ergriff mich höchste 
Verwunderung und ich begann die Beobachtungen aufzuzeichnen; 
die erste war am 29. Dezember des Jahres 1609 abends um die fünfte 
Stunde" usw. Durch diese und die darauffolgenden Beobachtungen 
versicherte sich Marius, daß die Sterne sich um den Jupiter als Zen- 
trum bewegen.^ 

Etwas abweichend berichtet das Vorwort an den Leser: der 
Gedanke an eine Bewegung um den Jupiter geht hier der genaueren 
Forschung voraus, aber auch hier vorfließt ein voller Monat, bis 
Marius, um den Gedanken zu bestätigen, die Stellungen der Trabanten 
aufzuzeichnen anfängt.- 

So der Mundus Jovialis! Nimmt man an, daß diese Darstellung 
des Verlaufs der "Wahrnehmungen und der mit diesen verknüpften 
Empfindungen und Überlegungen im wesentlichen Erlebtes wieder- 
gibt, so würde bei Übertragung eben dieses Verlaufs auf eine Folge 
der Wahrnehmungen, die ,,am Ende des Dezember" beginnt, die 
erste Aufzeichnung statt auf den 29. Dezember 1609 etwa auf das 
Ende des Januar 1610 nach altem Stil fallen, das heißt, sie würde 
niit den Beobachtungen Galileis etwa vom Anfang der zweiten Woche 
des Februar 1610 (n. St.) zusammentreffen. 

Um dagegen eine Beobachtung und Aufzeichnung vom 2^. De- 
zember (8. Januar) mit dem Anfang der Wahrnehmung „vom Ende" 
desselben Dezembermonats vereinbar zu finden, müßte man auch 
bei liberalster Deutung der Zeitbestimmung „vom Ende des Dezember" 
Marius ein außerordentlich viel rascheres Erfassen der wahren Natur 
völlig neuer Erscheinungen zuschreiben, als er selbst nicht nur an 
zwei Stellen des Mundus Jovialis, sondern auch im Prognostikon auf 
1612 in Anspruch nimmt; denn wenn auch in diesem letzteren nicht 
so nachdrücklich wie in der späteren Erzählung weder von der Rück- 
läufigkeit des Jupiter und den mehreren in dieser Richtung durch- 
laufenen Graden, noch von ,, allmählichem" und „endlichem" Be- 
greifen die Rede ist, so ist doch in ähnlicher Weise wie dort ein lang- 



^ Vergl. Mundus Jovialis p. B. 4"'®. 
^ Praefatio ad candidum lectorem. 



— 357 - 

sanier Fortschritt vom Sehen zum Verstellen i;ekennzeiehnet, der 
um so wciii^^er in dem kurzen Zeitraum einiger in das Ende des Monats 
fallender Tage zusammengedrängt zu denken ist, als in dieselbe kurze 
Frist auch noeh der Anfang aller teleskopischen Himmelsbeobachtungen 
gefallen sein soll. 

Daß ein sehr viel schnelleres Begreifen des völlig Neuen, das die 
Jupiterstrabanten dem Beobachter boten, nicht allein dem kundigen 
Astronomen der Gegenwart denkbar, sondern auch dem Unvor- 
bereiteten in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts möglich gewesen 
ist, beweist der Nuncius Sidereus, dem \vir entnehmen, daß schon 
nach der vierten Beobachtung Galilei als über allen Zweifel gewiß 
erkannte, daß „am Himmel drei Sterne sind, die sich um den Jupiter 
bewegen wie Venus und Merkur um die Sonne". Undenkbar also 
wäre nicht, daß auch Simon Marius in ungefähr derselben Zeit zur 
gleiclien Erkenntnis hätte gelangen können; aber Marius, dem, als 
er schrieb, Galileis Berichte sehr genau bekannt waren, dem es in 
seiner Darstellung darauf ankam, sich als Gleichberechtigten neben 
Galilei zu stellen, denkt so wenig daran, weder in dem ersten flüchtigen 
noch in der späteren wohlberechneten Erzählung, auch in bezug auf 
Raschheit im Erkennen der Wahrheit mit Galilei zu wetteifern, daß 
es vielmehr scheint, als wollten seine Worte ausdrücklich sagen: 
so leicht ist es mir nicht geworden! Hat demnach Marius, wie das 
Prognostikon auf 1612 berichtet, am Ende des Dezember 1609 zuerst 
tue Trabanten gesehen, so hat er nach allem, was wir von ihm selbst 
über den Weg seiner Forschung wissen, nicht auch vor dem Ende 
des Dez, 1609 die Trabantenstellungen aufzuzeichnen begonnen. Die 
Nichterwähnung einer ersten Aufzeichnung vom 29. Dez. 1609 im 
Prognostikon auf 1612 ist also mit dessen wiederholter Angabe, daß 
die Wahrnehmung am Ende des Dez, begonnen, im besten Einklang, 

Von nicht geringerer Bedeutung als diese Nichterwähnung ist 
offenbar die Abweichung des Prognostikon in der Angabe über die 
Dauer der Beobachtungen. AVährend der Mundus Jovialis von einer 
vier Jahre hindurch fortgesetzten Beobachtung der Trabanten zu 
berichten hat und nur genau bemerkt, daß durch Marius' Abwesen- 
heit von Ansbach eine Unterbrechung in der Zeit vom 13. Januar 
bis S.Februar 1610 veranlaßt wurde, bezeichnet der Wortlaut des 
Prognostikon eine größere Pause im Lauf des Jahres 1610; die erste 
der angeführten Stellen läßt allerdings in nachlässiger Weise Tag 



— 358 — 

und Monat der Unterbrechung ungenannt; sie sagt nur, daß Marius 
„von dem Ende des Dezember desz 1609 bis in desz 1610 vielmals 
observiert", die zweite gibt dagegen an, daß Marius „bis in das Mittel 
des Apriln dises Jahres 1610" die vier Planeten gesehen habe. Ohne 
Zweifel ist in den beiden getrennten Stellen genau das Gleiche gemeint; 
es ist also in der ersten das Wort April ausgefallen und in der zweiten 
das Fürwort „dises" für „deß" gebraucht; Marius hat demnach vom 
Ende Dezember 1609 bis in die Mitte des April 1610 beobachtet und dann 
zunächst zu beobachten aufgehört. Wann er von Neuem angefangen, 
\NTrd das erstemal gar nicht gesagt, das zweitemal durch die Worte 
„nun widerumb zu frü"^ nur angedeutet; so unbestimmt die Angabe 
lautet, so weist sie doch auf einen Zeitpunkt, der demjenigen, in dem 
der Verfasser schreibt, nicht lange vorausgegangen ist. Nun ist zwar 
die Widmung des Prognostikon vom 1. März 1611 datiert, im Pro- 
gnostikon selbst aber findet sich, wie Klug nachgewiesen, auf einem 
Blatte in nächster Nähe desjenigen, das die zweite Äußerung über 
die Jupiterstrabanten enthält, eine Zeitbestimmung, die beweist, daß 
Marius noch im Juni 1611 mit der Bearbeitung seiner Schrift be- 
schäftigt war.2 Zieht man weiter in Betracht, daß bei Marius Zeit- 
bestimmungen ähnlicher Art gelegentlich nur grobe Annäherungen 
enthalten, so daß er beispielsweise von einer Mondfinsternis, die vor 
mehr als zwei Jaliren stattgefunden, sagt, daß sie ,, wider neulich" 
stattgefunden hat, so wird man zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit 
den mit „nun Anderumb" bezeichneten Zeitpunkt in das Jahr 1611 
verlegen, aber auf nähere Bestimmung verzichten müssen. 

Setzen wir diesen neuen Anfang dem Anfang des Jahres, in dem 
das Prognostikon geschrieben ist, so nahe wie irgend möglich, so 
würden immer noch 8V2 Monate übrigbleiben, während derer Marius 
seiner eigenen Äußerung nach auf jede Beobachtung der Jupiters- 

^ „zu frü" heißt bei Marius überall: in der Frühe, die Angabe deutet 
also auf Beobachtungen vor Sonnenaufgang. 

- Klug (a. a. 0. S. 445) sieht darin den Beweis dafür, daß das Datum 
der Widmung ein fingiertes ist. Er scheint dabei von der Voraussetzung aus- 
zugehen, daß das Datum der Widmung den Zeitpunkt der Fertigstellung der 
Schrift liezeichnen müsse. Es ist jedoch kein Grund zu erkennen, daß nicht 
eine Widmung, deren Inhalt fast ohne Beziehung auf den der Schrift ist, 
auch einmal früher und selbst vor der Schrift verfaßt werden könnte. Auch 
ist nicht zu ersehen, welchen Vorteil die Vordatierung der Widmung und 
der Sclarift für Bekräftigung von Marius' Ansprüchen gewähren könnte. 



1 



— 359 — 

tiabaiiti'ü verzichtet hätte. Dieses überraschende Geötäiicliiis er- 
seheint im erhöhten Maße auffällig, wenn man beachtet, daß nur 
zwei Monate nach dem Beginn der genau bezeichneten Pause Galileis 
Nuncius Sidereus in Marius' Hände kam. daß also seiner Krkläruno' 
nach auch diese Veröffentlichung ihn noch mehr als ein halbes Jahr 
hindurch nicht veranlaßt hat, die unterbrochenen Beobachtungen 
von neuem in Angriff zu nehmen. 

Es wird nicht überflüssig sein, einen möghchen Einwand gegen 
diese Auffassung des uns vorliegenden Wortlautes kurz zu berühren. 
Der Gebrauch des Fürworts: „dises" für ein vergangenes Jahr klingt 
uns so ungewöhnlich, daß man auf den Gedanken kommen könnte, 
Marius habe die Nachlässigkeit im Schreiben oder in der Beaufsich- 
tigung des Drucks so weit getrieben, daß er in beiden Stellen die 
entscheidende Jahreszahl verwechselt oder falsch, wie sie gedruckt 
war, stehengelassen hätte, daß also vielleicht 1611 statt 1610 zu lesen 
sei. Dem widerspricht jedoch nicht allein das „deß" in der Parallel- 
stelle, das gewissermaßen dem „dises" zur Erklärung dient, sondern 
auch ein Gebrauch des Fürwortes „dises" bei anderen Gelegenheiten, 
der durchaus mit dem im vorliegenden Falle übereinstimmt. Marius 
bedient sich der Bezeichnung „dises Jahi*" in seinen Prognostiken 
nicht nur für das Jahr, in dem er schreibt, und für das folgende, für 
das seine Voraussagungen gelten sollen, sondern auch für Jahre, die 
der Vergangenheit angehören. So habe ich in seinem Prognostiken 
auf 1613 an drei Stellen das Jahr 1610 als „diß 1610 Jahr" in Zu- 
sammenhängen bezeichnet gefunden, wo der Gebrauch des hinweisen- 
den Fürworts in keiner Weise gerechtfertigt erscheint, daß „dieses" 
vielmehr nichts weiter bedeutet als das. Es kann daher dem gleich- 
artigen Gebrauch desselben Fürworts in Marius' Angabe über die 
Dauer seiner ersten Beobachtungsperiode kein Grund entnommen 
werden, hier 1611 zu lesen, wo an zwei Stellen übereinstinmiend 1610 
gedruckt ist. 

Fassen wir zusammen, was die Prüfung des Prognostiken auf 
1612 ergeben hat, so ist es eine zweite, von Marius selbst herrührende 
Erzählung der auf seinen Anteil an der Entdeckung der Trabanten 
bezüglichen Vorgänge, die von der des Mundus Jovialis in wesentUcher 
Beziehung abweicht. Es leuchtet ein, daß nicht beide der Wahrheit 
entsprechen können, und auch darüber kann kaum ein Zweifel be- 



— 360 — 

stehen, welche von den beiden in höherem Maße unser Vertrauen 
verdient. Wenn eine von beiden, muß es offenbar diejenige sein, die 
um mehr als zwei Jahre den beschriebenen Vorgängen näher liegt. 

Dann aber folgt ohne weiteres, daß wir guten Grund haben, in 
Zweifel zu ziehen, was uns das nur angerufene Zeugnis des Ritters 
Fuchs von Bimbach verbürgen soll. Wir müssen für möglich halten, 
daß Marius gewagt hat, für unwahre Aussagen sich auf seinen hohen 
Gönner zu berufen, da sein eigener älterer Bericht ihre Unwahrheit 
dartut. Wie sollen wir dem Bericht von 1614 glauben, daß Marius 
schon im Sommer 1609 das Ferm-ohr auf den Sternenhimmel gerichtet 
hat, wenn er selbst mehrere Jahre zuvor gesagt hat, daß es zuerst 
gegen Ende Dezember geschehen ist? 

Es kann nicht der Wahrheit entsprechen, was der Mundus 
Jovialis berichtet, daß Marius vom Ende November an den Dezember 
1609 hindurch die Trabanten beobachtet und am 29. Dezember bereits 
eine fertige Vorstellung von ihren Bewegungen gehabt hat, denn 
nach der Erzählung, die Marius längere Zeit zuvor geschrieben, hat 
er sie vor dem Ende Dezember 1609 überhaupt nicht gesehen. 

Dieselbe ältere Erzählung weiß eben deshalb nichts von einer 
ersten Aufzeichnung der Konstellation der Trabanten am 29. Dezember 
1609 und von der genauen Übereinstimmung dieser Aufzeichnung 
mit Galileis Beobachtung vom gleichen Tage, und sie kann nichts 
davon mssen, weil nach Marius' eigener Darstellung die Veranlassung 
zur genaueren Beobachtung und Aufzeichnung einem späteren "Zeit- 
punkt angehört. 

Nicht minder müssen wir der Behauptung, daß Marius vom 
November 1609 bis zur Veröffentlichung seines Mundus Jovialis 
ohne nennenswerte Unterbrechung die Jupiterstrabanten beobachtet 
habe, den Glauben verweigern, da sein Prognostikon uns verrät, 
daß Marius mehrere Monate, ehe er von Galileis Beobachtungen 
Kenntnis erhalten hat, die seinen unterbrochen und neue erst wieder in 
Angriff genommen, nachdem er inz^\ischen Galileis Schrift gründlich 
zu studieren Gelegenheit gehabt hatte. 

Muß nach alledem der Bericht des Mundus Jovialis als unzu- 
treffende Darstellung der beschriebenen Vorgänge angesehen werden, 
«0 genügt nicht, daß wir nunmehr für die weitere Erörterung von seiner 
Benutzung absehen, statt seiner die Angaben des Prognostikon auf 
1612 zugrunde legen; es darf nicht unbeachtet und nicht unaus- 



— 3bl — 

gesprochen bleiben, daß mit dem Nachweis der Unglaubwürdigkcit 
des Berichts, der allein in weitere Kreise gedi-ungen ist, der ausschließ- 
lich die Grundlage der verbreiteten geschichtlichen Auffassung bildet, 
ein Makel auf die Person seines Urhebers fällt. Hat Marius erlebt, 
was er im Prognostikon berichtet, dann ist die erhebliche Steigerung 
seiner Ansprüche im Mundus Jovialis kaum anders als durch be\\aißte 
Unwahrheit zu erklären; müssen wir ihm glauben, daß er, wie das 
Prognostikon sagt, am Ende Dezember die Trabanten wahrzunehmen 
begonnen hat, dann kann die Übereinstimmung seiner ersten genaueren 
Beobachtung mit Galileis Aufzeichnung vom gleichen Tage, die schein- 
bar entscheidend Marius' Entdeckung beweist, nur in der Weise 
entstanden sein, wie Galilei es behauptet hat, durch einfaches Ab- 
schreiben aus dem Nuncius Sidereus, der, als Marius schrieb, ihm 
seit 3V2 Jahren bekannt war. 

Halten wir uns nunmehr an das Prognostikon auf 1612, als einzige 
möglicherweise zuverlässige Quelle, so ist es weniger, aber immerhin 
noch recht viel, was Marius beansprucht. Er deutet nicht an, daß 
er früher als Galilei die Natur der Sterne um den Jupiter erkannt 
hat, ja, er sagt nicht einmal, wann er zu dieser Erkenntnis gelangt 
ist, wohl aber behauptet er sehr bestimmt, ungefähr gleichzeitig und 
völlig unabhängig von Galilei die Trabanten gesehen zu haben. 
Haben wir denn nun Grund, dieser Behauptung einer Schrift zu glauben, 
die immer noch mindestens ein Jahr nach dem Bekanntwerden der 
Galilei sehen „Botschaft von den Sternen" entstanden und noch 
erheblich später an die Öffentlichkeit gekommen ist? 

Marius nennt auch hier seine Zeugen. Er nennt seinen Gönner 
Fuchs von Bimbach, zwar auch hier nicht als Zeugen seiner Beob- 
achtungen, sondern als denjenigen, der ihm am Ende Dezember 1609 
das niederländische Fernrohr zur Verfügung gestellt hat. Außerdem 
aber nennt er zwei befreundete Astronomen, David Fabricius und 
Caspar Odontius, denen er von seinen Beobachtungen geschrieben 
hat. Er sagt zwar ziemlich unbestimmt, er habe die neuen Planeten 
vielmals observiert und gesehen, deswegen auch hernach Herrn 
Davidi Fabricio in Ostfriesland und Herrn M. Odontio zu Altorf 
zugeschrieberi, da es aber einer Beglaubigung nur für diejenigen 
Beobachtungen bedarf, die er vor dem Bekanntwerden d(^r Galilei- 
schen Entdeckung ausgeführt hat, so muß man glauben, daß er eben 
diese im Sinne hat, wenn er sich auf die Freunde beruft. Wii- haben 



— 3G2 — 

also Grund, uns zu erkundigen, was die genannten beiden von Marius' 
pjitdeckung gewußt haben. 

David Fabricius war einer der namhaftesten Astronomen jener 
Zeit, sein Briefwechsel mit Kepler aus der Zeit vor 1609 bezieht sich 
auf die Hauptgegenstände der Kepler sehen Forschung und ist von 
großer Bedeutung für die Geschichte der Astronomie; daß er wie mit 
Kepler auch mit Simon Marius in wissenschaftlichem Briefwechsel 
gestanden hat, läßt sich aus den Schriften beider nachweisen; 
Fabricius spricht von Marius stets mit besonderer Achtung, Marius 
beruft sich mit Vorhebe auf die Mitteilungen des sehr vortrefflichen 
Astronomen Fabricius. Wenn nun trotzdem in der Schrift des Sohnes 
Johann Fabricius über die Sonnenflecken bei Erwähnung der 
Jupiterstrabanten nur Galilei als Entdecker, Simon Marius aber 
überhaupt nicht genannt wdrd, so spricht das nicht dafür, daß zur 
Zeit der Abfassung der Schrift über die Sonnenflecken (zwischen 
März und Juni 1611) David Fabricius über Marius' Entdeckung 
unterrichtet gewesen ist. Wii' sind aber nicht auf solche unsichere 
Folgerung angewiesen. David Fabricius hat, wie Simon Marius und 
die meisten anderen iVstronomen, jährliche Kalender verfertigt und 
mit diesen Prognostika für das kommende Jahr verbunden. Auch 
diese Prognostika sind zum Teil nicht mehr aufzutreiben, die er- 
haltenen gehören zu den großen literarischen Seltenheiten, von den 
drei auf die Jahre 1615 bis 1617 ist nur je ein Exemplar vorhanden. 
Ich hatte Grund, zu glauben, daß in der Widmung des Prognostikon 
auf 1615, das in der Wiener Hofbibliothek bewahrt wird, von der 
Entdeckung der Jupiterstrabanten die Rede ist, und habe mich 
daher bemüht, das seltene Heft zu Gesicht zu bekommen. Herr 
Direktor Münzel hat die Güte gehabt, die Übersendung nach Ham- 
burg zu vermitteln, und so habe ich denn Gelegenheit gehabt, den 
David Fabricius über Simon Marius' Entdeckung zu verhören. 

Die Widmung des Prognostikon auf 1615, die vom 1. Juni 1614 
datiert ist, hat zum Gegenstand eine höchst interessante Ausfühi'ung 
über das Thema, daß in jenen Tagen, kurz vor dem erwarteten Unter- 
gang der Welt, Gottes Gnade den Menschen in besonders reichlichem 
Maße nie gekannte Wunder der Natur offenbar werden lasse. Unter 
diesen Wundern werden, wie sich erw^arten läßt, die teleskopischen 
Entdeckungen der letzten Jahre besprochen. Und da heißt es denn 
im § 5 wörtlich: 



— 363 — 

„Sonderlich aber ist das donkwürdij?, daß dor Galilaeus Galilaei, 
üin Italiener, mit hülff dises Tubi optici 4 kleine Planetlein unib und 
neben den Jovem entdecket, davor kein Astronomus jemals gewußt 
oder meidung getan hat. Was auch der Herr Simon Marius von 
diser neuen Planetlein Lauff juxta longitudinem et latitudinem biß- 
her observiert, solches wird er verhoffentlich der posteritet mit den 
ehesten comuniciren und ihme damit einen rühmlichen Namen 
machen." 

David Fabricius weiß also am 1. Juni 1614, in dem Jalir, in dem 
der Mundus Jovialis des Marius gedruckt und erschienen ist, sehr 
wohl, daß Marius sich mit der Beobachtung und der Bahnbestimmung 
der Jupiterstrabanten beschäftigt und eine Veröffentlichung darüber 
vorbereitet, aber Entdecker der Trabanten ist auch für ihn Galileo 
Galilei, von irgendwelchem Anteil des Simon Marius an der Ent- 
deckung, ja von einem Anspruch, den Marius erhoben hätte, weiß 
er nichts und kann er also auch durch Marius' Briefe nichts erfahren 
haben. 

Und doch beweist eine andere Stelle derselben Widmung, daß 
die Korrespondenz der beiden Astronomen bis in die jüngste Zeit 
fortgedauert hat. Fabricius spricht hier, wie auch sonst, die Ansicht 
aus, daß die neuen Sterne, die für kurze Zeit am Himmel hellleuchtend 
erscheinen, um dann wieder unsichtbar zu werden, nicht in Wahrheit 
versehenden, sondern nur für das unbewaffnete Auge unsichtbar 
am Hinmiel bleiben; „wie denn auch", schreibt er, „der Ehrenvest 
und Hochgelahrte Fürstliche Medicus und Astronomus D. Simon 
Marius zu Onoltzbach, mein besonder Herr und Freund mir nemliche 
zugeschrieben, was massen er die vestigia novae stellae in Cassiopeja 
mit seinem perspicillo Italico vor wenigen Monaten noch vermerkt 
habe". Diese Wiederauffindung des Sterns von 1572 durch das 
Teleskop muß nach Marius' Mitteilungen an anderer Stelle etwa 
in das Jahr 1613 gefallen sein. Bis dahin, das heißt nicht nur bis 
zur Veröffentlichung des Prognostikou auf 1612, sondern noch min- 
destens ein Jahr darauf hatten also Marius' Briefe an David Fabricius 
von einer selbständigen Entdeckung der Jupiterstrabanten nichts 
enthalten. Marius' Berufung auf das, was er dem Herrn Davidi 
Fabricio in Ostfriesland geschrieben, ist also eine mit oder ohne 
Absicht irreführende; er hat dem Fabricius „hernach", das heißt 
irgend einmal, nachdem man durch Galilei die neuen Planeten kannte, 



— 364 - 

über seine eigenen Beobachtungen geschrieben, ohne dem befreundeten 
Astronomen jemals etwas von den eigenen Ansprüchen auf die Ent- 
deckung zu verraten. 

Im wesentlichen das Gleiche entnehmen wir seinen Mitteilungen 
an den Professor Caspar Odontius in Altorf; ihr Inhalt ist uns dadurch 
erhalten, daß Odontius bei später zu erörternder Veranlassung Kepler 
berichtet hat, was ihm Marius geschrieben. „Es wird Euch nicht 
uner\\1inscht sein," schi'eibt Odontius am 24. November 1611 an 
Kepler, „wenn ich Euch aus dem letztvergangenen Jahr 1610 die 
Beobachtung einer Mondfinsternis übermittele, die der Herr Simon 
Marius, ein nicht unberühmter Mathematiker, ausgeführt hat, mit 
dem ich seit längerer Zeit in brieflichem Verkehr stehe." Es folgt 
dann, was Marius dem Odontius über die Beobachtung der Mond- 
finsternis vom 29. Dezember 1610 „mit dem neuen Instrument des 
Galileo Galilei" mitteilt, und was er über die Jupiterstrabanten hinzu- 
fügt; in derselben Stunde, berichtet Marius, habe er alle vier Jupiters- 
begleiter, zwei östhche und zwei westliche sehr schön und sehr genau 
gesehen. Der östlichste habe eine Entfernung von 5 Minuten vom 
Jupiter gehabt, der nähere von 3V2 Minuten, der am meisten nach 
Westen gelegene von 4, der nähere von 2 V2 Knuten. 

Diesen genauen Angaben über die Stellung der Trabanten in 
der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember fügt Odontius hinzu, was 
ihm Marius über die Umlaufzeiten der Trabanten mitgeteilt hatte. 
Der sich am weitesten vom Jupiter entfernt, hatte Marius geschrieben, 
vollendet seine Periode im Zeitraum von 16 Tagen, in bezug auf die 
Stunden sei er noch nicht zu sicherer Bestimmung gekommen; bei 
den übrigen sei die Beobachtung schwieriger, doch glaube er, daß 
derjenige, der nach dem entferntesten als zweiter folge, in 10 oder 
11 Tagen einen Umlauf vollende. In der Nähe des Jupiter verändere 
sieh seine Stellung außerordentlich schnell, während er in größerem 
Abstand beinahe still zu stehen scheine. „Demnach glaubt er", 
schließt Odontius, „daß sie sich in Kreisbewegung um den Jupiter 
bewegen." 

Die hier wiedergegebenen Mitteilungen über die Umlaufszeiten, 
die ein erstes Stadium in Marius' Bemühungen in dieser Richtung 
bezeichnen, gestatten eine annähernde Bestimmung des Zeitpunktes, 
in dem der Brief an Odontius geschrieben sein mag. Er kann nicht 
vor dem Ende des Jahres 1610 geschrieben sein, da er Beobachtungen 



— 365 — 

aus den letzten Dezembertagen eben dieses Jahres mitteilt, er kann 
aber auch nicht ganz kurze Zeit vor dem Prognostiken auf 1612 
geschrieben sein, da Marius' Angaben in diesem einen sehr erheblichen 
Fortschritt in der Beobachtung und Berechnung bezeichnen. Während 
er in der Mitteilung an Odontius auch für den entferntesten Trabanten 
nur in bezug auf die Tage sicher zu sein glaubt, für den nächsten noch 
zwischen 10 und 11 Tagen schwankt, will er im Prognostiken auf 
1612^ die Periode der beiden äußeren Trabanten „auf das eygent- 
lichst so möglich erfunden, auch allbereit tabulas gerechnet haben, 
daraus man auf jede Zeit rechnen kann, wie viel Minuten sie zur 
Rechten oder Linken Hand von Jove abstehen". Diese wesentliche 
Vervollständigung der Bestimmungen seit der Mitteilung an Odon- 
tius, mag sie auch nur in Marius' Meinung erreicht gewesen sein, 
läßt eine Abfassung der letzteren bald nach dem Zeitpunkt der be- 
schriebenen Beobachtungen, also etwa im Januar oder Februar 1611 
als vorzugsweise wahrscheinlich ansehen. 

Dürfen wir nun mit gutem Grund annehmen^, daß Odontius 
durch sein an Kepler gerichtetes Schreiben vom 24. Nov. 1611 voll- 
ständig mitgeteilt hat, was er selbst von Marius über seine Jupiter- 
forschung erfahren, so hat der Altorf er Professor bis zum Frühjahr 
1611 durch Marius selbst von dessen Anspruch auf die Entdeckung 
der Jupiterstrabanten und von seinen Beobachtungen in den letzten 
Dezembertagen des Jahres 1609 ebensowenig Kenntnis gehabt, wie 
der Ostfriesische Astronom im Jahr 1614. 

Marius hat also in Wahrheit auch für den Bericht seines Pro- 
gnostikon auf 1612, insbesondere für seine Entdeckung der Jupiters- 
trabanten „vom Ende des Dezember 1909 an", keine Zeugen. Da 
er aber erwarten muß, daß man danach fragen wird, so nennt er die 
Namen von Leuten, denen er hernach über die Sache geschrieben 
hat, zwar nicht unmittelbar nach seiner Entdeckung, auch nicht vor 
dem Bekanntwerden der Galilei sehen Schrift, auch nicht darüber, 
daß er die Trabanten entdeckt oder doch gesehen hat, eher er von 
Galileis Entdeckimg wußte, aber doch, daß er sie irgendeinmal 
gesehen; zwar ist das nicht, was die Leser des Prognostikon zu erfahren 
wünschen, aber sie erfahren auch nicht, daß es das nicht ist, denn 

^ Wörtlich ebenso im Brief an Nicolaus von Vicke, über den dieser am 
6. Juli 1611 Kepler Mitteilung macht. 

- Vergl. darüber den Abschnitt Kepler und Marius. 



— 366 — 

wer niclit die wirklich an Fabricius und Odontius geschriebenen Briefe 
kennt, muß notwendigerweise glauben, daß diese beiden von Marius 
als Zeugen für seine frühesten Beobachtungen genannt werden, die 
allein des Zeugen bedürfen. 

x\.uch für den Bericht des Prognostikon für 1612 und demgemäß 
für das annähernde Zusammentreffen von Marius' ersten Wahr- 
nehmungen mit Galileis Beobachtungen, wie es diese ältere Dar- 
stellung zu beanspruchen scheint, sind wir demnach darauf angewiesen, 
Marius auf sein Wort zu glauben, obgleich er Zeugen genannt hat, 
die eine Aussage zu seinen Gunsten verweigern. Aber sein Brief an 
Odontius, der uns in dieser Beziehung aufgeklärt hat, sagt uns noch 
etwas mehr. 

Galilei war, als er nach zweimonatlicher Beobachtung der 
Jupiterstrabanten seine „Botschaft von den Sternen" der Öffentlich- 
keit übergab, noch nicht zu genauerer Bestimmung der Umlaufs- 
zeiten der 4 Trabanten gekommen. So schließt er seine Schrift mit 
der Aufforderung an alle Astronomen, sich der wichtigen Aufgabe 
dieser Bestimmung zu widmen. Das ließen sich die Astronomen der 
Zeit gesagt sein. Wer irgendeines brauchbaren Fernrohrs habhaft 
werden konnte, machte sich daran, zu beobachten und zu berechnen; 
noch vieles blieb ihm zu erkennen, zu entdecken; aber was er auch 
tat und eiTeichte, er bestätigte, ergänzte und vollendete nur Galileis 
Entdeckung. Liest man nun in völliger Unbefangenheit, was nach 
Odontius' Brief Marius am 29. Dez. 1610 beobachtet und etwa im 
Anfang 1611 berichtet hat, so muß man gestehen, eben das, was die 
anderen Astronomen tun und wollen, tut und will hier auch Simon 
Marius, 

Wenn er sagt, daß er nach der Beobachtung der Mondfinsternis 
,,alle vier Jupitersbegleiter deutlich gesehen", ohne irgend etwas 
hinzuzufügen, was ein näheres Verhältnis seiner Person zu diesen vier 
bezeichnet, so versteht man das leicht, wenn man voraussetzt, daß 
er von den vier Sternen spricht, die seit der Veröffentlichung des 
jSfuncius Sidereus den Gegenstand des höchsten Interesses für Astro- 
nomen und Laien bildeten, die wie die übrigen auch Marius als 
Galileis Sterne kannte, daß also Marius' persönliches Verhältnis zu 
den vier Begleitern des Jupiter und zu Galilei kein anderes ist als 
das des späteren Beobachters und j^achf olgers ; kein Wort seines 
Briefes deutet an, daß er mehr zu sein glaubt. 



— 367 — 

Es liegt nicht fern, daraus zu sehließen, daß am 29. Dezember 
1610 und noch zur Zeit der ersten Mitteilung über die Beobachtung 
an diesem Tage Marius sich nicht für den Entdecker der Trabanten 
hat ausgeben wollen. Aber auch in strenger Beschränkung auf das 
tatsächlich Festzustellende darf man behaupten: die an Odontius 
gerichtete Mitteilung ist soweit davon entfernt, uns in Marius einen 
Nebenbuhler Galileis erkennen zu lassen, wie er schon im Prognostiken 
auf 1612 hervortritt, daß sie vielmehr von jemand geschrieben sein 
könnte, der sich bewußt ist, als Galileis Nachfolger seine Beobachtung 
fortzusetzen. Damit ist im Einklang, daß in Odontius' Brief an 
Kepler das von Marius benutzte Fernrohr ..Galileis Instrument" 
genannt wird. Zwar liegen uns nur des Odontius, nicht Marius' Worte 
vor, und nicht undenkbar scheint, daß der Berichterstatter gerade 
hier den Ausdinick, der ihm geläufiger war, an die Stelle des von 
Marius gebrauchten gesetzt hätte; aber dies als Tatsache daraus zu 
schließen, daß in den unzweifelhaft von Marius herrührenden Be- 
richten das Ferm-ohr immer nur niederländisches Instrument heißt, 
verbietet sich aus dem einfachen Grunde, weil die Verschiedenheit 
der Bezeichnungen hier und dort dem wesentlich verschiedenen Ver- 
halten zu Galileis Entdeckung entspricht. Mit dem Inhalt des ohne 
Zweifel vor dem Prognostikon auf 1612 geschriebenen Briefs an 
Odontius ist sehr wohl vereinbar, daß Marius zur Zeit, als er ihn 
schrieb, kein Bedenken getragen hat, sein Instrument ein Galilei sches 
zu nennen, namentlich dann, wenn etwa Marius, wie so viele seiner 
Zeitgenossen, bis kurz vor dem Tage der Mondfinsternis im Dezember 
1610 vergebens mit dem niederländischen Instrument zu sehen ver- 
sucht hätte, was Galilei beschrieb, und erst mit einem aus Italien 
erhaltenen Fernrohr (im Mundus Jovialis hatte er das freilich schon 
ein Jahr zuvor) vollkommen deutlich die vier Trabanten erkannt 
hätte. 

Dieser Vorstellung gemäß wäre die Beobachtung vom 20/30. De- 
zember 1610, die erste des Marius, über die eine authentische Nach- 
richt erhalten ist. auch die erste oder doch eine der ersten, die er in 
Wahrheit ausgeführt hat. 

Nicht zu verkennen ist, daß eben dieser Vorstellung die Worte 
entsprechen, in denen er nach dem Brief des Odontius diesem mit- 
geteilt hat, was er gesehen, daß sie den frischen Eindi'uck erstmaliger 
Wahrnehmungen wiederzugeben scheinen. Wer eine Erscheinung 



— 368 — 

soit Jahresfrist in ihren Veränderungen regehiiäßig verfolgt hat, wird 
nicht leicht in der Weise, wie es hier geschieht, bei der Beschreibung 
einer einzelnen Beobachtung die vollkommene Deutlichkeit seiner 
Wahrnehmungen betonen. Ganz ähnlich wie Marius an Odontius, 
sclu*eibt Pater Clavius an Galilei, als er nach langem Widerstreben 
sich entschlossen hat, ein gutes Fernrohr auf den Jupiter zu richten: 
so haben wir sie denn zu wiederholten Malen vollkommen deutlich 
(distintissimamentc) gesehen! Ebenso sagt Clavius' Kollege, der 
Pater Griemberger, wenn er erzählt, wie er vom Zweifel zum Glauben 
an die Trabanten gekommen sei: agnovimus manifestissime Jovialia 
sidera. In ähnlicher Wendung berichtet Kepler über seine allerersten 
Beobachtungen der Trabanten, und superlativische Ausdrücke, die 
dasselbe sagen, wird man nicht vergebens suchen, wo immer man 
dem ersten unzweideutigen Erkennen dieser wie verwandter Er- 
scheinungen in den ursprünglichen Berichten nachgeht. Kaum bedarf 
es der Erwähnung, daß sie auch bei Galilei gefunden werden, nicht 
bei Gelegenheit der Mitteilung über seine späteren Beobachtungen, 
wohl aber bei denen der ersten Tage. Wie er hier durch die Bezeich- 
nung des Gesehenen als vollkommen deutlich jedem Zweifel begegnen 
will, als ob er unbestimmten Schein für Himmelskörper halten könnte, 
wie Clavius durch sein ,distintissimamente' erklärt, daß ihm ein so 
bestimmtes Sehen jede Möglichkeit der Selbsttäuschung ausschließt, 
so sagt auch Marius denen, die noch im Anfang des Jahres 1611 an 
der \N4rklichen Existenz der Trabanten zu zweifeln wagen: „ich' habe 
am 30. Dezember 1610 alle vier sehr schön und vollkommen genau 
gesehen", und der Eindruck dieser Beobachtung ist bei ihm so stark, 
daß er noch 2V2 Jahre später, als er auf die Mondfinsternis vom 
selben Tage zu sprechen kommt, hinzufügt: „dazumal habe ich alle 
vier errones circa Jovem gar schön gesehen, zween orientales und 
zween occidentales".^ 

Nehmen wir nun an, daß zum neuen Anfang, den der Brief an 
Odontius bezeichnet, der Empfang eines neuen Galilei sehen oder 
italienischen Instruments die Veranlassung gegeben habe, so ist 
dadurch zugleich eine Lösung des Rätsels angedeutet, das uns das 
Prognostikon auf 1612 bietet. Die Worte „nun wiederum", durch 
die hier eine Wiederaufnahme der Beobachtungen nach längerer 



* Im Prognostikum auf 1613. 



— 369 — 

Pause bezeichnet wird, gestatten offenbar, den Zeitpunkt, den sie 
andeuten, mit dem der Beobachtungen am Tage der Mondfinsternis 
am 30. Dezember 1610 zusammentreffen zu lassen; die ersten Be- 
obachtungen nach der langen Unterbrechung wären dann die, 
von denen der Brief an Odontius berichtet, und was zu dem hier 
geschilderten neuen Erkennen die Vorbedingung gebildet, hätte zu- 
gleich im Zusammenhang der Erzählung des Prognostikon die 
Veranlassung zur Wiederaufnahme der unterbrochenen Beobach- 
tungen gegeben. In der Tat erscheint die viele Monate umfassende 
Unterbrechung kaum verständlich, wenn bis in die Mitte des 
April 1610 Marius schon mit einem ausreichenden Instrument 
brauchbare Beobachtungen ausgeführt hätte; dagegen läßt sich 
recht wohl verstehen, daß er nach kürzerem Bemühen mit un- 
genügenden Gläsern darauf verzichtet hätte, am Himmel neues zu 
erkennen, und erst lange nachher, nachdem schon Galilei längst 
der Welt verkündet hatte, was ein gutes Fernrohr zu sehen ge- 
stattete, in den Besitz eines Instruments gelangt wäre, das ihm 
die Bestätigung aller jener Wunder ermöglichte. Freilich müßte 
dann Marius später in der Darstellung seines Prognostikon den 
entscheidenden Unterschied zwischen den Beobachtungen in den 
ersten Monaten des Jahres 1610 und im Anfang des Jahres 1611 
verwischt und so erst nachträglich sein bis in den April hinein dauern- 
des unbestimmtes Sehen zur Entdeckung der neuen Planeten um- 
gedeutet haben. 

Daß er in solcher Weise in Wirklichkeit eine Entdeckung kon- 
struiert hat, nachdem er Galileis Bericht gelesen, kann dadurch, daß 
er im Brief an Odontius irgendwelcher Beobachtungen vor dem Ende 
des Jahres 1610 nicht gedenkt, in Briefen an Fabricius den Anspruch 
auf einen Anteil an der Entdeckung keinesfalls zur Sprache gebracht 
hat, nicht bewiesen werden, muß jedoch als wahrscheinlich angesehen 
werden. 

Hat Marius früh, wenn auch vielleicht nicht so früh, wie er im 
Mundus Jovialis erzählt, sich eines niederländischen Instruments 
bedienen können, so ist glaublich und wahrscheinlich, daß er als 
Astronom zur selben Zeit wie Galilei oder etwas früher als dieser 
untersucht hat, was mit Hilfe eines solchen Instruments am gestirnten 
Himmel zu sehen sei. Ist aber sein Instrument von derselben Be- 
schaffenheit gewesen, wie fast alle Fermohre niederländischer Her- 

Wohlwill, Galilei. II. 24 



— 370 — 

kunft, die zu jener Zeit benutzt wurden*, so hat er ebensowenig wie 
die Gesamtheit der übrigen Astronomen noch nach dem Bekannt- 
werden des Nuncius Sidereus die Jupiterstrabanten deutlich sehen 
und die Veränderungen ihrer Stelhmgen verfolgen können. Nun 
läßt sich freihch nicht beweisen, daß Marius' niederländisches Fern- 
rohr nicht von jener außerordentlich seltenen Sorte gewesen ist, 
mit der vollkonmien deutlich zu erkennen war, was die übrigen 
versagten; man weiß, daß Nicoas de Peiresc ein solches benutzt 
hat, aber Marius' eigene Angaben, unzuverlässig wie sie sind, sprechen 
nicht dafür. 

Wenn er noch in der dichterisch bearbeiteten Erzählung des 
Mundus Joviabs einen voUen Monat vergehen läßt, ehe er notwendig 
findet, durch genaue Aufzeichnungen des Gesehenen Bilder, die sich 
vergleichen lassen, und dadurch die Vorbedingung für eine verständige 
Auffassung der Orts Veränderungen zu gewinnen, so entspricht das 
weit besser der Erinnerung an länger fortgesetzte unklare Wahr- 
nehmungen, als der Angabe an benachbarter Stelle, nach der schon 
die ersten Beobachtungen Änderungen der Stellungen von Tag zu 
Tag, ja von Stunde zu Stunde erkennen ließen. Damit ist im Ein- 
klang, daß das Prognostiken auf 1612 einen Zeitpunkt, in dem die 
genauere Beobachtung beginnt, überhaupt nicht angibt und sogar 
in Frage läßt, wann zuerst der Verfasser die kleinen Sterne „bald 
vor, bald hinter dem Jupiter observiert", obgleich auch diese Zu- 
sammenfassung der wahrgenommenen Veränderungen nicht viel 
mehr als ungefähres Sehen bezeichnet. Daß Marius noch am Ende 
des Jahres 1610 an völlig deutliche Wahrnehmungen keineswegs 
gewöhnt ist, muß, wie bereits berührt, der besonderen Hervor- 
hebung dieser Deutlichkeit im Brief an Odontius entnommen 
werden. 

In gleichem Sinne zeugt das Resultat der gesamten vorher- 
gegangenen Beobachtung und Berechnung, von dem derselbe Brief 
berichtet. Kaum denkbar scheint, daß ein volles Jahr hindurch 
fortgesetzte Forschung bei Anwendung eines Instruments, das die 



1 Vergl. Zusammenstellung bei J. Klug, a. a. O. p. 455 — 462, der aber 
zu weit geht, wenn er daraus als unmöglich deduziert, daß Marius mit einem 
hoUänd. Instrument d. Trabanten beobachtet habe. Vergl. dazu Oudemans 
und Bosscha, Gaulle et Marius (Archives Neerlandaires des Sciences exactes 
et natureUes, s^rie II, tome VIII (1903) p. 122ff. 



— 371 — 

Beobachtung^ vom 20/30. Dezember 1610 gestattete, dem kundigen 
Astronomen nicht mehr hätte ergeben sollen, als die ganz ungefähre 
Bestimmung der Periode des äußersten Trabanten, ein Ergebnis, 
das ohne Zweifel für denselben Astronomen zu erreichen war, wenn 
er — auf eigene Beobachtung verzichtend — sich begnügte, die Folge 
der sechzig von Galilei beobachteten Stellungen der Trabanten für 
seine Berechnung zu benutzen. 

Mehr als alles Angeführte aber widerspricht der VorsteUung, daß 
Marius vor dem Bekanntwerden der Galilei sehen Schrift Beob- 
achtungen ausgeführt habe, die dieses Namens wert sind, die Tat- 
sache, daß nicht nur für die weitgehenden Ansprüche des Mundus 
Jovialis, sondern auch für die ungleich bescheidenere des Prognostikon 
auf 1612 irgendwelche Zeugen nicht vorhanden sind und von Marius 
nicht namhaft gemacht werden können, daß vielmehr diejenigen, 
die er nennt, um seine frühe Beobachtung glaubhaft zu machen, 
nachweislich von Beobachtungen vor dem Ende des Jahres 1610 
nichts gewußt haben. 

Noch wäre ein Zeugnis denkbar, das man bis jetzt nicht hat 
prüfen können. Die Gewohnheit, jährliche Prognostika in die Welt 
zu schicken und in diesen wissenschaftliche Tatsachen aller Art 
seinen Lesern mitzuteilen, gewährte Marius eine bequeme Gelegenheit, 
auch von den eigenen Entdeckimgen eine erste vorläufige Nachricht 
zu geben. Hat er nun wirklich vom Januar bis April 1610 beobachtet, 
was seines Wissens kein Sterblicher vor ihm gesehen, so ist nicht 
leicht zu glauben, daß er der Versuchung widerstanden hätte, wemi 
auch nur in Andeutungen im Prognostikon auf das Jahr 1611, das 
er seiner Gewohnheit gemäß in der ersten Hälfte 1610 geschrieben 
haben wird, davon zu reden. Ob und in welcher Weise er das getan, 
hat sich bis jetzt nicht feststellen lassen, da die Prognostika auf die 
Jahre 1610 und 1611 zurzeit als verloren betrachtet werden müssen. 
Professor Klug hat (brieflicher Mitteilung gemäß) 110 Bibliotheken, 
unter ihnen zumeist diejenigen aus den Gegenden, in denen Marius 
gelebt hat, vergebens befragt; ich habe das Auskunftsbureau der 
Deutschen Bibliotheken in Berlin um Hilfe gebeten, die beiden 
Prognostika haben sich nicht gefunden. Daß das eine der beiden 
im Jahre 1766 noch vorhanden gewesen ist, kann man dem in diesem 
Jahre gedruckten Band der „Gesammelten Nachrichten der Öko- 
nomischen Gesellschaft in Franken" entnehmen. In der hier ver- 

24* 



— 372 — 

öffentlichten Abhandlung „von Verbesserung der Kalender" \ gibt 
der Verfasser eine Übersicht über die ihm bekannt gewordenen 
älteren Kalender und Proguostika, in der es auf S. 226 heißt: ,,A 1610 
tritt Simon Marius von Gunzenhausen auf, der sich Fürstlichen 
Mathematieum und Med. Studiosum nennt, und fängt an. Kalender 
zu schreiben^ und handelt in der Zuschrift an die beiden Fürsten von 
der Frag, ob die freye Kunst und andere herrhche Sachen, so in 
fremden Sprachen geschrieben sind, in unsere Teutsche Muttersprach 
sollen gebracht werden. Er bezieht sich auf observationes meteoro- 
logicas, daß dieselbe sich vielmals anders befinden als die gemeine 
doctrina meteorologica." 

Weiteres erfahren wir auch aus dieser späten Mitteilung nicht, 
es ist also nicht wahrscheinlich, daß der Berichterstatter in den ihm 
vorliegenden Heften Nachrichten von Marius' Entdeckung begegnet 
ist. Das wäre von nicht geringerer Bedeutung, wenn man den Worten: 
„x\nno 1610 tritt Marius auf", zu entnehmen hätte, daß hier von einem 
Anno 1610 geschriebenen, also von dem Prognostikon auf 1611 die 
Rede ist. Vergleicht man jedoch sämtliche Angaben derselben Ab- 
handlung, in denen in ähnlicher Weise das Prognostikum durch eine 
Jahreszahl gekennzeichnet wird, so ergibt sich, daß durch die Jahres- 
zahl regelmäßig das Jahr bezeichnet wird, für welches die Voraus- 
sagung gelten soll. ,,Anno 1610 tritt Marius auf" bedeutet demnach: 
sein erstes (uns zugängliches) Prognostikimi ist das auf das Jahr 1610.^ 

Nur darüber würde also das kurze Referat der Abhandlung von 
1766 uns aufklären, daß dem Leser des im Jahr 1609 geschriebenen 
Prognostikum auf 1610 irgendwelche Angaben über Marius' Be- 
nutzung eines niederländischen Fernrohrs zur Himmelsbeobachtung 



^ Nach Beckmann, Beiträge zur Geschichte der Erfindungen (Leipzig 
1782) I p. 108 u. f. ist Verfasser der Abhandlung der „um die Münzgeschichte 
sehr verdiente Herr Spies in Ansbach". 

^ Schon auf der nächstfolgenden Seite derselben Abhandlung heißt es 
dagegen: „Aus der Dedikation von 1615 ist zu ersehen, daß er von 1601 an 
angefangen, Kalender zu schreiben. Ein Exempl. d. Kalend. auf 1601 findet 
sich in der K. Bibliothek in Berlin. 

' So findet sich in der hier benutzten Abhandlung die Angabe: Anno 
1618 kommt Halbraayer wieder vor und 1619 unser Marius mit einer Ver- 
teidigung der Astrologie. Diese Verteidigung findet sich aber in der Widmung 
des noch erhaltenen Prognostikum auf 1619. An anderer Stelle heißt es: 
Aus der Dedikation von 1615 ist zu ersehen, daß er von 1601 an schon an- 



— 373 — 

nicht aufgofalleii sind. Da Marius selbst im Mundus Jovialis den 
Anfang seiner Beobachtungen ziemlich unbestinmit in den Sommer 
des Jahres löOU, im Prognostikon auf 1612 aber in die letzten Tage 
eben dieses Jahres verlegt, kann dem Fehlen einer Notiz über diese 
Beobachtungen in dem Bericht von 1766, selbst wenn man gewiß 
wäre, daß der Leser nichts übersehen, keine besondere Bedeutung 
beigemessen werden. 

Als möglich ist wenigstens anzusehen, daß in dem bisher nicht 
wiedergefundenen Prognostikon auf 1611 Mitteilungen enthalten 
wären, die in der einen oder anderen Weise erwünschte Aufklärungen 
gewähren, das würde insbesondere dann der Fall sein, wenn etwa 
Marius hier des jüngsterschienenen Nuncius Sidereus gedacht hätte. 
Weniger wh-d man erwarten dürfen, an entsprechender Stelle eine 
Notiz über Marius' eigene Entdeckung zu finden. Es gehört zu 
Marius' Gewohnheiten, in seinen Prognostiken sich auf wichtige 
Mitteilungen, die er in den früheren Veröffentlichungen gleicher Art 
gemacht hat, zu beziehen, das Prognostikon auf 1613 erwähnt, wenn 
auch ungenau, die mehrfach erwähnten Daten des Prognostikon auf 
1612, aber gedenkt trotz dringendster Veranlassung mit keiner Silbe 
einer teleskopischen Beobachtung, von der in dem nächst vorher- 
gehenden die Rede gewesen wäre. WahrscheinUch ist daher, daß 
auch das Prognostikon auf 1611 keinerlei Notiz über Marius' Ent- 
deckungen enthalten hat. 

Das würde freilich, wenn es festgestellt wäre, wie es hoffentüch 
noch geschehen wird, zunächst nur ein weiteres Zeugnis zu den vielen 
anderen sein, daß Marius, wenn er wirklich der F^ntdecker gewesen 
ist, dies sowohl vor der Öffentlichkeit, wie vor Freunden und Berufs- 
genossen bis zur Veröffentlichung seines Prognostikons auf 1612 
verborgen gehalten hat. Machen wir uns klar, was dieses Verschweigen 
und das Schweigen bis zu diesem Zeitpunkt bedeutet. Simon Marius 
macht eine Entdeckung, die für ihn als Astronomen sofort zu den 



gefangen. Kalender zu schreiben, und nunmehr heißt er Medicus und schreibt 
davon, an detur panacaea. Daß die hier angeführte Dedikation von 1615 
nicht etwa eine 1615 geschriebene, sondern die im Jahr 1614 geschriebene 
des Prognostikum für das Jahr 1615 ist, wird bestimmt dadurch erwiesen, 
daß in der vom 28. März 1615 datierten Widmung des noch heute zugäng- 
lichen Prognostikum auf 1616 Marius sagt: er habe ..vom Jahr" die Frage, 
an detur panacaea. behandelt. 



— 374 - 

denkwürdigsten aller Zeiten im Bereich seiner Wissenschaft zählen 
mußte, die für den Zeitgenossen, als sie davon erfuhren, als eine so 
außerordentliche erschien, daß man in den weitesten Kreisen eher an 
einen gemeinen Betrug als an ihre Wahrheit glauben wollte, und er, 
der die Wahrheit erkannt, der von ihrer Veröffentlichung unsterbhchen 
Ruhm zu hoffen hat, verheimlicht sie vor aller Welt! Und nun er- 
scheint Galileis Nuncius Sidereus; die Welt erfährt also durch einen 
anderen, was er seit \aelen Monaten weiß, — er schweigt; nirgends in 
Deutschland findet sich ein Fernrohr, mit dem man Galileis Ent- 
deckung bestätigen kann, Kepler als einziger hat den Mut, zu glauben, 
ehe er gesehen hat, weil ihm jedes Wort in Galileis Bericht die innere 
Wahrheit verbürgt, er verkündet laut : ich glaube an diese Entdeckung, 
obgleich ich die neuen Planeten nicht gesehen habe, aber ich werde 
sie sehen. 

Das schreibt er und das läßt er drucken, und Marius, der ein 
Fernrohr besitzt, mit dem er seit langem, Abend für Abend, eben 
diese neuen Sterne beobachtet, sagt ihm nicht: du hast recht; er 
schweigt auch in den Monaten des Widerspruchs und des Zweifels, 
die dann folgen; auch Kepler wird verlacht, er ist nahe daran, sein 
begeistertes Eintreten für den Itahener zu bereuen ; noch am 9, August, 
vier Monate, nachdem er mit voller Zuversicht für seine Glaubwürdig- 
keit eingetreten war, schreibt er au Galilei: „obgleich ich für mich 
noch keineswegs zweifle, tut mir doch leid, daß es mir solange an 
Zeugnissen anderer fehlt, um die Übrigen glauben zu machen. Ich 
bitte Dich, baldmöghchst irgendwelche Zeugen namhaft zu machen, 
denn aus Deinen Briefen entnehme ich, daß es Dir nicht an Zeugen 
fehlt; ich aber kann, um die Glaub^Yürdigkeit meines Briefes zu ver- 
teidigen, niemand anführen als Dich, insofern Du dies behauptest; 
auf Dir allein ruht jede Autorität der Beobachtung." Noch viel 
später schreibt in der Schrift über die Sonnenflecken Johann Fabricius, 
[der Sohn des früher genannten David Fabricius,] : „Was die Jupiters- 
trabanten betrifft, so möchte ich nicht wagen, schlechthin zu leugnen, 
daß ich sie gesehen habe, aber weil die Empfindlichkeit meines In- 
struments nicht völlig für so kleine Sterne ausreicht, ^vill ich lieber 
meine Beobachtung nicht als zuverlässig angesehen mssen, als eine 
undeutliche, wenngleich mehrfach wiederholte Wahrnehmung als 
Zeugnis geltend machen, um dadurch unvorsichtigerweise zur An- 
erkennung jener Entdeckung beizutragen." 



— 375 — 

UniMüjjlich, daß Mariu8, der Astronom, der Freund des David 
Fabricius von dem Stand der Dinge in Deutschland, wie er durch 
solche Worte gekennzeichnet wird, nichts erfahren hätte. Und doch 
schweigt er, er, der weiß, daß diese Galileischen Planeten in Wirküch- 
keit da sind und sich bewegen, wie Galilei es beschrieben hat. Und 
so schweigt er weiter, auch als die Zweifler einer nach dem anderen 
sich bekehren, mit der Verbreitung besserer Fernrohre auch in Deutsch- 
land die wü-kliche Existenz der Jupitersti'abanten zur Anerkennung 
gelangt, als sich die Kunde verbreitet, daß endlich auch Kepler sie 
gesehen hat. 

Das war im Anfang September des Jahres 1610 geschehen, und 
nochmals vergehen vier Monate, bis Simon Marius das erste Wort 
über die Jupiterstrabanten spricht, jenes kurze Wort über seine 
Beobachtung am Tage der Mondfinsternis vom 19/29. ^ Dezember 
1610, ein Wort, das in der Tat viel mehr nach der Befriedigung eines 
Beobachters klingt, der seit kurzem im glücklichen Besitz eines Fern- 
rohres ist, mit dem man voUkommen deutlich die Jupiterstrabanten 
sehen kann, als nach der ersten Mitteilung eines Forschers, der seit 
Jahr und Tag in der Verborgenheit der einen Aufgabe der Erforschung 
der Jupiterswelt sich gewidmet hat. 



Fragt man, wie hat denn Marius selbst sein rätselhaftes Schweigen 
erklärt und gerechtfertigt, so ist darauf nur zu antworten: mit keiner 
Silbe! Von gelehiten und ungelehrten Anwälten seines Anspruchs 
ist mancherlei zur Sprache gebracht, um seine befremdende Zurück- 
haltung begreiflich zu machen; es ist zu konstatieren, daß sich 
nichts von alledem in seinen Schriften findet. Zu seiner Charakteristik 
gehört die eigentümliche Naivetät, mit der er das völlig Außer- 
gewöhnliche völlig selbstverständlich erscheinen läßt. „Naivetät", 
erklärt Schiller, „ist Kindlichkeit, wo sie nicht erwartet wird." Diese 
Kindlichkeit, die für den Unbefangenen etwas sehr Bestechendes 
haben kann, äußert sich bei Marius in vielen Stellen seiner geschicht- 
lichen Einleitung, so wenn er sagt: „ich werde doch nicht lügen", 
oder in dem Satze, mit dem er sein Verhältnis zu Galilei abtut, wo 
es heißt: „wenn dies mein Büchlein zu Galilei nach Florenz kommt, 

1 Die Beobachtung der Trabanten muß in der Nacht der Mondfinsternis, 
und zwar in den frühen Morgenstunden des 20/30. Dez. stattgefunden haben. 

Der Herausgeber. 



— 376 — 

bitto ich, daß er es in demsolben Siimo aufnehmen möge, wie es 
geschrieben ist; denn so sehr liegt mir fern, seine Autorität und seine 
Entdeckungen beeinträchtigen zu woUen, daß ich ihm viehnehr großen 
Dank sage für die Veröffentlichung seines Nuncius Sidereus, denn 
durch diesen ist mir vollste Bestätigung zuteil geworden, insbesondere 
aber waren mir seine Beobachtungen von Nutzen, weil sie gerade 
zu der Zeit ausgeführt worden sind, als ich mich in Schwäbisch Hall 
befand und das Beobachten ausgesetzt hatte. "^ 

Als eine Kindlichkeit ähnlicher Art ist es mir immer vorgekommen, 
daßMarius die Jupiterstrabanten Brandenburgische Sterne genannt 
hat. Man findet ziemlich regelmäßig die Tatsache dieser Benennung 
in der Weise angeführt: Galilei nannte sie Mediceische, Marius 
Brandenburgische Sterne; beide Benennungen sind später in Ver- 
gessenheit geraten. Das läßt sich kaum als eine historische Dar- 
stellung des Sachverhalts betrachten. Galilei hatte allerdings un- 
mittelbar nach seiner Entdeckung und noch vor der Veröffentlichung 
seines Nuncius Sidereus sich an den Großherzog von Toskana mit 
der Bitte gewandt, den neu entdeckten Sternen zur Ehre des regieren- 
den Hauses den Namen Mediceische Sterne beilegen zu dürfen; man 
nahm die Ehrenbezeugung dankbar an, und Galileis erste Veröffent- 
lichung verkündete dann mit der Nachricht von der Existenz der 
Trabanten auch den Namen, den er ihnen kraft des Rechts des Ent- 
deckers zuertoilt habe. 

Marius dagegen hat in keiner der Schriften, in denen er seine 
Ansprüche geltend macht, behauptet, daß er in ähnlicher "Weise früh 
darauf bedacht gewesen sei, seinen Fürsten zu ehren. Erst im Jahre 
1614, nachdem seit 4 Jahren Galileis Benennung in allgemeinen 
Gebrauch gekommen war, erklärte er, da er für Deutschland der 
Entdecker sei, sei er berechtigt, auch den Namen zu geben, und so 
sei er entschlossen, fortan seine Sterne in Dankbarkeit für das Fürsten- 
haus, dem er dient. Brandenburgische Sterne zu nennen. Daß andere 
nach ihm sich dieses Namens bedient haben, ist nicht bekannt; daß 
Marius auch nur geglaubt habe, seine Erklärung könne die Astronomen 
veranlassen, den bis dahin benutzten Namen um seinetwillen zu ver- 
tauschen, läßt sich schwer annehmen. 

^ Dazu die Erwähnung der Veröffentlichung des Nuncius in dem Pro- 
gnostikum auf 1612: „indessen hat auch Galilei ein Tractatlein davon aus- 
gehn lassen". D&a „indessen" überaus naiv. 



— 377 — 

Die Xaivi'tät in diesem Fallo lie^^t darin, daß er «rlaubt oder tut, 
als ob er g^laiibe, er brauche sieli nur als Entdecker zu erkennen zu 
geben, um dann auch f)hne Rücksicht auf das, was in den verflossenen 
vier Jahren geschehen war, einen neuen Namen geben zu dürfen. 

Und so kann man wohl als eine Art Xaivetätauch betrachten, daß 
ihn das Verlangen nach Beweisen für die Tatsache seiner Entdeckung, 
daß ihn die möglichen Zweifel, die man seinen Berichten gegenüber 
hegen könnte, in keiner Weise beunruhigen, und daß er darüber, 
weshalb er so lange geschwiegen habe, sich seine späteren Verteidiger 
die Köpfe zerbrechen läßt. 

Ich brauche kaum auszusprechen, daß nach allem bisher Aus- 
geführten wir keinen anderen Grund für Marius' Schweigen anzu- 
nehmen haben, als den nächstliegenden, daß er das, was er so lange 
nicht gesagt, auch beinahe ebensolange nicht gewußt hat, mit anderen 
Worten, daß wir den Angaben des Prognostikon auf das Jahr 1612 
ebensowenig Glauben zu schenken Grund haben, wie der Erzählung 
des Mundus Jovialis; daß also Simon Marius die Jupiterstrabanten 
nicht gesehen oder doch als solche nicht erkannt hat, ehe sie ihm 
durch Galileis Xuncius Sidereus am Himmel nachgewiesen waren. 

Wenn wir uns mit diesem Schlüsse aus einer großen Zahl von 
Tatsachen mit sehr angesehenen Forschern in Widerspruch setzen, 
so kann es nicht überflüssig sein, zu erwähnen, daß uns bei solchem 
Widerspruch als Gleichgesinnter kein Geringerer als Johannes Kepler 
zur Seite steht. 

B. Johannes Kepler über den Anspruch des Simon Marius auf die 
Entdeckung der Jupiterstrabanten. 

Alexander von Humboldt, der mehr vielleicht als irgendein 
anderer durch eine Äußenmg im IL Band des Kosmos dazu bei- 
getragen, den Glauben an Marius' Entdeckung zu verbreiten, hat 
in einer weniger gelesenen Anmerkung zur selben Stelle darauf hin- 
gewiesen, daß in Keplers Verhalten eine Veranlassung zum Zweifel 
liege, ,, Auffallend", schreibt Humboldt, ,,ist es mir immer gewesen, 
daß Kepler weder in seinem in Prag — April 1610 — erschienenen 
Kommentar zum Nuncius Sidereus noch in seinen Briefen an Galilei 
oder an den Kaiser Rudolf — Herbst 1610 — seines Landsmannes 
Marius Erwähnung tut, sondern überall von der glon'eiehen Ent- 
deckung der Mediceischen Gestirne durch Galilei spricht. Indem er 



— 378 — 

seino oigcncn Satollitonbeobaclitungen vom 4. bis 9. September 1610 
veröffentlicht, j^ibt er einer kleinen, zu Frankfurt 1611 erschienenen 
Schrift den Titel: „Keplers Erzählung über seine Beobachtung der 
vier Jupiterstrabanten, die der Florentiner Mathematiker Galilei mit 
dem Recht des Entdeckers mediceische Gestirne benannt hat." Ein 
Brief aus Prag vom 25. Oktober 1610 au Galilei gerichtet, endigt mit 
den Worten: „neminem habes quem metuas aemulum", 

Humboldt hat nicht versucht, den Widerspruch gegen seine 
Ansicht, der in diesen Äußerungen liegt, zu beseitigen. Die weitere 
Verfolgung derselben Spur hätte ihn darüber aufklären müssen, daß 
Kepler bis zum Juli 1611 von Marius' Anspruch nichts gewußt hat, 
auf die erste unbestimmte Andeutung eines solchen Anspruchs sich 
scharf abwehrend geäußert und nach dem Erscheinen des Mundus 
Jovialis eine Entdeckung des Simon Marius öffentlich so unzwei- 
deutig abgewiesen hat, wie dies niu* irgend mit seiner starken Ab- 
neigung gegen persönlichen Streit vereinbar war. Dies Verhalten 
Keplers fällt um so mehr ins Gewicht, wenn man beachtet, daß 
einerseits ihm, dem anerkannt ersten deutschen Astronomen jener 
Zeit, in astronomischen Dingen nicht leicht verborgen bleiben konnte, 
was ii-gendeiii anderer wußte, andererseits seiner bei jeder Gelegen- 
heit hervortretenden und jederzeit stark betonten deutschen Ge- 
sinnung entsprach, das Verdienst eines deutschen Forschers, sofern 
es ihm bekannt war, mit allem Eifer zur Geltung zu bringen. Es ist 
von eigentümlichem Interesse, zu beachten, wie in Keplers Verhalten 
gegen Marius dies Verlangen, deutsches Verdienst hervorzuheben, in 
Widerstreit gerät mit dem starken Gefühl der Pflicht, der Wahrheit 
die Ehre zu geben. 

Den beiden von Humboldt genannten Schriften folgte als die 
dritte, zu der die Erfindung des Fernrohrs und Galileis Entdeckungen 
Kepler die Veranlassung gegeben, seine berühmte ,,Dioptrik", in der 
zum erstenmal eine Theorie des Fernrohrs und des teleskopischen 
Sehens versucht wird, indem die Konstruktion des astronomischen 
Fernrohrs mit zwei Konvexlinsen vorgeschlagen wird. Die hoch- 
bedeutende Schrift ist in wenigen AVochen im September 1610, also 
noch im ersten Jahr der teleskopischen Forschung, geschrieben, aber 
erst ein Jahr darauf an die Öffentlichkeit gekommen. Die Verzögerung 
ermöglichte es Kepler, in einer umfassenden Einleitung seiner Schrift 
drei Briefe Galileis über seine späteren Entdeckungen, insbesondere 



— 379 — 

den Saturn und dio Phasen der Venus betreffend, aufzunehmen. 
Keplers l'>läuterunnjen und Betrachtungen über diese neuen For- 
schungen sind durchdrungen von derselben hohen Begeisterung über 
die ungeahnte Erweiterung der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie 
die beiden früheren von Humboldt angeführten Schriften, die sich 
auf den Inhalt des Nuncius Sidereus beziehen. Aber auch in der Ein- 
leitung zur „Dioptrik" kommt er noch einmal auf diesen Nuncius 
zurück, und auch hier erklingt sein Loblied der Entdeckung der 
Jupiterstrabanten als der größten von Galileis Taten. 

„Über alle Bewunderung hinaus", schreibt er, „ist jenes Kapitel 
des Nuncius Sidereus bedeutungsvoll, wo uns von der Entdeckung 
sozusagen einer anderen Jupiterswelt^ durch die Hilfe eines hoch- 
vollkommenen Fernglases erzählt wird; der Geist des Philosophen 
erkennt nicht ohne Staunen, daß es eine ungeheure Kugel gibt, die 
an Masse des Körpers 14 Erdkugeln gleicht, die vier Monde, diesem 
unseren Monde nicht unähnlich, umkreisen; der langsamste in einem 
Zeitraum von 14 Erdentagen, wie Galilei berichtet hat, der diesem 
zunächststehende, aber bestsichtbare von allen in einem Zeitraum 
von 8 Tagen, wie ich im letzten April und Mai erkannt habe; die 
anderen beiden in noch viel kürzerer Zeit; dabei läßt uns die Lehre 
meiner Kommentare zum Mars, auf die ähnliche Sachlage übertragen, 
annehmen, daß auch die Jupiterskugel selbst aufs schnellste sich 
umwälzt und ohne Zweifel schneller als im Zeitraum eines unserer 
Tage, so daß dieser Umdrehung der großen Kugel um ilire Achse die 
immerwährenden Umläufe jener vier Monde in derselben Richtung 
folgen. Nun füllt diese unsere Sonne, dieser irdischen und jener 
Jupiterswelt gemeinsamer Feuerherd, den wir hier zu höchstens 
dreißig Minuten schätzen, für jene Gegenden kaum sechs oder sieben 
Minuten und wird so, nachdem sie in einem Zeitraum von zwölf 
Erdenjahren den Tierkreis durchmessen, wieder bei denselben Fix- 
sternen getroffen. Es würden daher die Geschöpfe, die auf der 
Jupiterskugel leben, wenn sie die überaus kurzen Bahnen der vier 
Monde unter den Sternen betrachten, wenn sie sowohl sie wie die 
Sonne täglich auf- und untergehen sehen, beim steinernen Jupiter 
schwören, daß ihre Jupiterskugel an einem Orte unbeweglich ruhe, 
die Fixsterne aber und die Sonne, die in Wahrheit ruhen, ebenso 

^ Hier kommt zum erstenmal der Ausdruck „Mundus Jovialis" vor, 
den später Marius für den Titel seiner Hauptschrift verwandt hat. 



— 380 — 

wie jene ihre vier Monde in vielfältigem Wechsel der Bewegungen 
ihren Wohnsitz umkreisen. Aus diesem Beispiel wird weit mehr als 
zuvor aus dem Beispiel des Mondes der Anhänger der samischen 
Philosophie entnehmen, was er dem antworten kann, der ihm die 
Absurdität der Lehre von der Bewegung der Erde vorhält und sich 
auf das Zeugnis unserer Augen beruft. du viehvissendes mehr als 
jedes Szepter kostbares Fernglas, ist nicht, wer dich in der Rechten 
hält, zum König, nicht zum Herren über die Werke Gottes erhoben ?"i 
Kepler war noch mit der Bearbeitung seiner P^inleitung be- 
schäftigt, als er im Juli 1611 ein Schreiben des befreundeten Berg- 
rats von Vicke empfing, das ihm in wörtlicher Wiedergabe einen Brief 
von Simon Marius zur Kenntnis brachte. Marius berichtet dem 
gem-einsamen Freunde, daß ihn die Vorbereitung eines Werkes in 
Anspruch nehme, in dem er vielerlei zu behandeln gedenke. „Erstens", 
schreibt er, „behaupte ich die Unbeweglichkeit der Erde, wobei 
Persönliches durchaus ausgeschieden bleibt, vielmehr nur die Argu- 
mente gegen die Gründe des Copernicus geprüft werden, die in unserer 
Zeit Kepler mit dem Paduaner Mathematiker Galilei billigt und 
ernstlich als zutreffend anerkennt. Die Argumente für meine Be- 
hauptung entnehme ich der heiligen Schrift, der auch die Physik 
und die Astronomie zustimmen. Dann wird die Ansicht derjenigen 
widerlegt werden, die den Himmelskörpern eine übermäßig große 
Masse zugeschrieben halien, und eine neue wahrscheinlichere Aus- 
messung ihrer Größe wird von mir angegeben werden, worin mir 
das belgische, gewöhnlich PerspiciU genannte, Instrument ganz be- 
sonders behilflich ist. Drittens werde ich beweisen, daß Venus nicht 
anders [als der Mond] von der Sonne beleuchtet wird und daß sie 
gehörnt und halb wird, wie sie vom Ende des vorigen Jahres an bis 
in den April des jetzigen von mir mit Hilfe des belgischen Perspicills 
viebnals und aufs sorgfältigste beobachtet und gesehen worden ist, 
als Venus sehr nahe der Erde stand, sowohl als westlicher wie als 
östlicher Stern. Viertens werde ich handeln von den neuen jovia- 
lischen Planeten, die sich um den Jupiter bewegen, wie die übrigen 
Planeten um die Sonne, jedoch in ungleichem Abstand und ver- 
schiedener Periode. Die Perioden der beiden äußersten habe ich 
schon untersucht und Tafeln konstruiert, so daß daraus zu jeder Zeit 



1 Kepler! oi>era ed. Frisch II p. 526 — 527. 



— 381 — 

mit größter Loichtiijkoit niahrcn werden kann, um wioviol Minuten 
sie vom Jupiter zur Rechten und zur Linken abstehen, und diese 
beiden letzten Kapitel sind völlig unerhört für alle Zeiten. Vielleicht 
wird mir während der Bearbeitung noch anderes begegnen.'" 

Stellt man diesem Schreiben die unmittelbar zuvor angeführten 
Worte Keplers über die Entdeckung der Jupiterstrabanten gegen- 
über, so kann man nicht darüber im Zweifel sein, welche Empfindungen 
bei ihm die Mitteilung über Marius' Pläne und vor allem über die 
Art, wie er sie verkündete, hervorrufen mußte. 

Daß die Entdeckung der Venusphasen durch Galilei ein paar 
Monate nachdem Kepler davon Kenntnis erhalten, Marius unbekannt 
geblieben war, konnte man glauben. Daß er im Besitz eines guten 
Fernrohrs im Anfang des Jahres 1611 selbständig den gleichen Wechsel 
der Erscheinungen wahrgenommen und ebenso, daß er in bezug auf 
die scheinbare Größe der Himmelskörper zu Vorstellungen gelangte, 
wie Galilei sie schon früher im Briefe an Kepler zur Sprache gebracht, 
hatte zum mindesten nichts Unwalu-scheinliches. Die Art aber, yne 
er von den neuen Planeten redet, die um den Jupiter laufen, wie die 
andern Planeten um die Sonne, aber in ungleichen Abständen und 
Perioden — d. h. von Dingen, die alle Welt durch Galilei wußte — 
die Bezeichnung dieses Teils der Gegenstände seines neuen Buches 
als völlig unerhört für alle Zeiten, ohne daß dabei der Name Galilei 
genannt ^vurde, mußte den feinfühlenden Kepler verletzen. Er, der 
von warmer dankbarer Anerkennung füi* Galilei erfüllt war, der im 
Begriff war, zu weiterer Erhöhung seines Ruhmes seine Briefe über 
die späteren teleskopischen Entdeckungen mit begeisterter Er- 
läuterung der Öffenthchkeit zu übergeben, er brauchte noch nicht 
den Verdacht zu schöpfen, daß es Marius selbst sein wolle, der das 
Unerhörte zutage gefördert, um doch mit IVIißbehagen zu empfinden, 
daß Unwahrheit in seinem Verschweigen lag. 

Dieser Empfindung gab er in seiner Antwort an den Bergrat 
von Vicke unzweideutigen Ausdruck. Nachdem er die Andeutungen 
des Briefes über Marius' Verhältnis zur copernicanischen Lehre kurz 
berührt hat, fährt er fort: „Vor allem freue ich mich, daß in Deutsch- 
land jemand ist, der mit dem Italiener Galilei wetteifert, uns die 
Himmelsgeheimnisse zu enthüllen, und ich bitte Euch, werter Herr, 
den Marius zu ermahnen, daß er die Neigung, zu verldeinern, wie 
sie unter den Nationen übUch ist, mit eben der Sorgfalt fernhalten 



— 382 — 

möge, wie er zuvor schon sich vorgenommon hat, Persönliches zu 
vermoidon; denn es handelt sich um die Sache der Wahrheit." 

Ks lie<2;t nicht der mindeste Grund vor, von den beiden in so 
eigentümlicher Weise durch das ,,und" als zusammengehörig be- 
zeichneten Sätzen den ersten weniger als den zweiten als durchaus 
ernstgemeint anzusehen. Es entspricht der patriotischen Gesinnung, 
die Kepler bei jeder Gelegenheit zu erkennen gibt, daß er mit Freuden 
die Nachricht von der Teilnahme eines Deutschen an dem Fortschritt 
der teleskopischen Forschungen begrüßt. Man kann eben deshalb 
auch die Veranlassung zur Mahnung des zweiten Satzes nicht in der 
Mitteilung über Marius' vermeintliche Entdeckungen finden, denn 
eben diese sind's, die Kepler freudig begrüßt. Auf Marius' Äußerung 
über die Größe der Himmelskörper erwidert er, daß Galilei in gleichem 
Sinne schon vor mehreren Monaten über die Größe des Hundssterns 
geschrieben habe, fügt aber hinzu: , .diese Angaben stimmen durch- 
aus mit dem überein, was Marius beabsichtigt." „Über die Phasen 
der Venus", schreibt er weiter, ,,hat Galilei schon im November des 
verflossenen Jahres ein Rätsel nach Prag geschickt, und drei Monate 
später hat er das Rätsel gelöst." Ist damit Galileis Priorität außer 
Frage gestellt, so unterläßt doch Kepler nicht, auch hier zu bezeugen, 
daß er auf die „Übereinstimmung zvdschen Galilei und Marius" 
Wert legt. In gleichem Sinne spricht er den Wunsch aus, zu erfahren, 
ob Marius auch am Saturn etwas Neues erkennt. Ausdrücklich 
beglüctsvünscht er in seiner Antwort an Vicke den Marius wegen 
der Auffindung der Perioden zweier Jupiterstrabanten, und die 
Befriedigung, die er hier ausspricht, läßt sich nicht darum als weniger 
ernst gemeint betrachten, weil er hinzufügt, Galilei habe schon im 
Dezember 1610 geschrieben: „Ich hoffe, die Perioden der vier 
mediceischen Planeten gefunden zu haben." Als Äußerungen der 
Verkleinerungssucht konnte Kepler nicht die Ansprüche auf Ent- 
deckungen bezeichnen wollen, über die bis dahin von anderer Seite 
nichts in die Öffentlichkeit gebracht war. So wenig also sein emst- 
mahnendes Wort an Marius sich auf die eine oder die andere oder 
auf die Gesamtheit der in Vickes Brief ausdrücklich als neu hin- 
gestellten Wahrnehmungen und Erkenntnisse beziehen konnte, so 
gewiß galt es der Mißachtung gegen Galilei unter Verhüllung der 
Wahrheit, die sich in den Äußerungen über die Jupiterstrabanten 
bekundete. Gleichzeitig mit dieser ernsten Aufforderung, der Wahr- 



— 383 — 

heit die Ehre zu geben, ließ Kepler Marius wissen, daß er beabsichtige, 
den betreffenden Teil seines Briefes .-m Vicke zugleich mit denen von 
Galilei in der Kiideitung zur ,,Dioptrik" zu veniffcntliclitMi, woin 
Marius nichts dagegen einzuwenden habe. 

Ein Einspruch von Marius' Seite scheint nicht erfolgt zu sein. 
denn in Keplers Einleitung zur „Dioptrik" ist im unmittelbaren 
Anschluß an Galileis Briefe auch Vickes Mitteilung aus Marius' 
Schreiben unverändert aufgenommen. Kepler hat auch hier seui 
Urteil nicht unterdrückt. In den Worten, mit denen er von Galilei 
zu Marius übergeht, wiederholt er mit kaum verändertem Ausdruck, 
nur noch knapper gefaßt, was er an Vicke geschrieben hatte: „Weil 
aber", sagt er, „es in der Wissenschaft niemals an dem Wetteifer oder 
der Verkleinerungssucht der Nationen fehlt und viele in Deutschland 
hier die Zeugnisse von Deutschen verlangen werden, teile ich für 
diese über dieselben Gegenstände den Brief eines Deutschen^ mit, 
aus dem zugleich auch das sich erkennen lassen wird, daß es von 
Galilei nicht übel getan war, daß er für das Seine sorgend seine Er- 
findungen frühzeitig wenigstens durch Buchstabenrätsel uns nach 
Prag hin mitgeteilt hat." Es folgt dann Marius' Brief nach den Mit- 
teilungen des ,, gemeinsamen Freundes" und unmittelbar darauf zuni 
Abschluß der Einleitung die Worte: „Da hast Du also, Freund Leser. 
eine Bestätigung für die Glaubwürdigkeit des Perspicills bei der 
Beobachtung neuer Himmelserscheinungen, noch dazu durch das 
Zeugnis eines Deutschen. Was also kann mich hindern, dem vortreff- 
lichen Instrument durch dieses Büchlein einen geometrischen Lob- 
gesang anzustinmien, Dich, mein Leser, ihm zu Ehren mit Teilnahme 
und außergewöhnlicher Aufmerksamkeit dabei zu sein, wenn ich ihn 
vortrage?" Klingt es hier, als ob erst durch die nochmals hervor- 
gehobene Übereinstimmung des deutschen Forschers das Vertrauen 
auf die Offenbarungen des Fernrohrs und dadurch auf die Bemühung 
des Verfassers um die Theorie des wimderbaren Instruments in seiner 
„Dioptrik" gerechtfertigt werde, so konnte doch der Leser der Kepler- 
schen Einleitung an den vollen Ernst solcher Schätzung eines Anteils 
deutscher Forschung nur glauben, wenn er überhörte, was ihr 
widersprach: Die uneingeschränkte Anerkennung in den Berichten 

^ Im Verzeichnis der Errata am .Schlüsse der ,, Dioptrik" steht als 
Verbesserung für cuiusdam Gerniani: cuiusdam Simonis Marii Franci 
astronomi celebris. 



— 384 — 

über Galileis spätere Hntdeckungen, und ihr gegenüber die kühl 
gehaltene Einführung der Mitteilung über Marius' Wahrnehmungen 
und fernere Absichten, der nicht zu mißdeutende Hinweis darauf, 
daß Verkleincrungssucht bei diesem Auftreten eines deutschen Mit- 
bewerbers eine Rolle spiele. 

Dazu kam eine Fulge von Randbemerkungen zu Marius' Brief, 
zum Teil in leicht ironischer Färbung, in denen Kepler keineswegs 
besonderen Respekt vor dem deutschen Astronomen verriet. Zu 
Marius' Äußerung: er wolle in seiner Verteidigung der Unbeweglich- 
keit der Erde alles Persönliche ausschließen, bemerkt Kepler: „Damit 
hat er den Kepler von Furcht befreit, der sehr für seine Ehre fürchtete, 
wenn Marius gegen die Bewegung der Erde aufgetreten und dabei 
seinen Xameu erwähnt hätte.'" Wo er als Verteidiger des Copernicus 
nur Kepler und Galilei nennt, ruft Kepler aus: „Erstes Zeichen des 
Sieges vor dem Kampf, daß Marius aus Unkenntnis der Menschen die 
Zahl der Anhänger dieser Sekte auf zwei beschränkt, während sie 
schon beinahe die allgemeine ist, wenn nicht alle Blüte der Gelehrten 
in den Schranken der Akademien eingeschlossen ist." 

Wo Marius ankündigt, daß er seine Argumente gegen Copernicus 
der Bibel entnehme, fordert Kepler die Theologen zum Widerstand 
auf, denn was er wolle, heiße Mißbrauch mit der Schrift treiben. 
Wie er endlich von der Venus redet und berichtet, daß er ihre Phasen 
seit dem Ende des verflossenen Jahres (1610) beobachtet habe, er- 
läutert Kepler am Rande: „Also zur selben Zeit, als Kepler von der 
„Mater amorum" schrieb und schon damals voraussagte, daß dies 
dem Marius so der Reihe nach erscheinen werde." Enthält diese 
Bemerkung auch nicht, wie Marius angenommen und neuere Inter- 
preten mit ihm geglaubt haben, eine Beschuldigung des Plagiats, 
so spricht sie doch in voller Deutlichkeit aus, daß an Galileis Priorität 
für diese Entdeckung nicht zu rütteln sei. 

Die Einleitung zur „Dioptrik" enthält keine ähnliche Zurück- 
weisung eines Anspruchs des Simon Marius auf die Entdeckung der 
Jupiterstrabanten; nichtsdestoweniger hätte eben diese Einleitung 
den Vielen, die in späterer Zeit an solche Entdeckung geglaubt haben, 
zu stärksten Bedenken Veranlassung geben müssen. Die Kepler sehe 
Dioptrik ist die älteste Schrift, in der die Namen Galilei und Marius 
nebeneinander genannt werden. Es bedarf nur der oberflächlichsten 
Prüfung, um zu erkennen, daß dieses Nebeneinander mit der später 



— 385 — 

zur Gdturif? kommenden Gleichstellung: beider in bezup: auf ihr Ver- 
hältnis zu den ersten teleskopischen Entdeckunp^en nichts gemein 
hat. Völlig unzweifelhaft ist, daß Kepler im August IGll, als er die 
letzten Sätze der Einleitung zur ,,Uioptrik" drucken ließ, nicht nur 
an eine Entdeckung der Jupiterstrahanten durch ^litrius nicht geglaubt, 
sondern auch nicht gewußt hat. daß Marius oder irgend jemand sonst 
daran glaubte. 

Steht nun andererseits außer Frage, daß zur Zeit, als Keplers 
Schrift erschien, Marius sich bereits mit der Absicht trug, die eigenen 
Forschungen als ,, gleichzeitig und gleichwertig" denen Galileis an 
die Seite zu stellen, so läßt sich nicht bezweifeln, daß mehr noch als 
die einführenden "Worte, die von Verkleinerungssucht reden, mehr 
als die Kandbemerkungen mit ihrem scherzenden Ton, der ganze 
Charakter der Einleitung zur „Dioptrik", die auf eine Verherrlichung 
Galileis als Entdeckers hinauskam, und die Stellung, die in dieser 
Einleitung Galileis Briefen gegenüber der seine einnahm, für Marius 
überaus ärgerlich gewesen ist. 

Was hat nun Marius nach der Veröffentlichung der „Dioptrik" 
getan, um zunächst Kepler zu überzeugen, daß in dieser Darstellung, 
die den Ruhm der neuen teleskopischen Forschung sang, ihm, dem 
deutschen Forscher, mit Unrecht neben Galilei eine so untergeordnete 
Stellung angewiesen war? 

Als eine erste Bemühung in diesem Sinne darf man wohl den 
Brief ansehen, den ohne Zweifel auf Marius' Veranlassung am 
24. November 1611, also sehr bald nach dem Bekanntwerden der 
„Dioptrik", der Altorf er Professor Caspar Odontius an Kepler gerichtet 
hat.^ Odontius, der früher Keplers Amanuensis gewesen war, hatte 
in den Jahren 1605 und 1606 ein paarmal Briefe mit ihm gewechselt; 
aus den darauffolgenden achtzehn Jahren ist der hier zu erwähnende 
nachweislich der einzige, durch den er Kepler an seine Person erinnert. 
Zweierlei gibt ihm dazu die Veranlassung. Er hat bei Gelegenheit 
des Besuchs eines Prager Professors in Altorf erfahren, daß Kepler 
kurz nacheinander seine Gattin und sein sechsjähriges Söhnchen 
verloren hatte; als mehrjähriger Hausgenosse und als Verehrer 
Keplers empfindet er das Verlangen, seine Teilnahme auszusprechen. 
Da er aber sich damit nicht sonderlich beeilt, kommt etwa vier Wochen 



' Vergl. S. 3Ü4fi. 
Wohlwill, Galilei. II. 25 



— 386 — 

später ein weiterer Antrieb zu brieflicher Mitteilung hinzu. Das ist 
der Wunsch, Kepler mit dem bekannt zu machen, was Simon Marius 
am 20y30. Dezember des Jahres 1610 während der Mondfinsternis 
und dann an den vier Jupiterstrabanten beobachtet hat. So bildet 
den Hauptinhalt des Briefes eine "Wiedergabe jenes Berichts, von dem 
bei früherer Gelegenheit^ als der ältesten heute bekannten Mitteilung 
über die Beobachtung der Jupiterstrabanten durch Marius zu reden war. 

Der Altorfer Professor hat keine besondere Geschicklichkeit in 
Anwendung gebracht, um den eigentlichen Zweck seiner Sendung 
zu verhüllen. Er hat offenbar das Bedürfnis, die Erzählung von 
Marius' verjährten Beobachtungen irgendwie einzuleiten, und dafür 
fällt ihm nichts besseres ein als die Bekanntschaft mit Keplers Inter- 
esse an astronomischen Gegenständen. ,,Es ist mir nicht unbekannt", 
schreibt er am 24. November 1611, „daß Ihr, verehrter Herr, in hohem 
Maße an Beobachtungen der Gestirne Freude habt, insbesondere an 
denen von Verfinsterungen der Sonne und des Mondes, mit denen 
Ihr aufs Beste vertraut seid, und deshalb habe ich geglaubt, es 
werde Euch nicht unerwünscht sein, wenn ich Euch mitteile, was 
Simon Marius mir über seine Beobachtung der Mondfinsternis vom 
20/30. Dezember 1610 mit dem neuen Instrument des Galileo Galilei 
berichtet." Dann folgt der im ersten Abschnitt referierte Bericht 
über Marius' teleskopische Entdeckungen. 

Das wohlbekannte Interesse Keplers an astronomischen Gegen- 
ständen kann uns nicht hindern, zunächst befremdend zu ffnden, 
daß Odontius gerade am 24. November 1611 — ein einziges Mal in 
18 Jahren — sich an Kepler wendet, um dem großen Astronomen 
zu berichten, was Marius vor elf Monaten gesehen; es genügt jedoch, 
den Zeitpunkt, in dem er schreibt, etwas aufmerksamer in Betracht 
zu ziehen, um zu verstehen, daß es eben das Datum dieser alten 
Beobachtungen ist, das er oder vielmehr Marius durch ihn zur 
Geltung bringen will. Marius brauchte noch nicht die kritischen 
Bemerkungen in der Einleitung zur „Dioptrik" gelesen zu haben, 
schon die Andeutung eines gewissen Mißtrauens in der Antwort an 
Vicke konnte es ihm nahelegen, eine Eechtfertigung seines guten 
Glaubens Kepler gegenüber zu versuchen, um so mehr, als er im 
Begriff war, im Prognostiken auf das Jahr 1612 für seine Beob- 
achtung der Jupiterstrabanten Gleichzeitigkeit mit Galilei in An- 

1 Vergl. S. .364ff. 



— 387 — 

Spruch zu nehmen, und solcher Rechtfertigung soll offenbar Odontius' 
Brief dienen.^ Zwar beweisen die Beobachtungen vom 20/30. De- 
zember 1010 nichts weniger als jene Gleichzeitigkeit. Daß aber 
Marias für möglich gehalten hat, sie in solchem Sinne zu ver- 
werten, haben wir dem Prognostikon auf 1612 zu entnehmen, denn 
die hier vorliegende Berufung auf einen Brief an Odontius unmittel- 
bar hinter den Worten, die eine erste Beobachtung im Dezember 1609 
in Anspruch nehmen, ist mit einer Verweisung auf die Beobachtung 
nach der Mondfinsternis von 1610 gleichbedeutend, oder doch nur 
dann nicht gleichbedeutend, wenn man an die Existenz eines älteren, 
an Odontius gerichteten Briefes glauben dürfte, in dem ihm Marius 
von Beobachtungen vor dem 30. Dezember 1610 berichtet hätte. 
Daß aber ein solcher existiert und man statt seiner, der alles nötige 
bewies, Kepler eben den uichtsbeweisenden gesandt hätte, den er 
im Anfang Dezember 1611 empfing, ist schlechthin undenkbar. Es 
hat demnach ]\Iarius, wenn er Odontius veranlaßte, Kepler vom 
Inhalt seines nach dem 30. Dezember 1610 geschriebenen Briefes in 
Kenntnis zu setzen, dadurch Kepler gegenüber eben das bezweckt 
und getan, was er bei der Berufung auf seine Briefe an Odontius 
und David Fabricius den Lesern seines Prognostikon gegenüber im 
Auge gehabt hat. Einfach verständUch wird dadurch auch, daß 
Kepler durch die aufeinanderfolgenden Briefe von Vicke und Odontius 
zunächst (im Juli 1611) von einem späteren Stadium der Jupiters- 
forschung des Simon Marius Kenntnis erhielt und erst zum mindesten 
vier Monate später von jenem früheren; denn Keplers Antwort auf 
den Brief an Vicke gab gewissermaßen zur nachträglichen Ergänzung 
durch die Mitteilung des älteren Berichts an Odontius die Ver- 
anlassung. ^ 



^ Bemerkenswert ist, daß Odontius in dem nächstfolgenden Briefe, den 
or erst im Jahre 1623 an Kepler gerichtet hat, von einer Pause der Korre- 
spondenz von 18 Jahren spricht, also den wichtigen Brief vom Nov. 1611 
vergessen hat. Der nicht fernliegende Verdacht, daß das Datum des Briefs 
24. Nov. 1611 durch irgendeinen Zufall verändert sein könnte, ist durch die 
einzelnen Angaben in der Einleitung des Briefes mit größter Wahrscheinlich- 
keit auszuschließen. 

- In den Referaten von Odontius und Vicke. durch die aliein wir die 
beiden Briefe von Marius kennen, findet sich keine Angabe des Datums dieser 
Briefe. Die dadurch bedingte Unbestimmtheit ist jedoch nicht so groß, daß 
die von J. Klug a. a. 0. verteidigte Annahme einer imgefähr gleichzeitigen 



— 388 — 

"Während nun Odontius' Brief und Sendung nur von Marius' 
^' erlangen nach besserem Einvernehmen mit Kepler zeugen, erfahren 
^vir durch ein Schreiben, das Kepler fa<t ein volles Jahr darauf 
(]N'üvember 1612) an Simon Marius gerichtet hat, daß dieser sich 
durch die Einleitung zur „üioptrik" schwer gekränkt gefühlt hatte, 
Marius' besonderer Gönner, der „Kapitän" Fuchs von Bimbach, 
hatte, wie Kepler erzählt, seinen Wunsch, die beiden Astronomen 
zu versöhnen, dem kaiserlichen Rat beim böhmischen Appellations- 



Entstehung beider gerechtfertigt erschiene. Dieser widerspricht vielmehr, 
daß offenbar im Vergleich mit Odontius' Bericht der Brief an Vicke einen 
sehr erheblichen Fortschritt in Marius' Kenntnissen bekundet. Während in 
der Mitteilung an Odontius Marius noch für den dritten Trabanten eine 
Periode von 10 oder 11 Tagen annehmen konnte, und selbst für den vierten 
nur für die Tage, nicht für die Stunden sichere Angaben machen zu können 
glaubte, also zu genauer Bestimmung der Periode auch nur dieses vierten 
noch nicht gelangt war, sagt er im Brief an Vicke, wie im Prognostikon auf 
1612, daß die Perioden der beiden äußeren von ihm genau bestimmt und 
Tafeln für dieselben berechnet seien. Kann man nun auch als möglich gelten 
lassen, daß er in letzterer ISIittcilung den erreichten Fortschritt für wesentlich 
größer hielt oder auch für größer ausgab, als er in Wahrheit gewesen ist, so 
würde doch schon genügen, daß er im Brief an Odontius sehr viel geringeres 
erreicht zu haben glaubt, um diesen Brief als Bericht über ein erheblich 
früheres Stadium seiner Bemühungen zu kennzeichnen. Ist durch das Datum 
der Mondfinsternis, von der er redet, außer Frage gestellt, daß er erst nach 
dem 30. Dez. 1610 geschrieben sein kann, so liegt doch in seinen anderweitigen 
Angaben nichts, was ims hindern könnte, zu glauben, daß er nur kurze Zeit 
oder selbst unmittelbar nach den Beobachtungen, die seinen Hauptgegenstand 
bilden, geschrieben ist. Die Konsequenz einer solchen Annahme würde aller- 
dings sein, daß die ursprüngliche Mitteilung an Odontius ohne jeden Ge- 
danken an eine weitere Benachrichtigung Keplers erfolgt wäre und erst bei- 
nahe nach Jahresfrist Marius für zweckmäßig gehalten hätte, Kepler jene 
ältesten von ihm aufgezeichneten und dem Odontius mitgeteilten Beob- 
achtungen der Jupiterstrabanten zugänglich zu machen. Ich sehe rücht, 
daß sich Unwalirscheinliches ergibt, wenn man, wie im Vorstehenden geschehen, 
diese Konsequenz als dem wirklichen Verlauf der Vorgänge entsprechend 
ansieht, während die Vorstellung, daß Marius ungefähr zur gleichen Zeit die 
Briefe an Vicke und Odontius geschrieben haben sollte, mit dem Umstand, 
daß sie zeitlich aufeinanderfolgende Stufen seiner Forschung zur Anschauung 
bringen, nur sehr schwer vereinbar ist. Daß mit der Annahme einer Ent- 
stehung des Briefes an Odontius im Anfang des Jahres 1611 Marius zur Last 
fallende scheinbare Widersprüche mit Angaben des Mundus jovialis sich in 
befriedigender Weise aufklären, spricht zugimsten dieser mutmaßlichen Zeit- 
bestimmun". 



— 389 — 

pjcricht, Eison, ans Horz sjolop^t und diopor hatto — .,bofohlon(l und 
dringend bittend" — Kepler aufsjefordert, sich im gewünschten Sinne 
brieflich an Mariiis zu wenden. Kepler tat alsbald, was man von 
ihm verlangte und was er — wie er schreibt — bereits trüber zu tun 
beabsiehliii:t hatte,^ Er antwortete ins Einzelne gehend auf alles, 
was ]\[arius ihm zum Vorwurf gemacht hatte. Der bestimmten Ab- 
sicht des Schreibens, versöhnend zu wirken, entspricht, daß dabei 
der ernstgemeinte Tadel, der in der Einleitung zur ,,üioptrik" an den 
Abdruck des Vicke sehen Briefes geknüpft war, durchaus verschwindet. 
l\Iarius hatte, wie wir aus Keplers Entgegnung entnehmen, sehr wohl 
begriffen, daß die Hinweisung auf seine Verkleincrungssucht sich 
vorzugsweise auf sein Verhalten gegen Galilei und dessen Forschungen 
über die Jupiterstrabanten bezog. In seiner Beschwerde aber hatte 
er dieser Kritik den Sinn gegeben, als sei ihm zum Vorwurf gemacht, 
daß er die Perioden der Jupiterstrabanten gefunden haben wollte. 
Diese ersichtliche Mißdeutung machte Kepler die Zurückweisung 
leicht. „Ich", schreibt er, „soll Dir daraus einen Vorwurf machen? 
Ich, Kepler, der die Bewegung der Erde verteidigt? Ich, der ich 
Dich als einzigen Zeugen für die Wahrheit der Berichte über die 
Jupiterstrabanten angeführt habe"? Mit dieser erstaunten Frage 
ist jetzt für Kepler die Sache abgetan. Davon, daß ihm früher die 
Freude, einen Zeugen deutscher Nationalität nennen zu können, 
nicht über das Mißbehagen an seiner Verkleinerungssucht hinweg- 
geholfen hatte, ist nicht mehr die Rede. 

Auch der Schein der Mißachtung, den man darin finden konnte, 
daß Kepler Marius' Brief an Vicke kurzweg „ohne Namen und Loh" 



' Aus diesen Worten scheint hervorzugehen, daß schon vor der befehler- 
den Aufforderung des Rats Eisen Kepler von Marius' Erregung Kenntnis 
erhalten hatte. Es könnte das durch ein nicht mehr erhaltenes direktes .Schreiben 
von Marius geschehen sein. Keplers Erwiderung vom 10. November 1612 
gestattet nicht, zu entscheiden, ob die Beschwerdepunkte, die er zu wider- 
legen sucht, einem solchen Schreiben entnommen sind, oder ob er ntir der 
Reihe nach bespricht, was von ^larius' Gönnern als verletzend bezeichnet 
worden war. Zweifelhaft bleibt in gleicher Weise, ob das Prognostikon auf 
1(513, das in Keplers Schreiben mehrfach erwähnt und besprochen wird, ihm 
durch Marius' Zusendung oder etwa gleichfalls durch die vermittelnden 
Freunde bekannt geworden ist. Für letzteres scheint zu sprechen, daß die 
Tatsache der Zusendung von Kepler weder durch ein Wort des Dankes noch 
auch nur durch eine einfache Empfangsanzeige berührt wird. 



— 390 — 

als Brief „eines Deutschen" eingeführt hatte, ließ sich leicht durch 
Hinweisung auf das Verzeichnis der Errata beseitigen, indem der 
Verfasser auffordert, statt cuiusdam germani cuiusdam Simonis 
Marii Franci astronomi celebris zu lesen. 

Den Hauptgegenstand der Kepler sehen Bemühungen bildet die 
beruhigende Aufklärung über den Sinn der Randbemerkungen neben 
dem Abdruck des Briefs an Vicke. Kepler überträgt hier gewisser- 
maßen die neckende und scherzende Ausdrucksweise jener Glossen 
in die Sprache des gewöhnlichen Lebens und nimmt ihnen dadurch 
den Schein des Ironischen. So beweist er durch umständliche Aus- 
legung seiner lakonischen Bemerkung über Marius' Entdeckung der 
Venusphasen, daß nur bei widersinniger Auffassung der Worte man 
in ihnen eine gegen Marius gerichtete Beschuldigung des Plagiats 
entdecken könne, wenn auch bestimmt zum Ausdi'uck gebracht sei, 
daß Galilei Marius zuvor gekommen war.^ 

Zum Schlüsse entschuldigt er, daß Bemerkungen am Rande 
einer anderen irrtümhchen Deutung Raum gelassen haben, durch den 
scherzenden freundschaftlichen Ton seiner Äußerungen. „Kurz 
gesagt", schreibt er, „ich bin ein Bauer, denn so pflege ich nur die 
Freunde zu behandeln". Gilt dieses Wort von den früheren Äuße- 
rungen, denen Kepler den Schein der Schärfe zu nehmen wünscht, 
so wird man nicht umhin können, auf den A^ovemberbrief an Marius 
zu beziehen, was er uimiittelbar folgen läßt: „Bei denen aber, von 
denen ich fürchten zu müssen glaube, gehe ich wie auf glühenden 
Kohlen, wenn ich ihren Namen berühre." Von welcher Furcht hier 
Kepler redet, kann kaum zweifelhaft sein. Belästigungen solcher 
Art, wie sie ihm Marius verursacht hatte, wie sie ihm die umständ- 
liche Rechtfertigung auferlegte, deren er sich im Brief an Marius 
entledigte, Auseinandersetzungen rein persönlicher Natur, die mit 
wahrer Wissenschaft nichts zu tun hatten, gehörten zu den Störungen, 
die er um seiner großen Forschungen willen vor allem übrigen scheuen 
mußte. Nur scheinbar widerspricht dieser Auffassung, daß am 
Schlüsse des Briefes von Pflege der ,, Freundschaft" die Rede ist. 
In der Tat braucht man nur mit dem Briefe an Marius den an Vicke 
zu vergleichen, um zu erkennen, daß aus dem Verhalten gegen Freunde, 

^ Es ist mir unmöglich, in dieser gründlichen Auseinandersetzung auch 
nur einen Rest von Ironie zu finden, geschweige ., köstliche Ironie und 
Sophißtik ohne gleichen", wie sie Klug in Keplers Worten Uest. 



_ 391 — 

wie es Kepler selbst charakterisiert, das gegen einen Gefürchteten 
geworden ist. Da liest man nirgends eine heitere Wendung, wie sie 
sich sonst überall in Keplers Schriften und Briefen findet und „als 
ob er auf glühenden Kohlen ginge" klingt es insbesondere da, wo 
er von den Forschungen spricht, in denen Marius mit Galilei wett- 
eifert. Der Brief enthält offenbar Keplers erste Äußerung nach dem 
Empfang sowohl von Marius' Prognostikon auf 1613 ^ wie des Galilei- 
schen Diskurs über die schwimmenden Körper. Beide Schriften 
hatten in annähernder Übereinstimmung die ersten genaueren An- 
gaben über die Perioden der Jupiterstrabanten gebracht; aber in 
Keplers flüchtiger Erwähnung der Periodenforschung sucht man 
vergebens nicht nur einen Ausdruck der Befriedigung über die 
wechselseitige Bestätigung, sondern irgendein Wort über die Tat- 
sache der Übereinstimmung, ja selbst darüber, daß neben Marius' 
auch Galileis Bericht ihm bekannt geworden war. „Lobenswert", 
schreibt Kepler an Marius, „ist Deine Ausdauer in der Erforschung 
der Perioden der Jupitersumki-eiser. Von dem dritten hatte ich 
geglaubt, etwas weniger als acht Tage für seine Periode gefunden zu 
haben, aber ich habe nur seltenere Beobachtungen ausgeführt, weil 
die Augen und die Instrumente nicht genügten." Mit diesen kühlen 
Worten ist erschöpft, was Kepler Marius über ein Ereignis zu sagen 
hat, dem er ohne Zweifel eine außerordentliche Bedeutung für die 
astronomische Wissenschaft zuerkannte. Marius beeilte sich nicht 
mit der Beantwortung des Schreibens, das er gegen Ende des Jahres 
1612 empfing. Erst nachdem ihn im August des folgenden Jahres 
ein zweiter (nicht erhaltener) Brief an sein Versäumnis erinnert hatte, 
erklärte er in einem längeren Antwortschreiben, daß ihn befriedigt, 
was Kepler zur Entschuldigung und näheren Erklärung der Rand- 



^ Daß das Prognostikon, von dem Kepler im Brief an Marius redet, 
mir das auf das Jahr 1613 sein kann, ergibt sich aus folgendem: Kepler er- 
wähnt im Prognostikum eingeschaltete Beschv/erden. In der Tat sagt Marius 
im Prognostikum auf 1613: er habe wider alles Verhoffen erfahren, daß er 
[mit seinen Forschungen über die Jupiterstrabanten] bei etlichen übel an- 
gelaufen sei und nennt in gleichem Zusammenhange Kepler. Entscheidend 
aber ist, daß Kepler im zweiten Teil seines Briefes Marius' neue im Pro- 
gnostikum auf 1613 mitgeteilte Forschungen 1. über die Größe der Planeten 
und Fixsterne im Vergleich mit der Erde, 2. über die Perioden der Jupiters- 
trabanten, 3. über die Sonnenflecken genau in derselben Folge zum Gegen- 
stand kritischer Erörterung macht. 



— 392 — 

bemcrkungcn in seiner ,,Dioptrik" geschrieben habe. Zur eignen 
Rechtfertiffung hielt er für angemessen, hinzuzufügen, der Brief an 
Vickc^, den Kepler der Kiitik unterworfen, sei nicht für die Öffent- 
lichkeit bestimmt gewesen; hätte er gewußt, daß er in die Hände 
eines Mannes wie Kepler fallen würde, so würde er sich ganz anders 
ausgedrückt haben. Auf den wissenschaftlichen Inhalt des Kepler- 
schen Briefes geht Marius nur insofern ein, als ihm notwendig scheint, 
seine Bedenken gegen die Bewegung der Erde zu verteidigen. Auch 
von den Jupiterstrabanten spricht er nur, insofern Kepler seinen 
eigenen Beobachtungen und Rechnungen einen verstärkten Beweis 
für das copemicanische System entnommen haben wollte, während 
Marius in den gleichen Forschungen neue Argumente für Tycho 
Brahes Lehre erkannt hatte. Am Schlüsse des Briefes spricht Marius 
die Hoffnung aus, bei Gelegenheit des Reichstags, der, wie es hieß, 
der Pest wegen von Regensburg nach Nürnberg verlegt werden sollte, 
mit Kepler, sei es in dieser Stadt, sei es in Ansbach zusammenzutreffen. ^ 
Tatsächlich trafen sich die beiden Astronomen im Oktober des Jahres 
in Regensburg. In Keplers erhaltenen Briefen und Schriften wird 
der Zusammenkimft nirgends gedacht. Marius spricht davon in 
seinem Mundus joviahs. Wie sich erwarten läßt, bildeten u. a. die 
Jupiterstrabanten den Gegenstand der Unterredung. Daß bei dieser 
Gelegenheit Kepler erfahren hätte, was er weder dem Brief an Vicke 
noch dem Prognostikon auf 1613 entnehmen konnte, daß Marius in 
seiner in Vorbereitung begriffenen Schrift für sich die selbständige 
Entdeckung der Jupiterstrabanten in Anspruch nehme, läßt sich aus 
keiner seiner späteren Äußerungen schließen. Wahrscheinlicher ist, 
daß er von diesem Anspruch, der niemand mehr als ihn überraschen 
konnte, erst durch den Mundus Jovialis Kenntnis erhalten hat, dessen 
Erscheinen ihm der Katalog der Frankfurter Frühjahrsmesse von 
1614 verkündete. 

Wie hat denn nun Kepler sich verhalten, nachdem er aus dem 
Mundus Jovialis erfahren, was er aus früheren Schriften und Briefen 



^ Marius spricht in offensichtlicher Verwechslung von seinem Brief 
„an Odontius". 

2 Als Marius' Schreiben vom 26. August in Linz eintraf, muß Kepler 
schon in Regensburg oder unterwegs gewesen sein, da er nach seinem Schreiben 
an Bemegger (8/18. Oktober) Linz in den letzten Tagen des Juli oder in den 
ersten des August verlassen hat. 



— 393 — 

nicht entnehmen konnte und allem Anscheine nach auch in Rcgens- 
burs; von !Marius nicht erfahren hat? Hat er den ppät erhobenen 
Anspruch in scln'üffer, öffentlicher Erklärung; zurückgewiesen, die 
Erzählung im Vorwort des Mundus Jovialis in klaren Worten als 
erdichtet bezeichnet und dadurch nicht nur den Anforderungen ent- 
sprochen, die ihm sein Verhältnis zu Galilei und dessen Entdeckungen 
auferlegten, sondern auch der Ehrenpflicht des ersten deutschen 
Astronomen, durch energischen Widerspruch der Verwirrung vor- 
zubeugen, die jener ins Einzelne gehende, mit dem Schein der Wahr- 
heit auftretende Bericht insbesondere bei deutschen Lesern hervor- 
nifen mußte? 

Wer seinen Brief an Marius gelesen, wird nicht erwarten können, 
daß er in der hier angedeuteten Weise sein „veritatis res agitur" zur 
Geltung gebracht hat. Dennoch sind wir nicht auf Vermutungen 
darüber angewiesen, wie er über Marius' Ansprüche geurteilt hat; 
denn Kepler hat zwar unter sorgsamer Vermeidung der polemischen 
Form, aber doch in unzweideutigen Worten seine Meinung aus- 
gesprochen. Wir finden sie in der 1618 zum Druck beförderten, aber 
im Jahre 1616 geschriebenen Einleitung zur Ephemeride auf das 
Jahr 1617. Hier ist unter besonderer Überschrift ein größerer Ab- 
schnitt den j\Ieinungsäußerungen und den persönlichen Angriffen des 
David Fabricius gewidmet. In die Abwehr, die er gegen die un- 
freundliche Beurteilung des ostfriesischen Astronomen richtet, hat 
Kepler die Zurückweisung der Ansprüche des Simon Marius ein- 
geschlossen. 

Kepler hatte bekanntlich wenige Jahre vor der Entdeckung der 
Sonnenflecken, nämlich im Mai 1607 in einem kleinen Flecken auf 
der Sonne, die er noch ohne Fernrohr beobachtete, den Planeten 
Merkur zu sehen geglaubt und in der Schrift über diese Beobachtung, 
wie schon früher in seinem Paralipomena ad Vitellionem ähnliche 
vermeintliche Wahrnehmungen aus älterer Zeit besprochen. Als 
dann nach der Erfindung des Fernrohrs seit 1611 die Schriften des 
Johann Fabricius, Scheiner und Galilei die allgemeine Aufmerksam- 
keit auf die dunkeln Flecken in der Sonne lenkten, kam alsbald zur 
Sprache, daß wohl auch in jenen merkwürdigen Erscheinungen 
Sonnenflecken von außergewöhnlicher Größe die Beobachter ge- 
täuscht haben mögen. Schon Johann Fabricius, der die wenigen 
von ihm wahrgenommenen Flecken für dauernde Bildungen hielt 



— 394 — 

(aliqiiod seculoriim aetatem liabent), spricht sich dahin aus, daß sie 
schon früher von vielen gesehen seien, die meisten aber durch die 
Vorstelhmg, daß ein fremder Stern sich zeige, getäuscht haben, „was 
ihnen freilich wegen der Seltenheit der Beobachtung zu verzeihen" 
sei.^ Nicht unwahrscheinlich ist, daß der Sohn Johann hier die 
Meinung des Vaters David Fabricius zur Sprache bringt, dem man, 
wie an der Entdeckung so auch an den astronomischen Betrachtungen 
der Schrift, die sie verkündete, einigen Anteil zuzuschreiben hat. 
Gründliche Beschäftigung mit den Bewegungen des Planeten Merkur 
hatte ihn vermutlich schon früher gegen Keplers Beobachtung, die 
durchaus nicht mit seiner Berechnung stimmte, Verdacht schöpfen 
lassen; so konnte er früher als andere der Erkenntnis, daß dunkle 
Flecken über die Sonne gehen, die nicht Merkur und Venus waren, 
die Lösung des Widerspruchs entnehmen. David Fabricius hat es 
sich nicht nehmen lassen, den Irrtum, über den sein Sohn mit leiser 
Andeutung hinweggeht, ohne auch nur den Namen Kepler zu nennen, 
in einer breiten Auslassung seines Prognostikon auf das Jahr 1615 
umständlich nachzuweisen und daran seine Glossen zu knüpfen. 
Einer Besprechung der Entdeckung der Sonnenflecken und der Mit- 
teilung eigener xAnsichten über ihre Bewegung läßt der ostfriesischc 
Astronom das Nachstehende folgen: „Es ist nicht ohn, das auch der 
hochberühmbte M. Johannes Keplerus Astronomus Caesareus, mein 
besonderer Freund, vor der zeit als im Jar 1607 den achtzehnten May 
Styl. vet. auffen nachmittag eine solche Maculam in sole optice ob- 
servirt, weil aber er solche nit pro macula sed pro Mercurio in Sole 
gehalten und dafür publice auszgeben, so ist er in seiner opinion und 
geschöpfften Frewde von diesem Maculoso und Pseudo-Mercurio sehr 
betrogen und hinder das Liecht geführet worden, me solches nicht 
allein auss meinen zu der Zeit circa finem Aprilis in den ^ gehabten 
observationibus per proportionem et collationem motuum, leichtlich 
und evidenter zu schließen, sondern auch ex nova mea Hypothesi 
Mercuriali vere erfunden und dargetan wird, er auch ohne zweiffei 
nunmehr solches wohl ^^'ird wissen und pro eo qui praeditus est 
animi candore et veritatis in quh*endae amore auch gerne selbst 
bekennen und weil ich solches nit zu seinem ungümpff oder ver- 



^ Johann Fabricii Phrj^sii de maculis in sole observatis et apparente 
earum cum Sole conversione naratio 1611, Bl. Dil V. 



— 395 - 

kleincrung, sondern zu beförderung der Wahrheit und studii astro- 
nomici allhier erinnere, so hoffe ich auch keinen undank damit bei 
jene zu verdienen. Es wird aber auf den 18, May umb halb fünff uhr 
nachmittag verus locus ^ ausz meiner neuen verbesserten Hypothesi 

in vier Gr. 30. Min. proxime befunden Anlangend den locum 

apparentem ist derselbig unib halb fünff nachmittag gewesen 
in 6. Gr. 40. Min. II darausz klerlich zu ersehen dasz der ^ ä 
über 2. Gradus in praecedentia abgestanden und also die ^ nicht 
den 18. sondern den 17. May gewesen^, und was der Herr Keplerus 
als auch der Galliens scriptor in gesehen, ist nur ein Macula und 
gar kein ^ gewesen. Et sie non solum Chymicos sed etiam astronomos 
Mercurius fallit". Dieser selbstgefälligen Kritik läßt Fabricius wie 
zum Trost über ein großes Unglück — so will Kepler selbst es scherzend 
auffassen — freundliche Worte über Keplers anderweitige Leistungen 
folgen. „Es soll aber", sagt er, „nichtsdestoweniger des Herrn Kepleri 
löblicher Fleiß und besonder eifer in promovenda Astronomia hoch- 
gerühmet werden cum unus alio plura invenire possit, nemo vero 
omnia. Was auch der Herr Keplerus in opticis und astrononiicis 
biszher sonderlichs erfunden und auff die bahn gebracht, davon 
zeugen seine eygenen bücher und bedarf f meines rühmens nicht. "^ 



^ Kepler selbst hatte, als er am 18/28. Mai den Merkur in der Sonne 
zu beobachten glaubte, in den von ihm benutzten Ephemeriden den 19/29. 
als Tag der Konjunktion bezeichnet gefunden, aber um des außergewöhnlichen 
Unwetters willen, das auf den Abend des 17. fiel, für möglich gehalten, daß 
die genauere Berechnung eben diesen Abend des 17. als Zeitpunkt der Kon- 
junktion ergeben würde. Vgl. Opera ed Frisch II p. 804. 

- Aus der Widmung des ,,Prognosticon astrologicum auff das Jahr 
nach der gnadenreichen Geburt unseres Herrn und Heylands Jesu Christi 
MDCXV von dem Natürlichen Zustand desz Wetters in den vier Quartalen 
und anderen zufälligen Sachen und fümemblich von einer besonderen Kon- 
stellation in loco conjunctionis raagnae Superiorum, alles mit fleiss und ausz 
den newen astronomischen tabulis gestellet durch David Fabricium Exccle- 
siasten ed astronomum Frisium". Gedruckt imd verlegt zu Nürnberg durch 
Johann Lauern. Das einzige zurzeit bekannte Exemplar wii'd in der K. K. 
Hofbibliothek zu Wien bewahrt, vgl. Gerhard Berthold, der Magister Johann 
Fabricius und die Sonnenflecken nebst einem Exkurse über David Fabricius. 
Leipzig 1894. Ich habe durch die gütige Vermittlung der Direktion der Ham- 
burger Stadtbibliothek das Wiener Exemplar benutzen können. Obenstehen- 
des Zitat ist zum größten Teil auch bei Berthold abgedruckt. Vgl. in der 
soeben zitierten Schrift S. 5 und 26. 



— 396 — 

• 

Selbst der kleinen Abhandlunc: über die sechsecldge Form des Schnees 
gönnt Fabricius im Vorübero;ehen eine anerkennende Bemerkung. 
Dann aber benutzt er die Gelegenheit einer Lobrede auf den Herrn 
Helisäus Roslin um — ohne Kepler zu nennen — noch etwas deut- 
licher als zuvor zur Sprache zu bringen, was er in der Sache des 
Merkur von ihm erwartet hätte. 

..Ich muß aber hierbei", schreibt er, „propter ingenuum can- 
dorem et in defessum naturalium rerum Studium billich rühmlich 
gedenken des hochgelehrten Herren D. Helisäi Röslin, welcher in 
pubUco quodam scripto sinistram suam de refractionibus opinionem 
zu revozieren kein schew getragen und billich im auch propter can- 
dorem et veritatis amorem zu sonderlichen ehren sol gerechnet werden. 
Es hat auch der herr Röslinus neben vorgedachtem und auch mir 
zugeschicktem Traktat den 27. Mart des 1611 Jahres solches privatim 
mir zugeschriben und bekennet, das er in dieser Sachen sich ver- 
lauffen — — — zu wünschen wäre, daß auch bey anderen doctis 
viris in similibus casibus (qui enem non aliquando Cadit) solcher 
candor möchte gespüret werden, so würde man offt tam absurdas 
opiniones so wissentlich und pertinaciter nicht verteidigen."^ 

Keplers Erwiderung auf Fabricius' Angriff knüpft an die wunder- 
liehe Entstellung des Tatbestandes an, die Fabricius — vielleicht 
unbewußterweise — sich dadurch zu Schulden kommen läßt, daß er, 
statt schlechthin zu sagen: Kepler hat geglaubt, den Merkur zu 
sehen, wo er in Wahrheit einen Sonnenflecken sah, — berichtet: er 
hat einen Sonnenflecken gesehen und den für den Merkur gehalten 
und ausgegeben. 

„Einen Flecken", den ich gesehen, ,, erwidert Kepler, „habe ich 
fälschlich für den Merkur ausgegeben? Ich Glücklicher, der ich auf 
diese Weise erster Beobachter der Flecken in diesem Jahrhundert 
gewesen bin, so entreiße ich also Deinem Sohne diese Palme mit 
demselben Recht, mit dem Marius Galilei den Ruhm, zuerst die 
Trabanten des Jupiter gesehen zu haben, entrissen hat. Denn, wenn 
ich nicht ge\mßt habe, daß ich Sonncnflccken sah, so hat auch er 
zu Anfang nicht gewußt, daß er Jupiterstrabanten sah, obgleich er 
sie sah.2 Aber freilich, den Ruhm einer solchen Entdeckung macht 

1 Unter No. 11 der angeführten Widmung des Prognostiken auf 1615. 

' J. Kepleri Ephemerides Novae motuum Coelestium ab anno vulgaris 

aerae MDCVII Lincii Austriae p. 17. Die Responsio ad interpellationes D. Fa- 



j 



— 397 — 

ihm jener alte Astronom aus Karls des Großen Zeiten streitig, der 
acht Tage lang den Merkur in der Sonne gesehen, diesem wieder 
Avenrodan (nicht Avcrrocs, wie Cop^^rnicus schreibt) und ihnen 
allen scheint Virgil zuvorgekommen zu sein, denn die Flecken, von 
denen einer seiner Verse redet, lassen sich als Flecken in der Sonne 
deuten." 

Kepler würde also auf die Ehre, die er sich aus Fabricius' Vor- 
würfen ableiten könnte, nur in dem bescheideneren Maße Anspruch 
machen können, wie es das Verdienst dieser Vorgänger gestattet: 
als erster, der im 17. Jahrhundert Sonnenflecken gesehen und deshalb 
als Entdecker vor Johann Fabricius zu gelten, aber freiUch auch das 
nur mit demselben Recht, wie Simon Marius Entdecker vor Galilei 
gewesen ist, d. h. — nach Keplers Erläuterung — wie jemand, der 
gesehen hat, ohne zu wissen, was er sah. Daß Kepler durch diese 
Vergleichung dem Anspruch des Marius jede Berechtigung abspricht, 
und absprechen will, kann nur der überhören, der für denkbar hält, 
daß Kepler hinter den ironischen Wendungen seiner Antwort an 
David Fabricius einen ernstlichen eigenen Anspruch auf die Ent- 
deckung der Sonnenflecken versteckt. 

Für eine so unwahrscheinHche Vorstellung findet sieh in Keplers 
Äußerungen nicht der geringste Anhalt. 

Kepler ist sich allem Anscheine nach auch nach der Entdeckung 
der Sonnenflecken eine Zeitlang keineswegs klar darüber gewesen, daß 
sein vermeintlicher Merkur ein Flecken derselben Art gewesen war, 
wie die, von denen er zuerst durch die Schrift des Apelles Kenntnis 
erhielt. Er erklärt sich einverstanden mit Apelles, wenn dieser er- 
w^artet, daß durch die Hilfe des Fernrohrs sich Gewißheit über die 
Stellung und die Bewegungen der Planeten Merkur und Venus er- 
langen lassen werde, weil sie bei körperhcher Konjunktion als Flecken 
erscheinen werden, und wenn er nun in eben diesem Zusammenhange 
nicht etwa der eigenen Beobachtung einer solchen Konjunktion als 
einer Täuschung gedenkt, sondern den Wunsch ausspricht, daß 



bricii ist vom 1. Okt. 161G datiert, enthält aber ersichtlich später geschriebene 
Bestandteile, zu deren Hinzufügung die lange Verzögerung des Drucks die 
Gelegenheit bot. Die Gesamtausgabe von Frisch enthält eine sehr zerstückte 
Reproduktion sowohl der ganzen Schrift, wie auch der hier vorzugsweise 
benutzten Responsio ad interpellationes D. Fabricii. 



— 398 — 

Apelles seinen „Merkur in iler Sonne" gelesen haben möchte^, so 
läßt sieh das kaum anders deuten, als daß er auch jetzt noch meint 
oder doch für möghch hält, es sei durch jene Beobachtung bereits 
venvirklicht, was ApcUes von der Zukunft erwartet. Damit stimmt 
übcrein, daß er bald darauf — gleichfalls ohne Äußerung des Zweifels 
— von den "Wahrnehmungen des Averroes und Adelmus, wie von 
beachtenswerten Beweisen gegen die ptolemäische Anordnung der 
Planeteubahnen spricht. ^ 

Daß nicht ohne weiteres uach der Entdeclaing der Sonnen- 
flecken einleuchten mußte, was die beiden Fabricius alsbald für aus- 
gemacht ansahen, darf daraus entnommen werden, daß noch in seiner 
Acuratior disquisitio Apelles ausdrücklich Keplers Schrift und Beob- 
achtung zur Sprache bringt, und einen größeren, von ihm beobachteten 
Sonnenflecken mit Keplers Merkur vergleicht und um die überwiegende 
Größe seines Fleckens zu veranschaulichen, dessen Abbüd in einer 
Reproduktion der Keplerischen Zeichnung oberhalb des „Merkurius 
Kepleri" einträgt.^ 

Auch in der erheblich späteren Korrespondenz mit Mästlin 
scheint es nicht Kepler, sondern Mästlin gewesen zu sein, der zuerst 
die Überzeugung ausspricht, daß die Erscheinung des „wie ein 
schwärzlicher Flecken unter der Sonne gesehenen Merkur" aus der 
Wahrnehmung eines Sonnenfleckens entstanden sei.* Daß diese 
bestimmte Äußerung Kepler noch nicht zu entschiedenem Verzicht 
auf die widersprechende Meinung veranlaßt habe, kann man für 
wahrscheinlich halten, wenn man auch in dem später geschriebenen 
Brief an Odo Malconte^ keine Andeutung im entgegengesetzten Sinne 
liest und überdies beachtet, daß Mästlin in einem folgenden Schreiben 



^.Im Brief an Wakher bei Frisch II p. 777. 

- Opera ed. Frisch II p. 777: Exstitit Averroes (seu quod conjicio, 
Avenrodan, ut Mirandolamus testatur opere contra astrologos) exstitit et 
Adelmus Monachus, qui Mercurium sub sole ccmerent. 

"' Vgl. Galilei opera Ed. Xazionale V p. 52. Apelles' Zusatz: si verum 
est qu